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Paris und London

David Kalisch: Paris und London - Kapitel 36
Quellenangabe
typereporting
booktitleKünstler, Quäker, Demokraten
authorLudwig Kalisch
year1970
firstpub1851
publisherRütten & Loening
addressBerlin
titleParis und London
pages366
created20130317
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Freiheit und Gleichheit

Es gibt in England nur eine politische, keine administrative Zentralisation. Der Selbstbestimmung der Gemeinden tritt nichts hindernd entgegen; denn der erste Beruf der Regierung in England ist, sowenig wie möglich zu regieren und soviel wie möglich die Bürger ihren eigenen Kräften, ihrem eigenen gesunden Menschenverstande zu überlassen. Wenn eine Gemeinde in Yorkshire es für gut findet, einen Kanal durch ihr Dorf zu ziehen oder eine Brücke aufführen zu lassen, so wird der Kanal gegraben und die Brücke aufgeführt, ohne daß man erst von London die Bewilligung oder die Ansichten der Regierung abzuwarten braucht. Man weiß in England, daß der Staat keine Maschine, sondern ein gegliederter Organismus ist und daß man den Organismus nicht stärkt, wenn man die Glieder fesselt. Man weiß in England, daß die Regierung nicht allwissend ist und sie also unmöglich besser wissen kann, was den einzelnen Gemeinden nützt und frommt, als die Gemeinden selbst.

Diese unantastbare Selbständigkeit der Gemeinden hat von jeher alle Kräfte in England zu der unermüdlichsten Tätigkeit angespornt. Ihr verdankt England seine weltbeherrschende Macht. Das Prinzip der Selbstregierung hat England vor dem Krebsschaden der Bürokratie bewahrt und erfüllt den Engländer mit dem schönen Bewußtsein, daß er Herr seiner selbst ist und in seinem Tun und Lassen nicht von einer Schar Beamten abhängt, die er ernähren muß, um sich von ihnen beherrschen und schulmeistern zu lassen.

Herr seiner selbst sein ist des Engländers erster Grundsatz. Soll ein großartiges Unternehmen ins 336 Leben gerufen, soll ein Mißbrauch abgeschafft, eine Verbesserung eingeführt werden, so tun sich die Bürger zusammen und tauschen in Versammlungen ihre Ansichten aus. Das Recht der Vereinigung ist unbeschränkt, und weil es unbeschränkt ist, zeigt es sich von unschätzbarem Werte; ebenso die Preßfreiheit, die durch keine besondere Gesetze gesichert ist, sondern als eine Sache, die sich von selbst versteht, unangetastet bleibt.

Diese Freiheiten haben England so groß und stark gemacht, daß man in den Büchern der Geschichte ein ähnliches Beispiel von der ungeheuern Ausdehnung und sogleich von der innern Stärke eines Reiches vergebens suchen wird. So manches Jahrhundert nun erfreut sich England seiner kostbaren Institutionen; wie kommt es aber, daß die Massen in England trotz der Freiheit so roh, ja viel roher sind als in irgendeinem Lande auf dem Kontinente? Wie kommt es, daß in England die höhere Bildung ausschließliches Gut der höheren Klassen ist, daß dort die Mittelklasse an Bildung der unserigen weit nachsteht und daß die große Mehrheit aufs erbarmungswürdigste vernachlässigt ist?

Ich habe diese Frage oft an Engländer gerichtet, und sie haben es dem teuern und schlechten Schulunterricht zugeschrieben. Als ich dann fragte, warum der Schulunterricht nicht besser und wohlfeiler ist, warum nicht neue Schulen organisiert werden, antwortete man mir gewöhnlich, daß die Freiheit selbst es ist, die sich einer neuen Schulorganisation hindernd entgegenstelle. Die Regierung getraue sich nicht, reformierend ins Schulwesen einzugreifen, weil die Gemeinden, auf ihre Freiheit und Selbständigkeit eifersüchtig, darin eine unberechtigte und nicht stark genug zu bekämpfende Anmaßung sehen würden; die Gemeinden selbst aber 337 könnten in bezug auf eine neue Organisation nicht einig werden, da die religiösen oder vielmehr die konfessionellen Ansichten sich allzu heftig bekämpften.

Etwas Wahres liegt freilich in dieser Behauptung, aber auch nur etwas Wahres. Die Roheit, die Vernachlässigung der Massen in England hat noch einen andern, einen viel tiefern Grund. Sie ist, wie ich mich später überzeugt habe, in den sozialen Zuständen Englands zu suchen. Nirgends ist die politische Freiheit so ausgebildet wie in England; nirgends aber ist auch der soziale Gleichheitssinn so wenig entwickelt wie in England. Dem Staate gegenüber ist dort jeder frei; aber im gesellschaftlichen Verkehr gibt es dort nur Herren und Diener. Die Stände sind in England ebensosehr geschieden wie in Rußland, und die Sitte hat dieser scharfen Absonderung der Stände das Siegel der Unantastbarkeit aufgedrückt. Die Nobility hütet sich vor einer Berührung mit der Gentry, und die Gentry sieht mit ebenso neidischen Blicken zur Nobility hinauf, wie sie mit unverhehltem Stolze auf den City-Kaufmann blickt, der seinerseits eine eigene aristokratische Kaste bildet, die sich von dem mittlern Kaufmanne aufs ängstlichste absondert. So geht es bis zur untersten Kaste, bis zum armen Handwerker, bis zum Proletarier.

Diese Absonderung der englischen Gesellschaft in Kasten ist so streng, daß das Hinaufsteigen fast eine Unmöglichkeit ist, das Hinabsteigen aber einem Sinken gleich geachtet wird. Wenn jemand, der in England eine höhere Rangstufe behauptet, in seinen Vermögensverhältnissen die Ungunst des Schicksals erfährt, so wird er sich sehr hüten, sich philosophisch nach der Decke zu strecken, sondern er wird lieber sein Vaterland verlassen und von seinem 338 zusammengeschmolzenen Vermögen auf dem Kontinente leben. Wer in England seine Equipage abschafft, ist verloren. Mit seinen Pferden ist sein Glanz, ist seine Stellung dahin. Wenn jemand, der zur Aristokratie zählt, nicht Geld genug hat, um, wie es Mode ist, unmittelbar nach der Prorogation des Parlamentes London zu verlassen, so muß er wenigstens die Schaltern der auf die Straße gehenden Fenster seines Hauses sorgfältig zuschließen und in die hintern Zimmer sich zurückziehen, um sich nur ja nicht der Schmach auszusetzen, daß er in London zurückzubleiben genötigt ist, nachdem die Königin und die Hautevolee die Residenz verlassen. In dem Augenblicke also, da die Königin den Buckinghampalast verläßt, schließen sich alle Fensterläden im Westend, und mancher sitzt dann in seinem Hause gefangen, um nicht unaristokratisch zu erscheinen.

Solche Sklaven des Vorurteils sind die freiheitliebenden Engländer im sozialen Leben.

Wer in England eine Rangstufe abwärts steigt, wird immer tiefer hinabgestoßen. Hat nun einer den Ehrgeiz oder die Eitelkeit, auf eine höhere Rangstufe zu gelangen, so wird sein Streben gewöhnlich dadurch vereitelt, daß man den mühsam Steigenden mit allen Kräften zurückstößt. Es ist, als wollte ein einzelner eine wohlbewachte Festungsmauer erklimmen. Tausende stürzen, bevor es einem gelingt, eine kleine Bresche in die dicke Mauer der englischen Standesvorurteile zu machen. Nirgendwo sind die sozialen Vorurteile so mächtig, so unüberwindlich wie in England. Man wagt hier nicht, das Bollwerk niederzureißen, das der hochmütige Unverstand zwischen den Menschen aufgeworfen; im Gegenteil, man sieht in diesem Bollwerk einen Schutz vor den verderblichsten Mißbräuchen, und man 339 hält es für eine nicht stark genug abzuweisende Anmaßung, wenn jemand den sozialen Kreis, in welchen der Zufall der Geburt ihn gebannt, zu eng umschrieben findet.

Freilich gibt es hier und dort einen bedeutenden Künstler oder Schriftsteller, dem sich die high world öffnet; aber er tritt dann nicht als Gleichberechtigter in diese Kreise, sondern er wird dort nur gnädig aufgenommen. Er tritt als Klient unter die schützenden Fittiche aristokratischer Patrone. Wer in London mit einem Herzoge auf öffentlicher Straße gesehen wird, steht dem Glücke schon ziemlich nah, und der größte Genius, der in England nicht von irgendeinem Hochstehenden patronisiert wird, dem wird es trotz seinem Genie sehr schwer werden, sich Bahn zu brechen. Alles sucht daher Protektion von oben. Ohne Patronship glaubt niemand etwas erreichen zu können.

Daß es Ausnahmen gibt, versteht sich von selbst; aber diese Ausnahmen zeugen eben von der Regel.

Diese ängstliche Überwachung der verschiedenen Stände vor jeder Berührung mit einem niedrigern, hat in England Mißbräuche hervorgerufen, von denen man bei uns kaum einen Begriff hat. Nirgendwo in Deutschland, von Frankreich gar nicht zu reden, nirgendwo in Deutschland, selbst nicht in den Teilen, wo der Despotismus von jeher am ungestörtesten geherrscht, ist im bürgerlichen Leben soviel Servilismus wie in England. Es zeigt sich dies schon in der englischen Hausordnung. Ich habe, als ich nach London kam, nicht begreifen können, warum die Bedienten und Dienstmädchen nicht grüßen, wenn sie ins Zimmer treten oder einem Mitgliede der Herrschaft auf der Straße begegnen. Ich habe es anfangs für Roheit gehalten und erst später 340 erfahren, daß dies aus schuldiger Ehrerbietung geschieht. Keinem Dienstboten ist es erlaubt, der Herrschaft einen Gruß zu bieten. Schweigend tritt der Bediente ins Zimmer; schweigend geht er wieder fort. Dasselbe findet zwischen dem Gesellen und seinem Meister, zwischen dem Kommis und seinem Prinzipale statt. Nirgends eine freundliche Beziehung! Überall ängstlich gezogene Scheidelinien!

Ich weiß, es gibt Leute, die diese Absonderung der Menschen in Stände sehr schön finden und ihr nicht genug das Wort zu reden glauben; aber man muß in England gewesen sein, um die Folgen davon an der Bildung der Volksmassen bedauern zu können. Nirgendwo ist mir noch eine solche bestialische Roheit vorgekommen, und das Schlimmste dabei ist, daß man diese Roheit ganz natürlich findet. Nirgendwo ist die Bettelei zudringlicher, die Trunksucht verbreiteter als in London. Diese Laster hätten gewiß längst abgenommen, wenn die Stände mehr nivelliert wären. Wenn die höheren Klassen nur etwas herunterstiegen, so würden die unteren Klassen nur etwas höher zu steigen brauchen, um sich gegenseitig nicht mehr so fern zu stehen; durch eine Annäherung der Stände aber würden die rohen Sitten sich immer mehr abschleifen. Man sieht es an Frankreich, wo in der niedrigsten Volksklasse ein gewisser hoher Sinn, ein gewisser Stolz, vor allem ein Gefühl der Menschenwürde lebt.

Der Chiffonnier in Paris schämt sich nicht, die Lumpen aus dem Straßenkote aufzulesen; aber er würde sich schämen, wenn er betteln müßte, und er würde sich nicht nur von niemanden ungestraft beleidigen lassen, sondern auch ein undelikates Benehmen eines Höherstehenden gegen sich aufs schmerzlichste 341 empfinden und mit dem größten Nachdrucke zurückweisen. Der geringste Franzose hält sich nicht für so gering, daß er es nicht natürlich finden sollte, mit Leuten aus der höchsten Schichte der Gesellschaft einmal in ein Gespräch zu geraten, und er wird sich in diesem Gespräche mit einer Bildung ausdrücken, die um so höher anzuschlagen, als sie nicht aus Büchern angelernt ist. Die Revolution von 1789 hat die künstlichen Berge in der Gesellschaft für immer abgetragen. In England aber wird trotz dem Christentume, dem man mit soviel Eifer und frommer Salbung anzuhängen glaubt, der Unterschied des Ranges als ein unantastbares Heiligtum betrachtet, und es wird für eine unverzeihliche Sünde gehalten, wenn man dagegen auftritt. Als ich einst einem sehr frommen Engländer die Bemerkung machte, wie auffallend jedem Ausländer dieses stolze und hochmütige Absondern der verschiedenen Klassen in England sein müsse, da die Engländer sich selbst rühmten, fromme Christen zu sein und dem Geiste des Christentums doch jede Überhebung des Menschen dem Menschen gegenüber durchaus widerstrebe, antwortete er mir: »Every one has his full liberty in his sphere, but he ought not to overstep its limits.«

Das ist doch Logik! Man könnte ebensogut sagen, daß jeder Gefangene innerhalb seines Kerkers frei ist; nur darf er nicht daran denken, dem Kerker zu entwischen.

Aber so sind die Engländer! Sie sind in einen engen Ideenkreis gebannt, aus dem sie keine Zauberformel herauszubringen vermag.

Gewöhnlich hört man von den Engländern, wenn man mit ihnen über den Stolz ihrer Aristokratie spricht, die Behauptung, daß die englische Aristokratie sich 342 durch hohe Bildung auszeichne. Das ist freilich nicht zu leugnen. Aber das ist eben das Schlimme, daß in England die hohe Bildung fast ausschließlich im Besitze der höheren Klassen ist. Die Erziehungsanstalten und Hochschulen Englands sind so organisiert, daß sie sich nur demjenigen öffnen, dem ein bedeutendes Vermögen zu Gebote steht, so daß die Vorzüge der Bildung von dem Vorzuge der Geburt, von der Laune des Glückes bedingt werden. Wie der Reichtum, so ist auch die Bildung in England nur im Besitze einzelner; die große Mehrheit aber leidet an geistiger Verwahrlosung. Das macht die Kluft, die die höhere von der niedern Klasse trennt, so tief, daß selbst bei den eifrigsten Reformen kaum ein Jahrhundert ausreichen würde, sie auszufüllen.

Für einen Deutschen, der in England keinen Schritt gehen kann, ohne daß sich ihm tausend Dinge aufdrängen, die von einer großen gewaltigen Nation zeugen und ihn an die Zersplitterung, an die Schmach und Ohnmacht seines eigenen Vaterlandes erinnern: für einen Deutschen ist dort wenigstens der Gedanke erhebend, daß kein Volk der Erde an allgemeiner Bildung sich mit dem seinigen messen kann und daß in dieser Beziehung das stolze England tief unter Deutschland steht.

Man hat allerdings seit neuerer Zeit in England eingesehen, daß das dortige Schulwesen einer Reform bedarf, und man hat sich auch wohl schon ans Werk gemacht; es zeigt sich aber, daß man nicht Kraft und festen Willen genug hat, um die vielen Vorurteile zu besiegen, die sich einer durchgreifenden Schulreform entgegensetzen. Der Engländer ist überhaupt nicht sehr zum Reformieren geneigt; wir haben oft genug 343 gesehen, wie ungern er die Hand an verjährte Mißbräuche legt und wieviel Zeit es kostet, bis dort die bessere Einrichtung die schlechte verdrängt. Das ist sehr leicht zu erklären. Die Leute, die in England zu reden haben, stehen sich viel besser, wenn alles beim alten bleibt. Es eilt ihnen daher gar nicht. Die unteren Volksklassen aber haben eben nicht mitzureden und müssen geduldig abwarten, bis die wenigen Männer, die ihrer Sache sich wahrhaft angenommen, den Sieg davontragen. Der Sieg läßt aber gewöhnlich so lange auf sich warten, daß unterdessen Tausende zugrunde gehen.

Wie viele Menschenleben hat nicht bloß die Fenstersteuer gekostet! Dem armen Arbeiter, der vom frühen Morgen bis zum späten Abend schaffen muß, um seine Familie nicht hungern zu sehen, der keine Tasse Tee, keine Tasse Kaffee, kein Glas Bier, kurz, nichts genießen kann, was das schlechte Wasser trinkbar macht, ohne einen schweren Tribut zu zahlen: dem armen Arbeiter wird auch noch der Lichtstrahl besteuert. Jene grausame Steuer macht seine Werkstätte zum finstern, luftlosen Kerker, und er muß sich blind und hektisch arbeiten, damit unzählige Müßiggänger in allen erdenklichen Genüssen schwelgen können. Die Fenstersteuerfrage wird jetzt freilich mit dem größten Eifer, mit der größten Erbitterung erörtert, und es ist kaum zu bezweifeln, daß sie abgeschafft wird; wie viele Menschen sind aber während ihres Bestehens durch sie siechend zugrunde gegangen?

Man gehe nur durch Spitalfields, durch jenen von Seidenwebern bewohnten Stadtteil Londons, und man wird von einem tiefen Schauder ergriffen werden, wenn man diese schwarzen, verfallenen Häuser sieht, deren wenige Fenster zum Teil kaum größer als ein 344 Vogelbauer. Und in diesen Häusern leben fleißige, rührige, biedere Menschen in der Mitte einer Stadt, die fast siebenhundert Gotteshäuser zählt und wo so viele Gesellschaften zur Beförderung der Humanität Theorien voll Menschenliebe verkünden!

Kommen wir indessen auf unser Thema zurück!

Es ist nicht zu leugnen, daß selbst der roteste Republikaner kein größeres Maß persönlicher Freiheit sich denken kann, als man in England genießt. Dem Staate, der Regierung gegenüber ist jedermann in England sein eigener Herr; die Regierung kümmert sich so wenig wie möglich um Dinge, die nicht in ihr Bereich gehören. Aber soviel gesunder Menschenverstand im englischen Regierungssysteme herrscht, ebensoviel Unvernunft und blindes Vorurteil herrscht im sozialen Leben Englands. Der Geist der Freiheit lebt nur in den englischen Grundrechten, nicht in den englischen Sitten. Als Staatsbürger ist jeder Engländer stolz und selbstbewußt; im geselligen Verkehr aber herrscht in England so viel Hochmut auf der einen und so viel Demut auf der andern Seite wie kaum in irgendeinem andern Lande. Mit einem Worte: in England herrscht politische Freiheit, aber keine Spur sozialer Gleichheit, und so wie der Ausländer bei Betrachtung der politischen Institutionen sich angezogen fühlt und mit einem leicht zu begreifenden Neide erfüllt wird, ebensosehr wird er abgestoßen, wenn er an tausend Dingen die Spuren des widerwärtigsten Kastengeistes, des hochmütigsten Rangstolzes wahrnimmt.

Der Bediente, der hinter der Kutsche der aristokratischen Dame steht, muß sich sein dunkles Haar pudern lassen, um sich von anderen Bedienten, von den Bedienten einer minder aristokratischen Klasse, zu 345 unterscheiden, und er muß einen Stock mit einem großen glänzenden Knopfe halten, damit seine Herrin beim Aussteigen aus dem Wagen sich darauf stütze und nicht gezwungen werde, den Arm eines Menschen zu berühren, der in ihrem Solde dient. Ich weiß nicht, ob es vollkommen wahr ist, man hat mir aber von vielen Seiten versichert, daß die hohe englische Aristokratie, die eine besondere Vorliebe für kolossale Kutscher hat, dieselben wägen läßt und sie erst dann in Dienst nimmt, wenn sie als vollwichtig befunden werden. Ich weiß, wie gesagt, nicht, ob sich das wirklich so verhält; allein es scheint mir keinesweges unwahrscheinlich, da die nobeln Passionen der englischen Aristokratie oft sehr sonderbar sind.

Ich kann mir keine wahre Freiheit ohne Gleichheit denken. Unter Gleichheit verstehe ich die Hochachtung des Menschentums in jedem Menschen. Wo die Sitte nicht zurückbebt, einen Menschen zu erniedrigen, weil er zur Abhängigkeit von seinem Nebenmenschen gezwungen wird, da ist keine wahre Freiheit. Die wahre Freiheit ist nivellierend; sie will die Menschen nebeneinander, aber nicht übereinander sehen, und sie duldet kein Helotentum, unter welcher Form es auch sein mag.

 

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