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Paris und London

David Kalisch: Paris und London - Kapitel 23
Quellenangabe
typereporting
booktitleKünstler, Quäker, Demokraten
authorLudwig Kalisch
year1970
firstpub1851
publisherRütten & Loening
addressBerlin
titleParis und London
pages366
created20130317
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Mein Haus in Paris

Ich freue mich schon auf den Schrecken, der meine Freunde ergreifen wird, wenn sie den Titel dieses Kapitels zu Gesichte bekommen. Sie werden gewiß glauben, ich hätte mir in Paris ein Haus gekauft, und sich, ehe sie das Kapitel selbst lesen, den Kopf zerbrechen, um sich das Wunder zu erklären. Einige werden 168 glauben, ich hätte den Weg zum Glücke durch die Börse eingeschlagen; manche werden vermuten, es hätte mich ein sterbender Millionär zum lachenden Erben gemacht; und andere, deren Glauben an die Charakterstärke ihrer Freunde nicht ganz unerschütterlich, werden vielleicht fürchten, ich hätte meine männlichen Tugenden ausgezogen und sie an die Meistbietenden verkauft und ich sei nun ein reicher Spitzbube und habe in Paris mehr Gesinnungsgenossen als ich früher in Deutschland gehabt.

Wie angenehm entschreckt werden sie aber werden, wenn sie später erfahren, daß mein intimes Verhältnis mit der Tugend und der Geldnot nicht den geringsten Stoß erlitten und daß der Titel dieses Kapitels nur der Köder ist, an dem unerfahrene Leser anbeißen sollen!

»Mein Haus in Paris« ist nur der Gasthof, den ich in Paris bewohne. Dieser Gasthof ist eine wahre Arche Noahs, in welche Venetianer, Römer, Sizilianer, Ungarn, Polen und Deutsche vor der blutigen Sündflut ihrer rachsüchtigen Regierungen sich gerettet. Außerdem kehren Engländer, Spanier und sogar Griechen in dasselbe ein; und sooft ich in dem Speisesaale sitze, wo sich jeder einen Landsmann aufsucht, um mit ihm von der Heimat zu sprechen, glaube ich immer in Babylon zu sein. Wer nicht ein philologisch gebildetes Ohr besitzt, bekommt hier Kopfschmerzen.

Man kann sich in der Tat kein geräuschvolleres Haus denken.

Links neben meinem Zimmer wohnt ein französischer Leutnant. Ich bin von diesem militärischen Nachbar nur durch eine postpapierene Mauer getrennt, die meinen Ohren nichts verheimlicht. Dieser Nachbar benutzt den viermonatlichen Urlaub, der ihn aus einer 169 kleinen Provinzialstadt nach Paris gebracht, mehr als er vor den Regeln der Vernunft, der Diät und der strengen Moral verantworten kann. Der junge Mann will sich in Paris für die Langweile rächen, die er in der Provinz ausgestanden, und er benutzt die Zeit, um sie aufs angenehmste totzuschlagen. So eine Lebensweise ist mir noch nicht vorgekommen. Er steht gewöhnlich erst um die Mittagsstunde auf, zuweilen auch einige Stunden später, und er nimmt sein erstes Frühstück ungefähr zu der Zeit, wo wir solide Deutsche mit der Verdauung des Mittagessens bereits fertig sind. Er kommt immer erst nach der Geisterstunde nach Hause; oft aber geht er erst zu Bette, wenn die Morgenstunde im Begriff ist, das Gold in den Mund zu nehmen. Wenn die Sonne aufwacht, schläft er ein. Bevor er aber dem Schlafe in die Arme sinkt, sucht er sich erst in schöneren Armen die Zeit soviel wie möglich zu vertreiben. Er schläft nämlich immer unter vier Augen. Daß er in dieser Beziehung den Wechsel liebt, versteht sich von selbst; denn den lyrischen Apparat, den wir deutsche Jünglinge in der Liebe so notwendig brauchen, kennt man in Paris nicht. Hier läßt man der Liebe nicht Zeit zu jenem süßen Schmachten, zu jener träumenden Sehnsucht, die uns deutsche Jünglinge so unbeschreiblich selig und unglückselig zugleich macht. Von jener süßen Hungerkur des Herzens, welche die heißesten Wünsche mit lauen Zähren tränkt und mit hohlen Seufzern speist, weiß man in Paris nichts. Wenn hier das Herz Appetit hat, setzt es sich gleich zur Tafel, ohne erst den Mond und den melancholisch fließenden Bach um Rat zu fragen. Man zerrt hier nicht mit schmerzlichem Wonnegefühl an dem Pfeil, der im Herzen steckt; man zieht ihn heraus und läßt die Wunde 170 vernarben. Meinem Leutnant fliegt täglich ein anderer Pfeil ins Herz; aber ich bin überzeugt, daß er sich nicht daran verbluten wird.

Mein Leutnant hat mit einem deutschen Leutnant nicht viel Ähnlichkeit; denn er ist sehr liebenswürdig, sehr bescheiden, und obgleich er bereits vor mehreren Jahren dekoriert worden, spricht er doch niemals von seiner menschenfresserischen Courage und hält sich nicht für wichtiger als irgendein anderer Bürger. Eins aber hat er mit deutschen Leutnants gemein; wie bei diesen ersetzt auch bei ihm der Überfluß an Gläubigern den Mangel an barem Gelde. Der erste Mensch, der ihn jeden Morgen besucht, ist immer ein Mahnender. Aber ich muß gestehen, daß mir noch niemand vorgekommen, der eine solche Kunst in dem Umgang mit Gläubigern entwickelt hätte als er. Er befriedigt sie alle, ohne einen einzigen von ihnen zu befriedigen. Er stopft ihnen den begehrlichen Mund mit solch süßen Versprechungen, mit so zierlich verzuckerten Redensarten, mit so schön kandierten Entschuldigungen, er appelliert mit so geistreich stilisierten Vernunftgründen an ihre Humanität, an ihr Billigkeitsgefühl und an ihren ritterlichen Sinn, daß sie beschämt die unquittierten Rechnungen wieder in die Tasche stecken. Manche unter ihnen lassen sich freilich nicht so leicht durch die Konditorei seiner Worte abspeisen; aber je größer die Schwierigkeiten sind, die sie ihm entgegenstellen, desto größer ist dann seine Kunst, mit der er diese Schwierigkeiten überwindet. Er umschifft dann auf dem Strome seiner Beredsamkeit die rauhen Klippen ihrer Forderungen mit einer solchen Gewandtheit, daß er niemals scheitert. Vorige Woche hat er indessen sein Meisterstück gemacht.

171 Ein mahnender Marchand tailleur, den mein kriegerischer Wandnachbar schon unzählige Male mit gleißnerischen Hoffnungen auf die nächste Zukunft abgefertigt, der aber diese Hoffnungen immer auf den entschiedensten Lügen ertappt hatte, schien entschlossen gewesen zu sein, sich diesmal mit dem ganzen Zorne seiner gerechten Sache zu waffnen und seine menschlichen Gefühle in Eis zu legen. Ich hörte dies schon an der Art und Weise, wie er die Treppe heraufkam und der Türe seines Schuldners sich näherte. Seine Schritte waren unerbittlich; er zürnte mit den Füßen.

Mein Nachbar lag noch in süßen Träumen an der Seite einer provisorischen Ehehälfte, als der unbarmherzige Schneider wie das böse Gewissen an die Türe klopfte. Mein Nachbar fuhr auf und öffnete. Der Gläubiger zog die Schleusen seiner zornigen Beredsamkeit auf und suchte den Schuldner mit Vorwürfen zu überschwemmen. Dieser aber verhielt sich ganz lautlos in den Fluten; als jener indessen erschöpft und aus Mangel an Wasser zu sprudeln aufhörte, fing er an, eine Rede zu halten, die als Musterrede für Schuldner hätte dienen können. Er sprach von einer reichen Tante, die ihn zum Universalerben gemacht und ihn durch eine langwierige Krankheit hinhalte; er sprach von einem Vetter, der ihm gestern geschrieben, daß er ihm dieser Tage einen Wechsel schicken würde; er versicherte ihm, daß sein Bruder, ein reicher Kaufmann in Marseille, noch diese Woche Paris besuchen würde; kurz, er öffnete seinem Gläubiger ein halbes Dutzend Aussichten auf das Land, wo die quittierten Rechnungen blühen. Als dieser ihm seine Ungläubigkeit in lauten Worten entgegensetzte, bedeutete er ihm, daß im anstoßenden Zimmer ein zartes Wesen schlafe, und zwang 172 ihn auf diese Weise, plötzlich von dem Fortissimo zum Piano überzugehen. Das war schon ein Meisterstück. Denn sobald ein Gläubiger gezwungen ist, leise zu reden, ist seine Sache halb verloren. Man fürchtet kein Gewitter, wenn man den Donner nicht hört.

Mein Leutnant schellte unterdessen und bestellte bei dem eintretenden Garçon ein Frühstück für zwei Personen. Dann holte er ein Album herbei und zeigte es dem Schneider. Dieser sagte, daß er nicht gekommen sei, um sich an einem Album zu ergötzen, und wollte von dem Piano wieder zum Fortissimo überspringen; der andere aber erinnerte ihn an das schlafende Wesen im anstoßenden Zimmer und an seine französische Ritterlichkeit, und so mußte er wieder flüstern. Unterdessen machte mein Nachbar seine Toilette. Nun kam das Frühstück. Der Leutnant bat den Gläubiger, sein Gast zu sein. Der Gläubiger schlug es ab. Der Schuldner aber drang so freundlich in ihn, daß er nachgab. Nun fing mein Nachbar wieder von seinen Aussichten an. Er schilderte die Unannehmlichkeiten, die ein Mensch, der einen natürlichen Widerwillen gegen Schulden habe, notwendig empfinden müsse, wenn das erwartete Geld ausbleibe, und goß dem Marchand tailleur so viel Honig ins Ohr, daß er nach und nach ganz kirre wurde und versicherte, er sei gar nicht der hartherzige Mensch, der er scheine; er müsse aber die Schulden eintreiben, da er Verpflichtungen zu erfüllen habe; worauf mein Nachbar erwiderte, daß jener ihm dies nicht erst zu versichern brauche; wenn er ihn nicht als loyalen Mann gekannt hätte, würde er gar keinen Kredit bei ihm in Anspruch genommen haben. Er borge nichts von Menschen, die er nicht hochachten könne. Nun stießen sie an und schlossen innige Freundschaft, 173 wobei mein Nachbar nicht ermangelte, zu versichern, daß er noch heute zu ihm ins Magazin kommen und sich einen Rock anmessen lassen würde.

Nach einer halben Stunde trennte sich der Schneider von meinem Nachbar, der ihn bis an die Treppe begleitete. Deutsche Leutnants können sich das merken.

Mein Nachbar zur rechten Seite ist ein Sänger, der plötzlich seine Stimme verloren. Das ist ein sehr unangenehmer Nachbar. Jeden Morgen nämlich, gleich nachdem er aus dem Bette gestiegen, sucht er seine verlorene Stimme in allen Winkeln seiner Kehle. Er läuft heulend die ganze Skala hindurch. Ich habe ihn fragen lassen, ob er nicht zu einer andern Zeit im Reiche seiner verlorenen Töne sich herumtummeln wolle. Er ließ mir antworten, daß es ihm unendlich leid tue, mich zu genieren; die Morgenstunde sei aber just die Zeit, wo man verlorene Stimmen wiederfinden könne. Eine solche schreiende Ungerechtigkeit ist mir noch gar nicht vorgekommen! Der Mann ist übrigens sehr pünktlich. Genau von acht bis zehn Uhr klettert er die Tonleiter hinauf und herab, ohne eine Minute auszuruhen. Meinen Ohren schwindelt's immer bei diesem halsbrecherischen Klettern. Er war früher an der Komischen Oper engagiert, lebt aber jetzt in tragischen Verhältnissen. Ich muß also Nachsicht mit ihm haben.

Mein südlicher Nachbar ist ein reicher Engländer, der die Menschen verachtet. Ich weiß nicht, was die Menschheit ihm zuleid getan; ich weiß nur, daß sein Menschenhaß ihm nicht den Appetit genommen. Der Mensch ist vielleicht der größte Beefsteakesser auf dem Kontinent, dennoch ist er so mager wie eine holländische Tonpfeife. Er hat keinen andern Umgang als drei junge Neufundländer Hunde, deren Erziehung ihn 174 sehr in Anspruch nimmt. Es ist mir nicht bekannt, nach welcher Methode er sie erzieht; ich höre nur, daß er sie häufig prügelt. Ich bin der einzige Mensch im Hotel, mit dem er sich zuweilen unterhält. Er ist ein Mann von vielfachen Kenntnissen, auch hat er viel Verstand. Nur schlägt dieser Verstand zuweilen sehr absonderliche Purzelbäume. Vorige Woche machte er mir einen Besuch mit seinen drei Hunden. Er sah sehr angegriffen aus, drückte mir fast krampfhaft die Hand und sagte, daß er mir etwas sehr Wichtiges mitzuteilen habe. Er setzte sich nieder, und die drei Hunde legten sich zu seinen Füßen so hin, daß ihre Köpfe zusammengewachsen schienen. Das gab ihnen das Ansehen des Zerberus. Sie sind von ihrem Herrn und Meister so zu liegen abgerichtet worden.

Als er einige Minuten lautlos dagesessen, drückte er mir noch einmal die Hand und sagte: »Sir, I am tired of civilisation!« und schwieg wieder.

Ich fragte ihn, ob dies die Mitteilung sei, die er mir zu machen habe. Er bejahete es und fügte dann hinzu, daß es die Pariser Laster sind, die ihn so zivilisationsmüde gemacht. Er wolle in die Urwälder Amerikas gehen und dort als Wilder leben; denn die Wilden stünden der Natur und der Tugend viel näher als die Kulturmenschen.

Ich hatte meine Gründe, ihn in seinem Entschlusse zu bestärken, und riet ihm, seinen Urwaldsplan so bald als möglich auszuführen. Er sagte mir dann, daß ich der einzige vernünftige Mensch sei, den er in Paris gefunden, und beteuerte, daß sein Entschluß, Europa und die Zivilisation zu verlassen, auf Vernunftgründen beruhe, denen kein Vernunftgrund entgegengesetzt werden könne. Ich sollte ihn einen Augenblick entschuldigen; er würde sogleich wiederkommen.

175 Als er aufstand, wollten ihm die drei Hunde folgen; er befahl ihnen aber, zu bleiben. Auf diese Weise war ich mit den Bestien allein, die mich mißtrauisch betrachteten. Meine Angst war entsetzlich. Da mir der Engländer nicht gesagt, warum er mich verlassen und weshalb er wiederkommen wollte, so übermannte mich der schreckliche Gedanke, der englische Sonderling könnte mir in seiner Zivilisationsmüdigkeit den Hals abschneiden, besonders da ich wußte, daß er ganz vorzügliche Rasiermesser bei sich hatte. Der Umstand, daß er mich für den einzigen vernünftigen Menschen in Paris hielt, gewährte mir nicht die geringste Beruhigung; denn es wäre ja möglich, dachte ich, daß er mich gerade aus Hochachtung umbrächte, um mich nicht in dieser Zivilisationsfäulnis zu lassen.

In der unaussprechlichen Angst meines Herzens wollte ich die Schelle ziehen; diese befand sich aber hinter mir an der Türe. Ich mußte also mehrere Schritte gehen, um an dieselbe zu gelangen; sooft ich aber eine Bewegung zum Aufstehen machte, warfen die Bestien die Köpfe in die Höhe und sperrten die Schnauzen auf, als wollten sie mich verschlingen. Mir wurde die Zeit sehr lange in dieser hündischen Gesellschaft. Endlich kam der Engländer. Statt der gefürchteten Rasiermesser hatte er einen unermeßlich großen Papierbogen in der Hand. Er ließ sich nieder und bat mich, ruhig zuzuhören; der Bogen enthalte die Vernunftgründe für seine Urwaldsgelüste. Er las nun ein Register aller Zivilisationssünden ab. Dieses Register war alphabetisch geordnet und bot eine solche reiche Auswahl von Lastern dar, daß das A allein eine Viertelstunde dauerte. Ich gähnte wie ein Abgrund. Kaum war er an der Schwelle des B, als ich ihn inständigst bat, einzuhalten, 176 mit der Versicherung, daß ich vollkommen seiner Meinung sei und daß ich mir's noch gar nicht verschworen, selbst einmal in die Urwälder zu gehen, um mich dort moralisch verwildern zu lassen, d. h. durch Verwilderung moralisch zu werden. Es half aber nichts. Er las immer weiter, und ich kam mir vor wie die Donna Elvira, welcher der grausame Leporello das Sündenregister seines Gebieters vorsingt. Meine Ungeduld stieg immer mehr, und als er beim F war, sprang ich plötzlich auf. Die Neufundländer Bestien taten zwar dasselbe; ich ließ mich aber in meiner Verzweiflung nicht abschrecken und versicherte ihm, daß einen Überzeugten mit aller Gewalt überzeugen zu wollen ebenso lächerlich sei, als auf ein offenes Tor Sturm zu laufen. Dies leuchtete ihm jedoch nicht sehr ein, und ich mußte mit ihm unterhandeln.

Wir kamen nun überein, daß er mir vorläufig bis zum L, am andern Tage aber die Fortsetzung bis zum Schluß vorlese. Er las bis zum L und behauptete dann, daß vom L abwärts die Niederträchtigkeiten der Zivilisation erst recht anfingen; im R besonders steckten die Hauptinfamien, wovon ich mich am andern Morgen um zehn Uhr überzeugen würde; um diese Stunde wolle er mir den zweiten Teil seines ABC-Werkes vortragen. Zugleich ersuchte er mich, um jene Zeit nicht zu rauchen, denn er könne den Tabaksqualm nicht vertragen. Da ich das wußte, so rauchte ich am andern Morgen ein viertel Dutzend Zigarren; aber nicht nur ich, auch mein kranker Ofen, der ein leidenschaftlicher Raucher ist, tat sein Möglichstes und dampfte aus allen Poren so stark, daß mein Zimmer bald in ein beißendes Gewölke gehüllt war. Pünktlich, wie die Engländer in der Regel sind, kam der Zivilisationsfeind mit 177 dem Schlage zehn Uhr, prallte aber an der Türe, wo ihn meine graue Intrige empfing, hastig zurück. So ward ich ihn los.

Als er fort war, umarmte ich meinen Ofen in ungeheuchelter Dankbarkeit für den Dienst, den er mir eben erwiesen, und bat ihn um Verzeihung für die Fußtritte, die ich ihm in meinem Zorn wegen seines chronischen Rauchübels sooft gegeben.

Seit jener Zeit habe ich den Engländer nicht wieder gesehen. Er verläßt, wie mir die Concierge sagt, sein Zimmer nur sehr selten und nur auf kurze Zeit. Vielleicht bereitet er sich auf seine Verwilderung vor; vielleicht übt er sich, um in den Urwäldern nicht ganz als Laie zu erscheinen, vorläufig im Skalpieren; genug, ich höre nichts mehr von ihm. Ich bin aber gern bereit, nichts von ihm zu hören, wenn ich nur das Vergnügen habe, ihn nicht mehr zu sehen.

Mein Zimmer hat zwei Fenster, aus denen ich die Hinterteile dreier Häuser sehe, von welchen eins sieben Stock hoch ist. Die drei Häuser haben über hundert Fenster, die von den meinigen kaum fünfzig Fuß entfernt sind, so daß ich fast meinen sämtlichen Nachbarschaften deutlich ins Gesicht sehen kann.

Sobald ich aufstehe, gehe ich ans Fenster und lasse meine Neugierde das Frühstück nehmen. Der Nachbar, den ich jeden Morgen zuerst gewahre, ist ein Mohr. Wenn er den weißen Vorhang von dem Fenster zieht und neugierig in das kleine Stück Himmel guckt, das über diesen drei Häusern hängt, um die Launen des Wetters zu erfahren, kommt er mir vor wie ein beweglicher Tintenklecks. Die Erscheinung dieses Menschen erfüllt mich immer mit Wehmut; denn ich bilde mir ein, er müsse sich in unserm kalten zivilisierten Europa, 178 wo die Gesinnung viel schwärzer sein darf als die Haut, sehr unglücklich fühlen. Ich meine immer, er müßte unglücklich lieben, da die Empfindungen seines tropischen Herzens nur Widerwillen erwecken, aber keine Flammen entzünden können. Vielleicht fühlt er sich auch glücklich und spottet unserer kreidigen Gesichter. Wer weiß? In der Nacht, die auf seinem Gesichte lagert, kann man seine Freuden und Leiden, sein Wohl und Weh nicht an dem Farbenwechsel erkennen.

Unter dem Mohren, in demselben Hause, wohnt ein alter Wucherer. Er empfängt die Besuche vieler vornehmen Pariser, denen er so schnell wie möglich die Haut vom Leibe zieht. Er steht ebenfalls sehr früh auf, und ich habe jeden Morgen das Glück, ihn in einem Morgengewande zu sehen, das vielleicht schon seit zehn Jahren der Auflösung entgegensieht. Dieses Morgengewand hat viel mehr Löcher, als der, welcher in ihm steckt, Prozente nimmt. Der Reichtum dieses Menschen soll unermeßlich sein. Er ist unverheiratet und zu geizig und mißtrauisch, um sich einen Domestiken zu halten; er bedient sich daher selbst. Noch nie hat wohl ein niederträchtigerer Herr einen niederträchtigeren Bedienten gehabt. Wenn es möglich wäre, diesen Menschen wie einen alten Rock umzuwenden, daß sein Inneres herauskäme, er würde gewiß viel schwärzer aussehen als der Mohr, der über ihm wohnt. Er hat, soviel ich weiß, gar keine nähern Verwandten, und wenn ihm einmal der Teufel seine Prozentenseele ausbläst, so wird das eine Freude und ein Champagnertrinken unter den lachenden Erben geben, daß die Engel im Himmel Wonnetränen darüber vergießen werden.

Ich habe ihn schon häufig in der Madeleine gesehen, wo er mit verzerrten Augen auf den Knien liegt und 179 den lieben Gott durch schmeichelhafte Gebete zu betrügen glaubt. Sooft ich diesen Menschen sehe, denke ich immer: es sei doch schade, daß wir rechtschaffene Menschen ins Paradies kommen und dergleichen Leute nicht auf dem höllischen Roste braten sehen. Es wäre dies eine Genugtuung für unsere Tugend.

In demselben Stockwerke desselben Hauses wohnt eine Somnambule, ein bleiches hageres Mädchen, deren Anblick etwas Grauenhaftes hat. Sie läßt sich nur selten am Fenster blicken, und ich habe bloß durch einen Zufall erfahren, daß sie die Kunst der Prophetie treibt. In meinem Hotel wohnt nämlich ein alter Palermitaner, der durch die jüngste Revolution in Sizilien gezwungen wurde, seine Heimat zu verlassen. Der arme Greis war lange Zeit wie zerknickt; sein schwacher Magen konnte das bittre Brot des Exiles nicht vertragen. Er ist ein starker Siebziger, der an der Schwelle des Grabes steht; aber der Gedanke, sein Grab außerhalb seines Vaterlandes finden zu müssen, machte ihn düster und mürrisch, und mehr als einmal sah ich heiße Tränen über seine hohlen Wangen fließen. Seit einigen Wochen aber ist er heiter und guter Dinge. Ich konnte mir diese plötzliche Umwandlung in der Gemütsstimmung des alten Mannes nicht erklären, und als ich ihn teilnehmend um die Ursache dieser Umwandlung fragte, sagte er mir im Vertrauen, daß er die Somnambule im benachbarten Hause um das künftige Schicksal seines von Tyrannenwut zerfleischten Vaterlandes gefragt und von ihr vernommen, daß es sich die Freiheit erobere und glücklich sein werde. Zugleich fragte er mich, was ich von dergleichen Prophezeiungen hielte. Ich versicherte ihm natürlich, daß ich nicht im geringsten daran zweifelte.

180 Die Somnambule soll sich bereits ein bedeutendes Vermögen erworben haben. Gewiß ist, daß sie sich ein schönes Landhaus gekauft, und das ist am Ende das größte Wunder, das sie vollbracht.

Wer ist aber das Mädchen, das, ganz in Schwarz gekleidet, vom frühen Morgen bis zum späten Abend arbeitet und auf dessen bleichem Antlitz niemals ein freudiges Lächeln strahlt? Ich habe lange Zeit nicht erfahren können, wer diese meine Nachbarin sei; sooft ich sie aber sah, konnte ich mich eines lebhaften Mitgefühls nicht erwehren. Die beständige Einsamkeit, in der sie lebt, der stumme Schmerz, der auf diesem Gesichte liegt, das noch deutliche Spuren einer großen, gewaltsam gestörten Schönheit zeigt, erregten meine Neugierde. Es gelang mir endlich, folgendes zu erfahren:

Eugenie, so heißt meine Nachbarin, hatte in der frühesten Kindheit ihre Eltern verloren. Eine arme Waise, war sie angewiesen, sich von ihrer Hände Arbeit zu ernähren, lange bevor sie das kindliche Alter überschritten. Kaum hatte sie das siebzehnte Jahr erreicht, als sie für eine der größten Schönheiten galt. Wie die Fliegen um eine Kerze, flatterten nun die Verführer um Eugenie; aber sie widerstand. Da lernt sie eines Tages einen jungen Tonkünstler, Alfred B . . ., kennen. Alfred war schön, geistreich, liebenswürdig. Er beteuerte Eugenie seine unbegrenzte Liebe für sie; er schwor, sie als Gattin heimzuführen und sie glücklich zu machen. Eugenie gehorchte seinen Wünschen. Alfred führte sie nicht als Gattin heim; aber er schwur, dies zu tun, sobald er irgendeine gesicherte Stellung gefunden haben würde.

Eugenie war unaussprechlich glücklich, aber ihr Glück 181 sollte nicht lange dauern. Alfred geriet in schlechte Gesellschaft, die seiner romantischen Liebe spottete und ihn in den Strudel der Vergnügungen zog. Er ward endlich der Fesseln müde, die ihm Eugenie angelegt. Er wollte wieder frei sein. Er wurde immer kälter; er sah sie immer weniger, und endlich verließ er sie gänzlich. Die arme Eugenie! Seine Undankbarkeit brach ihr das Herz; aber sie hörte nicht auf, ihn zu lieben.

Zwei Jahre vergehen, ohne daß sie weiß, wo er weilt. Paris ist so groß, daß es jedem leicht wird, sich darin, wie ein Tropfen im Meere, zu verlieren. Während dieser Zeit nimmt der Leichtsinn Alfreds zu. Er stürzt sich in Schulden, gerät in Not und Elend und fällt endlich – eine Folge seiner Ausschweifungen – aufs Krankenlager.

Die Freunde, die früher so gerne in seiner Gesellschaft waren, die an seinem Geiste, an seinem Witze, an seinen sprudelnden Einfällen sich so sehr erfreut, hatten jetzt andere Dinge zu tun, als sich um den kranken armen Alfred zu kümmern. So liegt er, von allen Menschen verlassen, auf dem Siechbette. Da erfährt Eugenie eines Tages das Schicksal ihres verirrten, ihres unglücklichen Geliebten. Ihr Entschluß ist schnell gefaßt. Sie eilt an sein Lager und will nicht mehr von demselben weichen.

Alfred ist anfangs heftig ergriffen von dieser Treue, die er nicht verdient, von dieser Liebe, die er so undankbar verscherzt hat. Morsch, zerknickt und im Innersten zerrissen, glaubt er bald, daß sie nur gekommen sei, um ein Gefühl der Rache zu befriedigen, um ihn zu vergiften. Wie sollte er, der so tief gesunken, an eine solche reine Liebe, an eine solche Aufopferungsfähigkeit glauben?

182 Die arme Eugenie sucht seinen finstern Argwohn durch die süßesten Worte des Trostes zu zerstreuen. Tag und Nacht wacht sie an seinem Bette, und ihr Auge beobachtet ängstlich jede Miene des Arztes, um darin das Schicksal ihres Freundes zu lesen. Da sagt ihr der Arzt eines Morgens, daß er das Herannahen einer Krisis erwarte und warnt sie, dem Freunde, selbst auf dessen dringendstes Begehren, einen Trank zu geben. Sie nimmt sich's zu Herzen und harrt nun, bang und beklommen, am Lager Alfreds, der bald von einem wahren Höllendurste gepeinigt wird.

Eugenie, der das Leben des Kranken so unaussprechlich teuer ist, verweigert ihm lange unter Bitten und Flehen den Trank, bis sie, von seinen Qualen aufs tiefste erschüttert, ihm ein Glas Wasser reicht. Er trinkt, und nach einigen Stunden ist er eine Leiche. Nur mit der größten Mühe gelang es, die Halbwahnsinnige von dem Lager des Toten zu entfernen. Der Gedanke, seinen Tod verursacht zu haben, drohete ihren Geist zu verrücken.

Alfred ruht längst im Grabe; aber Eugenie hat die innere und äußere Trauer um ihn noch nicht abgelegt. Abgeschlossen von aller Welt, hegt sie ihren stillen Gram und fristet durch unaufhaltsames Arbeiten ein Leben, das an Tugend und an Schmerzen so überreich ist. Wer aber kennt diese Tugend, diese Schmerzen? Weiß doch kaum ihr Wandnachbar von ihrem Dasein! Während sie schlaflos die Nächte durchweint und die Summe ihrer Qualen zusammenrechnet, tönt ihr der widerwärtige Jubel aus den gegenüberliegenden Zimmern entgegen. In diesen Zimmern wohnt eine Lorette, die zwar ihre Gunst sehr teuer verkauft, aber noch immer sehr viele Käufer findet, obgleich sie ziemlich 183 lange über den Frühling der Jahre hinaus ist. Die Geschäfte, die sie mit ihren Reizen macht, haben sie in den Stand gesetzt, von Renten leben zu können, wenn die Zeit sie zwingt, sich von den Geschäften zurückzuziehen und tugendhaft zu werden. Sie macht indessen noch keine Anstalten zu diesem Rückzuge. Sie wirft noch immer ihre Netze emsig aus, läßt die gefangenen Goldfische in denselben so lange zappeln, bis sie die goldenen Schuppen verloren, und setzt sie dann aufs Trockene. Vor jedem ihrer Fenster hängt ein großer Käfig, in welchem je ein Turteltaubenpaar sich schnäbelt. Es sind dies wahrscheinlich lebende Aushängeschilde, die das Metier der praktischen Liebe andeuten sollen.

Die übrigen Bewohner dieses Hauses kenne ich nicht. Ich weiß nicht, wieviel Tugend und Laster, wieviel Glück und Elend, wieviel Geist und Talent hinter diesen Fenstern verborgen ist. Ein Haus in Paris ist oft eine Stadt im kleinen und zuweilen viel interessanter als manche kleine Stadt. Das Schicksal würfelt hier Menschen und Zustände so bunt durcheinander und dichtet solch pikante Novellen, daß die lebhafteste Phantasie unserer pikantesten Novellendichter sich nur als Stümperin dagegen erweist. Könnten die Häuser in Paris ihre Geschichten erzählen, wahrlich, wir würden die Erfindungsgabe des Schicksals bewundern müssen! 187

 


 

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