Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Rudolf von Gottschal: Parasiten - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleParasiten
authorRudolf von Gottschall
year1906
firstpub1906
publisherAlfred Schall
addressBerlin
titleParasiten
pages435
created20141220
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Viertes Kapitel

Das waren nachdenkliche Tage für Baron Perling; er hatte sein Spiel zunächst verloren. Daß ein Mädchen vor ihm die Flucht ergriff, das war eine unerhörte Kränkung.

Und seine Gläubiger? Das klingelte von morgens bis abends – und zu allem Überfluß regte sich auch mehrmals in diesen Tagen die geheimnisvolle Klingel, und Frau Lobach unterrichtete ihn über den Stand ihres Ehescheidungsprozesses, gegen den er noch immer den gleichen Abscheu hegte. Doch sie ließ es sich nicht ausreden; sie hatte alles auf ihn wie eine große Nummer gesetzt; er verstand sich zuletzt sogar zu der Erklärung, daß es mit seinen eigenen Finanzen sehr schlecht stehe; doch Frau Geheimrat Lobach hatte es einmal auf die Freiherrnkrone abgesehen und da auch der Mann schätzenswerte Eigenschaften hatte, so verachtete sie den schnöden Mammon. Sie selbst konnte aber nichts beitragen, seine Finanzen günstiger zu gestalten, und eine vermögenslose, aus ihrer Ehe herausgeprügelte Frau, die sich wie eine Klette an ihn hing, mußte er um jeden Preis von sich abschütteln.

In die diplomatische Laufbahn konnte er vielleicht wieder eintreten; aber unter den bestehenden 370 Umständen als ein ganz Besitzloser, der auch nach dem Verkauf seiner Güter noch mit Schulden behaftet blieb. Und dann sollte er wieder arbeiten – zwar nicht allzuviel, doch er war nicht mehr ganz sein eigener Herr – und daran war er gewöhnt. Auch war keine sichere Vakanz in Sicht, vielleicht auf längere Zeit, und in eine untergeordnete Stelle einzurücken, verbot ihm sein Stolz.

Alle seine Gedanken kehrten immer wieder zur Villa Schweiger zurück; er kämpfte einen schweren Kampf! Die Tochter, dies feine, schöne, kluge Mädchen, war ihm verloren, aber wenn es sich um die Vermögensfrage handelte – diese ließ sich doch auch in anderer Weise lösen! Es gab noch eine Rettung – und auch dieser Rettungsanker für sein versinkendes Schiff war in der Villa Schweiger zu suchen. Hatte doch schon Horaz von der schönen Mutter gesungen und wenn ihm die schönere Tochter einen Korb gab – die Mutter würde ihm wohl Rosen pflücken, um ihm den Korb zu füllen!

Ja, sie war noch anmutig, noch begehrenswert, selbst noch leidenschaftlich; sie konnte dem »heute« ein volles Glück gewähren, das wußte er, aber das morgen – das morgen! Und trat er nicht einen beschämenden Rückzug an? Wußte nicht alle Welt, daß er sich um die Tochter beworben? Von der Tochter zur Mutter – das war ein Krebsgang, über den man die Achseln zucken mußte. Und in wenigen Jahren war sie eine verblühte Schönheit – und er in voller Manneskraft führte ein alterndes Weib mit sich herum, dem nicht viel mehr übrig blieb, als die Eifersucht, womit sie, im durchbohrenden Gefühl ihrer schwindenden Reize, alle seine Schritte überwacht. Er 371 wollte selbst glänzen durch den Zauber seiner Persönlichkeit, und ein junges schönes Weib war dafür ein unwidersprechlicher Beweis. Und wenn er die Mutter heiratete, sah es nicht aus, als ob das bloß geschehe, um die Hypotheken auf seinen Gütern zu löschen? Er hatte die Mutter geliebt, um der Tochter willen; sollte er die Mutter heiraten, um seine Güter zu entlasten? Er fürchtete den Schein des Lächerlichen – und dies ist für einen Welt- und Lebemann ein Todesurteil! Lieber ein Verbrechen begehen als eine Torheit!

Und doch blieb ihm nichts andres übrig, das ihn aus seiner verzweifelten Lage hätte retten können.

Es war ihm ganz willkommen, daß Herr von Stillwitz sich bei ihm einstellte. Der Junker war zwar nicht mit glänzenden Geistesgaben begnadet, aber er war ein geeigneter Vertreter der öffentlichen Meinung, die ja auch niemals besonders geistreich zu sein pflegt, sondern sich stets noch etwas unter der Mittellinie der durchschnittlichen Intelligenz hält. Hier konnte Perling einen Fühler ausstrecken und erfahren, was man in den Salons zu dem kühnen Schritt sagen würde, wenn er ihn machen sollte?

Der Jüngling mit dem Totenkopf kam aus der Villa Schweiger; er sagte, sich die modefarbigen Glacéhandschuhe ausziehend und sich auf die Causeuse hinflegelnd:

»Du hast mich gut empfohlen! Die Frau Geheimrat war sehr liebenswürdig, eine Frau, die sich für ihr Alter sehr gut konserviert hat.«

»Findest du?«

»Nun, wenn man zwei erwachsene Töchter hat, braucht man doch keine Schönheit mehr zu sein. Die 372 älteste Tochter, diejenige, die du für dich in Anspruch nimmst, ist verreist; die zweite aber, die du für mich bestimmt hast, habe ich gesehen. Ein ganz niedlicher Käfer – hat Mutterwitz, auch Esprit – paßt zu mir! Die ganze Familie ist freilich von heute, ohne Stammbaum, ohne Voreltern; doch da du darüber hinwegsiehst, will ich auch kein Gewicht darauf legen.«

»Es hat sich viel geändert, lieber Stillwitz! Die Sache hat sich zerschlagen.«

»Das wäre –«

»Fräulein Ella ist verreist, um meiner Werbung aus dem Wege zu gehen.«

»Unmöglich – ein Mann wie du!«

»Doch sie hat eine andere Liebe.«

»Das dumme Ding!«

»Ich freue mich zwar, daß du so eifrig meine Partei ergreifst, aber du weißt – Ella ist ein sehr kluges Mädchen, doch ich vermochte nicht ihre Neigung zu gewinnen.«

»Klug, meinetwegen! Doch in der Liebe sind alle Mädchen dumm; ich hoffe indes, daß Berta sich für mich erklären wird.«

»Nun, ich will über deine Behauptung nicht mit dir streiten und dir deine Aussichten für die Zukunft nicht verkümmern. Was mich betrifft, so habe ich jetzt einen anderen Plan und möchte dich darüber um deine Meinung fragen.«

Der Jüngling mit dem Totenkopf fühlte sich sehr geschmeichelt.

»Ich sage stets offen heraus, was ich denke.«

»Was würdest du dazu sagen, wenn ich statt der Tochter die Mutter heiratete?«

373 »Donnerwetter – ich falle aus den Wolken.«

»Wenn du dich von deinem ersten Schreck erholt hast, wirst du dir vielleicht eine Meinung darüber bilden.«

»Ja, was werden die Leute dazu sagen?«

»Das möcht' ich eben von dir hören; denn du gehörst ja zu diesen Leuten.«

Stillwitz wurde nachdenklich.

»Ich bin jetzt in der traurigen Lage, immer zuerst an mich denken zu müssen. Das hab' ich freilich früher auch getan. Das ist eine üble Angewohnheit von mir; doch das fällt weiter nicht auf, die anderen machen's ebenso. Nun, wenn das Malheur passierte –«

»Das Malheur?«

»Oder wie du's nennen willst – ganz in der Ordnung ist es doch nicht, denn du bist zu jung für diese Dame, die auch noch recht jung ist in ihrem Aussehen und ihren Gefühlen: doch mit dem Kalender hapert's. Wenn's also dazu kommen sollte – nein, es ist fast komisch; du würdest ja mein Schwiegerpapa; ich müßte dir an deinem Geburtstag die Hand küssen, wenn nämlich Berta die Meine werden will. Nun, mit seinem Schwiegerpapa auf einem guten Fuß zu stehen, ist immerhin viel wert, und insofern könnte ich mir's ja gefallen lassen. Doch die Sache hat noch eine andere Seite, die mir weniger gefällt. Sieh einmal, das Vermögen der Frau Geheimrat, das den Töchtern jetzt ohne Abzug zufiele, würde dann zum Teil an dich fallen – das wäre ein bedenklicher Abzug, und kämen gar noch Kinder dazu – und wer weiß wie viele –«

»Lieber Freund, du stellst mir ja eine förmliche 374 Schadenrechnung auf. Du bist ja ein vorsichtiger Geschäftsmann geworden.«

»Nach dem Bankbruch –«

»Du hast recht.«

»Und diese Ehe mit Fräulein Schweiger ist das einzige Geschäft, das mir jetzt noch eine gute Dividende verspricht.«

»Danach frage ich gar nicht . . . meinst du, daß die Welt daran Anstoß nehmen würde, wenn ich mit Frau Schweiger in den heiligen Stand der Ehe träte?«

»Wie sollte sie an heiligen Dingen Anstoß nehmen?«

»Oft eher als an unheiligen!«

»Sie werden die Köpfe zusammenstecken und darüber zischeln. Das ist ein müßiges Vergnügen. Weiter haben sie nichts davon, du hast die Frau und hast ihr Gold! Das leuchtet in der Stille ihnen allen ein – und wenn sie darüber Glossen machen, so ist's der pure Neid. Eine Witwe zu heiraten, verstößt ja nicht gegen das kanonische Recht.«

»Ein Ehehindernis ist es freilich nicht,« sagte Perling lachend, »im Gegenteil; noch niemals hat sich eine Witwe gegen die zweite Ehe gesträubt, und auch die Gesetzgebung hat die Witwen mit großem Wohlwollen behandelt und ihnen nicht einmal für ein ganzes Jahr die Pönitenz der Ehelosigkeit auferlegt.«

»Sie wird sich auch nicht sträuben, die Geheimrätin! Ich habe es neulich bemerkt – sie hält große Stücke auf dich! Was aber dich selbst betrifft, nun, du wirst ja sehen, wie du mit ihr zurecht kommst. Eine alte Schachtel ist sie ja nicht, sie wird es freilich! Doch das werden sie ja alle, und ob sie etwas früher dazu kommt, als die anderen, das ist ja gleichgültig. 375 Du kannst also nach meiner Ansicht dreist zugreifen. Ich bin sehr uneigennützig, wenn ich dir dazu rate. Meine künftigen Vermögensverhältnisse verschlechtern sich dadurch; doch es wird wohl noch ausreichen.«

»Ich danke dir . . . du sollst an mir einen väterlichen Freund haben. Doch noch sind wir ja nicht so weit. Vielleicht heißt es: Hops, Anne Marta, da lag der Topf!«

»Man muß sich aber beizeiten über alles klar werden. Das sagte schon immer meine Mama, die mir manche goldene Lebensregel mit auf den Weg gegeben; ich finde sie alle sehr richtig, wenn ich sie auch meistens nicht beachtet habe. Ein Feldherr entwirft doch auch immer vorher den Plan der Schlacht. Es kommt zwar immer anders, als er sich's gedacht hat – immerhin hatte er doch seinen Plan. Und ich zerbreche mir nicht gern vorher den Kopf über die Dinge, die kommen werden. Und so steh' ich auch jetzt schon vor einer schwierigen Frage, die uns beide betrifft. Wenn die Mutter und die Tochter heiraten – wer muß da zuerst Hochzeit machen? Die Mutter geht immer vor. Wie dies selbstverständlich schon bei der ersten Ehe der Fall ist, wo die Tochter überhaupt zu spät kommt, um der Mutter Konkurrenz zu machen, so muß es auch später sein, wo sie eine recht gefährliche Konkurrentin wird. Das ist meine Ansicht und ich trete gern zurück.«

»Ich danke dir für deinen guten Willen,« versetzte Perling, »als Ehegatte der Mutter verfüge ich doch so wie so über ihren ganzen Besitz.«

»Den Teufel auch,« rief Stillwitz aus, »daran habe ich noch gar nicht gedacht. Der Gatte hat Verwaltung und Nutznießung des Vermögens seiner Frau. 376 Das ist ja eine neue Gefahr für mich, denn so hoch ich dich schätze, lieber Freund, mit dem Geld bist du immer etwas leichtsinnig umgesprungen; ich bitte dich dringend, die Sorgfalt eines guten Hausvaters anzuwenden und nicht das Vermögen meiner künftigen Frau zu verschleudern.«

»Beruhige dich nur! Jetzt aber rate ich dir vor allem: suche dir zuerst das Herz der holden Berta zu gewinnen. Kaufe die schönsten Sträuße und wenn du in den Blumenläden Schulden machen solltest. Nimm dich zusammen, imponiere dem Mädchen.«

»Das will ich!«

»Und wenn du eine so kluge Mama hattest, so erinnere dich ihrer weisen Aussprüche und bringe sie gelegentlich vor, und so ungezwungen, als wären sie auf deinem eigenen Boden gewachsen. Aber ich warne dich! Diese Berta ist ein schlaues Kind – und es könnte dir vielleicht gehen, wie es mir ergangen ist.«

»Um Himmels willen, da wäre ich ganz verloren; denn eine zweite Mutter ist nicht vorhanden, bei der ich mich für die Tochter schadlos halten könnte.«

Stillwitz schlotterte zur Tür hinaus, nach einem Abschiedsgruß, der respektvoller war als sonst, denn er galt nicht bloß dem Freunde, sondern auch dem künftigen Schwiegervater.

Bei den törichten Reden des verunglückten Diplomaten hatte sich Perlings Entschluß befestigt, um die Hand der Frau Geheimrat anzuhalten. Was galt ihm das Gerede der Welt? Er mußte um jeden Preis dem Ruin vorbeugen, der ihn bedrohte. Ganz wohl zumute war es ihm nicht bei diesem Gang; er kam sich sehr wenig heldenhaft vor, und sein eigenes Bild, welches jetzt vor seiner Seele schwebte, 377 betrachtete er mit einem gewissen Kleinmut; ja, er sah sich in einer ironischen Beleuchtung und fürchtete, auch Sidonie könne ihn in diesem Lichte sehn.

Sidonie empfing ihn nicht so herzlich wie sonst; durch Ellas Abreise fühlte sie sich schwer gekränkt; ihr Stolz war verwundet, wie ihre mütterliche Liebe.

»Keine Nachricht von Ella?« fragte er.

»Keine! Sie ist verschwunden. Wohin? Berta weiß es, doch sie schweigt.«

»Nun denn, Sidonie! Man muß sich in das Unabwendbare finden, mag es auch noch so demütigend für uns sein.«

»Sie liebt den jungen Doktor Guttmann – daraus machte Berta kein Hehl. Doch er hat sie nicht auf ihrer Flucht begleitet; er weilt hier; ich habe erst neulich diesen Weltreisenden um die Ecke biegen sehen; er hat mein Kind nicht auf die Fidschiinseln entführt oder sonst wohin an den Stillen Ozean, wie ich anfangs fürchtete.«

»Sidonie . . . es ist vielleicht unsere Schuld.«

»Reue, Buße, Besserung – wie, Herr von Perling, das klingt ja wie eine Tonart, die man von der Kanzel her gewöhnt ist? Doch ich werde mir keinen Strick um den Leib schnüren und kein Stachelhemd anziehen, nicht wie die Magdalene, die ja wohl auch eine Heilige ist, auf der Nase liegen und die Bibel lesen.«

»Du mißverstehst mich, Sidonie! Ich bin mit mir zu Rate gegangen und habe einen Entschluß gefaßt, der dich vielleicht befremden wird; ich will das Glück mir dauernd sichern, das ich mir bisher nur stehlen konnte. Werde mein Weib, Sidonie!«

Die Frau Geheimrat sah ihn mit fragenden 378 Blicken an; sie nahm ein Sträußchen von ihrer Brust, steckte es in ein Kristallglas, das vor ihr stand, und sagte:

»Die armen Blumen! Sie sind schon welk geworden! Es wird nicht mehr viel nützen, wenn man sie ins Wasser steckt, um sie auf die Dauer frisch zu halten.«

»Und deine Antwort?«

»Du hättest früher fragen sollen; es wäre uns Sünde und Reue erspart worden, Herr Bußprediger, und mir die große Demütigung, den Heiratsantrag eines gescheiterten Ehekandidaten zu erhalten, der aus dépit amoureux zur Mutter kommt, nachdem ihn die Tochter ausgeschlagen.«

»Die Rosenknospe hat sich mir nicht erschlossen, es ist wahr! Doch die volle Rose hat mir Duft und Wonne geatmet; jetzt will ich sie vom Strauch brechen und ganz an meine Brust stecken.«

»Doch die Welt – die Welt! Die Gesellschaft! Sie wissen so ironisch zu lächeln, diese Herren, diese Damen! Ihre Glückwünsche werden einen bitteren Beigeschmack haben, ihre Sträuße vergiftete Blumen! Und gar die Hochzeit! Eine Braut, wie ich, mit zwei bis Dato sitzengebliebenen Töchtern – ich würde ein Schaugericht sein, jeder Blick eine Glosse, jedes Lächeln eine Injurie.«

»Was kümmert uns die Welt, wenn wir glücklich sind?«

»Täuschen wir uns nicht – ich lebe nur für die Welt und du auch. Wir beide wollen glänzen – und ich durch dich. Werden wir mit scheelen Augen angesehen, so ist es um unser Glück geschehen. Mein Salon ist mir alles. Du bist seine Zierde, und 379 du sollst es bleiben, hoffe ich, wie auch sonst die Würfel fallen. Ich stehe allerdings an einem Scheidewege; ich mußte ja bereit sein, auf das Glück unseres leidenschaftlichen Verkehrs zu verzichten, wenn meine Tochter dir ihr Jawort gab; ich müßte auch jetzt dazu bereit sein, nach der unseligen Entdeckung. Und doch – es ist das eine Entsagung, die mir viel Weh bereitet! Da kommst du jetzt und bietest mir einen Ausweg: du willst unser Glück in Sicherheit bringen, ihm die Anerkennung der Welt verschaffen. O, diese Anerkennung wird ja nicht ausbleiben, wenn der Staat und die Kirche gesprochen haben; da macht alles seinen Bückling, doch die Hintergedanken, die Hintergedanken – ich werde sie zu lesen suchen in den heuchlerischen Mienen und das wird mir Tag und Nacht die Ruhe rauben.«

»Du bist nervös, liebe Freundin! Was kümmern uns die geheimen Gedanken der Menschen? Was würde aus der Welt, wenn die alle ans Licht gezogen würden? Ein Tummelplatz von wilden Bestien; denn die Bestie steckt ja in allen, man sieht es nur nicht, wie sie grinst und die Zähne fletscht! Wer in die Seelen hineinleuchten will, der leuchtet in einen Abgrund! Begnügen wir uns mit dem, was die Menschen sagen und tun! Was sie nicht sagen, das bleibe verhüllt; nur das große Schweigen hält die Welt zusammen.«

Sidonie stand auf und ging unruhig im Zimmer hin und her. Perling beobachtete sie mit scharfem Blick; er hätte sich noch mehr Beredsamkeit gewünscht, als ihm zu Gebote stand, eine überzeugende, bewältigende Beredsamkeit; denn es waren entscheidende Augenblicke für ihn, sie entschieden über seine Zukunft. 380 Und konnten diese Lippen, die er so oft geküßt, ein kaltes vernichtendes Nein! sprechen?

»Das muß innerlich durchgekämpft werden, Perling,« sagte Sidonie dann, »das kommt so plötzlich über mich und findet mich fassungslos. Gönne mir Frist!«

»Nicht lange Besinnung, ein rascher Entschluß trifft meist das Richtige.«

»Ich müßte ja sehr zufrieden, sehr glücklich sein, wenn ich dächte und empfände wie die anderen, wie die Mädchen und die Frauen, die nach der Schnur gezogen sind; eine Heirat erschließt eine sichere Zukunft, meine Heirat entsühnt eine bedenkliche Vergangenheit. Nicht für alle – nicht für meine Tochter! Vor dieser Richterin finde ich auch dann keine Gnade! O, warum mußtest du zuerst um ihre Hand werben!«

»Du warst ja damit einverstanden!«

»Und dann, wenn ich mich entscheide, deinen Wunsch zu erfüllen – würde ich denn die einzige sein? Dann hätt' ich ein Recht darauf und dies Recht würde ich mir nicht nehmen lassen. Du würdest mir angehören müssen, mir ganz allein; jeder Blick, der einer anderen gilt, jeder stockende Atemzug, jedes süße Erschauern in der Nähe eines anderen Weibes – es wäre ein Verbrechen in meinen Augen!«

»Du wärest eine strenge Herrin, aber du wärst die Herrin meiner freien Wahl – und das verbürgt dir meinen Gehorsam!«

»Doch dein Sinn ist wankelmütig, dein Auge überall auf der Suche; das Neue soll dir neue Triumphe bereiten! Das hab' ich schon jetzt oft peinlich empfunden; und wie viel schlimmer würde ich es empfinden bei einem Glück, das Dauer verlangt und keine 381 Teilung zuläßt! Und wenn mein heißer Wunsch über alle Bedenken meines Verstandes siegen sollte, dann würde mir vielleicht das eroberte Glück wieder unter den Händen zerrinnen. Ich müßte ewig meine Schwäche beklagen, um meine unwiederbringliche Freiheit jammern; nein, nein . . . es ist zu viel, was auf mich einstürmt; ich muß mich sammeln, mich in diesem Wirrsal von Gefühlen und Gedanken zurechtfinden.«

»Und wann kann ich mir Bescheid holen?«

»In einigen Tagen! Doch du sollst mir inzwischen nicht fern bleiben; ich will meinen hervorragenden Tafelgast nicht entbehren. Meinem Salon fehlt die Würze, wenn du fehlst – und sie vermissen dich alle; sie sind an dich gewöhnt, und man könnte allerlei Fragezeichen hinter dein Ausbleiben machen. Wir selbst wollen nichts berühren, was wir heute gesprochen; es bleibt ein Separatkonto, wie mein Bruder sagen würde, bis ich's aus dem Schub hervorziehe.«

Der Baron schied mit einem leidenschaftlichen Kuß; er glaubte seines Sieges sicher zu sein. Er verlangte ja nur ein heiliges Siegel für einen unheiligen Bund; das Weib, das so schwach war, sich ihm bedingungslos hinzugeben, sollte jetzt zaudern, wo er ihr die Bürgschaft einer dauernden Vereinigung gewähren wollte? War denn sein Zauber über Nacht erloschen? Er hielt dies Weib nach wie vor in seinem Bann. 382

 


 

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.