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Paris und London

David Kalisch: Paris und London - Kapitel 22
Quellenangabe
typereporting
booktitleKünstler, Quäker, Demokraten
authorLudwig Kalisch
year1970
firstpub1851
publisherRütten & Loening
addressBerlin
titleParis und London
pages366
created20130317
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wie man sich in Paris ernährt

Sooft ich auf den Höhen des Montmartre oder auf den Zinnen der Notre-Dame stand und hinabsah auf die dichten Häusermassen, auf die unzähligen Straßen, die sich wie steinerne Gedärme durch die Riesenstadt winden, drängte sich mir immer die Frage auf: Wie gewinnen die Hunderttausende, die diese Stadt bewohnen, ihr tägliches Brot?

Von dem Premierminister, der von seinem Kabinett aus europäische Fragen verwirrt oder schlichtet, bis zum Chiffonnier, der mit dem Korb auf dem Rücken um Mitternacht die Straßen durchwandelt und gründliche Forschungen im Kehricht anstellt: welche unzählige, mannigfaltige, eigentümliche Tätigkeiten!

Als ich einst einen Spaziergang auf den Boulevards machte, sah ich vor einem Hause unweit der Porte St-Martin eine Gruppe Neugieriger, und als ich mich derselben näherte, bemerkte ich in einem Schaufenster dieses Hauses, in welchem ein Panorama zu sehen war, eine menschliche Figur, die, als hätte sie ein Uhrwerk im Leibe, langsam und in genau abgemessenen Pausen den Kopf und den rechten Arm bewegte. Es entspann sich unter den Zuschauern ein Disput wegen dieser Figur. Einige behaupteten, sie wäre nicht von Wachs, wie der Anschein vermuten ließe, sondern von Fleisch und Bein, was deshalb Widerspruch fand, weil 162 die Figur, die der blendenden Mittagssonne und unzähligen neugierigen Blicken ausgesetzt war, auch nicht im mindesten mit der Wimper zuckte.

Während man disputierte, machten sich mehrere Gamins den Spaß, durch verschiedene Albernheiten, die sie sozusagen dicht unter der Nase der Figur ausführten, dieselbe zum Lachen zu bewegen. Sie lachte aber nicht, und man hörte schon auf, an dem wächsernen Dasein dieser Gestalt zu zweifeln, als der Vorhang fiel und nach einigen Sekunden die fragliche Gestalt mit einer dampfenden Pfeife an die Türe kam.

Der Mensch, hörte ich später, besitzt das Talent, stundenlang unbeweglich zu stehen; durch dieses Talent ernährt er sich.

So gibt es in Paris einen Kellner, der wegen seiner eigentümlich dumpfen Stimme während der Sommersaison eine bedeutende Summe in einem Café des Palais-National verdient. Er ist Verseur, d. h. Einschenker; da nun oft mehrere hundert Gäste vor dem Kaffeehause im Garten sitzen, so rufen ihm die Kellner zu, an welchem Tische er einzuschenken. Er hat nur das Wort »bon!« mit seiner dumpfen Donnerstimme zu rufen, um anzudeuten, daß er es gehört. Dieser Bon-Ton des Kellners, der die Erfurter Glocke in der Brust zu haben scheint, ernährt ihn reichlich.

Es gibt in Paris Leute, denen ihr häßliches Gesicht ein leidliches Dasein verschafft. So habe ich in der Nähe meiner Wohnung einen Menschen kennengelernt, der, ein wahres Affengesicht, sich dadurch Geld erwirbt, daß er Karikaturmalern als Modell dient. Sein Mangel an Reiz sichert ihn vor Mangel an Brot. Man braucht in Paris nur irgendwie ungewöhnlich zu sein, um dem Glücke viele Schritte näher zu stehen. Und 163 ein Mensch braucht gar kein Gehirn im Kopf, sondern nur ein Horn auf demselben zu haben, um sich in kurzem große Kapitalien zu erwerben.

So war diesen Winter ein Riese in Paris, ein Baske, der nicht viel kürzer ist als ein geladener Heuwagen. Er war im Café Muhlhouse zu sehen, und der Besitzer desselben erwarb sich durch den Giganten im Laufe einiger Monate ein bedeutendes Vermögen. Zugleich war aber auf der Rue Vivienne ein Zwerg zu sehen, den sein Pächter, wahrscheinlich Reaktionär, Prince Colibri taufte. Die zwerghafte Durchlaucht beutete die Neugierde ebensosehr aus als die zweibeinige Vendômesäule aus dem Lande der Basken.

Als die Neugierde des Publikums lau wurde, kamen die Interessenten auf den Gedanken, den mikroskopischen Prinzen und dessen baskisches Gegenteil in demselben Lokale zugleich zu zeigen. Ein großer Zettel verkündete der Weltstadt Paris das erste Zusammentreffen des kleinen und des großen Ungeheuers. Im Wintergarten sahen sich beide zum ersten Male, und dieser bedeutende Moment zog die Menge herbei.

Dann wurde beiden in demselben Garten ein Diner gegeben, an welchem, gegen ein Entrée, sich jeder beteiligen konnte. Der Riese aß, zur Verwunderung des blödsinnigen Publikums, ein Dutzend Teller Potage è la Julienne. Scharfsinnige Beobachter sahen aber gleich, daß diese zwölftellerige Fresserei des Riesen nur eine schändliche Täuschung war. Um nämlich den Appetit des baskischen Goliath so kolossal erscheinen zu lassen wie seinen Wuchs, hatten die Kellner den geheimen Auftrag, ihm den Teller, den sie vor ihn hingestellt, nach einigen Sekunden wegzunehmen und in derselben unveränderten Auflage gleich wieder 164 hinzustellen. Eine Menge dienstfertiger Kellner umschwärmte auf diese Weise den Koloß, der vor lauter vollen Tellern nicht zum Essen kommen konnte. Es war eine Fopperei des Magens, die das Publikum teuer bezahlen mußte.

Als auch dieser Puff vorüber war, kündete ein neuer Zettel an, daß der Riese und der Zwerg sich überworfen und daß deren Versöhnung vor den Augen des Publikums vor sich gehen sollte. Der feierliche Augenblick lockte wieder viele Neugierige herbei. Auf diese Weise ließen die zwei Naturseltenheiten die Geldbörse der Pariser nicht zu Atem kommen.

Fast den ganzen Winter hindurch wurde im Cirque ein großes Spektakelstück, »Bonaparte«, gegeben. Der Schauspieler, der die Titelrolle gab, ist sehr mittelmäßig, sehr unbedeutend, und dennoch ward die Rolle keinem andern gegeben. Und warum? weil er eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Kaiser hat. Sein Gesicht ist seine Rente; sein ganzes Genie besteht darin, daß er dem größten Genie ähnlich sieht.

Es gibt Menschen in Paris, die sich davon ernähren, daß sie den Rohstoff ihrer Phantasie den Roman- und Vaudeville-Fabrikanten liefern. Sie erfinden nämlich pikante Intrigen, Fabeln für Lustspiele und Farcen, und verkaufen sie den beliebten Poeten, die aus diesen Phantasie-Cocons novellistische oder dramatische Seide spinnen. Man denke sich einen solchen Menschen, den die Notdurft des Lebens zwingt, seine Phantasie aufs jämmerlichste zu malträtieren, den die Tragik seines Magens aufs Gebiet der Komik jagt. Wie tragikomisch ist ein solcher Mensch und sein Gewerbe!

Ein kurioses Geschäft haben die Epileuses, die Frauen, die ihren eiteln Mitschwestern die Haare aus 165 dem Kopfe reißen, die grauen nämlich. Dieses Geschäft rentiert sich durchaus nicht schlecht; und da es in Paris viele Damen gibt, die mit der unartigen Zeit Händel anfangen und sich deshalb in allerlei Verjüngungsprozesse einlassen, so haben diese Epileuses für ihre raufsüchtigen Finger immer Beschäftigung, besonders wenn sie ihr Metier gut verstehen. Ich kenne eine Epileuse, die sich ein bedeutendes Vermögen erworben.

Es gibt keine Leidenschaft, keine Albernheit, keine Dummheit, die nicht in Paris von der Industrie ausgebeutet würde. Wie viele Menschen leben in Paris vom Kartenschlagen! Aber das Kartenschlagen, das in deutschen Städten von alten häßlichen Weibern im geheimen betrieben wird, ist hier ein Geschäft, ein öffentliches Gewerbe, dem die äußere Eleganz durchaus nicht fehlt. Die berühmte Madame Lenormand hat hier unzählige Nachfolgerinnen, die ihre Orakel verkaufen. So wohnt auf der Rue St-Denis eine Madame de Villeneuve, die ihr Prophetentalent ziemlich großartig betreibt. Die Karten, durch die sie ihr Dasein bekanntmacht, lauten folgendermaßen:

Madame de Villeneuve,

Physionomiste, Phrénologiste et Chiromancienne, donne l'explication des cartes et des songes. Deux somnambules sont attachées à sa maison. Consultations médicales somnambuliques sous la direction d'un médecin. Visible tous les jours de 10 h. du matin à 7 h. du soir.

Das heißt doch die Charlatanerie gründlich betreiben! Madame de Villeneuve hat übrigens eine große Konkurrenz, und es gibt Physiognomistinnen und Chiromantinnen, die mit ihren chaldäischen Künsten viel 166 mehr verdienen. Es sind nämlich solche Zauberinnen, die, neben ihrer Kunst, die Zukunft zu entschleiern, noch andere Künste ausüben, für welche niemals die Dilettanten fehlen. Eine Pythia, die jung, reizend und liebenswürdig ist, findet in der ganzen Welt Leute, die an Orakel glauben; und man kann sich leicht denken, daß viele dieser Seherinnen wohl Priesterinnen des Apollo, aber nicht Priesterinnen der Vesta sind.

Wie viele Menschen leben in Paris vom Abrichten der Hunde! Diese Lehrer der hündischen Jugend stehen sich oft viel besser als die der menschlichen; jedenfalls sind sie unabhängiger, da sie von dem reaktionären Gesetz über den öffentlichen Unterricht, das Herr von Montalembert und seine Brüder in Jesu der französischen Republik beschert, nicht berührt werden. Sie erfahren auch nie den Undank ihrer vierfüßigen Schüler, den ihre Kollegen sooft von den zweibeinigen erfahren. Viele Bestien in Paris genießen überhaupt einen trefflichen Unterricht; und ich habe außer gelehrten Eseln (der Franzose nennt sie anes savants, der Deutsche nennt sie Geheime Hofräte) Papageien kennengelernt, die viel vernünftiger sprachen als Herr Biedermann von Leipzig und das übrige Gothaer Federvieh zusammengenommen.

Die Sorge um das tägliche Brot zwingt den Erfindungsgeist zu der originellsten Tätigkeit. So habe ich beim Beginne des Frühlings Leute gesehen, die ganze Bataillone rauflustiger Maikäfer feilboten. Jeder dieser Maikäfer stand aufrecht in einem papiernen Panzer und hatte an einem der Vorderbeine als Rapier einen Strohhalm, mit dem er seinem Gegner an den Rüssel fuhr. Der Strohhalm war an das Vorderbein angeleimt, und die Duellanten, die sich gern ihrer 167 Waffen entledigt hätten, machten zum Ergötzen aller Schaulustigen die possierlichsten Bewegungen und fanden leicht Käufer. Diese Ausbeutung der Maikäfer durch den Menschen ernährt vielleicht einen Monat hindurch zahlreiche Familien.

Und doch haben diese und ähnliche Erwerbszweige, so sonderbar und eigentümlich sie auch sind, nichts, was mit dem Anstand und der Sitte im Kampfe stünde. Wie tausendfältig sind erst die Gewerbe, durch welche das Laster in geheimen und verborgenen Schlupfwinkeln sich ernährt! Wie erfinderisch an neuen Erwerbszweigen ist die Gaunerei und die Prostitution in dieser Weltstadt! Man nehme nur einen Jahrgang der »Gazette des Tribunaux« zur Hand, und man wird die Zahl der Abwege bewundern, auf denen das Laster vor der Tugend flieht.

Wie interessant wäre es für einen Schriftsteller, der Geist, Beobachtungsgabe, Darstellungstalent und Geld genug besitzt, ein Werk zu schreiben über die verschiedenen erlaubten und unerlaubten Erwerbsquellen der Einwohner von Paris! Ein solches Werk, mit Kopf und Herz, mit Witz und Humor geschrieben, könnte ein klassisches Buch werden.

 

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