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Paris und London

David Kalisch: Paris und London - Kapitel 17
Quellenangabe
typereporting
booktitleKünstler, Quäker, Demokraten
authorLudwig Kalisch
year1970
firstpub1851
publisherRütten & Loening
addressBerlin
titleParis und London
pages366
created20130317
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Deutschen in Paris

In keiner Stadt der Welt werden so viel Luftschlösser gebaut wie in Paris. Hier lügt die Hoffnung so schön, so boshaft-liebenswürdig, daß man am Rande des Abgrundes kaum sieht, wie schändlich man von ihr hintergangen worden.

Wem die gütige Natur Verschmitztheit, Schlauheit, Charlatanerie und ähnliche Gaben verliehen, durch welche man die Aufmerksamkeit zu erregen vermag, der wird sich hier zuweilen ein leidliches, vielleicht gar ein glänzendes Dasein begründen; denn sich 113 bemerkbar machen heißt hier schon den Grundstein zu seinem Glücke legen. Das bescheidene Verdienst aber, das im Bewußtsein seines Wertes harrt, bis es gewürdigt wird, geht in Paris sehr häufig in Not und Elend unter.

Wahrlich, auf keinem Boden der Erde gedeihen die Veilchen so schlecht wie auf dem Pariser Boden.

Freilich gelingt es in Paris auch den Unbescheidenen nicht sehr häufig, da die Konkurrenz zu stark ist und ein großer Charlatan auf der Glücksjagd von einem größeren Charlatan überholt und niedergeworfen wird; aber die Charlatanerie ganz verachten ist soviel als dem Glücke den Krieg erklären und mit der Not ein unzertrennliches Bündnis schließen.

Kein Volk indessen liefert der Hauptstadt Frankreichs soviel Opfer als das unserige. Von den Deutschen, die nicht dem Handwerkerstande angehören, geht hier mindestens die größere Hälfte unter. Sie bringen gewöhnlich eine blühende Jugend, einen Schatz von Kenntnissen, einen Reichtum an Talent mit und sind überzeugt, daß bei solchen Begabungen das schönste, das herrlichste Ziel erreicht werden müsse. Sie glauben den Ruhm, die Unsterblichkeit und eine glänzende Lebensexistenz schon gesichert; aber ein Tag nach dem andern entflieht, ein Monat nach dem andern verschwindet, und ein Jahr nach dem andern geht hin. Die Wechsel auf den Ruhm und die Unsterblichkeit sind mit Protest zurückgewiesen worden; die schönsten Jahre, wo das Talent am freudigsten und am fruchtreichsten schafft, sind vertrauert worden in Jammer und Not, und die Getäuschten geben sich immer noch neuen Täuschungen hin und glauben den lügnerischen Versprechungen, mit denen sie hintergangen werden.

114 Ich habe hier merkwürdige Opfer dieser Art gesehen. So habe ich einen jungen deutschen Mathematiker kennengelernt, der in Paris nicht nur für einen Gelehrten, sondern für ein Wunder, für ein mathematisches Ungeheuer gilt. Vor mehreren Jahren kommt er nach Paris, in der festen Überzeugung, hier sein Glück zu machen. Er läßt durch Arago, der seine Verdienste bereits kennt, der Akademie der Wissenschaften ein Memoire einreichen, in welchem die Entbehrlichkeit der Logarithmentafeln nachgewiesen wird. Arago bevorwortet das Werk in den wärmsten Ausdrücken, und das Memoire wird von der Akademie lobend erwähnt. Die größten französischen Mathematiker erstaunen über seine Fähigkeit und beuten sie aus; aber der junge Mann lebt in solch drückenden Verhältnissen, daß er am Abend nicht weiß, mit welchen neuen Lügen er am andern Morgen seinen ungläubig gewordenen Magen wieder abspeisen soll. Als ich ihn fragte, warum er nicht nach England gehe, antwortete er, daß ihm die Mittel zur Reise fehlten; zwar, fügte er hinzu, könne er diese Mittel von Pariser Gelehrten seines Faches wohl erhalten, aber gewiß nur unter der kaum verhehlten Bedingung, daß er nicht wieder nach Paris zurückkehre.

Die Pariser Gelehrten wollen überhaupt keine fremden, besonders keine deutschen Gelehrten aufkommen lassen; ob sie sich in dieser Beziehung mehr vor der Qualität als vor der Quantität fürchten, weiß ich nicht; gewiß aber ist, daß unsere gelehrten Landsleute, wenn sie in Paris eine Stellung suchen, tausend Steine des Anstoßes finden, über die nur sehr wenige geschickt hinwegzuspringen verstehen.

So kam vor nicht langer Zeit ein sehr namhafter 115 deutscher Naturforscher nach Paris. Sein reiches Wissen war dort niemandem verborgen, denn manche seiner Werke waren von der Akademie gekrönt worden. Aber der Mann hatte gewisse Eigentümlichkeiten, gewisse Manieren, durch die er in der Pariser abgeschliffenen Welt Anstoß erregte und Widersacher erweckte; und bald sah er sich von dem Allernötigsten so sehr entblößt, daß er froh war, durch Hilfe einiger mitleidigen Freunde nach Amerika auswandern zu können.

Groß ist in Paris besonders die Zahl deutscher Ärzte, die mit der Diogeneslaterne Patienten suchen, aber gewöhnlich nur ihre eigenen Kollegen finden, Kollegen, die ihre Laterne ebenfalls umsonst angezündet haben. Es gibt unter ihnen die geschicktesten, die gebildetsten Männer, die in Deutschland jedenfalls eine gesicherte, vielleicht die ehrenvollste Stellung fänden, in Paris aber oft auf die schrecklichste Weise darben müssen. Sie bringen nach dieser Weltstadt vielfache Kenntnisse, einen tüchtigen wissenschaftlichen Sinn, ein redliches Wollen mit; aber gewöhnlich sind es gerade diese Tugenden, die ihnen den Weg zum Glücke versperren. Sie stolpern sozusagen über ihre eigenen Vorzüge. Ich habe in Paris die Bekanntschaft eines deutschen Arztes gemacht, der, was Redlichkeit und gediegene Bildung betrifft, seinesgleichen sucht, aber während der langen Zeit, die er hier auf ein freundliches Lächeln des Glückes harrt, nichts zu erreichen vermochte als eine gewisse philosophische Ruhe, die ihn die schwere Not ergebungsvoll tragen lehrt. Er bewohnt ein Zimmerchen im sechsten Stocke, das nicht viel größer ist als das armselige Bett, in welchem er die schlaflosen Nächte zubringt, und ist genötigt, seine Speisen sich selbst zu bereiten, da in ganz Paris keine Restauration 116 so armselig ist, die seiner Armut nicht zu kostspielig wäre.

Vor einigen Jahren war ein deutscher Arzt in Paris, der im strengsten Sinne des Wortes verhungert wäre, wenn nicht einer seiner Freunde und Kollegen zufällig zu ihm in die Wohnung gekommen wäre und den Armen gerettet hätte, der, aus Verzweiflung über seine fürchterliche Lage und von einem falschen Schamgefühl zurückgehalten, sich mitzuteilen, fest entschlossen war, nicht mehr das Zimmer zu verlassen und dort den gräßlichen Hungertod abzuwarten.

Der ärztliche Beruf läßt sich schwer von einer gewissen Charlatanerie trennen. Der praktische Arzt darf nie seinen Mangel an Wissen zeigen, selbst da nicht, wo dieser Mangel einzig und allein der Unzulänglichkeit der Wissenschaft zugeschrieben werden muß; denn tut er dies, so wird man nicht seine Bescheidenheit und seine Liebe zur Wahrheit bewundern, sondern seinen Mangel an Kenntnis verachten und den Quacksalber vorziehen, der ein ernstes Gesicht schneidet und durch das allerschwierigste Problem nicht aus der Fassung zu bringen ist.

Das Sprichwort: »Klappern gehört zum Handwerk«, ist nirgend so richtig angebracht wie auf den ärztlichen Stand. In Paris nun, wo so häufig das Handwerk Nebensache und das Klappern Hauptsache ist, geraten die deutschen Ärzte in Konflikt mit Kollegen, die der Wissenschaft den Rücken kehren und Arm in Arm mit der Charlatanerie den Weg zum Glück verfolgen.

Ein Haupthindernis für die Erreichung einer leidlichen Stellung in Paris finden deutsche Ärzte in der Schwierigkeit der Sprache, eine Schwierigkeit, die sie gewöhnlich erst nach vieljährigem Aufenthalte in dieser 117 Weltstadt bewältigen können. Wenn man nun erwägt, welch ein wichtiges Moment bei einem praktischen Arzte die Macht der Rede bildet, wie oft er den Patienten mehr mit Worten als mit Medizin zu heilen vermag, wie er immer tröstend, ermahnend, ratend und beschwichtigend am Krankenbette sprechen muß, so wird man leicht begreifen, wie steil die Klippen sind, die die deutschen Ärzte auf ihrer Laufbahn in Paris finden.

Zwar gibt es in Paris deutsche Ärzte, die mit der Gründlichkeit des Wissens, mit der unbestreitbarsten Geltung in ihrem Fache sich eine angesehene und behäbige Stellung zu verschaffen gewußt, und die Namen eines Sichel, Otterburg, Schuster und anderer werden in Paris nur mit Hochachtung genannt. Allein dies sind seltene Ausnahmen. Aber auch diese Männer konnten erst nach vieljährigem Dulden und Harren, nach unbeschreiblichen Mühen und Aufopferungen ihr Ziel erreichen, und mit tränenden Augen erzählen sie von ihren zahllosen deutschen Kollegen, die in Paris in bitterstem Elende zugrunde gegangen.

Am leidlichsten sind in Paris noch die deutschen Musiker daran. Ihre Kunst verschafft ihnen leicht Zutritt in die ersten Häuser, und da sie in Tönen sprechen, können sie bequem ihr Talent geltend machen und sich die gebührende Würdigung verschaffen. Doch trifft man in Paris häufig deutsche Tonkünstler, die dermaßen herabgekommen, daß sie in öffentlichen Gärten und in den gemeinsten Tanzsälen ihre Kunst ausüben.

Deutsche Handwerker sind in Paris immer noch die beliebtesten, sowohl wegen ihrer Arbeit als wegen ihres Arbeitens. Sie sind sehr fleißig, sehr gründlich, sehr gewissenhaft. Unzählige deutsche Handwerker haben sich 118 in Paris niedergelassen, und viele von ihnen haben mit Vergnügen vergessen, daß sie einst Deutsche gewesen.

Es ist in der Tat unglaublich, wie lose der Deutsche mit seinem Vaterlande verknüpft ist. Der Deutsche trägt sein Vaterland nicht im Herzen, sondern an der Sohle, das sieht man in Paris an so vielen unserer Landsleute, die in Frankreich naturalisiert worden. Ich habe in Paris Deutsche gesehen, die nur mit Widerstreben deutsch sprachen; ja, ich bin mehreren deutschen Handwerkern begegnet, die ihre Muttersprache nicht mehr sprechen können.

Der Franzose bleibt überall Franzose und nimmt, wenn er auch noch so lange im Auslande weilt und selbst wenn er sich dort eingebürgert, den lebhaftesten Anteil an dem Wohl und Wehe Frankreichs. Ebenso der Engländer, der Schwede, der Russe. Nur der Deutsche vergißt sein Vaterland leicht und ist noch froh, wenn ihm sein Gedächtnis nicht den Streich spielt, ihn daran zu erinnern. In Frankreich wird er ein ebenso guter Franzose, wie er in Rußland ein patriotischer Russe wird.

Dieser Mangel an Nationalgefühl liegt in der Zerrissenheit unserer Nation, die, Dank unseren vielen gekrönten Landesvätern, dem Auslande gegenüber keine imponierende Größe darbietet. Man muß im Auslande mit Stolz sein Vaterland nennen können, um es mit Liebe nennen zu können. Der deutsche Gelehrte, der deutsche Schriftsteller und Künstler, kurz jeder Deutsche, der geistig mit seinem Vaterlande zusammenhängt, vergißt Deutschland in der Fremde nicht; denn er kann für die vielen Wurzeln, mit denen er in seinem Vaterlande haftete, außerhalb desselben keinen Boden finden, und nur seine Zunge, nicht sein Herz 119 lernt die Sprache des Auslandes. Der Deutsche aber, der nicht durch dieses geistige Band an sein Vaterland geknüpft ist, der, wenn ich mich so ausdrücken darf, nicht deutsch bleiben muß, hört auch leicht auf Deutscher zu sein, sobald er Deutschland den Rücken gekehrt hat. Der deutsche Handwerker, der in seinem Vaterlande politische und soziale Ketten zugleich getragen, fühlt sich, sobald er französischer Bürger geworden, als Glied einer großen Nation, die in der Welt eine Rolle spielt, als Glied einer Nation, in der die vollständigste soziale Gleichheit herrscht. Er weiß, daß seinen Kindern kein Weg zum Glücke versperrt sein wird und daß sie in Frankreich tausend Wege zum Glücke geebnet finden. Ich habe viele in Frankreich naturalisierte Deutsche kennengelernt; aber ich habe unter ihnen keinen einzigen gefunden, der es bereut hätte, französischer Bürger geworden zu sein.

Da ich gerade von den deutschen Handwerkern in Paris rede, so kann ich die dort lebenden deutschen Zeitungskorrespondenten nicht unerwähnt lassen. Es sind eigentlich nicht einmal Handwerker, sondern Taglöhner, arme, geplagte Taglöhner, die ruhm- und namenlos im Dienste der Politik handlangern. Für die meisten ist es ein knapper Erwerb, der ihnen kaum die nötigsten Bedürfnisse sichert, und nur diejenigen von ihnen, die für größere Blätter, z. B. für die »Augsburger Allgemeine« und die »Kölnische Zeitung«, schreiben, und nur solche, deren politisches Gewissen an Elastizität nicht Mangel leidet, haben eine freundlichere Existenz. Die wenigsten von diesen Korrespondenten haben diesen Erwerb aus Neigung und Beruf ergriffen; die meisten sind durch traurige Verhältnisse, durch fehlgeschlagene Hoffnungen dazu gezwungen 120 worden. Es sind besonders Flüchtlinge, die, vom heimatlichen Herde vertrieben, von rachsüchtigen Regierungen verfolgt, die Journalistenfeder ergreifen, um nicht Hungers zu sterben. Diese armen Opfer der Gesinnung, die alles verloren, was dem Menschen lieb und teuer ist, Vaterland, Heimat, Familie und trauten Freundeskreis, irren darbend und gebrochenen Herzens in dem rauschenden, tobenden, lärmenden Paris umher, und niemand kümmert sich um sie als die Spione, um sie einer Polizei zu denunzieren, die sich zur dienstbeflissenen Helfershelferin jeder freiheitsfeindlichen Regierung erniedrigt hat.

Da diese Flüchtlinge, die ihrer Überzeugung alles geopfert, nur für die Blätter ihrer Partei schreiben, für die wenigen Blätter, die jetzt von dem trunkenen Übermute der Reaktion zu Tode gequält werden, so reicht der Lohn ihrer Arbeit kaum für das Allerunentbehrlichste hin, und wenn sie glauben, festen Fuß gefaßt zu haben, werden sie durch die nicht zu überzeugende Macht des Herrn Carlier wieder hinausgestoßen in die weite Welt und wissen nicht, wohin sie ihr Haupt legen sollen.

Man sieht, daß im allgemeinen das Los der Deutschen in Paris keinesweges ein glänzendes ist. Paris ist die Welt im kleinen. Nirgendwo wie hier findet der denkende Mensch soviel Belehrung, soviel Anregung, soviel Stoff für Geist und Phantasie. Wer daher nach Paris kommt, um dies zu suchen, wird mehr als befriedigt werden, wird alle seine Erwartungen übertroffen finden. Wer hier aber neben der geistigen Nahrung auch die leibliche sucht, wer aufs Geratewohl nach Paris kommt, um sich dort durch wissenschaftliche oder künstlerische Befähigung ein Dasein zu begründen, 121 der wird, wenn nicht der dumme Gott des Zufalls ihn begünstigt, mit der ihm täglich über den Kopf wachsenden Not zu kämpfen haben.

Paris ist die Lorelei der Städte. Sie lockt durch den bezauberndsten Gesang tausend junge Schiffer herbei, um sie dann von den brausenden Wellen verschlingen zu lassen. Man kann nicht genug vor ihr warnen.

 

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