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Paris und London

David Kalisch: Paris und London - Kapitel 21
Quellenangabe
typereporting
booktitleKünstler, Quäker, Demokraten
authorLudwig Kalisch
year1970
firstpub1851
publisherRütten & Loening
addressBerlin
titleParis und London
pages366
created20130317
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Einige Gedanken über die französische Höflichkeit

Unter die vielen Entbehrungen, die der Deutsche in Paris zu leiden hat, gehört besonders die Grobheit; und ein echter Deutscher ist ordentlich froh, in diesem glattgeschliffenen Paris zuweilen einen frisch angekommenen Landsmann zu finden, mit dem er eine ungeschliffene Stunde verbringen kann.

Der Franzose ist nie grob, nicht einmal da, wo er grob zu sein ein heiliges Recht hätte. Ich will dies durchaus nicht als eine Tugend rühmen; denn ich liebe die Grobheit, weil ich weiß, daß die Höflichkeit gewöhnlich eine Verstandessache, die Grobheit aber in der Regel eine Herzensangelegenheit ist. Ich ziehe aber das Herz mit der Frühlingswärme seiner Empfindungen und der Sommerhitze seiner Leidenschaften immer dem kalten Verstande vor, der die Schläge des Herzens genau berechnet und dasselbe schon der Verschwendung anklagt, wenn es mit seinen Gefühlen nicht knickert.

Grobheit ist das Brot das Lebens. Wir Deutsche haben es, gottlob! bis zum Pumpernickel gebracht; die Franzosen kennen aber nur Weißbrot und Biskuit.

Der Franzose könnte gar nicht grob sein, selbst wenn er wollte. Seine Sprache erlaubt es nicht. In der französischen Sprache sind alle Vertiefungen so sehr ausgefüllt, alle Höhen so sehr abgetragen, daß sie selbst den originellsten Menschen, der sich gern vertiefte oder verstiege, immer zwingt, auf der großen Heerstraße zu bleiben und sich von der übrigen Welt nicht abzusondern. Der Franzose kann sich mit seiner Sprache nicht das mindeste erlauben. Sie ist abgeschlossen; sie hat ihre bestimmten, unabänderlichen Formeln. Sie ist fix und fertig. Der originellste französische 157 Schriftsteller kann sich für seine Gedanken nicht leicht eines originellen Ausdrucks bedienen; daher unterscheidet sich kaum ein französischer Schriftsteller von dem andern durch seinen Stil. Die französische Sprache liefert ihm die Uniform für seine Gedanken, wie die Montierungskommission der Armee die Uniform liefert. Der eigentümlichste Dichter kann daher seine poetischen Ideen nicht anders kleiden als nach der Ordre, die ihm das Dictionnaire de l'Académie vorschreibt. Ein Gedanke, der nur etwas anders gekleidet ist, dem die Ärmel nur etwas weiter, die Taille nur etwas enger ist, begeht gleich einen Subordinationsfehler. Wie anders ist es bei uns, wo jeder Schriftsteller seine Gedanken oder seine Gedankenlosigkeit nach eigenem Geschmacke kleidet! Einem kleinen Gedanken wird bei uns häufig ein Riesenkleid angezogen, so daß ihm die Rockschöße auf dem Boden nachschlottern; und so wird bei uns zuweilen eine kolossale Idee in ein enges Wortwämschen gesteckt, daß alle Nähte platzen. Jean Paul und Goethe haben zu gleicher Zeit gelebt und sind bei uns zu gleicher Zeit bewundert worden, und ein größerer Kontrast als zwischen diesen beiden ist doch kaum denkbar.

Nun hat wohl die Höflichkeit, aber nicht die Grobheit bestimmte Gesetze. Die Höflichkeit ist eine gerade, die Grobheit ist eine krumme Linie. Da es aber nur eine gerade Linie und unzählige krumme gibt, so ist die französische Höflichkeit sehr arm an Abwechselung, während die deutsche Grobheit reich an Mannigfaltigkeit und mannigfaltig im Reichtum ist. Man denke nur an den deutschen Kanzleistil. Welchen Überfluß, welche Abwechselung bietet dieser Stil, in dem unsere Obrigkeit das deutsche Volk an seine verfluchte 158 Schuldigkeit erinnert! In dem deutschen Kanzleistil ist jeder Satz ein Balken, jede Periode ein Dutzend durch Zöpfe zusammengebundene Klötze. Das ist eichene Urkraft! Die armen Franzosen haben in ihrer Sprache keine Waldung, aus der man solche hölzerne Grobheiten hauen könnte.

Welchen Reichtum besitzt schon der Deutsche in der Anrede an eine zweite Person! Er sagt: Du, Er, Man, Ihr, Sie; und nur ein Deutscher kann wissen, welcher Schatz von Grobheiten in die breite und tiefe Kluft zwischen dem vertraulichen »Du« und dem gemessenen »Sie« geworfen werden kann. Die französische Sprache aber kennt nur ein armseliges »vous« oder »tu«.

Der Franzose redet jeden mit »Monsieur« an. Der Chiffonnier wird ebensogut mit Monsieur angeredet wie der Marschall von Frankreich. Dieses »Monsieur« ist stereotyp. Man kann nichts hinzutun und nichts davon nehmen. Der Deutsche aber gebraucht das einsilbige »Herr« gewöhnlich gar nicht; wenn er es indessen gebrauchen will, so kann er ihm soviel Grobheiten in die Taschen stecken als ihm beliebt. Man denke sich einen deutschen Untersuchungsrichter, vor dem ein politischer Delinquent steht. Der Untersuchungsrichter kann den Delinquenten »Herr« anreden; aber wenn dieser sich eigensinnig benimmt und der kurzatmigen Geduld des Richters zu nahetritt, so kann der Richter sagen: »Herrr, gestehen Sie die Wahrheit!« oder: »Herrrr, keine Verstellung!« oder: »Herrrrrrr, Sie soll ja gleich der Teufel holen!« Kurz, er kann in dem Wörtchen »Herr« so viele grobe R schnarren lassen, daß man einige Dutzend heftig bewegter Stricke darin zu vernehmen glaubte. Der arme Franzose kann aber 159 sein »Monsieur«, das so weich und sanft ist wie gewaschene Butter, gar nicht für grobe Zwecke verwenden.

Der Franzose nennt die Höflichkeit politesse, ein Wort, das sich gar nicht ins Deutsche übersetzen läßt. Der Franzose ist poli, d. h. gehobelt. Die Politesse ist ihm eigentümlich, ist ihm angeboren, ist ihm anerzogen. Sie ist bürgerlich. Wir Deutsche aber beziehen die Hobeln vom Hof, und nur die Grobheit ist bei uns bürgerlich. Die bürgerliche Grobheit kommt bei uns nie an den Hof, und die Höflichkeit der deutschen Höfe kommt niemals in die niedere bürgerliche Luftschichte; und sooft bei uns die Fürsten mit dem Volke reden, werden sie noch viel grober als die Grobsten aus dem Volke.

Nirgends kann man den Mangel oder den Reichtum an Politur bei den Menschen so genau kennenlernen, als wenn man sie zanken sieht. Sobald der Mensch in das heiße Bad eines Zankes springt, zieht er seinen Leidenschaften die Kleider aus; und derjenige, der im Zanke nicht wenigstens einen Teil seines Charakters verrät, hat nichts zu verraten. Ich habe in Paris oft Händel anfangen sehen; ich habe hier oft Menschen aus der niedrigsten Volksklasse im Zanke beobachtet; aber sie haben sich gewöhnlich nur Witze, keine Grobheiten an den Kopf geworfen. Wenn sich Franzosen zanken, so kochen sie auf und ein wie ein Topf Salzwasser; je mehr Zorn sie verdunsten, desto mehr Salz lagern sie ab.

Wenn aber in Deutschland Leute aus dem Volke in einen heftigen Zungenwettstreit geraten, so ist die Einleitung desselben gewöhnlich eine Einladung, von welcher der Eingeladene keinen Gebrauch macht, obgleich sie aufrichtig gemeint ist. Diese Einladung ist 160 seit Jahrhunderten in Deutschland so üblich, daß Goethe sie dem Ritter Götz von Berlichingen in den Mund zu legen sich nicht gescheut. Eine solche edle Gastfreundschaft dem Widersacher gegenüber kennen die Franzosen nicht. Man sieht daraus, wieviel Tugend in unserer Grobheit steckt.

Der Franzose ist überhaupt zu konventionell, um grob zu sein; vor allem ist es aber, wie gesagt, seine Sprache, die ihn daran hindert. In den Arsenalen der französischen Sprache gibt's nur feingeschliffene Klingen und scharf zugespitzte Lanzen. Sie können daher nur geistreich plänkeln, aber keine Schlachten liefern. In den Rüstkammern unserer Sprache aber ist so viel Überfluß an grobem Geschütz, daß uns nichts widerstehen kann, wenn wir unsere Batterien auffahren. Der Franzose hat zwei Worte, die er gewöhnlich im Zanke seinem Gegner an den Hals wirft: »Vous m'ennuyez« und »Vous m'embêtez«. Der Franzose kennt nichts Schlimmeres als die Qualen, die man seiner Geduld bereitet. Ihn langweilen, ihn ungeduldig machen ist das Ärgste, was man ihm tun kann. Die Langeweile ist ihm ein tiefer Schmerz, und er hat für beides ein gemeinschaftliches Wort: ennui. Wer den Franzosen gähnen macht, ist sein Feind, dem gegenüber er keine Großmut kennt.

Was das Wort embêter betrifft, so hat die Akademie demselben kein Obdach in ihrem Dictionnaire gegeben. Welche philologische Gründe sie für diese Hartherzigkeit hat, weiß ich nicht; denn das Wort hat das Bürgerrecht im Munde jedes Franzosen. Embêter heißt andummen; der geistreiche Franzose kann sich aber keine größere Untugend denken als die Dummheit.

Der Franzose ist gewöhnlich witzig, wo er grob 161 sein muß; der Deutsche ist aber gewöhnlich grob, wo er witzig sein soll. Ob aber der Witz oder die Grobheit mehr Vorzüge habe, das ist eine Frage, die sich leichter aufwerfen als beantworten läßt.

 

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