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Rudolf von Gottschal: Parasiten - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleParasiten
authorRudolf von Gottschall
year1906
firstpub1906
publisherAlfred Schall
addressBerlin
titleParasiten
pages435
created20141220
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel

Tardini war zurückgekommen, er eilte auf das Redaktionsbureau. Meisler war noch abwesend, aber die Petroleuse empfing ihn mit langherunterwallendem Haar, in welchem ihr Kamm wühlte, Schultern und Brust entblößt. Die Kleider hingen neben ihr und ein eingepackter Koffer stand an ihrer Seite.

»Spät kommst du zurück von deinem Abenteuer, alter Junge! Du störst mich bei meiner Toilette, doch ich habe Eile und nicht Zeit, Rücksichten zu nehmen.«

»Eile – und warum?«

»Ich reise ab; Saint-Alban ist abberufen worden; ich begleite ihn.«

»Und dein Bruder?«

»Die Schlafmütze wird das Nähere schriftlich erfahren. Ich wäre vielleicht geblieben – das hätte bei dir gestanden; denn du warst ein Kerl, den ich leiden mochte, trotz deiner Jahre ein strammer Bursche; doch du bist mir aus dem Garn gegangen – wo in aller Welt hast du diese Nacht gesteckt? Heute schon in aller Frühe suchte man dich!«

»Wer hat mich gesucht?«

»Ich glaube, die Polizei.«

»Das ist ein Irrtum!«

»Es wird sich ja aufklären!«

Lambertine hatte ihre Toilette vollendet; unter dem geordneten dunklen Haar blitzten ihre dunklen Augen; in dem Reiseanzug sah sie fast wie eine Dame aus, wie eine reisende Schriftstellerin mit lauter Romankapiteln in den Augen, dem Gesicht.

422 »Da du gerade hier bist, alter Junge, kannst du mir auch den Koffer zuschließen und zuschnallen. Das ist Pflicht der Galanterie, und du bist ja ein solcher galanter Ritter und läufst den Damen nach und nicht den Mädchen aus dem Volke; wir sind dir zu plebejisch, mein Alter! Nun, so leiste mir Ritterdienste, als wenn ich eine Lady mit drei Roßschweifen wäre.«

Während Tardini sich über den schweren Koffer beugte, ihn zuschloß und ihn dann herumdrehte, um die Riemen zu befestigen, sah ihm Lambertine mit einem böswilligen Lächeln zu.

»Und wohin geht die Reise?« fragte Tardini in einer Ruhepause, in welcher er Atem schöpfte.

»Das ist unser Geheimnis, das können wir nicht allen Mitläufern unserer Partei offenbaren. Fester, fester, alter Junge – sonst geht der Koffer aus dem Leim! Er hat schon viele Fährlichkeiten durchgemacht, und ist auch zweimal von der Polizei beschlagnahmt worden. Das ruiniert das Leder; denn die Polizei packt alles ernstlich an, und wenn sie den ledernen Kerlen zu Leibe geht, so mag sie gehörig zugreifen.«

»Was meinst du damit?«

»Fester, fester, mein Junge! Mit den ledernen Kerlen meine ich dich und meinen Bruder. Es ist ein Skandal, wie Ihr das Blatt redigiert, wir können's nicht mehr aushalten, Saint-Alban und ich – und auch deshalb suchen wir das Weite. Das kann jeder Philister vor dem Schlafengehen lesen, und sich einbilden, er sei ein Anarchist, wenn er sich die Decke über die Ohren zieht, und sich vornimmt, von einem schönen Attentat zu träumen, das er aber wachend 423 verdammen muß. Und mit solcher Ängstlichkeit vermeidet ihr jeden Konflikt mit dem Staatsanwalt, daß um Himmels willen keine Nummer konfisziert werde! Eine Zeitung unserer Partei kann nur dann florieren, wenn sie fortwährend mitsamt ihren Redakteuren am Kragen gepackt wird; sonst siecht sie an ihrer eigenen Langweiligkeit dahin. Wie Simson den Füchsen Feuer unter die Schwänze band, damit sie die Felder der Philister verheerten, so muß es mit einer Zeitung geschehen, die wir in das feindliche Lager hineinjagen. Und da ihr's nicht tut, haben wir's getan, alter Junge, und du wirst mit uns zufrieden sein.«

»Was soll das heißen?« fragte Tardini.

»So – nun drehe den Koffer um! Er ist jetzt zugeschnürt und kann nun seine Wanderung mit uns antreten! Was das heißen soll? Wir haben zum Abschied ein kleines Feuerwerk angezündet, das dir Haar und Bart versengen soll, alter Meergreis, und wenn es dir etwas weh tun sollte, so denk' an den Petroleuse, deren Freundschaft du verschmäht hast.«

»Ich begreife nicht . . .«

Da rührte sich heftig die Klingel. Ein Kutscher trat ein:

»Der Herr unten, der im Wagen sitzt, läßt bitten, das Fräulein möchte rasch herunterkommen, sonst würden sie sich verspäten.«

»Ich komme – nehmen Sie den Koffer auf Ihren breiten Rücken und nun die Anker gelichtet und in See gestochen. Ich versuch's jetzt mit der Jugend; ein wenig unreif, doch es ist Lagerobst, und wird reifen, wenn mir's nicht gestohlen wird 424 von der gottverfluchten Justiz. Vielleicht kehre ich wieder zu dir zurück, wenn du dich inzwischen mit Staatshilfe gebessert hast. Leb' wohl und gib mir nicht die Hand – du könntest es nachher bereuen; denn alles explodiert, was mir nahe kommt und ich sehe dich auch schon mit meinen Sprenggeschossen in den Lüften herumtanzen.«

Sie ballte ihm die Faust zum Abschiedsgruß. Der Kutscher schleppte indes fluchend den schweren Koffer über die Höfe nach der Straße, wo die Droschke hielt. Lambertine stieg ein, und Saint-Alban, der unschuldsvolle Blondin mit dem Dolch im Gewande, schloß sie in seine Arme.

Die sibyllinischen Aussprüche der lebensgefährlichen Hexe hatten Tardini indes aufs äußerste beunruhigt. Er begab sich in das Zimmer Meislers, welches als Redaktionsbureau diente; er wunderte sich, keine Nummer des Blattes vorzufinden; es schien alles von fremden Händen fortgeräumt worden zu sein; die Tische waren wie gefegt; die Papierkörbe geleert; nur hinten in einem Schube hatte sich ein vergessener, ein übersehener Druckabzug eingeklemmt; er zog das Blatt hervor und erschrak aufs heftigste. Der Artikel war ihm gänzlich unbekannt; doch was er enthielt, war ja Hochverrat, der nicht einmal zwischen den Zeilen stand; man konnte ihn mit Händen greifen.

Tardini erblaßte. Nicht lange wurde ihm Zeit gelassen, seinen Gedanken nachzuhängen; es klingelte, und als er öffnete, erschienen einige fremde, aber wenig Vertrauen einflößende Gesichter in der Entreetür. Die zugeknöpften Herren legitimierten sich bald als Kriminalbeamte, welche Tardini in ihre Mitte 425 nahmen; er beteuerte, daß er eben erst von einem Ausflug zurückgekommen sei, und nicht begreife, was hier vorgehe; man zeigte indes den schuldigen Respekt vor ihm als verantwortlichen Redakteur, der eben alles, was sein Blatt betrifft, wissen müsse, erklärte ihm, daß die heutige Nummer die Grundsätze der Anarchie mit unerhörter Frechheit vertreten habe, daß sie konfisziert worden sei, und der Staatsanwalt den Befehl gegeben habe, ihn zu verhaften. Die Untersuchung würde ja alles an den Tag bringen, er dürfe indes auf viele Gefängnisjahre, vielleicht auf eine Zuchthausstrafe rechnen. Tardini war außer sich, jetzt, gerade jetzt dieser neue Fehlschlag, eine empörende Intrige der Petroleuse, die sich mit ihrem mörderischen Galan in irgend einem Schlupfwinkel verbergen werde.

In Schöndorf hatte die ganze Zeit über die größte Verwirrung geherrscht; gerichtliche Untersuchungen, Leichenbegängnisse ließen die Insassen des Gutes nicht zur Ruhe kommen. Edgar hatte sich energisch der Zügel bemächtigt und die herrenlose Wirtschaft im Gleis gehalten. Leider war der Zustand seines Vaters ein hoffnungsloser geworden; ein neuer Schlaganfall hatte ihn gelähmt; die Schreckenskunde vom Tode der Frau Wandow und des Wirtschaftsinspektors hatte ihn tief erschüttert; doch in eine um so tiefere Nacht der Verwirrung und sinnloser Gedankengänge war er dann wieder versunken. Oft phantasierte er von seiner Frau; aber er sprach auch, wenn er einmal seiner Sinne mächtig war, von einer Versöhnung, von einem Wiedersehen. Da schrieb Edgar an seine Mutter und an seine Braut, und forderte sie auf, zurückzukehren und in Schöndorf 426 Wohnung zu nehmen, wenn Ella es nicht vorzöge, bei ihrem Onkel Sauber eine Freistatt zu suchen. Warum sie nicht zur Mutter zurückkehren wollte, das hatte das kluge, edle Mädchen ihm verschwiegen; er wußte nur, daß die Geheimrätin ihrem Herzensbunde feindlich gegenüberstand und Ella mit Baron Perling vermählen wollte. Das schien ihm ein genügender Grund, daß die Tochter sich dem Drängen der Mutter entzog und ihren eigenen Weg ging.

Mit Freuden hatte er aus Ellas Briefen gesehen, wie innig sich diese an seine Mutter angeschlossen; sie hatte dieselbe während ihrer Krankheit treu gepflegt, und als sie allmählich der Genesung entgegenging, war sie ihre beständige Begleiterin in dem Paradies von Bordighera. Fräulein Lietner hatte wieder ihre Stunden aufgenommen, nachdem ihr in der Zwischenzeit das Schicksal einige eindringliche Lektionen erteilt; ja, sie war ganz blaß geworden, als sie aus dem deutschen Nebellande zurückkehrte, wo auch ihr ein schöner Traum ganz im Nebel zerronnen war, und nichts zurückgelassen hatte, als eine wehleidige und beschämende Erinnerung. Desto mehr erholte sich Mrs. Bower in der weichen milden Luft des von der Alpenmauer geschützten Strandes; denn über diese Mauer konnte der Winter nicht herüberkommen, um die Stadt der Palmen mit seinen Schneelasten zu verschütten. Wie mit weichen Händen streichelte die Genesende dieser durch die Palmen- und Olivenhaine dahinwandelnde winterliche Frühling, und das Gefühl alter Schuld verlor sich immer mehr in den unzugänglichen Verstecken ihrer Seele. Und doch beichtete sie diese Schuld einmal; es war unter den Palmen Scheffels, im Angesicht des leuchtenden Abendmeeres; mit tiefer 427 Wehmut erfüllte sie das müde Licht, das um die Vorgebirge träumte und in die Wogen des Meeres hinabsank. Erinnerungen an alte Zeiten tauchten auf und sie gedachte des armen kranken Mannes, den sie einst so treulos verlassen. Doch Ella schloß sie in die Arme, drückte einen Kuß auf ihre Lippen und sprach aus überquellendem Herzen Worte des Trostes. Doch über sie selbst kam bald ein reuig Gefühl; so mild, versöhnend war sie gegen die Mutter Edgars, die ihr doch immer noch eine fremde Frau war, und so hart, unerbittlich, unversöhnlich war sie der eigenen Mutter gegenübergetreten. Was diese auch gesündigt haben mochte – es war doch ihre Mutter und ihr war's, als zeichnete sich das Bild der schönen Frau in den farbigen Umrissen des Abendgewölkes ab, als neigte sie sich zu ihr hernieder und reichte ihr die Hand zur Versöhnung. Und ihr war zumute, als spüre sie den göttlichen Hauch, der hinter dem Rücken der blinden menschlichen Gerechtigkeit die Blätter unseres Lebens aufblättert, worin ein anderes Wort geschrieben steht, als in den Paragraphen der Themis, und in den Plakaten der Sittlichkeit, womit die Salons austapeziert sind.

Da steht es geschrieben: unser Temperament ist unser Schicksal; Temperament ist die Tugend, welche die Leidenschaft nicht kennt: Temperament ist die Leidenschaft, welcher die Tugend ein unverständliches Ding ist. Beides mit gleichem Maß zu messen, das ist das Unrecht aller irdischen Gerechtigkeit. Die Welt verdammt, das Herz spricht frei – und so neigte sich das Herz der Tochter wieder der eigenen sündigen Mutter zu.

Edgar wartete in Schöndorf mit ängstlicher 428 Spannung auf die Ankunft der beiden, welche ihm jetzt in der Welt die teuersten waren; er wollte über das düstere verworrene Leben des Vaters noch einen Schimmer der Freude, der Versöhnung ausgießen. Und immer aus den irren Reden Guttmanns blitzte etwas auf, wie die Sehnsucht nach dem Weibe seiner Jugend, welches er herüberholen wollte über einen Abgrund, der sie trennt. Doch die Schwäche des Vaters war oft so groß, daß der Hausarzt den Kopf schüttelte und dem Sohn erklärte, er müsse auf das Schlimmste gefaßt sein.

Max Biesner kam oft hinaus nach Schöndorf; er leistete dem Freunde gern Gesellschaft. Aus seinen Mitteilungen ging hervor, daß er den Kirchhof bisweilen besuchte und nicht aus Pietät gegen die Verstorbenen; er wußte allerlei, was nicht in den Zeitungen stand – das mußten die Zweige der Trauerweiden und Trauereschen ihm zugeflüstert haben. Merkwürdigerweise ließ er seine Gedanken über die Nichtigkeit des menschlichen Lebens bei den Gräbern zurück, als hätte er dort auch seinem Pessimismus ein Grab gegraben; er nahm Anteil an allen irdischen Eitelkeiten und sah sich sogar in den Prunkläden nach schönen Ausstellungen und Ausstattungen um. Eine überraschende Kunde brachte er mit: dem Baron Perling war von der Geheimrätin Schweiger das Haus verboten worden. Es klang das unglaublich, aber nun mußte er doch seine Quelle nennen; es war eine gewisse Berta, die in die Geheimnisse des Hauses Schweiger gut eingeweiht war. Was war da vorgegangen? Das wußte freilich auch Berta nicht!

Eines Tages erhielt Edgar ein Telegramm, und 429 gleich darauf rasselte der Wagen über das Hofpflaster nach dem Bahnhof. Edgar holte die Geliebte nicht ab, denn der Zustand seines Vaters war so bedenklich, daß der Arzt nicht das Haus verließ; es war ein mattes, schwächliches Verdämmern der Lebensgeister; nur bisweilen kam ein leises Wort, ein Name über seine Lippen; es war wie ein Licht, das aus den verdumpften Tiefen eines gestörten Geistes aufzutauchen schien.

Endlich hielt der Wagen im Hofe; Edgar umarmte seine Mutter, seine Braut; es war ein wehmütig umflortes Wiedersehen; denn zugleich mit dem verspäteten Gruß einer alten unvergessenen Liebe klopfte hier der Tod an die Pforte. Mrs. Bower trat in das Zimmer, in welchem der Kranke lag. Sein Blick fiel auf die Eintretende; da kam es über ihn wie eine plötzliche Erscheinung; das Bild der jugendlichen Gattin, welches die Zeit aber nicht bis zur Unkenntlichkeit verdunkelt hatte, ging hell in seiner Seele auf; ein Abgrund lag zwischen jetzt und damals, doch seine Seele war ja gerüstet zum Sprung über einen anderen Abgrund, dem gegenüber jede Spanne irdischer Zeit verschwindet.

Er erkannte sie wieder; er rief sie beim Namen; er streckte sitzend die Arme nach ihr aus und sank dann in die Kissen zurück; eine weinende Büßerin drückte ihm die Augen zu.


Zum Leichenbegängnis kamen die Gutsnachbarn alle, die sich um den Kranken nicht mehr gekümmert hatten. Der Tod ist ein ernster Mahner und erinnert die ungastliche Freundschaft wieder an ihre Pflicht. 430 Ella, die sich inzwischen auf das Schloß des Onkels begeben, wohnte mit diesem und ihrer Schwester Berta der Beerdigung bei. Diese wußte ja, daß ihre Kirchhofsliebe hier nicht leer ausging, sondern daß sie hier wieder dem Pessimisten Doktor Biesner begegnen würde, der ja für seine mit schwarzer Trauer ausgeschlagene Seele hier wieder die geeignete Stimmung finden mußte; doch das schalkhafte Mädchen wußte wohl, daß sie diese bereits lockerhängende Trauer längst beim Zipfel ergriffen hatte, um sie ganz hinwegzuziehen. Trotz seiner herzlichen Freundschaft für Edgar, war der Anteil an seinem schmerzlichen Verlust nicht lebhaft genug, um zu verhüten, daß er auf Berta während der ganzen Feierlichkeit mit Augen blickte, die durchaus nicht den Schmerz über die Vergänglichkeit alles Irdischen ausdrückten.

Nach dem Leichenschmaus nahm der Kommerzienrat Sauber den jungen Doktor Guttmann beiseite.

»Es paßt jetzt zwar nicht recht, bei solchen Trauerfesten über Herzensangelegenheiten und etwaige im Schoß der Zukunft schlummernde Hochzeiten zu sprechen; doch da im Leben wie im Schachspiel alles auf das richtige Tempo ankommt, so dürfen wir nichts vergessen, was zum Gewinnen der Partie führen könnte. Ich spreche natürlich von meiner Nichte Ella, die sich selbst als Ihre Braut betrachtet, und die ich auch als solche ansehe, soweit ein Onkel das Recht hat, darüber mitzusprechen. Meine Schwester ist nach Italien gereist; sie hat sich dort soeben eine Villa am Comer See gekauft; sie wird in den nächsten Tagen zurückkommen. Dann rate ich Ihnen, Ella in die Arme ihrer Mutter zurückzuführen und bei dieser um ihre Hand anzuhalten.«

431 »Und Sie glauben, Herr Kommerzienrat –«

»Ich glaube, daß Sie jetzt ihrer Zustimmung gewiß sein dürfen. Baron Perling ist bei ihr in vollkommene Ungnade gefallen und sie denkt nicht mehr daran, ihn für ihre Familie zu erobern. Wie das alles zugegangen, weiß ich nicht; Ella scheint es zu wissen, doch sie spricht nicht darüber. Die Hauptsache ist, Baron Perling ist aus dem Felde geschlagen und beiseite gestellt, wie eine auf dem Schachbrett geschlagene Figur, und jetzt können wir dem Gegner ein Schach und Matt bieten.«

»Aber die Trauerzeit, Herr Kommerzienrat?«

»Das darf Sie nicht stören; es handelt sich ja um kein Verlobungsfest mit Sekt und Festreden, sondern nur darum, die Einwilligung der Mutter für einen künftigen Ehebund zu erlangen. Die ersten Eröffnungen überlassen Sie mir, und seien Sie überzeugt, daß wir die Partie gewinnen werden.«

Edgar drückte dem wackeren Manne, in welchem er einen Freund gefunden, warm die Hand. Und als die Geheimrätin zurückgekehrt, begab er sich zu ihr aufs Schloß, um mit Ella zusammen zu ihrer Mutter zu fahren.

»Endlich, Geliebte,« sagte Edgar, »ist unsere Bahn frei; das Gesindel von Parasiten ist fortgefegt in meinem Hause wie in dem deinigen. Ich führe dich ein in mein unbestrittenes Erbe und deine Mutter wird uns den Segen nicht versagen.«

Sidonie hatte nach ihren schmerzlichen Erfahrungen den Vorsatz gefaßt, sich von der Welt zurückzuziehen, so schwer es ihr wurde, auf den Ruhm ihres Salons, ihres bureau d'esprit zu verzichten. War doch die Leuchte desselben schmählich erloschen; 432 denn nicht bloß sie hatte sich von dem Baron Perling aufs entschiedenste losgesagt; auch für die ganze Stadt war dies Meteor verpufft und verkracht. Der geistreiche Diplomat war auf einmal verschwunden und kundige Thebaner wollten behaupten, daß er sich in Hamburg nach Amerika eingeschifft habe. Seine Güter kamen unter den Hammer, und als Konkursverwalter an die Spitze des Gläubigerausschusses trat Eusebius Boglar, dessen Heiserkeit in bedenklicher Weise zunahm, seitdem sein Gemüt unter den schweren Verlusten gelitten, die ihm die Flucht und der Bankerott des Barons Perling zugezogen. Anastasia wurde von Tag zu Tag frömmer und bat für das Seelenheil des gottverfluchten Anarchisten, dem sie früher, ehe er in diese Mörderbande eingetreten, ihr Herz zugewendet hatte. Kaum war die Flucht des Baron Perling ruchbar geworden, als Frau Lobach die Gerichte damit überraschte, daß sie ihre Scheidungsklage plötzlich zurückzog. Einem Gerücht zufolge, sollte die Versöhnung mit ihrem Gatten damit besiegelt worden sein, daß ihr derselbe, ehe er sie wieder in Gnaden aufnahm, einige schallende Ohrfeigen erteilte, zum großen Gaudium des Dienstpersonals, welches mit der Wiedereinsetzung der leidenschaftlichen Gebieterin in ihren früheren Stand keineswegs einverstanden war. Zu den Unannehmlichkeiten, die der Frau Lobach erwuchsen, gehörten außer diesen Ohrfeigen, die für einen zweiten Prozeß ausgereicht hätten, noch die Unkosten des ersten, die sie aus ihrer Privatschatulle bezahlen mußte. Doch sie trug alles mit Ergebung. Sie fühlte sich schuldig; der Gatte hatte zwar keine Ahnung davon, aber er hatte diesmal den richtigen Instinkt, als er sie mit 433 Schlägen traktierte; es war eine Art von Buße, durch welche sie sich entlastet fühlte. Die schlimmste Ohrfeige hatte ihr indes der Baron erteilt, als er sie so grausam und ohne jeden Abschied im Stiche ließ.

Herr von Stillwitz war sehr betrübt über das Verschwinden Perlings, seines besten Freundes, und er ruhte nicht eher, als bis er von Berta einen zierlich geflochtenen Korb erhalten, nachdem die Geheimrätin auf seine Werbung bereits achselzuckend erwidert hatte, sie glaube nicht, daß ihre Tochter für ihn irgendetwas fühle; er möge ihr nur den Puls fühlen. Und Stillwitz faßte ihr an den Puls, und mußte erkennen, daß ihr Herz in seiner Nähe nicht heftiger schlug als sonst, und daß hier der Liebe Müh' umsonst sei. Da aber das freche Mädchen, wie er's in seinen Selbstgesprächen jetzt zu nennen beliebte, ihm ihre Hand nicht reichte, um ihn auf die sonnigen Höhen des Lebens zu führen, so kroch er nach dem Verkauf seiner Güter bei einem alten Onkel unter, der ihn zu seinem Gutsverwalter ernannte, um ihm ein gewisses Ansehen bei den Bauern zu geben, obschon Stillwitz nie etwas verwaltete, sondern seine Zeit mit Reiten und Schießen verbrachte und den Bauernmädchen auf allen Vorwerken höchst gefährlich wurde.

Rings um sich sah Sidonie zusammensinkende Existenzen; sie stand wie auf einem Schutthaufen glänzender Hoffnungen; doch für die schlimmste Herzenswunde, welche ihr die Flucht ihrer Tochter geschlagen, sollte ihr jetzt heilender Balsam zuteil werden. Sie kehrte zurück in ihre Arme; sie flehte um ihre Vergebung; es erfaßte sie eine große Rührung, denn war sie nicht selbst die Schuldige? Beschämend und doch 434 wieder erhebend trat ihr die eigene Tochter gegenüber. Ein Mädchen von solchem Adel der Gesinnung – – es war doch ihr eigenes Kind und sie konnte stolz darauf sein; sie durfte sich nicht weigern, Ellas Herzenswunsch zu erfüllen und versagte dem neuen Gutsherrn von Schöndorf nicht die Hand derselben.

Zur größten Überraschung nicht bloß Sidoniens, sondern auch Edgars trat hinter ihnen ein anderes Paar ins Zimmer; sie hatten sich eben auf dem Kirchhof verständigt; Berta und Doktor Biesner kamen Hand in Hand.

»Mama, ich habe mir diesen Trauermantel eingefangen, und bitte dich um die Erlaubnis, ihn zeitlebens an meine Nadel spießen zu dürfen.«

Die Zustimmung der Mutter war hier leicht gewonnen. Der Villenbesitzer hatte sich bisher nur ihre Ungnade zugezogen, daß er, wie Edgar, ihre Pläne durchkreuzte. Im Grunde hielt sie ihn für einen langweiligen jungen Mann, doch sich damit abzufinden, war ja Bertas Sache.

Im Vollgefühl seines Glücks versäumte indes Edgar nicht, einer Pflicht nachzukommen, durch deren Erfüllung er eine Ehrenschuld seines Vaters bezahlen wollte. Er begab sich in die Vorstadt, in Suschens Gartenwohnung, und wieder saß sie trotz der herrschenden Kälte am offenen Fenster, und über die kahlen Äpfelbäume herüber drangen die Flötentöne Kurts.

Suschen sprang freudig auf, als sie ihren Gönner eintreten sah.

»Noch alles beim alten?« fragte Edgar.

»Wir halten zusammen, mag's biegen oder brechen,« sagte Suschen.

435 »Nun, es soll weder biegen, noch brechen. Rufe einmal deinen Flötisten herüber.«

Suschen winkte mit dem Schnupftuch und die Zauberflöte schwieg; bald darauf erschien Kurts Lockenkopf im Türrahmen.

»Nur näher, mein junger Freund! Willst du dein Suschen heiraten?«

Kurt machte ein überraschtes Gesicht.

»Ach, Herr Doktor – für mein Leben gern! Doch sehen Sie,« fügte er in seinem lehrhaften Ton hinzu, »die Kunst geht nach Brot, doch uns Kunstjüngern hängt der Brotkorb noch immer etwas hoch! Und wir haben's uns reiflich überlegt, alle vier Spezies zu Hilfe genommen – es reicht nicht.«

»Da will ich helfen,« sagte Edgar, »ich bringe Suschen ein schönes Legat, das Legat eines verstorbenen Freundes, der an ihr herzlichen Anteil genommen.«

»Wohl gar tausend Mark?« sagte Kurt fragend.

»Zwanzigtausend, mein junger Freund – und hier in dieser Brieftasche sind zwanzig Tausendmarkscheine.«

»Ums Himmels willen – das ist zu viel,« sagte Suschen und sank in einen Stuhl. Kurt blickte mit zweifelnder Verwunderung auf die bunten Scheine.

»Es ist so,« sagte er, »wirklich so!!«

»Darf ich, Kurt?« fragte Suschen aufspringend; er nickte verständnisvoll, Suschen fiel Edgar um den Hals und küßte ihn herzhaft ab.

»Nun wird geheiratet,« rief Kurt triumphierend, »und in einem Jahr habe ich mein eigenes Orchester.«

 


 

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