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Rudolf von Gottschal: Parasiten - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleParasiten
authorRudolf von Gottschall
year1906
firstpub1906
publisherAlfred Schall
addressBerlin
titleParasiten
pages435
created20141220
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel

Die Promenadentoilette stand ihr reizend, der Frau Sidonie Schweiger; sie sah fast so jung aus, wie ihre Töchter, deren Jugend die Hilfe von Toilettenwassern nicht brauchte. Es ist immer verdienstlicher, jung auszusehen, als jung zu sein; das letztere passiert allen Sterblichen einmal; das erste ist ein seltenes Geschenk der Natur oder ein Talent, eine Kunst; die drei Damen befanden sich auf dem Wege zu den jungen Gelehrten, deren Sammlungen sie in Augenschein nehmen wollten. Die drei Grazien waren in der ganzen Stadt bekannt, wenigstens bei den oberen Zehntausend. Die meisten Offizierhandschuhe griffen nach den Mützen und in den Köpfen, die sich unter diesen Mützen befanden, regte sich derselbe Gedanke: nur eine dieser Grazien und »adieu, Kommiß!« Ein schönes Rittergut, ein großes Haus, und der Herr Obrist und der Herr General machen Bücklinge, um eingeladen zu werden. Das dachten die jungen Leutnants, aber auch die Obristen und Generale hatten ketzerische Gedanken. Die schöne Frau Geheimrat war eine Salonkönigin für ein vornehmes Haus – und wie verschwinden die Repräsentationsgelder des Staates gegen diejenigen, die aus der Schatulle einer solchen Gattin flossen. Das war ja eine wahre Zivilliste, die man mit Frau Schweiger erheiratete.

Die Freitreppe ihrer Villa herunter kamen ihnen schon die jungen Doktores entgegen, die unter der säulengetragenen Veranda ein auserlesenes Frühstück bereit hielten. Die Geheimrat verstand sich auf die Kunst, feine, zarte Unterschiede in der Behandlung 102 der Menschen zu machen, ein ausgesprochenes Talent, welches durch das Studium der Ranglisten wesentlich gefördert wurde, und wenn man die Unterschiede respektiert, die der Staat festgesetzt hat, so zeigt man eine rühmenswerte Kenntnis des öffentlichen Lebens, die im Privatleben ihre Schuldigkeit tut. Es besteht doch einmal ein Unterschied zwischen einem Rat erster, zweiter und dritter Klasse, ein unverwischbarer Unterschied, und eine feingebildete Dame weiß dies durch zarte Nuancen der Begrüßung und Verneigung auch ihrerseits hervorzuheben. Hier machte Frau Geheimrat solche Unterschiede zwischen dem jungen Doktor, dem die Villa gehörte und dem anderen, der nur als geduldeter Gast darin wohnte, wandte dem ersteren den Löwenanteil ihrer Höflichkeit zu, während der andere sich mit einer geringeren ihm zugemessenen Dosis begnügen mußte.

Ella kannte die feinen Unterschiede, die ihre Mutter bei der Gradmessung der Menschenwürde in Anwendung brachte; sie war im Innersten darüber empört und suchte durch besondere Freundlichkeit gegen den Naturforscher die Bevorzugung auszugleichen, welche die Mutter dem Philosophen als dem vermögenden Hausbesitzer zuteil werden ließ.

»Ein reizender Besitz, Herr Doktor,« sagte die Geheimrätin, indem sie an einem Glase Sekt nippte, »und welche seltenen, schönen Kletterpflanzen sich an den Säulen der Veranda in die Höhe ranken.«

»Ein Geschenk meines Freundes,« versetzte der Villenbesitzer, »tropische Pflanzen, die er von seiner Reise mitgebracht.«

Jetzt wandte auch Ella diesen zum Teil in feuriger Blütenpracht schimmernden Umrankungen ihr 103 Interesse zu; eine Aristolochia mit ihren bauchigen Trompetenblumen erregte ihre besondere Aufmerksamkeit.

»Sie finden unten im Garten noch mehr Exemplare dieser nach meiner Ansicht possierlichen Pflanze; es gibt auch in der Pflanzenwelt seltsame Käuze,« sagte Edgar, »in meinen Herbarien werden Sie dies aus den entseelten Formen erkennen.«

Die Geheimrätin, welche der Witwe Cliquot mit Behagen huldigte, lenkte die Unterhaltung bald auf das Gebiet des gesellschaftlichen Klatsches und beleuchtete mit Esprit die Königinnen der Mode, die ihr eine unliebsame Konkurrenz machten; sie wußte von ihren Toilettengeheimnissen zu erzählen, kritisierte ihren Teint, ihre Taille, ihre geistigen Fähigkeiten von der abgeschmackt naiven Jugendlichkeit der einen Exzellenz bis zu den altklugen jüngsten Töchtern der anderen, die alles besser wußten und alles schon erlebt haben wollten, was irgend ein weibliches Wesen in der Gesellschaft interessant machte; doch Ella, der solche Gespräche sehr unerquicklich waren, erinnerte an die Zwecke ihres Besuchs und da entschloß sich auch die Geheimrätin zum Aufbruch, um in den Salons der Villa die Schätze der ausgestellten Sammlungen anzusehen.

Die Mappen mit den getrockneten Pflanzen flößten der Geheimrätin nur geringes Interesse ein; sie liebte die Blumen als Schmuck der Salons, auch als Geschenk aufmerksamer Verehrer, doch diese von der Wissenschaft eingesargten Blumenleichen erregten nur ihr Mitleid. Edgar erzählte, wo er sie gesammelt, in den Urwäldern Brasiliens, an den Ufern des Riesenstromes und der mächtigen Flüsse, die derselbe in seinen Schoß aufnimmt. Seine Schilderungen hatten ein so 104 warmes Kolorit und mit Bewunderung sprach er von dem großen Tropenreisenden Alexander von Humboldt und von seinen Wanderungen durch die Täler und auf die Höhen der Anden, von seinem weltumfassenden Geist und seiner anmutigen Darstellungsgabe. Ella hing an seinem Munde. Doch Sidonie Schweiger hatte weder Natursinn, noch Sinn für Landschaftsmalerei und bald ermüdete sie der Anblick dieser zwischen den Löschblättern eingeschachtelten plattgedrückten Pflänzchen.

»Das mag alles im Urwald recht hübsch sein, wenn es duftet und blüht, aber in dieser papiernen Leichenkammer ist es bedauerlich reizlos. Und dann diese entsetzlich gelehrten Namen! Was haben denn diese armen Blümchen getan, daß man sie mit solchem Latein aus der Taufe hebt, mit dem sich ja unsere Zunge zermartert. Geht man jetzt durch den Wald, so mit Goethe vor sich hin und sieht irgend ein Blümchen stehn, da fällt einem, wenn man unglücklicherweise ein gutes Gedächtnis hat, sogleich der fatale lateinische Name ein und es ist, als ob alle Blumen in wüstem Karneval durcheinanderschrien: ich bin die Pulsatilla, ich bin die Campanula, ich bin die Digitalis und dahinter noch die endlosen Beiwörter, die wie eine Schleppe den ganzen Staub der Gelehrsamkeit aufwühlen. Der Wald, die Wiese, das Feld mit allen ihren naiven Schöpfungswundern – das wird uns ja verdorben durch den Schulstaub, der sich darüber lagert. Nein, nein, Herr Doktor – allen Respekt vor Ihrer erstaunlichen Gelehrsamkeit; doch mit den Kollegienheften und Herbarien haben die lieben Blumen nichts zu tun und auch wir Frauen, welche ja die Poesie in ihrem Wahnsinn oft als lebende 105 Blumen bezeichnet, gehen dieser Gelehrsamkeit besser aus dem Wege.«

Der Mutter kam Berta zu Hilfe, welche bereits seit einiger Zeit ein mehrfaches Gähnen nicht unterdrücken konnte.

»Herr Doktor Biesner, Sie haben uns ja versprochen, uns Ihre Briefmarkensammlung zu zeigen, ich verspreche mir einen riesigen Genuß davon; solche seltene Postmarken – das ist entzückend!«

»Gewiß, Herr Doktor,« fiel die Mutter ein, »das sind doch Zeichen des menschlichen Verkehres und das ist doch etwas anderes, als die alte ausgesungene Litanei der Waldvögel und Waldblumen; das sind doch kleine Zeichen der großen Völkerverbrüderung – und dabei geht einem doch das Herz auf!«

Doktor Biesner verneigte sich.

»Ich stehe zu Ihren Diensten.«

Er führte die Damen in den benachbarten Salon.

Ella machte keine Anstalten, ihnen zu folgen.

»Sie zeigen mir wohl einige Mappen, Herr Doktor! Ich kann mich nicht satt sehen an der unendlichen Mannigfaltigkeit dieser kleinen, oft zierlichen, oft seltsamen Formen, welche die unerschöpfliche Phantasie der Natur in ihren Blättern und Blüten gezeichnet, gemalt, gestickt hat. Ihre Kunst ist ja hier so sichtbar, wie wenn wir die atmenden Blümchen vor uns hätten – und ebenso deutlich spricht das tote Gebilde die offenen und geheimen Absichten der großen Künstlerin aus.«

Edgar freute sich des ungestörten Zusammenseins – wie reizvoll sinnig erschien ihm dies schöne Mädchen und daß sie hier bei ihm zurückblieb, lag darin nicht ein Zeichen stiller Sympathie? Ihr Auge 106 belebte sich bei seinen Schilderungen; dieser Glanz galt ja nicht ihm, sondern den großen Gegenständen der neuen Welt, deren Bild er entrollte – und in der Tat verwandelten sich seine Mappen nur in ein Aktenmaterial, das er hin und wieder für seinen freien Vortrag benutzte. Und wie beredt floß ihm das Wort von den Lippen bei einer so andächtigen Zuhörerin! War es nicht ein Traum, daß sie hier so traulich neben ihm saß, sie, welche wie ein Lichtbild durch die Träume seiner letzten Nächte geschwebt?

Mit mancher Frage, die nicht bloß Wißbegierde, sondern eine sinnvolle Auffassung verriet, unterbrach Ella seine Berichte, mit manchem Ausdruck nachfühlender Bewunderung, wenn Edgar die großartigen Schönheiten der Tropenwelt schilderte. Immer wieder kam er auf den Urwald zurück, diesen grünen, schwer zugänglichen Palast mit seinen Riesenkuppeln, seinen Stukkaturen und Arabesken. Er schlug eine der Mappen auf:

»Sehen Sie, hier diese Cuscuta! Von solchen durcheinanderrankenden Parasiten ist der ganze Wald durchflochten – das windet sich, das klettert in die Höhe, das schmückt mit dem vielfarbigen Reiz seiner trichterförmigen Blumenkronen diese dunkle Unterwelt, dies üppige Dickicht, aus welchem nur einsame Palmenwedel hoch in die Lüfte ragen. Und wie in einem Erbbegräbnis von Jahrtausenden scheint in dieser drückenden Schwüle eine ganze sich stets neu erzeugende Pflanzenwelt verschüttet und die erstaunliche Verschwendung der Natur schwelgt hier in Tönen und Farben, die kein menschliches Auge erblickt.«

»Und ist die Natur bloß des Menschen wegen da?« fragte Ella; »die ewig vergrabenen Blumen des 107 Urwaldes und die droben rollenden Gestirne, die keine Seelen beherbergen, aber vielleicht selbst eine Seele haben, würden darauf eine verneinende Antwort geben.«

»Und doch – sie ist eine verzauberte Prinzessin, welche erst der Menschengeist von ihrem Banne löst, der er eine Sprache leiht, und haben wir nur ein Zipfelchen ihres Gewandes, so wissen wir mehr von ihr als sie selbst. Was sind alle ihre Leuchtkäfer und Leuchtfalter gegen das Licht der Forschung, das in ihre unentwirrbaren Geheimnisse leuchtet, doch auch in ihrem toten Spiegelbild erkennen wir manche Züge des menschlichen Lebens wieder. Oft ist's ein Vexierspiegel, oft ein ruhiges, treffendes Gleichnis.«

»Das sind nur Spiele unseres Geistes.«

»Oft ist es mehr; es sind Wiederholungen desselben Gedankens in einem verschiedenartigen Milieu, im Reiche der Natur, im Reiche des Geistes! Es geht durch die Welt ein endloses Schmarotzen, ein Lebewesen saugt das andere aus. Sehen Sie diese Cuscuta, welche ihre Nährstoffe aus den Wurzeln und Stengeln anderer Pflanzen zieht, die zugrunde gehen durch ihre unfreiwillige Gastlichkeit. So gibt es hundert blattlose und blattreiche Schmarotzer, auch solche mit fadenförmigen schlingenden Stengeln –«

»Auch bei uns?«

»Gewiß – fragen Sie die Landwirte nach der Flachsseide und Kleeseide! Und wenn diese Pilze in das Gewebe der Wirtspflanzen, in ihre Zellen hineinwachsen, da bilden sich anfangs Anschwellungen und Gallen, dann stirbt die Pflanze vollständig ab. O diese Parasiten sind gefährlich – das wußte schon die alte heidnische Sage! Haben Sie nie von der 108 Mistel gehört, diesem starkverzweigten Busch, die sich wie eine Gabel in die Äste der Laub- und Nadelhölzer klammert? Verhängnisvoll wurde sie dem Lichtgotte Baldur. Die gute Göttin Frigg, die alle Wesen im Himmel und auf der Erde beschwor, vergaß dabei die kleine Mistel und aus ihrem Geäst wurde das todbringende Geschoß bereitet, welches Baldur zu Boden streckte. Das sind diese hinterlistigen Parasiten, und wer sie im Pflanzen- und im Tierreich erblickt, wie sie manche arme Kreatur zu Tode quälen, der wird sie auch im Menschenleben wiederfinden.«

»Und auch da haben Sie Ihre Entdeckungen gemacht?«

»Es sind die traurigsten Erfahrungen meines eigenen Lebens, und Sie berühren damit eine sehr schmerzliche Seite. Das erzähle ich Ihnen vielleicht ein anderes Mal, liebes Fräulein; denn ich hoffe, wir werden noch öfters so traulich zusammensitzen; es ist eine schöne Hoffnung, um die ich nicht ärmer werden möchte!«

»Und die ich teile!«

Ella sagte dies ruhig und fest; aber der Blick des Auges, der diese Worte begleitete, gab eine schöne Verheißung.

»Ich sehe sie überall, diese Parasiten – und ich fürchte fast, ich werde ihnen mein Lebensglück abkämpfen müssen; auch in der Wissenschaft hängen sie überall ihre saugenden Fäden auf und schöpfen ihre Nahrung, ihr geistiges Leben aus anderen, die sie zugrunde richten. Wucherpflanzen überall, Lieblinge und Günstlinge in den Salons, Geldsauger im geschäftlichen Leben, Schmarotzer der öffentlichen Meinung, die sich aus den Parteikassen nähren – das 109 ist ein endloses Register, das ich hier vor Ihren Augen entrollen könnte! Das Schmarotzertum hat in unserer Zeit hundert neue Formen angenommen, hundert neue Wurzeln geschlagen – und nur feste Herzen und starke Geister leisten ihm siegreichen Widerstand.«

»Feste Herzen, starke Geister – das ist auch meine Losung,« sagte Ella, »und die Gleichgesinnten müssen zusammenhalten.«

»Das wollen wir,« versetzte Edgar und er hatte den Mut, ihr seine Hand hinzureichen, in welche sie die ihrige legte, freundschaftlich, herzlich.

Aus dem Nebensalon ertönte ein schallendes Gelächter; bald steckte die Geheimrätin den Kopf durch die Türe.

»Wo bleibst du, Ella?«

Die lange Lektion über Pflanzenkunde, das Zusammensein der beiden erregte doch ihr Bedenken. Sidonie war keine Tugendwächterin; auch über die Freiheit des gesellschaftlichen Verkehres hatte sie Ansichten, welche den Müttern wohlerzogener Töchter für ketzerisch galten; doch sie hatte ihre Pläne mit Ella und wünschte nicht, daß sie von einem dritten durchkreuzt würden:

»Komm nur, Ella, dein Schwesterchen ist bei bester Laune und macht über die oft possierlichen Symbole und Figuren auf diesen Zeichen des Weltverkehres drollige Bemerkungen, die nicht bloß mich, sondern auch den gestrengen Herrn Philosophen zum Lachen bringen.«

Ella und Edgar traten zu den anderen in den benachbarten Salon; Sidonie musterte dieselben 110 aufmerksam; doch sie fand nichts Verdächtiges. Sie wußte, wie nervös sie selbst nach einem bedenklichen Rendezvous war; sie kannte die hundert kleinen und feinen Anzeichen einer nachzitternden Empfindung nicht ganz verglommener Funken der Liebe, nicht ganz versteckter Regungen der Scham – hier fiel ihr nichts dergleichen in die Augen; sie kam wie aus einem Kollegium der Botanik, das ein nüchterner Dozent gelesen, und er sah so nachdenklich aus, als ob in seinem Gehirnkasten noch einige der unglaublichen Pflanzennamen herumrumorten.

Doch bald klärte sich Edgars Miene auf; er sah mit Freuden, daß sein Freund Max so lebendig und angeregt war, wie er ihn seit langer Zeit nicht gesehen, trotz Schopenhauer und Hartmann und allen schwarzgalligen Philosophen. Die kleine Berta hatte es ihm angetan, sie war so munter und drollig, daß die Mutter fast eifersüchtig wurde auf die Erfolge der jungen Naiven und sich selbst zur Ordnung rufen mußte, damit sie sich nicht wie eine komische Alte vorkam. Sie war bisher nur auf Ella eifersüchtig gewesen; sie hatte so viel studiert, sie hatte einen so feinen scharfen Verstand, rügte das Unschickliche und Anstößige, das der Mama zu entgehen pflegte, so zart und taktvoll, daß diese im stillen einen gewissen Respekt vor ihrer Tochter empfand. Doch es kam ihr nicht in den Sinn, mit dieser wetteifern zu wollen; die gelehrten Dinge lagen ihr alle so fern. Doch mit der jüngeren Tochter hatte sie vieles gemein: Esprit und Witz und gute Laune und eine scharfe Kritik der Personen, die ihr in den Wurf kamen, und wenn das enfant terrible mit drolligen Einfällen Triumphe feierte, so gab ihr das einen 111 kleinen Stich ins Herz; ihre eigenen Vorzüge wurden dadurch in Schatten gestellt.

Sie hielt es daher für das Beste, an den Aufbruch zu mahnen, damit Berta nicht zu sehr glänze. Das Mädchen hatte offenbar einen kleinen Schwips; sie war in einer köstlichen, perlenden Champagnerlaune, und dann hatte sie einen gefährlichen Übermut, der keine Schranken kannte.

Die beiden Freunde blieben allein zurück.

»Es freut mich,« sagte Edgar, »daß du aus deiner philosophischen Verstimmung etwas zu erwachen scheinst.«

»Das ist ein solches, kleines Zwischenspiel,« versetzte Max, »das hat nichts zu sagen. Wenn man die Serviette beiseite gelegt hat, ist das ganze Dejeuner mit Austern, Champagner und kleinen Mädchen vergessen. Ein Lachreiz – das ist ja das wohlfeilste; darüber quittiert der Pöbel dankbar bei hunderttausend Gelegenheiten. Wenn ich an das Loswiehern dieser gekitzelten Masse denke, so bekomme ich einen wahren Abscheu vor solchen Hochgenüssen, und schäme mich fast, daß ich mich eine Minute lang auf dem Wege befunden habe, der zu diesen Entlastungen und Herzenserleichterungen der menschlichen Roheit führt. Die Kleine kann man nicht ernst nehmen; doch die andere, die stolze Ella, muß wohl ernst genommen werden.«

»In der Tat, sehr ernst,« sagte Edgar nachdenklich, »und ich bin gesonnen, sie so zu nehmen.« 112

 


 

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