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Paris und London

David Kalisch: Paris und London - Kapitel 8
Quellenangabe
typereporting
booktitleKünstler, Quäker, Demokraten
authorLudwig Kalisch
year1970
firstpub1851
publisherRütten & Loening
addressBerlin
titleParis und London
pages366
created20130317
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Odéon

Das Odéon-Theater hat, wie so viele öffentliche Gebäude in Paris, eine merkwürdige Geschichte. Unter dem Namen Nouveau Théâtre-Français wurde es am 9. April 1782 eröffnet. Sieben Jahre später, als das große Weltdrama, die Französische Revolution, begann, warf es den alten Namen ab und hieß Théâtre de la Nation. Es wurde neu dekoriert, und in seinen Hallen prangten die Statuen der Freiheit, der Vernunft, der Natur und andere splitternackte Göttinnen. Da der Name Théâtre de la Nation den damaligen Kraftmenschen nicht kräftig genug war, so wurde dieses Theater 1793 wieder umgetauft in Théâtre de l'Egalité. Die Schauspieler aber, die durch die in diesem Theater aufgeführten Stücke dem Namen desselben keinesweges entsprachen, wurden am 3. September desselben Jahres sämtlich verhaftet und das Theater geschlossen. Die Säle desselben dienten mehrere Jahre hindurch für politische Klubs. Erst 1797 wurde das Haus wieder der Kunst geöffnet und erhielt den Namen Théâtre de l'Odéon, den es nun über ein halbes Jahrhundert trägt.

Das Odéon wird noch jetzt Second Théâtre-Français genannt. Das Odéon ist nämlich die einzige Bühne in Paris, welche neben dem Théâtre-Français die sogenannten klassischen Stücke aufführen darf. Die übrigen 60 Bühnen müssen sich mit den nicht klassischen oder unklassischen dramatischen Brocken begnügen, die ihnen die modernen Poeten hinwerfen.

Das Odéon liegt im Quartier latin, in der Nähe der Universität und der Sorbonne. Hier weht eine sehr gelehrte, fast deutsche Luft. Das Parterre-Publikum des Odéon-Theaters besteht größtenteils aus Studenten, also aus Leuten, welche mit ihrem Urteil nicht zurückhalten und dieses laut und deutlich genug äußern. Das Publikum des Odéon ist daher sehr gefährlich, sowohl für den Autor als für den Darsteller; und der Dichter, der sein dramatisches Kind zuerst diesem Publikum vorführt, ist nicht immer sicher, Vaterfreuden zu erleben. Wirklich ist auch auf den Brettern des Odéon-Theaters manches Kind dramatischer Laune in ewige Vergessenheit gezischt worden.

Man kann nicht sagen, daß das Theaterpublikum des Quartier latin aus ungerechten Richtern bestehe; aber es besteht aus sehr scharfen Richtern, die über poetische Kriminalverbrechen leicht das Todesurteil verhängen. Die Hinrichtungen auf diesem Theater sind daher ziemlich häufig, und es ist also, wenn auch nicht immer erfreulich, doch immer sehr interessant, gerade hier der ersten Aufführung eines Stückes beizuwohnen.

Ich hatte das Glück, die erste Darstellung des »François le champi« zu sehen. Das Theater war bis zum Erdrücken voll; denn obgleich der Autor nicht auf dem Zettel genannt war, so wußte doch jeder, daß er George Sand hieß.

Madame Sand hatte 1840 ein Drama, »Cosima«, auf dem Théâtre-Français zur Aufführung bringen lassen, das sehr ungünstig aufgenommen worden. Seit jener Zeit hatte sie sich durch Stillschweigen an den Brettern 61 gerächt und ihr großes Talent in jenen epischen Produktionen entfaltet, die selbst den Gegnern der Sandschen Ansichten Bewunderung abnötigten. Sie hatte sich inzwischen dem Sozialismus zugewendet und an der Februarrevolution durch Manifeste und Proklamationen beteiligt. Das Publikum, besonders dasjenige, das den gleichnamigen Roman der Sand nicht kannte, gab sich vor der Aufführung des »Champi« den verschiedensten Vermutungen hin. Auf jeden Fall erwartete man etwas Bedeutendes, etwa eine dramatisierte Polemik gegen die verkehrten sozialen Zustände der Gegenwart. Statt dessen aber sah man eine dreiaktige Idylle.

Der Hauptwert des »Champi« besteht weniger in dem kunstvoll geschürzten Knoten der Handlung, die in einem Dorfe der Provinz Berry, wo George Sand geboren, sich abspinnt, als in der Grazie derselben. Die Fabel ist ziemlich einfach. François, der Held des Stückes, ist ein Champi, eine Benennung in der Provinz Berry für ein Findelkind, das auf dem Felde (champ) von mitleidiger Hand aufgenommen wird. François wurde als Kind von Madeleine, der Frau des reichen Bauern Blanchet, aufgenommen und erzogen. Der Knabe gedieh prächtig, und die edle Tat Madeleines wurde durch den reichsten Segen des Himmels belohnt. Blanchets Äcker wurden sehr fruchtbar. Seine Scheuern waren stets gefüllt, und seine Herden mehrten sich auf der mastigen Trift. Das Findelkind wächst indessen heran und wird ein kräftiger, schöner Junge. Der Bauer Blanchet ist aber mit dieser Entwickelung des Findelkindes nicht sehr zufrieden. Blanchet zweifelt an seiner eigenen Liebenswürdigkeit und an seines Weibes Tugend, der das Findelkind gefährlich werden könnte. In seiner Eifersucht jagt er François aus dem Hause. 62 Einige Jahre nach dieser an dem unschuldigen Champi begangenen Grausamkeit stirbt Blanchet. Nun geht sein Besitz dem schnellsten Verfall entgegen. Die Äcker sind verwüstet; die Wiesen tragen Dornen und Disteln, und Madeleine verfällt in Siechtum. Während ihrer Krankheit, in welcher sie von Mariette, einer Verwandten, und von einer treuen Magd, Catharine, sorgfältig gepflegt wird, kommt François, der unterdessen zum stattlichen Jünglinge herangereift ist. Mit dieser Rückkehr beginnt das Stück. François, ergriffen von dem traurigen Zustande, in welchem seine Wohltäterin sich befindet, widmet sich ihr und ihrem verwahrlosten Besitztume mit der zartesten Sorgfalt, mit dem unermüdlichsten, umsichtigsten Fleiße und sieht nach kurzer Zeit diese Sorgfalt, diesen Fleiß aufs schönste belohnt. Madeleine ist wieder genesen. Die Rosen der Gesundheit blühen wieder auf ihren Wangen, und auf ihren Äckern blüht und reift das schönste Korn. Was aber regt sich in dem Herzen des Champi? Ist es das Gefühl der Dankbarkeit, das Gefühl kindlicher Liebe gegen die Witwe, oder ist es eine tiefere, heißere Empfindung gegen das schöne Weib? Er weiß es selbst noch nicht. Er glaubt sogar, daß er sich ernstlich um die Hand Mariettes bewerbe, die in ihrer Zuneigung gegen ihn durch die boshafte Verleumdung eines klatschhaften Weibes, Lasévère, wankend gemacht wird. Darin besteht die freilich sehr schwache Intrige des Stückes, das mit der Verlobung François' und seiner Wohltäterin endigt.

»François le champi« ist eine dramatisierte Dorfgeschichte. Das Pariser Publikum, dem man das ganze Jahr hindurch in Dramen und Komödien so viele Salonlaster, so viele verdorbene Sitten vorführt, war froh, 63 hier gesunde Landluft einzuatmen. »François le champi« wurde also mit Enthusiasmus aufgenommen und erlebte weit über hundert Vorstellungen. Für uns Deutsche, die wir der Tugend näherstehen als die Pariser, ist die Sandsche Produktion durchaus nicht von so hohem Interesse.

Herr Bocage, der Direktor des Odéon-Theaters, soll durch den »Champi« über hunderttausend Franken gewonnen haben. Ich sage dies, mehr die Franzosen zu loben als die deutschen Theaterdirektoren zu kränken. Das Odéon-Theater hat eine entschieden republikanische Färbung.

 

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