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Rudolf von Gottschal: Parasiten - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleParasiten
authorRudolf von Gottschall
year1906
firstpub1906
publisherAlfred Schall
addressBerlin
titleParasiten
pages435
created20141220
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel

Sidonie Schweiger saß in ihrem Boudoir, auf dem Stuhl neben der Causeuse hatte Baron Perling sich niedergelassen; sie waren in einem angelegentlichen Gespräch.

»Ich fürchte diesen Doktor Edgar Guttmann,« sagte Sidonie, »er wird immer mehr ein gefährlicher Nebenbuhler für Sie. Meine Tochter hat Geist, 130 Klugheit, Bildung; ein junger Gelehrter mit angenehmen und liebenswürdigen Formen wird sie allmählich in seinen Netzen einfangen. Und Doktor Guttmann hat diese Formen; er ist eine sympathische Erscheinung auf den oberflächlichen Blick; doch ich durchschaue ihn, er ist ein berechnender Kopf. Ella sieht in ihm nur den Denker und Forscher; ich sehe in ihm den Rechner und Spekulanten. Er geht auf sein Ziel los mit Entschlossenheit; er sieht nur Ella und nichts anderes auf der Welt; er vergißt sogar, daß ich ein entscheidendes Wort zu sprechen habe und behandelt mich ganz als eine chose négligeable«

»Der Törichte,« rief der Baron etwas übereilt; er deckte damit zu sehr seine Karten auf; doch verbesserte er sich sogleich, »an so viel Schönheit und Liebenswürdigkeit achtlos vorüberzugehen.«

»Nun – und Sie selbst – Sie hatten ja eine lange Unterredung mit Ella –«

»Sie verhält sich nicht ablehnend, sie verhält sich gleichgültig. Ich habe ihr viel Interessantes erzählt, ich hatte manchen guten Einfall; sie lächelte kaum darüber; ich glaube, wenn unser kaffeebrauner Tischgast, der Vetter, den alle Welt hänselt und der sich als geduldiges Opfer sein tägliches Kuvert verdient, sich mit ihr unterhalten hätte – sie würde ihm eben so viel Anteil geschenkt haben.«

»Und Sie – so mutlos? Sie haben doch sonst Mut genug.«

»Liebe Freundin,« sagte der Baron, ihre Hand ergreifend und sie küssend, »Sie wissen ja, was der Dichter singt ›reizend sind geniale Augen, die unsere Zärtlichkeit verstehen‹, doch mit den zarten, unerfahrenen Gliedern wissen wir wenig anzufangen, wir 131 andern, die wir die Welt kennen von der Newa bis zur Seine, von der Themse bis zum Tiber.«

»Sie unterschätzen meine Tochter, wenn Sie dieselbe für einen so unreifen Backfisch halten.«

»Davon bin ich weit entfernt, im Gegenteil, sie imponiert mir. Und doch ist ihr die rührende Unerfahrenheit des Herzens eigen, mag ihr Geist auch in allen Reichen der Bildung heimisch sein. Das habe ich eingesehen, daß es ein vergebliches Bemühen wäre, ihre Liebe erstürmen zu wollen, so lange sie einem anderen gehört; es kommt nur darauf an, diesen anderen als einen Unwürdigen, Unmöglichen beiseite zu schieben – und da müssen wir Hand in Hand gehen.«

Ein Handkuß drückte ein zu schüchternes Siegel auf dies Bündnis; die Lippen suchten sich und fanden sich.

»Es kommt zunächst darauf an, ihm den Zutritt zu Ihrem Hause zu verwehren, die häufigen Begegnungen zwischen ihm und Ella zu verhindern. Sie können ihm das Gastrecht nicht kündigen; doch ich werde schon eine Gelegenheit beim Schopfe ergreifen, um irgend einen Konflikt herbeizuführen. Er wird es dann taktvoll finden, Ihrem Hause fernzubleiben und die Liebe der beiden wird in der Asche verglimmen, ehe sie zu heller Flamme aufgelodert ist.«

»Das läßt sich hören.«

»Zunächst aber lassen Sie mich auf Entdeckungen ausgehen. In der Familie des jungen Herrn scheint nicht alles sauber zu sein; mir kamen nur gelegentliche Gerüchte zu Ohren; doch ich werde besser hinhören. Ella denkt zu vornehm, um nicht ihres Hauses Ehre hochzuhalten. Das ist der Punkt, wo wir die Axt anlegen müssen; der junge Doktor steht gewiß 132 makellos da; ich am wenigsten wäre berufen, über ihn zu Gericht zu sitzen; denn man hat ja sein Sündenregister wie ein jeder Sterblicher; doch eine bedenkliche Schwiegermama oder einen ungeratenen Schwiegervater – das nimmt doch keine junge Frau so leicht mit in den Kauf. Ich bin Diplomat gewesen, allerdings nur kurze Zeit; denn es widerstand mir, die Pässe auf der Gesandtschaft zu revidieren, wie ein Polizeiaktuar, im übrigen nichts zu tun, als bei Assembleen Klavier zu spielen, mit den Töchtern Seiner Exzellenz des Herrn Botschafters herumzutanzen und sich dabei den Anschein zu geben, als ob die Weltkugel einem durch die Hände rolle. Auch allerlei Kniffe habe ich gelernt, Geheimschriften, Besoldung von Agenten und Agentinnen, von Spionen in Oberrock und Unterrock – ich habe manche wichtige Entdeckung gemacht, die Sr. Exzellenz entgangen war, obschon in seinem eigenen Bureau der Schatz eingegraben lag. Doch er war nur ein Diplomat für Audienzen, wo er mit zahlreichen Sternen und Kreuzen gepflastert erschien. Die bescheidene Wirksamkeit, die aus einer Gesandtschaftskanzlei ein Detektivbureau macht, lag ihm fern. Das war eben mein Departement, und ich habe dem Staat große Dienste geleistet, die mir auch gelegentlich ein Halsband einbrachten, als ich mich auf meine Güter zurückzog. Sie sehen, liebe Freundin, ich bin ganz der Mann dazu, das feindliche Lager auszuspionieren.«

Sidonie schmiegte sich an ihn, nur auf einen Augenblick; es war bedenklich; denn der Springbrunnen rauschte daneben im Wintergarten, und man hörte kommende Schritte nicht.

»Ich bin Ihnen eine treue Bundesgenossin. Es 133 sind jetzt Wochen vergangen, seitdem der junge Doktor zu uns gekommen; er hat seine Besuche oft genug wiederholt, mit und ohne Einladung. Ich gebe zu, er ist besser als sein Beruf; ich muß immer an Spinnenbeine und Froschschenkel denken, wenn ich einen solchen Naturforscher sehe, und mir scheint immer, als ob ihm eine Wolke von Ungeziefer um den Kopf schwirrte; er soll etwas in seiner Wissenschaft leisten.«

»In der Wissenschaft und Kunst ist jedes Verdienst fraglich; was die einen hochschätzen, setzen die anderen tief herunter; das kommt uns zu statten. Liebe Sidonie, ich bin nicht untätig gewesen, um dem Ruf des Gelehrten einen Stoß zu versetzen. Wir alle verstehen freilich nichts davon, das hindert aber nicht ein abfälliges Urteil; doch man muß vorsichtig dabei zu Werke gehen. Die Fachgelehrten aber können einen solchen jungen Mann zermalmen, wenn sie ihre Autorität über ihn wälzen – und dann hat alle Welt das Recht, ihn verächtlich anzusehen.«

»Und Sie haben einen solchen Fachgelehrten mobil gemacht?«

»Die Schlacht wird gerade heute in einer Nummer des ›Naturwissenschaftlers‹ geschlagen. Herr Doktor Guttmann hat, wie Sie wissen, eine Schrift über die ›Parasiten‹ herausgegeben, von der ein schön eingebundenes Exemplar auch in Ihr Haus gewandert ist, allerdings in das Boudoir von Fräulein Ella. Unser guter Professor Drohner, der so oft Ihr Tischgast ist, sprach sich neulich nicht ganz freundlich über das Buch aus, weil er den Verfasser nicht liebt; ich glaube, daß er von der Naturwissenschaft nicht mehr versteht, als etwa den Unterschied zwischen Phanerogamen und Kryptogamen, zwischen Laubholz und 134 Nadelholz, zwischen Hund und Katze; er ist ein Literaturforscher, und weiß ganz genau, was Goethe an jedem Tage seines Lebens getan hat, und die Entdeckung des Urfaust durch einen anderen machte ihn sehr unglücklich; denn er selbst wäre ja durch eine solche Entdeckung unsterblich geworden. Nun hat Herr Doktor Guttmann neulich bei Tisch einige sehr ketzerische Äußerungen über diese ganze, auf den Lehrstühlen sich spreizende Gelehrsamkeit getan, und da er bis über die Ohren jetzt in den Parasiten steckt, so unterließ er nicht, auch diese Makulaturforscher, wie er sie nannte, zu den Parasiten der wissenschaftlichen Welt zu zählen, welche mit ihren Saugwurzeln sich in die Werke der großen Männer einbohren und ihre ganze geistige Nahrung ihnen abzapfen. Ich selbst war einer solchen Ansicht keineswegs abhold, empfand aber lebhafte Schadenfreude, als der gute Professor Drohner vor Zorn erglühte, eine Glut, die sich über seinen ganzen kahlen Schädel ergoß.«

»Ich bemerkte seine Aufregung wohl,« versetzte Sidonie lachend; »er verwechselte die Pfefferbüchse mit dem Salzfaß und machte eines der schönsten Gerichte ungenießbar, die aus unserer Küche hervorgegangen.«

»Das war nun ein Feind, aber ich wußte alsbald aus dieser Feindschaft Nutzen zu ziehen. Doktor Guttmann hatte sich übereilt; er ahnte nicht, daß ein Literaturprofessor bei Tische saß; er kannte ihn als einen Gelehrten, ohne seine Fakultät zu kennen; sonst wäre er so taktvoll gewesen, mit seiner Meinung über diese Art von Gelehrsamkeit zurückzuhalten. Doch Professor Drohner hatte einen sehr intimen Freund, einen alten Studiengenossen, mit dem er innig verkehrte, obschon ihre wissenschaftlichen Bestrebungen weit 135 auseinander liegen. Das war Doktor Burlau, und dieser war seines Zeichens ein Naturforscher. Ich nahm sogleich nach Tische den tiefgekränkten Goethianer beiseite, sprach ihm mein Bedauern aus über die Kränkung, die er erlitten und meinte, der junge Mann hätte eine Zurechtweisung verdient und Professor Burlau sei imstande, sie ihm zu erteilen, wenn er die eben erschienene Schrift Guttmanns über die ›Parasiten‹ einer strengen Kritik unterziehe und diese im ›Naturwissenschaftler‹ veröffentliche; das Blatt sei in weiten Kreisen verbreitet, und was ihm an gelehrter Würde fehle, ersetze ja der Name des Kritikers, der das größte Ansehen bei den Fachgelehrten genieße. Die Literaturfackel stand sofort in voller Lohe – und so viel Lob meine Strategie verdiente, so war mir noch überdies das Schlachtenglück hold. In Guttmanns Schrift befand sich eine Stelle, wo, mit höflicher Verbeugung allerdings, dem Professor Burlau ein Irrtum nachgewiesen wurde; das schlug dem Faß den Boden aus.

›Gefährlich ist's, den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn,
Allein der Schrecklichste der Schrecken –‹

das ist ein deutscher Professor, dem ein Irrtum nachgewiesen wurde; jetzt war die Schrift Guttmanns für das Autodafé reif – und die heutige Nummer des ›Naturwissenschaftlers‹ enthält die kritische Hinrichtung. Oberflächliche Beobachtungen, falsche Schlüsse, unglaubliche Konjekturen, vorwitzige Bemerkungen – so regnet auf den armen Autor Schlag auf Schlag. Er kann sich heute kaum in anständiger Gesellschaft sehen lassen.«

»Ich habe ihn indes eingeladen.«

136 »Er wird seine Flügel schütteln, wie ein verregnetes Huhn; die Nummer dieses Blattes fand reißenden Absatz, bei mir nämlich. Auch Fräulein Ella habe ich ein Exemplar durch die Stadtpost zugeschickt, mit jenen wohlmeinenden roten Kreuzen, die bei solchen Hinrichtungen angebracht werden; ich zweifle nicht, es wird wirken, und schliche sich nur in ihre Seele der niederdrückende Gedanke, seine Bedeutung bedauerlich überschätzt zu haben. Ihnen aber, liebe Freundin, überreiche ich ein in Goldpapier geheftetes Exemplar der Nummer, in welcher ich die Stellen, an denen die Auspeitschung des Delinquenten für den Zuschauer am genußreichsten ist, durch blutrote Striche gezeichnet habe, welche die Striemen und Schwielen bedeuten sollen, die der Unglückliche davongetragen!«

Sidonie nahm mit Dank das Weihegeschenk entgegen.

»Sie sind gefährlich als Feind – auch als Freund,« versetzte sie mit vielsagendem Augenaufschlag.

»Möglich, daß der junge Herr zu den großen Geistern gehört, deren Unfehlbarkeit über jede Kritik erhaben ist und die für solche Angriffe nur ein verächtliches Achselzucken haben; doch darauf kommt es nicht an. Die Hochschätzung der anderen sinkt um einige Grade, bei manchen auf den Nullpunkt. Was aber die Familie des Doktor Guttmann betrifft, so müssen Sie mir behilflich sein bei meinen Untersuchungen!«

»Mit dem größten Vergnügen.«

»Sie sagten mir neulich, in einer Ihrem Bruder befreundeten Familie suche man für die Frau des Hauses eine Gesellschafterin, welche der neuen 137 Sprachen, besonders des Französischen und Italienischen vollkommen mächtig sei. Nun, ich habe vor kurzem in Bordighera eine Dame getroffen, welche diese Bedingungen erfüllt und die ich daher empfehlen möchte, da sie auch persönlich nicht den unangenehmen Eindruck einer geistig vertrockneten Gouvernante macht – ein Fräulein Lietner!«

»Gewiß! Ich will meinem Bruder diese Mitteilung machen; doch ich sehe nicht ein . . .«

»Was das mit Herrn Guttmann zu tun hat? Nun, ich habe ein sehr schlechtes Namensgedächtnis; seitdem ich nicht mehr Diplomat bin, sind mir die Namen gleichgültig geworden – so gleichgültig, wie die Menschen selbst. Von der Existenz des Doktor Guttmann wußte ich vor meiner Abreise nicht das geringste. Nun habe ich aber das dunkle Gefühl, daß Fräulein Lietner mir einmal diesen Namen genannt hat, als sie mir von einer mit einem Engländer verheirateten Freundin sprach; jedenfalls aber ist das eine Deutsche, die hier aus unserer Gegend stammt. Ich irre mich nicht; der Name klingt mir noch im Ohr, und es waren allerlei dunkle Schicksale, die jene Frau betroffen haben sollen. Ich hörte nur mit halbem Ohr, das bedauere ich jetzt lebhaft. Doch an die Riviera kann ich deshalb nicht reisen, um das Versäumte nachzuholen. Da ist's doch bequemer, wenn wir Fräulein Lietner hierher berufen und ihr dabei eine gute sichere Stellung verschaffen; denn ihre Stellung in Bordighera ist doch ganz vom Zufall abhängig. Wenn ihr zugleich geschrieben wird, daß ich sie hierher empfohlen habe, so wird ihr dies eine Gewähr sein, daß sie hier gut aufgehoben ist. Wir sitzen dann wahrscheinlich an der Quelle.«

138 »Ich werde nicht zögern, meinem Bruder die Mitteilung zu machen. Und dieses Fräulein Lietner ist wohl schön?« fügte die Geheimrätin mit einem mißtrauischen Blick auf den Baron hinzu.

»Schön – o nein! Es fehlt ihr der Adel der Erscheinung – etwas aus dem Groben gehauene Steinmetzarbeit, kein Bildhauerwerk! Ich schwärme einmal für die Taille; es braucht keine Wespentaille zu sein; aber ohne sie fehlt das Maß und die Harmonie der Schönheit. Auch in geistiger Hinsicht liebe ich die Taille; es gibt Denker und Dichter, denen sie gänzlich fehlt. Doch der überquellende Geist ist mir so verhaßt, wie das überquellende Fleisch.«

»Nun, Fräulein Lietner würde sich wenig geschmeichelt fühlen durch diese Schilderung. Übrigens bin ich nicht eifersüchtig, darüber bin ich gänzlich hinaus. Und wenn ich's scheine, so ist's nicht meinetwegen, sondern meiner Tochter wegen.«

»Nun, was die Taille betrifft – da können Mutter und Tochter wetteifern.«

Perling hoffte allerdings, durch Fräulein Lietner Aufschlüsse zu erhalten, die ihm für den Kampf gegen seinen Nebenbuhler von Wert waren. Doch vor allem wollte er eine Eroberung, die er an der Riviera gemacht, nicht verloren geben; er traute sich genug diplomatische Gewandtheit zu, um die Karten so zu mischen, daß die drei Damen nie zusammentrafen – irgendwo saß noch eine vierte im Dunkel. Er war wie Don Juan von unerschöpflicher Genußsucht und größter Verwegenheit; es war gar nicht schwer, ein Geheimnis zu wahren, das allen gleichmäßig am Herzen liegen mußte. Ella aber war die große Nummer, auf die er setzte, und die kleinen Zerstreuungen durften nicht die 139 Erreichung eines Ziels gefährden, das seinem zerrütteten Leben wieder Halt und Glanz geben sollte.

Das heutige Diner hatte eine sehr große Zahl von Tischgästen versammelt. Der Bruder Kommerzienrat hatte einen Orden erhalten, das einzige, was ihm bei seinen Millionen im feuerfesten Geldschrank fehlte. Es war kein hoher Orden, kein Stern, kein Halsorden, doch es war ein buntes Band im Knopfloch, und bei feierlichen Gelegenheiten sprang ihm doch immer ein Bär oder Löwe auf der Brust. Nur die Kundigen wußten genauer Auskunft zu geben über das heraldische Tier, das er empfangen; zu einer Schaustellung vor dem profanen Volke war noch kein Anlaß gewesen. Heute werde die Fütterung stattfinden, meinte Baron Perling, der eine ganze Menagerie mit sich herumtrug! Er durfte sich um so eher einen solchen Scherz erlauben, als man seinem Einfluß bei maßgebenden Persönlichkeiten diese Ordensverleihung zuschrieb. In Begleitung des Kommerzienrats war der große Schachmeister Murner erschienen; er hatte heute eine schiefsitzende Krawatte um, und seine Bestrebungen, das wirre Haar, in welchem er nachdenklich beim Spiel mit seinen Fingern zu wühlen pflegte, zu scheiteln, hatten nur zu einer Zickzacklinie geführt, welche kreuz und quer über den preisgekrönten Schädel dahinlief. Er war heute weniger huldvoll als sonst, etwas gedrückt; denn er witterte überall Mäcene, und da durfte er keinen Anstoß erregen; da zierte ihn Bescheidenheit; stand doch wieder ein Weltturnier bevor, und da mußte für ihn gesammelt werden, um ihm die Hinreise zu ermöglichen. Er brauchte sich dessen nicht zu schämen; es galt ja einem patriotischen Zweck; es galt den deutschen Ruhm 140 zu mehren und die Überlegenheit des deutschen Schachspiels zu beweisen, die sich unfehlbar Anerkennung erzwang, was bei dem Scharfsinn der deutschen Politiker nicht immer der Fall war.

Strahlend aber bis hoch auf die Glatze hinauf, erschien heute der Professor Drohner. Er hatte zwar kein neues Manuskript, keinen neuen Brief Goethes entdeckt, keine Druckfehler in der neuesten Gesamtausgabe, auch keine neue Erklärung für das Hexeneinmaleins; aber er hatte den Artikel seines Freundes, des Professors Bulau, gelesen, und er sah einen niedergeschmetterten Gegner vor sich bei Tisch; er hatte das Gefühl, wie die Borgia bei ihrem Gastmahl – Gift in jeder Suppe, in jeder Sauce, in allem, was er aß und trank, der junge Parasitendoktor! Doch dieser war ein ausgezeichneter Schauspieler; er erschien mit seinem Freunde so harmlos und munter, als wäre ihm gar nichts begegnet. Er mußte sich auch für lebend halten, und er war doch totgeschlagen worden. Freilich, es gibt unempfindliche Naturen, die alles von sich abschütteln. Da war ja der kaffeebraune Vetter, die Zielscheibe der allgemeinen Witze, auf den es spitze und stumpfe Pfeile regnete. Der ließ sich in seinem Behagen nicht stören! Der echte römische Parasit, sagte Professor Drohner. Seinen kaffeebraunen Rock ließ er sich nicht nehmen, auch bei den feierlichsten Gelegenheiten, und niemals fehlte er bei Tisch – selbst wenn er einmal als der dreizehnte erschien. Er war ein armer Vetter, der es in der Welt zu nichts gebracht hatte. Eine Zeitlang hatte er dem Geheimen Rat Schweiger als Tierquäler geholfen, doch auch dazu eignete er sich nicht. Er hatte Anwandlungen von Mitleid und Barmherzigkeit, die 141 nicht zu Tierversuchen paßten. Dann war er eine Zeitlang Sekretär des grausamen Gelehrten und bewies auch hierfür seine Unfähigkeit, indem er die Briefe desselben noch häufiger verlegte, als dieser selbst. So aß er zuletzt nur noch das Gnadenbrot im Hause; er war ein guter Esser und ließ sich in dieser Beschäftigung auch nicht stören, wenn alle Tischgäste in ihn hineinredeten. Und wenn sie über ihn lachten, lachte er mit. Er war eine Art von Blitzableiter für die geistige Elektrizität, die sich bei diesen Tafelfreuden angesammelt hatte. Heute hatte die Frau Geheimrat die Tafelordnung gemacht; zu ihrer Rechten saß der durch die Gunst des Monarchen ausgezeichnete Bruder, zu ihrer Linken der Baron und neben ihm Ella. An der Seite des Kommerzienrats hatte die Frau Professor Drohner Platz genommen; es war das keine Friederike von Sesenheim, keine Frau von Stein; eher hatte sie Ähnlichkeit mit dem Fräulein Vulpius, die es nachher ja bis zur Frau von Goethe brachte, nur daß sie die Vorliebe dieser Dame für die geistigen Getränke nicht teilte. Es war eine brave Hausfrau, aber sie hatte keine literarhistorischen Instinkte. Sie war bei einer Goethefeier während der Festrede ihres Mannes eingeschlafen und verwechselte Gretchen und Klärchen mit einer Hartnäckigkeit, welche dem geliebten Gatten bisweilen den Angstschweiß auf die Stirne trieb. Berta saß neben dem kaffeebraunen Vetter; die jungen gelehrten Freunde aber waren an das äußerste Ende der Tafel verwiesen worden. Doktor Guttmann hatte zur Nachbarin eine Superintendententochter, welche für die innere Mission tätig war, und die äußere Mission, von sündigen Gedanken abzuschrecken, durch ihre klapperdürre Figur, durch ihr 142 Gesicht mit der Blässe und dem schmerzvollen Ausdruck einer auf dem Rost liegenden Märtyrerin, in hohem Maße erfüllte. Als Tischnachbar für Doktor Biesner hatte die Geheimrätin ein enfant terrible gewählt, einen in allen Gesellschaften herumtanzenden Kreisel, ein Dämchen mit Pausbacken, das von nichts als von Leutnants, Bällen und Wettrennen sprach und durch allzu sinnige Bemerkungen selbst in diesen Kreisen bisweilen Anstoß erregte. Diese Plätze und diese Nachbarschaft erschien den Doktoren der Weltweisheit als eine ihnen absichtlich zugefügte Kränkung; es lag etwas darin wie feiner Spott, den man der Frau Geheimrat wohl zutrauen konnte. Von den Töchtern des Hauses wurden sie so weit wie möglich getrennt. Edgar aber empfand dies gerade am heutigen Tage als eine besondere Beleidigung. Die Kritik seiner Schrift war offenbar hier gelesen worden und deshalb wurde er mit solcher Geringschätzung behandelt.

Da zu dem heutigen Diner eine festliche Veranlassung vorlag, so konnte es an Toasten nicht fehlen. Der Vizevorsitzende der Handelskammer, ein kleiner dicker Herr, der zu sprechen gewöhnt war, wenngleich mehr im geschäftlichen Ton, dem er bei feierlichen Gelegenheiten nur einige pathetische Akzente aufsetzte, brachte einen Toast auf den Kommerzienrat Sauber aus, dessen Verdienste er mit jener Wärme anerkannte, die besonders bei Leichenreden nie ihre Wirkung verfehlt. Die ihm zuteil gewordene Auszeichnung hob der Redner mit um so größerer Begeisterung hervor, seine Glückwünsche waren um so herzlicher, als er selbst schon seit Jahren sich im Besitz des Ordens befand und so seine Bedeutung aus eigener Erfahrung zu schätzen wußte; er konnte es nicht hindern, daß 143 etwas von dem Glanz, den diese Verleihung über den Kommerzienrat Sauber und sein ganzes Haus verbreitete, auf ihn selbst, den Festredner, zurückfiel; alle Bescheidenheit hilft nichts gegen die Logik der Tatsachen. Die Gläser klangen zusammen – und als man sich einigermaßen durch Trank und Speise über die Aufregung beruhigt hatte, welche das Ordenskreuz hervorgerufen, klopfte der Baron an sein Glas, um einen Toast anzukündigen.

Der Schachmatador Murner setzte sich in eine photographische Positur, denn er zweifelte nicht daran, daß dieser Toast ihm gelten werde; er rückte sich seine Krawatte zurecht und blickte auf den Teller so andächtig, als wäre er ein Schachbrett; er bereitete sich schon auf seine Gegenrede vor. Er war doch eine Berühmtheit, und wenn überhaupt getoastet wurde, konnten die Berühmtheiten nicht leer ausgehen. Gleichwohl hatte er sich geirrt; das zeigte ihm schon die Eröffnung der Tischrede:

»Nichts geht,« begann der Baron, »über den bescheidenen Fleiß des stillen Forschers, der gleichsam der Testamentsvollstrecker des Genies ist, die Erbschaft desselben der Nation übermittelt und ihr in jeder Weise zugänglich macht. Was nützen tote Schätze, für welche das Verständnis fehlt! Die großen Meister der Literaturkunde sind die Schlüsselverwalter, die erst diesen geistigen Fonds der Mit- und Nachwelt erschließen. Will man Profanes und Heiliges vergleichen – die ganze Theologie ist ja eine Wissenschaft, welche das Geheimnis der Offenbarung, welche die heiligen Bücher erläutert. Und so geht es mit Dante, Shakespeare, Goethe. Die Jünger erst lehren uns die Meister verstehen. In unserer Mitte weilt ein solcher Gelehrter, 144 der sich um den unsterblichen Olympier von Weimar große Verdienste erworben hat; seine Kommentare zeugen von feinstem Nachempfinden und von souveräner Beherrschung des ganzen überreichen Stoffs, der zur Erklärung der Details der Meisterwerke unerläßlich ist. Es ist der Professor Drohner, der sich einen hohen Rang unter den Goetheerklärern gesichert hat. Es ist ein wohlfeiler Spott, der solche Männer dem Gelächter preisgeben will, weil sie in den Bahnen der großen Geister wandeln, statt sich selbst als solche aufzuspielen. Auch durch solchen Spott erhält man nicht das Patent des Genies. Der fremde und feindselige Ton paßt wenig in unsere von Harmonie beseelte Tafelrunde, es ist ein verstimmender Mißklang, den wir fortwünschen müssen. Wir anderen aber erheben die Gläser – ein Hoch dem Professor Drohner.«

Die Geheimrätin zeigte sich besonders beeifert, dem Professor ihre Huldigung darzubringen. Sie stand sogar von ihrem Platze auf, um mit ihm anzustoßen. Auch die anderen Herren und Damen folgten ihrem Beispiel; die Töchter des Hauses aus Höflichkeit, Ella totenblaß, im Vorübergehen dem Baron einen feindlichen Blick zuwerfend. Auch Murner verfehlte nicht, dem Gelehrten zu huldigen, obschon er ihm die Huldigung nicht gönnte, und der Name desselben doch bei weitem nicht so durch die Zeitungen gegangen war, wie der seinige. Auch war Goethe kein Schachspieler gewesen – dies Blatt fehlte in seinem Ruhmeskranz, und daß er gerade eine so bösartige Heldin, wie seine Adelheid, Schach spielen läßt, ehe sie die Heilige Vehme am Kragen faßt – das zeugt auch nicht von einer Hochstellung des königlichen Spiels. Ja, wäre es noch Tasso gewesen, oder Iphigenie – 145 das war freilich nicht möglich. Der Vizepräsident der Handelskammer nickte dem Gelehrten über den Tisch hinüber kordial zu; sie mauerten beide in der Apollologe. Auch besaß der Präsident Goethes sämtliche Werke in mehreren Auflagen und Formaten, was der Professor bei seinen Besuchen mit Freuden erkannt hatte; bei näherem Einblicken hätte er freilich bemerkt, daß sie einen sehr ungelesenen Eindruck machten und daß die Blätter hier und dort noch zusammenklebten. Die Nachbarinnen der beiden Doktoren waren indes sitzen geblieben; für die Superintendententochter war Goethe ein Greuel, ein Heide, wie ihr Vater ihr oft genug auseinandergesetzt hatte, und für das pausbackige enfant terrible eine vollständige Null. Sie hatte in der Schule von ihm sprechen hören; doch die Schule war ihr keine angenehme Erinnerung, und alles, was mit ihr zusammenhing, lag weit hinter ihr, wie ausgezogene Kinderschuhe.

Auch Edgar und Max hatten sich erhoben, aber nicht, um mit dem Professor anzustoßen. Die Herausforderung war so unverhüllt, die Zustimmung so allgemein, daß sie beiseite traten und sich berieten, was zu tun sei. War's eine persönliche Beleidigung, die eine Sühne mit den Waffen in der Hand verlangte? Zunächst waren beide darüber einig, die Festtafel nicht zu stören und sich den Anschein zu geben, als hätten sie jene Anspielungen überhört. Sie setzten sich wieder neben ihre Damen, die in Wahrheit nichts gehört und nichts verstanden hatten, und in diesem Augenblick ihnen von der ganzen Tafelrunde die am meisten sympathischen Personen waren. Der kaffeebraune Vetter gab in einem Toast, der durch häufige Zurufe unterbrochen wurde, noch seinem Entzücken darüber 146 Ausdruck, daß einem Mitglied seiner Familie eine solche Auszeichnung zuteil geworden; die ganze Familie fühle sich dadurch geehrt und gehoben. Beim Anstoßen mit den Gläsern fielen allerlei Anspielungen; er möchte sich doch endlich einen schwarzen Frack anschaffen; dadurch würde auch sein Ansehen und das seiner Familie gehoben werden. Baron Perling erklärte ihn für einen sehr eitlen Herrn. Schon von dem Tonnenphilosophen Diogenes habe man gesagt, aus den Löchern seines Mantels blicke seine Eitelkeit; der kaffeebraune Rock habe zwar keine Löcher; doch der Besitzer wolle damit Aufsehen erregen, wie Diogenes mit seinem Mantel. Auch der Dank des Professors blieb nicht aus; doch er hielt sich frei von allen Anspielungen; es war ein kleiner Hymnus auf Goethe, unter dem gleichsam in Perlschrift der bescheidene Name des Apostels stand, über den der große Genius seinen Pfingstgeist ausgeschüttet.

Nach dem Diner zerstreute sich die Gesellschaft im Garten: da herrschte ein ungezwungener Ton, und es suchten und fanden sich diejenigen, welche durch die Tischordnung getrennt worden waren. Leutnant von Pommelwitz glänzte durch die Erzählung von Sportabenteuern und Manövergeschichten. Einen Feldzug hatte er nicht mitgemacht, nicht einmal denjenigen nach China; sonst hätte er von Chinesinnen mit verkrüppelten Füßen und von Chinesen mit abgehackten Köpfen Wunderdinge erzählt. Nur fehlte ihm seine begeisternde Muse; vergeblich sah er sich nach Ella um. In keinem Boskett, in keiner Laube, auf keiner Bank war sie zu finden; er hatte alles durchsucht, sobald er die Zuhörerin vermißte, auf die er vor allen Eindruck zu machen hoffte. Auch Edgar 147 hatte sich vergeblich nach Ella umgesehen; er sprach seinem Freunde gegenüber sein Befremden, seine Bestürzung aus.

Da trat Berta an sie heran.

»Meine Schwester ist unwohl und läßt sich bei Ihnen entschuldigen. Sie wissen, allerlei Aufregendes – sie hat feinere Nerven als ich. Mich läßt das alles kalt. Wenn auch Elektrizität in der Luft steckt – es kommt nicht gleich ein Gewitter; doch, Herr Doktor Biesner, ich habe einen Auftrag an Sie . . .«

Edgar schritt den Laubengang weiter hinauf.

»Sie sind Philosoph – und Philosophen wahren sich stets den Gleichmut der Seele. Das hat meine Schwester irgendwo gelesen – und ich selbst habe es Ihnen angemerkt. Sie lassen sich nicht leicht aus dem Gleichgewicht bringen; ja, Sie sind, nehmen Sie mir's nicht übel, bisweilen zum Verzweifeln langweilig; doch nur weil Sie uns anderen Geschöpfe nicht für würdig halten, daß ein so tiefer Geist sich mit uns beschäftige. Ella läßt Sie bitten, daß Sie Ihren ganzen Einfluß aufbieten, Ihre eigene philosophische Ruhe Ihrem Freunde mitzuteilen, er möge den Vorgängen bei Tische keine Folge geben, nicht etwa eine Herausforderung an den Baron Perling richten. Es sei ja kein Name genannt worden. Unser Haus, unsere Gesellschaft, unser bureau d'esprit, wie Mama immer sagt, würde sonst in bedauerlicher Weise ins Gerede kommen; unsere schöne Geselligkeit würde diesen Stoß nicht überleben.«

»Und so soll der Unverschämte nicht gezüchtigt werden?«

»So sprechen die Klopffechter, nicht die 148 Philosophen; solche Worte hätte ich Ihnen nicht zugetraut, Herr Doktor! Ich bin ein dummes Mädchen, aber ich sehe doch, wie die Dinge in dieser Welt zusammenhängen – und das ist eigentlich Ihre Sache. Ich will den Baron Perling nicht in Schutz nehmen – bewahre! Bei mir hat er gerade keinen Stein im Brett, bei Mama freilich das ganze Brett voll. Sie müssen indes doch zugeben, daß die erste Herausforderung nicht von ihm ausgegangen ist. Ihr Freund hat, freilich, ohne zu wissen und zu wollen, die Glatze des armen Professors mit einer Douche sehr anzüglicher Bemerkungen getroffen, und der Baron drehte nur den einen Hahn zu und den anderen auf, der Ihren Freund allerdings mit einem zu dicken Strahl überschüttete. Doch er war der Verteidiger der gekränkten Unschuld – und das ist gewiß ein mildernder Umstand und muß bei Ausgleichung der Rechnung mehr ins Gewicht fallen?«

»Doch warum wenden Sie sich an mich mit diesem Anliegen Ihrer Schwester?«

»Einmal ist es auch das meinige, und dann traue ich Ihnen mehr Gemütsruhe zu, als dem anderen jungen Herrn, der sich schon mit wilden Völkerschaften herumgeschlagen hat. Auch sind Sie ja eine Art von Sekundant, wie's in der Zigeunersprache des sogenannten Komments heißt, und an diese Herren wendet man sich, wenn man zur Versöhnung sprechen will.«

»Sie wären eine liebenswürdige Kartellträgerin,« versetzte Max, »wenn mir der Baron Sie schickte.«

»Mich schickt meine Schwester. Die Ritter sind immer galant, auch die tapfersten, und hören auf die Bitten und Wünsche der Damen.«

»Ich werde mit Edgar sprechen; ich kann nicht 149 wissen, was er beschlossen. Dies eine aber, mein Fräulein, steht fest, und darin sind wir einig: die Schwelle Ihres Hauses können wir nicht mehr betreten.«

»Das wäre aber doch schade – nein, das ist ja unmöglich,« sagte Berta mit einem weinerlichen Gesichtsausdruck.

»Die Beeiferung, dem Baron für seinen Toast zu danken, war eine allzu große, und auch Ihre Frau Mama hatte, als sie mit ihm anstieß, etwas so Triumphierendes, daß wir wohl empfanden, hier nicht länger an unserem Platze zu sein.«

»Nun ja, die Mama wünscht, daß der Baron und Ella ein Paar würden. Darum geht er so ins Zeug; er will alle Nebenbuhler aus dem Felde schlagen, doch warum soll ich gerade darunter leiden?«

»Sie, mein Fräulein?«

»O, ich rede törichtes Zeug,« sagte Berta errötend, »doch ich habe meinen Auftrag erledigt. Ich bin Ihnen dankbar, wenn Sie unseren Wunsch erfüllen. Leben Sie wohl!«

Die Kleine hatte sich verplaudert, Familiengeheimnisse ausgeschwatzt – und zuletzt wohl noch ein Herzensgeheimnis verraten. Sollte Edgar auch hier eine Eroberung gemacht haben? Max ging zu seinem Freunde und sie beratschlagten noch lange, als sie schon in ihrer Villa beisammensaßen.

Ella aber hatte sich in ihr Boudoir zurückgezogen, tieftraurig, von wechselnden Empfindungen bestürmt. Unruhig schritt sie hin und her, sie nahm eine Beethovensche Sonate zur Hand, doch sie spielte nur die erste Seite herunter. Sie stand auf und griff zu Byrons Gedichten, die auf ihrem Nähtisch lagen, doch sie las gedankenlos über die ersten Strophen hinweg.

150 Sie war unsicher geworden in ihren Gefühlen; sie begann zu zweifeln und ärgerte sich über diesen Zweifel. Der niederschmetternde Artikel des Naturforschers hatte auf sie einen tiefen Eindruck gemacht. So war Edgar im Auge eines erleuchteten Gelehrten nur ein oberflächlicher Kopf, der mit einigen Trugschlüssen blendete; sein Wissen war lückenhaft; es hielt der Prüfung durch eine anerkannte Autorität nicht stand. Sie hatte ja keinen Maßstab für das alles; er war ihr so geistig bedeutend vorgekommen; jetzt hatte die Wissenschaft durch den Mund eines hervorragenden Vertreters den Stab über ihn gebrochen. Er war ein Mann von Geist, das konnten ihm alle Fakultäten nicht streitig machen, die davon nicht immer Überfluß besaßen. Darüber hatte sie ein eigenes Urteil. Doch besaß der Baron Perling nicht auch Geist? Dadurch allein wird man kein Gelehrter, der sich Ruf und Geltung verschafft! Und dann, sein Angriff auf die Goetheforschung, war das nicht ebenfalls sein wissenschaftlicher Geist, der sich damit ein Genüge tat? Und wie allgemein war die feindselige Stimmung gegen ihn beim Toast des Barons! Der Mann, den sie liebte, sollte hochgeschätzt sein und bewundert von allen; es war eine Demütigung für sie, für ihr innerstes Gefühl, wenn es anders war. Und doch sprach dieses Gefühl noch immer für ihn, so warm, so mächtig, daß alle Zeugnisse gegen ihn verstummen mußten. Und wenn er in Gefahr geriet – das war ein nicht auszudenkender Gedanke, da mußte sie helfen, retten um jeden Preis!

In dieser innersten Aufregung konnte sie sich ihm nicht nähern; er hätte es bemerkt und noch mehr die anderen. So sandte sie Berta hinab, um das Duell 151 zu verhüten. Als sie die Kunde vernahm, daß die jungen Gelehrten von jetzt ab ihr Haus vermeiden wollten, da fühlte sie sich elend, fast verzweifelt, warf sich aufs Lager und sah in wüsten Träumen eine Lichtgestalt, an welcher von allen Seiten tiefe dunkle Schatten in die Höhe krochen – es war Edgars Bild. Und dann sah sie ihn wieder verwundet auf der Waldwiese liegen – und wachte mit einem leisen Aufschrei aus voreiligen Träumen auf; die Sonne glühte noch im Westen und das Gestirn der Träume hing erst wie eine blasse Wolke am Osthimmel.

 


 

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