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Paris und London

David Kalisch: Paris und London - Kapitel 15
Quellenangabe
typereporting
booktitleKünstler, Quäker, Demokraten
authorLudwig Kalisch
year1970
firstpub1851
publisherRütten & Loening
addressBerlin
titleParis und London
pages366
created20130317
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Théâtre Historique

Das Théâtre Historique könnte viel richtiger Théâtre-Dumas heißen; denn es werden hier keine anderen Musenkinder dem Publikum vorgeführt als diejenigen, die Herr Alexandre Dumas mit der Melpomene gezeugt. Alexandre Dumas hat vor drei Jahren das Privilegium zur Erbauung eines neuen Theaters nachgesucht. Er fühlte das Bedürfnis, für seine dramatischen Produktionen ein apartes Theater zu haben. Und kaum hatte er das Privilegium durch Begünstigung des Herzogs von Montpensier erhalten, als auch schon das neue Haus fertig war, das durch ein mit Dampfkraft verfertigtes Stück, »La Reine Margot«, eröffnet wurde. »Die Königin Margot«, aus einem zehnbändigen Romanungeheuer ins Dramatische verarbeitet, begann um sechs Uhr abends und dauerte bis drei Uhr morgens. Als dieses Stück eine Revolution im Reiche des Schlafes hervorbrachte und das Publikum beim Nachhausegehen nicht wußte, ob es frühstücken oder sich zu Bette legen sollte, wurde es, wenn ich nicht irre, in zwei Stücke geteilt, wodurch das Publikum an Schlaf gewann und die Kunst nicht das mindeste verlor.

Das Théâtre Historique ist ein Tempel, in welchem kein anderer Gott als der Fabrikant Dumas oder sein Sohn Adolph angebetet wird. Für Erzeugnisse anderer Dichter ist diese Szene nicht eingerichtet. Die Stücke des Herrn Dumas dauern wenigstens sechs Stunden. Sie sind sämtlich à grand spectacle fabriziert und auf die Gänsehaut des Publikums berechnet. Das Théâtre Historique könnte als Hochschule für angehende Mörder dienen. Vergiftungen, Erdolchungen, Erwürgungen und andere Todesarten wechseln hier aufs 101 haarsträubendste ab. Wer Talent hat, kann hier lernen, wie man sich oder andere romantisch aus der Welt schaffen kann. Alles läuft hier auf eine Mordtat hinaus. Lauter hochnotpeinliche Poesie, bei der die Muse dem Henker in die Hand arbeitet. Daß es dabei an auswattierten Phrasen, angepolsterten Redensarten und geschwollenen Sentenzen nicht fehlt, versteht sich von selbst. Der gute Geschmack wird in diesen Stücken noch mehr gefoltert als die Personen, die in denselben auftreten. Da aber in Paris jede Tugend und jedes Laster Anhänger findet, so fehlt auch dem Théâtre Historique das Publikum nicht.

Diesen Winter hat das Dumassche Stück »Comte Herman« im Théâtre Historique mehrmonatliche Furore gemacht. Ich habe einen Akt davon gesehen und wünsche meinen ärgsten Feinden – zwei Akte davon sehen zu müssen.

Auf das Théâtre Historique folgt unmittelbar eine Reihe von Volkstheatern, die in der Regel nur von den Ouvriers der Vorstädte und von neugierigen Fremden besucht werden. Sie heißen:

 

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