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Rudolf von Gottschal: Parasiten - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleParasiten
authorRudolf von Gottschall
year1906
firstpub1906
publisherAlfred Schall
addressBerlin
titleParasiten
pages435
created20141220
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel

Perling war wie auf die Folter gespannt; seine ganze Existenz stand auf dem Spiele; er konnte die Entscheidung nicht länger abwarten und kam einige Zeit vor der Mittagstafel, welcher er ein paar Tage ferngeblieben war. Er hoffte Sidonie allein zu finden; doch ihr Bruder war bei ihr, mit dem sie sich in finanziellen Angelegenheiten beriet. Sie wollte ihr Vermögen lieber in sicheren Staatspapieren anlegen; sie hatte Bankaktien, doch der Krach der letzten hauptstädtischen Bank, obschon sie selbst dabei keine Verluste erlitten, hatte ihr solche Bedenken erregt, daß sie trotz des niedrigen Kursstandes ihrer Bankaktien dieselben um jeden Preis loswerden wollte. Eine solche Bank konnte ja von der Erde fortgefegt werden, ohne daß von ihren anmaßlichen Wertpapieren etwas anderes übrig blieb als Makulatur. Herr Sauber fand zwar diese Befürchtungen übertrieben, erklärte sich aber doch bereit, die Aktien der 405 verschiedenen Banken, welche Sidonie besaß, in Reichs- und Staatsanleihen umzuwechseln.

Der Baron wurde sehr freundlich empfangen; ein noch besseres Zeichen aber schien es ihm, daß sie in seiner Gegenwart das Gespräch über ihre Finanzen ruhig fortsetzte und den zögernden Kommerzienrat zu rücksichtslos offener Aussprache ermutigte. Solches Vertrauen konnte sie einem Fremden nicht entgegenbringen, sondern nur dem Manne ihrer Wahl, für den dies alles kein Geheimnis sein konnte. Er beobachtete Sidonie mit einer fast krampfhaften Angst, die Blicke, die sie ihm zuwarf, den Tonfall ihrer Stimme, wenn sie sich an ihn wendete; kein römischer Augur konnte dem Flug der Vögel eine peinlichere Aufmerksamkeit zuwenden. Stand doch für ihn so viel auf dem Spiel, wie für einen Feldherrn vor der Entscheidungsschlacht. Und mit Freuden bemerkte er, daß Sidonie keine ablehnende Haltung annahm, auch nicht das unsichere und zerstreute Benehmen zeigte, das er stets bei denjenigen beobachtet hatte, die sich in die Notwendigkeit versetzt sahen, eine dem andern unangenehme Antwort zu geben. Sie war leichten Sinns, fast fröhlich, und hänselte ihren Bruder, wie sie es zu tun pflegte, wenn sie guter Laune war; ja, sie warf dem Baron einen vielsagenden Seitenblick zu, als sie zum Kommerzienrat sagte, er möchte doch nicht all ihr Geld in Papieren anlegen; es müßte auch einiges übrig bleiben, um den notleidenden Grundbesitz zu unterstützen. Inzwischen ertönte die Tischglocke, und während Sauber seinen Hut suchte, den er stets an irgend einer unmöglichen Stelle niederzulegen pflegte, flüsterte Sidonie dem Baron die Worte zu: »Heute abend in meinem Boudoir!« Und wenn 406 Perling noch zweifeln wollte, daß dieser Abend ihm das erlösende Jawort brachte, so wurde jeder Zweifel hinfällig, als Sidonie ihm den Ehrensitz an ihrer Rechten einräumte, obschon der schnauzbärtige General und der Major zugegen waren, die doch in dem großen Militärstaat, der sich das Deutsche Reich nannte, vor allen Zivilisten, wenn diese nicht gerade mit der Exzellenz begnadigt waren, den Vorrang haben mußten.

Auch die reichsunmittelbare Prinzessin mit den vielen Bindestrichen war anwesend. Was konnte die Geheimrätin Lobach gegen diese Durchlaucht und die hohe Generalität in die Wagschale werfen? Die Uniformen waren bei ihr gar nicht vertreten. Nur ein Oberforstmeister a. D. und ein Oberregierungsrat bildeten die Spitze des Zivils und noch einige Geheime Medizinalräte von der Fakultät. Auch eine Gräfin war an jener Tafel stets anwesend; doch es hatte mit ihr eine eigentümliche Bewandtnis. Ihr Grafentitel war längere Zeit verlöscht; sie hatte einen Bürgerlichen geheiratet, und erst der Scheidung und dem glücklichen Umstand, daß sie für die Schuldige erklärt wurde und den Namen ihres Mannes nicht weiterführen durfte, verdankte sie die glückliche Auferstehung der Gräfin. Das sind solche zweifelhafte Standespersonen – die arme Lobach!

Bei Tische ging es recht lebhaft zu. Der braune Vetter war wieder das allgemeine Stichblatt; dafür hatte er ja den Freitisch. Und wenn er ein Parasit war, nach der Sitte der Römer, so hatte er auch den Mut der Römer, indem er hartnäckig allen Pfeilen und Geschossen, die auf ihn abgefeuert wurden, standhielt. Man bewunderte sein frisches fröhliches 407 Aussehen, da er ja bei dem letzten Börsenkrach solche enorme Summen verloren haben solle, und als er dies in Abrede stellte, rühmte man seine Bescheidenheit, da es ihm doch ein besonderes Ansehen gegeben hätte, wenn er solche Summen verlieren konnte. Der General fand ihn so frisch und kräftig in seinem ganzen Wesen, daß er nicht begreifen konnte, wie er um die Dienstpflicht herumgekommen sei, so daß des Königs Armee einen tapferen Krieger entbehren mußte; der Major aber erlaubte sich, seinen hohen Vorgesetzten dahin zu korrigieren, daß der Vetter allerdings sein Jahr abgedient, aber es nur bis zum Gefreiten gebracht habe, weil er gegen den Paradeschritt und andere ihm müßig erscheinende Spielereien des Militärwesens eine entschiedene Abneigung an den Tag gelegt und die Knie nie ordentlich durchgedrückt habe. Der braune Vetter hörte das ruhig mit an, indem er tüchtig bei allen Schüsseln zulangte, und meinte nur, er hätte es in Kriegszeiten sicher zum General gebracht; aber der Kommißdienst im Frieden sei nicht sein Geschmack gewesen. »Krieger« komme von »Krieg« her, doch »Soldat« von »Sold«. Beim Krieger sehe man nicht auf die blanken Knöpfe; beim Soldaten sei das ungenügende Putzpulver ausreichend, um ihm das Avancement abzuschneiden.

Jetzt teilte der Goetheprofessor mit erhobener Stimme der ganzen Tischgesellschaft mit, daß er eine Schrift über das ewig Weibliche in Goethes Leben und Goethes Werken herauszugeben gedenke, und zwar nach den neuesten Entdeckungen. Über das Frankfurter Gretchen und das Leipziger Fräulein vom Brühl lasse sich wenig Neues sagen; doch was Friederike von Sesenheim betrifft und Frau von Stein, so werde 408 er alle Verleumdungen zum Schweigen bringen und nachweisen, daß Goethes Verhältnis zu beiden ein platonisches gewesen sei.

»Das ist kühn,« flüsterte der Major, »dergleichen läßt sich schwer beweisen.«

»Jedenfalls,« meinte der General zu seinem Nachbar, »sind Goethes Gretchen und Klärchen keine platonischen Frauenzimmer.«

Der Professor hatte das geflüsterte Stichwort gehört.

»Darüber werde ich eingehend handeln. Die Gestalten, die der Dichter schafft, haben nichts gemein mit denen, die ihm im Leben begegnet sind. Große Dichter haben keine Modelle. In Gretchen hat uns der Dichter nur gezeigt, wohin die Sünde führt – muß da gleich eine schöne Sünderin aus seinem Leben abgefärbt haben? Doch auch auf der anderen Seite war Frau von Stein, so tugendhaft sie war, keine Iphigenie, wozu man sie machen will! Mit so vielen Kindern kann man keine Priesterin der Diana sein; sie war eine etwas boshafte Hofdame, wie ihre ›Dido‹ beweist, und wenn die Griechin sich sträubte, ihren Bruder und seinen Freund zu opfern, so opferte diese den Dichter, den sie einst geliebt. Wenn man aber aus dem famosen Tagebuchblatt, welches die neue Zensur leider! sogar beanstandet hat, dem Dichter ein böses Gelüste ankränkeln will, so beweist das Blatt doch nur, wie er jede unlautere Regung siegreich darniederkämpfte. Das war freilich ein Erlebnis, doch handelt es sich ja nicht um eine dramatische Gestalt. Ich werde über diese Schöne eine Abhandlung schreiben, die, wie ich hoffe, sehr ins 409 Gewicht fallen und die Goetheforschung wesentlich fördern wird.«

»Ich danke Gott,« sagte der Leutnant von Zitzelwitz, »daß ich kein berühmter Dichter bin. Wenn man mir alle meine Liebschaften zerfaserte – der Nachwelt bliebe, glaube ich, ein sehr bitterer Nachgeschmack übrig.«

Alle lachten, und an der allgemeinen Fröhlichkeit beteiligte sich auch der Jüngling mit dem Totenkopf.

Auch Herr von Stillwitz war anwesend und hatte sich sogar einen Platz neben Fräulein Berta Schweiger erobert, indem er sich einer Urkundenfälschung der Tischordnung schuldig gemacht und sich durch Vertauschung der zierlichen Namenskarten bei den Kuverts in ihre Nähe geschmuggelt. Doch er hatte sich mit seinen Eroberungsgelüsten auf ein gefährliches Terrain begeben. Berta hatte bald erkannt, daß diese Nuß hohl sei und sie als Spielzeug benutzt, um damit herumzuklappern. Der Jüngling aber hatte verzweifelt ernste Absichten, und bemühte sich krampfhaft, sich selbst und seine geistigen Vorzüge in das hellste Licht zu setzen.

»Sie lieben gewiß das Landleben, gnädiges Fräulein!« fragte er sie, um sie gleichsam an seinem Arm in sein schönes Rittergut einzuführen, das er zunächst ja noch besaß, und auch noch länger zu besitzen hoffte, aber mit Hilfe seiner schönen Nachbarin.

»O ja,« meinte Berta, indem sie ihm mit liebenswürdigem Lächeln einen den Esprit stärkenden Tischwein einschenkte, »frische sauerstoffhaltige Luft – das ist viel wert. Treiben Sie Viehzucht, Herr von Stillwitz?«

410 »Meine Milchwirtschaft ist berühmt.«

»Hoffentlich ist Ihre Milch frei von Tuberkeln?«

»Das kleinste Kind kann sie mit Wonne genießen. Tuberkeln übrigens – das war früher gefährlich. Jetzt kann ein solches Viehzeug ganz voll Tuberkeln sein – das schadet nichts mehr, seitdem der Professor Koch erklärt hat, Vieh und Mensch ist zweierlei; jeder hat seine eigenen Krankheiten, die lassen sich nicht übertragen.«

»Es ist immer gut, wenn man etwas für sich hat,« sagte Berta; »treiben Sie auch Schafzucht?«

»Superfeine Wolle – ich habe Böcke feil, um die man sich reißt.«

»Ich liebe die großen Schafherden; ihr Geblöke hat etwas so Anheimelndes! Es ist der Blödsinn en masse – ganz wie er sich bei Menschenanhäufungen findet, bei Volksversammlungen und dergleichen mehr; besonders der blökende Enthusiasmus macht einen schönen Gesamteindruck. Und da muß alles bei der Herde bleiben – will ein Schaf seine eigenen Wege gehen, so ist der Hund stets zur Hand, der es wieder in das Ensemble hineinhetzt. Und das ist gut; denn mit einem einzelnen Schaf ist in der Welt gar nichts anzufangen; das ist ein ganz verlorenes Geschöpf. Doch auf dem Lande muß es bisweilen sehr langweilig sein.«

»Das glauben Sie nicht, meine Gnädigste! Es ist immer Abwechslung, Pflügen, Säen, die Heuernte, die Roggen- und Weizenernte, die Dreschmaschinen – ich habe welche. Man freut sich über das Vieh, wenn es gedeiht, und über die Nachbarn, wenn sie zum Besuch kommen. Und erst die Jagd – ich habe eine schöne Jagd. Und dann, wenn man in der Nähe 411 eines geliebten Wesens lebt, da vergißt man die Jahreszeiten und glaubt, daß es immer Frühling sei.«

»Wo haben Sie das gelesen, Herr von Stillwitz?«

»Mein Freund Perling hat mir einen Kalender geschenkt. Da steht allerlei drin, vorn Banernregeln über das Wetter und hinten Gedichte über die Liebe.«

»Und da stand etwas vom ewigen Frühling?«

»Ja, meine Gnädigste!«

»Vielleicht wenn man an der Seite eines Genies lebt!«

»Bei uns auf dem Lande gibt's keine Genies.«

»Oder eines liebenswürdigen Kavaliers.«

»Das mein' ich eben.«

»Doch man gewöhnt sich an alles, auch an die Genies und die liebenswürdigen Kavaliere. Und mit der Gewohnheit stellt sich die Langeweile ein, und man entdeckt vielleicht auch mit der Zeit, daß es mit dem Genie und auch mit der Liebenswürdigkeit nicht so weit her ist.«

»Versuchen Sie's nur einmal mit dem Landleben, meine Gnädigste, womöglich mit einem dauernden, lebenslänglichen Aufenthalt!«

»Das ist für einen Versuch etwas zu lang,« meinte Berta.

Die Tafel wurde aufgehoben und Berta verabschiedete sich von ihrem Tischnachbar mit einem tiefen ironischen Hofknix, der nicht darauf hindeutete, daß während des Essens eine vertrauliche Annäherung zwischen den beiden stattgefunden habe. Stillwitz war freilich anderer Ansicht; er glaubte eine Eroberung gemacht zu haben, und schlotterte, als der Kaffee herumgereicht wurde, siegesgewiß umher, von einer 412 Dame zur anderen; er glaubte, die Rechte für alle Zukunft eingekapselt zu haben, und wenn er nun noch einige Eroberungen machte, so mußte dies seiner Eitelkeit schmeicheln; aber es war für seinen Gutsbesitz gleichgültig. Als sich Baron Perling empfahl, hatte die Geheimrätin für ihn einen warmen Händedruck und ein ermutigendes Lächeln.

»Auf Wiedersehen heute abend beim Tee!« flüsterte sie dem Baron zu.

Und als dieser dann Arm in Arm mit Stillwitz über die Straße schritt, hatten beide Herren ein so vergnügtes triumphierendes Aussehen, wie es sich für »Edelleute mit befestigtem Grundbesitz« ziemte.

Sidonie begab sich in ihr Boudoir, sie setzte sich nachdenklich auf ihre Causeuse; doch es waren keine Gedanken mehr, die miteinander im Kampfe liegen; das Für und Wider zankte sich nicht mehr in ihrem Kopfe herum; sie war fest entschlossen, dem Baron ihre Hand zu geben. Was kümmerte sie das Gerede der Menschen? Sie wurde Frau Baronin und die Gattin eines jungen Ehemanns, der schon lange der Glanz ihrer Gesellschaften gewesen war; freilich, die rasche Schwenkung von der Tochter zur Mutter befremdete sie – warum hatte er ihr nicht schon früher die Ehe angetragen? Seiner leidenschaftlichen Zuneigung war sie ja gewiß; doch, natürlich, wenn sich's um die Ehe handelte, da mußte die Mutter hinter der jungen schönen Tochter zurückstehen! Und jetzt auf einmal als die Trauben sauer geworden waren – er wußte ja, daß hier süße Trauben am Spalier hingen, und außerdem hatte sie doch die nächste Anwartschaft. Auf ihre Tochter war sie nicht eifersüchtig gewesen und hätte sich mit einem Verzicht 413 für die Zukunft abgefunden – blieb doch der Baron ihrem Hause, ihrem Salon, ihrer Festtafel erhalten, als glänzender Mittelpunkt. Freilich Eins beschäftigte sie und verstimmte sie etwas: die Diplomaten sind bei Don Juan in die Schule gegangen; sie fühlte, daß sie das Talent besaß, grenzenlos eifersüchtig zu sein. Man hatte schon früher schüchterne Andeutungen gewagt, denen sie nicht weiter nachgegangen; sie war sicher, daß es böswillige Verleumdungen waren. Doch der Ehemann durfte nicht auf Abwege geraten, sie würde ihn gleich von sich abgeschüttelt haben. Das war ein Schatten, der auf ihre lichten Lebenspfade fiel. Als sie noch mit diesem einen feindlichen Gedanken, der sie bedrückte, sich abzufinden suchte, wurde eine Dame gemeldet, und aus der Visitenkarte, die ihr der Lakai auf dem Tablett überbrachte, las sie den Namen: Frau Geheimrat Lobach!

Ihre Nebenbuhlerin, ihre Feindin – was wollte sie von ihr? Sie hatte ein bureau d'esprit, welches mit dem ihrigen wetteifern wollte, aber glücklicherweise sehr in den Schatten trat. In Gesellschaften war sie der Dame mehrfach begegnet – ein flüchtiger Gruß, ein kurzes Gespräch! Weiter ging ihre Bekanntschaft nicht. Frau Lobach hatte ihre Verehrer, sie war so übel nicht, besonders in der Balltoilette, wo sie ihren alabasternen Nacken zeigen konnte. Und das schöne rote Haar – nun, Perling wußte ja, wie es fabriziert wurde.

Sie ließ den Besuch bitten, einzutreten.

Zwei erbitterte Feindinnen standen sich gegenüber, das wußten sie beide!

Frau Lobach war in großer Aufregung. Es schien, daß ihr rotes Haar Funken sprühte. Kaum 414 hatte sie Platz genommen, als sie in einer sich hastig überstürzenden Anrede der Dame des Hauses den Zweck ihres Besuches mitteilte.

»Ich komme in einer sehr wichtigen Angelegenheit, und obgleich ich nicht hoffen darf, daß Sie auf mich irgend welche Rücksicht nehmen, so muß ich doch sagen, was ich auf dem Herzen habe. Vielleicht kommt ihr eigenes Interesse und dasjenige einer ihnen teuren Person dabei mit in Frage«

»Ich bin sehr gespannt auf Ihre Mitteilungen, Frau Geheimrätin.«

»Es wird mir schwer, alles zu sagen, was ich sagen muß; Sie könnten darin Geständnisse zu finden glauben. Meinetwegen! Das Urteil der ganzen Welt ist mir gleichgültig, wenn es das Glück meiner Zukunft gilt. Frau Kommerzienrat Spange erzählte mir, es gehe das Gerücht, daß Sie Ihre Tochter Ella mit dem Baron Perling zu verheiraten gedenken.«

»Ich verheirate meine Töchter nicht! Sie sind mündig; das ist ihre eigene Sache.«

»Immerhin ist der Rat und der Einfluß der Mutter von entscheidender Wichtigkeit. Warnen Sie Ihre Tochter vor dieser Ehe!«

»Und warum?«

»Sie würde ihr nicht zum Heil gereichen; doch, was sage ich? Sie wird überhaupt nicht zustande kommen – dafür werde ich sorgen.«

Sidonie erhob sich in einer plötzlichen Aufwallung; das Geschoß, das die Tochter treffen sollte, traf sie ja jetzt selbst. Sie beruhigte sich indes sogleich wieder; doch mit fieberhafter Spannung hörte sie auf jedes Wort der Besucherin.

415 »Ich weiß nicht, ob Sie gehört haben, daß ich mich von meinem Gatten scheiden lassen will und daß der Prozeß bereits im Gange ist. Vielleicht hat es Ihnen Baron Perling erzählt.«

»Der Baron hat mir nichts davon gesagt; ich hoffe doch nicht, daß die Scheidung seinetwegen stattfindet.«

»O nein, durchaus nicht! Nicht mein Mann ist der Kläger – ich klage ihn an! Er hat mich mißhandelt; ich klage wegen Mißhandlungen und Sävitien; so heißt es, glaub' ich, im Gesetzbuch.«

»Doch ich verstehe nicht, was meine Tochter und ich damit zu tun haben, mit dieser, erlauben Sie den Ausdruck, ehelichen Prügelei, denn darauf wird es wohl hinauskommen.«

»Bitte, verehrte Kollegin,« sagte Frau Lobach, »Sie werden mir doch nicht zutrauen, daß ich solche Roheiten erwidere? Ich bin nur das Opfer – und deshalb werde ich auch den Prozeß gewinnen und als der unschuldige Teil mich von dieser Ehe loslösen.«

»Ich bedauere sehr, daß Ihr Gatte bei seiner Lebensstellung sich zu solchen Tätlichkeiten hinreißen läßt; doch mein Bedauern schließt es nicht aus, daß ich abermals meine Verwunderung über Ihren Besuch ausspreche. Unsere Beziehungen waren bisher nicht so freundschaftlicher Art, daß ich Ihr Vertrauen verdiene, und Geständnisse erwarten durfte, die ja Ihre intimsten Erfahrungen betreffen.«

»Nur ein wenig Geduld, werte Kollegin,« sagte Sophie Lobach mit höhnischem Ton. »Wie gesagt, ich werde geschieden werden, und dann ist's meine Absicht, den Baron Perling zu heiraten.«

416 »Unglaublich! Das wollten Sie? Das wagten Sie?« rief Sidonie teils erschreckt, teils in zorniger Aufwallung. »Doch mit welchem Recht? Was weiß er davon? Das sind ja Träumereien müßiger Augenblicke. Sie könnten ebensogut nach dem Monde greifen und ihn als Ampel in Ihr Schlafzimmer hängen wollen!«

»Sie irren! Ich bin keine Träumerin – das habe ich mir längst abgewöhnt! Was ich verlange, ist mein gutes Recht.«

»Ihr gutes Recht?« versetzte Sidonie in höchster Aufregung.

»Und er weiß davon, daß ich es verlange, und weiß auch, daß es mein gutes Recht ist. Ich liebe ihn seit langer Zeit und er hat mir aus seiner Liebe kein Hehl gemacht. Sie wissen ja, wie wir Frauen lieben; wir sind keine Mädchen, welche züchtig mit verschämten Wangen vor dem Jüngling stehn, der das Schönste auf den Fluren sucht, womit er seine Liebe schmückt. In seine Arme habe ich mich geflüchtet aus einer freudlosen Ehe, und in seinen Armen will ich ausruhen, wenn ich das Joch dieser Ehe von mir abgeschüttelt habe.«

Sidonie war totenbleich geworden und saß vernichtet da, wie nach einem vorgelesenen Todesurteil.

Frau Lobach wandte sich von neuem an Sidonie: »Sie sehen also ein, daß eine Ehe des Barons mit Ihrer Fräulein Tochter eine Unmöglichkeit ist. Sollten Sie trotzdem auf dem Vorsatze beharren, Ihre Tochter einem Manne zu geben, den ich für mich in Anspruch nehme, so werde ich vor keinem Mittel zurückscheuen, um es zu verhindern. Sie brauchen deshalb nicht gleich an Gift und Dolch zu denken; 417 wir brauchen heutzutage nicht die Pülverchen der Lucrezia Borgia, um unsere Feinde aus dem Wege zu räumen und zum ersehnten Ziele zu gelangen.«

Jetzt erhob sich Sidonie in leidenschaftlicher Erregtheit; sie trat der Gegnerin triumphierend gegenüber; ihre Augen blitzten. Sie war sonst sanft und nachgiebig von Natur; aber jetzt war zu viel Feindseliges auf sie eingedrungen und hatte sie in ihrem innersten Wesen erschüttert.

Die beiden schönen Frauen standen sich mit wildem Haß gegenüber. Wären sie mit Messern bewaffnet gewesen – es wäre zu einem sizilianischen Messerduell mit blutigem Ausgang gekommen.

»Sie sprachen von Ihrem guten Recht, Madame! Es ist das gute Recht des Ehebruchs! Eine pflichtvergessene Frau sollte das Dunkel suchen, aber nicht mit Trompetenruf ihre Schmach in alle Winde posaunen oder gar, wenn sie zu Fall gekommen, sich anderen anständigen Leuten in den Weg werfen.«

»Ich habe mich in die Hand meiner Feindin gegeben, aber nur um größeres Unheil zu verhüten. Ich kenne Sie, Madame, Sie sind eitel und ehrgeizig; aber ich glaube doch, daß Sie nicht an andere verraten werden, was ich, durch die Notwendigkeit gezwungen, Ihnen sagen mußte.«

»Sie haben mir kein Vertrauen geschenkt, das ich respektieren müßte. Ungerufen brechen Sie hier ein in Familienangelegenheiten, die Ihnen gänzlich fremd sind.«

»Ich begreife Sie nicht, Madame! Wenn ich auch mein eigenes Recht wahre – eine Mutter sollte mir dankbar sein, wenn ich sie vor dem Bräutigam 418 ihrer Tochter warne, der anderen Verpflichtungen nachzukommen hat.«

»Ich danke Ihnen ja auch, Madame, daß Sie das eheliche Glück zu fördern suchen; das scheint Ihnen bisher nicht gelungen zu sein. Was aber den Bräutigam betrifft, so gereicht es ihm in meinen Augen zum schlimmsten Vorwurf, nicht daß er mit einer Ehefrau, sondern daß er mit einer Frau wie Sie ein Liebesverhältnis haben konnte!«

»Sie meinen . . .«

»Nun, mein Geschmack wären Sie nicht gewesen, Frau Geheimrat Lobach, und die Männer, deren Geschmack sich zu Ihnen verirrte, haben bei mir verspielt.«

»Das ist nur der Neid, Madame! Eine Witwe müßte selbst alle zehn Finger voll Eroberungen haben – eine Witwe ist ja eine höchst gefahrlose Eroberung. Sie präsidieren jahraus, jahrein an Ihrer Festtafel; Alter und Jugend läßt sich's gut bei Ihnen schmecken und man rühmt ja auch Ihre Küche. Doch was nützen Ihnen alle Schürzenstipendien? Man genießt die Stipendien – kümmert sich aber um die Schürze nicht.«

»Madame!«

»Doch was Sie mir da erklärten, kann mir nur zur Befriedigung gereichen. Wenn der Baron bei Ihnen verspielt hat, so kann er auch wohl nicht länger eine große Nummer für Ihre Tochter sein, und ich darf hoffen, daß Sie ihm die Türe weisen, ihm nicht länger das große Wort bei Ihrer geistreichen Tafelrunde gestatten, und auf dem Wege zum Altar, den Ihre Tochter wandeln will, einen Strohwisch aufrichten, daß sie beizeiten umkehrt.«

419 »Ich habe Sie aussprechen lassen, Madame; es ist oft sehr nützlich, die Menschen kennen zu lernen. Ich hätte Ihnen von Anfang an sagen können, daß von einer Verlobung meiner Tochter mit Baron Perling nicht die Rede sein kann. Sie macht gegenwärtig eine Reise nach Italien und überläßt den Baron Perling ganz Ihrer liebenswürdigen Gesellschaft.«

»Ich danke Ihnen, Madame, für diese Mitteilung. Ehe ich den Baron selbst zur Rede stellte, wollte ich mich überzeugen, ob das Gerücht, das mir zu Ohren gekommen, irgend welchen Grund habe. Da Sie mich darüber beruhigen konnten, so ist der Zweck meines Besuches vollkommen erreicht, und ich brauche den Baron nicht mit Fragen oder gar mit Vorwürfen zu belästigen.«

»Ich selbst wünsche Ihrem Prozeß den besten Fortgang, Madame, ohne daß die Beweiskraft Ihrer Argumente durch neue Mißhandlungen seitens Ihres Gatten allzusehr verstärkt würde. Wenn der gute Mann wüßte, was ich jetzt weiß, so könnte er sich vielleicht die Prügel ersparen, und wäre im Besitz einer Gegenklage, wenn er nicht die Hilfe der Gerichte verschmähte, wie so viele starke Geister, und die Wucht seiner Schläge verdoppelte, da sie jetzt eine Schuldige treffen.«

»Leben Sie wohl, Madame! Ihre Pfeile treffen mich nicht mehr; ich habe mein starkes Schild, meine jetzt unverwundbare Liebe.«

Mit steifer Förmlichkeit nahmen die beiden Frauen voneinander Abschied. Kaum hatte Frau Lobach das Zimmer verlassen, als Sidonie in höchster Erregung schluchzend und die Hände ringend auf- und 420 niederschritt. Das ist zu viel! Nur dies eine nicht! Und er hat ihr schon lange seine leidenschaftliche Huldigung dargebracht. Er wußte, daß sie mich haßt, daß ich sie hasse, und er hat sein Spiel mit mir getrieben. Und er wagt es jetzt um meine Hand anzuhalten. O, ich bin grenzenlos betrogen worden. Alles in mir empört sich gegen diese Schmach!

Sie riß die Fenster auf – ein kalter Nordost, der draußen viele welke Blätter aufgewühlt, fuhr in das Gemach; sie haschte die flüchtige Kühlung, die ihr willkommen war – dann aber schloß sie das Fenster wieder und warf sich fröstelnd aufs Sofa. Nach kurzer Ruhe eilte sie wieder unstät umher; sie klingelte; der Bediente brachte die Lampe.

»Warten Sie, Philipp,« sagte sie.

Sie setzte sich an den Schreibtisch und schrieb mit fliegender Hand:

»Frau Geheimrat Lobach war bei mir – ich kann dich heute nicht sehen und sprechen, und das ›Heute‹ gilt für immer! Sidonie.«

»Philipp,« rief sie dem Bedienten zu, »wenn Baron Perling kommt, gibst du ihm diese Zeilen. Ich bin nicht zu sprechen.«

Und als das Briefchen mit seinem zierlichen rosa Umschlag in der Hand des Bedienten war und dieser die Türe hinter sich schloß, da hatte sie das Gefühl, als hätte sie für immer abgeschlossen mit ihrer Vergangenheit, und als läge vor ihr eine freudlose und lichtlose Zukunft. 421

 


 

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