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Rudolf von Gottschal: Parasiten - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleParasiten
authorRudolf von Gottschall
year1906
firstpub1906
publisherAlfred Schall
addressBerlin
titleParasiten
pages435
created20141220
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Buch

Erstes Kapitel

»Sir Archibald Bower –«

»Ist abwesend!«

»Wohin ist er gereist?«

»Nach Monte Carlo.«

»Und Mrs. Bower?«

»Ist zu Hause – ich werde Sie melden!«

Im Hotel Belvedere in Bordighera wurden diese Worte gewechselt; eine ältliche Dame, im grauen Kleid, mit grauem Hut und schwärzlichem Schleier, hatte sich durch die Zofe der Familie Bower anmelden lassen und trat bald in den eleganten Salon, wo sie Mrs. Bower mit zurückhaltender Freundlichkeit und mit fragenden Blicken empfing. Sie war offenbar überrascht durch diesen Besuch, und bat die Dame am Fenster Platz zu nehmen, das einen schönen Ausblick auf die See, über die Dächer der Fremdenstadt hinweg, gewährte. Das Hotel de Belvedere, das an der Strada Romana, dicht am Fuße des waldrauschenden Berghanges liegt, wird wegen dieser Fernsicht bevorzugt und von den Engländern fast ausschließlich mit Beschlag belegt.

Mrs. Bower war trotz des leidenden Ausdrucks ihrer Züge und trotzdem, daß sie die Altersgrenze 113 erreicht hatte, wo man die Frauen nur noch selten nach ihrer Schönheit fragt, eine sehr anmutige Frau; ihre blonden Haare zeigten noch keine silbernen Fäden; ihre blauen Augen hatten etwas Sanftes; doch auch die Leidenschaft konnte darin aufleuchten. Um ihre vollen Lippen schwebte sonst ein reizvolles Lächeln, das sich aber diesmal bei der Begrüßung nicht hervorwagte.

»Sie sind erstaunt, mich hier bei Ihnen zu sehen;« sagte die graue Dame, »so nahe wir hier beieinander wohnen, so ist doch die Kluft, die uns trennt, durch nichts überbrückt worden – und die Meinigen werden den Schritt nicht billigen, den ich jetzt mache!«

»Ich bin schuldlos an dieser Feindseligkeit, die mir schon so viele Tränen gekostet hat; daß Ihr Bruder mich liebte und heiratete, können Sie mir doch nicht zum Verbrechen anrechnen.«

»Ich bin nicht gekommen,« sagte die Dame kühl und gemessen, »um mit Ihnen darüber zu richten; es war auch nach meiner Ansicht kein guter Stern, der Sie mit ihm zusammengeführt hat. Eine Deutsche in unserer Familie – das ist wie ein fremder Tropfen in unserem Blut und das können Sie doch nicht leugnen, daß Sie eine Vergangenheit hatten, von der allmählich immer mehr bei uns durchsickerte.«

»Ihr Bruder kannte sie von Hause aus– und das genügt!«

»Und Sie haben von Hause aus einen Einfluß über ihn gewonnen, der den unsrigen gänzlich lahm legte. Es tut nicht gut, ein Glied der Familie ganz von ihr loszureißen. Gleichviel – da Sie einen solchen Einfluß haben, so mögen Sie ihn jetzt geltend machen; es ist die höchste Zeit. Darum wende ich 114 mich an Sie, und mögen es die Eltern und Geschwister mir auch verargen. Ich fürchte für Archibald – hier die Riviera wird zu seinem Verhängnis! Bieten Sie Ihren ganzen Zauber auf; oder fängt auch dieser an zu versagen? Wehren Sie es ihm, nach Monte Carlo zu fahren; er spielt hoch – wir haben sichere Nachricht!«

»Leider, leider!« versetzte Mrs. Adele Bower seufzend.

»Eine Mahnung von uns anderen würde nur seinen trotzigen Widerstand herausfordern und wie sollten wir an ihn herantreten? Wir verkehren ja gar nicht mehr mit ihm. Mir aber war er stets besonders ans Herz gewachsen, und ich könnte es nicht ertragen, wenn ihm ein Unglück begegnete. Sie wissen, welche großen Verluste er mit seinen südafrikanischen Bergwerksaktien erlitten, wie sein Geschäft in London zurückging, seitdem ihm sein Kassierer mit einer Summe von zehntausend Pfund durchgegangen. Sie haben ja das alles in London miterlebt. Durch diese Schläge wurde seine Gesundheit aufgerieben und er suchte Heilung im ewigen Frieden dieser Riviera, die ihm schon einmal so verhängnisvoll geworden.«

»Madame!« sagte Mrs. Bower auffahrend.

»Ich spreche, wie ich denke und fühle! Hier war es, wo er Sie kennen lernte und durch Sie hat er seine Familie verloren. Sorgen Sie dafür, daß er hier nicht den letzten Rest seines Vermögens verliert!«

»Ich habe es an Mahnungen, an Warnungen nicht fehlen lassen,« versetzte Mrs. Bower; »doch Sie im Schoße des Glückes – wissen Sie denn, wie einem Unglücklichen zu Mute ist, der verzweifelte Anstrengungen macht, durch die Brandung noch ein rettendes Ufer 115 zu erreichen? Er stürzt sich in die Gefahr, er glaubt an seinen Stern! Es ist Torheit, ich sag' es ihm immer wieder, ich will das bescheidene Los mit ihm teilen! Ich bitte, ich beschwöre ihn – o ich liebe ihn ja so sehr!«

Die starren Züge der Miß Susanne Bower nahmen einen freundlicheren, milderen Ausdruck an, als sie die Tränen erblickte im Auge ihrer Schwägerin.

»Erzählen Sie ihm von meinem Besuch bei Ihnen und daß ich meine Bitten mit den Ihrigen vereinige. Nur von mir darf die Rede sein, nicht von seiner Familie. Ich bin die einzige, welcher er eine solche Einmischung verzeihen würde. Vielleicht auch hört er auf mich, schon deshalb, weil ich zu Ihnen gekommen bin – nach langer, langer Zeit die erste Hand, die über die weite, von Jahrzehnten gegrabene Kluft hinüberreicht. Der innige Anteil an dem Geschick meines Bruders führt mich zu Ihnen; darin begegnen wir uns beide, aber es ist auch das einzige. Mißdeuten Sie meinen Besuch nicht; ich wünsche nicht, Ihnen näherzutreten; wir würden uns doch nie verstehen!«

Adele hatte schon ein stolz ablehnendes Wort auf den Lippen; doch die letzten Worte machten sie wieder nachdenklich! In der Tat, was hatte sie gemein mit dieser grauen Schwester, die für allen Reiz des Lebens abgestorben war, mit dieser engherzigen Miß, deren schroffe Christlichkeit, deren Feindseligkeit gegen alle Genüsse des Lebens sie kannte? Es war am besten, wenn sie nach wie vor einander fernblieben. Für diese mit geschlossenen Augen und gerümpfter Nase durchs Leben wandernde Heilige aus der Kirche des 116 achten Heinrich war sie eine Verworfene und die stumme Anklage würde hinter der geheuchelten Zuneigung lauern. Sie schied daher von der grauen Schwester mit einer kühlen Verneigung. Doch den großen Kummer ihres Lebens hatte diese wachgerufen und kaum hatte sie den Salon verlassen, als sich Adele weinend und schluchzend aufs Sofa warf.

Da wurde ein anderer Besuch gemeldet. Das war heller, tröstlicher Sonnenschein; sie sprang auf, um ihrer Freundin entgegenzugehen, der einzigen, die sie besaß. Es war eine Deutsche, in England hatte kein weibliches Wesen sich an sie angeschlossen – niemand, niemand, außer dem einzigen, dem ihr Leben, ihr alles gehörte. Hannchen Lietner war zehn Jahre jünger als sie: ein blühendes Mädchen, schwarzhaarig, dunkeläugig, voll und üppig; den ahnungsvollen Reiz der ersten Jugend hatte sie längst eingebüßt. Man suchte ihn nicht bei ihr, man fragte nicht danach, ebensowenig wie nach den Bescheinigungen des Standesamtes; ob sie vermählt war, oder ob unvermählt, ob Witwe oder geschiedene Frau – sie war eben ein Weib, das seine volle Persönlichkeit einsetzen konnte und allen Männern begehrenswert erschien. Den Wendekreis des Krebses, die böse Linie des dreißigsten Jahres, hatte sie glücklich überschritten, ohne eine Spur des Altjüngferlichen davonzutragen, welches bei dieser Passage sich an so viele Altersgenossinnen heftet; es gibt ja auch geborene alte Jungfern, welche schon lange vorher mit priesterlicher Würde das Feuer der Vesta hüten. Hannchen Lietner war als Gouvernante mit einer englischen Familie nach Bordighera gekommen. Da der Lord an Hannchen mehr Gefallen fand, als sich mit der Hausordnung vertrug, so war der 117 Gouvernante gekündigt worden. Stolz wies sie jede Unterstützung von seiten des Lords zurück; auch der unbegründete Verdacht sollte keinen Anhalt finden. Da sie der neuen Sprachen mächtig war, blieb sie in Bordighera als Sprachlehrerin. Die Herren der Welt, die Engländer, deren Sprache man ja in allen Weltteilen spricht und die nichts hinzuzulernen brauchen, sehen freilich eine solche Lehrerin als etwas sehr Überflüssiges an und würden sie verächtlich beiseite geschoben oder ganz übersehen haben, wenn nicht ihr persönlicher Reiz ihre Aufmerksamkeit erregt hätte. Das war eine Sprache, zu deren Verständnis man keine Grammatik und kein Lexikon brauchte, ja, ein junger Lord wollte sogar die schwierigen Elemente der deutschen Sprache mit in den Kauf nehmen, wenn er bei diesen Lektionen in der Nähe einer so üppigen Schönheit weilen konnte. Doch er war kaum bis zu den unregelmäßigen Verben gekommen, als er seine Lektionen aufgab; er hatte sich überzeugt, daß die Deklinationen und Konjugationen nicht seinen Wünschen entsprachen. Und so unterließen es auch die anderen jüngeren Lords, ein nutzloses Konjugieren zu erlernen. Dagegen gab es viele Ladies und Misses, welche teils auf diesem gesegneten Fleck Erde, den man doch nicht in einem fort bewundern konnte, gelegentlich Langeweile empfanden, teils so vielen Patriotismus besaßen, um die Sprache zu erlernen, welche die Königin und Kaiserin von Kindheit auf gesprochen und welche in den Privatgemächern von Windsor die Umgangssprache Ihrer Majestät und des Prinz-Gemahl gewesen – und so fand Hannchen Lietner einen ausgedehnten Schülerkreis.

Damals traf es sich, daß Adele nach Bordighera 118 kam, anfangs in Begleitung eines Mannes, der ein sehr unstetes Wesen an den Tag legte, allerlei Pläne und Projekte hegte, besprach, bisweilen verschwand, dann wieder auftauchte, bis er zuletzt wiederzukommen vergaß. Da war Adele in großer Not; sie hatte schon früher die Bekanntschaft Hannchens bei einer zufälligen Begegnung im Garten des Hotels Windsor gemacht; jetzt reichte ihr diese die helfende Hand und trat ihr einen Teil ihrer Stunden ab, die sie selbst nicht mehr zu bewältigen vermochte. Dann waren und blieben sie innige Freundinnen. Hannchen erfuhr von Adele, daß sie eine geschiedene Frau sei; sie war Zeuge, wie Archibald Bower um ihre Hand warb, und ihre Freundschaft überlebte die lange Trennung, als Adele mit dem Gatten nach England gezogen war.

»So traurig,« fragte Hannchen besorgt.

»O du weißt ja warum – ich bin wieder allein. Eben hatte ich den Besuch Susannens –«

»Susanne – unglaublich!«

»In der Tat, da muß Ungewöhnliches vorgegangen sein. Schlimme Nachrichten von Archibald – o ich hab' es schon immer gefürchtet. Der Dämon des Spiels hat ihn ergriffen; es läßt ihm hier keine Ruhe, er muß hinüber nach Monte Carlo. Er spricht von bescheidenen Summen, die er setzt, von seinem Vergnügen, der rollenden Kugel des Roulettes zuzusehen, die Gesichter der Gewinner und Verlierer zu studieren. O so harmlos ist das alles nicht. Susanne hat es erfahren, daß er dort um hohen Einsatz spielt. Und ich merk' es an seiner inneren Unruhe, an allem, was er in seinen Träumen spricht. Es hat ihn gepackt, wie ein Ungeheuer, das Spiel von 119 Monte Carlo – es schnürt ihm die Brust, die Seele zu; es benimmt ihm den freien Lebensatem. Oft starrt er vor sich hin, als sehe er die rollende Kugel, wie sie nach den getürmten Haufen Goldfüchsen angelt, welche die Harke des Croupiers dann heranscharrt, wie des Straßenkehrers Besen den Schmutz zusammenfegt. Und wieviel hat er denn noch zu verlieren? O Gott – ich bin sehr unglücklich.«

»Vielleicht gewinnt er auch einmal – wer kann es wissen? Der Spielteufel von Monte Carlo hat auch bisweilen seine guten Launen. Doch komm heraus ins Freie; es ist ein schöner Abend, der Frieden da draußen hat etwas Beruhigendes. Riposo, sagt unser Arzt immer; das ist seine Universalmedizin.«

Die beiden Freundinnen schritten die Strada Romana weiter hinauf, ließen das Städtchen mit seinem Gewirr steil hinankletternder Gassen links liegen und nahmen dann Platz auf den Bänken des großen Aussichtsplatzes von Ampeglio, der einen so entzückenden Rundblick bietet.

Unten an den Klippen, auf denen das kleine Kirchlein steht, brandete das Meer erregt im wechselnden Farbenspiel des Abendlichtes, während sonst die kaum bewegte Wasserfläche sich wie ein Schild von Diamanten ausbreitete von dem Capo Nero bis zu den Bergen von Ventimiglia, und im blauen Duft der Ferne, wo mit leisen Umrissen die Räuberinsel Korsika auftauchte, wo nicht nur in den Gebirgen die Wegelagerer rufen: la bourse ou la vie, wo der große Staaten- und Welträuber Napoleon das Licht der Welt erblickte. Ein wenig Weltgeschichte am verdämmernden Horizont – doch das stört den Frieden des Abends nicht! Wohl 120 aber die hochragende, prächtige Villa Garnier mit ihrem Garten, welche den ganzen Süden eingefangen zu haben scheint! Sie weckt von neuem Adelens Trauer und Schwermut; denn dieser verbrecherische Architekt hat nicht nur die herrliche Pariser Oper gebaut, den ersten Kunsttempel der Welt, sondern auch das doppeltürmige Ungetüm, das auf seine Opfer lauert auf hohem Fels und sie hinunterstürzt in die Tiefe – das Kasino von Monte Carlo, wo jetzt Archibald mit dem Schicksal rang, mit dem Gespenst jener mörderischen Zahl, welche die schattenhafte Beherrscherin der Welt ist und an allen Abgründen des Lebens steht, bereit, die Sterblichen hinunterzustoßen.

Und wieder füllten sich Adelens Augen mit Tränen!

Und doch war der Abend so weich, so lind, so paradiesisch! Welch ein Duft lag auf dem Gürtel von Olivengärten drunten! Hier und da schaukeln in diesem Olivenhaine die Afrikanerinnen ihre Wedel in dem Wind der europäischen Küsten. Tiefblau ruht das Meer – und in sanfter Bläue wölbt sich der Himmel darüber, an welchem nach Westen hin bereits der Abend purpurne Wolkenberge häuft. Duft der Blumen, Duft der Farben, alles so sanft, so einschmeichelnd – und doch ohne die Macht, ein trauerndes Herz zu trösten. Da ertönten in die Stille dumpf und schwer die Glockenschläge des Kirchleins von Bordighera und mahnten an die Stunde, die so viel Segen, so viel Fluch im Schoße trägt; an die verrinnende Stunde des Menschenlebens mit ihren sechzig Minuten, von denen jede den Tod bringen kann.

Was der Natur nicht gelingt, mit dem ganzen Aufgebot ihrer Reize, das gelingt oft traulicher 121 Aussprache, die das Herz erleichtert. Adele Bower erzählte der Freundin von Archibald, was diese wußte und nicht wußte; es waren die Bilder, die Gedanken, die vor ihrer Seele vorüberzogen. Wie sie ihn zuerst gesehen, dort im Ufergarten unter den Palmen Scheffels – gegenüber am anderen Ufer der Bucht Ospedaletti mit den blinkenden Fenstern seiner großen Hotels und dem säulengetragenen Kasino! Solche äußere Bilder prägen sich der Seele oft tief ein bei großen Ereignissen – und diese Begegnung war ihr großes Ereignis.

»Wir waren,« erzählte sie, »beide abgekommen von unserer Gesellschaft und Archibald knüpfte ein Gespräch an unter dem Eindruck des südlichen Landschaftsbildes. Er kannte den Süden, er war in Ägypten, in Arabien, in Indien gewesen. Für diese großen Kaufleute gibt es ja keine Entfernungen; der Handel rückt alles in die greifbarste Nähe, der Handel erobert die Welt. Und mir kam dieser junge Engländer wie ein Welteroberer vor – schlank und stolz, um die Lippen ein souveränes Lächeln, in den Augen einen sieghaften Blick. Ich kenne diese Engländer; ich bin ihnen sonst aus dem Wege gegangen; denn sie haben oft den Anschein, als ob sie nach Beute herumspähten, als ob die ganze Welt ihre Beute wäre. Hier war es anders; er sprach mit mir sanft, vertraulich, es war ein Zug der Sympathie, der uns sogleich verband. Er hatte keine Eile, zu seiner Gesellschaft zurückzukehren; die meinige war mir längst gleichgültig geworden. Was gefiel ihm an mir? Was fesselte ihn an mich? Ich bin nicht schön – und bin es nie gewesen. Alle Zuneigung ist etwas Unerklärliches!«

»Nicht schön?« sagte Hannchen, »die kalten 122 Schönheiten gehören ins Bildhaueratelier; was gewinnt, besticht, verführt, es ist immer die Grazie der Seele. Und diese Grazie ist dir eigen! Hast du damit doch auch eine wertlose Zuneigung gewonnen, die meinige!«

Adele drückte ihr herzlich die Hand.

»Wertlos? Wer weiß, ob mir noch eine andere Liebe übrig bleibt als die Deinige, die vielleicht meinem ganzen Leben noch allein Wert verleiht? Du weißt ja, wie es gekommen mit Archibald! Wir trafen uns oft unter den Palmen, wir trafen uns unten beim Kirchlein von Ampeglio. Seine Familie hatte uns mehrfach belauscht, sie verfolgte mich von Anfang an mit ihrer Feindschaft! Eine Deutsche – eine Fremde – eine bezahlte Lehrerin! Ja, wäre es bei einem Liebeshandel geblieben – da hätte man höchstens den Geschmack des stolzen Inselsohnes bedauert, der sich zu einem weiblichen Wesen verirrte, das so wenig von dem hat, was auf dem Turf Bewunderung erregt und den Sieg verleiht – so wenig »Rasse« Doch es war eine ernste Liebe, die das ganze Leben für sich verlangte. Jetzt verwandelte sich die Abneigung in Haß, in Abscheu . . . an mich aber trat ein entscheidender, furchtbarer Augenblick heran – der Augenblick der Beichte! Ich fühlte es, ich konnte ohne Archibald nicht leben, und doch mußte ich selbstmörderisch die Lunte anlegen, um meine ganze Zukunft in die Luft zu sprengen. Ich zögerte nicht; mit Heuchelei und Lüge wollte ich mein Lebensglück nicht erkaufen.«

»Du tatest wohl daran!«

»Es galt die volle Wahrheit! Ich erzählte, wie ich verdrängt wurde aus meinem Familienheim, durch eine feindselige, unerträgliche Einmischung, wie sich 123 das Herz meines Gatten von mir abwandte, wie ich in heißer Liebessehnsucht dem Manne folgte, der mir Ersatz versprach für die verlorene Liebe, das verlorene Heim – wie ich als eine Geschiedene, als eine Schuldige in die Welt hinauszog, bis auch jener Schändliche mich verließ, mich ratlos und hilflos im Stiche ließ. Da wurdest du meine Helferin und rettetest mich aus der bittersten Not meines Lebens; dir sage ich damit nichts Neues, doch welche schrecklichen Enthüllungen für den Geliebten! Mußte er in mir nicht eine Verlorene sehen? Konnte er den Mut behalten, mich zu sich zu erheben? Er schien einen Augenblick niedergeschmettert von meiner Kunde, die mich auf einmal in einer abschreckenden Beleuchtung zeigte, so ganz anders als er mich bisher gesehen, und doch – war ich nicht dieselbe? und wenn ich eine grenzenlos Unglückliche war, mußte das nicht seine Liebe zu mir steigern, statt sie abzuschwächen? Und er fand sich bald zurecht; großherzig wies er alle Bedenken zurück und schloß mich in seine Arme! Ich bin Mrs. Archibald Bower geworden, allein ich habe ihn zu einem unfreien Manne gemacht. Das zeigte schon unsere stille Hochzeit; du warst ja zugegen. In der Waldenser Kapelle beim Hotel Lugeria – ich werde den Tag nicht vergessen, es war alles so freudlos – nur noch zwei Trauzeugen außer uns. Die ganze Familie hatte das Weite gesucht, als wäre die Pest ausgebrochen in Bordighera, und die Waldenser Kapelle der schreckliche Krankheitsherd.«

»Und jetzt – und jetzt! Nach so vielem Unglück, dies letzte, größte – die unbezwingliche Leidenschaft des Spiels! Und doch begreife ich sie! Liegt das denn so weit auseinander – diese gewagten 124 kaufmännischen Spekulationen und das Rouge oder Noir, auf welches die rollende Kugel der Roulette jagt, und die gehäuften Goldstücke, die man auf eine trügerische Nummer setzt? Und wenn uns dort das Glück im Stich gelassen, wo so viel Berechnung, die weit über Länder und Meere reicht, zu schanden wird, soll man es da nicht einfangen können, auf dem grünen Tisch, wo der Blick auf wenigen Nummern und Farben ruht und Hunderttausende in einer Stunde gewonnen und zerronnen sind! Es ist Torheit, es ist Sünde, ja, Verzweiflung; doch ich begreife ihn, den Unglückseligen; er will ja auch mir das Lebensglück erobern, das sich fast, wie es scheint, auf immer von uns gewendet hat.«

Es trat eine Pause des Gespräches ein. Das Purpurgewölk im Westen war blaß geworden; auch die Olivengärten unten begannen sich in die Schatten der Dämmerung zu schmiegen; über dem Monte Nero stieg der Mond empor, noch wie leiser Flor, wie eine schüchterne Andeutung; doch das Meer wurde unruhig, als sehnte es sich danach, sein volleres Bild in sich aufzunehmen – und die Scheibe füllte sich, während die Glut im Westen allmählich erlosch; nichts sprach als die Kirche von Bordighera, welche mit schwerem Schlag das Maß der Zeit verkündigte, einer Zeit, die sie da drunten in den prächtigen Villen kaum zu töten vermochten, während hier oben die zusammengepreßte Bevölkerung des Städtchens mit jeder Minute Arbeit rechnen mußte.

»Du freilich,« begann Adele wieder, »kannst dich bei allem herzlichen Anteil nicht hineindenken in meine trostlose Stimmung – du bist eben eine Glückliche!«

»Nicht so ganz,« versetzte Hannchen.

125 »Nun, du magst deine Launen und Stimmungen haben, doch keine solche Last, die deine Seele bedrückt.«

»Du weißt ja – meine Begegnungen mit dem Fremden, meinem Tischnachbar im Hotel Windsor – ich habe mir Vorwürfe zu machen.«

»Ach, liebes Kind – das ist ja alles federleicht, ein Spiel des Augenblicks!«

»Du hast ihn ja gesehen?«

»Den stattlichen Baron – ja! Ich habe ihn gesehen, mit ihm gesprochen; es ist ein geistsprühender Herr, ein Vergnügungsreisender im großen Stil. Ich kann mir wohl denken, daß seine tägliche Nachbarschaft dir gefährlich werden konnte. Er hat für einen Deutschen fast zu viel Esprit, aber, ich muß gestehen, eine bestechende Persönlichkeit, und eine herrenlose Lehrerin wie du –«

»Ich bin mir nie so töricht vorgekommen – und das quält mich! Eine blonde Miß von achtzehn Jahren – ich habe mehrere Schülerinnen in diesem Alter – hätte ihr kleines schüchternes Herz nicht so im Sturme erobern lassen. Es war ein Rausch. Ich vergaß darüber sehr vieles, aber ihn selbst kann ich nicht vergessen.«

»Du hast in deinem armen, beschränkten Leben alles Maß verloren für das, was in der Welt als Tugend und Frevel gilt, und das ist wie bei einem Sonnenmikroskop; die kleinsten Sünden richten sich als riesige Ungetüme auf. Ich weiß ja, um was es sich handelt! Ein paar Küsse im Garten des Hotels bei den dickköpfigen Melonen, die in den Spalieren hängen – wem bist du Rechenschaft schuldig für deine Küsse?«

126 »Wie – und wenn uns jemand belauscht hätte? Ich würde alle meine Schülerinnen verlieren; sie haben gestrenge Mütter – und ein Kuß ist bereits das Punktum unter dem Ehekontrakt.«

»Heuchlerinnen sind sie alle, diese Ladies – man heuchelt eben wie sie. Ein Ehekontrakt braucht Zeugen, das Liebesglück braucht keine – das ist der ganze Unterschied! Die Mütter würden dich verdammen – was aber die Töchter betrifft – so wette ich hundert gegen eins, sie würden die Lehrerin gern zum Vorbild nehmen und noch einmal so gern zu ihr in die Stunde gehen, seitdem sie wissen, daß sie von ihr mehr lernen können als was in der Grammatik steht. Ich hege einen so tiefen Groll gegen diese ganze Gesellschaft, daß ich selbst jetzt in meiner verzweifelten Stimmung ihre Fratzen an die Wand malen könnte, um mich und andere damit zu belustigen.«

»Der Baron ist ja fort,« versetzte Hannchen, »aber etwas ist mir geblieben – eine beschämende Erinnerung und zugleich eine Unruhe, eine Sehnsucht nach der Wiederkehr solcher köstlichen Augenblicke, in denen ich mein besseres Selbst verlor!«

»Ein paar Küsse – dafür wirst du selbst im Beichtstuhl nur zu einigen Paternostern und einer Rosenkranzlitanei verurteilt: die Geißel wird dir noch erspart! Und dein besseres Selbst! O dein besseres Selbst liegt in diesem vollen überwallenden Leben. Damit gewinnst du dich erst, alles andere ist ein jahrzehntelanger Verlust.«

»Mag sein – so hab' ich's selbst gefühlt. Doch jetzt bin ich wieder allein mit diesen überströmenden Empfindungen. Er hat mir ja kaum von Liebe gesprochen; doch freilich, er hat mir erklärt, daß er 127 wiederkommen werde; jetzt habe die Riviera außer Monte Carlo noch eine andere Anziehungskraft für ihn. Doch das ist alles leichtfertig hingeworfen. Mir aber ist es anders zumute! Ein schöner, geistreicher Mann – er könnte mir alles sein, und zugleich beherrscht mich eine angstvolle Eifersucht, zu der ich nicht das geringste Recht habe. Doch wie viele junge, schöne Frauen wird er auf seiner Weltwanderung treffen! Bin ich doch schon eifersüchtig gewesen auf dich; er warf dir einige Blicke zu, die mir als ein Diebstahl, als ein Raub erschienen an alledem, was seine Küsse mir versprochen haben.«

»Um mich hat er sich wahrlich nicht gekümmert! Was soll er mit einem so weinerlichen und verweinten Geschöpf anfangen?«

»Danach fragt die Eifersucht nicht! Auch habe ich mir erst vorhin gesagt, daß du etwas Apartes an dir hast, was die Männer anlockt, was ihnen den Kopf verdrehen kann. Und der Baron hat Sinn für das Aparte! Ich glaube, das Alltägliche wird ihm bald zuwider werden – und ich bin eine so alltägliche Person.«

»Das bist du nicht! Du bist eine üppige Haremsdame!«

»Und der Sultan hat davon ein Dutzend! Nein, nein! Das war ein sehr ungleicher Tausch! Für ihn eine leichte Zerstreuung, eine kurze Erinnerung, für mich ein süßschmerzliches Gedenken, eine bange Sehnsucht, eine Lebensfrage, die ohne Antwort bleibt.«

Die Dämmerung brach indes herein – Hannchen hatte noch einen weiten Weg zum Windsorhotel, das weit hinaus auf der anderen Seite der unteren Fremdenstadt am Strande lag.

128 Auf der Strada Romana begegneten ihnen keine lustig schnaubenden Gespanne, keine kühnen Reiter und Reiterinnen; es war als ob lauter Grabesboten ihnen entgegenkämen. Der alte Lord in seinem Rollstuhle, den alle Frühlinge Bordigheras nicht zu heilen vermochten, die reizende schwindsüchtige Miß mit der hektischen Röte auf den Wangen und dem schwärmerischen Blick der Todeskandidatin, die lahme Herzogin an ihren Krücken, prunkende Livreebedienten hinter sich; der junge deutsche Dichter, der wie ein Schatten dahinglitt, dem die Poesie Blut und Leben ausgesogen hatte und der über einigen Feuilletons brütete, um damit die Miete für seine Dachkammer am Kirchplatz des alten Bordighera bezahlen zu können. Es ist ja kein Krankennest, wie San Remo; es treiben sich so viele gesunde Winterfrischler in diesen Hotels und am Rande des wildaufrauschenden Meeres herum, daß man gar nicht an die Leidenden denkt, die hier auf Genesung hoffen, und die oft unkundige Ärzte in die kräftigende Luft des Vorgebirges von Bordighera geschickt, welche für vorgeschrittene Leiden verderblich ist. Heute aber war es, als ob ein Hexenbesen aus allen Winkeln die Invaliden zusammengekehrt und den Freundinnen auf dieser Römerstraße entgegengeführt hätte. Adele hatte bange Ahnungen, und auch Hannchen fand es auf einmal besonders frevelhaft, an einer solchen Märtyrerstation einen fremden Mann geküßt zu haben.

Der Portier des Hotels Belvedere kam ihnen einige Schritte entgegen.

»Eine Depesche für Madame!«

Zögernd hielt Mrs. Bower das Telegramm in den Händen, blickte ängstlich auf das zusammengefaltete Papier.

129 Die Depesche kam von der Direktion in Monte Carlo. »Herr Archibald Bower hat sich heute erschossen; die Familie wird ersucht, wegen der Beerdigung rasch Bestimmungen zu treffen.«

Adele war zusammengebrochen, Hannchen mit Tränen in den Augen um sie bemüht; Bedienstete des Hotels und Zofen waren rasch herbeigerufen; auch der Hotelier, der die erschütternde Nachricht mit schmerzlichem Anteil vernahm. Der Selbstmord eines Spielers in Monte Carlo gehört zwar zu den alltäglichen Ereignissen; aber die große unbezahlte Rechnung – das ging ihm doch ans Herz.

»Die Ärmste,« seufzte Hannchen, als sie mit Essenzen die Ohnmächtige ins Leben zurückzurufen suchte, »jetzt ist sie wieder so weit, wie sie damals war, als ich ihr meine helfende Hand reichte; doch so viele Jahre und so viele Leiden sind dazugekommen; wird sie noch die Kraft haben, sich wieder emporzuarbeiten? Mag sie jetzt ihrem Schmerz sich hingeben, ich werde für sie sorgen.«

 


 

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