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Paris und London

David Kalisch: Paris und London - Kapitel 4
Quellenangabe
typereporting
booktitleKünstler, Quäker, Demokraten
authorLudwig Kalisch
year1970
firstpub1851
publisherRütten & Loening
addressBerlin
titleParis und London
pages366
created20130317
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ein Tantalus

Es gibt keine größeren Qualen als die Tantalusqualen; es gibt keinen grausamern Schmerz, als einen Zoll breit vom Genusse entfernt zu sein und doch in der Entbehrung verschmachten zu müssen. Wieviel Menschen zählt unser moderner Staat, deren Leben von der Wiege bis zur Bahre eine ewige Tantalusqual ist! Wie viele solcher Tantalusse zählt besonders Paris, das so reich an Genüssen und so überreich an Armut ist!

Es war an einem abscheulichen Dezembertage. Der Himmel wußte in seiner bösen Laune nicht recht, ob er sie im Regen oder im Schnee auslassen sollte. Es wehte ein kalter, feuchter, schneidender Wind, der mich zwang, mich enger in meinen Mantel zu hüllen, als ich eine Restauration auf dem Boulevard Poissonnière 24 verließ. Ich wollte nach Hause eilen, als mir an der Ecke der Faubourg Montmartre ein Mensch auffiel, der mit peripatetischen Schritten dem Boulevard des Italiens zuging. Solche Schritte bei solchem Wetter und in solchem Anzuge! Der Mann hatte fast gar nichts auf dem Leibe; denn seine Bluse war sozusagen nur eine baumwollene Löchersammlung, mit welcher sich der mitleidslose Nordostwind die dummsten Späße erlaubte; und was seine Beinkleider betrifft, so konnte man nicht sagen, ob diese aus weniger Zeug oder aus mehr Löchern bestanden als seine Bluse. Seine zerbrochenen Schuhe – sie waren von Holz – schienen gegenüber den geschickten Operationsversuchen, von denen sie merkwürdige Spuren trugen, sich als unheilbar erwiesen zu haben. Auf dem Kopfe trug er ein bonnet de police, das vielleicht schon sein fünfzigjähriges Jubiläum gefeiert oder vielleicht gar die viertausendjährigen Pyramiden gesehen hatte; wenigstens sah man es dieser Mütze an, daß sie ihre Jugendjahre nicht auf diesem Kopfe zugebracht. Sein struppiger, schwarzer Bart, in welchen manches graue Haar sich einmischte, umgrenzte ein narbenreiches Gesicht, das von Mut, Ausdauer und Entschlossenheit zeugte. Aber es lag auch etwas Elegisches in diesem Gesicht, das unwiderstehlich anzog.

Wie fast jeder Franzose hatte mein Peripatetiker die Hände in den Hosentaschen. Ich folgte ihm wie sein Schatten. Vor dem Schaufenster eines der größten Marchand de Comestibles der Boulevards machte er halt und richtete sein schwarzes Auge auf die kostbaren Schätze, die hier in den malerischsten Gruppierungen lagen. Nur in Paris sieht man dergleichen Herrlichkeiten; ich will es daher versuchen, ein solches Schaufenster zu schildern.

25 Unmittelbar um einen kleinen Springbrunnen, der aus der Mitte eines von zierlichem Moose umkränzten Beckens sprudelt, in welchem allerliebste Goldfischchen sorgenfrei spazierenschwimmen, liegen höchst anmutige Leichen von wilden Enten, Feldhühnern und Fasanen; zwischen ihnen, in romantischer Abwechselung, mehrere interessante Schnepfen, die langen Stecher zwischen Moos versteckt. Hinter diesen Seglern der Lüfte sieht der Neugierige mehrere Seebewohner, gigantische Hummern, teils noch lebend, teils abgekocht, teils ganz, teils malerisch in zwei Hälften gespalten, damit das Auge des Feinschmeckers sich an dem innern, schneeweißen Fleische ergötze, das so herrlich in der purpurroten Schale prangt. Hinter diesen Hummern viele der groteskesten Seefische, unter welchen man auch wohl einen Salm oder einen riesigen Hecht gewahrt, der im Leben mehrere tausend Meilen von denen getrennt war, mit welchen er jetzt in nachbarlichem Frieden liegt, um vielleicht nach Sonnenuntergang von einem aristokratischen Magen gemeinschaftlich verdaut zu werden.

Hinter den Fischen, in amphitheatralischer Erhöhung, einige Hasen, die gebrochenen Auges auf einen gekrönten Wildschweinkopf blicken. Man kann sich kein wohlschmeckenderes Naturalienkabinett denken. Aber das ist bei weitem noch nicht alles. Auf dieser Seite ist nur der Hautgout vertreten, und es gehört schon ein wissenschaftlich gebildeter Magen dazu, um diese Dinge mit Bewußtsein verdauen zu können. Auf dieser Seite ist die Würde, auf der andern aber ist die Anmut. Da sieht man gebratene Kapaune von unbeschreiblicher Grazie, farcierte Welsche, die menschenfreundlich jeden Vorübergehenden anblicken, 26 Straßburger Gänseleberpasteten, die zwar sehr schwer zu verdauen, aber sehr leicht zu essen sind, geräucherte Zungen, so schön gebräunt, als ob sie ein Maler lackiert hätte, Hamburger Rindfleisch, das jedem deutschen Patrioten Tränen der Rührung aus dem Auge lockt, und Würste von allen Enden der Welt. Hier und dort ragt aus diesen bunten Fleischmassen eine unschuldsreine Schüssel, gefüllt mit Perigordtrüffeln, die in Champagnersauce ertrinken. An der Decke brünette Schinken und Hammelskeulen und im Hintergrunde eine Reihe von Ananas, Orangenpyramiden, Maronen, Konfitüren und alles, womit eine lebhafte Dichterphantasie das Land der Schlaraffen auszuschmücken pflegt.

Der Peripatetiker betrachtete diese Herrlichkeiten mit einem Auge, mit welchem vielleicht einst Moses von den Höhen des Berges Nebo ins Gelobte Land geblickt. Er sah aus, als ob er sagen wollte: »Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist teuer.«

Nachdem er ungefähr fünf Minuten vor diesem Schaufenster gestanden, ging er gedankenvoll weiter und blieb dann plötzlich vor einer der größten Restaurationen stehen. Ich wußte nicht, was ihn veranlaßte, so schnell haltzumachen, bis ich näher trat und mir aus der unterirdischen Küche dieser Restauration die würzigsten Düfte entgegenströmten. Die Nasenflügel meines Peripatetikers hatten sich weit geöffnet, und er sog diese Düfte mit heißer Begier ein. Aber in seinen Gesichtszügen lag ein heftiger Verdruß. Der arme Mann schien die Ordnung zu lieben und ärgerte sich nun, daß er diese verschiedenen Düfte so durcheinander einatmen sollte. Wie man nach der Karte speist, wollte er gerne nach der Karte riechen. Das sah man ihm deutlich an. Man sah ihm aber auch an, wie sein 27 armer Magen sich empörte über die Schwelgerei seiner reaktionären Nase, die sich so selbstsüchtig den üppigsten Genüssen ergab.

Nach einer Weile genossenen Duftes schob mein Tantalus die Mütze mehr nach dem linken Ohre und kratzte sich hinter dem rechten, was anzudeuten schien, daß er von der Zwecklosigkeit seines Weilens überzeugt sei und daß er seiner unbeschäftigten Verdauung keine gerechte Ursache zur Empörung geben wollte. In dem Augenblicke aber, als er sich entfernen wollte, ging die Türe des Restaurationssaales weit auf, und heraus trat ein Mensch, so dick, als hätte er eine Kesselpauke verschluckt, und so zufrieden, als dächte er noch gar nicht daran, im eigenen Fette zu ersticken. Er stocherte sich die Zähne, schob meinen Peripatetiker, der ihm im Wege stand, beiseite, schlug den Kragen seines Marderpelzes in die Höhe und schritt einem benachbarten Kaffeehause zu.

Mein Peripatetiker sah ihm eine Weile nach und ging dann langsamer weiter. Aber schon nach einigen Schritten machte er wieder halt. Er befand sich vor den Fenstern eines Geldwechselbüros. Hinter diesen Fenstern lagen im eigentlichen Sinne des Wortes Schätze aufgehäuft. Goldene Berge von Napoleondors, darunter Hochebenen von englischen Sovereigns und Kremnitzer Dukaten, dann einige anmutige Höhenzüge von alten Münzen und Medaillen und hinter diesen ein hohes Schneegebirge von Fünffrankenstücken bildeten eine höchst romantische Gegend, die mein Peripatetiker nicht nur wie ein Naturfreund, sondern wie ein Naturforscher zu betrachten schien. Die Papierschätze, wie z. B. die englischen und französischen Banknoten, die hier nachlässig wie alte Waschzettel 28 herumlagen, schienen seine Aufmerksamkeit weniger in Anspruch zu nehmen. Aber ich sah es ihm an, daß er nach und nach in große Verlegenheit geriet. Diese Verlegenheit bestand nicht darin, wie er zu diesem Gelde kommen sollte, sondern wie er es am besten verwenden könnte, wenn er im Besitze desselben wäre. Ich sah, wie er in seiner Phantasie die Materialien zu seinen Luftschlössern zusammentrug, wie er sie baute, wie er sie aufs prachtvollste möblierte, wie er über die Stellung der Möbel nicht mit sich einig werden konnte. Vielleicht ärgerte ihn die zahlreiche Bedienung; vielleicht grollte er dem Mohren, weil er ihm ein kostbares Porzellangeschirr zerbrochen; vielleicht zürnte er seinem Kutscher, daß er das Handpferd nicht gut eingeschirrt. Wer kann das wissen? Die reichen Leute haben ja so viel Ärger!

So stand er denn eine geraume Zeit vor diesen Fenstern und weidete sein hungeriges Auge an diesem gemünzten Kalifornien, bis ihn ein heftiger Windstoß daran erinnerte, daß seine Bluse keinen Schutz vor den Mißhandlungen des schneidenden Windes gewähre. Er steckte, nachdem er sich wieder bedeutungsvoll gekratzt, die Hände in die Hosentaschen, warf noch einen sehnsüchtigen Blick auf die schöne Natur hinter den Fenstern und ging weiter. Aber ein Pelzladen, der in der Nähe des Wechselbüros war, fesselte wieder seine ganze Aufmerksamkeit. Welcher Pelz wärmt am meisten? Welcher steht am schönsten? Diese Fragen schienen den Blusenmann, der leider sonst keine Beschäftigung hatte, sehr zu beschäftigen. Er forschte unter den Zobel- und Astrachanpelzen; er prüfte die Bären- und Fuchspelze mit scharfen Blicken, und man sah, welche Qual ihm die Wahl machte.

29 So ging es von einem Laden zum andern, bis er an die Ecke kam, wo die Rue de la Chaussée d'Antin in die Straße St-Lazare mündet. Hier ist ein Cabaret, eine kleine Kneipe, wo man für einige Sous Vergessenheit aller Leiden trinken kann. Mein Peripatetiker machte vor der Türe dieses Cabarets halt und fing an, seine Taschen zu examinieren. Sie bestanden aber leider die Prüfung nicht. Er fand in denselben nichts als eine Täuschung. O es lag eine stille Verzweiflung in dem Antlitze dieses Menschen, ein gewisser Trotz, wie man ihn nur auf den Gesichtern der Franzosen sieht, die, wenn selbst vom bittersten Hunger gequält, sich doch nie zu Bettlern erniedrigen.

Wie aus Versehen ließ ich einige Frankenstücke zu Boden fallen. Mit jener den Franzosen angeborenen Artigkeit beeilte er sich, die rollenden Münzen aufzuraffen, und als er sie mir wieder zuzustellen sich anschickte, schlüpfte ich um die Ecke. Erst als ich eine lange Strecke auf der Straße St-Lazare, dem Place du Havre zu, zurückgelegt, wendete ich mich um. Ich sah den Blusenmann eiligst den Weg nach der Rue de Clichy einschlagen. Er war also nicht in das Cabaret gegangen. Vielleicht eilte er nach Hause, um einer darbenden Familie einen frohen Tag zu bereiten. Für ihn, der so große Reichtümer in einer so kurzen Zeit gesehen, für ihn waren zwei Franken ein Reichtum.

Wieviel tausend Menschen leben in Paris, die bei Sonnenaufgang nicht wissen, wie sie bis Sonnenuntergang ihren Hunger stillen! Wie viele Menschen gibt es in Paris, deren ganze Lebenszeit eine Fastenzeit ist! Aber wohin sie das Auge wenden, sehen sie Reichtum und Üppigkeit. Jeder dieser armen Menschen ist ein Tantalus, dem die goldenen Früchte des Lebens die 30 durstigen Lippen berühren. Nirgendwo in der Welt lebt der Glückliche so glücklich wie in Paris; nirgendwo aber lebt der Unglückliche so unglücklich wie in dieser Riesenstadt, wo dem Reichen sich alle irdischen Genüsse darbieten und seine dreistesten Wünsche auf die Erfüllung nicht zu warten brauchen. Für die Armen ist Paris eine Hölle, für die Reichen ein Paradies; aber die Paradiesbewohner kümmern sich wenig um die Höllenqualen der Armen.

Und dennoch gibt es eine Qual, die ebenso furchtbar ist als die Qual der Armut. Es ist das ohnmächtige Mitgefühl. Es gibt tausend arme Teufel, und ich gehöre darunter, die keine Not sehen können, ohne aufs tiefste erschüttert und ergriffen zu werden, und die zornig die Faust ballen, weil ihr guter Wille so sehr selten der Vater einer guten, einer rettenden Tat werden kann. Ein solch armer Teufel leidet mehr, als die Philosophie der reichen Teufel sich je träumen läßt.

 

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