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Paris und London

David Kalisch: Paris und London - Kapitel 18
Quellenangabe
typereporting
booktitleKünstler, Quäker, Demokraten
authorLudwig Kalisch
year1970
firstpub1851
publisherRütten & Loening
addressBerlin
titleParis und London
pages366
created20130317
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Etwas über Grisetten und Verwandtes

Es ist möglich, daß ich mich durch diesen Aufsatz in den Augen der deutschen Gelehrtenwelt sehr lächerlich mache; denn es ist möglich, daß in der Enzyklopädie von Ersch und Gruber sub voce »Grisette« die gründlichste Abhandlung über diesen Gegenstand zu lesen ist, während ich, ohne alle tiefere Kenntnis, ohne genaues Quellenstudium, nur oberflächlich ein Thema zu berühren vermag, das vor mir sehr viele gewiß nichts weniger als oberflächlich berührt haben. Ja, ich gestehe sogar, wenn mich ein deutscher Professor nach der Etymologie des Wortes »Grisette« früge, ich in dieser Beziehung so unwissend wäre wie Heinrich Laube in jeder andern. Ich gestehe ferner, daß es viel leichter ist mit den Grisetten als von den Grisetten zu sprechen, und wenn ich dies letztere dennoch tue, so habe ich kein anderes Verdienst als das des seltenen Mutes, der dazu gehört.

Als ich den ersten Morgen nach meiner Ankunft in Paris aus dem Bette stieg und neugierig ans Fenster ging, erblickte ich an einem Dachfenster des gegenüberstehenden Hauses ein junges Mädchen. Es unterhielt sich eifrig mit einem Kanarienvogel, der in dem vor 122 dem Fenster hängenden Käfig munter herumhüpfte. Während sie aber mit dem kleinen lustigen Geschöpfchen schwatzte, schaffte sie mit den niedlichen Händchen emsig an den Blumentöpfen, die zu beiden Seiten des Vogelkäfigs standen. Mir gefiel das Mädchen mit dem weißen, koketten Häubchen, unter welchem das schwarze, noch ungeordnete Haar in langen Locken über das Gesicht fiel, so gut, daß ich nicht umhinkonnte, meinen Zimmernachbar auf dasselbe aufmerksam zu machen. Mein Zimmernachbar, ein Deutscher, der in früheren Jahren, als er noch jung und nicht verheiratet war, längere Zeit in Paris gelebt, warf einen Blick auf das genannte Dachfenster, rief: »Pah, das ist eine Grisette!« und trat wieder vor den Spiegel, um mit dem Rasiermesser die reife Saat seines Gesichtes zu mähen.

Ich fragte ihn, erstaunt über seinen Scharfblick, woher er das so schnell wisse? Er aber antwortete nicht; er lächelte nur. Ich weiß nun nicht, ob dieses Lächeln die Verachtung meiner Unwissenheit bekunden sollte oder ob in meinem Zimmernachbar Erinnerungen jener Zeit auftauchten, in der er noch zwanzig Jahre vor dem Schwabenalter stand und kein deutsches Ehejoch trug. Ich will ihm nicht zu nahetreten, ich glaube aber, daß er lächelte wie ein Eingeweihter einem Uneingeweihten gegenüber.

Was ist aber eine Grisette? Eine Grisette ist ein Mädchen, das sich durch seiner Hände Arbeit ernährt und gern den Neigungen des warmen Herzens folgt, ohne erst den kalten Verstand um Rat zu fragen, und je nach dem Grade, als die Grisette ein mehr oder minder warmes Herz hat, ist sie auch mehr oder minder Grisette. Diese Definition ist freilich mangelhaft; 123 vielleicht ist aber in der Enzyklopädie von Ersch und Gruber eine bessere zu finden. Mir fällt in diesem Augenblicke keine bessere ein.

Von dem jungen, unerfahrenen Mädchen, das sein Stück Brot durch Nähen, Putzmachen, Waschen, Bügeln oder Einfassen von Schuhen verdient, zur Grisette ist nur ein Schritt, und dieser Schritt ist so angenehm, daß ihn fast jedes Mädchen tut. Ein solches unerfahrene Mädchen kehrt am späten Abend, nachdem es den ganzen Tag unaufhörlich geschafft, heim in das kleine, enge Dachzimmerchen, das sich sechs oder sieben Stock hoch über dem Erdgeschoß befindet. Neben ihrem Zimmerchen hört die Heimkehrende eine männliche Stimme. Wer ist der Nachbar? Was ist der Nachbar? Gleichviel! In Paris ist man nicht gewohnt, sich um Nachbarn zu kümmern. Wie sie aber am andern Morgen das Rosenstöckchen vor ihrem Fenster begießen will, öffnet sich das Fenster des Nebenzimmers, und es zeigt sich ein Jünglingskopf mit schwarzen Locken und einem keimenden Barte. Sie schließt schnell das Fenster, und als sie einige Minuten später wieder nach den Rosen sehen will, bemerkt sie, daß diese bereits begossen sind. »C'est bête!« ruft sie, denkt aber, daß noch viel dumme Sachen geschehen, die viel unangenehmer sind. Als sie ausgeht, sieht sie auf der Treppe den Jüngling. Der Jüngling ist schön, schlank gewachsen und grüßt freundlich. Sie erwidert aber kaum seinen Gruß, und in einem Nu ist sie das halbe Dutzend Treppen hinuntergehüpft.

Als sie am nächsten Morgen die Rosen pflegen will, bemerkt sie neben dem Rosenstock einen schönen Blumenstrauß und in demselben ein zierlich zusammengefaltetes Briefchen. »C'est drôle!« sagt sie für sich und 124 schließt das Fenster, ohne das Briefchen zu ergreifen. Aber während sie sich ankleidet, denkt sie doch an den Strauß, an den schwarzköpfigen Nachbar und an das Briefchen, das sie, leise das Fenster öffnend, rasch zu sich nimmt und in den Busen verbirgt. Warum aber liest sie das Briefchen nicht? Sonderbare Frage! Sie kann nur deutlich Gedrucktes undeutlich lesen; jedes geschriebene Wort aber ist für sie so unentzifferbar wie die Zeichen auf dem Obelisken von Luxor.

Bei ihren Kameradinnen angelangt, nimmt sie eine derselben, die als eine große Gelehrte gilt, weil sie Geschriebenes lesen kann, beiseite, zieht das Briefchen heraus und läßt sich's vorlesen. Es sind Verse. Ach, wie schön reimt sich das alles! Der schwarzlockige Nachbar vergleicht seine schwarzlockige Nachbarin mit den Rosen, die vor ihrem Fenster stehen. Die Rosen vor dem Fenster, obgleich sie so schön blühen – sagt der Nachbar –, seien doch welk und farblos gegen die Rose, die hinter dem geschlossenen Fenster weilt und so anmutig, so liebenswürdig, so reizend ist, daß sie sein Herz gleich beim ersten Anblick gefesselt; und sein einziger Wunsch ist nur – sagt ferner der Nachbar –, daß die Rose hinter dem Fenster an seiner Brust ruhen könnte. Wie gesagt, das reimt sich alles. Amie, chérie, gloire, victoire, cœur und bonheur wechseln aufs schönste ab. Wer kann da widerstehen? Dazu kommt noch, daß am Schlusse des Gedichtes zwei verschlungene Hände sehr zierlich gezeichnet sind. Zwei verschlungene Hände, welch ein guter Gedanke!

Wie sie nun, abends heimgekehrt, die Türe ihres Zimmers öffnen will, kommt der Nachbar mit der ausgelöschten Kerze und bittet, dieselbe an der brennenden seiner freundlichen Wandnachbarin anzünden zu 125 dürfen. Nun entspinnt sich eine Unterhaltung, aus der hervorgeht, daß der Nachbar ein Maler ist. Er bittet sie, ihm einmal zu sitzen, da sie so schöne Augen, einen so herrlichen Mund, einen so ungewöhnlich schönen Wuchs habe und überhaupt so ungewöhnlich schön sei, daß sie nicht zu lieben schändlich wäre. Er brauche gerade, versichert er, eine Göttin für ein neues Bild; seine Nachbarin solle ihm als Modell zu dieser Göttin dienen. Der Nachbar ist so hübsch, er spricht so gewählt, so geistreich und will aus ihr eine Göttin machen. Wer kann da widerstehen? Dabei denkt sie immer an die verschlungenen Hände, an amie und chérie, an cœur und bonheur, an gloire und victoire und an die anderen süßen Reime, die er mit zierlicher Hand geschrieben, und scheint gar nicht zu merken, daß, während sie in der Unterhaltung mehrere Schritte rückwärts gegangen, er ebensoviel Schritte vorwärts getan und sich nun in ihrem Zimmer befindet, wo der Raum so viel Mangel leidet, daß die vier Wände desselben sich gegenseitig zu zerquetschen drohen.

Endlich verabschiedet man sich mit herzlichen Grüßen und mit mehreren, lang anhaltenden Händedrücken. Am andern Morgen eine vertraute Unterhaltung am Fenster und höchstens nach einigen Tagen die innigste Freundschaft. Was trennt aber das Glück beider? Eine dumme Wand, eine einfältige Türe, die in dieser Wand sich befindet. Man beschließt nach vielem Unterhandeln, diese gemeinschaftliche Türe zuweilen zu öffnen. Die Türe wird geöffnet; man vergißt aber, sie wieder zu schließen und das Mädchen ist eine Grisette.

Ich weiß nicht, wieviel Grisetten in Paris sind. Man spricht von dreißig-, ja, von vierzigtausend. Am 126 häufigsten sind sie wohl im Quartier latin, wo die Sorbonne, die Ecole de Médecine und das Collège de France sich befinden. Es gibt wenig Studenten, die sich nicht in den Armen der Grisetten von den Strapazen der Wissenschaften erholten. Fast jeder Student lebt in wilder Ehe. Dieses wilde Eheleben wird in Paris Vie de Bohême genannt und ist nicht ohne jene Poesie, die der Jugend sosehr zusagt. Daß dieser Poesie oft allzusehr auf Kosten der Wissenschaft gehuldigt wird, versteht sich von selbst. Die Institutionen und die Pandekten, die Anatomie und die Pathologie werden gar häufig vergessen an dem Busen der schwarzäugigen Grisette, die der Gelehrsamkeit durchaus nicht zugetan ist. Man kann überhaupt für die Wissenschaft nicht viel tun, wenn das Buch, aus dem man seine Wißbegierde nähren soll, auf den Knien eines Mädchens liegt; man ist dann viel mehr mit dem Pulte als mit dem Buche beschäftigt.

Die Grisette, die in dem Quartier latin lebt, unterscheidet sich von ihren anderen Mitschwestern durch ein gewisses burschikoses Wesen. Es gibt viel bemooste Häupter unter ihnen. Wenn man abends das Café Valois auf der Rue Dauphine besucht, kann man sie zu Dutzenden sehen. Das Café Valois ist eines der besuchtesten Studentenkaffeehäuser. Hier bringen die jungen Priester der Wissenschaft abends ihre Grisetten mit, welche, die dampfende Zigarre im Munde, entweder am Billardtische ihre Virtuosität probieren oder auf dem Schoße ihrer vom Maire des dreizehnten Arrondissements (Paris hat bekanntlich deren nur zwölf) getrauten Männer dem Grogglase zusprechen und die Unterhaltung beleben, die so ungezwungen ist, daß sie bei viel größerem Zwang immer noch sehr ungezwungen 127 wäre. Durch aufmerksames Anhören derartiger Unterhaltungen kann man viele Ausdrücke lernen, vor denen das prüde Wörterbuch der Akademie sich die Ohren zuhält.

Die Grisette ist in der Regel ihrem Geliebten sehr treu und, da sie ebenso gutmütig als leichtsinnig, der größten Aufopferung fähig. Die Grisette ist aber auch sehr eifersüchtig, und sie verzeiht ihrem Geliebten alles, nur nicht die an ihr begangene Untreue. Sie gibt ihm uneigennützig ihr Herz; sie will aber auch das seinige ungeteilt besitzen.

Die Eifersucht der Grisetten führt oft sonderbare Szenen herbei; eine solche sonderbare Szene hat sich an einem Novembermorgen vorigen Jahres in der Rue La Harpe zugetragen. Aus dem sechsten Stockwerke eines Hauses auf dieser alten, engen, schmutzigen Straße, die im Quartier latin liegt, tönte an jenem Morgen ein solch wildes Schreien, ein solches Toben und Schelten, daß die Vorübergehenden stehenblieben und Gruppen bildeten. Es dauerte nicht lange, so öffnete ein Mädchen das Fenster und herunter flogen Tische, Stühle, Flaschen, Gläser, Kaffeetassen und andere Hausgeräte, so daß die Gruppen von diesem Ungewitter fast erschlagen worden wären. Vergebens rief man ihr zu, mit dem Segen einzuhalten. Als alles Zurufen und Ermahnen nichts helfen wollte, drang man in ihr Zimmer, und hier vernahm man von dem Bette ein dumpfes Stöhnen. Nur mit Gewalt konnte man sich dem Bette nähern, so sehr wehrte das Mädchen die Eindringlinge von demselben ab. Als es gelungen war, die Wütende beiseite zu schieben, sah man, daß das dumpfe Stöhnen von einem Menschen herrührte, der sich im Bette wälzte und im strengsten Sinne des Wortes in das 128 Bettuch eingenäht war. Man trennte den leinenen Kerker auf, und der Halberstickte, ein Student, atmete schweißtriefend wieder auf. Die Grisette, die alles für ihn geopfert, die durch den Fleiß ihrer Hände das Möbel angeschafft und mit seltener Treue an ihm gehangen, hatte sein intimes Verhältnis zu einem andern Mädchen entdeckt und ihn, während er schlief, aus Rache in das Bettuch eingenäht, in welchem er vielleicht den Atem für immer verloren hätte, wenn die Eifersüchtige durch ihre Raserei nicht die Aufmerksamkeit der Menge herbeigeführt hätte.

Es gibt gewisse Rangstufen im Grisettenstande. Ihr höherer oder niederer Rang besteht aber nur in ihrer geringern oder größern Entfernung von der Tugend. Es gibt Grisetten, die der Tugend bloß den Rücken gekehrt, ihr aber noch sehr nahestehen; es gibt aber auch Grisetten, die mit dem Laster schon so befreundet sind, daß sie sich kaum erinnern, je die Tugend gekannt zu haben. Jene stehen nur eine Stufe tiefer als das sittliche Weib, diese kaum eine Stufe höher als das unsittlichste. Zwischen beiden Extremen befindet sich der eigentliche tiers état, die große Mehrheit, der Kern des Grisettentums, von dem hier die Rede ist.

Die Grisette hat viel Eigentümlichkeiten. Unter diese gehört besonders die außerordentliche Sorgfalt, die sie auf ihre Chaussure verwendet. Ihr Fuß beschäftigt sie mehr als ihr Kopf, und sie kokettiert mehr mit jenem als mit diesem. Die Grisette geht nicht, sie hüpft nur; und wenn sie über die Trottoirs der Boulevards eilt, geschieht dies mit solch anmutig-leichten Schritten, 129 daß man glaubt, sie schriebe mit ihren Füßchen ein flüchtiges Billett doux auf den Asphalt. Die Grisette besitzt die große Kunstfertigkeit, während des schmutzigsten Wetters halb Paris zu durcheilen, ohne daß der Schnee ihrer blendendweißen Strümpfe auch nur durch das allergeringste Fleckchen verunziert wird. Die Grisette hält auf die Unschuld ihrer Strümpfe viel mehr als auf die Unschuld ihres Herzens, und nichts reizt ihren Unwillen so sehr, als wenn ein ungeschickter Fuß den ihrigen verunreinigt. Daß sie nie versäumt, die Schönheit ihres Fußes zu zeigen, kann man sich leicht denken. Sie ist in dieser Beziehung durchaus nicht geizig, nicht einmal sparsam. Sie zeigt nicht bloß den schönen Fuß, sondern auch wo das Halbstiefelchen anfängt, und soviel von dem Strumpf, als nötig ist, um einem schwachen Auge wohltätige Schmerzen zu verursachen.

Die Pariser Grisetten-Füßchen erregen besonders die Bewunderung der Ausländer, und schon mancher Gelehrte, der nach Paris gekommen, um auf der großen Bibliothek seltene Manuskripte zu studieren, hat sein Studium diesen Füßchen zugewendet.

Tanzen ist das erste und letzte Vergnügen der Grisette. Für sie ist eigentlich das ganze Leben nur ein Tanz, eine wilde Polka, ein frivoler Cancan, und ihr Dasein hätte keinen Reiz für sie, wenn sie nicht die Hälfte desselben wegtanzen könnte. Im Tanze zeigt die Grisette ihr Talent, ihre Grazie, ihren Geist. Die beste Tänzerin sein heißt für sie, die Beste von den Besten sein. In einer Polka Beifall erregen, in einem Galopp sich hervortun ist ihr Stolz, ist die 130 Befriedigung ihres größten Ehrgeizes. Für die Grisette hat die Zeit nur Minuten, höchstens Stunden; über eine Stunde hinaus rechnet sie nicht, und es ist ihr gleichgültig, was der nächste Morgen geben oder nehmen mag. Sie hält den Leichtsinn für den Sinn des Lebens und den Ernst für den größten Unsinn; deshalb tanzt sie so gern.

Ich weiß nicht, was die Enzyklopädie von Ersch und Gruber über die Bildung der Grisetten sagt; so viel ist gewiß, daß die meisten Gelehrten, die über die Grisetten geschrieben, immer behauptet haben, daß sie, die Grisetten nämlich, die Orthographie aufs grausamste verstümmelten. Diese Behauptung ist aber ebenso unwahr wie viele andere Behauptungen, welche die Gelehrten aufstellen. Es mag wahr sein, daß unter den vielen Tausend Grisetten zuweilen ein Blaustrumpf auftaucht und mit grausamer Feder in drei Zeilen einem Dutzend Worte die Glieder verrenkt; es mag wahr sein, daß solch ein blaues Ungeheuer einen étudiant, der ihr nichts zuleide getan, in zwei Hälften spaltet und aus ihm einen étud diang macht oder daß sie ein rendez-vous in ein rang de vous verdritteilt! aber das sind seltene Ausnahmen, über die jeder nur halbwegs humane Gelehrte stillschweigend hinweggehen sollte, da er der Wissenschaft gar keinen Dienst damit erweist.

In der Regel schreiben die Grisetten schon deshalb nicht unorthographisch, weil sie, wie bereits erwähnt, gar nicht schreiben können, und darin liegt auch vielleicht der Grund, daß noch keine Grisette gegen die oberflächliche Behauptung jener Gelehrten geschrieben hat. Ich sage: vielleicht, denn es ist noch eine große Frage, ob es unter den vielen Tausend Grisetten eine einzige gibt, welche, wenn sie auch schreiben könnte, die 131 Orthographie für so wichtig hielte, um unwillig zu werden, wenn man ihr vorwürfe, die Gesetze derselben übertreten zu haben, ihr, die so manches Gesetz übertritt! Wie viele Tugenden kann überhaupt ein Weib besitzen, wenn ihm auch die orthographische abgeht! Die römischen Historiker erzählen einstimmig, daß die Mutter der Gracchen nicht orthographisch schreiben konnte, und Plutarch versichert, daß Xanthippe sich niemals eines Schreibfehlers habe schuldig gemacht; und gewiß wird jeder Mann eher mit einer unorthographischen Cornelia als mit einer orthographischen Xanthippe leben wollen.

Dies zur Verteidigung der Grisetten und zur Beschämung der Gelehrten.

Hat nun die Grisette einen natürlichen Widerwillen gegen Feder und Tintenfaß, so kann man doch sagen, daß sie in gleichem Grade der Lektüre abgeneigt ist; ja, man muß ihr sogar nachrühmen, daß sie in dieser Beziehung nicht so planlos und zerfahren ist wie so manche verbildete und überbildete Menschen, welche ganze Bibliotheken verschlucken und dem Geiste keine Zeit zur Verdauung lassen. Die Grisette liest fast nur einen einzigen Schriftsteller; aber diesen Schriftsteller weiß sie fast auswendig, fast ebenso auswendig wie unsere deutschen Gymnasiasten, bei denen er sehr oft den Horaz und Homer verdrängt. Dieser Schriftsteller heißt Paul de Kock.

Paul de Kock kennt die Naturgeschichte des Grisettentums wie kein anderer. Er kennt alle großen und kleinen Launen, alle Freuden und Leiden, alle Tugenden und Untugenden der Grisetten, und kein Schritt ist ihm unbekannt, den sie auf ihrem verworrenen Lebensgange machen. Seine unsterblichen Werke sind 132 eine Bildergalerie, in der jede Grisette ihr sprechend ähnliches Konterfei findet. Deshalb liebt ihn die Grisette und verehrt ihn als den größten Dichter Frankreichs, obgleich er nicht Mitglied der Akademie ist.

Paul de Kock ist der Frauenlob der Grisetten, und wenn er einst stirbt, werden sie ihn vielleicht auf ihren Schultern zu Grabe tragen, wie es vor mehr als einem halben Jahrtausend die Mainzer Jungfrauen mit dem deutschen Meistersänger getan. In diesem Falle wird aber sein Leichenzug viel größer sein als der des deutschen Meistersängers, da Paris mehr Grisetten als Mainz Jungfrauen besitzt.

Mehrere deutsche Schriftsteller haben dem wohlbegründeten Ruf der deutschen Gründlichkeit einen harten Stoß gegeben, indem sie die Pariser Grisetten mit deutschen Nähmädchen verglichen. Welch ein Vergleich! Die deutschen Nähmädchen sind sentimentale, tugendhafte, blonde, gebildete Wesen, die eine Vorliebe für moralische Räubergeschichten haben und für edle, aber unglückliche Banditen schwärmen, für jene edle Banditen, die im Kampfe mit dem ungerechten Schicksale stehen und gebrochenen Herzens die Koffer von den Wagen schneiden. Die deutschen Nähmädchen sind Enzyklopädistinnen. Sie lesen Spieß, Leibrock, Clauren; aber sie lesen auch Zschokke, Hoffmann und Spindler und die Romane von Walter Scott und die Romane von Eugène Sue und die Romane von Alexander Dumas. Sie befassen sich mit der Weltliteratur; sie sind Universalleserinnen. Sie deklamieren Bürgers »Lenore« und wissen die schönsten Stellen der »Jungfrau von Orleans« auswendig. Außerdem sind sie höchst sittsame Geschöpfe, die ein unschuldiges Verhältnis mit dem Mond haben, oft erröten, zuweilen 133 sogar Verse machen und niemals witzig sind. Von allen diesen Tugenden besitzt die Grisette nichts, nicht einmal den Mangel an Witz. Die Grisette ist witzig, und sie gibt dem Witze die Freiheit, sich soviel Freiheit zu nehmen, als er will. Auf die unpassendste Frage weiß sie die passendste Antwort zu geben, und sie besitzt mehr Talent, in Verlegenheit zu bringen als zu geraten.

Man darf die Grisette nicht mit der Lorette verwechseln. Die Grisette schenkt ihr Herz an den Wenigstfordernden; die Lorette verkauft es an den Meistbietenden. Die Grisette will einen Arm, in den sie sich vertrauensvoll hängen mag; die Lorette will eine Equipage, um in deren Polstern durch die Straßen von Paris zu fliegen. Die Grisette ist eine Freundin der Armut und der Armen, und sie opfert alles, wo sie Aufopferung sieht; die Lorette aber läßt jeden reichen Mann auf ihre Gunst abonnieren, und der reichste Abonnent ist ihr der liebste. Es gibt viele Loretten, die sehr viel Abonnenten haben; es gibt aber keine einzige unter ihnen, die nicht noch mehr haben möchte.

Die Grisette wohnt selbst in den allerärmsten Stadtteilen, wo die Tugend und die Not oft in einem Dachstübchen verborgene Tränen weinen; die meisten Loretten aber wohnen in dem reichsten Quartier von Paris, in der Rue Lafitte, in der Rue de la Chaussée d'Antin und in den benachbarten Straßen, deren Mittelpunkt die kokette Kirche Notre-Dame-de-Lorette bildet. Die Grisette liebt ein aufrichtiges Herz; die Lorette aber liebt die Hautefinance, die jüdischen Christen und die christlichen Juden, die alles, nur nicht das Gold, für eine Chimäre halten und an denen nichts Respekt verdient als ihre Wechsel.

134 Die Grisette steht also moralisch viel höher als die Lorette, und gerade um soviel höher, als die Lorette durch äußern Glanz über ihr steht. Es geschieht zuweilen, daß die Grisette Lorette wird, was soviel heißt: als mehrere Stufen hinaufsinken. Die Grisette muß viele Tugenden ausziehen, bis ihr die seidenen Kleider passen, durch die ein Frankfurter Jude, dessen Stimme auf der Pariser Börse einen guten Klang hat, ihre Gunst zu erwerben oder sich zu erhalten glaubt.

Wie das Geld ein Kosmopolit ist, so ist die Lorette, die nichts sosehr liebt als das Geld, eine Kosmopolitin. Die Lorette hat kein spezifisches Nationalgefühl. Im Gegenteil, sie sucht jene Nationen am meisten auf, die der französischen am widerwärtigsten, nämlich die Engländer und die Russen. Die Grisette aber ist eine beschränkte Französin, die auf dem patriotischen Standpunkte steht. Ein armer, junger, schöner Franzose ist ihr lieber als ein reicher, alter, häßlicher Nichtfranzose.

Was die politische Gesinnung betrifft, so ist die Grisette durchaus demokratisch, während die Lorette durchaus aristokratisch ist. Manche Grisette hat schon an der Seite ihres Geliebten auf den Barrikaden gekämpft; die Lorette kämpft aber nicht auf den Barrikaden, weil keiner ihrer Geliebten dort zu finden ist.

Die Grisette hat keine große Vergangenheit, wenn sie Grisette wird; von der Unschuld zum Grisettentum ist nur ein Schritt, ein Fehltritt. Zwischen der Unschuld und dem Lorettentum aber gähnen Klüfte und Abgründe. Die Lorette hat bei ihrem Eintritt ins Lorettentum oft ganze historische Epochen hinter sich.

Die Lorette steht gewöhnlich schon im Sommer ihrer Jahre; sie muß daher die Zeit benutzen, ehe der 135 Spätsommer ihr mit unartig deutlichen Zügen den Geburtsschein ins Gesicht schreibt. Ihr einziger Vorzug ist die Jugend; wenn sie sich während derselben die Zukunft nicht sichert, so haben alle ihre früheren Siege nur dazu gedient, ihr, die nicht zu arbeiten gewohnt ist, das Elend noch fühlbarer zu machen, das in späteren Jahren ihrer wartet. Es gibt aber nur wenige unter ihnen, die sich mit der Zukunft beschäftigen; es gibt nur wenige unter ihnen, denen es gelingt, von einem ihrer reichen Anbeter sich eine Rente verschreiben zu lassen oder ihn gar zu einem legalen Bündnis zu bewegen. Die meisten müssen dann zu einem Gewerbe greifen, das keine Annehmlichkeit des frühern besitzt. Sie fahren dann nicht mehr in Karossen und wohnen in keinem chambre garnie auf der Rue St-George oder der Rue Mogador, und sie tragen keine seidenen Kleider und keine indischen Schals. Ein buntes Tuch um den Kopf gewickelt, einen Korb Orangen vor der Brust stehen sie dann vor den Schauspielhäusern oder gehen durch die Straßen und schreien Kunden für ihre Früchte herbei. Manches Weib bietet jetzt Schollen und Makrelen feil, das vor einem Jahrzehnt den Pariser Löwen die goldenen Mähnen abgeschnitten und durch ihre schmachtenden Blicke unzählige Ehefrauen zur Verzweiflung gebracht hat, und sie hat von allen ihren Siegen nichts, gar nichts gerettet als faule Fische und das alternde Haupt.

In Paris hat die Liebe eine außerordentliche Scheu vor dem Altar, vor dem priesterlichen Segen. Amor arbeitet hier nicht gern dem Gott Hymen in die Hand, sondern spielt ihm einen tollen Streich nach dem andern. Er ist nicht nur ein Freund der wilden Ehen, sondern er verwildert auch die Ehen, wo er kann; und 136 wahrlich! er kann viel. Man gibt hier der Liebe so viel Kredit, daß man sich arm geborgt, wenn man in die Ehe tritt. Die Pariser Männer heiraten oft dann erst, wenn ihr Herz schon Bankrott gemacht oder eben im Begriff ist, die Zahlung einzustellen. Mancher junge Ehemann hat einen zehnbändigen Lebensroman hinter sich, in welchem Schauspielerinnen, Tänzerinnen, Loretten, femmes entretenues und reizende Halb- und Vierteltugenden verwickelte Rollen gespielt; sobald das junge Weib dies merkt, fängt sie, wenn sie die Rache für ein süßes Gefühl hält, ebenfalls einen Roman an, der oft noch bändereicher und verwickelter wird als der ihres Gatten.

 

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