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Rudolf von Gottschal: Parasiten - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleParasiten
authorRudolf von Gottschall
year1906
firstpub1906
publisherAlfred Schall
addressBerlin
titleParasiten
pages435
created20141220
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Buch

Erstes Kapitel

Noch hatte Tardini seine Wohnung im Vordergebäude des Prinzenhofs inne; er mußte noch seine Frist bis zum Quartalsschluß abwohnen, und so lange dauerten auch noch seine kontraktlichen Verpflichtungen als Hausverwalter; er vermied es freilich so viel wie möglich dem Hausherrn seinen Besuch zu machen, um nicht Anastasia zu begegnen; denn er wäre ebenso gern auf eine Natter getreten; er wußte, daß die Empfindungen der alten Jungfrau gegen ihn diejenigen der auf einen Biß lauernden Schlange waren.

Er war inzwischen in die Redaktion der »Bremse« eingetreten; seine ersten Artikel hatten aber nicht den Beifall der »Petroleuse« gefunden.

»Das ist lauter philosophischer Tratsch, alter Junge,« sagte sie, »damit lockt man keinen Hund aus dem Ofen. Du mußt mehr ins Zeug gehn; du hast von der Anarchie noch keine rechten Begriffe. Anarchie ist, wenn alles drunter und drüber geht. Du und mein Bruder, ihr seid Salonanarchisten; dafür bezahlen euch unsere Leute nicht! Ihr müßt eure waschblauen Seelen rot anstreichen, da hilft schon nichts. 325 Ihr müßt dem Volke schmeicheln, wenn es euch auch gegen den Strich geht; dafür bezahlen sie ihren Arbeitergroschen. Ich will eurer lahmen Intelligenz auf die Beine helfen. Was man nicht ins Land hinausschreien kann, das sagt man nur durch die Blume. Dazu ist auch die Weltgeschichte, die sonst nicht viel taugt, gut genug. Schreibe einmal eine Biographie von Marat. Das war ein ganzer Kerl, den das hysterische, dumme Frauenzimmer, die Charlotte Corday, umbrachte. Zwischen den Zeilen muß man lesen: das war ein Anarchist comme il faut! Solche Leute können wir brauchen.«

»Das war ein Fanatiker,« versetzte Tardini, »und wir wollen nicht Sklaven des Fanatismus sein. Und mit der Gleichmacherei ist in der Welt nichts getan; auch das Reich des ewigen Friedens ist eine Utopie. Wir Menschen sind einmal dazu geschaffen, uns gegenseitig auf die Hühneraugen zu treten. Das ist der Kampf ums Dasein. Doch sein eigner Herr soll jeder sein.«

»Larifari,« versetzte Lambertine, »erst muß alles umgestürzt werden, sonst bleibt das eine Illusion. Alter Kerl, du hast eine Scheu vor der Tat, vor der großen Bewegung, vor Blut und Eisen, wie der Mann mit den Kürassierstiefeln sagte, der alles zusammentrat, damit der Weizen der Hohenzollern blühen konnte. Wer zu unserer Partei gehört, der darf keine Zeile schreiben, für die er nicht das Los derjenigen teilen müßte, die in St. Petersburg, im Reich des weißen Zaren oder in der herrlichen freien Republik am Galgen zu baumeln das Recht hätten.«

»So weit bringen wir's freilich nicht,« sagte Tardini, »dafür sorgt schon die Polizei, die unsere 326 Schriften und unsere Reden überwacht. Ohne Zugeständnisse kommen wir keinen Schritt weiter.«

»Gewiß! Doch euch gefallen gerade diese Zugeständnisse; das ist so das Fahrwasser, in dem ihr mit eurem Fischblut herumplätschert.«

Auch in eine Parteiversammlung mußte Tardini seinen Freund Meisler und die Petroleuse begleiten. Nicht groß war die Zahl der Anwesenden. Wenn auch die Bluse überwog, so war doch auch der Frack vertreten; nicht der verschossene Kellnerfrack, sondern der verschossene Frack der Kandidaten, in dem sie durch das Examen gefallen waren. Meisler sprach salbungsvoll von den sittlichen Zielen der Anarchie. Darauf ergreift Tardini das Wort; er war kein gewandter Redner wie Meisler; er stockte bisweilen; er wußte nicht, wie er sich in die Anschauungen dieser Leute hineinfinden und wie er sich wieder herauswinden sollte, ohne daß der überwachende Beamte ihm ganz den Faden seiner Rede abschnitt. Doch man schob es auf seine Unkenntnis der deutschen Sprache. Ein Italiener – das war an sich eine gute Empfehlung; denn von den Orsinibomben bis zu den neuesten Dolchstichen hatten die Italiener die Chronik anarchistischer Greueltaten vor allen bereichert und kaum die Nihilisten aus der Schule Bakunins konnten mit ihnen wetteifern. Auch gelang es ihm, einige Kühnheiten in seine Rede hinzuschleudern, welche explodierten und den Beifall des Publikums fanden, ohne daß der Beamte es für nötig befunden hätte, einzuschreiten.

»Alter Kerl,« sagte Lambertine beim Nachhausegehn, »du hast dich erträglich aus der Affäre gezogen; doch das ist noch nicht das Rechte! Man erwartet 327 mehr von dir – vor allem die Frauen. Hast du nicht gesehen, wie dich die Fräulein Doktor Mindhart, die auch solch eine mißratene Philosophin ist, wie die glotzäugige Miene Drosch, die mit ihrem Froschgesicht ein ganzer Racker ist, wie die semmelblonde, butterweiche Rieke Truhen, welche trotz ihres Engelsgesichtes ganz gern Bomben zum Kaisermorde in ihrer Schürze trüge, wie sie alle an deinen Lippen hingen? Du bist in der Tat ein ganz stattlicher Kerl, wenn auch über die erste Jugend hinaus, und wenn du noch etwas röter wärst – sie alle würden dem feurigen Moloch in die Arme sinken. Doch das werde ich nicht zugeben, denn die Petroleuse hat das erste Recht auf dich!«

Tardini selbst aber empfand an diesem Abend ein schmerzliches Ungenügen. Er hatte sich doch in eine Gesellschaft begeben, in die er nicht recht paßte; ein inneres Widerstreben regte sich immer heftiger in ihm. Die Reize dieser Anarchistinnen vermochten ihn nicht zu fesseln, und er bedauerte schon, sich gebunden zu haben.

Zu seinem Brotherrn Eusebius Boglar begab er sich am Ende der Woche, um eine Abrechnung vorzunehmen; es war das ein Besuch, dem er sich nicht entziehen konnte. Eusebius hatte von Anastasia Berichte über Tardini erhalten, welche denselben im ungünstigsten Lichte erscheinen ließen; sie räumte ein, sich grenzenlos in diesem Menschen geirrt zu haben. Tardini war mit seinem Rückzug indes den bösen Absichten Boglars zuvorgekommen. Beim letzten Besuche desselben hatte dieser ihm sein ganzes Mißvergnügen entgegengekrächzt; der Affekt steigerte stets seine Heiserkeit; er hatte ihm gesagt: »Was meine 328 Mieter sonst tun und treiben, ist mir höchst gleichgültig, wenn sie nur pünktlich ihre Miete bezahlen; ich dulde daher auch den Meisler mit seiner verrückten Schwester; er mag redigieren was er will und schreiben was er will – darüber hat die Polizei zu wachen und zu entscheiden. Ich habe sogar einmal ein Darlehen an ihn riskiert, das er mir zurückgezahlt hat mit allen Zinsen, welche dem Risiko entsprachen; man kann sich solche Leute gefallen lassen, auch wenn in ihren Köpfen noch so viel hirnverbranntes Zeug spukt. Doch wer mir hier den Prinzenhof verwalten soll, den ich von allem insolventen Elend nicht fernhalten kann, der muß eine konservative Gesinnung haben; denn ich muß mit der Polizei und mit den Behörden auf gutem Fuße stehen, da sie mir das Pack in Ordnung halten sollen. Sie sind zu den Umstürzlern übergegangen. Sie hätten, wie mir meine Schwester Anastasia mitteilte, jetzt sehr verkehrte Ansichten über alles, was der Menschheit nottut, obschon Sie doch früher ausnehmenden Menschenverstand besessen haben, und ihn auch dadurch beweisen, daß Sie meiner Kündigung zuvorgekommen sind. Es tut mir leid, daß ich Ihren täglichen Umgang entbehren muß; auch Anastasia gibt ja zu, daß Sie Bildung besitzen; doch sie meint auch, daß Sie unsere Freundschaft mit Undank belohnen; denn schon aus Rücksicht auf uns durften Sie nicht mit Umstürzlern gemeinsame Sache machen. Sie haben ja auch die Bekehrungsversuche meiner guten Schwester schroff zurückgewiesen.«

Tardini wußte zwar nichts von solchen Bekehrungsversuchen, doch er schwieg zu dieser Anklage und verteidigte nur die edle Gesinnung und 329 Überzeugungstreue, deren er sich rühmte, die jedes Opfer zu bringen imstande sei.

Wenn so der Bruch zwischen Tardini und seinem Brotherrn sich in freundlicher Weise vollzogen hatte, so machte die Abwicklung des Geschäftlichen weiter keine Schwierigkeiten; doch er erfuhr von dem Bedienten, daß Herr Boglar unwohl sei und im Bette liege; es sei indes bereits eine Dame bei ihm angemeldet worden, die ihn in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünsche; er ließ bitten, sie möchte im Salon auf ihn warten; es sei also sicher, daß Herr Boglar aufstehen und Toilette machen würde, und dies nehme nicht allzuviel Zeit fort, da Herr Boglar von jeder weltlichen Eitelkeit frei sei. Der Bediente begleitete diese Worte mit dem frommen Augenaufschlag, den er sich angewöhnt hatte beim Verkehr mit den Sendlingen der Missionsanstalten, besonders wenn er Fräulein Anastasia aus dem Wagen hob vor dem großen Tor der Inneren Mission, wo er nicht hinter den Männern mit den schwarzen Röcken und weißen Krawatten zurückstehen wollte, die auch bei allen profanen Verrichtungen ein so andächtiges Gebaren zur Schau stellten.

»Herr Tardini,« fügte er hinzu, »werden am besten tun, ebenfalls im Salon zu warten, obschon die Dame das Recht hat, zuerst zur Audienz zugelassen zu werden.«

Tardini befolgte diesen Ratschlag und trat in den Salon. Da stand die stattliche Dame und kehrte ihm den Rücken zu; sie war ins Anschauen eines Bildes vertieft, welches Christus auf dem Ölberg darstellte; sie drehte sich auch nicht um, als die Türe hinter ihr ging. Tardini konnte mit Muße die 330 imposante Gestalt bewundern, wenn er auch nur den Revers der Münze sah.

Die Dame wandte nun ihre Aufmerksamkeit einem daneben hängenden zweiten Bilde zu – und erst nach aufmerksamer Betrachtung desselben drehte sie sich um und warf einen beobachtenden Blick auf Tardini, den dieser mit einer höflichen Verbeugung erwiderte.

Einen Augenblick sahen sich die beiden in die Augen, fragend, forschend, überrascht; ein Stück Vergangenheit wurde wie durch einen Blitz erhellt und tauchte gleichmäßig für beide aus dem Dunkel auf. Eine lange Reihe von Jahren lag dazwischen; aber beide waren keine weichen Naturen, die sich wie Wachs von der Zeit einschmelzen lassen; sie hatten ihre unverkennbare Eigenart durch die Jahre hindurch behauptet. Das Alter hatte an ihnen herumgebostelt, doch es nicht herausgebracht über einige Schnörkel und Farbennüancen; sie waren beide noch in den Jahren der ungebrochenen Kraft, wenn auch der Schmelz der Jugend verloren gegangen war.

Die Überraschung der Dame war indes keineswegs eine freudige; wie ein leises Frösteln überrieselte es ihre Glieder, ihre Züge; sie war von einem leichten Schreck erfaßt, den sie aber energisch darniederhielt.

»Ich bin erstaunt – Sie sind es, Herr Steger? Was in aller Welt führt Sie wieder hierher?«

»Vielleicht Heimweh, wenn Sie es erlauben; denn ich bin von früher gewöhnt, meine Gefühle von Ihnen plombieren zu lassen, um sie zollfrei über die Grenze zu bringen.«

Die Dame ging auf diese Bemerkung nicht ein; 331 mit einer gewissen Hast suchte sie Klarheit zu gewinnen über den wichtigsten Punkt, der ihre Befürchtungen erregt hatte.

»So ist Frau Guttmann wohl mit Ihnen hier?«

»Nein, sie trägt längst einen anderen Namen.«

»Den Ihrigen nicht?«

»Dazu kam es nicht! Sie hat einen Engländer geheiratet und lebt wahrscheinlich im Londoner Nebel.«

Ein Seufzer der Erleichterung hob die Brust der stattlichen Dame.

»Mein Name ist übrigens seit längerer Zeit Tardini und Sie würden mir einen Gefallen tun, wenn Sie mein Inkognito nicht lüften wollten.«

»Wohl alte Sünden, alte Schulden?« versetzte die Dame mit spöttischem Lächeln.

»Sie irren – doch ich habe mich mit dem italienischen Namen hier in Kreise eingeführt, die ich nicht durch unnötige Enthüllungen verwirren möchte.«

»Ich werde Ihren Wunsch erfüllen! Sie haben mich für Ihre Feindin gehalten, ich bin es nie gewesen und bin es auch jetzt nicht.«

»So dank' ich Ihnen, Frau Wandow!«

Maria Magdalene musterte den früheren Hauslehrer von Sonsdorf mit Wohlgefallen.

»Der Italiener steht Ihnen ganz gut! Sie sind männlicher geworden. Sie waren damals ein schüchterner Deutscher, schüchtern in Ihrem Wesen und Auftreten, verwegen und schamlos nur in Ihrer Liebe!«

»Frau Wandow . . .«

»Ich habe Sie damals nicht entmutigt; die junge Frau freilich sah in mir nur den Störenfried, verfolgte mich mit giftigem Haß, weil Herr Guttmann mir ein unbegrenztes Vertrauen schenkte. Und diese 332 Gefühle hat sie natürlich auch Ihnen eingeflößt. Sie sahen in mir ein weibliches Ungeheuer mit Hörnern und Krallen.«

»Nun, so schlimm war es doch gerade nicht! Sie erschienen mir als eine gefährliche, aber gerade nicht abschreckende Dame!«

»Ich würde Ihnen damals für dieses Kompliment dankbar gewesen sein.«

»Damals? Lassen wir das Datum fort, so bleibt es zu Recht bestehen!«

»Wie mein Dank! Ich leugne es nicht; Frau Guttmann war mir damals unausstehlich geworden; diese Angst um die Herrschaft im Hause, diese krankhaften Eifersüchteleien, diese Empfindlichkeiten, dieser fanatische Haß gegen mich. Ich hatte einmal das Heft in Händen; sie verstand nichts von der Wirtschaft. Beide zusammen konnten wir nicht im Hause bleiben, eine von uns mußte den Platz räumen. Und da können Sie mir's nicht verdenken, wenn ich sie verdrängte.«

»Ich denke jetzt sehr ruhig über alle diese Vorgänge.«

»Und ich habe ihr den Weg, auf dem sie von dannen zog, mit Rosen bestreut. Haben Sie denn nicht bemerkt, wie sehr ich Ihre Liebe begünstigte, wie ich alle Hindernisse beseitigte, wenn Sie ungestört mit ihr zusammen sein wollten? Mit großem Behagen betrachtete ich die wachsende Neigung, die Liebe, die Leidenschaft der jungen Frau vom Hause! Und ich fand dies alles gar nicht so unvernünftig; denn Sie gefielen auch mir. Ich begünstigte Ihren Verkehr; aber ich berichtete auch darüber. Da folgten wilde Ehestandsszenen; da kam, was kommen mußte 333 zum Glück für alle! Frau Guttmann verließ das Haus. Ich muß es Ihnen jetzt sagen: Sie waren nicht mein Feind, Sie waren nur ein Werkzeug in meiner Hand.«

Tardini wollte aufbrausen; er fühlte sich gedemütigt durch diese Enthüllungen, die ihn in seinen eignen Augen herabsetzten.

»Ich dachte, das alles liege weit hinter Ihnen, wie ein Märchen, das die Großmama beim Spinnrad erzählt hat. Und wenn Sie sich recht besinnen, so müssen Sie doch zugeben, daß ich Ihnen zum irdischen Glück verholfen habe; denn ich habe Ihnen gegeben, was Sie in Ihrem Liebeswahnsinn begehrten. Daß Sie's nicht besser bewahrt haben, ist nicht meine Schuld!«

Der Bediente trat ein. Herr Boglar sei bereit, Frau Wandow zu sprechen.

»Ich hätte Ihnen noch manches zu erzählen vom jetzigen Stand der Dinge in Schöndorf,« sagte sie, »doch dies ist nicht der Ort. Bannen wir zunächst die alte Feindschaft durch einen Waffenstillstand, dem ja dann ein vielleicht vorteilhafter Friedensschluß folgen kann. Wenn es Ihnen recht ist, werde ich Sie zu einem Gespräch einladen unten am Fluß, wo unsere Bleichplätze sind. Dahinter sind parkartige Anlagen im Wäldchen und auf einer der dortigen Ruhebänke werde ich Sie zur festgesetzten Stunde erwarten. Auch Sie haben mir ja viel zu erzählen von Ihrem Liebesabenteuer. Ihre früheren Schüler in Sonsdorf sind jetzt recht impertinente Bengel geworden.«

»Sie hatten immer Anlage dazu,« versetzte Tardini, »wohl, ich werde kommen.«

334 »Ich muß jetzt hier ein Geschäft besorgen. Es hapert etwas in unserer Wirtschaft; wir brauchen rasch Geld; hier fließt ja immer die Quelle und hohe Zinsen zu zahlen sind wir bereit.«

Die hochgewachsene Herrin von Schöndorf streckte Tardini die Hand zum Abschiede entgegen und auch der alte Groll sollte damit verabschiedet werden. Er verhielt sich nicht ablehnend gegen den Wunsch der Versöhnung, der aus Wort und Blick der stolzen Dame sprach.

Er mußte sich gestehen, daß sie durch die Energie ihres Charakters und ihres Verstandes Eindruck auf ihn gemacht hatte, und als er nicht lange darauf mit Eusebius und seiner frommen Schwester Anastasia in geschäftlichen Berechnungen beisammensaß, da fiel ihm doch die abschreckende Dürftigkeit in der Ausstattung auf, welche die Natur dieser spindeldürren und ihm jetzt spinnefeindlichen Jungfrau mit auf den Weg gegeben, wenn er damit die üppige Leibesfülle und Gliederpracht verglich, durch welche die majestätische Frau Wandow selbst manche begnadete Weiblichkeit aus den höheren Ständen in Schatten stellte. Anastasia würde freilich mit Recht an ihr aussetzen, daß sie keine Bildung besitze; doch so hoch er auch die Bildung des Geistes schätzte – ein schöngebildeter Körper hat auch seine Meriten, und die Wagschale mit den seelischen Qualitäten schnellt oft hoch in die Höhe, wenn in der anderen eine Fülle körperlicher Vorzüge liegt. So dachte der Anarchist Tardini, und wo er mit diesen Gedanken hinauswollte, das wußte er selbst noch nicht. 335

 


 

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