Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Rudolf von Gottschal: Parasiten - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleParasiten
authorRudolf von Gottschall
year1906
firstpub1906
publisherAlfred Schall
addressBerlin
titleParasiten
pages435
created20141220
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel

Diesmal machte Baron Perling eine sorgfältige Toilette; das Ordensband im Knopfloch fehlte nicht, auch nicht der Blumenstrauß, den er in die Hand nehmen wollte.

O mater pulchra filia pulchrior – das summte er dabei vor sich hin, einige der wenigen lateinischen Schulreminiszenzen, die in seinem Gedächtnis haften geblieben waren. Der gute Horaz konnte wohl keine Ahnung davon haben, wie sinnreich Perling diesen Spruch ins Leben übersetzt hatte. Der heutige Tag gehörte der schöneren Tochter.

Dem Bedienten, der ihm die Lackstiefeln anziehen half, klopfte er zutraulich auf die Schultern.

»Jean, du sollst dir heute einen guten Tag machen! Das Zehnmarkstück, das noch in der Tasche der Weste steckt, die ich gestern anhatte, kannst du dir aneignen. Wir wollen alle heute etwas draufgehen lassen, Gott gibt's wieder.«

Der Baron war bei bester Laune. Die schöne Mutter hatte ihm zugeflüstert, daß sie der Tochter mit Enterbung gedroht, und daß dies auf ihr an geistigen und künstlerischen Luxus gewöhntes Kind einen tiefen Eindruck gemacht habe. Perling glaubte seines Sieges sicher zu sein.

»Jean, ich werde heute spät nach Hause kommen. Doch hoffe ich, daß du auf dem Platze bist, und daß deine geistige Laterne noch das nötige Licht gibt, nachdem du den Docht mit Hilfe der zehn Mark gehörig getränkt hast.«

»Fürchten Sie nichts, Herr Baron! Ich gerate 336 nicht leicht ins Schwanken; ich bin gehörig ausgepicht.«

Gleich darauf guckte der Totenkopf Erichs von Stillwitz dem Baron über die Schulter; er war leise hereingekommen und klappte seine herumgeschleuderten Glieder wie ermüdet rasch auf einem Lehnstuhl zusammen.

»Was bringst du mir, Erich?«

»Ich muß dich notwendig sprechen! Laß Jean hinausgehen; du bist ja, wie es scheint, fix und fertig, wie aus dem Ei geschält! Wohl eine Einladung zum Hofmarschall?«

»O nein,« versetzte der Baron, nachdem sich Jean auf seinen Wink entfernt, »in so vornehme Gesellschaft gehe ich heute nicht. Doch das erzähl' ich dir nachher! Zuerst deine Mitteilung.«

»Sie ist recht trostlos, auch für dich.«

»Für mich?«

»Ich muß meine Kaufofferte zurückziehen, die ich dir neulich gemacht. Ich kann Rutberg nicht kaufen; ich habe ein schreckliches Unglück gehabt.«

Aus Erichs aschfahlem Gesicht blickten ein Paar ganz erloschne Augen.

»Abgebrannt?«

»O das ist alles versichert – wäre bei einigen alten Scheunen ganz angenehm! Leider hat kein Dorfmädchen und kein Dorfjunge bei mir die Manie der Brandstiftung. Nein, nein! Abgebrannt . . . das bin ich selbst! Hast du keine Aktien der Kreditbank?«

»Nein, lieber Freund, ich habe nur soliden Grundbesitz.«

»Es hat gekracht, jammervoll gekracht! Ich habe eine große Menge Aktien – und es wird nichts für 337 die Aktionäre übrig bleiben. Diese Esel von Aufsichtsräten – dreißig- bis vierzigtausend Mark pro Jahr und dafür stecken sie nicht einmal die Nase in die Bücher. Und die Herren Direktoren, schlimmer als Straßenräuber, nehmen uns das Geld aus der Tasche, ohne daß wir eine Ahnung davon haben; die anderen nehmen uns das Portemonnaie mit fort; das lassen uns die von der Bank – aber nichts drin.«

»Das tut mir leid – du bist wohl ruiniert?«

»Viele anständige Menschen sind es; es ist ein wahres Massacre; lauter Tote und Schwerverwundete! Ich kann's noch aushalten; aber auch ich komme in Verlegenheit, und neue Güter zu kaufen bin ich durchaus nicht in der Lage. Nimm's nicht übel – ich muß dir Rutberg lassen.«

»Aber, lieber Freund, ich denke gar nicht daran, es zu verkaufen; ich bin gerade jetzt auf dem Wege, meinen Grundbesitz so zu befestigen, daß meine Enkel nach hundert Jahren ins Herrenhaus kommen können.«

»Zu den Bürgermeistern und Professoren – das wäre nicht gerade das Ziel meines Ehrgeizes. Doch ich habe ja noch keine Enkel; dazu fehlt mir noch eins, die Töchter und Söhne, und was die Hauptsache ist, auch noch die Frau! Doch wenn ich's recht bedenke – bei dir ist's ja ganz dasselbe.«

»Heute noch; doch siehst du dort den Blumenstrauß? Damit will ich mir noch heute eine Braut erobern.«

»Ich gratuliere.«

Erich erhob sich von seinem Stuhl, schlenkerte auf den Freund zu und reichte ihm die Hand. Dann zupfte er sich verlegen am Stehkragen, schlug sich mit 338 den Handschuhen mehrmals aufs Bein, strich sich mit der Hand über die Stirn, und war so verlegen wie ein Prüfungskandidat, der nach der Antwort auf eine böswillige Frage sucht. Dann faßte er sich ein Herz und sagte:

»Lieber Freund, der verwünschte Bankkrach ist mir in die Glieder gefahren; aber auch sonst – er hat meine Finanzen in Verwirrung gebracht! Deine Braut ist reich?«

»Sehr reich, wie die Welt sagt.«

»Hoffentlich hat die Welt recht! Und da möcht' ich dich bitten, sobald du das Standesamt hinter dir hast, mir mit einer Summe von 30 000 Mark unter die Arme zu greifen – die Hälfte Hypothek, die Hälfte Wechsel.«

Perling lachte.

»Da drehen wir doch lieber gleich den Spieß um; ich bin vielleicht in der Lage, dir dein Gut Stolpen abzukaufen.«

»Ums Himmels willen nicht! Da würden sich meine Ahnen im Grabe herumdrehen. Und was sollte aus dem Erbbegräbnis werden, wenn das Gut in fremde Hände käme?«

»Das möge deine geringste Sorge sein, mein lieber Freund! Dein Vertrauen ehrt mich zwar sehr, aber wir müssen zuerst noch der Dinge harren, die da kommen werden; ich bin noch nicht im sicheren Hafen, wenn ich auch mit vollen Segeln darauf losfahre. Und dann, lieber Erich, aller Anfang ist schwer . . . auch in der Ehe! Da darf man nicht in den Flitterwochen gleich von Geschäften sprechen – das wäre wie ein kalter Wasserstrahl. Und das Schlimmste ist . . . meine eigenen Güter haben eine 339 finanzielle Einwirkung viel nötiger als die deinen, und wäre das auch nicht der Fall . . . ich gehe doch einmal vor. Du stehst müßig daneben, aber ich bringe ein kolossales Opfer – ich heirate.«

Erich starrte den Freund anfangs mißvergnügt an. Doch dann wurde ihm die Sache einleuchtend.

»Entschuldige nur, daran hatte ich nicht gedacht. Du heiratest . . . es ist wahr! Aber – kann ich nicht auch heiraten? Das ist mir bisher noch nicht in den Sinn gekommen; aber nach dem großen Bankbruch gerät man auf die abenteuerlichsten Gedanken. Die Stillwitze sind von altem Adel, doch ich bin vorurteilsfrei. Solch ein ungeborenes Bürgerfräulein mit Millionen wäre mir ganz recht; nur müßte der Vater nicht Bankdirektor, nicht Aufsichtsrat sein oder in einer anderen polizeilich bewachten oder gesetzlich bedrohten Stellung sich befinden und seine Gelder nur in sicheren Papieren angelegt haben. Lieber Freund, du bist ja in allen Salons zu Hause. Wenn du ein Mädchen mir empfehlen kannst, welches außer einem großen Vermögen noch einige andere Vorzüge besitzt, nicht rechthaberisch ist, denn das vertrag' ich nicht, auch nicht abschreckend häßlich – Schönheit wäre mir auch fatal, denn da gibt's zu viele Kurmacher – nicht zu alt, denn die silbernen Fäden an den Haaren mag ich nicht, auch nicht zu jung, denn die jungen Dinger sind zu flatterhaft . . . du verstehst mich schon, eine gute Mittelsorte – da mache mich darauf aufmerksam und ich heirate die Mamsell, mag's biegen oder brechen.«

»Nicht alle Mädchen lassen sich so ohne weiteres heiraten, wenn auch ein Stillwitz große Chancen hat. Du machst mir aber die Auswahl schwer genug; kein 340 Tulpenzüchter kann auf einmal alle die zarten Farbennüancen beachten, die deine Tulpe haben soll.«

»Führe mich nur in den Garten – ich werde suchen und finden. Hat zum Beispiel deine Braut eine Schwester? Wir könnten ja Schwäger werden, das wäre gar nicht übel.«

»Sie hat noch eine Schwester, doch das ist keine gute Mittelsorte. Sie ist rechthaberisch und vielleicht zu jung. Indes, ich will dich gern bei Frau Geheimrat Schweiger einführen; vielleicht ist da etwas auf Lager, was dir konveniert.«

Erichs Züge erheiterten sich; seine Augen leuchteten auf, so weit das den trüben Laternen seiner verdumpften Seele möglich war; er drückte dem Freunde die Hand, und sein Gang, als er sich entfernte, war diesmal nicht ganz so schlottrig wie sonst.

Der Baron ließ anspannen und fuhr zur Villa der Geheimrätin. Er kam sich wie ein Triumphator vor; hinter seinem Siegeswagen sollte eine gefangene und gefesselte Königin folgen. Er flog die Freitreppe hinauf und trat unangemeldet in Sidoniens Zimmer. Wie erschrak er, als er in ihre aufgeregten Züge sah. Sie lag im tiefsten Negligé auf einem Sofa und wühlte mit ihren Händen in dem reichen, dunkeln, noch ungekämmten Haar.

»Was ist geschehen?« rief er.

Sie nahm vom Tisch einen zerknitterten Brief.

»Da lies,« sagte sie, »ich habe den Wisch noch nicht zerrissen; ich wollte mir vorher noch die kleine Freude bereiten zu sehen, welch ein Gesicht du dazu machen wirst.«

»Fort ist sie, fort!« rief Perling, der den Brief rasch überflogen, »das hätt' ich der jungen Dame 341 nicht zugetraut; das ist ja offene Rebellion! Das ist ja ein himmelschreiender Ungehorsam! Man muß sie zurückholen.«

»Ella ist mündig!«

»Das ist eine tolle Laune, ein sinnloser Einfall; sie wird vernünftig werden und von selbst zurückkehren.«

»Bitte, du gehst bei der Entzifferung wichtiger Urkunden sehr ungründlich zu Werke. Vertiefe dich noch einmal in den Inhalt dieser Zeilen – und dann sage dir, ob sie zurückkommen wird.«

Perling las jetzt den Brief aufmerksamer durch.

»Ins Feuer damit – ins Feuer damit!« rief Perling, den diesmal seine gewöhnliche Gemütsruhe verlassen hatte; »das ist ein Brandbrief, der selber brennen muß, sonst richtet er grenzenloses Unheil an.«

»Das Feuer brennt ja im Kamin. Das Papier wird rasch verkohlen, wie deine Hoffnungen und Wünsche.«

Perling warf das Papier in die Flammen.

Es war ein trüber, kalter Tag . . .

»Nicht einmal wärmen kann man sich an der Asche seiner darniedergebrannten Pläne und Aussichten,« sagte er, sich an den Kamin stellend.

»Du siehst, wir haben die Partie verloren.«

»Doch um Himmels willen, wie konnte sie wissen –«

»Es ist nicht anders möglich! Sie hat ein Gespenst gesehen. Das Gespenst warst du, als du zur Gartentüre hinausschlüpftest.«

»Aber, Berta – sie war auf dem Ball – vielleicht gerade bei ihrer Rückkehr –«

342 »Sie war längst zurück, als du den Garten verließest.«

»Und Ella, Ella . . .«

»Sie ist meine Tochter . . . sie wird schweigen . . .«

»Doch für mich ist sie jetzt für immer verloren,« rief Perling, und es war in der Tat ein Ausbruch der Verzweiflung. Das schöne Mädchen mochte verschwinden wie eine Lichterscheinung, die sein Leben erhellt hätte; aber hinter ihr ging in Flammen auf sein Hab und Gut, sein schöner Besitz – und er sah, wie hinter ihm Boglar stand mit dem fatalen Schnurrbart, ihm die Hand auf die Schulter legte und ihm zukrächzte . . .

»Jetzt gehörst du mir!«

Es trat eine Pause ein; doch wenn die Gedanken der beiden hätten Gestalt annehmen können – sie wären wie Larven durch das Zimmer gehuscht, mit unheimlichem Flug das Licht des Tages verdunkelnd.

Da trat der Kommerzienrat Sauber ein.

»Was ist denn geschehen, Schwester? Mein Inspektor berichtet mir, Ella ist draußen auf meinem Schloß gewesen; von dort habe er sie mit einer anderen Dame auf die Bahn fahren lassen; sie hatte es dringlichst gewünscht, ja befohlen.«

»Weiß Gott, was dem Mädchen in den Sinn gekommen ist; sie hat die merkwürdigsten Launen,« versetzte Sidonie.

»Ganz wie Ihre Schachdame, Herr Kommerzienrat,« sagte Perling, der eine ungezwungene Laune zur Schau tragen wollte; »bald schlägt sie rechts, bald schlägt sie links; bald nimmt sie einen Turm beim Wickel, bald einen Läufer.«

»Doch nur wenn sie ungedeckt sind,« sagte der Kommerzienrat.

343 »Gewiß,« versetzte der Baron; »den Frauen gegenüber muß man immer seine Deckung haben.«

»Doch sage mir, Sidonie,« sagte Sauber, »Ella ist keine Romanprinzessin, die in die Welt hinausabenteuert! Was könnte sie zu einer so plötzlichen Abreise bewegen, so ohne Abschied von Verwandten und Bekannten? Was hat sie dir gesagt?«

»Mir, nichts,« sagte Sidonie, indem sie sich die wirren Locken zurückstrich.

»Das ist doch höchst auffallend!«

»Ja, man ist in diesem Leben immer Überraschungen ausgesetzt, auch wenn man alt wird.«

»Das kann dir freilich nicht passieren,« versetzte Sauber mit der Liebenswürdigkeit des galanten Bruders, »du bleibst immer jung; freilich auch darum, daß du dir keine grauen Haare wachsen läßt, selbst wo es sehr am Platze wäre; denn dich scheint diese plötzliche Abreise deiner Tochter wenig zu kümmern.«

»Das Gesetz erlaubt ihr einen eigenen Willen zu haben. So kann ich's ihr nicht wehren.«

»Doch wie, wenn dadurch ein Schatten auf unsere Familie fällt? Wir müssen makellos dastehn, Sidonie! Du weißt, ich habe erst neuerdings einen Orden erhalten; man achtet bei Hof auf uns.«

»Und wenn Sie sechs Töchter hätten, Herr Kommerzienrat, die Ihnen alle durchgingen – das würde der Verleihung eines zweiten Ordens nicht im Wege stehn; ja, Sie hätten sogar Aussicht auf eine höhere Klasse, wenn diese Töchter vorsichtig genug wären, mit Fürstlichkeiten durchzugehen.«

»Doch wovon sprechen denn die Herren? Der Inspektor meines Bruders wird doch kein Lügner sein. Ella ist ja nicht mit einem Mann, sondern mit einer 344 Dame in die Welt hinausgefahren. Sie wahrt gewiß das Geheimnis einer Freundin; sie opfert sich stets für ihre Freundinnen. Beruhigen Sie sich, meine Herren! Ich selbst mache mir keine Sorge, sie kommt vielleicht bald zurück.«

»So kommen Sie, Baron! Wir wollen zusammen frühstücken! Mir ist der Schreck in die Glieder gefahren! Es wird sich ja alles bald aufklären. Bei Lamberti sind frische Austern angekommen – und seine Witwe Cliquot ist so kühl, wie nur irgend eine Witwe sein kann. Ich meine, das ist sonst kein leichtes Ding. An dich denk' ich nicht, Sidonie! Doch vollende nur – deine Toilette – sie hat's nötig. Wahrhaftig, wir haben dich überrascht! Kommen Sie, Baron! Brüder und Hausfreunde sind wie die Lakaien – man geniert sich nicht vor ihnen.«

Und den Baron unter den Arm fassend, verließ Sauber das Zimmer, das Gesicht strahlend von der frohen Aussicht auf ein delikates Frühstück, während sein Genosse durch allerlei Witzhaschereien die böse Stimmung zu verdecken suchte, die ihn nach seiner letzten Niederlage beherrschte.

Während Sidonie Schweiger sich bemühte, ihre Toilette in Ordnung zu bringen, trat Berta ein, etwas blaß von durchschwärmter Nacht, und einen müden Zug im Gesicht, wie ihn der Champagnerrausch oft am nächsten Tage zurückläßt. Auch sie war noch im Schlafrock, aber es war ein Meisterwerk der Konfektion, und von einem Luxus, wie es sich für die Familie Schweiger und ihre Vermögensverhältnisse ziemte.

»Was sind denn das für Geschichten?« sagte sie, »Ella ist fort, ohne Abschied. Das ist ja ein Skandal! 345 So wird man's wenigstens nennen in unseren gebildeten Kreisen – und da bekomme ich auch etwas davon ab! Denn wenn eine von uns in eine Pfütze tritt, da wird gleich die ganze Familie bespritzt.«

»Warum ein Skandal?« versetzte Sidonie, die im Frisiermantel vor dem Spiegel saß und sich die Haare zurechtsteckte.

»Die plötzliche Abreise zur Nachtzeit . . .«

»Davon braucht ja niemand etwas zu wissen! Sie ist eben verreist, noch dazu mit einer Freundin, und wenn die Züge des Nachts abgehen, da reist man eben des Nachts ab. Doch wie ich höre, ist sie erst vor kurzem im hellen Sonnenschein abgefahren. Das will ich selbst ruhig aller Welt, selbst unserer reichsunmittelbaren Prinzessin erzählen, die ja wie eine Mimose ihre Blätter zusammenfaltet, wenn sie irgend eine taktlose Berührung streift. Ich bin überzeugt, daß sie dies ganz in der Ordnung finden und ihr keine Gräte von unserem Hecht im Halse stecken bleiben wird, wenn sie dies bei Tisch erfährt.«

»Doch wohin ist sie gereist?«

»Das weiß ich nicht, doch man gibt irgend ein Seebad an, Abbazia oder sonst einen Ort im Süden. Etwas weit von hier; denn so bald wird sie wohl nicht zurückkommen. Ihr Rundreisebillet wird hier niemand kontrollieren können.«

»Mama,« sagte Berta, indem sie sich auf der Causeuse ausstreckte und mit ihren Füßchen einen Walzertakt in die Lüfte trippelte, »ich bin noch etwas verschlafen; meine Tanzkarte zeigte gestern keine Lücke – und dann die vielen Extratouren – der Zitzelwitz ist wie ein Unsinniger mit mir durch den Ballsaal gewirbelt und galoppiert. Er bringt mich noch ins 346 Gerede mit seinem himmelwärts strebenden Schnurrbart, der gleichsam vor aller Welt das Gewehr präsentiert. Es ist aber nichts dahinter – weder hinter dem Schnurrbart, noch hinter dem ganzen Zitzelwitz, noch hinter dem albernen Gerede. Es war ganz schön gestern, heute aber ist alles so triste. Ich muß gähnen, das ist der Rest! Alles Glück auf Erden endet damit, daß man den Mund aufreißt und dem Himmel ins Angesicht gähnt!«

»Du bist heute recht weltmüde, wie es scheint.«

»Ja, das färbt ab! Ich kenne einen Philosophen, doch er trägt keine Uniform – der sieht alles so schwarz, pechkohlrabenschwarz! Doch ich bin schläfrig und vergesse, was ich eben sagen wollte! Ja, Mama, wegen der Ella – da bist du jedenfalls schuld, Mama!«

»Was fällt dir ein?«

»Du wolltest ihr diesen Perling aufdrängen, da hast du's nun! Sie nimmt Reißaus – und ich hätte es auch getan. Und wenn du mir den Perling oder den Zitzelwitz oder einen anderen blaublütigen Kavalier par ordre de Mufti zum ehelichen Gemahl verordnen wolltest – ich ginge ebenfalls durch, nicht bloß nach Abbazia, bis in die Wüste Sahara, wenn es sein müßte; denn ich glaube eher auf einem Kamel ins Himmelreich zu kommen, als im Arm eines Mitglieds der uniformierten oder nichtuniformierten jeunesse dorée, die immer so schöne Taillen haben wie du, Mama!«

Die Geheimrätin hatte eben ihren Frisiermantel abgeworfen und prüfte im Spiegel ihre zugleich schlanke und üppige Taille.

»Mir hast du davon gar nichts mit auf den 347 Weg gegeben, du neidische Mama, die uns in Schatten stellen will! Die Ella freilich hat mehr davon bekommen als ich – und das ist sehr ungerecht, da sie auch noch mehr im Kopfe hat als unsereins.«

»Ihr seid ungehorsame Töchter! Es ist eine schwere Arbeit, euch unter die Haube zu bringen!«

»Glaub's wohl, Mama! Wenn's nur die rechte Haube ist . . . doch bei Ella war sie's nicht! Darüber muß ich noch nachdenken, wenn ich ausgeschlafen habe. Ich gehe wieder auf mein Zimmer, Mama! Entschuldige mich heute bei Tisch! Es ist besser, wir fehlen beide, Ella und ich! Da fällt's nicht so sehr auf, als wenn die eine fehlt. Du hast famose Nerven, Mama! Das mit der Ella – es ist doch eine sehr aufregende Geschichte!«

Berta ging auf ihr Zimmer und schlief sich aus. Im Halbschlaf entwarf sie allerlei Pläne und beim Erwachen stand es ihr bereits fest, was sie zu tun hatte. Sie mußte um jeden Preis wissen, wohin Ella geflüchtet und ob Edgar dabei seine Hand im Spiele habe. Da war Doktor Biesner der rechte Mann, der konnte und sollte Auskunft geben. Es war nur ein wenig genant, ihn immer zu einem Stelldichein einzuladen, wenn ein solches Stelldichein auch nichts weniger war als ein Rendezvous, sondern nur eine geschäftsmäßige Beratung, zu welcher die schwesterliche Liebe den Anlaß gab. Nicht der Schatten eines Verdachtes konnte auf solche harmlose Begegnungen fallen, noch dazu mit einem Philosophen, dem das ganze weibliche Geschlecht höchst überflüssig erschien; denn wenn ohne dasselbe auch die ganze Menschheit zugrunde ging – was war ihm daran gelegen?

Doch die Begegnung mußte eine zufällige sein, 348 an einem gänzlich unverdächtigen Ort – und so kam Berta auf den Gedanken, den Doktor Biesner auf den Johannisfriedhof zu einem Gespräch einzuladen, und zwar für den Mittag des folgenden Tages, um zwölf Uhr – eine höchst nüchterne und prosaische Zeit, wo kein Mensch an ein Liebesabenteuer denkt, wo die Lebenden essen und wo sie die Toten in Ruhe lassen und sie nicht mit Blumenkränzen, Gebeten, Tränen und sonstigem Hokuspokus stören. Sie wollte ihn anfangs ins Professorenviertel laden; da lagen die gelehrten Herren friedlich beisammen, so oft sie sich auch im Leben gestritten hatten; schöne marmorne Denksteine kündeten ihren Ruhm, und wenn der Vorübergehende ein ehemaliger Student war, so dachte er wehmütig der von ihren Kathedern herniedertriefenden Weisheit, und noch wehmütiger der noch immer nicht bezahlten Kollegiengelder. Doch Berta kam von diesem Gedanken wieder ab – ruhte doch ihr eigener Vater hier unter den anderen Unsterblichen, und wer weiß, mit welchen Augen er das Rendezvous angesehen hätte. So bestimmte sie denn einen entlegeneren Winkel des Kirchhofs, wo allerlei Buschwerk zwischen den Gräbern armer Leute wucherte, zu dieser Begegnung. Hier stand am Wege die sehr primitive Büste eines Lokaldichters, welche seine Freunde von einem zu ihrem Kreise gehörigen Bildhauer hatten ausmeißeln lassen, neben den ungegitterten Armeleutegräbern, eine sehr bescheidene Zier – hatte doch auch das Grab des Dichters noch kein Gitter erhalten. Bei seinem Bildnis aber sollte der Doktor der Philosophie auf die Briefstellerin warten.

Biesner mußte über das Briefchen lachen, das noch dazu von einem schwarzen Trauerrande 349 eingefaßt war. Als er am nächsten Tage dort ankam, sah er eine schwarzgekleidete Schöne bei der Büste des seligen Dichters stehen, welche sich durch eine scharfherausgemeißelte Nase auszeichnete; es war Berta.

»Ich habe eben sehr wehmütige Gedanken,« sagte sie zu dem herantretenden Philosophen, »der Ruhm im Winkel, um den sich niemand kümmert, als die Insekten, die darauf herumkrabbeln und ihn beschmutzen! Dem Ruhm auf den öffentlichen Plätzen der Hauptstädte geht es oft nicht besser; doch da sieht man die Insekten nicht. Sie sehen, ich bin ganz in einer Stimmung, die mich berechtigt, Ihnen freundschaftlichst die Hand zu reichen.«

Biesner schlug lächelnd ein.

»Aber wie kommen Sie auf den Einfall, mich hierher zu bestellen, ins Reich der Toten?«

»Ich wußte, daß Sie hierher kommen würden; denn Ihre ganze Philosophie ist doch nur ein großer Kirchhof und Sie selbst machen in der Tat den Eindruck eines Totengräbers.«

»Aber, mein Fräulein!«

»Nicht im Kostüm, da haben Sie sich verbessert. Sie müssen jetzt einen besseren Schneider haben; nein, Ihre Mienen sind meistens so düster, als ob Sie mit dem Spaten einen Schädel zerklopften; die ganze Weltgeschichte ist ja eine große Schädelstatt! Das sagte mir Ella, die hat es einem berühmten Philosophen abgeguckt, und ich freue mich, Ihnen diese triste Gedankenblüte überreichen zu können, zugleich mit dieser schwarzen Rose, die Sie sich als Ihr Wappen ins Knopfloch stecken mögen. Die schwarzen Rosen 350 wachsen übrigens auf keinem Stengel, sie sind gefärbt – und passen zur Färbung Ihrer Seele!«

»Ich danke Ihnen, Fräulein! Doch eine rote Rose wäre mir heute lieber.«

»Das ist etwas Ordinäres, dergleichen gibt's Hunderttausende! Ein Philosoph muß etwas Apartes haben.«

»Ich glaube indes nicht, daß Sie mich hierher bestellt haben, um mir eine schwarze Rose zu überreichen.«

»Und wenn ich nun in die Geheimnisse Ihrer Weisheit eindringen wollte, und Sie deshalb hierher beschieden hätte, wo mich alles an das Nichts gemahnt, welches der Inbegriff derselben ist? Denn es ist wirklich ein fataler Gedanke, daß wir uns alle hier wieder im Erdboden verkrümeln sollen, aus dem wir hervorgekrochen. Wie das alles hier durcheinander liegt, ein Nichts, das die Erde verschluckt, die alten Generäle und die jungen Leutnants, trotz der Rangliste ganz dieselben Knochen und Gebeine, kluge Professoren und dumme Privatdozenten, die nicht so alt wurden, um kluge Professoren zu werden, junge hübsche Mädchen und alte häßliche Mamsells, unberühmte und berühmte Leute wie dieser Dichter hier, der jetzt seine riesige, von den Mücken tätowierte Nase in die Lüfte hinausstreckt, während sein weiland Riecher von Fleisch und Blut drunten mit seinem anderen körperlichen Plunder längst vermodert ist. Nichts, nichts, nichts! Das ist das Ende vom Liede! Sie Mann der schwarzen Rose – bin ich jetzt reif für Ihre Philosophie?«

»Sie sind eine gelehrige Schülerin und machen gute Fortschritte. Sie erkennen dieselbe mit den 351 Worten an, aber Sie widerlegen mich durch die Tat. Sie sind das Leben selbst – und Ihr ganzes Wesen verdirbt die Lust, ins Nirwana unterzutauchen. Das aber glaub' ich Ihnen nicht, daß Sie hierher gekommen sind, um mit mir über gelehrte Dinge zu disputieren. Nein, da steckt noch etwas anderes dahinter – heraus damit!«

»Sie haben recht – Sie kennen uns Mädchen! Trotz aller Gymnasien, Lyzeen und Universitäten stecken wir die Nase nicht bloß in die Bücher, sondern auch in andere Dinge, die uns mehr interessieren – und so glänzend die Einbände sein mögen, wir lieben doch noch mehr das Ungebundene. In der Tat, ich habe eine Frage an Sie, Herr Doktor.«

»Ich werde sie gewissenhaft beantworten, wie ein vereideter Zeuge.«

»Wissen Sie, daß meine Schwester Ella das Weite gesucht hat?«

»Ich weiß es.«

»Weiß es Ihr Freund, Doktor Edgar Guttmann?«

»Ja, denn von ihm stammt meine Wissenschaft!«

»Ist Ihr Freund gegenwärtig noch in unserer guten Stadt anwesend?«

»Ich komme eben von ihm!«

»Gott sei Dank,« rief Berta mit erleichtertem Herzen, »also keine Entführung, kein Skandal.«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Wenn ein Mädchen fortläuft, ist's schon Skandal genug, doch wenn ein Mann dabei ist, da gibt's keine Gnade! Und wohin ist Ella geflüchtet?«

Biesner zögerte mit der Antwort.

»Wir wissen's nicht; Sie aber wissen es, denn 352 Edgar weiß jedenfalls alles – und Sie sind ja unzertrennlich wie die siamesischen Zwillinge.«

»In der Tat, Edgar hat heute früh einen Brief von Ella erhalten, doch ich habe nicht das Recht, die Geheimnisse meines Freundes auszuplaudern.«

»Ein Zeuge darf nichts verschweigen; sonst packt ihn die Justiz beim Kragen, doch ich will Ihnen ein Zugeständnis machen! Haben Sie Vertrauen zu mir?«

»Das muß ich mir erst überlegen!«

»Sie glauben, ich bin ein Firlefanz, doch das ist nur ein Schein! Man kann sich auf mich verlassen; die Geheimnisse meiner Freundinnen sind bei mir aufs beste aufgehoben und ich habe nur Freundinnen, welche Geheimnisse haben. Die anderen langweiligen Dinger lasse ich laufen. Ich gebe Ihnen mein Wort. Was Sie mir sagen werden, soll niemand anders erfahren; ich wahre es in einer verborgensten Schublade auf, wo ich die Liebesabenteuer zweier verheirateter Freundinnen deponiert habe.«

»Nun denn, ich glaube Ihnen. Ihre Schwester ist mit Fräulein Lietner zu Edgars Mutter an die Riviera gereist.«

»Ich danke Ihnen! Das ist nett von ihr! Ich bin beruhigt.«

»Und ich bin nun in Gnaden entlassen?«

»In Gnaden – ich verteile keine Orden, doch meiner Huld sind Sie gewiß. Sie haben alle meine Wünsche erfüllt; Sie sind hierher gekommen, Sie haben auf meine Fragen geantwortet – o was für gute Menschen diese bösen Philosophen sind! So hab' ich nur noch einen Wunsch – ich schwöre bei den 353 Gebeinen dieses unsterblichen Dichters hier; ich habe den Wunsch, daß auch endlich Sie einmal wünschen möchten, mit mir zusammenzukommen, und nicht in der Abteilung Sieben des Johannisfriedhofs; denn ich plaudere mit Ihnen herzlich gern, und es fehlt mir sonst etwas, und rot streich' ich in meinem Kalender die Tage an, wo ich mit Ihnen gesprochen habe. Das kann ich Ihnen alles mit großer Gemütsruhe sagen, denn ich weiß, daß dies Ihnen so gleichgültig ist, als wenn es ein Spatz auf dem Dache zwitscherte. Leben Sie wohl, Sie Menschenfeind, Sie Weiberfeind, Sie grämlicher Philosoph – und – wenn Sie sich bessern wollten, so würden Sie mir damit einen großen Gefallen tun.«

Berta nahm Abschied mit einem Hofknix; Doktor Biesner hatte Worte auf den Lippen, welche von seiner Absicht sich zu bessern ein unzweideutiges Zeugnis abgelegt hätten. Doch das war gerade kein philosophisches Thema – und so redefertig er war, wenn es galt, einen Satz der Weltweisheit zu verteidigen, so schwer konnte er sich entschließen, irgend einer Regung seines Gemütes einen wärmeren Ausdruck zu geben. Dann ärgerte er sich wieder, daß er den Augenblick vorübergehen ließ, wo er doch vielleicht dem allerliebsten Mädchen nähertreten konnte. Schopenhauer und Hartmann hatten doch nicht ganz recht; er wollte in seinen durchschossenen Exemplaren an den betreffenden Stellen, wo sie von den Frauen und der Liebe sprachen, einige Glossen machen, die er aus eigener Erfahrung geschöpft. Die Liebe gehört doch mehr in die Erfahrungswissenschaften, als in die Metaphysik. Diese Einsicht war das Ergebnis seiner Begegnung mit Berta; aber sie hatte noch ein anderes. 354 Er dachte daran, doch vielleicht an diesen neckischen Kobold, der ihm trotz aller Spöttereien offenbar eine warme Neigung entgegenbrachte, die folgenschwere Frage zu richten, ob sie es wagen wollte, einen verdüsterten Philosophen durch dauernden uneingeschränkten Verkehr wieder zur Lebensfreude zu bekehren? Und wenn sie »Ja« sagte, dann wollte er die düster brennende Lampe in seiner Klause auslöschen und seine ganze Villa sollte fröhlich und festlich illuminiert werden.

 


 

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.