Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Rudolf von Gottschal: Parasiten - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleParasiten
authorRudolf von Gottschall
year1906
firstpub1906
publisherAlfred Schall
addressBerlin
titleParasiten
pages435
created20141220
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel

Es war ein Gewirr von Höfen und Gängen in einem Häuserlabyrinth der Altstadt – alles düster; an Fenstern fehlte es nicht; doch es kam wenig Licht herein und wenn man hinaussah, hatte man ein beklemmendes Gefühl. Alte graue abbröckelnde Mauern, ein sehr nahes unerquickliches Gegenüber – man konnte sich fast die Hände reichen – und in den oberen Stockwerken hatte man dann einen Abgrund unter sich, der einem tiefen Felsenspalt glich. Sonnenschein und Mondschein vergoldeten und versilberten nur die höchsten Giebel; bisweilen fiel ein schräger Abendsonnenstrahl herein – und wie draußen im Park die Mücken, so spielten hier Dutzende von Kindern in den engen Höfen in diesem Strahl, der aber bald wieder erlosch. Eine einsame Nähterin aber im obersten Dachstübchen freute sich an den Funken, die er auf ihr Fenster streute.

Eusebius Boglar war der Besitzer der ineinander geschachtelten Häusermasse, die er von seinem Vater geerbt. Dieser war Kirchenvorstand gewesen und Eusebius war nicht aus der Art geschlagen. Auch er war Kirchenvorstand und sein Wort galt etwas in der Gemeinde. Im übrigen war er sehr weltlich 82 gesinnt und auf seinen irdischen Vorteil bedacht; auch war er Mitglied aller wohltätigen Vereine, die sich in der Stadt und Umgegend gebildet hatten.

Seinem gemeinnützigen Wirken trat nur ein schwer zu besiegendes Hindernis entgegen. Sein Organ war von einer Heiserkeit befallen worden, die es fast stimmlos machte; alle Medizinflaschen, alle Bäder wollten nichts helfen. Der berühmteste Arzt der Stadt; der Geheime Medizinalrat, der die Klinik leitete, schüttelte den Kopf und wußte keinen Rat. Wäre dies Unglück einem Sterblichen begegnet, der nichts zu sagen hatte, so wäre es nicht allzugroß gewesen; doch Eusebius hatte nicht nur viel zu sagen, er besaß auch eine ganz besondere Redegabe; er hatte früher nicht nur in allen Vorstandssitzungen das große Wort geführt, er war auch mehrmals als Festredner aufgetreten und hatte zur Sache gesprochen, soweit das ein Festredner nötig hat. Und diese schöne Gabe war verschüttet durch das unglückselige Kehlkopfleiden; er konnte sich nur schwer in geschäftlichen Angelegenheiten verständigen. Freilich, rechnen konnte er meisterlich mit der Feder in der Hand und wenn ihm der Verkehr mit der Außenwelt erschwert war, so blieb sein reiches Innenleben davon unberührt, ein Innenleben, das sich allerdings nur auf die vier Spezies, die Brüche und die Regeldetri beschränkte.

Im Vorderhause, das, geräumiger und stattlicher, diesen ganzen Wohnungskäfigen vorgebaut war, saß er an seinem Schreibtisch, über dem sich mit allerlei Büchern und Folianten belastete Fächer türmten, der aber wie die Rokokokommoden an den anderen Wänden des Zimmers ein altertümliches Kunstwerk war. Eusebius legte Wert darauf, sich von seinen zahlreichen 83 frommen Freunden und Genossen zu unterscheiden; er war kein glattgescheitelter Kirchenmann, dessen bartloses Gesicht christliche Milde ausstrahlte; er trug einen gewaltigen Schnurrbart, obgleich er nie des Königs Rock getragen; seine krausen Haare waren, soweit sie einem Kamm gehorchten, in die Höhe gekämmt und seine dichten verworrenen Augenbrauen waren wie Buschverstecke, hinter denen nicht gerade die christlichen Tugenden der Güte, Milde und Barmherzigkeit lauerten, sondern feindselige Gewalten, bereit, auf die Sterblichen loszustürzen, wie eine Meute auf das Wild; denn für diesen wilden Jäger war das ganze Leben eine Jagd, und alles, was da atmete, für das Halali reif.

Doch diese Instinkte, welche die Natur in ihn gelegt, waren trostlos verkommen; mit der gebrochenen Stimme war er ein gebrochener Mann geworden, und regte sich in ihm einmal der angeborene Ingrimm, so erinnerte das nur an die gefangenen Bestien, die an den Gittern des Käfigs rüttelten. Doch bald kam es über ihn, wie ein Gefühl der Ohnmacht; das heisere Gekrächz seiner Stimme mahnte ihn daran, daß seine Mitmenschen nicht vor ihm erschrecken, sondern ihn nur bedauern können.

Und wo sollte er Hilfe finden? Da war seine Schwester Anastasia, ein Mädchen in sehr vorgeschrittenen Semestern; sie besaß eine helle scharfe Stimme, doch für das Geschäftliche hatte sie wenig Sinn; sie lebte in einer Traumwelt, die sie sich mit allen erdenklichen bunten Lappen aufgeputzt; sie strebte außerdem nach »Bildung«, einer ganz enormen »Bildung« und bedauerte nur, daß es in ihrer Jugend keine Mädchengymnasien gegeben; doch sie hatte viel gelesen und 84 sprach mit in allen Vereinen, welche den Fortschritt des Menschengeschlechtes förderten. Dabei war sie verträumt, hatte Anwandlungen von Empfindsamkeit und ihre zärtlichen Gefühle schweiften auch in der Runde umher nach einem Gegenstand, an den sie sich anranken konnten. Ihre Gesichtszüge wurden nur durch eine allzu spitze Nase entstellt und ihre Gestalt durch eine unverkennbare Neigung nach der linken Seite, welche allen Bemühungen der Orthopädie, das körperliche Gleichgewicht herzustellen, Trotz geboten hatte. Ihr rotes Haar, das ihr früher wie eine Feuersbrunst auf dem Kopfe geloht, war spärlich geworden und wie eine weiße Kruste hatte es sich darüber gelagert. Das Alter machte sich bei ihr bemerkbar durch eine zunehmende Vergeßlichkeit; sie konnte sich auf Namen nicht mehr besinnen und verwechselte alle Zahlen! So konnte sie ihrem Bruder Eusebius nichts nützen. Namen und Zahlen waren ja seine Welt und er selbst hatte für sie ein mithridatisches Gedächtnis; er kannte jeden Mieter und Aftermieter in seinem Häuserkonglomerat, ebenso alle Mietspreise und er wußte genau auf Heller und Pfennig, wann ihm dieser oder jener etwas schuldig geblieben war – was er freilich nur in den seltensten Fällen verstattete; denn er war von größter Gewissenhaftigkeit beim Eintreiben der Miete, und er stand unerschütterlich fest auf dem Rechtsboden, was freilich in der Welt den Gläubigern immer leichter wird als den Schuldnern.

Eusebius erfreute sich geringer Beliebtheit bei den Insassen seines großen Besitztums – und so sehr sich dieselben oft in die Haare gerieten, darin stimmten alle Stockwerke, darin stimmten die Kellerwohnungen und Dachstuben überein, daß Eusebius ein sehr 85 hartherziger Mietsherr sei, den die Erde verschlingen möchte, wenn man nur sicher wäre, daß sie ihn nicht als ganz unverdaulich wieder von sich gäbe. Er war der Popanz für die Spiele der Kinder in allen Höfen, im Sommer ein Strohwisch, dem man eine Larve vorhängte, im Winter mit einem kunstvollen Schnurrbart von Eis ein Schneemann, dem man gelegentlich den Kopf heruntersäbelte. Von den Jungen der sämtlichen Höfe, die sich in Korporalschaften gegliedert hatten, verstand es Fritz, der Sohn der Scheuerfrau aus dem fünften Hofe, am besten die Stimme des Eusebius nachzuahmen, besonders beim Kommando, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß er diesem Talent und dieser Leistung die Ehre verdankte, den Oberbefehl über die gesamten Truppen aller Höfe zu führen; er war ja nicht der erste Generalissimus, der weniger durch seine militärischen Talente als durch die Konnexionen, die er sich als Komödiant erworben, eine so hohe Stellung erlangt hatte.

Wenn Fräulein Anastasia nicht ganz die Ungunst ihres Bruders teilte, so lag es wohl daran, daß sie bisweilen Regungen eines zarten Gemüts zeigte, die Kranken besuchte, durch Trost und warme Suppen aufrichtete, auch für diese oder jene kleine Leiche, bei der eine weinende Mutter stand, Tränen des Mitleids zur Verfügung hatte. Weniger Eindruck machte es auf die Gemütsstimmung dieser hier eingemauerten Bevölkerung, daß sie ein paar jungen Burschen, welche von der dumpfen Luft dieser stockigen Höfe wenig angekränkelt waren, ein holdseliges Entgegenkommen zeigte. Sie nahmen es dankend an, wenn Anastasia ihnen für ein paar kleine Gänge stattliche Markstücke bot; sie vermochte dennoch durch ein vielsagendes 86 Lächeln den Potentaten auf dem Revers der Münzen keine siegreiche Konkurrenz zu machen. Die belohnten Burschen flüsterten sich doch zu, daß die gute Dame ein Greuel sei und stießen nicht auf ihr Wohl an, wenn sie die ungenießbaren Majestäten aus der Silbermünze in die erquickenden Schnäpse am Ladentisch umgewandelt.

Heute war ein besonders düsterer Tag; der Himmel hing voller Wolken und mit ihren leisen Tropfen schien eine dichte Finsternis niederzurieseln, welche sich um die aussichtslosen Fenster der engen Höfe lagerte. Eusebius ließ zwei Kerzen auf seinem Schreibtisch aufstellen und Anastasia sich eine Petroleumlampe bringen, bei deren Schein sie einige Strümpfe für die Nachkommenschaft australischer Wilden strickte; denn die Missionsgemeinde, der sie angehörte, hatte gerade für diese Südseejungen ein besonderes Wohlwollen. »Fatal, sehr fatal,« sagte Eusebius, soweit man Vokale aus diesem keuchenden Tongewirr heraushören konnte, »die Wasch- und Scheuerfrau Miecke scheint uns die Miete schuldig zu bleiben.«

»Das wundert mich!« versetzte Anastasia, »die Frau ist grob, sehr grob und klatschsüchtig. Mit den Händen wäscht sie rein, mit dem Munde schwärzt sie an, aber sie ist doch ehrlich und pünktlich!«

»Es gibt gar keine ehrlichen Leute; kommen sie in Not, da hat's mit der Ehrlichkeit ein Ende.«

»Doch Frau Miecke,« versetzte die Schwester, »kann kaum in Not geraten. Seitdem sie das Mädchen bei sich hat, wird sie ja unterstützt; es ist ein Pflegekind ihrer Schwester. Ein ganz hübsches Mädchen und gebildet; sie ist irgendwo erzogen worden; doch die Gelder sind zu Ende gegangen und sie soll 87 jetzt der Scheuerfrau die Wirtschaft führen und in ihrem Heim walten und schalten, denn Frau Miecke ist viel auswärts, scheuert in vornehmen Häusern, in Bank-, Wirtshaus- und Theaterräumen. Auch mit ihrer Nadel soll sich die kleine Suse Geld verdienen.«

»Nun, was ihr Heim betrifft, wie du dich so gebildet ausdrückst, so ist der Mietzins nicht zu hoch, auch nicht für die Stube, die sie dazu gemietet hat, seitdem die junge Prinzessin den finsteren Hof verschönt – und ich werde sie samt diesem Juwel an die Luft setzen lassen, wenn sie nicht bald zahlt. Der Termin ist schon vorüber. Der Termin ist die Hauptsache in der Welt; nur dafür ist der Kalender erfunden worden, ich lebe nur für die Termine, von den Terminen.«

Eusebius drehte sich seinen Schnurrbart und nahm die herausfordernde Haltung eines Mannes an, der entschlossen ist, sein gutes Recht um jeden Preis zu wahren, mochte es ihm auch von der bösen Welt verkümmert werden.

»Da wirst du doch den Herrn Tardini hinschicken müssen; es läßt sich vielleicht noch arrangieren. Die Alte ist sehr ungebildet, aber das Mädchen, die kleine blonde Suse, hat einige Bildung. Es ist eigentlich ein süßes Kind, unter unseren Mietern und Aftermietern die einzige, die man in guter Gesellschaft präsentieren kann, ja, sie hat einen Augenaufschlag, in dem recht viel Seele liegt!«

»Laß mich mit deiner Seele zufrieden,« versetzte Eusebius brummend, »das ist wieder eine deiner unangenehmen Süßlichkeiten. Ich kenne nur die Seelen der Bevölkerungsziffer, und besonders meiner Bevölkerung hier, die mir Zins zahlt.«

88 »Es sollte mir aber leid tun, wenn Frau Miecke und ihr Pflegekind nicht geschont würden.«

»Geschont?« sagte Eusebius, »und das böse Beispiel – da ist die entsetzliche, fortwährend die Hände ringende Martha, welche Szenen hat sie mir schon gemacht! Sie ist auch schon wieder um einen Monat im Rückstande und wollte ich Frau Miecke begünstigen – ich wäre ja meines Lebens nicht sicher. Man möchte verzweifeln! Ein Hauseigentümer ist das geplagteste Wesen auf der Welt! Und wenn ich die ganze Gesellschaft auf die Straße setzen lasse – was für Hausrat behalte ich dann zurück? Die elendeste Vendita hat besseren Kram. Und immer den Kopf voller Sorgen! Man möchte ja ein Arbeitsloser sein; sie leben wie die Lilien auf dem Felde und unser himmlischer Vater ernährt sie doch!«

Anastasia kannte die Gedankengänge ihres Bruders, und wenn auch der Wortlaut oft durch seine Heiserkeit erstickt wurde, sie wußte schon die Brücke von einem Satz zum anderen zu finden.

Das Gespräch wurde indes unterbrochen durch den Eintritt eines schlanken Mannes in gewählter Kleidung, dem man auf den ersten Blick sein Alter nicht ansah; er war gewandt in seinem Wesen, in seinem Auftreten, hatte noch volles blondes Haar und ein lebhaftes Auge, und daß seine sonst abgelebten Züge etwas verwittert waren, erkannte man nicht auf den ersten Blick. Man merkte gleich, daß er hier zu Hause war; er schüttelte dem Eusebius und der Signorina, wie er Anastasia zu ihrem großen Stolz getauft hatte, die Hand und setzte sich ohne weiteres in einen Lehnstuhl, gegenüber dem Hausherrn.

»Fatales Wetter,« sagte er, sich die Hände 89 reibend, »naßkalt; es ist kein schönes Klima, in das man sich törichterweise versetzt hat.«

»Es ist gut, daß Sie kommen, Tardini! Allerlei Rückstände, besonders bei der Frau Miecke!«

»Corpo di bacco – wir werden schon Ordnung schaffen,« versetzte Tardini, indem er eine Prise aus einer mit einem schönen Aquarellbild verzierten Schnupftabaksdose nahm und dann energisch auf den Deckel derselben klopfte.

Anastasia war seit dem Eintritt des Italieners wie umgewandelt; etwas wie Andacht und Verzückung glitt über ihre Züge, sie hing an seinen Lippen; sie folgte jeder seiner Handbewegungen, und als wenn ein nervöses Fluidum von ihm ausginge, schien sie, wie eine Magnetisierte, dieselben nachzuahmen und in Ermangelung einer Tabatière klopfte sie auf den Tisch.

Tardini blickte sie fragend an; er war sich seines Einflusses auf das Medium wohl bewußt. Das erfüllte ihn weniger mit Stolz, als mit Zufriedenheit; er hatte schon viel durch sie erreicht und hoffte noch mehr zu erreichen.

»O nein, wir sind Ihnen zu Dank verpflichtet,« sagte sie, »es war ein glücklicher Zufall, der Sie als Mieter in unser Haus führte. Ein italienischer Sprachlehrer – das erschien mir gleich so interessant, und mein Streben nach Bildung ließ mir keine Ruhe, bis ich mich Ihrer Leitung anvertraut, um die Sprache Dantes und Tassos zu erlernen. Sie sagten mir selbst, daß ich darin rasch Fortschritte gemacht.«

»Ohne Zweifel, Signorina!«

»O mit dieser Sprache kam entzückender Wohllaut in mein ganzes Leben; wir traten uns näher. 90 Sie wurden mit meinem Bruder bekannt. Welche Stütze haben wir an Ihnen gefunden! Sein körperliches Leiden machte es ihm unmöglich, die Geschäfte des Hauswirts mit Energie zu führen. Sie wurden seine rechte Hand; Sie verständigten sich mit ihm vollkommen; jeder seiner Winke wurde von Ihnen beachtet und ausgeführt. Ich sah dies mit stiller Rührung, solche Gnadengeschenke des Himmels, ein solcher Freund: das muß uns zur Dankbarkeit stimmen!«

»O bitte, Signorina, es ist unsere Pflicht, unseren Mitmenschen zu helfen, wo wir irgend können. Ich bin, wie Sie wissen, nur ein halber Italiener aus den Grenzlanden und des Deutschen so mächtig wie meiner Muttersprache; das kam mir hier sehr zu statten im Verkehr mit den Leuten, und selbst einen fremdländischen Accent hat man nicht bei mir bemerkt. Auch überschätzen Sie mein kleines Verdienst! Meinem Beruf brauchte ich ja nicht untreu zu werden; ich habe noch genug Schüler, die bei mir italienisch lernen und nur in den Mußestunden führe ich die Geschäfte des Herrn Boglar und wie Sie wissen, ja nicht um Gotteslohn.«

»Ich bin mit Ihnen sehr zufrieden,« sagte Eusebius, »alle Höfe haben Respekt vor Ihnen; Sie fahren darunter wie das himmlische Strafgericht und die nachlässigen Lotterbuben und Schuldenmacher zittern vor Ihnen. Da gibt es ein Gesindel, welches dem Hauswirt eine Nase drehen und ihn gern zuletzt bezahlen möchte – das ist infam! Wir bringen die Menschen doch erst unter Dach und Fach; sonst würden sie auf der Straße verkommen; wir sind die ersten unter allen ihren Wohltätern; das muß ihnen beigebracht werden, und sei's mit der Peitsche!«

91 »Nein, nein,« seufzte Anastasia mit christlicher Milde. »Herr Tardini trifft den rechten Ton; er ist ein treuer Wächter des Gesetzes; wer ihm nicht gehorcht, trägt die Folgen. Ganz ohne Lärm, sachte werden die Schuldigen beseitigt; sie machen denen Platz, die bezahlen wollen und können!«

Tardini schlürfte nicht ohne Behagen alle diese Lobreden ein; doch ein leiser ironischer Zug um seine Lippen verriet, daß er das Überschwengliche derselben wohl herausschmecke, wenn auch seine Genußfähigkeit darunter nicht leide.

»Lieber Freund,« sagte Eusebius, »hier ist das Verzeichnis der rückständigen Mieter. Sie werden ja sehen, was auf die Straße muß und wo sich noch ein Auge zudrücken läßt. Der Frau Miecke reden Sie nur ins Gewissen; meine Schwester hat ein Faible für sie. Doch wenn sie nicht bald das Loch zuflickt – dann fort mit ihr. Und hier auf diesen Zetteln ein Kleinkram von Beschwerden. Die Parteien wüten gegeneinander. Die Kellnersfrau Hof Numero 1 hat schon das siebente Kind eben erhalten und dieser Kindersegen wird zum Fluch für alle übrigen Hausbewohner.«

»Doch da sehe ich keine Abhilfe,« sagte Tardini, und Anastasia lächelte verschämt.

»Sie soll wenigstens die ältesten Rangen aus dem Hause geben. Der Foxterrier des Studiosus Lempe, der da bei dem Kalkulator auf Aftermiete wohnt, hat Fräulein Eulalia, eine unbescholtene einsame Dame, in die Waden gebissen. Die Polizei beschäftigt sich mit der Angelegenheit; doch ich als Hauswirt kann keine Hunde mehr in meinen Wohnungen dulden. Ein für allemal hinaus mit den Bestien! Die 92 Gärtnersfrau Nothlein und die Waschfrau Sperber können nicht länger nebeneinander wohnen; sie machen stets einen Heidenlärm, wenn sie sich begegnen und sie begegnen sich immerfort. Man muß das Schlimmste befürchten! Bieten Sie der Nothlein die leerstehende kleine Wohnung im zweiten Hofe an und neben der Sperber wollen wir den Schutzmann einquartieren, der bei mir eine Wohnung sucht. Wie mich das alles aufregt; mir ist oft, als ob die ganze Menschheit bei mir einquartiert wäre und ich müßte für Ruhe und Frieden sorgen – und das Volk karamboliert wie die Billardkugeln!«

»Und alle Bildung hilft nichts,« seufzte Anastasia; »sie haben kein Verständnis dafür.«

Glücklicherweise hatte Eusebius alles schriftlich notiert, so daß Tardini unverstandene Namen ergänzen konnte. Im übrigen kannte er den ganzen Höhlenbau mit allen seinen Insassen; er schwebte darüber wie ein Geier über einer Lämmerherde und hatte schon manches Lamm in seinen Krallen gepackt und hinweggeschleppt.

Beliebt war er nicht bei den Bewohnern des »Prinzenhofs«, – ein Name, den dies in- und durcheinandergebaute Häuserlabyrinth führte; die städtischen Archivare und Bibliothekare konnten nicht genau Auskunft geben, woher dieser Name stammte; irgendein fürstlicher Herr hatte einmal im Weichbilde der Stadt residiert und seine Gefolgschaft, die bewaffnete und unbewaffnete, hier untergebracht, immer neue hochstöckige Häuser angebaut, für welche die schmalen Höfe nur geringe Atem- und Lebensluft gewährten.

Tardini machte sich auf den Weg: bald bildeten halbwüchsige Jungen ein Spalier. »Der Totenvogel,« 93 riefen die einen, »der Totenkäfer« die anderen; doch er schritt mitten durch sie und den dichten Regennebel hindurch, ohne sich um die Tropfen zu kümmern, die auf seinen Zylinder fielen und um die bösen Flüsterworte der wegelagernden Jungen. Im Grunde hatten sie doch alle Respekt vor ihm; denn sie hatten Kameraden, die er mit ihren Eltern ins Exmittiertenhaus geschickt – und da war es sehr garstig, da war Heulen und Zähneklappern.

Als er in den ersten Mittelbau gelangt war, fand er Flur und Treppe so pechfinster, daß er kaum das Geländer der Treppe erfassen konnte. Die Straßenlaternen brannten schon und Herr Eusebius hatte eigentlich die Pflicht, alle seine Baulichkeiten von innen zu erleuchten; doch dem Hausmann war große Sparsamkeit anbefohlen, und es verging auch geraume Zeit, ehe er in diesem lichtscheuen Häuserkonglomerat die lichtbedürftigen Treppen so erhellt hatte, daß ein Auf- und Niedersteigen nicht eine halsbrechende Gefahr war. Tardini konnte einen leisen Fluch auf den Geiz des Hausherrn nicht unterdrücken. Hatte doch sein Zylinder, ohne den er nie und nirgends erschien, bereits bei seinen Bemühungen, die Treppe zu finden, einige Beulen davongetragen. Zur rechten Zeit besann er sich darauf, daß er einen kleinen Beleuchtungsapparat in der Tasche trug und als er ihn in einen lichtbringenden Zustand versetzt hatte, machte er die Entdeckung, daß die Treppe einer Himmelsleiter glich, deren Sprossen mit lauter Engelsköpfen besetzt waren. Die ganze Familie des Kellners hatte auf die Treppe Beschlag gelegt. Kleine blonde Wirrköpfchen lösten sich ab mit ausgewachsenen Jungen und als das wandernde Licht des Italieners erschien, da wurde das 94 ganze Brutnest lebendig und es ertönte ein summendes Stimmengewirre, das auf den obersten Stufen von einigen kräftigeren Knabenstimmen überschrien wurde. Tardini stieg vorsichtig empor und der älteste Knabe, ein schmächtiges Bürschlein mit einem etwas hinterhältigen Ausdruck in seinen Zügen, führte ihn zu seiner Mutter hinein und schnitt dann hinter seinem Rücken Gesichter, mehr wie alle rechten Künstler, um sich selbst zu genügen, als um des Beifalls der Menge willen; denn die Treppe war bereits wieder so dunkel, daß die kleine Welt seine Leistungen nicht sehen und bewundern konnte.

Die arme Kellnersfrau lag zu Bette in einem spärlich von einer Nachtlampe erleuchteten Gelaß; die Wiege stand neben ihrem Bette. Der Beredsamkeit Tardinis gelang es, sie zu überzeugen, daß sie die beiden ältesten Knaben aus dem Hause geben müsse. Es waren die kriegerischen Lärmmacher, welche stets die Treppe herauf- und hinunterpolterten, während das übrige Kindergeschrei nur von dem friedlichen Glück der Familie Zeugnis ablegte. Und solche schreiende kleine Weltbürger gab es ja in allen Stockwerken. Tardini war kein Unmensch; er spielte im Vorderhause den brutalen Machthaber, um seine einflußreiche und vorteilhafte Stellung zu behaupten; doch im stillen milderte er, so gut es ging, die Härten des Hausbesitzers, lud aber trotzdem als dessen Vertreter den ganzen Haß der Mietinsassen auf sich. Mit der Kellnerfrau beriet er sich darüber, wie ihre Ältesten am besten unterzubringen waren, machte allerlei Vorschläge und bot auch seine Hilfe an. Der Vater hatte natürlich mitzusprechen; er komme jetzt immer sehr spät, oft gar nicht zu Hause; es gebe so viele 95 Stiftungsfeste in dem Vereinslokale, wo er wirkte: alljährliche, fünfjährige, zehnjährige; viele Vereine wurden ja bloß gestiftet, um Stiftungsfeste feiern zu können.

Es war spät geworden; Tardini wollte nun auch den wichtigsten Gang zu Frau Miecke unternehmen. Inzwischen war im Hause alles erleuchtet worden ohne übertriebene Gasverschwendung und Tardini konnte die Galerie der Kinderköpfe zu beiden Seiten der Treppe diesmal bei hellerem Lichte bewundern.

Bei Frau Miecke im dritten Stock des Zwischenbaus war ein Fenster erhellt. Tardini stieg also zu ihr empor. Auf den schrillen Klang der Klingel hörte man nach langer Pause einige vorsichtige Tritte und durch das Gucklöchelchen in der Türe blickten zwei veilchenblaue Augen.

»Ah, Sie sind es –« tönte eine sanfte Mädchenstimme, und die Türe öffnete sich. »Frau Miecke ist nicht zu Hause; doch bitte, treten Sie ein.«

Ein niedliches Gesichtchen und Figürchen – aschblonde Haare mit lang herunterfallenden Zöpfen, in den Augen und um den Mund ein sanfter lieblicher Ausdruck; so trat das Pflegekind der Frau Miecke vor Tardini hin und führte ihn in ein kleines sauberes Zimmer.

»Sie müssen schon bei mir hier verweilen – daneben ist alles in Unordnung, und Frau Miecke hat deshalb den Schlüssel abgezogen und mit fortgenommen.«

Tardini setzte sich auf das kleine, bescheidene Sofa, das bedenklich in seinen Fugen krachte; denn es war 96 nur gewöhnt, der kleinen leichten Sylphe zum Sitz zu dienen.

»Ich komme in einer unangenehmen Angelegenheit. Frau Miecke ist die Miete schuldig geblieben, Herr Boglar verlangt sofortige Bezahlung.«

Da sprang das Mädchen auf; bittend, mit erhobenen Händen trat sie vor den Hausverwalter hin:

»Nur ein paar Tage Frist, lieber Herr! Sie bezahlt das Geld gewiß; es ist ja das Geld, das für mich bezahlt wird und das sonst immer pünktlich eingetroffen ist. Irgend ein Versehen – Frau Miecke ist selbst ganz untröstlich darüber; doch Herr Boglar wird keinen Pfennig verlieren und müßt' ich das Geld mit meinen eigenen Händen erarbeiten.«

»Nein, liebes Kind, darauf können wir nicht warten,« versetzte Tardini lächelnd, »bei Verträgen geht's nach dem Termin.«

»Das ist ja schrecklich,« sagte Suse. »Das ist ja wie beim Sterben; da gibt's auch kein Einhalten! Nein, nein! Das ist alles so grausam in der Welt: Ich würde es nicht ertragen, aus diesem Zimmerchen verjagt zu werden; es ist zwar sehr klein und schlicht, doch ich bin hier allein mit mir. Frau Miecke ist meistens nicht zu Hause! Und so recht ungestört sein und träumen zu können – das ist zu schön! Da sitz' ich wie im Märchen, ringsum goldener Duft und Geisterchen flüstern mir ins Ohr, daß ich glücklich sein werde.«

»Und das ist Ihre ganze Arbeit, zu sinnen und zu träumen?«

»O nein, ich führe tapfer die Nadel; deshalb bin ich hier in der düsteren Stadt. Ich soll mir von jetzt 97 ab meinen Lebensunterhalt selbst verdienen, und das ist auch ganz in der Ordnung.«

»Und wo waren Sie bisher?«

»Auf dem Lande bei meiner Pflegemutter; da half ich etwas in der Wirtschaft; doch es war nicht viel. Ich mußte ja auch lernen, anfangs in der Schule, dann beim Herrn Pfarrer, der mich ins Herz geschlossen hatte und mir und seinen Töchtern Unterricht gab. Das war ein lieber Herr und aus seiner kleinen Studierstube sah ich auf einmal in die weite Welt. Und gelernt habe ich rasch und viel! Doch schon längst habe ich das Gefühl, daß ich anderen Leuten zur Last falle und die Absicht, mir selbst mein Brot zu verdienen; da kam mir's nicht überraschend, als meine Pflegemutter mir sagte, ich müsse in die Stadt gehen und durch eigene Arbeit mich durchs Leben schlagen. Nur noch bis ich mich eingerichtet, wollte man mir zu Hilfe kommen und hier an Frau Miecke, die Schwester meiner Pflegemutter, zahlen. Die Sendung erwartet sie jede Stunde. Bitte, lieber, bester Herr, gedulden Sie sich noch ein wenig; Sie erhalten ganz bestimmt die Miete in allernächster Zeit.«

Das niedliche Suschen bat nicht vergebens. Tardini fand Gefallen an dem hübschen Kind; das aschblonde Mädchen hatte es ihm angetan. Es war hier alles so anheimelnd; dies trauliche abgelegene Gemach und diese kleine Märchenprinzessin, die an Aschenbrödel, Sneewittchen und andere junge Feenkinder erinnern machte.

Er klopfte nachdenklich auf seine Tabatiere; allerlei anmutige Möglichkeiten gingen ihm durch den Kopf; es schien eine verlockende Aussicht, sich in ein solches kleines Liebesgespinst zu verpuppen.

98 Schon hatte er seinen Zylinder ergriffen; da kam ihm noch ein Gedanke.

»Worin hat der Herr Pfarrer Sie unterrichtet?«

»Anfangs in allem, was drüben in der Volksschule gelehrt wurde, dann ging's auch etwas weiter; Geographie, Weltgeschichte, auch Dichtungen lasen wir zusammen!«

»Und fremde Sprachen?« fragte Tardini.

»O nein,« versetzte Suse lächelnd, »die kannte der Herr Pfarrer nicht; sein Latein sagte er, habe er wieder vergessen, Griechisch sei stets seine schwache Seite gewesen und von den hundert neuen Sprachen würde ihm die Sprache der Neger, die sich mit Trommeln unterhalten, die verständlichste sein! Und dabei lachte der alte Herr so vergnüglich und wir alle freuten uns von Herzen darüber.«

Ein fröhliches Lachen Suschens bewies die Lebhaftigkeit dieser Erinnerung.

»Auf dem Lande war das ausreichend, doch wenn man in der Stadt fortkommen will, braucht man die neuen Sprachen. Liebes Kind! Ich interessiere mich für Sie; ich will hier in der Stadt Ihr Herr Pfarrer sein.«

»Danach sehen Sie aber gar nicht aus,« sagte Suse schalkhaft lächelnd.

»Die Kanzel will ich ja nicht besteigen,« versetzte Tardini, »doch ich will Ihnen Unterricht geben in den neuen Sprachen, im Französischen und Italienischen. Sagen wir, zweimal eine Stunde die Woche – so lange mag die Nähnadel ruhen.«

Suse sah anfangs sehr erstaunt, dann aber fast verklärt aus; sie klatschte fröhlich in die Hände. »Das wäre ja herrlich!« Doch dann kam ihr ein Bedenken.

99 »Aber – das ist gewiß teuer, sehr teuer. So viel kann ich mir nicht verdienen, das reicht knapp zum Leben aus. Frau Miecke empfiehlt mich zwar bei allen ihren Kunden – und sie scheuert in der ganzen Stadt herum, auch bei reichen Leuten! doch das dauert oft lange, ehe man herankommt. Und manchen gefällt auch mein Gesicht nicht –«

»Das glaube ich kaum!«

»Und doch – da war die eine Frau Stadtrat, die sagte mir geradezu, ich hätte das dumme Mädchengesicht, an welchem ihr Mann einen besonderen Gefallen finde. Er liebe derartige Kindsköpfe – und deshalb solle ich die Schwelle ihres Hauses nicht betreten. Und die fromme Kanzleirätin sprach sogar von einem scheinheiligen Gesicht; Nähmamsells, die so unschuldig aussehen, hätten den Teufel im Leibe. So schwer ist's bei den Herrschaften anzukommen. Und einen Lehrer kann ich nicht bezahlen, nein, nein – einen so vornehmen Lehrer wie Sie!«

»Liebes Kind, haben Sie Ihren Pfarrer bezahlt? Ich sagte Ihnen ja schon, ich will an seine Stelle treten.«

Suse sah ihn fragend an: »Sie wollten –?«

»Ich will Ihr Lehrer sein, weil es mir Vergnügen macht, weil ich Sie fördern will; ich verlange dafür nichts, als daß Sie mir dankbar sind. Ein wenig Dank vertrage ich sehr gut; man hat mich darin nicht verwöhnt.«

Suse schüttelte ihm herzlich die Hand.

»Dann will ich Sie so verwöhnen, daß Sie den Dank der anderen Leute entbehren können.«

»Über die Zeit der Lektionen sprechen wir noch; auch soll die Miete der Frau Miecke noch auf ein 100 paar Tage gestundet werden. Das will ich vorn durchsetzen – alles Ihnen zu Liebe. Sie sollen französisch sprechen lernen, vielleicht auch französisch denken; ich will eine kleine Pariserin aus Ihnen machen.«

»Ach nein, lassen wir's doch bei dem deutschen Landmädel bewenden, mein Herr – wie ist doch Ihr Name?«

»Tardini.«

»Puh! Bei dem Namen würde ich mir irgendeinen Zauberer denken, wie sie sich in den Jahrmarktsbuden finden, doch Sie sehen ganz anders aus.«

»Und doch bin ich ein Professor der höheren Magie und habe in meinem Leben allerlei Wunder getan, Tauben aus meinem Hut flattern lassen und Knäuel verschluckt und wieder aus meinem Hals herausgegeben, Knäuel, die meine bösen Feinde mir zusammengewickelt. Auch Geister kann ich beschwören, Seelen in meinen Bann ziehen, daß sie meinem Willen gehorchen und ihre Flügelchen regen und richten nach meines Geistes Flügelschlag! Doch fürchten Sie nichts, liebe Kleine! Wir sprechen nur von Vokabeln und Regeln – dazu brauchen wir keine Magie. Auf Wiedersehen!«

Gern hätte der Italiener zum Abschied einen Kuß auf die vollen Lippen des Mädchens gedrückt; doch er küßte sie gleichsam nur mit den Augen, das ganze kleine Wesen von Kopf zu Fuß und dachte bei sich: Kommt Zeit, kommt Rat! 101

 


 

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.