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Paris und London

David Kalisch: Paris und London - Kapitel 34
Quellenangabe
typereporting
booktitleKünstler, Quäker, Demokraten
authorLudwig Kalisch
year1970
firstpub1851
publisherRütten & Loening
addressBerlin
titleParis und London
pages366
created20130317
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ein Prätendent

»Schweigen Sie mir von den deutschen Fürsten! Großartige Leute! Staatsschiffe wollen sie lenken – und verlieren Mut und Besinnung, wenn ein leiser Wind die Wellen kräuselt; Ruhe und Ordnung wollen sie schaffen – und sie töten jedes fruchtbare Leben! Statt männlichen Mutes – tyrannischen Hochmut; statt bewußter Stärke – mitleidslose Härte; statt kühnen Handelns ein ewiges Unterhandeln ohne Treue, ohne Glauben, ohne Würde. Sie verwirren, verfinstern und bringen die Elemente in den Kampf und fliehen dann erschreckt vor ihrer eigenen Unfähigkeit.«

So ungefähr sprach einst ein Engländer in Hydepark zu mir, als im Laufe der Unterhaltung die Rede auf Deutschland und seine Lenker gekommen war. Ich sage: »ungefähr«; denn er, der nicht in der Polizeifurcht auferzogen worden, drückte sich so englisch-zensurwidrig aus, daß, wenn ich seine Worte treu übersetzen wollte, ich mich wenigstens einem Dutzend deutscher Hochverratsprozesse aussetzen würde. Da ich nun aber zum Spinnen und Spulen weder Talent noch Neigung 315 habe, so will ich es lieber bei dieser schwachen Übersetzung bewenden lassen.

So viel ist sicher – und ich muß es mit dem tiefsten Schmerze bekennen –, daß man in England nicht sehr viel Hochachtung vor den deutschen Fürsten hat. Zur Verbreitung dieses Mangels an Hochachtung aber hat gerade ein deutscher Fürst nicht wenig beigetragen. Er hat in England seine gekrönten Kollegen noch mehr herabzusetzen gesucht, was ihm sehr leicht gelungen ist. Dieser Fürst ist kein anderer als Karl Friedrich August Wilhelm Herzog von Braunschweig, der am 7. September des Jahres 1830, aufrührerischen Andenkens, sich genötigt gesehen, eine Reise auf unbestimmte Zeit aus seinem Herzogtume im besondern und aus Deutschland im allgemeinen nach andern europäischen Ländern zu machen.

Der ehemalige Herzog von Braunschweig, der in London in Brunswick House, Brunswick Place, sehr zurückgezogen lebt, der einzige gekrönte Flüchtling unter so vielen ungekrönten, ist der Ansicht, daß nicht er das Herzogtum Braunschweig, sondern daß das Herzogtum ihn verloren. Achtzehn Jahre lang hat er gewartet, daß seine Untertanen ihn zurückrufen und mit loyalen Tränen der Reue wieder auf den Thron seiner Väter setzen würden. Von Tag zu Tag hat er eine Deputation erwartet; alle Vorbereitungen, diese Deputation zu empfangen, waren getroffen. Die Erwiderung auf ihre Anrede lag im Pulte. Sie war kurz, edel, großmütig. Sie war ein Meisterstück. Er hätte ihnen die Bitte, das Zepter Braunschweigs zu ergreifen und sich wieder auf den herzoglichen Thron zu setzen, nicht abgeschlagen. Er hätte sein zartes Brudergefühl erstickt, um sein Volk, das ihm so sehr am Herzen liegt, 316 zufriedenzustellen. Aber verlasse sich einer auf die Menschen und besonders auf die Braunschweiger! Die Verblendeten riefen ihn nicht; die Deputation kam nicht, und die kurze, edle und großmütige Erwiderung auf die gehoffte Anrede lag achtzehn Jahre im Pulte, also doppelt solange, als Horaz für jedes literarische Kunstwerk begehrt.

Während der achtzehn Jahre hätte der Herzog gewiß Zeit genug gehabt, die Braunschweiger zu verfluchen; aber der edle Herzog verfluchte seine Braunschweiger nicht. Er bedauerte sie nur, wie ein Weiser die Torheit der Törichten bedauert; denn er ist überzeugt, daß er seinen Thron nur durch die Tücke und den Verrat seiner deutschen Kollegen verloren. Er hat die Überzeugung, daß diese ihn geopfert, weil er der einzige unter ihnen war, der sein Volk frei und glücklich machen wollte; und er folgt nur dem Triebe seines Herzens, wenn er die Bosheit und Niedrigkeit seiner deutschen gesalbten Kollegen mündlich und schriftlich bekanntmacht.

Daß der Herzog während der achtzehn Jahre, während des langen Zeitraums vom 7. September 1830 bis zur deutschen Märzrevolution in träger Ruhe zugebracht, können nur diejenigen glauben, die den durchlauchtigen Flüchtling nicht kennen oder sein großes Streben zu begreifen nicht genug Scharfsinn und Seelengröße besitzen.

Haben wir nicht während dieses Zeitraums oft genug von den Prozessen gelesen, in die der durchlauchtige Verbannte verwickelt war, oder richtiger: in die er zu verwickeln sich veranlaßt sah? Haben wir nicht oft genug gelesen, daß er vor Gericht stand, weil er eine Schuld nicht bezahlen wollte? Aber wenn der 317 verbannte Durchlauchtige eine Schuld nicht bezahlen wollte, so geschah dies aus keinem der zwei Gründe, durch welche die Sterblichen im allgemeinen keine Schulden bezahlen, nämlich aus Mangel an gutem Willen oder aus Mangel an Geld, sondern aus einem tiefern, edlern, nicht genug anzuerkennenden Grunde. Es geschah aus Liebe zu seinem Volke. Der Herzog, der die Gebrechen des Justizverfahrens in Braunschweig genau kannte, wollte seinen Aufenthalt in fremden Ländern, und besonders in England, zum Studium der Jurisprudenz, und zwar auf die praktischste Weise, verwenden. Er wollte der Solon seines Volkes werden. Deshalb weigerte er sich oft, Rechnungen zu berichtigen, oder warf einen Sheriff zur Türe hinaus oder tat sonst etwas, wodurch die englische Gerechtigkeit sich beleidigt fühlen mußte. Er erschien dann selbst vor Gericht, um zu sehen, wie die Justiz sich gegen ihn, den scharfen Beobachter, benehmen würde. Die Erfahrungen, die er durch diese Prozesse machen mußte, sollten seinem Volke zugute kommen.

Aber diese fortgesetzten Beziehungen zu den Justizbehörden, welche die Verleumdung dem durchlauchtigen Verbannten als Skandal- und Händelsucht auslegte, war ihm noch nicht genug für die künftige Glückseligkeit seines Volkes. Er fing an, Geschäfte zu machen! Er handelte mit Diamanten, mit Perlen, mit Zylinderuhren, mit goldenen Dosen und mit Pferden und vermehrte dadurch sein an und für sich schon großes Vermögen um ein beträchtliches. Was sagten aber der blasse Neid, die giftige Verleumdung und die beschränkte Kurzsichtigkeit zu diesen Geschäften des Herzogs? Der blasse Neid, die giftige Verleumdung und die beschränkte Kurzsichtigkeit sagten, daß nur 318 Gewinnsucht ihn treibe, mit Bruchsilber, mit alten Pretiosen und Pferden Geschäfte zu machen, und wie seine Händel betrachteten sie auch seinen Handel von einem falschen Gesichtspunkte. Der Herzog Karl Friedrich August Wilhelm trieb und treibt jetzt noch Geschäfte, weil er weiß, welch wichtiges Element der Handel in jedem Lande ist und weil er die Nationalökonomie nicht besser studieren kann, als wenn er sie praktisch studiert; denn dadurch ist er sicher, daß er einst, wenn ein Zepter wieder in seinen Händen ruht, nicht Unwürdige zu Kommerzienräten ernennen würde.

Zu gleicher Zeit warf sich der Herzog von Braunschweig, oder der souveräne Herzog von Braunschweig, wie er im Bewußtsein seines guten Rechtes sich nennt, auf die Journalistik, nicht weil er Schriftstellertalent hatte, sondern weil er es für die Größe und Wohlfahrt seiner künftig zu beherrschenden Untertanen unumgänglich notwendig glaubte. Hätte er wirklich schriftstellerisches Talent oder innern Beruf zur Journalistik, so würde er nur dem Drange seines Talentes gefolgt sein, und er hätte nicht mehr Verdienst als irgendein anderer Literat oder Journalist; aber zu schriftstellern, ohne daß man durch Talent oder bittere Finanznot dazu gezwungen wird, ist ein Opfer, das doch selbst die eifrigsten Feinde des souveränen Herzogs anerkennen müßten, wenn sie nicht ganz verblendet wären. Weil sie aber ganz verblendet sind, behaupten sie, der Herzog gäbe nur die »Deutsche Londoner Zeitung« heraus, um seine Widersacher, nämlich den König von Preußen und die andern deutschen Fürsten, zu ärgern. Wie lächerlich und ungerecht!

Die schlechten Fürsten sind nicht immer gute Schriftsteller; aber die guten Fürsten sind gewöhnlich 319 schlechte Schriftsteller. Friedrich der Große, der abgedankt habende König Ludwig von Bayern und der Fürst von Reuß können als Beweis für diese Behauptung gelten. Und indem der Herzog von Braunschweig zeigt, wie wenig Talent er zum Schriftsteller habe, zeigt er zugleich, wieviel Herrschertalent er besitzt.

Wäre er vor dem verhängnisvollen Jahre 1830 als Literat aufgetreten, die Braunschweiger hätten ihm gewiß nicht zur schnellen Abreise Ursache gegeben; denn sie hätten sich sogleich überzeugt, daß wer so ungeschickt die Feder führe, gewiß mit außerordentlicher Geschicklichkeit das Zepter führen müßte. Leider aber warf sich der Herzog erst nach dieser Katastrophe auf die Schriftstellerei.

Wer indessen glaubt, der souveräne Herzog von Braunschweig habe sich mit allen diesen erwähnten Tätigkeiten zum Behufe seiner Wiedererlangung zum Throne seiner Väter begnügt, der würde sich sehr irren und sehen, daß er sich geirrt habe, wenn er in den London Docks nachfragte. In den London Docks liegen seit vierzehn Jahren, in Kisten und Tonnen wohlverpackt, sechstausend dunkelblaue Waffenröcke, sechstausend rote Pantalons, sechstausend Paar rote Epaulettes, sechstausend dreifarbige Gürtel mit Schnallen, sechstausend Paar Gamaschen sowie sechstausend vollständige militärische Montierungen, ganz neu und ungebraucht. Sie gehören dem souveränen Herzog von Braunschweig und sind für seine künftige Armee bestimmt.

Vom 1. Juni bis zum 1. Mai schlummern diese sechstausend Uniformen in den Kisten und Tonnen; aber an jedem 1. Mai, sobald die ersten Rosen schüchtern die Augen aufschlagen, kommt des souveränen 320 Herzogs Leibausklopfer und schlägt die Deckel von den Kisten und Tonnen und nimmt die Uniformen heraus und klopft sie gewissenhaft und gründlich durch. Dieser Prozeß dauert bis zum 16. Mai. Sobald aber die rosenfingerige Eos am 16. Mai den Osten küßt, kommt des souveränen Herzogs Oberpfefferer mit einem Zentner feingestoßenen Kanada-Pfeffers in die London Docks und pfeffert die sechstausend dunkelblauen Waffenröcke, die sechstausend Paar rote Pantalons, die sechstausend Paar rote Epaulettes, die sechstausend dreifarbigen Gürtel mit Schnallen und die sechstausend Paar Gamaschen. Dieses Einpfeffern dauert bis zum letzten Mai.

Nachdem diese Uniformen auf diese Weise durchklopft und durchpfeffert worden, werden sie wieder eingepackt und schlummern in den Kisten und Tonnen, bis sich der holde Lenz erneut und der Zephyr mit den Primeln scherzt.

Vierzehn Zentner Pfeffer hat der souveräne Herzog schon verbraucht und unzählig sind die Prügel, die den sechstausend Uniformen bereits zuteil geworden; aber noch immer hält es die exilierte Hoheit nicht zeitgemäß, die sechstausend Mann in die Uniformen zu stecken. Er will dieselben, die Uniformen nämlich, noch mehr an gepfefferte Prügel gewöhnen und sie so abhärten, daß sie vor keiner Gefahr mehr zurückschrecken. Denn er ist überzeugt, daß, so wie Kleider Leute machen, die Uniform den Soldaten macht. Aber das Herzogtum Braunschweig ist nicht mehr ausschließlich das Ziel seiner Eroberung; der souveräne Herzog hat seit 321 ungefähr zwei Jahren ein größeres, ein schöneres, ein ruhmwürdigeres Ziel vor Augen.

Als nämlich in dem ewig denkwürdigen Jahre 1848 die größten Söhne Deutschlands in der Paulskirche zu Frankfurt am Main tagten und im Schweiße ihres Angesichtes an der Verfertigung eines deutschen Kaisers arbeiteten, als endlich Heinrich, der Edle von Gagern, und Dr. Gabriel Riesser durch Unterstützung aller aufrichtigen Vaterlandsfreunde so weit mit ihrem Kaiser fertig waren, daß ihnen nichts weiter mehr fehlte als der Kaiser und sie also nach Berlin gingen, um den König von Preußen untertänigst zu bitten, daß er die Kaiserkrone annähme und sich und ihr Werk kröne; als der König von Preußen aber aus gewissen Gründen die Kaisermachermeister hart anfuhr und äußerte, sie sollten heimgehen und sich nicht um Dinge kümmern, die sie nichts angingen, als sie darauf aus gewissen Gründen Berlin so schnell wie möglich verließen, ohne den Kaiser zustande gebracht zu haben und sich darob sehr grämten, als kurz darauf die Paulskirche geschlossen wurde und die deutschen Grundrechte zugrunde gingen, als dieses alles und noch mehr geschah, da blitzte es durch den Kopf des souveränen Herzogs von Braunschweig, und er rief: »Die Esel! Warum haben sie mich nicht zum Kaiser gemacht? Hab ich nicht soviel Talent zum Regieren wie der König von Preußen? War nicht ein Welf schon deutscher Kaiser, als die Zollern noch weniger als nichts waren, nämlich gar nichts? Ich hätte ihnen ihre untertänigste Bitte nicht abgeschlagen; ich hätte die Kaiserkrone angenommen und wäre 322 nach Deutschland gegangen mit einer Reichsarmee von sechstausend Mann, sämtlich in trefflich ausgeklopften und wohlgepfefferten Uniformen. Die Esel! die Esel!«

So rief der Herzog damals in seinem gerechten Unwillen. Seit jener Zeit aber ist sein Entschluß gefaßt, daß er nicht sterben wolle, ohne die deutsche Kaiserkrone getragen zu haben. Er hat zwar immer noch Prozesse, er schreibt zwar immer noch die »Deutsche Londoner Zeitung« und hat den Handel mit Bruchsilber, Zylinderuhren und Pferden zwar noch nicht aufgegeben; aber sein Hauptziel, die Erlangung der deutschen Kaiserkrone, hat er dadurch keineswegs aus den Augen verloren. Und man muß gestehen, daß er, wie er sich über seine künftige Regierung als deutscher Kaiser ausgesprochen, die Unterstützung jedes wahrhaft deutschen Patrioten im höchsten Grade verdient. Er sieht dabei gar nicht aufs Geld. Er will nicht mehr als einen jährlichen Gehalt von drei Millionen Gulden, Kost und Logis mit einbegriffen. Sollte dieser Gehalt nicht ausreichen, so glaubt er den etwaigen Ausfall durch den Profit eines Geschäftes, das er in den kaiserlichen Mußestunden betreiben will, hinlänglich decken zu können. Was die Unkosten bei seiner Krönung betrifft, so sollen dieselben dem deutschen Reiche durchaus nicht zur Last fallen. Den Wein, der während seiner Krönung herkömmlichermaßen auf dem Römerberge zu Frankfurt fließen muß, will er selbst liefern. Ebenso will er sich auch die Reichskleinodien selbst stellen und die alten, wenn sie nicht schon durch die österreichische Finanznot zu Geld gemacht worden, der deutschen Nation zur beliebigen Verfügung stellen.

Seit drei Jahren findet sich in jeder Nummer der von 323 dem souveränen Herzog von Braunschweig redigierten »Londoner Deutschen Zeitung« folgende Anzeige:

»Zu verkaufen ein Brillant von 168 Grän und 300 weiße und farbige Brillanten, welche per Stück 20 bis 120 Grän wiegen.«

Oberflächliche Menschen nun – und leider gibt es solche selbst unter den Deutschen –, oberflächliche Menschen, sag ich, lesen diese Anzeige, wie sie andere Dinge lesen, nämlich ohne etwas dabei zu denken. Aber Leuten von tieferem Geiste ist es doch aufgefallen, daß dieser Brillant von 168 Grän und die dreihundert weiße und farbige Diamanten in dem reichen London keinen Käufer finden können, und ihnen, den Leuten von tieferem Geiste nämlich, ist endlich dieses Rätsel auf folgende Weise gelöst worden: Diese zum Verkauf ausgebotene Diamanten befinden sich in der Kaiserkrone, die der souveräne Herzog von Braunschweig hat anfertigen lassen; die stereotype Anzeige aber hat keinen andern Zweck, als die Aufmerksamkeit des Publikums indirekt auf den kaiserlichen Prätendenten zu lenken und wach zu erhalten. Die Krone soll, nach der Versicherung von Sachkennern, denen der Herzog sie gezeigt, sehr geschmackvoll gearbeitet sein; namentlich wird der Brillant von 168 Grän sehr gerühmt. Es ist daraus zu schließen, daß auch der Reichsapfel und das Zepter sich den Beifall der Sachkenner erwerben wird.

Aus allem diesem nun geht deutlich genug hervor, daß der Herzog Karl Friedrich August Wilhelm von Braunschweig während seiner Abwesenheit von Deutschland nicht geruht und gerastet und daß er keinen Augenblick das Wohl Deutschlands aus den Augen 324 verloren. Er lebt, wie bereits erwähnt, sehr zurückgezogen in Brunswick House, Brunswick Place, mit nichts anderem beschäftigt als mit seinen Handelsgeschäften und der Zukunft Deutschlands.

Kurzsichtige Menschen haben ihn des Geizes beschuldigt, weil er seinen Reichtum sorgfältig verschließt und keinem Dürftigen eine Unterstützung angedeihen läßt. Diese Kurzsichtigen wissen aber nicht, wie sparsam der souveräne Herzog sein muß, wenn er bei der künftigen Ausführung seines Kaiserplanes nicht scheitern will. Er würde gewiß mehr geben, wenn er nicht seine guten Gründe hätte, nichts zu geben. So wendete sich vor einigen Jahren der Ausschuß, der sich zur Anschaffung einer deutschen Flotte in London gebildet hatte, an den Herzog mit dem Ersuchen um einen erklecklichen Beitrag. Der Ausschuß gab ihm einen genauen Bericht über den dermaligen Zustand der besagten Flotte. Es wurde ihm mitgeteilt, daß die Flagge für dieselbe bereits sauber gemalt und daß Wilhelm Jordan, Verfasser des »Schaum« und anderer Gedichte, denen es an aufgeblasenem Wasser nicht fehlt, bereits Geheimer Marinerat sei; es fehle nur noch an der Flotte selbst, weil es an Geld fehle, und der souveräne Herzog möge also sein patriotisches Herz und seine Börse öffnen, damit die deutsche Flotte sobald wie möglich flott werden könne.

Der souveräne Herzog aber antwortete darauf, sichtbar ergriffen, folgende Worte:

»Nicht einen Heller geb ich, nicht einen roten Heller! Deutschlands Wohl liegt mir viel zu sehr am Herzen, als daß ich ein Unternehmen unterstützen sollte, das meine Plane und folglich das künftige Glück Deutschlands auf ewig vernichten würde. Meine Feinde sind 325 noch viel zu zahlreich und viel zu mächtig, und käme die deutsche Flotte zustande, so würde deren Mannschaft, sobald ich mit meinen sechstausend Mann in den durchgeklopften und durchgepfefferten Uniformen in die Elbe einliefe, auf mich schießen und mir und meinem deutschen Vaterlande ewiges Unheil bringen. Darum nicht einen roten Heller!«

So sprach der Herzog Karl Friedrich August Wilhelm. Er versprach feierlich, keinen roten Heller zu geben, und als Mann von Ehre hielt er sein Versprechen. Niemand weiß, was in der Zeiten Hintergrunde schlummert; sicher aber ist, daß, wenn Deutschland sich wieder aufrafft und einen Kaiser braucht, es sich an keinen passenderen Mann wenden kann als an Karl Friedrich August Wilhelm. Seine vielfachen Schicksale, seine gemachten Erfahrungen, sein Talent als Handelsmann, seine Talentlosigkeit als Schriftsteller, seine sechstausend Uniformen, seine vorrätige Krone und das verhältnismäßig geringe Salär, das er beansprucht (vielleicht läßt er mit sich handeln und nimmt ein paar tausend Gulden weniger), dies sind Umstände, welche die reiflichste Erwägung, die genaueste Berücksichtigung verdienen. Deutschland hat es schon mit vielen Kaisern probiert, die ihm teuer zu stehen kamen; warum sollte es nicht einmal den Versuch mit einem so spottwohlfeilen Kaiser machen? Und gelingt der Versuch nicht, was ist dabei verloren? Der Herzog Karl Friedrich August Wilhelm bietet den Vorteil, daß er schon einmal dem Volkswillen nachgegeben und mehr Übung im zeitgemäßen Zurückziehen hat als irgendein anderer deutscher Fürst. Auch fürchte man nicht, daß er als Kaiser sich demselben Fehler wie so viele frühere deutsche Kaiser, der Vorliebe nämlich für sein 326 Stammland, allzu eifrig hingeben würde. Nein, der Herzog Karl Friedrich August Wilhelm hat keine solche Vorliebe für Braunschweig, daß die anderen deutschen Lande darunter zu leiden haben würden.

Meine Stimme wird ihm also, wenn Deutschland einst durch einen Kaiser gerettet werden kann, gewiß nicht fehlen; und ich hoffe, daß auch die Stimmen der übrigen vernünftigen Deutschen sich für ihn aussprechen würden. Deutschlands Auge sollte stets auf Brunswick House, Brunswick Place, gerichtet sein.

 

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