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Paris und London

David Kalisch: Paris und London - Kapitel 13
Quellenangabe
typereporting
booktitleKünstler, Quäker, Demokraten
authorLudwig Kalisch
year1970
firstpub1851
publisherRütten & Loening
addressBerlin
titleParis und London
pages366
created20130317
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Porte St-Martin

Dieses Theater steht ziemlich tief unter dem Gymnase Dramatique. Hier werden schon häufig große Spektakelstücke gegeben, Stücke mit mehreren Dutzend Tableaux, mit explodierenden Phrasen und donnernden Knalleffekten. Aber das Théâtre Porte St-Martin hat das Glück, unter seinem Personal den größten Schauspieler Frankreichs, Frédéric Lemaître, zu besitzen.

Frédéric Lemaître ist während des ganzen Winters nicht ein einziges Mal aufgetreten. Er war mit dem großen Ereignis beschäftigt, welches am Anfange des Frühlings, wenn die Veilchen blühen und der Zephir die Knospen an den Zweigen küßt, das Kunstpublikum in Erstaunen setzen sollte. Dieses Ereignis hieß »Toussaint Louverture«. Fast ein halbes Jahr hat es gedauert, bis dieses dramatische Musenkind Lamartines durch Hilfe des großen Accoucheurs Lemaître das Rampenlicht erblickte. Endlich kam es zur Welt, und Paris war nicht mehr in Paris, sondern im Theater Porte St-Martin. »Toussaint Louverture«, ich meine hier den Sohn der Lamartineschen Muse, hat merkwürdige Schicksale erlebt. Lamartine hat diese seine dramatische 96 Erstgeburt, wie er in der Vorrede zu derselben sagt, im Jahre 1840, also acht Jahre vor Ludwig Philipps Sturz und seinem eigenen Glanze, in einigen Wochen ländlicher Zurückgezogenheit geschrieben. Als er später eine Reise in die Pyrenäen machte, verlor er einen Teil seiner Papiere, unter welchen sich auch das Stück befand. Lamartine versichert, diesen Verlust wenig bedauert zu haben. Das Schicksal, das nicht immer das Verdienst lohnt, zeigte sich gefällig gegen Lamartine und glaubte seine Bescheidenheit lohnen zu müssen. Als nämlich einige Jahre später Lamartines Küfer in den Keller ging, um für seinen Herrn Wein zu holen, fand er in einem Korb das Manuskript, das zwischen einigen Flaschen köstlichen Weines, der ihm in Pau geschenkt wurde, als Polster diente. Diesmal bewahrte es der Dichter sorgfältiger, und als er nach kurzer Herrschaft seine Popularität verlor und Geld brauchte, verkaufte er das Manuskript dem Buchhändler Michel Levy für 30 000 Franken. Mit dem Manuskripte kaufte Michel Levy zugleich das Recht, es aufführen lassen zu dürfen, und Lamartine versichert, es sei ihm unangenehm gewesen, daß der Buchhändler von diesem Rechte Gebrauch gemacht. Ferner versichert der Dichter, er habe aus »Toussaint Louverture« weder eine Tragödie noch ein Drama, sondern nur ein dramatisches Gedicht machen wollen; und obgleich der Dichter dies erst nach der Aufführung des Stückes sagt, also erst nachdem das Publikum sein unparteiisches Urteil gesprochen, so wollen wir ihm dennoch glauben.

»Toussaint Louverture« ist mit einem Glanze in Szene gesetzt worden, von dem selbst die Pariser, die doch in dieser Beziehung das Ungewöhnlichste gewohnt sind, aufs lebhafteste überrascht worden sind. Ballett, 97 Musik, Gesang, Kanonendonner, Morgenröte, Abendröte, Pelotonfeuer, das Weltmeer, tropische Täler und ungeheuere Felsenberge, kurz alles, was Auge und Ohr entzückt, erschreckt und erstaunt, ist hier zu sehen und zu hören. Dazu kommt noch ein gefeierter Dichtername und das Talent des größten französischen Schauspielers, der die Titelrolle gab und mit dem unausgesetztesten Fleiße, mit der unermüdlichsten Sorgfalt die Szenierung des Stückes geleitet hat. Trotz alledem aber hat »Toussaint Louverture« sich keines Erfolges zu erfreuen gehabt. Der Held spricht sehr schön und viel, oder richtiger: schön und sehr viel; aber er kann vor Worten nicht zu Taten kommen. Fünf unendlich lange Akte hindurch nichts als Verse, nichts als gereimte Phrasen, nichts als rhythmische Sentenzen. Zehn wahre Helden sprechen nicht soviel wie dieser Louverture, der nicht den zehnten Teil einer wahren Heldentat verrichtet. Er ist ein lyrischer Heros, der mit rhetorischen Blumen um sich wirft, mit jenen Blumen, die in dem Musengarten des Herrn von Lamartine üppig wuchern. Während des langen Stückes bieten sich für den Helden unzählige Gelegenheiten dar, das Maul zu halten und das Schwert zur Befreiung seines mißhandelten Vaterlandes zu ziehen. Aber er läßt das Schwert und nicht die Zunge ruhen, und er schlägt keinen Feind, sondern nur die Zeit tot.

Der Lamartinesche Held ist ein echter Deutscher, obgleich er unter der tropischen Sonne geboren. Seine Haut ist schwarz; aber sein Gemüt ist blond, es steckt viel iffländisch-deutschväterliches Element in diesem »Toussaint Louverture« des Herrn von Lamartine. Und als er nach fünf unselig langen Akten endlich die Fahne des Aufruhrs ergreift und sein Volk zu den Waffen 98 ruft, fällt der Vorhang. Das Stück endet also gerade da, wo es beginnen sollte. »On ne sait pas qui gagne«, rief mein Nachbar verdrießlich, als der Vorhang gefallen war. So darf kein Drama enden, besonders kein Drama, das, wie Herr von Lamartine in der Vorrede zu dem seinigen äußert, aufs Volk wirken sollte. Jedes Volk, und besonders das französische, liebt die rhetorische Pracht, den Glanz der Rede, den Schmuck großer, schöner Worte; aber das französische Volk liebt die rhetorische Pracht nur als Trägerin großer Taten. Es wird heute noch von den Napoleonschen Bulletins berauscht, aber nur, weil es sich der Schlachten von Lodi, Diego, Marengo und Austerlitz dabei erinnert. Ein solcher Wortreichtum aber, der die Armut der Handlung nicht verbirgt, sondern nur um so greller hervortreten läßt, wie in »Toussaint Louverture«, kann niemals ein französisches Volksstück werden. Das Lamartinesche Drama verlangt nicht bloß Aufmerksamkeit, es verlangt Geduld, viel Geduld, deutsche Geduld, und das ist eine Eigenschaft, die den lebhaften Franzosen ganz abgeht.

Frédéric Lemaître verrät natürlich auch in diesem Drama den Schauspieler ersten Ranges, obgleich er, wie mir fast von allen Seiten versichert wurde, hier nicht recht in seinem Elemente ist. Ich habe ihn leider in keiner andern Rolle sehen können.

Die Kritik hat sich in bezug auf diese Produktion mit einer Rücksicht benommen, die man einem Talente von unbestreitbarer Geltung selbst da schuldig ist, wo es einen Fehltritt begeht. Sie hat zwar ihr Recht geübt, aber mit aller Milde; und kein Organ der Pariser Tagespresse hat bei dieser Gelegenheit daran gedacht, daß der Autor Lamartine an der Spitze der provisorischen 99 Regierung gestanden. Man hat mit einem feinen Anstande, mit einem humanen Takte, wie er nur dieser Nation eigen ist, es vermieden, die Politik in die Ästhetik zu mischen und den Dichter Lamartine die Sünden des Staatsmanns Lamartine entgelten zu lassen. Keines der vielen ihm feindlichen Blätter hat mit Schadenfreude an seinem Lorbeer gezerrt, und man hat den Dichter der Nation nicht mit dem Mann der Partei verwechselt. Das ist eine Tugend der Franzosen, die uns Deutsche beschämen muß, uns, die wir so gerne Steine des Anstoßes auf den Weg werfen, den unsere Talente zum Tempel des Ruhmes zurücklegen wollen, uns, die wir so stolz sind auf unsern philosophischen Geist, auf unsere tiefe Bildung, aber unsere Gemütsruhe nicht verlieren, wenn ein frommer König einen unserer liebenswürdigsten Dichter in die Zuchthausjacke steckt.

 

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