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Paris und London

David Kalisch: Paris und London - Kapitel 11
Quellenangabe
typereporting
booktitleKünstler, Quäker, Demokraten
authorLudwig Kalisch
year1970
firstpub1851
publisherRütten & Loening
addressBerlin
titleParis und London
pages366
created20130317
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Théâtre Montansier

Es ist das lustigste Theater in Paris. Hier hat sich die französische Heiterkeit durch alle Kämpfe und Krämpfe der Zeit ungetrübt erhalten, und wer dieses Theater besucht, kann sicher darauf rechnen, daß er es nur mit heftig erschüttertem Zwerchfell verlassen wird.

Das Théâtre Montansier ist durchaus nicht klassisch, obgleich es ein Wandnachbar des Théâtre-Français ist, das von ihm sehr häufig aufs komischste parodiert wird. Es ist unerschöpflich an neuen Produktionen, die freilich selten vor dem Richterstuhle der Kritik bestehen würden. Was kümmert sich aber das Théâtre Montansier um den Richterstuhl der Kritik? Muß sich doch die Kritik selbst die Seiten halten, wenn sie in den Räumen dieses Theaters die Schellen des Humors rasseln hört! Und das ästhetische Gewissen verstummt gern vor den liebenswürdigen Sünden, die hier der Spaß begeht.

Es kommen im Théâtre Montansier selten mehraktige Stücke zur Aufführung, sondern gewöhnlich mehrere einaktige. Diese Stücke, die in der Regel einer Anekdote, einem komischen Stadtereignis, einer Zeitungsente, ja, zuweilen einer geistreichen Karikatur im »Charivari« oder sonst in einem Witzblatte ihr Entstehen 81 verdanken, sterben gewöhnlich in der Blüte ihrer Tage; kein einziges stirbt an Altersschwäche. Aber ihr Tod geht niemandem zu Herzen, weil an ihrem Sarge schon die Wiege eines andern lustigern Kindes steht. Es ist in der Tat unglaublich, wie viele neue Produktionen dieses Theater den lachlustigen Parisern nur während einer einzigen Wintersaison vorführt. Man muß sie nach Dutzenden zählen. Freilich ist Paris das Schlaraffenland für die Vaudeville-Dichter; die gebratenen Stoffe fliegen ihnen sozusagen ins Maul. Allein es läßt sich auch nicht leugnen, daß sie eine bewundernswürdige Geschicklichkeit in der Konstruktion solcher Stücke zeigen, besonders aber eine Geschwindigkeit, die zwar keine Hexerei ist, aber einem Deutschen, der auch die kleinste Bluette nicht ohne bedeutenden Zeitaufwand fertigbringt, in Staunen setzen kann.

Bei der ungeheuern Konkurrenz, die auf dem Pariser dramatischen Warenmarkte herrscht, muß alles in der Schnelligkeit wetteifern, und so ist es nicht selten, einen Spaß, der heute sich ereignet, nach acht Tagen schon auf den Brettern zu sehen. Solche in aller Eile fabrizierten Stücke erleiden zwar oft eines schmachvollen Todes, aber das wirkt gar nicht abschreckend, weder auf den Poeten, noch auf die Schauspieler, noch auf das Publikum. Die Pariser Thalia gleicht nicht der deutschen. Sie ist nicht gewohnt, mit Schmerzen Kinder zu gebären, und so braucht sie sich auch den Tod eines Kindes, das sich so leicht ersetzen läßt, nicht sehr zu Herzen zu nehmen. Die Pariser Thalia führt überhaupt keinen sehr keuschen Lebenswandel. Sie empfängt nicht nur den Kuß eines Poeten, sondern mehrerer auf einmal, und es werden hier nicht selten einaktige Stücke gegeben, die drei Väter haben. Der eine gibt die Idee, 82 der zweite macht das Szenarium, und der dritte verfertigt den Dialog. Solche Stücke werden gemacht wie die Hosen beim Marchand tailleur. Gewöhnlich aber ist ein Pariser Vaudeville das Kind zweier Väter, eines erfindenden und eines dialogisierenden. Ja, es gibt in Paris arme Poeten, die ihre poetischen Gedanken gleichsam auf dem Halm verkaufen. Sie erfinden nämlich eine dramatische Handlung und teilen sie für Geld und gute Worte einem ihrer Musenbrüder mit, der die Erfindung dialogisiert und szeniert und die Tantieme dafür einstreicht. Jener liefert das geistige Rohprodukt, aus welchem dieser das dramatische Fabrikat verfertigt.

Das Théâtre Montansier hat ganz vorzügliche Kräfte, unter denen besonders Sainville, Ravel, Lemenil, Levassor und Grassot zu erwähnen sind. Sainville gehört zu den besten Komikern, ja, in seiner Art ist er vielleicht der beste von den besten. Man kann seinen Namen nicht aussprechen, ohne an die tausend tollen Späße erinnert zu werden, durch welche er den Trübsinn selbst zum Lachen bewegt. Sainville gehört zu den produktiven Komikern. Er schafft auf den Brettern. Jede Bewegung an ihm ist komisch; jeder Blick, jede Miene an ihm ist originell, und wenn er auch übertreibt, so verläßt ihn die Grazie doch niemals. Dies ist ein Verdienst, das um so höher angerechnet werden muß, als die Rollen, in denen er auftritt, meistens sehr outriert sind.

Eine der tollsten Possen, die sie während dieser Saison im Théâtre Montansier gegeben haben, heißt: »J'ai mangé mon ami.« Diese einaktige Schnurre ist die Tochter zweier Väter, nämlich der Herren Boyer und Varner. Der Hauptinhalt derselben ist ungefähr folgender:

Ein junger Mensch, Malicorne, kehrt bei einem Pastetenbäcker, Chaventre, ein, der auch Reisende 83 à pied et à cheval aufnimmt. Chaventre gilt als der erste Pastetenbäcker seiner Zeit. Seine Pasteten sind so vortrefflich, daß sie verdienen, im Paradiese gegessen zu werden. Keinem Sterblichen gebührt also der Ruhm mehr als dem Meister Chaventre. Aber der junge Mensch – er wird von Ravel gegeben – entdeckt an dem Benehmen des unsterblichen Pastetenbäckers etwas Auffallendes, etwas Unheimliches. Der Pastetenbäcker – von Sainville dargestellt – tut so geheimnisvoll, so verlegen in Gegenwart seines Gastes; er raunt beständig seinem Freunde, dem Barbier Blaireau, ins Ohr, gibt ihm bedeutungsvolle Winke und läßt dabei Worte rätselhaften Sinnes über einen gestern eingekehrten Gast fallen. Malicorne fängt an, Verdacht zu schöpfen, und als er allein ist und die finsteren Wände des Zimmers betrachtet, wird er mit Grausen erfüllt; denn es fällt ihm, um sein Grausen zu vermehren, eine Zeitung in die Hand, in der einer Tat erwähnt wird, die an die haarsträubende Geschichte jenes Pastetenbäckers erinnert, jenes Pastetenbäckers, welcher vor einigen Jahrhunderten in der Nähe der Kirche Notre-Dame gewohnt und überwiesen worden, seine Pasteten mit Menschenfleisch gefüllt zu haben. Die Menschen dazu wurden ihm von seinem Nachbarn, einem Barbier, geliefert, der seinen Kunden die Hälse abgeschnitten. Der arme Malicorne schaudert. »O Gott!« ruft er, »soll ich bestimmt sein, vielleicht morgen schon, in eine Pastete verwandelt, den Gaumen eines Feinschmeckers zu kitzeln? Gewiß ist mein Freund, der Aufseher an der Paris-Orleans-Eisenbahn, der gestern hier eingekehrt und von dem ich keine Spur mehr zu entdecken vermag, hier abgetan und zu Pasteten verarbeitet worden.«

84 Während er sich nun mit diesen fürchterlichen Gedanken beschäftigt, trägt ihm der Pastetenbäcker eine Pastete auf. Malicorne findet den Meister Chaventre, der diesmal ein langes, blankes, scharfgeschliffenes Messer in der Hand hält und dasselbe sehr eigentümlich bewegt, noch entsetzlicher als früher. Dazu kommt noch, daß er am Boden eine Falltüre bemerkt und unter dem Boden ein dumpfes Klirren vernimmt. Dieses unterirdische Klirren, welches von der Küche herrührt, die sich unter seinen Füßen befindet, erfüllt ihn vollends mit Grauen. Er sucht indessen seine Empfindungen soviel wie möglich zu verbergen, um den mörderischen Pastetenbäcker nicht zu reizen und sein trauriges Los, das ohne Zweifel seiner harrt, nicht zu beschleunigen. Obgleich sehr hungrig, macht er sich dennoch nur sehr zögernd an die Pastete. Er öffnet sie, und sie duftet ihm angenehm entgegen; er versucht einen Bissen, und es schmeckt ihm vortrefflich. Sein Appetit, einmal gereizt, verliert alle Furcht. Da stößt er mit der Gabel auf etwas Hartes. Er stutzt, und als er die bereits zur Hälfte verspeiste Pastete untersucht, findet er in derselben – o Schrecken! – eine blecherne Kokarde mit dem Anfangsbuchstaben P. O. Die Kokarde kann nur von seinem Freunde, von seinem teuern Freunde Bonafous herrühren, der ein Opfer des gewinnsüchtigen Meuchelmordes geworden, und er, er hat ihn gegessen. Malicorne weint nun bittre Tränen über die wohlschmeckende Asche seines Freundes, die zum Teil noch in der Schüssel, zum Teil schon in seinem Magen ruht. Er hält nun, bald an die Schüssel, bald an seinen Magen gewendet, dem verstorbenen, gebackenen und teilweise verspeisten Freund eine rührende Leichenrede, die des Patroklos würdig wäre. Nun kommt der 85 Barbier, den er früher bestellt, und will ihn rasieren. Als aber der Barbier den Stuhl gerade auf die Falltüre setzt, gerät der Gast in Verzweiflung und weigert sich, seinen Hals dem Messer anzuvertrauen. Der Barbier sagt, daß er, einmal bestellt, nicht unverrichteterdinge fortzugehen willens sei. Während der Barbier dies sagt, schleift der Pastetenbäcker sein langes Küchenmesser. Da flieht der arme Malicorne in sein Zimmer, das er verriegelt, und will zum Fenster hinausspringen. Der Pastetenbäcker, der, durchs Schlüsselloch guckend, dies bemerkt, stößt mit Hilfe des Barbiers die Türe ein. Ein heftiger Kampf entsteht, und gerade als er gefährlich zu werden beginnt, tritt Malicornes Freund, der totgeglaubte Bonafous, ins Zimmer. Malicorne ist freudig überrascht, daß er ihn nicht im Magen habe, und das Rätsel löst sich auf folgende Weise: Der Pastetenbäcker verdankt seinen Ruhm dem geschwärzten Wildbret, mit welchem er seine Pasteten bereitet. Die Kokarde mit den Buchstaben O. P. (Octroi principale) rührt von einem Octroibeamten her, der gestern bei Chaventre eingekehrt war. Sie war der Mütze entfallen, und Chaventre hat sie in die Küche genommen. Durch Zufall kam sie dann in die Pastete. Malicorne hat die Buchstaben O. P. mit P. O. (Paris-Orleans) verwechselt und in seiner ewigen Furcht vor dem Pastetenbäcker nicht gesehen, daß er von diesem als ein Beamter gefürchtet wurde, der den Betrug gegen den Staat zu rächen komme.

Das Theater Montansier ist immer überfüllt; denn die Pariser lieben den heiteren Spaß, und da dieses Theater keine politische Farbe hat und sowohl über Republik wie über Monarchie spottet, wenn es in seinen Kram taugt, so ist es das Lieblingstheater jeder Partei und macht treffliche Geschäfte. 86

 

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