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Paris und London

David Kalisch: Paris und London - Kapitel 3
Quellenangabe
typereporting
booktitleKünstler, Quäker, Demokraten
authorLudwig Kalisch
year1970
firstpub1851
publisherRütten & Loening
addressBerlin
titleParis und London
pages366
created20130317
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Karneval in Paris

Der Fastenochse hat in der diesjährigen Karnevalszeit eine bedeutendere Rolle gespielt als je zuvor; er ist nämlich zum Gegenstande eines Prinzipienstreites geworden. Bereits mehrere Wochen vor dem Karneval wurde die Fastenochsenfrage in allen Blättern lebhaft besprochen. Die monarchische Partei sprach sich gegen das Erscheinen des Fastenochsen aus, um dem Volke, dessen Vorliebe für denselben sie kennt, zu zeigen, was es durch die Februarrevolution verloren. Deshalb aber forderte die demokratische Partei nur um so heftiger das Auftreten des Ochsen. Was halfen aber alle Vernunftgründe? Herr Carlier wollte nicht, und Cäsar, so hieß der Fastenochse, glänzte in Paris durch seine Abwesenheit.

Die Bewohner von Batignolles und ich waren indessen glücklicher als die Pariser. Diesen Vorstädtern und meiner Wenigkeit war der Anblick des großen Cäsar gegönnt. Als ich mich am Faschingsdienstag in aller Frühe nach Batignolles begab, bemerkte ich an der barrière de Clichy einen großen Zettel, auf welchem der Zug des vierfüßigen Wundertiers angegeben war. Er sollte vom Montmartre herunter sich nach dem Stadthause in Batignolles begeben.

Es hatten sich bereits viele neugierige Gruppen gebildet, die den Herrn Carlier, die Regierung und den Präsidenten der Republik garstig durch die Lauge zogen. Ich hörte einen sagen, daß Ludwig Napoleon, der gern Cäsar werden wolle, aus Neid gegen den Ochsen, der schon Cäsar sei, ihm nicht den Eintritt in die Stadt erlauben wolle. Ein anderer bemerkte, daß eine Regierung, die sich vor einem Ochsen fürchtet, doch keine 17 sonderliche Courage haben könne; worauf ein dritter äußerte, daß Prätendenten sich von jeher vor Rivalen gefürchtet.

Nun flogen gute und schlechte Witze wie Fangbälle hin und her, und man schwang, trotz der Anwesenheit der Sergeants de ville, die Geißel der Satire schonungslos über den Rücken der Regierung. Nachdem man mehrere Stunden die Suppe der Unterhaltung mit attischem Salze gewürzt, vernahm man mehrere Trompetenstöße, und drei phantastisch gekleidete Reiter verkündeten die Ankunft des großen Cäsar.

Man muß gestehen, daß es ein Ochse war, der dem Rindvieh alle Ehre machte. Als Ochse von Charakter hatte er seine Schuldigkeit getan und war so groß und dick, als man sein kann, ohne im eigenen Fett zu ersticken. Er mußte seine vier Füße anstrengen, um seine eigene Last mit Würde zu tragen; aber das Volk empfing ihn mit eisiger Kälte. Dieser kalte Empfang war eine Manifestation gegen die Regierung, und der vierfüßige Cäsar ging spurlos und unbegrüßt vorüber. Der arme Ochse war das Opfer einer unpopulären Politik geworden und mußte ruhmlos zur Schlachtbank gehen. Das Schicksal des armen Cäsar ging aber niemanden so sehr zu Herzen wie dem Himmel, der plötzlich so heftige Tränen zu vergießen anfing, daß sich die Menge halb durchnäßt verlief und Schutz suchend in die Restaurationen und Cabarets eilte.

Der Faschingsdienstag sah aus wie ein Aschermittwoch, und was sich von Masken trotz des heftigen Regens auf den Boulevards sehen ließ, war nicht der Mühe wert, gesehen zu werden. Nur abends wurde es lebhafter. Ich besuchte gegen Mitternacht mehrere Tanzböden in Belleville, einer der Pariser Vorstädte, 18 und ich muß gestehen, daß ich auch hier keinen sonderlichen Begriff von dem Pariser Karnevalsleben bekam.

Der Pariser Karneval ist durchaus nicht mit unseren rheinischen Karnevalsfesten zu vergleichen. Am Rhein ist der Karneval ein poetischer Rausch, eine rauschende Poesie, die sich des ganzen Volkes bemächtigt; in Paris hingegen unterscheidet sich der Karneval von der Prosa der gewöhnlichen Tage nur durch eine größere Ausgelassenheit. Es ist keine Poesie, sondern nur ungebundene Prosa; es sind Bacchanalien, keine Saturnalien.

Der rheinische Karneval beschäftigt alle Künste. Poeten, Musiker und Maler widmen ihm die heitersten Stunden, und die Musen setzen sich die Schellenkappe auf und jubeln mit dem Volke. In Paris aber ist der Karneval ein Fest, an welchem das Laster sich noch eine gute Strecke weiter und mit größerm Geräusch von der Tugend entfernt als gewöhnlich. Am Rhein bildet der Karneval einen Gegensatz zum gewöhnlichen Leben; hier ist er nur eine höhere Potenz desselben. Er entbehrt daher auch alles Überraschenden, wenn man nicht etwa die großen Opernbälle ausnimmt. Diese Opernbälle gehören freilich zu dem Merkwürdigsten, was man nicht nur während der Pariser Karnevalszeit, sondern was man in Paris überhaupt sehen kann.

Man denke sich einen der größten und prachtvollsten Säle von fünfzig Lustren und tausend einzelnen Gasflammen beleuchtet; man denke sich alle Logenreihen dieses prächtigen Saales von den buntesten Zuschauern besetzt und das Parterre überfüllt von Debardeurs, Pierrots, Harlequins, Dominos und Phantasiemasken, die zu den betäubenden, wütenden Tönen eines riesigen Orchesters toll durcheinanderspringen, und man hat immer noch keinen genügenden Begriff von diesen Bällen.

19 Ist es doch überhaupt schwer, dem tugendhaften Deutschen die Art und Weise, wie die Franzosen tanzen, zu beschreiben. Der fromme Deutsche verliert selbst in seinen ausgelassensten Augenblicken seine Besonnenheit nicht ganz. Seine Tänze sind tugendhaft und bedächtig, und wenn er sich ja einmal vergißt, so büßt er einen tollen Augenblick wenigstens durch einen dreitägigen Katzenjammer und mit einer Woche voll Reue und Zerknirschung und nimmt sich vor, nie wieder einen solchen Streich zu begehen, und bittet die Tugend wegen der Sünden seiner Beine um Verzeihung. Ach, die deutsche Tugend kann nicht viel vertragen! Das Pariser Volk aber tanzt nie, ohne zu rasen. Seine Füße verlieren sozusagen den Verstand, und sein Verstand verliert sich in die Füße. Die Pariser kümmern sich dann weder um die Tugend noch um die Gesundheit. Die tollste und wildeste Musik ist ihnen noch nicht toll und wild genug. Man muß diese Opernbälle gesehen haben, um die Lungen der Pariser bewundern zu können, dieser Pariser, die zwei lange Winternächte hindurch rasen und doch nicht müde genug sind, um nicht noch eine dritte durchrasen zu wollen.

Die Pariser Opernbälle waren früher, als die Könige von Gottes Gnaden über Frankreich herrschten, der Vereinigungspunkt des Adels, wo man der Ehe unter der verhüllenden Maske mit größerer Bequemlichkeit Schnippchen schlagen konnte. Später gerieten diese Bälle immer mehr in Verfall, bis ein großer Mann erstand, der ihnen nicht nur den frühern Glanz wiedergab, sondern sie zu den merkwürdigsten der Welt machte. Dieser große Mann heißt Musard.

Nur die Lumpe sind bescheiden! Da aber Musard, wie eben erwähnt, ein großer Mann ist, so kann er 20 unmöglich bescheiden sein. Musard ist sich seiner Größe vollkommen bewußt. Er weiß recht gut, daß er der populärste Sterbliche in ganz Paris ist, in jener Stadt, wo die Unsterblichkeiten so sterblich sind und wo die Lorbeern oft schon welken, ehe sie recht grünen. Wie ein zufriedener Jupiter lächelt er, wenn er an der Spitze seines Orchesters steht und mit dem kleinen Taktstock das blecherne Donnerwetter in die Beine seines Publikums fahren läßt.

Musard ist der Napoleon der Tanzmusik. Sobald er sich sehen läßt, rufen tausend Kehlen: »Vive Musard!«, und er weiß, daß dieses Vive Musard aufrichtiger ist als das Vive Napoléon, welches der Präsident der Republik zuweilen hört.

Musard hat stets ein weltbeherrschendes Lächeln um die Mundwinkel, und auf seiner Stirne ruht die Überzeugung, daß keine Macht der Erde die seinige zu stürzen vermag. Denn solange Paris steht, wird Paris tanzen, und solange Musard lebt, werden die Pariser Füße jubelnd der Leitung seines Taktstockes folgen.

Die Tänze auf den Opernbällen haben zwar verschiedene Namen, aber es ist sehr schwer, auf diesen Bällen die Walzer vom Galopp, die Polka vom Schottischen zu unterscheiden. Es ist alles eben nur der Cancan, der sich unter verschiedenen Namen ankündigt. Wenn mich aber ein wißbegieriger Leser fragt, was der Cancan für ein Tanz sei, so kann ich ihm nur antworten, daß ein Deutscher, als er voriges Jahr diesen Tanz in einer der Pariser Vorstädte zum ersten Male gesehen, sogleich in Ohnmacht gefallen ist. Was mich betrifft, so will ich nicht heucheln. Meine Tugend kann sich leider keiner Ohnmacht rühmen; ich gestehe sogar, daß ich im Saal Valentino, wo ich den Pariser 21 Cancan zuerst gesehen, es eine ganze Stunde aushalten konnte, ohne daß mir's übel geworden wäre; so viel aber ist gewiß, daß der liederlichste deutsche Fuß doch immer noch zu moralisch ist, um sich mit diesem Tanze zu beschäftigen. Doch was spreche ich von Füßen? Der Cancan wird nicht bloß mit den Füßen, er wird auch mit den Händen getanzt. Ja, das eigentliche Tanzen macht den Cancan noch nicht zum Tanze, sondern die ihn begleitende Mimik, die heftige frivole Sprache, die dabei mit allen Gliedern gesprochen wird. Wahrlich, wenn diese Sprache hörbare Worte wären, müßte man sich die Ohren zuhalten. So viel ist ebenfalls gewiß, daß von dem Cancan sich nicht nur die Tugend, sondern auch die Grazie errötend abwendet, und was mich betrifft, so hat er noch mehr mein ästhetisches als mein sittliches Gefühl verletzt.

Der Cancan ist der Tanz des toll gewordenen Fleisches. Diese Tollheit ist zwar von der Polizei verboten, und die Priester der Sittsamkeit stehen in Gestalt von bärtigen Sergeants de ville auf jedem öffentlichen Volksball, um die Tollheit, wenn sie allzu toll wird, zu einiger Vernunft zu bringen. Aber die Sergeants de ville sind selbst Pariser, und es muß schon sehr arg zugehen, bis ihre, in dieser Beziehung diskretionäre, Gewalt einschreiten zu müssen glaubt.

Die Pariser cancanisieren jeden Tanz, und man kann leicht sehen, wie sie die Grenze des von dem sittlichen Anstand Erlaubten zu dem von der Polizei Verbotenen überspringen; wie weit sie sich aber in ihrer Tanzwut von dieser Grenze entfernen, das hängt nur von der Toleranz, von der Tugend und dem Keuschheitsgefühl der anwesenden wachhabenden Polizeidiener ab. Wo das Sittlichkeitsgefühl aufhört, fängt 22 der Cancan an; wo aber der Cancan aufhört, das wissen nur diejenigen, die viel mehr wissen, als meine Leser je zu wissen brauchen.

Die einzige Tugend, die der Cancan besitzt, ist seine Aufrichtigkeit. Der Cancan ist kein Hypokrit, und es sind nicht die Jesuiten, die ihn erfunden haben.

Auf den großen Opernbällen, wo man in Frack und gelben Glacéhandschuhen erscheinen muß, kann der Cancan, wenigstens vor vier Uhr morgens, sich nicht allzu weit von der Grenze des Erträglichen entfernen. Nach vier Uhr aber, wo sich bereits alles Weibliche entfernt hat, was nicht aus dem Krieg mit der Sittlichkeit ein Gewerbe macht, benutzt der Cancan noch die einzige Stunde vor dem Ende des Balles, und in dieser Stunde wird die röchelnde Moral vollends zu Tode getanzt.

Ich habe oben unter den Masken der Debardeurs erwähnt. Diese Debardeurs, die man durch die graziösen Zeichnungen Beaumonts im »Charivari« auch in Deutschland kennt, sind die vorherrschenden Masken auf den Musardschen Bällen. Es sind Grisetten und andere noch ein Dutzend Stufen unter den Grisetten stehende Mädchen, die als Debardeurs die großen Opernbälle besuchen. Man kann sich nichts Reizenderes, nichts Anmutigeres denken als diese Debardeurs. Sie tragen weite Samt- oder Atlashöschen, die kurz genug sind, um das Füßchen in seiner ganzen Pariser Niedlichkeit sehen zu lassen. Diese Füßchen sind in der Tat oft so klein, daß die seidenen Schuhe, in denen sie stecken, einem wahrhaft deutschen Kinderfuße nicht allzu weit sein würden. Diese Füßchen und deren Bekleidung sind der Stolz der Debardeurs, so wie überhaupt der Fuß der Stolz und der Gegenstand der 23 sorgfältigsten Pflege jeder Pariserin ist. Um den Leib tragen sie gewöhnlich einen Gürtel, sonst aber tragen sie nichts; denn das faltige, weite Hemd dient mehr dazu, die weißen Geheimnisse der Schultern und deren weiteste Umgebung zu offenbaren als zu verbergen.

Die Debardeurs sind von den Hüften aufwärts so gekleidet, daß man sehr deutlich die Stelle sehen kann, unter welcher ihr Herz schlägt, jenes Herz, das für so viele schlägt. Auf den Köpfchen tragen sie kleine weiße kokette Filzhütchen, die auf Krakeel sitzen. Sie fangen aber nie Krakeel an, es sei denn mit der Tugend, wenn diese sich vorlaut in die Mysterien des Cancans einmischen will, oder mit der gesunden Vernunft, sobald diese sich herausnimmt, ihnen größere Aufmerksamkeit auf die Gesundheit zu empfehlen.

 

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