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Paris und London

David Kalisch: Paris und London - Kapitel 39
Quellenangabe
typereporting
booktitleKünstler, Quäker, Demokraten
authorLudwig Kalisch
year1970
firstpub1851
publisherRütten & Loening
addressBerlin
titleParis und London
pages366
created20130317
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Geld

Jeder meiner Leser weiß so gut wie ich selbst, und manche meiner Leser wissen es vielleicht noch besser als ich, was ein Mensch mit den besten Gedanken im Kopfe und den edelsten Gefühlen im Herzen in der zivilisierten Welt zu leiden hat, wenn er an »der 358 Finanznot blasser Wehmut« kränkelt. Nirgendwo aber hat ein edler Mensch ohne Geld soviel zu leiden wie in London, in dieser reichsten und ärmsten Stadt der Welt, wo man unbemerkt verhungern oder Millionär werden kann. Nirgendwo wird soviel Parforcejagd aufs Geld gemacht; nirgendwo hört man das Wort Geld so häufig aussprechen wie hier, so daß jeder, der am Mangel desselben leidet, jeden Augenblick an seine bitteren Leiden erinnert wird.

Geld ist zwar das große Zauberwort überall, das Abrakadabra, mit dem man in der modernen Welt Wunder zu verrichten vermag; aber nirgendwo hat es diese Bedeutung wie in London, wo jede Tat ein Geldgeschäft ist. Dem Engländer klingt kein Wort so süß ins Ohr wie das kleine, einsilbige Wörtchen Geld, und es liegt vielleicht eine tiefe Bedeutung darin, daß in seiner Sprache Geld auf Honig, money auf honey, sich reimt.

Wer kein Geld hat, ist überall in der gebildeten Welt ein Lump; in London aber ist ein geldloser Mensch bei weitem mehr Lump als sonstwo. Geld erwerben, oder Geld machen, to make money, wie der Engländer sich plastisch ausdrückt, ist ihm nicht nur das wichtigste Geschäft, sondern die einzige Bestimmung des Menschen, und das klassische »auri sacra fames« lautet in seiner Übersetzung: heiliger Heißhunger.

Als ich einem Engländer dies einmal sagte, gab er mir vollkommen recht und bemerkte: »We are a money getting people; a man without money cuts a poor figure in this country.«

Geld besitzen heißt hier den größten Wert besitzen. Der Engländer schätzt seinen Nebenmenschen am meisten, wenn er diesen nach seinem Geldbesitze schätzt. 359 Geld haben ist ihm soviel wie Wert haben, und er sagt von seinem Nachbar nicht, daß dieser zehntausend Pfund besitze, sondern zehntausend Pfund wert sei, auf englisch: He is »worth« ten thousand pounds. Wer nichts hat, ist ein wertloses Wesen, eine zweibeinige Null, ein Nichts, ein Garnichts, ein Minus in der Schöpfung.

Man hat in London weder Zeit noch Lust, dem Menschen ins Innere zu sehen, und da hier nicht das Herz zum Herzen, sondern der Geldbeutel zu seinem Nebengeldbeutel spricht, so werden im öffentlichen Verkehre niemals die Gefühle und Empfindungen, sondern die Sovereigns und die Schillinge sorgfältig geprüft und gewechselt.

Gehe in den ersten besten Laden Londons, und du kannst gewiß sein, daß man dein Goldstück nicht früher annimmt, bis man es mehrere Male auf den Ladentisch geworfen und sich durch den Klang überzeugt hat, daß es ohne Falsch ist. Gib dem Londoner Krämer einen Schilling hin, und du kannst sicher darauf rechnen, daß er erst hineinbeißt, um sich zu vergewissern, daß er nicht von Blei. Als ich während der ersten Tage meines Aufenthaltes in London durch die Straßen der gewerbtreibenden Stadtteile ging und sah, daß Verkäufer und Verkäuferinnen die Schillinge und Sechspencestücke in den Mund steckten und fest hineinbissen, glaubte ich, daß die Engländer Geld äßen, wie die Strauße Steine und Metalle fressen, nämlich um die Verdauung zu befördern. So ein Londoner Krämer beißt vielleicht täglich in mehrere hundert Schillinge, und ich habe lange darüber nachgedacht, wer am Ende dabei den Kürzern zieht, die Schillinge oder die Zähne. Sicher ist, daß die Schillingsstücke, wenn sie lange in 360 London kursieren, ganz zerbissen werden, was dem Gesichte der Königin auf denselben ein blatternarbiges Ansehen verleiht, das ihre Reize durchaus nicht vermehrt.

Sehr häufig sieht man auch Leute der niedern Klasse, wie Obstverkäuferinnen und Austernhändler, aufs Geld speien, das sie einnehmen. Ich habe, als ich diese unappetitliche Handlung anfangs sah, diese Leute für Philosophen gehalten, die auf jene Weise ihre Verachtung vor dem fluchwürdigen Mammon kundgeben wollten; ich hörte jedoch bald, daß das Anspeien nur eine Zauberformel sei, die eine innige Zusammenkittung des Geldes bewirken solle.

Fragt man einen Engländer um Belehrung über irgendein öffentliches Gebäude, so vergißt er nie zu bemerken, wieviel dasselbe gekostet. Der Geldpunkt ist dem Engländer der hüpfende Punkt, aus dem das Leben sich bildet, und ready money, bares Geld, ist ihm das Alpha und Omega des menschlichen Daseins.

Wie oft fällt einem in London das Schicksal Salomon Jerichos ein!

Dieser Salomon Jericho ist der Held eines der Romane des vortrefflichen englischen Humoristen Douglas Jerrold. Salomon Jericho ist anfangs ein wohlbeleibter, rotwangiger Mann, der gern dem Glase zuspricht, einen guten Spaß über alles liebt und die flüchtige Stunde der Freude geschickt beim Schopfe faßt. Niemand wäre so glücklich wie Salomon Jericho, der mit wenigem sich zu begnügen und seine Gläubiger durch seinen guten Humor zu entwaffnen weiß, wenn sie, mit den langen Rechnungen in der Hand, ihn bestürmen, niemand, wie gesagt, wäre, trotz seines permanenten Geldmangels, so glücklich wie er, wenn er nicht 361 eine Frau hätte, die ihn im Hause mit den zudringlichsten Geldforderungen quälte. »Ich will Geld!« ruft sie ihm zu, wenn er froh gestimmt vom Weinhause heimkehrt. »Ich muß Geld haben!« wiederholt sie ihm, wenn er ins Bett steigt, und »wann werde ich endlich Geld bekommen?« ist die Frage, mit der sie den Schlafenden des Morgens aufweckt.

Der humoristische, gemütliche, lebenslustige Salomon Jericho setzt lange Zeit den ungestümen Forderungen seiner Frau, die er als Witwe mit zwei anspruchsvollen Töchtern geheiratet, seine himmlische Geduld entgegen. Sie schmollt, und er lächelt; sie grollt, und er macht Späße; sie rühmt, um ihn zu beschämen, ihren ersten Gatten und nennt ihn – natürlich ihren ersten Gatten – einen Engel, und er schmunzelt; sie keift, und er sucht sie durch seine Gutmütigkeit zu beschwichtigen. Als aber sein Lächeln und sein Schmunzeln, seine Späße und seine Gutmütigkeit nichts halfen gegen die monotone Geldfrage, da ruft er in einem Augenblicke der Verzweiflung: »Ich wollte, ich wäre von Geld!«

Diesen Wunsch hat der Teufel, der allmächtige Schöpfer der Finanzwelt, kaum gehört, als er ihn auch schon erfüllte; und als Jericho zufällig in die Seite greift, wo die Uhr des Lebens klopft, bleibt ihm ein Stück Papier in den Fingern. Das Stück Papier ist eine Banknote. Sein Herz, das früher so leicht, so warm geschlagen, hat sich in Papier, in einen schweren, kalten Banknotenklumpen verwandelt.

Jerichos Herz ist jetzt eine Schatzkammer, eine Filiale der Bank von England. Sein Weib fängt an, ihn zu lieben. Das ist ganz natürlich. Seine Stieftöchter, eitle, prunksüchtige Gänschen, lieben ihn auch; die ganze 362 Welt liebt ihn ebenfalls, und das ist ebenfalls ganz natürlich. Niemand weiß, woher er das Geld hat. Wen geht das auch an? Genug, er hat es. Er macht ein großes Haus; er gibt glänzende Soireen, in denen seine Frau und seine Stieftöchter wegen ihres kostbaren Schmuckes bewundert werden. Er wird ins Parlament gewählt; er wird von jedermann aufgesucht, von jedermann geschätzt; denn er hat Geld, viel Geld, entsetzlich viel Geld.

Der arme reiche Salomon Jericho! Mit jeder Banknote, die er ausgibt, reißt er ein Stück aus seinem Busen; und die Gäste, die auf den kostbaren Teppichen in seinen Zimmern gehen, treten auf seinem Herzen herum.

Wie reich war früher der arme Jericho! Er füllte in jenen schönen Tagen des Geldmangels seine leeren Taschen mit seinen Händen aus. Er lachte, er scherzte, und sein Gesicht war kugelrund. Jetzt aber, da er Millionär oder gar Billionär ist, wird er täglich mürrischer und grimmiger; und so sehr fällt er vom Fleisch, daß der Rock, der ihm heute paßt, ihm schon am folgenden Tage am Leibe herumschlottert. Er droht in ein Nichts zusammenzuschrumpfen wie jener Geliebte der Aurora, mythologischen Andenkens, und da er weiß, daß alle Kostbarkeiten in seinem Hause, daß alle Brüsseler Spitzen, alle Juwelen seiner Frau und Töchter mit seinem Herzblute bezahlt werden, bemächtigt sich seiner ein wahnsinniger Geiz. Er macht alles zu Geld, was in seinem Hause ist, und bewacht das Geld mit Argusaugen. Er weiß auch recht gut, daß die Menschen, die ihn aufgesucht, die ihm geschmeichelt, die vor ihm gekrochen, sich nicht vor ihm, sondern vor seinem Gelde gedemütigt. Er haßt daher die Menschen 363 und schließt sich vor ihnen ab. Selbst seine Frau will und mag er nicht mehr sehen. Und so steht er vereinzelt, bis eines schönen Tages sein Diener (wahrscheinlich ein verkappter Teufel), statt einen gewöhnlichen Fidibus anzuzünden, eine Banknote anzündet, eine Banknote, die dem Herzen Jerichos entnommen. Kaum ist nämlich der Fidibus angezündet, so fängt – durch sympathetische Beziehungen leicht erklärlich – das Banknotenherz Feuer, und nach einigen Minuten ist der ganze Salomon Jericho ein Aschenhäuflein.

Ich glaube nicht, daß derartige Fälle wie der eben erzählte sich jetzt häufig ereignen; nicht etwa, weil es an Verkäuflichen fehlte, sondern weil der Teufel die Kauflust verloren. Er ist durch Schaden klug geworden. Es haben sich ihm schon so viele Seelen verkauft, daß er diesen Handelsartikel genau kennt und sehr gut weiß, wie selten eine Seele gefunden wird, die nur den hundertsten Teil einer Hundertpfundnote wert wäre. Daß man aber in London oft Augenblicke hat, in denen man, wie der höchst bedauernswürdige Salomon Jericho, sich seines Glaubens abtun und mit dem Gottseibeiuns ein gefährliches Geldgeschäft machen möchte, ist außer allem Zweifel. Die zeitliche Verdammnis der Geldnot wird oft schmerzlicher als der Gedanke an die ewige.

In London muß man viel Geld haben, wenn man nur leidlich leben will. Man spricht hier von einem Pfund Sterling, wie man bei uns von einem Gulden spricht, und bei den überaus teueren Lebensbedürfnissen leidet eine nicht ganz gut genährte Geldbörse bald an Entkräftung. Nicht so schnell verschwindet ein Tropfen Äther auf der flachen Hand, nicht so schnell bricht ein deutscher Fürst sein gegebenes Wort, als in 364 London ein Sovereign aus der Tasche verschwindet. So ein englisches Goldstück ist wie Schillers »Mädchen aus der Fremde«; schnell ist seine Spur verloren, sobald er Abschied nimmt. Man muß nur eine englische Rechnung sehen! Keine Shakespearesche Tragödie ist so ergreifend, so seelenerschütternd, so schicksalbewältigend. Wie ein Regiment schwarzer Husaren stehen die Zahlen auf einer solchen Rechnung und geben keinen Pardon. Man wird mir sagen, daß auch deutsche Rechnungen lauter positive Unannehmlichkeiten enthalten. Aber beim hohen Zeus! das ist ein Irrtum. Eine deutsche Rechnung ist süße Lyrik gegen die furchtbare Schillingsprosa einer englischen. Eine deutsche Rechnung ist Armut und Edelsinn, ein sanftes Kotzebuesches Drama mit Scheidemünzgedanken; eine englische Rechnung aber bringt einem Menschen, der eine nervöse Kasse hat, Tod und Verderben.

Einer meiner Freunde, ein Franzose, dem einst eine Wirtshausrechnung gebracht wurde, rief, als er mehrere Male mit zuckendem Herzen die vielen Schillinge zusammengerechnet hatte, in wilder Verzweiflung: »On est shillingué dans ce sacré pays!«

Aber alle diese Betrachtungen über das Geld, über den Teufel, über die menschliche Seele und über die schwarzen Husaren haben einen viel größern und edlern Zweck, als man glaubt. Sie sollen eine wohlmeinende Warnung für meine Landsleute sein.

Die Zeit der großen Ausstellung der Industrie aller Nationen naht heran. Schon prangt das Ausstellungsgebäude, Pastons wunderbarer Kristallpalast, wie ein Feenschloß aus der Traumwelt, wie ein gläsernes Riesenspinnengewebe in Hydepark und füllt jedes Herz mit Bewunderung und Entzücken. Tausende meiner 365 Landsleute werden in die Hauptstadt Englands kommen mit lyrisch gestimmten Gemütern, mit philosophisch gebildeten Köpfen und mit Silbergroschen, auf denen die Könige von Preußen so leicht erröten. Ich bin kein Prophet; aber das sehe ich im Geist und Sinne voraus, es werden viele deutsche Tränen fließen an den Ufern der Themse. Es wird in London mancher deutsche Geldbeutel die schwache Seele aushauchen in seiner Jugendblüte, und auf das plötzliche Ende ohne Schrecken wird ein Schrecken ohne Ende folgen.

Machen wir uns keine Illusionen, meine lieben Landsleute! Seien wir vorsichtig; denn der Feind steht gerüstet!

Die Engländer sind geborene Handelsleute. Sie lassen so leicht keine Handelskonjunktur unbenutzt vorübergehen; und es ist gewiß, daß die Fremden bei dieser industriellen Pilgerfahrt soviel wie möglich und womöglich noch etwas mehr ausgebeutet werden. Die Lebensmittel werden während jener Zeit nicht nur viel teuerer, sondern auch viel schlechter werden. Daß die Londoner Milch, die man jetzt schon zum Teil von den Kreidefelsen Albions melkt, zu jener Zeit noch mehr Kreide enthalten wird, versteht sich so sehr von selbst, daß die englischen Blätter davon wie von einer ausgemachten Sache sprechen. Schuster und Schneider, Hutmacher und Friseure, kurz alle, die nur irgendein Gewerbe treiben, haben jetzt schon Furcht, sie könnten, wenn die Ausstellung vorüber, von bitterer Reue gequält werden, daß sie jene Zeit nicht besser benutzt. Vor allem aber werden die Wohnungen unerschwinglich teuer werden, namentlich in den dem Ausstellungsgebäude naheliegenden Stadtteilen. Es zeigt sich jetzt 366 schon ein immer größer werdender Mangel an Verschämtheit im Preise der Wohnungsmiete. Dieser Mangel wird aber der Verschämtheit bald über den Kopf wachsen. Der Fremde also, dessen Finanzen nicht Kraft genug besitzen, auf das allerschlimmste gefaßt zu sein, wird hier bald die Fassung verlieren und wenig angenehme Eindrücke aus dieser Weltstadt in die Heimat zurückbringen.

 


 

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