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Paris und London

David Kalisch: Paris und London - Kapitel 25
Quellenangabe
typereporting
booktitleKünstler, Quäker, Demokraten
authorLudwig Kalisch
year1970
firstpub1851
publisherRütten & Loening
addressBerlin
titleParis und London
pages366
created20130317
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ein Londoner Sonntag

Wenn ich, um von dem Londoner Sonntag zu sprechen, mit dem Sonnabendabend beginne, so liegt der Grund weder in der deutschen Gründlichkeit, die gerne mit dem Uranfange jedes Anfanges anfängt, noch in einer sklavischen Nachahmung der biblischen Schöpfungsgeschichte, die jeden Tag mit dem ihm vorhergehenden Abend beginnen läßt, sondern deshalb, weil ein Londoner Sonntag ohne den Sonnabendabend gar nicht verständlich ist. Ein Sonnabendabend in London gehört auch zugleich zu dem Interessantesten, was man in dieser ungeheuern Stadt sehen kann. An diesem Abend erhält die arbeitende Klasse ihren Wochenlohn 209 und holt sich ihren Vorrat für den kommenden Tag. Da sie nun erst gegen Abend ihren Lohn erhält, so bleiben ihr für die herbeizuschaffenden Lebensmittel nur einige Stunden übrig; und wenn man bedenkt, wie groß die Zahl dieser Klasse in London ist und wie dicht gedrängt sie in einzelnen Teilen der Riesenstadt zusammenwohnt, so kann man sich ungefähr einen Begriff machen, wie lebhaft das Treiben in jenen Stunden sein muß.

Nur an einem Samstagabend kann man sehen, wie ungeheuer die Bevölkerung Londons ist. Wer dann zwischen acht und zehn Uhr die armen und ärmsten Straßen besucht, die in Clerkenwell, Shoreditch und ähnliche gewerbtreibende Stadtteile einmünden, der wird von einem Schauspiele überrascht werden, das in der ganzen Welt seinesgleichen nicht mehr hat. Es ist ein Treiben, ein Drängen und Drücken, ein Eilen, Jagen und Hetzen nach Mundvorrat, als ob es gälte, sich auf sieben Hungerjahre zu verproviantieren. Nicht nur sind die Metzgerläden voll gefüllt, sondern die ganze Fronte der Metzgerhäuser, vom Erdgeschosse bis zum Giebel hinauf, sind von Hammels- und Kalbskeulen, von Schinken, Lendenstücken und geräuchertem Specke ganz bedeckt, so daß diese Häuser das Aussehen ungeheuerer Fleischberge gewinnen. Vor diesen Häusern gehen die Metzger, wie die Marktschreier vor den Meßbuden, auf und ab und suchen durch ihr unausgesetztes »buy! buy! buy!« sich Kunden herbeizuheulen. Die Fleischhändler stehen aber auch zuweilen in der Mitte der Straße, so recht in der Brandung der Menschenwogen, und bieten unter entsetzlichem Geschrei ihre Waren 210 feil. So habe ich sehr häufig Metzgerburschen gesehen, die in der Mitte der Gasse auf einem Stuhle oder auf einem Tische standen und in den hoch emporgehobenen Händen Hammelskeulen hielten und die Herrlichkeiten des Fleisches laut anpriesen. Sie taten dies nicht ohne gewisse Beredsamkeit, aber mit solch kreischender Stimme, daß jedes nur einigermaßen zart organisierte Trommelfell krampfhaft erzittern mußte.

Der Engländer gehört zu den fleischfressenden Tieren. Fleisch ist der erste und letzte Gedanke, der einen englischen Magen beschäftigt; alles andere ist ihm Nebensache. Daher ist denn an den Samstagabenden das Gedränge hauptsächlich an den Metzgerläden; und diejenigen, deren Mittel nicht hinreichen, in diesen Läden Einkäufe zu machen, sind ebenso schweren Gemütes wie einst die Juden, als sie von der heißen Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Ägyptens übermannt wurden. Diese Armen müssen sich dann mit den Fischen begnügen, die auf diesen Straßen in ungeheuerer Menge in Läden oder auf Ständen feilgeboten werden. Man kann kaum zehn Schritte gehen, ohne auf einen solchen Stand zu stoßen. Es sind Fische, die jede Nase aufs unangenehmste erinnern, daß sie den Verwesungsprozeß bald überstanden haben werden. Ja, viele unter diesen Fischen sind beinahe solange auf dem Lande tot, als sie im Wasser gelebt haben. Und doch gibt es noch eine große Zahl, deren Mittel selbst zur Anschaffung dieser ekelhaften Kost nicht hinreicht, die ihren leeren Magen mit leeren Hoffnungen abspeist und die nur von der Gunst des Zufalls die Befreiung von dem tyrannischen Hunger erwartet.

Manche, deren Gewissen so weit ist, daß sich darin der Unterschied zwischen mein und dein gänzlich 211 verliert, benutzen das Gedränge in diesen Straßen, um durch eine nicht genug zu bewundernde und zu fürchtende Fingerfertigkeit das dein in mein zu verwandeln. Diese Verwandlung geschieht so schnell, daß der rechtmäßige Eigentümer, sobald er den Verlust seines Eigentums bemerkt, von Bewunderung für die Virtuosität des unrechtmäßigen hingerissen wird. Es ist keine Tasche unergründlich genug, um die langen Finger abzuhalten, sich in dieselben zu versenken. »Nichts haben« ist die beste Waffe gegen solche Eingriffe; denn kein Scharfsinn, um das Seinige zu verbergen, ist so groß wie der Scharfsinn derjenigen, die durch Studium, Talent, Neigung und bittere Not gelehrt worden, das Verborgene aufzufinden und sich anzueignen. Sie werden auf den Straßen, von denen hier die Rede ist, an den Samstagabenden durchaus nicht von der Dunkelheit unterstützt; denn diese Straßen sind dann durch dicke Gasflammensäulen, die vor jedem Hause und vor jedem Laden brennen, tageshell erleuchtet. Aber sie benutzen das Gedränge, und während man einem ausweichen will, von dem man an der rechten Seite gedrängt wird, hat ein anderer, der mit ihm im Einvernehmen steht, die linke Seite geplündert.

Ebenso lebhaft, wie auf diesen Straßen, ist es in den Public-Houses, in den Bier- und Branntweinschenken. Diese sind an jenen Abenden stets überfüllt. Jedes Geschlecht, jedes Alter ist hier vertreten. Der Jüngling und der Greis am Stabe leert hier, gleichsam vor Torschluß, eine Pinte nach der andern, und mancher beschließt den Sonnabend damit, daß er erst aus seinem Rausch erwacht, wenn die Hälfte des Sonntags bereits vorüber. Die Frauen wetteifern in dieser schönen Gewohnheit des Daseins und des Wirkens mit den 212 Männern, und das widerwärtige Schauspiel, Frauen betrunken zu sehen, ein Schauspiel, das jeden nur halbwegs Feinfühlenden mit Ekel, Verachtung und tiefem Mitleid erfüllen muß, zeigt sich besonders am Vorabend der heiligen Sonntagsfeier in London so häufig, daß man sich unter Barbaren versetzt glaubt.

Wenn ich hier von betrunkenen Frauen spreche, so verstehe ich darunter nicht einen leisen Anflug von einem Rausche, sondern das Stadium des absoluten Vonsichseins. Man hat auf dem Kontinente gar keinen Begriff von der bestialischen Sauflust, die in London herrscht und deren abscheuliche Wirkung man hier auf öffentlicher Straße so häufig sieht.

Ich werde den Eindruck nie vergessen, den ich empfand, als ich in London zum ersten Male eine betrunkene Frau gesehen. Da ihr die Füße jeden Dienst versagten, hatte sie sich in der nächsten Nähe einer Gosse hingestreckt, so daß man über sie wegstolpern mußte; und hier blieb sie solange, bis sie an jedem Arme von einem Policeman gefaßt und mit unsäglicher Mühe davongetragen wurde. Ich war durch diese Szene von einem solchen Abscheu erfüllt, daß ich mich fast schämte, ein menschliches Antlitz zu tragen. Als ich einem Engländer mein Entsetzen vor einem solchen Anblicke schilderte, kam ich ihm fast wie ein Wahnsinniger vor. Die Engländer sind an dergleichen Schauspiele gewohnt. Ich habe sie zwar seit jener Zeit unzählige Male gesehen, aber mein innerstes Gefühl empört sich immer noch dabei.

Ich habe zwei Jahre in München gelebt, deren Einwohner doch wegen ihrer Trunksucht in Deutschland so sehr berüchtigt sind. Und in der Tat herrscht in München zwischen den Einwohnern und den 213 Bierfässern die liebenswürdigste Wechselbeziehung. Des Morgens sind die Münchener leer und die Fässer voll, und des Abends sind die Fässer leer und die Münchener beinahe voll. Dennoch aber sind die Münchener in Beziehung auf Trunksucht wahre Kinder gegen die Londoner; ja, man sieht verhältnismäßig in London mehr betrunkene Frauen, als man in München betrunkene Männer sieht. Dann ist dem Münchener das Bier ein Nahrungsmittel, und wenn er trinkt, trinkt er nur Bier; das Londoner Volk ist aber nicht so einseitig, und wenn einem Londoner Trinker die Wahl zwischen Gin und Bier einige Qual macht, so befreit er sich von dieser Qual dadurch, daß er Bier und Gin zugleich trinkt und von den Geistern beider Getränke zu Boden geworfen wird.

Und dennoch bin ich versichert worden, daß die Trunksucht in London außerordentlich abgenommen, daß jetzt bei weitem nicht mehr soviel getrunken wird wie vor einigen Jahrzehnten. Wenn das wahr ist, so muß es vor einigen Jahrzehnten in London herrlich ausgesehen haben!

Es ist an den Samstagabenden oft ein solcher Zudrang nach den Bierschenken, daß eine nicht unbeträchtliche Menschenmenge vor den Türen derselben Queue machen muß. Dieser schöne Eifer, die letzten Stunden vor dem Beginne des Sonntags nützlich zu verwenden, ist nicht nur in den armen Stadtteilen wahrzunehmen, sondern auch im Westend, in den Straßen, die an Regent Street und Piccadilly grenzen. Auch ist es nicht ausschließlich die niedere Volksklasse, die in Porter und Stout die Vernunft ersäuft; man sieht nicht selten ganz anständig gekleidete Herren, in deren Beinen eine völlige Anarchie herrscht und die aus Furcht, mit dem 214 Straßenpflaster in unangenehme Berührung zu kommen, sich so dicht wie möglich an die Häuserreihen halten und mit unsäglicher Mühe ihre Zickzackschritte fördern.

Sind nun an jenen Abenden die Bierhäuser gedrängt voll, so ist das Gedränge zu den Pfandhäusern nicht minder lebhaft. Jeder, der nur noch etwas auf sein Äußeres hält, beeilt sich, aus jenen Anstalten das Kleidungsstück für den Sonntag einzulösen, um es am Montage wieder zu verpfänden. Die Pfandhäuser in England sind ein Privatunternehmen; die Regierung hat nichts damit zu schaffen. Sie erteilt dem Pfandverleiher, dem Pawnbroker, die Erlaubnis, ein Pfandhaus zu etablieren, und kümmert sich nicht weiter um ihn. In London sind über vierthalbhundert Pfandhäuser. Daß der größte Teil derselben gerade in den ärmeren und ärmsten Stadtteilen sich befindet, versteht sich von selbst. Der arme Mann braucht nicht weit zu gehen; es ist in dieser Beziehung für seine Bequemlichkeit aufs vollkommenste gesorgt. Aber eben diese Bequemlichkeit richtet ihn zugrunde. Der Pfandverleiher nimmt dem Verpfänder wenigstens zwanzig Prozent auf direkte Weise und durch Einschreibgebühren ab. Der arme Mann nun, der genötigt ist, seinen Sonntagsrock ins Pfandhaus zu tragen, sucht die ganze Woche hindurch so viel zu erarbeiten, daß er Samstag das Pfand wieder einlösen könne, um am Sonntage anständig zu erscheinen. Er löst am Samstagabend sein Pfand ein, und da mit dem Sonntagsabend der letzte Heller aus seiner Tasche schwindet, so muß er montagmorgens wieder zum Pawnbroker seine Zuflucht nehmen. Auf diese Weise zahlt er in einem Zeitraume von zwei Monaten dem Pawnbroker mehr Interessen, als der ganze Rock wert ist.

215 Es ist zwar durch eine Parlamentsakte festgesetzt, wieviel Prozente der Pawnbroker nehmen darf; aber wer kontrolliert ihn? Der Allerärmste gerade am allerwenigsten. Denn da es sich bei ihm immer nur um einige Schillinge handelt, so weiß er nicht, wenn er einen Penny mehr Interessen zahlt, daß er bewuchert worden.

Jedes Londoner Pfandhaus ist durch ein eigentümliches Aushängeschild, durch drei vergoldete, einen Triangel bildende Kugeln, leicht erkennbar. Der Volkswitz meint, daß diese drei Kugeln, von denen die zwei obern die Basis, die dritte, untere, die Spitze bildet, andeuten sollen: es sei eins gegen zwei anzunehmen, daß jedes Pfand wieder ausgelöst würde. Wahrscheinlich ist es wohl, daß jene drei Kugeln das Wappen einiger Lombarden waren, die in London zuerst Pfandhäuser etabliert. Dem sei aber, wie ihm wolle, genug, an den Samstagsabenden sind die Türen jener Häuser sehr belebt. Da huscht ein Mädchen mit einem Bündel unter dem Arm heraus. Ach, es ist vielleicht der Rock ihres alten Vaters. Sie hat den Kopf tief gesenkt; sie will nicht erkannt werden und eilt von dannen. An der Türe ist ihr ein stämmiger, ein großes Paket tragender Mann begegnet. Nach einigen Minuten kommt er wieder heraus. Das Paket, das er jetzt unter dem Arme trägt, ist viel kleiner, viel leichter. Wie kommt das? Ganz einfach daher, daß er, ein Handwerker, sein Werkzeug versetzt und dafür seinen Sonntagsanzug eingelöst. Am Montage wird er wiederkommen, seinen Sonntagsanzug abermals verpfänden, sein Werkzeug abermals einlösen und abermals doppelte Interessen zahlen. Kommt er nicht, desto schlimmer; dann muß er feiern und seine Familie Hunger leiden.

216 Wer ist aber der vierschrötige, frech umherblickende Bursche, der jetzt das Pfandhaus verläßt? Mit den Händen in der Tasche klimpernd, biegt er schnell um die nächste Ecke. Er hat eine Uhr versetzt und dafür das Geld sicher in der Tasche. Wem hat die Uhr gehört? Wer das sagen könnte! Vielleicht hat der Wicht schon die Hälfte des Geldes verpraßt, bevor der Eigentümer der Uhr bemerkt, daß ihm sein Eigentum abhanden gekommen. Der Pawnbroker ist zwar genötigt, gestohlene Gegenstände wiederzugeben, und ist deshalb vorsichtig. Aber wie selten vermag der Bestohlene sein Gut zu reklamieren! Oft muß er am andern Tage abreisen; oft schämt er sich, den Ort zu nennen, wo er bestohlen worden; und wegen einer Uhr die Polizei auf die Beine zu bringen und in ganz London nachforschen zu lassen, das ist so umständlich und außerdem der günstige Erfolg so ungewiß, daß er sich lieber in sein Schicksal fügt und den löblichen Entschluß faßt, durch den Schaden klug zu werden.

Wie viele Uhren mögen auf diese indirekte Weise in die Pfandhäuser Londons gekommen sein!

Eine Klasse, die an den Samstagabenden sich besonders geschäftig zeigt, ist die unglückliche Klasse der Prostituierten. An jenen Abenden durchziehen sie in größeren Scharen die Straßen Londons und bieten zudringlicher als an anderen Abenden ihre geschminkten Reize feil; man hat dann Gelegenheit, die verschiedenen Klassen dieser verlorenen Wesen kennenzulernen. Von der aristokratisch tuenden Viertelstugend, die peripatetisch Regent Street durchschreitet, bis zum verworfensten Geschöpfe, das in Lumpen gehüllt in dunkelen Straßen mit frechen Worten die Vorübergehenden verfolgt: kurz, die Vertreterinnen aller 217 Rangstufen, die von der Tugend abwärts bis zur tiefsten Versunkenheit führen, drängen sich an jenen Abenden besonders in zahlreicher Menge dem Auge auf. Sie wissen, daß mit dem Beginne des Sonntags ihr unseliger Erwerb abgeschnitten ist und beeilen sich nun, soviel Kunden wie möglich zu erhaschen. Da ist ein Rennen, ein Eilen, ein wildes Hin- und Herlaufen, daß der ruhige Beobachter umsomehr mit Widerwillen und tiefem Bedauern erfüllt wird, als hier das Laster ohne alle Grazie ist.

Dieses bunte Treiben nimmt mit dem Glockenschlag zwölf ein Ende. Alle Läden, alle Schenken, alle Theater und Vergnügungsorte werden dann geschlossen. Es ist Sonntag, und London gibt den Geist auf. –

Der erste Eindruck, den ich empfand, als ich in London ankam, war kein freundlicher. Der Sonntag war in seinem Zenit; es war Mittag. Der Londoner Himmel hing wie ein nasser grauer Lumpen über der ungeheuern, von Kohlenruß geschwärzten Stadt, in welcher jedes Haus geschlossen war. Das Hotel, vor welches wir anfuhren, kam mir wie ein Kloster vor, und unser Kutscher mußte einige Minuten klopfen, bis die Türe geöffnet wurde. Als ich den Reiseanzug abgelegt und mich soviel wie möglich sonntäglich gemacht, verließ ich den Gasthof, um mich ein wenig umzutun. Ich hatte eben das heitere, lebendige, geistreiche Paris verlassen und wollte flanieren; aber kaum hatte ich hundert Schritte zurückgelegt, als mich eine unnennbare Schwermut erfaßte. Der düstre Himmel, die unendlich langen Straßen mit den geschlossenen Häusern, vor deren Fenstern die Schaltern ebenfalls dicht geschlossen waren, als hielten sie es für gottlos, das Tageslicht durchblicken zu lassen; die ungeheure Leere, die mich 218 überall angähnte, und die Totenstille, die überall herrschte und nur zuweilen durch das Rollen eines Omnibus unterbrochen wurde – dieses alles erweckte in mir einen unüberwindlichen Trübsinn. Um mich zu zerstreuen, las ich die Grabschriften auf den Leichensteinen; denn fast jede der so zahlreichen Kirchen in London hat ihren mit einem eisernen Gitter umgebenen Kirchhof, und man begegnet oft auf einer Straße einem Vierteldutzend Kirchhöfe, die den vorübergehenden Staubgeborenen erinnern, daß die Verwesung auf ihn wartet. Diese Kirchhöfe befinden sich meistens zwischen den Wohnhäusern. Die Londoner nun sind an den Anblick dieser Mementos schon gewohnt; auf den Fremden aber, der sie in der Sonntagsstille und bei trüber Witterung zum ersten Male sieht, machen sie einen eigentümlichen, melancholischen Eindruck.

Nachdem ich eine halbe Stunde mit der Lektüre von Leichensteinen zugebracht und die Tugenden von einem Dutzend Johns, Johnsons und Thomsons erfahren, ging ich langsam nach meinem Gasthofe zurück und war froh, als endlich der Abend nahte und ich zu Bette gehen konnte.

Man hat bei uns keinen Begriff von einem englischen Sonntag, von dieser gottesfürchtigen Langeweile, die mit ihrem bleiernen Zepter das freie Albion unumschränkt beherrscht. Der Engländer ist an einem Sonntag unnahbar. Er hält sich hinter Schloß und Riegel vor jedem Besuche gesichert, und der Ausländer, der hier nicht einen Landsmann hat, wird dann das Opfer der Zeit, die ihm an einem solchen Tage zur Ewigkeit wird. An einem englischen Sonntage dehnen sich die Minuten zu Stunden aus; ja, es scheint, als ob selbst die Uhren den sabbatlichen Starrkrampf bekommen hätten und 219 nicht fortrücken wollten. Das gänzliche Stocken aller Pulse des Lebensverkehrs macht auf den Fremden einen peinlichen Eindruck, der nicht zu beschreiben ist.

Aber die Sabbatomanen sind damit noch lange nicht zufrieden; ihnen ist der englische Sonntag noch nicht sonntäglich genug. Sie sind nicht damit zufrieden, daß die Gasthäuser geschlossen, daß die Postämter keine Briefe befördern, ja, daß die Apotheker nur in sehr dringenden Fällen Medizin verabreichen: sie wollen auch noch, daß der Verkehr auf der Eisenbahn an Sonn- und Feiertagen aufhöre. Diese Zeloten, die den Floh, der am Sonntag einen Christen beißt, erst am Montage zu knicken erlauben, würden das Christentum gefährdet glauben, wenn es den Bäckern gestattet würde, auch nur eine Stunde während des Sonntags dem armen Manne einen Laib Brot zu verkaufen, obgleich sie wenig dafür sorgen, daß der arme Mann am Samstagabend Geld für Brot habe.

Freilich haben diese Sabbatarier ihre Gegner gefunden; aber es scheint mir, daß diese Gegner bis jetzt noch nicht den Nagel auf den Kopf getroffen. Sie fassen diese Frage zu viel von der theologischen, zu wenig von der humanen Seite auf. So hat jüngst ein Antisabbatarier mit vielem Scharfsinn in einer Abhandlung bewiesen, daß der Tag, an dem der Schöpfer von den Strapazen der Schöpfung ausgeruht, gar nicht der Sonntag, sondern der Sonnabend gewesen, daß man also am unrechten Tage ruhe. Es ist aber in dieser Frage ganz gleich, ob der liebe Gott am Sonnabend oder am Sonntage geruht; es handelt sich hier nur darum, ob Heuchler- und Frömmlerwahn dem gesunden Menschenverstande Gesetze aufdringen und den freien Willen unter das Ochsenjoch beugen soll; es handelt 220 sich darum, ob durch eine buchstäbliche, grobsinnliche Auffassung des Schöpfers und der Schöpfung der Mensch während vierundzwanzig Stunden an jeder nützlichen Tätigkeit gehindert und der Dürftige zur Trägheit und zum Hungerleiden gezwungen werden soll.

An der englischen Sabbatomanie und an der Art, wie darüber diskutiert wird, sieht man wieder so recht deutlich, daß die Kirchenreformation in England nicht vom Volke, sondern von dem Trotze und dem Eigensinne eines elenden Despoten ausging. Die Fackel der Aufklärung wurde hier nicht von Männern wie Reuchlin, Melanchthon, Oekolampadius vorangetragen, nicht von Männern, die, aus dem Volke hervorgegangen, dem Volke zeigten, daß man den Weg zum Himmel nicht über Rom zu nehmen brauche, sondern von einem Tyrannen, der dem Papsttume den Rücken kehrte, weil ein Papst just nicht aufgelegt war, einen Kuppler abzugeben.

Man weiß, welche saubere Kirchensatzungen Heinrich der Achte seinem Volke aufdrang. Diese »Blutgesetze«, wie sie von dem Volke mit Recht genannt wurden, waren ein Gemisch von starrem Katholizismus und mißverstandenem Protestantismus. Während in diesen Gesetzen Tod und Verderben jedem angedroht ward, der durch Wort oder Schrift die Transsubstantiation leugnete, ward wiederum jedermann mit Tod und Verderben bedroht, der das Abendmahl in beiderlei Gestalten für notwendig erachtete, so daß niemand seines Lebens sicher war, er mochte dem Papsttume oder dem Protestantismus anhängen. So mußten Bainham und seine Meinungsgenossen ihre antipäpstlichen Ansichten auf dem Scheiterhaufen büßen, und Thomas 221 More und Fisher mußten unter dem Henkerbeile verbluten, weil sie das Supremat des Königs nicht anerkannten.

Die Reformation ist in England völlig verpfuscht worden, und was sich später als englische Hochkirche bildete, ist ein zusammengeflicktes Ding, ein katholischer Protestantismus, ein lederner Katholizismus, voll Vorurteile, Mißbräuche und Unduldsamkeit. Es ist in der Tat unglaublich, wie beschränkt der Engländer in religiösen oder vielmehr in konfessionellen Dingen ist und wie sehr ihm in dieser Beziehung jede freie Ansicht widerstrebt. Er zeigt hierin seinen konservativen Kniff so recht deutlich. Man kann ihn auf tausend Mißbräuche, auf tausend Albernheiten und Widersprüche in seinen hochkirchlichen Satzungen aufmerksam machen – er will nichts davon hören. Ein freier Geist ist ihnen sogleich ein Freigeist, von dem sie sich, wie vor dem Gottseibeiuns, entsetzt abwenden. Man weiß, wie es dem armen Shelley ergangen, und es ist bekannt, daß die von Canova gearbeitete Statue Byrons nicht in der Westminsterabtei aufgerichtet wird, weil der Dichter des »Don Juan« seinen Landsleuten die orthodoxe Maske etwas unsanft vom Gesichte gezogen.

Wenn man von dem geistreichsten Engländer etwas Einfältiges hören will, braucht man nur das Gespräch auf religiöse Dinge zu lenken. Antäus wurde stark, sobald er mit den Füßen die Erde berührte, und der Engländer wird dumm, sobald er im Gespräch den Himmel berührt. Ob diese Dummheit aufrichtig ist, weiß ich nicht; höchst auffallend ist sie aber gewiß.

Es steckt viel Puritanismus in den Engländern; und das strenge Festhalten an allem Äußerlichen muß notwendig zur Heuchelei führen. Wirklich gibt es mehr 222 Tartüffe unter den Engländern, als man gewöhnlich glaubt. Die süße Klasse, die man im Wuppertal so häufig findet, jene Klasse, die mit verdrehten Augen beständig nach dem Himmel blickt, aber auf der Erde ihren Zweck so gut wie möglich zu erreichen sucht, ist in England sehr zahlreich.

Wie auffallend sich oft das heuchlerische Wesen verrät, möge folgendes Beispiel zeigen. Der Aerostat Poitevin war nach London gekommen, um dort mit seinem Pferde aufzusteigen. Es wurde ihm aber die Erlaubnis verweigert, und zwar aus dem Grunde, daß man keine Tierquälerei gestatten wolle. Dem bekannten Aeronauten Green, der nach ihm dieselbe Erlaubnis nachsuchte, wurde sie zuerst ebenfalls abgeschlagen und ihm erst dann die Bewilligung zur Fahrt erteilt, nachdem er sich der Bedingung unterworfen, seinem mit ihm aufzusteigenden Pony ein Brett unter die Beine zu binden! Wenn man nun an die englischen steeplechases und an die verschiedenen races und foxhuntings denkt, bei denen die armen Pferde zu Tode gehetzt werden, wird man leicht begreifen, wie lächerlich jenes erheuchelte Mitleid mit dem Pony war. Der Engländer kann in London kaum zehn Schritte gehen, ohne auf das fürchterlichste Menschenelend zu stoßen; er kann kaum zehn Schritte gehen, ohne halbnackte, hungerige Kinder zusammengekauert liegen zu sehen, ohne der bittersten Not, dem herzerschütterndsten Jammer zu begegnen; aber er kann diesen Anblick sehr gut vertragen, und er geht vorüber, ohne daß eine Träne sein Auge netzt. Er ist gegen solche Szenen nur allzusehr abgehärtet, und so kann man dieses Entsetzen vor Tierquälerei nur einem erheuchelten Gefühle zuschreiben, dem man überall begegnet, wo man so ängstlich an der 223 Form, an dem Äußerlichen, an dem Überkommenen hält.

So hat der Engländer, der bekanntlich ein Freund der Fischangel ist, die künstlichen Fliegen erfunden, um durch das Töten der Regenwürmer sich nicht der Tierquälerei schuldig zu machen. Er bedenkt aber nicht, daß es den armen Fischen noch schmerzlicher sein muß, durch ein doppelt heuchlerisches Mittel ins Verderben gelockt zu werden.

Um aber wieder auf den Sonntag zurückzukommen, so überzeugt man sich doch, wenn man einige Zeit in London zugebracht, daß das Volk sich soviel wie möglich von der Sabbatomanie zu befreien sucht. Das ist ganz natürlich! Der Reiche, der Wohlhäbige hat am Sonntag gut ruhen. Während der freundlichen Jahreszeit verbringt er den Sonntag in seinem Landhause, und während des Winters läßt er sich in der bequem eingerichteten Wohnung, im Schoße seiner Familie, die sonntägliche Ruhe wohl bekommen. Er hat eine Bibliothek, ein Klavier im Zimmer und kann sich die Zeit sehr angenehm vertreiben. Ihm ist die sonntägliche Ruhe eine Erholung, eine Erquickung, ein Wohlbehagen. Die ärmere Volksklasse aber, die von allem diesem Komfort nichts hat, harrt stundenlang mit banger Sehnsucht vor den Türen der Bier- und Branntweinschenken, bis sich diese Türen öffnen, und dann sucht man sich in einer einzigen Viertelstunde für die vielen Stunden der Entbehrung zu entschädigen. Gierig stürzen sie in die Ginpaläste, und viele stürzen mehr als befriedigt wieder hinaus und lassen den Verstand und das Gleichgewicht ihrer Füße zurück. An Sonntagabenden sieht man in London fast ebensoviel Betrunkene wie an Samstagabenden.

224 Ich bin fest überzeugt, daß diese Sabbatstrenge demoralisierend aufs Volk wirkt. Indem man ihm etwas aufdrängt, was nicht in seiner innern Natur liegt, ja, was seiner innern Natur geradezu widerstrebt, zwingt man es zu tausend Mitteln, sich von jenem Zwange zu befreien. Ist man wirklich von dem Streben beseelt, dem Volke einen Tag der Ruhe und der Erholung zu gönnen, so erleichtere man vor allen Dingen den schweren Druck, der auf dem Volke lastet. Man befreie es von der harten Last der Abgaben, unter der es seufzt. Man mache ihm die Ruhe möglich und lasse jeden ruhen und feiern, wann er will. Fühlt sich doch der Staat nirgendwo berufen und berechtigt, den Reichen, welche sich's die ganze Woche hindurch wohlergehen lassen, ohne die geringste Arbeit zu vollbringen, den Müßiggang zu verbieten! Welches Recht und welchen Vernunftgrund hätte er, dem Armen, der, um Weib und Kind zu ernähren, keinen einzigen Tag müßig zubringen kann, das Arbeiten zu verbieten? Hat der Staat kein Recht, den reichen Müßiggänger zur Arbeit zu zwingen, so hat er doch wahrlich ein noch geringeres Recht, dem armen fleißigen Manne die Ruhe aufzunötigen. Daß der Staat die Weihe des Sonntags vorschützt, ist eine leidige Anmaßung; denn der Staat hat mit der Religion, die doch eine Herzensangelegenheit ist, nichts zu schaffen, und wahrlich, es wäre viel mehr Himmel auf der Erde, wenn der Staat sich gar nicht um den Himmel kümmerte.

Ich weiß nicht, ob der Kampf, der in England durch die Ernennung des Dr. Wiseman zum Kardinal von 225 Westminster entbrannt ist, der Sache der Aufklärung zugute kommen wird; die Art und Weise, wie der Kampf bis jetzt geführt wird, gibt nicht viel Hoffnung dazu. Man bekämpft mit einem wahrhaft fanatischen Eifer die päpstlichen Eingriffe; aber während man bei diesem Fanatismus gegen die papal aggression mit soviel Reinlichkeitsgefühl auf den Unrat an der Schwelle St. Peters hinweist, vergißt man doch gar zu sehr, vor der eigenen Türe zu fegen. Die Mißbräuche in der englischen Kirche sind ungeheuer. Nirgendwo sind die Sinekuren so unverschämt, das Proletariat so stark ausgesprochen wie unter der Geistlichkeit dieser Kirche. Der Curate ist oft ein weißer Sklave, der das ganze Jahr hindurch sein Amt für vierzig bis sechzig Pfund versehen muß, während der Rektor, der Pfarrer in Neapel, Makkaroni speist oder in Paris auf die angenehmste Weise die Zeit totschlägt. Der Bischof von London steht sich vielleicht auf zwanzigtausend Pfund das Jahr, und die jährlichen Einkünfte des Erzbischofs von Canterbury betragen wenigstens zweimal soviel; und während diese Knechte Gottes unermeßliche Schätze verschlingen, wüten Not und Elend in den Hütten der Arbeiter.

Die englische Kirche ist ebenso intolerant, ebenso exklusiv wie die römische. Sie hält sich für die alleinvernünftigmachende der alleinseligmachenden gegenüber; die gesunde Vernunft findet sie aber ebenso unnahbar wie den Felsen, auf welchen Christus seine Kirche gebaut haben soll.

Es war ein entsetzlicher Lärm in London, als die 226 Nachricht von jener Kardinalsernennung dort anlangte. Man besprach die Angelegenheit nicht, man schrie Zeter. Leiermänner gingen herum und orgelten antipäpstliche Lieder, und an jeder Straßenecke, in jeder Kneipe sang man Gassenhauer, in denen vor Ketzergerichten, vor Scheiterhaufen, vor haarsträubenden Folterinstrumenten, kurz, vor dem römisch-katholischen Henkertume gewarnt wurde. Man konnte keine halbe Straße zurücklegen, ohne sich eine Gänsehaut anzuhören. »No popery!« war an jeder Mauer zu lesen, und auf unzähligen Kirchentüren standen die bedenklichen, aber dem Papste durchaus nicht gefährlichen Worte: »Hang the pope!« Täglich sah man den ausgestopften Papst mit der Tiara auf dem wackelnden Kopfe unter dem Geschrei der Menge durch die Straßen schleppen, und am 5. November, der Jahresfeier der großen Pulververschwörung, hatte man den Genuß, unzählige Guy Fawkes unter dem kreischenden Refrain:

»Remember, remember
The fifth of November!
«

und unter dem Geheule »No popery!« auf den Towerplatz führen und dort unter dem Abbrennen von Raketen dem Feuertode übergeben zu sehen.

Die englische Geistlichkeit fanatisiert das Volk gegen Rom, und die Regierung unterstützt hierin die Geistlichkeit, um sich populär zu machen und sich dadurch später tausend Verlegenheiten an den Hals zu ziehen. Wenn nun die gesunde Vernunft auf die Mißbräuche in der englischen Kirche aufmerksam machte, hielt man sich die Ohren zu und schrie über frechen Radikalismus.

Die Hinneigung zum Katholizismus in England ist viel 227 stärker, als man glaubt. London zählt 170 000 Katholiken; folglich bilden die Katholiken nur den fünfzehnten Teil der Gesamtbevölkerung. Und dennoch besitzt London, das am Anfange dieses Jahrhunderts nur wenige katholische Kapellen zählte, jetzt deren eine ungeheure Menge. Daß der Puseyismus nur ein Kryptokatholizismus ist, sieht auch in England jeder ein, und das Ankämpfen gegen denselben hat nur dessen Anhänger vermehrt. Wie erklärt man sich nun diese Erscheinung? Man hört in England tausend Gründe; aber man vermeidet oft absichtlich, den wahren Grund auszusprechen. So behauptete einst ein Engländer in einer größern Gesellschaft, daß die Hinneigung zum Katholizismus in England hauptsächlich durch die hohe Aristokratie entstanden. Mehrere Mitglieder der hohen Aristokratie wären bei ihrem längern Aufenthalte in Rom in Familienverbindungen mit dem römischen Adel eingegangen und so zum Katholizismus verleitet worden. Da nun in der englischen Aristokratie die Leidenschaft bald zur Mode wird, so wäre der Übergang von der englischen zur römisch-katholischen Kirche ebenfalls Mode geworden, und es sei gar nicht daran zu zweifeln, daß der Papst zu der übereilten Ernennung des Dr. Wiseman zum Kardinal von Westminster durch Engländer selbst ermuntert worden.

Diese Behauptung, so gewagt und absurd sie auch ist, stieß nicht einmal auf starken Widerspruch. Andere stellten nun andere Behauptungen auf; aber keine derselben war richtig. Die Hinneigung zum Katholizismus in England ist durch die Mißbräuche im Schoße der englischen Kirche selbst entstanden, deren Hierarchie sich zwar durch protestantische Kleider, aber nicht durch protestantische Gesinnung von der 228 römisch-katholischen unterscheidet, so daß viele den wahren römischen Katholizismus einem Protestantismus vorziehen, der doch keiner ist. Der wahre Protestantismus wird durch seine Fortschrittsfähigkeit bedingt; sobald er stabil wird, gibt er sein innerstes Wesen, gibt er sich selbst auf. Die englische Kirche aber ist stabil. Sie hat bei ihrem Entstehen zu viel von Rom behalten, und statt im Laufe der Zeit das, was von Rom ihr anhing, auszustoßen, ist sie ebenso fest stehengeblieben und hat sich gegen jede neue Idee ebenso gut abgesperrt wie das unfehlbare Papsttum, das man nur besiegen kann, wenn man die Fackel der Vernunft, aber nicht die Fackel des Fanatismus schwingt.

Wenn man dem Fortschreiten des Papsttums in England schon dadurch allein zu begegnen glaubt, daß man intolerante Gesetze gegen dasselbe vorschlägt, so irrt man sehr. Man entzündet dadurch die Gemüter und setzt das Land einem Glaubenskampfe aus, dessen Ausgang sich nicht vorhersagen läßt. Das Papsttum ist eine Idee, und Ideen lassen sich nur wieder durch Ideen bekämpfen und besiegen. Alle Heere der Hohenstaufen haben dem Papsttume nicht solche unheilbaren Wunden beigebracht wie die paar Thesen, mit denen Luther gegen dasselbe auftrat. Solange nicht der Geist des wahren Protestantismus die englische Kirche belebt, wird der römische Katholizismus sich in England nicht zurückbannen lassen; und solange Staat und Kirche nicht völlig getrennt, werden beide in ewigen Konflikten leben und die Geister verwirren. 229

 

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