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Paris und London

David Kalisch: Paris und London - Kapitel 37
Quellenangabe
typereporting
booktitleKünstler, Quäker, Demokraten
authorLudwig Kalisch
year1970
firstpub1851
publisherRütten & Loening
addressBerlin
titleParis und London
pages366
created20130317
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Judge and Jury Society

Der Engländer nimmt ein sehr lebhaftes Interesse an jeder öffentlichen Verhandlung, besonders aber an Gerichtsverhandlungen. Die Londoner Gerichts- und Assisensäle sind daher immer von Zuhörern überfüllt; und die Zeitungsspalten, in denen von solchen Verhandlungen berichtet wird, werden von allen Ständen 346 am aufmerksamsten gelesen. In der Tat ist auch dieser Teil der Journale häufig am interessantesten. Der Kampf der Parteien im Gebiete der Politik wiederholt sich und erlahmt sehr oft, und es vergehen zuweilen ganze Wochen, in denen die Politik so unfruchtbar ist wie die Lüneburger Heide. Der Kampf des Verbrechens mit der Justiz aber ist ein unaufhörlicher, ein an Abwechselungen reicher, und es vergeht kein einziger Tag, an welchem er nicht die allgemeine Aufmerksamkeit in Anspruch nähme.

In einer Stadt, die dritthalb Millionen Einwohner zählt, in einer Stadt, wo die Interessen sich so vielfach kreuzen und der Weg zum Glücke so dicht gedrängt ist, da müssen die Abwege von der Tugend ebenso dicht gedrängt sein, und das Verbrechen muß sich tausend Schlupfwinkel aufsuchen, muß sich der verschiedensten Masken bedienen, um die Wachsamkeit der Justiz so gut und so lange wie möglich zu vereiteln. Die Justiz ihrerseits muß unermüdlich der Fährte des Verbrechens folgen, muß ihren ganzen Scharfsinn aufwenden, um die gesellschaftliche Ordnung vor den Eingriffen ihrer verschmitzten Feinde zu sichern. Dieser ewige Wettkampf zwischen Justiz und Verbrechen, bei welchem das Interesse des Publikums so unmittelbar berührt wird, hält natürlich dessen Aufmerksamkeit in steter Spannung.

Bei der unbeschränkten Öffentlichkeit nun, die seit Jahrhunderten im englischen Gerichtsverfahren waltet, sind dem englischen Volke seine Gesetze und deren Formen sehr geläufig worden, und man sieht selten einen Engländer von einiger Bildung, der nicht ziemlich genau wüßte, was in seinem Lande rechtens ist. Diese Formen hat der englische Humor auszubeuten 347 nicht verfehlt, und die Mocktrials, die parodierten Gerichtsverhandlungen, sind dem Engländer eine Lieblingsunterhaltung.

Die Judge and Jury Society, wo allabendlich solche Mocktrials aufgeführt werden, sind daher sehr besucht. Ich hatte von dieser Judge and Jury Society schon in Deutschland viel gehört und war daher sehr gespannt darauf. Ich muß aber gestehen, daß ich in meiner Erwartung über alle Maßen getäuscht wurde.

Der Saal, wo diese Verhandlungen stattfinden, befindet sich in Garrick's Head, einer Taverne in Bow Street, nahe am Covent-Garden-Theater. Der Eintritt kostet einen Schilling. An dem der Türe entgegengesetzten Ende des Saales befindet sich die Tribüne. An den Wänden rings umher hangen berühmte Barristers, natürlich in komischer Auffassung. Sobald der Saal sich gefüllt, das heißt, sobald alle Gasttische besetzt sind und jeder Gast sein Glas Stout, Grog oder Gin and Water vor sich stehen hat, kommt der Gerichtsschreiber in Robe und Perücke, nimmt seinen Platz an dem untern Teile der Tribüne ein, ordnet seine Akten und fordert die anwesenden Gäste auf, aus ihrer Mitte die Jury zu bilden. Sechs Personen bilden dort die Jury. Nachdem sechs Herren, die dampfende Zigarre im Munde und das gefüllte Glas in der Hand, ihre Sitze zur rechten Seite der Tribüne eingenommen, kommen der öffentliche Ankläger und Verteidiger. Jener nimmt seinen Platz an der linken Seite der Tribüne ein, also den Geschworenen gegenüber; dieser setzt sich in die Mitte der Tribüne, hinter welcher ein erhöhter Sitz für den Lord Chief Baron, oder den Präsidenten, angebracht ist. Der Gerichtsschreiber nimmt nun den Mitgliedern der Jury den Eid auf die Bibel ab, und 348 nachdem diese geschworen und die Bibel geküßt, kommt der Pedell mit einem ungeheuer langen Stabe und meldet die Ankunft des Lord Chief Baron. Die Flügeltüren des Saales öffnen sich, und der parodierte Lord Chief Baron, eine kugelrunde Gestalt, tritt mit feierlichen, ernsten Schritten durch den Saal, und sobald er seinen Sitz erreicht, erheben sich die Mitglieder des Barreaus und die Geschworenen und machen ihm ihre Reverenz, die er mit aller ihm zu Gebote stehenden Würde erwidert und dann mit pathetischer Stimme: »Gin and water and a cigar!« ruft.

Nachdem Seine Lordschaft dem Glase, in welchem die große Quantität des Gin die geringe Quantität des unschuldigen Wassers fast spurlos macht, tüchtig zugesprochen und die Zigarre in den Mund gesteckt, beginnt die Verhandlung. Der öffentliche Ankläger hält seinen Vortrag; die Belastungs- und Entlastungszeugen werden vorgeführt und vernommen; der Verteidiger des Angeklagten sucht in seiner Rede die Unschuld darzutun; der Lord Chief Baron entwickelt den Geschworenen das Resümee, und diese sprechen dann ihr Verdikt.

Man sieht also, daß die Form der ernsten Prozedur in diesen Mocktrials genau beobachtet wird; die Parodie aber liegt im Stoffe. Nur das Thema der Verhandlung ist komisch. Es wird ein barockes Vergehen erfunden, und Ankläger, Verteidiger und Zeugen studieren ihre Rollen früher sehr fleißig ein. Diese Themata sind in der Regel sehr schmutziger Natur, und ein Ohr, das bei den Verhandlungen der Judge and Jury Society nicht sehr beleidigt wird, ist durch nichts mehr zu beleidigen. Man hat in der Tat keinen Begriff davon, wie grobborstig die Zoten sind, die in diesen Mocktrials gerissen werden. Es wird selten ein Gegenstand der 349 Verhandlung gewählt, der nicht solcher Natur ist, und ist der Gegenstand an und für sich nicht schmutziger Art, so wird er durch die Verhandlung dazu gemacht.

Als ich das erste Mal Garrick's Head besuchte, wurde dort ein Prozeß verhandelt, der, obgleich seit mehreren Wochen allabendlich wiederholt, dennoch eine solche außerordentliche Menge Zuhörer herbeigelockt hatte, daß der Saal zum Erdrücken voll war. Welch ein Prozeß! Er war so unflätig, daß es der gewandtesten Feder unmöglich ist, nur einen oberflächlichen Begriff davon zu geben, ohne das Sittlichkeitsgefühl selbst des tolerantesten Lesers aufs tiefste zu verletzen.

Der Engländer ist derb und plump. Von allen rosigen Gottheiten ist ihm die Grazie am wenigsten hold. Wo der Franzose mit einer bewundernswürdigen Virtuosität auf der schmalen Linie sich bewegt, welche die Sitte zwischen das Anständige und Unanständige gezogen, plumpt der Engländer gleich bis über die Knie ins Unanständige hinein, und sein Spaß wird widerwärtig, wenn er zweideutig werden will. Aber selbst in Deutschland würde sich kaum der roheste Handwerksbursche in den ordinärsten Kneipen solcher Ausdrücke bedienen, wie ich sie an jenem Abende in Garrick's Head zu Dutzenden gehört.

Als ich am folgenden Tage einem englischen Schriftsteller meinen Unwillen und meine Verwunderung über diese Abendunterhaltungen aussprach, sagte er zur Entschuldigung, daß jene Abendunterhaltungen nur von Fremden und von der niedern Volksklasse besucht würden. Dem ist aber nicht so. Die niedere Volksklasse in London hat ganz andere Dinge zu tun, als einen Schilling für derartige Vergnügungen auszugeben. Auch habe ich an der äußern Erscheinung des Publikums, das 350 in Garrick's Head versammelt war, gleich gesehen, daß es dem mittlern Stande angehörte. Und nicht nur junge, auch ältere Männer waren dort und erbauten sich an den schnöden Witzen, an denen sehr viel Schnödes und kaum etwas Witziges war.

Ich habe oben gesagt, daß ich mich in bezug auf diese Judge and Jury Society in meinen Erwartungen durchaus getäuscht hatte. Diese Täuschung lag aber nicht etwa darin, daß ich feine Scherze, anmutige Späße erwartete; sie entstand dadurch, daß ich mir jene Verhandlungen als humoristische Improvisationen dachte, in denen die Anregung des Augenblicks wenn auch nicht alles, doch das meiste tue. Ich fand aber, daß alle diese Späße einstudiert, daß jeder seine Rolle auswendig gelernt hatte und ward nun durch die Geistesarmut, die, in schmutzige Lumpen gehüllt, sich so anspruchsvoll vor dem Publikum gebärdete, sehr verstimmt. Ich tat meinen Ohren Abbitte, als ich den Saal verließ, und war entschlossen, ihn nie wieder zu besuchen.

Ich wurde jedoch einige Wochen später von meinem Entschlusse wieder abgebracht. Riesengroße Zettel verkündeten nämlich, daß in der Judge and Jury Society der Prozeß zwischen dem General Haynau und den Brauerknechten der Herren Barklay, Perkins u. Comp. verhandelt würde. »Marshall Haynau versus Brewers« war ein zu verlockender Titel und versprach des Interessanten zu viel, als daß ich in meinem Entschlusse nicht hätte wankend werden sollen. Der Saal war womöglich noch mehr gefüllt als bei der oben beschriebenen Verhandlung. Deutsche, Ungarn, Polen, Franzosen und Italiener hatten sich eingefunden. Nach den üblichen Formalitäten begann der Ankläger seinen Vortrag. Er sagte, daß das freie England von jeher die 351 Zufluchtsstätte der Verfolgten, das Asyl der Verbannten gewesen und daß in keinem Lande der Erde so viel Gastfreiheit herrsche. Dieser Ruhm sei so unbestritten, daß Ludwig Philipp, durch die Februarrevolution von seinem Throne gestürzt und von Frankreich vertrieben, bei seiner Landung an der englischen Küste begeistert rief: »Gottlob, ich bin in England!«

Dieser schöne Ruhm Englands sei nun durch den Empfang, den die Angeklagten, die Brauer nämlich, dem österreichischen Feldzeugmeister bereitet, sehr verblichen, und wenn die englische Justiz in diesem Falle nicht einschreite, so würde England künftig nicht höher geachtet werden können als die Länder des Kontinents, wo es nur Verfolger und Verfolgte gäbe.

In diesem ernsten Tone fuhr der Ankläger fort. Keine Spur von Humor, von Ironie oder geißelnder Satire! Als er geendigt, wurden Haynau, sein Adjutant und ein Dolmetscher vorgeführt. Der Feldzeugmeister, dem der welthistorische Schnurrbart wie ein paar große Eiszapfen bis über das Ende der Weste herunterhing, trug einige Dutzend Orden auf der Brust und hatte einen Korporalstock in der Hand. Das Gesicht des Adjutanten konnte man nicht sehen vor lauter wildem Gestrüppe, aus dem die rote Nase wie ein riesiger Johanniskäfer hervorleuchtete; was aber den Dolmetscher betrifft, so hatte er das Ansehen, als ob sein Rock nie von einer Bürste und sein konfuses Gelocke nie von dem Zahne eines Kammes berührt worden wäre.

Nachdem der Dolmetscher beeidigt worden, begann er eine Konversation mit dem Feldzeugmeister in einer eigens für diesen Zweck erfundenen Sprache, die so furchtbar klang, daß jedes nur einigermaßen menschlich organisierte Ohr davon in Stücke gerissen wurde. Die 352 Engländer lachten unaufhörlich über diese Sprache, und das war für mich das einzig Komische. Wenn Franzosen oder Italiener unsere Sprache übelklingend finden, so ist das natürlich, da deren vokalreiche Sprachen weich und sanft sind; höchst possierlich ist es aber, wenn der Engländer, an dessen Sprache der Wohllaut gerade die schwächste Seite ist, über den Mißklang der deutschen sich lustig macht. Wir armen Deutschen! Man spottet nicht nur unserer Mängel; unsere weltkundige politische Unbedeutendheit läßt in den Augen des Auslandes selbst unsere Vorzüge lächerlich erscheinen.

Durch Vermittlung des Dolmetschers erzählte nun der Feldzeugmeister sein Abenteuer in der weltberühmten Brauerei und die Flucht, die er zu ergreifen gezwungen und die von unzähligen Peitschen und Besenstielen gehemmt worden. Die Idee, einen Dolmetscher in der Verhandlung einzuführen, war eine glückliche und konnte sehr fruchtbar und ergiebig werden. Leider wurde sie aber nur für einige ungesalzene Späße benutzt, und das Kleeblatt Haynau, Dolmetscher und Adjutant fing an, das Publikum zu langweilen. Erst als eine Zeugin vorgeführt wurde, gewann die Verhandlung ein lebhafteres Interesse, wenigstens für einen Teil des Publikums.

Die Zeugin erzählte ausführlich die Mißhandlungen, denen der Feldzeugmeister auf seiner Flucht ausgesetzt gewesen. Sie beschrieb die Fäuste, die an seinem Schnurrbarte gezaust und seinen Rücken zerbläut; und sie zählte die Titel auf, die ihm der wütende Volkswitz bei dieser Gelegenheit gegeben. »Aber das ist noch nicht alles«, sagte die Zeugin sodann. »Ja, das ist fast nichts gegen das, was dem armen Feldzeugmeister zuletzt widerfuhr.«

353 Sie schlug bei diesen Worten die Augen züchtig nieder und hielt inne. Verteidiger und Ankläger drangen nun in sie, von der Mißhandlung zu berichten; und nach langen Bitten, Ermahnungen und Aufforderungen erzählte sie endlich, daß die aufgestachelte Volkswut sich nicht nur an dem Schnurrbart des österreichischen Heros vergriffen und ihn, den Schnurrbart nämlich, um mehrere Zoll verkürzt, sondern daß viele Weiber, aus Rache wegen der Peitschenhiebe, die der General unschuldigen Frauen erteilen ließ, ihn auch sonst noch unbarmherzig lädiert hätten.

Nun war das Thema auf ein Gebiet hinübergespielt, auf welchem man sich zur Freude des Publikums mit vielem Behagen herumtummelte. Kreuz- und Querfragen von seiten des Verteidigers, Kreuz- und Querfragen von seiten des Anklägers und naive Antworten von seiten der ehrbaren Zeugin! Aus diesen Antworten ergab sich, daß der unglückliche General um ein Bedeutendes verkürzt an das linke Themse-Ufer zurückkehren mußte.

Dieser entsetzliche Verlust war es auch, den der Lord Chief Baron in seinem Resümee besonders hervorhob. Er sagte: »Wenn dem Prinzen Albert von seiten wütender Weiber ein solch bitterer Verlust verursacht worden wäre, wie hätte die öffentliche Meinung darüber geurteilt? Welche Trauer hätte sich darob in Buckingham Palace verbreitet! In dem freien England aber muß jeder Untertan, von dem Prinzen Albert bis zum Gassenkehrer, gleichen Schutzes der Gesetze teilhaftig sein; ebenso jeder, der die englische Küste betreten.« Der Verlust, den der Marschall Haynau erlitten, sei leider nicht mehr zu ersetzen, fuhr der Lord Chief Baron fort; aber die beleidigte Gerechtigkeit empfinde 354 diesen Verlust ebenso hart wie der Marschall selbst, und ihr müsse Genugtuung geschehen, damit Europa künftig nicht sage, daß auswärtige Feldmarschälle Großbritannien nicht besuchen könnten, wenn sie sich nicht leichtsinnig dem bejammernswürdigsten Verluste aussetzen wollten.

Die Jury sprach hierauf das Schuldig aus.

Im ganzen war diese Verhandlung noch ärmer an Geist und Humor als die erste, der ich beiwohnte, und ich hatte dabei nichts zu bewundern als die Genügsamkeit des Publikums, das die rohesten Witze belachte. Ich fand zugleich, daß gewisse Späße, die ich in der ersten Verhandlung gehört, auch in dieser wieder angewendet wurden. Und diese Späße gehörten gerade zu den allerunsaubersten.

Verstimmt, zum zweiten Male um einen Abend betrogen worden zu sein, verließ ich den Saal.

Die Judge and Jury Society ist durchaus nicht, wie ihr Name vermuten läßt, von einer Gesellschaft ins Dasein gerufen worden; sie ist das Unternehmen Nicholsons, der in den Verhandlungen den Lord Chief Baron agiert. Nicholson besitzt eine wissenschaftliche Bildung. Er hat, wie mir gesagt wurde, früher Theologie studiert, und, nachdem er sich von den gottesgelehrten Bestrebungen abgewendet, manche gute und böse Laune des Schicksals erfahren. Die Idee der Mocktrials in Garrick's Head ist in seinem spekulativen Kopfe entstanden.

Nicholson ist eine wahre Fallstaff-Gestalt. Seine kurzen Beine haben unsägliche Mühe, das Fettübergewicht seines Körpers zu tragen, und niemand, wie er, ist von Natur so sehr berufen, die Würde zu parodieren. Geist und Witz ist ihm durchaus nicht 355 abzusprechen, und er ist auch der einzige, der in den Verhandlungen von beiden das sicherste Zeugnis ablegt. Der öffentliche Ankläger und der Verteidiger in diesen Mocktrials werden von Nicholson salariert; ebenso die in diesen Verhandlungen auftretenden Zeugen.

Nicholsons Mocktrials erfreuen sich eines viel lebhafteren Besuches als die besten Theater Londons, was eben nicht für den guten Geschmack der Londoner spricht. Ich habe mich auch später überzeugt, daß der Vorliebe an schmutzigen Späßen nicht bloß in Garrick's Head, sondern in fast allen den Tavernen gehuldigt wird, wo von seiten der Wirte Sänger engagiert sind, die sich jeden Abend hören lassen. Die allerzweideutigsten Lieder sind dort die allerbeliebtesten, so wie die Sänger solcher Lieder die allerpopulärsten sind. Sie sind so gerne gesehen und gehört, daß bei ihrem jedesmaligen Erscheinen sich ein lang anhaltender, wahrhaft donnernder Beifallssturm erhebt.

Man würde sich aber sehr irren, wenn man sich unter jenen Tavernen gemeine Kneipen denkt. Diese Tavernen werden gerade von der Mittelklasse besucht, von jungen Kaufleuten, Künstlern und wohlhäbigen Handwerkern. Der Engländer hat aber eine besondere Vorliebe für derartige Genüsse, wenn er außer seinen eigenen vier Pfählen ist, und nur durch diese Vorliebe lassen sich die verfänglichen Stellen in Shakespeares Werken erklären, jene Stellen, an denen nach meiner festen Überzeugung Shakespeare, der Theaterunternehmer, mehr teilhat als Shakespeare, der unsterbliche Dichter.

Nicholson ist auch Redakteur eines Witzblattes: »Giovanni in London«. Es gehört zu jenen Blättern, die in Holywell Street stets vorrätig sind. Diese kleine, enge Straße ist eine der merkwürdigsten in London. In 356 keiner andern Straße ist der Unrat in so vielen Formen zu finden wie dort. Die schmutzige Straße besteht aus kleinen, engen Häusern mit dunkeln Kramläden, in denen alte Kleider und Gerümpel, besonders aber jene Art literarischer und artistischer Werke verkauft werden, welche in allen Ländern von der Zensur des Anstandes verboten werden. Die Bilder und Schriften, die man dort feilbietet, sind gewöhnlich versiegelte Geheimnisse, und zwar im strengsten Sinne des Wortes. Mysterien Amors und seiner höchst populären Mutter, in Schrift und Bild mit stumpfer Feder geschrieben und mit rohem Griffel illustriert, werden dort in den Schaufenstern halbverhüllt gezeigt, zur Lockung jenes Publikums, dem für eine feine Feder und einen zierlichen Griffel das Verständnis fehlt. Und diese Straße heißt Holywell (heilige Quelle) und wird an jedem Ende von einer Kirche begrenzt. Kann man sich eine größere Ironie denken?

In Holywell Street werden auch die periodischen Unterhaltungsblätter verkauft, die nicht wenig zur Entsittlichung des Volkes beitragen. Unter diesen Blättern ragt an Gemeinheit, Roheit und Geistlosigkeit besonders »The fast man« hervor. »Giovanni« hat doch wenigstens einen gewissen derben Witz, eine heitere, anmutende Laune; »The fast man« aber ist so ekelhaft, daß ich nicht begreifen kann, wie selbst das Publikum in den ordinärsten Gin-Palästen daran Gefallen finden kann.

Wahre Volksdichter könnten sich ein unsterbliches Verdienst erwerben, wenn sie hier reformierend einwirkten. Dickens hat den Anfang dazu gemacht, nicht durch seine Novellen, die zu umfangreich sind, um nicht die Geduld und die Zeit der niedern Volksklasse zu 357 sehr in Anspruch zu nehmen, sondern durch seine vorzügliche Wochenschrift: »Household Words«. Reynolds, Eugène Sues Nachahmer, gibt sich zwar das Ansehen eines demokratischen Schriftstellers, trägt aber durch seine Lust am Zynischen nicht wenig dazu bei, das rohe Volk noch roher zu machen.

Man schilt so gern auf Frankreich. Aber wieviel ist dort von seiten der Volksdichter seit der Julirevolution geschehen! Die gemeinen Lieder, die in den Pariser Guinguettes vor 1830 gesungen wurden, sind gänzlich dort verschwunden. Treffliche republikanische Volksdichter wie Charles Vincent, Amadée Thuillier, Laurent de Rillet, der Verfasser des trefflichen »Chant des Travailleurs«, und besonders der feuerige Pierre Dupont haben durch ihre begeisterten Weisen die obszönen Lieder fast gänzlich verdrängt. Sie haben sich nicht, wie so manche, die sich Volksdichter nennen, in aristokratischen Gnaden zu dem Volke herabgelassen; sie haben vielmehr das Volk zu sich emporgehoben, wie es jeder wahre Volksdichter tut, der niemals den wolkenberührenden Gipfel verläßt, auf den der Genius ihn gestellt. Das Volk hat sich zu ihnen erhoben und findet sich behaglicher auf jenen Höhen als in der flachen Gemeinheit.

 

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