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Pariser Ehen

Edmond About: Pariser Ehen - Kapitel 13
Quellenangabe
authorEdmond About
titlePariser Ehen
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1886
translatorDora Duncker
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünftes Kapitel

Nachdem Gaston Luciles Brief erhalten hatte, that er, was jeder Mann an seiner Stelle gethan haben würde, er küßte die Unterschrift tausendmal und fuhr mit der Post nach Paris.

Das Schicksal, das mit uns spielt, wie ein kleines Mädchen mit seinen Puppen, fügte es, daß er an einem Dienstag Abend im Hotel Outreville ankam, gerade vierzehn Tage nach seiner Hochzeit. Mit etwas gutem Willen hätte er sich einbilden können, daß die erste Hälfte des Juni nur ein böser Traum gewesen sei und daß er, gerädert von Müdigkeit, an der Seite seiner Frau erwache.

Diesmal stand sein Entschluß fest; er hatte sich gegen Frau Benoîts mütterliche Tyrannei mit Mut gewaffnet und sich zugeschworen, sein höchstes Gut bis zum Aeußersten zu verteidigen.

Er hatte die Thür noch nicht aufgemacht, als Julie hereinstürzte und Frau Benoît zurief: »Gnädige Frau, gnädige Frau! der Herr Marquis!«

Die Witwe wußte nicht, daß ihre Tochter nach Arlange geschrieben hatte, und glaubte gewonnenes Spiel zu haben. Mit schlecht verhehlter Freude erwiderte sie: »Das ist gar kein Grund so zu schreien; ich erwartete ihn.«

»Aber, gnädige Frau, das Gepäck des Herrn Marquis wird abgeladen. Soll er denn hier wohnen?«

»Wo soll er denn sonst wohnen? Geh und besorge das Gepäck.«

»Verzeihung, gnädige Frau, wohin soll ich's bringen lassen?«

»Wohin? Nein wie kann man so dumm sein! In das Zimmer der Frau Marquise. Ist der Platz eines Mannes nicht bei seiner Frau?«

Gaston trat gänzlich verstaubt bei seiner Schwiegermutter ein; sein erster Blick suchte die abwesende Lucile.

Frau Benoît, zuvorkommender als in früheren Tagen, erwiderte auf diesen Blick: »Sie suchen Lucile? Sie speist bei einer Freundin; aber es ist spät, in kaum einer Stunde wird sie zurück sein. So sind Sie also endlich da! Geben Sie mir einen Kuß, mein Schwiegersohn, ich verzeihe Ihnen.«

»Meine liebenswürdige Mama, Sie nehmen mir das Wort von den Lippen. All Ihr Unrecht sei mit diesem Kuß gesühnt.«

»Wenn ich unrecht gethan, so haben Sie es durch die unglaubliche Manie, von der Sie endlich geheilt sind, zu verantworten. Sind Sie hier nicht besser aufgehoben als irgendwo anders? Kann man außerhalb von Paris überhaupt ein menschenwürdiges Leben führen?«

»Verzeihung, gnädige Frau, ich bin nicht nach Paris gekommen, um hier zu leben. Ich bin nach Paris gekommen, um meine Frau zu holen und einen unerläßlichen Besuch zu machen.«

»Sie wollen meine Tochter nach Arlange zurückführen?«

»Sobald als möglich.«

»Und Sie glauben, daß sie Ihnen in diese Klause folgen wird?«

»Ich glaube wohl, daß sie es muß.«

»Wollen Sie ihr befehlen, Ihnen kraft des Gesetzes zu folgen, wollen Sie Ihre Liebe von zwei Gendarmen eskortieren lassen?«

»Nein, gnädige Frau, ich würde auf meine Rechte verzichten, wenn ich sie vor den Gerichten reklamieren sollte; aber so weit sind wir noch nicht, Lucile wird mir aus Liebe folgen.«

»Aus Liebe zu Ihnen oder zu Arlange?«

»Aus Liebe zu beiden, zum Hüttenmeister und zum Hüttenwerk.«

»Nun wir werden ja sehen. Darf man vielleicht wissen, was das für ein unerläßlicher Besuch ist, der sich mit meiner Tochter in die Ehre teilt, Sie nach Paris zu führen?«

»Machen Sie sich keine Illusionen, es ist ein Besuch, bei dem Sie mich nicht begleiten können.«

»Und bei welchem bevorzugten Sterblichen?«

»Beim Minister des Inneren.«

»Beim Minister – und zu welchem Zweck? Welch ein Gedanke! Wenn man es erführe!«

»Man wird es schon erfahren. Es ist von Wichtigkeit für die Interessen des Hüttenwerkes, daß ich einen Sitz im Provinzialrat bekomme. Es steht eine Vakanz bevor, und ich will den Minister bitten, mich als Kandidaten zu genehmigen.«

»Unglücklicher! Sie werden mich mit unsrer ganzen Partei entzweien!«

»Man entzweit sich nur mit Leuten, die man kennt. Wenn Sie mich über meine politische Meinung befragt hätten, würde ich Ihnen erwidert haben, daß ich durchaus kein Oppositioneller bin. Außerdem bin ich der Ansicht, daß wir Großgrundbesitzer keine Ursache haben uns zu beklagen; man thut sehr viel für uns!«

»Ausgezeichnet wie Sie das sagen: ›Wir Großgrundbesitzer!‹ Man könnte wahrhaftig glauben, Sie wären es Ihr Leben lang gewesen!«

»Etwa nicht, gnädige Frau! Seit neunhundert Jahren, von Generation zu Generation. Kennen Sie viele Grundbesitzer älteren Datums?«

»Auf diese Weise können wir noch eine Ewigkeit fortsprechen, ohne uns jemals zu verständigen. Hören Sie mich an. Es gefällt Ihnen, sich um die Ehren der Provinz zu bewerben – schön. Sie wollen sich als Regierungskandidat präsentieren, ich glaube zwar, Sie hätten besser gethan, auf die Stimmen unsrer Freunde zu rechnen, denn diese sind zahlreich, voller Einfluß und vermögend, indes will ich auch darüber wegsehen. Gestehen Sie, bin ich nicht die Güte selbst? Ich habe einen Sieg über Sie davon getragen, habe Sie gezwungen nach Paris zu kommen – auf meinen Grund und Boden –«

»In mein Haus.«

»Das stimmt. Wahrhaftig, Sie sind zum Grundbesitzer geboren; schnell genug haben Sie sich wenigstens darein gefunden. Trotz alledem sind Sie gekommen, weil ich Sie dazu gezwungen habe; das bleibt eine Niederlage, aber ich will keinen Vorteil daraus ziehen. Wollen Sie den Frieden unterzeichnen?«

»Mit beiden Händen – wenn Sie vernünftig sind.«

»Das will ich. Sie lieben Arlange, es zieht Sie dorthin zurück, und Sie wollen nicht ohne Ihre Frau dort leben, ich finde das sehr natürlich. Ich werde Ihnen Lucile wiedergeben, führen Sie sie in das Hüttenwerk.«

»Das ist alles, was ich verlange. Unterzeichnen wir den Frieden.«

»Noch einen Augenblick. Ich meinerseits liebe Paris, wie Sie das Hüttenwerk, und das Faubourg, wie Sie Lucile. Wenn ich nicht endlich in die vornehme Gesellschaft eingeführt werde, sterbe ich. Würde es Ihnen ein großes Opfer sein, während Ihres hiesigen Aufenthaltes Ihre Frau und mich in acht bis zehn Ihnen befreundeten Häusern vorzustellen und uns einen kleinen Winkel dieses irdischen Paradieses zu zeigen, von dem ich bisher stets durch –«

»Die Erbsünde ausgeschlossen war. Es würde mir sogar große Opfer auferlegen und Ihnen absolut nichts nützen. Ich will Ihnen nicht wiederholen, daß ich einen alten Groll gegen das Faubourg hege, der es mir absolut unmöglich macht, mich wieder dort einzuführen. Sie glauben, daß Ihre Rechte an mich groß genug seien, um Vergessenheit dieses Grolles zu fordern, aber können Sie verlangen, daß ich um Ihretwillen Luciles ganze Zukunft aufs Spiel setze, der ich, fern von Paris, ein bescheidenes, harmonisches Glück, ohne Aufregungen bereiten möchte? Wir haben, so Gott will, dreißig bis vierzig Jahre in engen, aber angenehmsten Grenzen vor uns, ein Leben ohne andre Ereignisse als die Geburt und Verheiratung unsrer Kinder. Luciles Ehrgeiz genügt ein solches Glück, sie hat es mir selbst gesagt. Wer aber steht mir dafür ein, daß der Einblick in ein Leben voller Glanz und Eitelkeiten ihr nicht den Kopf verdrehe? In diesem Augenblick ist sie noch die Lucile von früher; sie langweilt sich zum Sterben in Paris.«

»Was wissen Sie davon?«

»Ich bin davon überzeugt; aber ich weiß nicht, ob sie in zehn Monaten noch ebenso denken wird. Zuweilen bedarf es nur eines einzigen Balles, um das Herz einer jungen Frau gänzlich umzustimmen, und ein zehn Minuten langer Walzer kann unter Umständen größere Revolutionen verursachen als ein Erdbeben.«

»Sie glauben das? nun gut, es sei wie Sie wollen. Lucile gehört Ihnen, leiten Sie sie, wie Sie es für am besten halten. Nun bin aber ich noch da, und hören Sie wohl zu, was ich jetzt sage, ist mein Ultimatum, wenn Sie mich damit abweisen, breche ich die Unterhandlungen ab. – Wer hindert Sie, mich vorzustellen, ich will nicht sagen, im ganzen Faubourg, aber in fünf bis sechs Ihnen bekannten Häusern?«

»Ohne meine Frau? Meine liebe Frau Benoît, wenn wir uns jeder einen Stein um den Hals bänden und uns zusammen ins Wasser stürzten, so wäre das gerade so klug gehandelt. Die gesamte Aristokratie kennt Sie, wie sie Ihren Vater gekannt hat. Ebenso genau kennt man Ihren beharrlichen Ehrgeiz, Sie sind bereits die Fabel des Faubourg. Man erzählt sich, daß Sie sich für Ihre Millionen das Vergnügen erkauft hätten, sich im Schlepptau einer Marquise in die Gesellschaft einzuführen. Wollte ich Sie heute vorstellen, würde man morgen die Besuche zählen, die wir gemacht haben, und beinahe auf den Centime die Summe ausrechnen, die jeder Besuch mir eingebracht hat. Wie denken Sie darüber? Fühlen Sie sich noch jung genug, um ein solches Spiel zu spielen, so bin ich jedenfalls nicht Philosoph genug, um Ihren Partner dabei abzugeben. Ich reise morgen mit meiner Frau nach Arlange; als guter Schwiegersohn biete ich Ihnen einen Platz im Wagen an, aber das ist auch alles, was meine Vernunft mir für Sie zu thun gestattet.«

Frau Benoît hätte am liebsten diesem Muster von Schwiegersohn beide Augen ausgekratzt, aber sie verbarg ihren Zorn.

»Mein Freund,« sagte sie, »Sie haben dreißig Stunden im Postwagen zugebracht, Sie sind müde und möchten schlafen; es war ein thörichter Gedanke von mir, einen Mann, der noch in Reisekleidern steckt, bekehren zu wollen. Sie werden entgegenkommender sein, wenn Sie ausgeschlafen haben. Bleiben Sie ruhig sitzen und gestatten Sie mir, daß ich für Ihre Bedürfnisse Sorge trage. Auf Wiedersehen.«

Sie ging lächelnd hinaus und stürmte wie ein Ungewitter in das Zimmer ihrer Tochter. Ich weiß nicht, ob sie die Thür aufmachte oder sie einstieß, so heftig trat sie ein und packte Julie, welche einen Kopfkissenbezug auseinandernahm, beim Arm: »Was machst du da, Unglückliche!« schrie sie.

»Aber gnädige Frau, was gnädige Frau mir befohlen haben.«

»Bist du toll! Du hast mich nicht verstanden. Laß das und trage augenblicklich das Gepäck hinaus. Ist so etwas je dagewesen! Die Koffer eines Junggesellen in dem Zimmer meiner Tochter.«

»Verzeihung, gnädige Frau, – aber –«

»Hier gibt es kein ›Aber‹; ich werde dir verzeihen, wenn du gehorchen wirst. Fort, fort damit!«

»Wohin denn, gnädige Frau?«

»Wo du willst, auf die Straße, auf den Hof, nein, halt – in mein Zimmer!«

»Die gnädige Frau wollen Ihr Zimmer abgeben? Aber wo soll ich denn das Bett der gnädigen Frau aufschlagen?«

»Hier auf dem Diwan, in dem Zimmer der Marquise. Warum siehst du so erstaunt aus? Ist der Platz einer Mutter nicht bei ihrer Tochter?«

Sie überließ die Kammerjungfer ihrer Arbeit und ihrem Erstaunen und ging hinunter, leise vor sich hinmurmelnd: »Der Marquis ist nur gekommen, um mir zu trotzen; er soll das Vergnügen nicht haben. Ich werde mich ihm zum Tort in die Gesellschaft einführen lassen. Frau von Malésy wird mir dabei behilflich sein; dieser verteufelte Hüttenmeister soll endlich einmal sehen, daß man ohne ihn fertig werden kann. Aber er darf meine Tochter nicht für sich gewinnen, sonst bringt er sie nach Arlange, und dann adieu Faubourg!«

In demselben Augenblick rief Pierre jemand, um den Thorweg zu öffnen, und die Marquise sprang in seligster Hoffnung leicht von dem Trittbrett ins Haus. Frau Benoît aber war schon vor ihr im Salon; sie fürchtete nichts so sehr, als das erste Wiedersehen. Lucile glaubte, in die Arme ihres Gatten zu eilen; statt dessen war es ihre Mutter, die sie empfing.

»Endlich, liebe Kleine, wie lange du ausgeblieben bist! Ich fing schon an, mich zu beunruhigen. Mein Herz hängt nur an einem Faden, wenn du nicht bei mir bist. Liebe Kleine, es gibt in dieser Welt nur eine einzige selbstlose Liebe; die Liebe einer Mutter zu ihrem Kinde. Wie hast du den Tag verlebt? Fühlst du dich wohler als in der letzten Zeit? Sie sehen, mein Herr, wie verändert sie ist! Ihr Betragen hat sie sehr angegriffen; sie bedarf der größten Schonung, heftige Aufregungen sind ihr höchst schädlich; Ihr Anblick schon hat sie rot und blaß gemacht. Und Sie, mein lieber Marquis, wissen Sie auch, daß ich Sie kaum wieder erkenne? Sie behaupten, die Luft von Arlange thäte Ihnen gut; wer Sie sieht, wird das nicht bestätigen können. Sie sind nicht mehr jener strahlende Herr von Outreville, der mir vor zwei Monaten vorgestellt wurde; etwas muß man übrigens auf die Müdigkeit schieben. Armer Junge! Hundert Meilen Post hintereinander, das könnte einen Stärkeren als Sie zusammenbrechen lassen. Zum Glück wird eine gute Nacht alles wieder in Ordnung bringen. Hier nebenan, in meinem Zimmer erwartet Sie ein ausgezeichnetes Bett; ich trete es Ihnen mit Vergnügen ab.«

»Aber gnädige Frau!« flüsterte Gaston schüchtern.

»Keine Erwiderungen und keine Redensarten, wenn ich bitten darf. Sich für seine Kinder zu opfern, ist das heiligste Glück für uns Mütter. Im übrigen werde ich sehr gut auf meiner Pritsche neben meiner geliebten Lucile schlafen, deren Gesundheit meine Sorgfalt erfordert. Wir sollten schon längst zu Bett sein. Sagen Sie Ihrer Frau gute Nacht und küssen Sie ihr die Hand; es kommt mir überhaupt vor, als ob Sie sie nicht gerade sehr warm begrüßt hätten.«

Weder Gaston noch Lucile ließen sich von dieser Rede täuschen, aber sie fielen ihr zum Opfer; Unverschämtheit ist jungen Leuten gegenüber fast immer von Erfolg gekrönt, denn die Jugend empfindet eine Art von Schamgefühl, eine Lüge zu widerlegen. Unter den gegenwärtigen Umständen aber lähmte noch ein andres zartes Empfinden Luciles und Gastons Mut. Ihre ehrlichen Herzen hätten geglaubt, gegen das Gebot der Keuschheit zu verstoßen, wenn sie sich Frau Benoîts schlechten Absichten entgegengesetzt hätten. Selbst Gaston wagte, trotz all seiner energischen Entschlüsse nicht, seine Rechte geltend zu machen, noch an die Gefühle seiner Frau zu appellieren; er war ebenso schüchtern wie Lucile, vielleicht noch schüchterner.

Frau Benoît hatte einen Kriegsplan entworfen, der ohne die Herrschaft, die sie über ihre Tochter ausübte, und vor allem ohne Gastons stolze Zurückhaltung niemals gelungen wäre. Eine ganze Woche brachte sie es fertig, diese beiden Wesen zu trennen, die sich anbeteten, sich angehörten und jeden Abend unter einem Dache zusammen speisten. Was sie an Ungestüm verausgabte, um ihre Tochter irre zu machen, an Unverschämtheit, um ihren Schwiegersohn einzuschüchtern, war schwer zu berechnen. Täglich erfand sie einen neuen Vorwand, um Lucile in Paris umherzuschleppen und ihren Schwiegersohn zu Hause zu lassen.

Sie klammerte sich an ihre Tochter und verließ sie thatsächlich nur, wenn Gaston ausgegangen war. Wer ihren Eifer und ihre Beharrlichkeit gesehen hätte, würde sie für eine jener eifersüchtigen Mütter gehalten haben, welche sich nicht darein finden können, ihre Tochter mit einem Manne zu teilen.

Ihr erster Gedanke war einfach der gewesen, ihren Schwiegersohn zu strafen, um ihm seinerseits die Qual einer unglücklichen Leidenschaft aufzuerlegen. Erst der Erfolg ihrer Manipulationen gab ihr nach und nach etwas Hoffnung; sie glaubte, Gaston würde sich schließlich besiegt erklären und ihr das Anerbieten machen, sie in die Gesellschaft einzuführen. Aber der Marquis trug seine Witwerschaft in Geduld; er schrieb an Lucile und erhielt heimlich geschriebene Antworten; sie planten ein Fluchtprojekt. Dank Frau Benoîts Ueberwachung wurden die beiden Gatten, welche durch Gesetz und Kirche verbunden waren, auf schülerhafte Kunstgriffe zurückgeführt. Ihre Liebe gewann den pikanten Reiz einer unerlaubten Leidenschaft, ohne etwas von ihrer ruhigen Sicherheit und Reinheit zu verlieren. Unter der von der Schwiegermutter überwachten Ceremonie des Handkusses fand die eifrige Beförderung einer Korrespondenz statt, von welcher Frau Benoît keine Ahnung hatte.

Müde, vergeblich auf die Bekehrung ihres Schwiegersohns zu warten, kam Frau Benoît schließlich auf ihren ersten Plan zurück und richtete den Blick wieder auf Frau von Malésy.

Sie hatte bei ihrer Schneiderin erfahren, daß die Marquise von Croix-Maugars am Jahrestag ihrer Hochzeit ein Gartenfest gäbe. Der gesamte in Paris anwesende Adel würde dort zusammenkommen, da Bälle am 22. Juni eine Seltenheit sind, und jeder gern davon profitiert, wenn sich die Gelegenheit bietet, unter einem Zelt zu tanzen. Wie durch eine göttliche Vorsehung hatte Gaston gerade für den 21. um elf Uhr morgens beim Minister Audienz; die Witwe nahm die Abwesenheit ihres Schwiegersohnes wahr, ließ Lucile zu Hause und eilte zu der alten Gräfin.

Ohne Umstände setzte sie ihr das Messer an die Kehle.

»Gnädige Frau, Sie sind mir achttausend Franken schuldig.«

»Was sagen Sie?« fragte die Gräfin, welche selten auf diesem Ohr hörte.

»Ich bin nicht gekommen, um diese Summe von Ihnen zu fordern, noch um Ihnen dieselbe vorzuwerfen.«

»Das läßt sich hören.«

»Das Geld ist mir so gleichgültig, daß ich nicht nur auf diese Summe verzichten, sondern noch ganz andre Opfer bringen würde, um mein Ziel zu erreichen. Ich will mit der Marquise, meiner Tochter, im Faubourg eingeführt werden, und zwar ohne Aufschub. Morgen gibt Frau von Croix-Maugars ihren Ball; Sie sind ihre Mutter, sie kann Ihnen nichts abschlagen; wäre es auf die Rechte hin, die ich auf Ihre Gefälligkeit habe, zuviel verlangt, Sie um zwei Einladungskarten zu ersuchen?«

Die kleinen glänzenden Augen der Gräfin wurden so rund wie Theetassen. Sie lächelte bei den Worten der Witwe wie ein Goldgräber, der eine Goldader entdeckt hat.

»Ach Kleine,« sagte sie weinerlich, »man hat Ihnen meinen Einfluß sehr übertrieben geschildert. Meine Tochter bleibt meine Tochter, ich stelle es nicht in Abrede, aber sie ist in der Gewalt ihres Mannes. Kennen Sie Croix-Maugars?«

»Wenn ich ihn kennte, hätte ich nicht nötig, Sie zu –«

»Sie haben recht. Ich versichere Sie, mein Kind, er schlägt mir jede Gefälligkeit ab, um die ich ihn bitte. Mein Schwiegersohn ist ein Mann, er sollte mich schützen, was thut er aber – er überläßt mich meinem Schicksal. Vorgestern bat ich ihn um etwas Geld für den › Guten heiligen Ludwig‹, der seit Ihres Vaters Zeiten bedeutend heruntergekommen ist. Er hat mir geantwortet, sein Fest würde prachtvoll werden und seine Börse sei bereits auf dem Trockenen. Wie können Sie so grausam sein, einer armen Unglücklichen wie mir, von Bällen und Vergnügungen zu sprechen? Es wird ein schlechtes Ende nehmen, ich werde gepfändet werden, meine Möbel verkaufen müssen.« Hier schwieg die Gräfin und ließ ihre Thränen weiter sprechen. »Entschuldigen Sie mich,« fuhr sie fort, »Sie sehen ja, ich bin nicht im stande, Besuch anzunehmen, aber Sie sehe ich immer gern bei mir, Sie erinnern mich an meinen guten Lopinot; ja wenn er noch lebte!«

»Bei den ersten Thränen der Gräfin hatte Frau Benoît kurz entschlossen ihr Taschentuch hervorgezogen.

»Da geweint werden muß,« sagte sie sich, »weinen wir. Am Ende kosten die Thränen mir nicht mehr, als sie ihr kosten.«

Laut fügte die gefühlvolle Mutter hinzu: »Frau Gräfin, beruhigen Sie sich; über so etwas sollte sich eine Frau wie Sie gar nicht aufregen. Sind Sie diesem bösen › Heiligen Ludwig‹ viel Geld schuldig?«

»Ach Kleine, fünfzehntausend Franken.«

»Aber das ist ja schrecklich!«

»Ja, schrecklich für eine Frau, die sich Gräfin Malésy nennt, die für sich und ihre Freunde Zutritt zu allen Salons hat, eine Summe von fünfzehntausend Franken nicht bezahlen zu können. Adieu, mein Kind, adieu.«

»Wollen Sie mir gestatten, daß ich beim › Guten heiligen Ludwig‹ vorspreche? Ich übernehme es, die Sache in Ordnung zu bringen.«

»Das untersage ich Ihnen ganz entschieden – das heißt ja – gehen Sie. Diese Leute sind Ihre Nachfolger, Sie werden besser mit ihnen fertig werden als ich. Ich wette, Kleine, daß Sie die Schuld aufkaufen, ohne einen Pfennig dafür auszugeben; die fünfzehntausend Franken bleibe ich Ihnen dann schuldig.«

»Abgemacht, Frau Gräfin, und da ein Dienst des andern wert ist –«

»Ich werde Ihnen jeden Dienst erweisen, der in meiner Macht steht. Aber es ist mir doch lieber, wenn Sie die Angelegenheit mit jenen Krämern nicht in Ordnung bringen. Was gewinne ich dabei? Man erführe nur allzu bald, daß sie bezahlt sind, und alle übrigen würden mich dann überlaufen. Ach, meine Liebe, ich stehe bei Gott und dem Teufel in der Schuld!«

»Mit welcher Summe?«

»Das weiß ich selbst nicht mehr. Mein Gedächtnis wird schwach. Aber hier sind die Rechnungen. Sehen Sie, der Pastetenbäcker aus der Rue de Poitiers verlangt fünfhundert Franken für ein halbes Dutzend Hühnchen, die ich bestellt hatte, und ein paar unglückselige Kuchen, die ich in seinem Laden geknabbert habe. Wie ihr uns ausplündert!«

»Ich werde mit ihm sprechen.«

»Ja, sagen Sie ihm, er sollte sich schämen, und ich wollte nichts mehr von ihm hören.«

»Seien Sie ganz ruhig.«

»Hier Majou; er verlangt die Bezahlung für ein Oxhoft ganz ordinären Wein.«

»Das ist ja eine Kleinigkeit. Geben Sie mir die Rechnung.«

»Tausend Franken.«

»Alle Wetter! Ihr ordinärer Wein ist nicht zu verachten.«

»Das hier, ist die Rechnung eines sehr braven Mannes; ich glaube bestimmt, daß Sie sich mit ihm arrangieren werden. Es ist der Tapezier, der meine Möbel aufgearbeitet hat. Er verlangt tausend Franken, aber wenn man ihn zu nehmen weiß, wird er für eine Bagatelle quittieren.«

»Ich werde es versuchen, Frau Gräfin.«

Sie nahm die vier Rechnungen und faltete sie sorgfältig zusammen. »Es ist jetzt zwölf Uhr,« fuhr sie fort, »ich gehe auf der Stelle, Ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Aber nun, da Sie einen freieren Kopf haben, werden Sie auch die Macht Ihrer Beredsamkeit über den Marquis von Croix-Maugars erproben?«

»Ja, Kleine, ich werde gehen. Aber mein Kopf ist nicht so frei, als Sie vielleicht denken. Ich habe Ihnen noch nicht alle meine Kümmernisse mitgeteilt.«

Sie öffnete ein Schubfach ihres Arbeitstisches und nahm ein mit Papieren vollgestopftes Portefeuille heraus. »Sie werden noch manch andres Elend erfahren!«

»Das fehlte noch,« dachte Frau Benoît, »sechstausend Franken, das mag allenfalls gehen, obgleich es für einen einfachen Passepartout ins Faubourg ein ganz anständiger Preis ist. Aber die alte Dame hat nun einmal Geschmack daran gefunden, der Appetit ist da, und wenn ich hier nicht Einhalt gebiete, wird sie mich ersuchen, ihr im Vorübergehen den Louvre und die Tuilerien zu kaufen.«

Sie legte die Rechnungen, die sie in der Hand hielt, auf den Tisch zurück und sagte mit bewegter Stimme: »Ach, gnädige Frau, nun glaube ich selbst, daß Sie recht haben und daß es für Ihre Leiden keine Hilfe gibt!«

»Nein, nicht doch,« entgegnete die Gräfin schnell, »ich glaube bestimmt, daß ich mich früher oder später aus diesen Verlegenheiten ziehen werde. Sie haben mir Mut gemacht, ich bin wieder ganz heiter. In einer Stunde werde ich bei meiner Tochter sein, ich will mich nur noch umkleiden. Ich lasse mir eine Einladungskarte auf den Namen der Marquise von Outreville geben. Sie brauchen nur eine, Sie kommen mit Ihrer Tochter; ich möchte den Namen Benoît vermeiden; er würde alles verderben. Während ich für Sie wirke, gehen Sie mit den Rechnungen zu Ihren Kaufleuten und machen der kleinen Angelegenheit ein Ende, die sich ja so freundlich für Sie zu gestalten scheint; um drei Uhr pünktlich treffen wir wieder hier zusammen und tauschen unsre Vollmachten aus wie zwei Gesandte.«

Herr von Croix-Maugars schnitt ein Gesicht, als er seine Schwiegermutter kommen sah. Die Gräfin war stets derartig in Verlegenheit, daß man ihr Erscheinen wie die Ankunft eines Wechsels fürchtete. Aber sobald es heraus war, daß sie kein Geld haben wollte, gab es nichts, was der Marquis ihr abgeschlagen haben würde. Er überreichte ihr lächelnd ein viereckiges Stück satinierten Karton, von dessen Wert er keine Ahnung hatte; auf diese Weise bezahlte er zum viertenmal in einem Jahre ihre Schulden.

Frau Benoît eilte inzwischen glückselig wie ein Matrose, der wieder in den Hafen einläuft, zu ihrem Notar, dann zu den Gläubigern der Gräfin, und zahlte, ohne zu feilschen.

Punkt drei Uhr nahm Frau von Malésy die Quittungen an sich, und die Witwe fuhr mit ihrer kostbaren Einladung nach Hause. Sie wagte es nicht, sie in die Tasche zu stecken, sondern behielt sie in der Hand, betrachtete sie aufmerksam und lächelte ihr zu.

»Endlich!« sagte sie, »die Verleihung meiner Naturalisierung! ich bin Staatsbürgerin des Faubourg, vorausgesetzt, daß ich zwischen heute und morgen nicht krank werde.«

Plötzlich fiel ihr ein, daß Lucile seit elf Uhr allein sei und daß der Marquis Zeit genug gehabt hätte, sich unter vier Augen mit ihr zu unterhalten. Der Gedanke, der sie gestern noch zur Verzweiflung gebracht hätte, erschien ihr jetzt beinahe gleichgültig. Das Glück söhnte sie mit der ganzen Welt, Gaston nicht ausgeschlossen, aus; ein trunkener Mensch hat keine Feinde mehr. Beim Aussteigen bemerkte sie auf dem Hofe ein früheres Opfer ihres Zornes, den biederen Jacquet.

»Komm her, mein Junge,« rief sie ihm zu, »komm nur näher und fürchte dich nicht, ich habe dir vergeben; du möchtest wohl wieder in meinen Dienst treten?«

»Schönen Dank, gnädige Frau, der Herr Marquis haben mich in einem andern Hause vorgestellt.«

»Der Marquis hat dich vorgestellt? Da kannst du freilich von Glück sagen!«

»Ja wohl, ich bekomme fünfzig Franken monatlich.«

»Alle Achtung. War das alles, was du mir sagen wolltest?«

»Nein, gnädige Frau, ich bringe Ihnen zwei Briefe.«

»Gib her.«

»Einen Augenblick, ich muß sie erst aus meinem Hutfutter vorholen, hier!«

Der eine der Briefe war von Gaston, der andre von Lucile. Gaston schrieb:

 

»Meine reizende Mama!

»In der Hoffnung, daß die mütterliche Liebe Sie von jenem Paris losreißen wird, das Sie so innig lieben, führe ich Ihre Tochter nach Arlange zurück. Hoffentlich folgen Sie uns bald!«

 

»Wer hat dir das gegeben?« fragte Frau Benoît. Aber Jacquet war auf und davon, wie ein Vogel vor dem Gewitter.

Sie erbrach den Brief ihrer Tochter, der drei Seiten Entschuldigungen enthielt und mit den Worten schloß:

»Die Frau soll ihrem Manne folgen.«

Ich rede dem menschlichen Herzen nicht gern Uebles nach, aber ich muß doch konstatieren, daß die Witwe, nachdem sie die beiden Briefe gelesen hatte, weder an die Flucht ihrer Tochter, noch an den Verrat ihres Schwiegersohnes, noch an die Einsamkeit, in der man sie zurückgelassen, noch an das Zerreißen all der Bande, die sie mit den Ihren verknüpfte, dachte, sondern einzig und allein daran, daß sie eine Einladung gekauft hatte, daß diese Einladung auf den Namen Outreville lautete, daß sie dem Namen Benoît nichts nutzen könne und daß man bei Croix-Maugars ohne sie tanzen würde.

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