Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Rudolf von Gottschal: Parasiten - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleParasiten
authorRudolf von Gottschall
year1906
firstpub1906
publisherAlfred Schall
addressBerlin
titleParasiten
pages435
created20141220
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel

Die Kommerzienrätin Spange, bei welcher Hannchen Lietner als Gesellschafterin einquartiert war, hatte allerlei merkwürdige Schrullen, in welchen sie 283 von ihrem Gatten, einem nichtssagenden Ziffern- und Klubmenschen, in keiner Weise gestört wurde. Da sie keine Kinder hatte, so fiel auch dies Hindernis fort, das sie aus dem Reich ihrer aparten Geschmacksrichtungen ins alltägliche Leben zurückgerufen hätte. Eine Zeitlang war sie auf den Sport versessen; sie radelte, sie spielte Lawn Tennis, lauter Vergnüglichkeiten, die, wie die böse Welt meinte, mehr für die heiratsfähige Jugend paßten, als für eine betitelte Dame, zu welcher das ganze Rauchwarengeschäft mit besonderer Hochachtung emporsah; denn der Mann war einer der ersten Pelz-Millionäre. Bei allem diesen Sport war die Frau Geheimrat Lobach ihre Begleiterin, die sich austoben mußte; denn sonst hielt sie es nicht aus in ihren vier Pfählen bei einem bisweilen tobsüchtigen Mann.

Dann aber kamen wieder stille Wochen, wo Frau Spange dem Sport vollständig entsagte, ruhig in ihrem Zimmer saß, verschiedenartige Nervenzufälle hatte, dem Hausarzt Beschäftigung gab, und dem Gatten, wenn er sichtbar wurde, ihr Leid klagte. Herr Spange bedauerte sie, da sie es wünschte, allerdings nur einige Minuten lang; er stand da, den Hut in der Hand herumdrehend, und betrachtete sein Heim nur als eine Haltestelle zwischen dem Kontor und dem Klub, wohin er alsbald abdampfte, sobald die teure Gattin das Gepäck und die Last, die sie auf der Seele trug, bei ihm abgeladen hatte. In diesen Monaten blieb auch Frau Lobach aus; sie hatte für den Jammer der Menschheit keinen aufgeschlossenen Sinn, und nichts war ihr mehr zuwider, als die Krankenstube.

Da war nun die neue Gesellschafterin an ihrem 284 Platze; sie war das lebende Wesen, das ausharren mußte in dieser mit Nervosität geladenen Atmosphäre; sie sprach mit Frau Spange französisch und italienisch und hatte das Recht, die Fehler der Gebieterin zu korrigieren, ein Recht, von dem sie nur bescheidenen Gebrauch machte, denn sonst wäre vor lauter Korrekturen keine Unterhaltung zustande gekommen. Denn so viele Phrasen und Vokabeln Frau Spange hervorsprudelte, die Grammatik machte sie nervös und sie lebte mit ihr auf gespanntem Fuße. Auch vorlesen mußte Fräulein Lietner oft stundenlang, und das war keine leichte Arbeit für eine Dame von feinerer Geschmacksbildung. Frau Spange liebte den literarischen Hautgout. Es war in der Stadt eine alte Leihbibliothek, welche nicht bloß das Neue und Neueste enthielt, sondern auch altererbten Lesekram aus dem vorigen Jahrhundert. Die Klassiker wurden damals wenig gelesen, desto mehr die Ritter- und Räuberromane, der Rinaldini und Abällino, und der Dolch in der Brust der Nonne und andere Geschichten aus den Schauergewölben der alten Burgen. Das war auch die Lektüre der Frau Spange; die Leihbibliothekare mußten den Staub von ihren verborgensten Scharteken klopfen, die kein Mensch in die Hand nahm, außer die Kommerzienrätin; ja, um ihretwillen gaben sie den Plan auf, diese alten Schätze als Makulatur einzustampfen. Cramer, Spieß, Vulpius – diese Männer sind nicht berühmt geworden; doch der Ruhm ist Zufall, meinte Frau Spange, und sie schob es auf die buchhändlerische Reklame, die bei Schiller und Goethe erfolgreicher und besser eingerichtet gewesen sei. Die Zeitgenossen hätten nur Langeweile bei der Lektüre dieser Dichtungen empfunden und dieselben bereitwillig 285 der Nachwelt überlassen; sie aber lasse sich kein X für ein U machen. Der Moderduft der Leihbibliotheken wirke wohltuend auf ihre Nerven, so daß die Erschütterung durch den aufregenden Inhalt ihnen keinen Schaden tun könne. Und gerade diese alten Drucke hätten etwas Ehrwürdiges, während die sogenannten Klassiker ja in hundert verschiedenen modernen Ausgaben erschienen seien und man sie wie allen erdenklichen bunten Kram auf dem Jahrmarkt kaufen könne.

Fräulein Lietner wagte indes zu widersprechen; sie hütete sich dabei wohl auf die künstlerische Bedeutung der Klassiker einzugehen; sie ließ diese ganz aus dem Spiele und empfahl nur die neuen und neuesten Schriftsteller.

»Wenn es Ihnen nicht gerade auf den Moderduft und die Kaffeeflecke ankommt, so können Sie auch bei den Modernen auf Ihre Kosten kommen; Räuber und Ritter kommen zwar in diesen Romanen nicht vor, aber an Raub, Mord und Gewalttat fehlt es nicht. Im Grunde ist's immer dasselbe; ein Jahrhundert schreibt das andere ab, nur das Kostüm wechselt. Ich verpflichte mich Ihnen mehrere Bände der schönsten französischen Romane zu verschaffen, in denen es an nervenerschütternden Begebenheiten nicht fehlt. Nur ist alles nicht so dick ausgepinselt, weder das Gruselige noch das Üppige, aber alles mit so seiner Kunst ausgemalt, daß es uns durch Mark und Bein geht. Eine Mimili von Clauren und eine Marketenderin von Julius von Voß feiern hier ihre Auferstehung, doch der Holzschnitt ist zum Kupferstich geworden; die feine Linie wirkt aber mehr als der grobe Strich.«

»Wohl denn, ich will's versuchen;« meinte die 286 Kommerzienrätin, »bringen Sie mir einige Bücher von dieser Sorte, aber recht spannend müssen die Geschichten sein und keine Lektüre für Töchter gebildeter Stände. Ich habe glücklicherweise keine und kann die Bücher überall herumliegen lassen. Was Sie aber betrifft, Fräulein Lietner, Sie gehen gewiß gerne mit mir durch dick und dünn; Sie sind so weit in der Welt herumgekommen, daß Sie wissen, wie der Hase läuft.«

Frau Geheimrat Lobach ließ sich anmelden. Es war die Kaffeestunde, und Hannchen wurde hinausgeschickt, um dafür zu sorgen, daß der Mokka zubereitet und aufgetischt wurde.

»Du hast dich lange nicht bei mir sehen lassen, liebe Sophie,« sagte Frau Spange.

»Du machtest ja wieder deine Schmerzenstage durch; du weißt, ich bin eine schlechte Trösterin, ich radle lieber so viele Kilometer ab, als meine Lunge irgend verstattet.«

»Doch du wirst dir deinen herrlichen Teint verderben.«

»Der ist unverwüstlich; ich bin und bleibe das alabasterne Weib, wie mich ein törichter Verehrer nannte! Ich hörte, daß deine Leidenszeit vorüber ist, daß du gestern wieder beim Lawn Tennisspiel erschienst, und wir können also unseren gemeinsamen Sport wieder aufnehmen. Gestern war ich verhindert, ich war auf dem Gericht.«

»Was suchtest du denn bei der hohen Justiz?«

»Mein gutes Recht – ich will mich scheiden lassen.«

»Um Himmels willen, Sophie . . .«

»Du erschrickst doch nicht etwa darüber? Wozu 287 haben wir unsere guten Staatseinrichtungen? Auf den Standesämtern wird die Ehe geschlossen, auf den Gerichten wird sie geschieden. Das ist nur etwas umständlicher, wie ich jetzt sehe, und man muß sich einen ganzen Terminkalender anlegen, wenn man solch eine Kreatur von Ehemann loswerden will.«

»Und warum willst du dich scheiden lassen; ist er dir untreu geworden?«

»Du lieber Gott, da käme ich aus dem Scheidenlassen gar nicht heraus! Nein, nein, mißhandelt hat er mich, geschlagen, geohrfeigt; wir sind doch keine Sklavinnen.«

»Und woher kam der eheliche Zwist?«

»Aus törichter Eifersucht! Man kann doch auch andere Leute liebenswürdig finden, die von dem Standesamt nicht patentiert worden sind; man ist doch nicht blind, man wird doch nicht zum Maulwurf, wenn man in eine solche dunkle Ehe hineinkriecht! Doch ich wollte dich heute abholen zum Lawn Tennisspiel.«

»Sogleich – erst trinke noch eine Tasse Kaffee mit mir! Meine neue Gesellschafterin hat sie schon bestellt.«

»Wohl das hübsche Mädchen, dem ich draußen auf dem Flur begegnet bin?«

»Sie ist nicht übel, doch nicht allzujung, wie du bei besserer Beleuchtung erkennen wirst!«

»Und wer hat dir das Dämchen verschrieben?«

»Es ist eine Empfehlung von Kommerzienrat Sauber.«

»Ei, ei, der sorgt wohl für seine Liebschaften!«

»Wie kannst du so etwas denken? Er selber kennt sie gar nicht; es ist eine Empfehlung aus zweiter Hand. Sie kommt von weit her, von der Riviera, 288 wo sie sich als Lehrerin der französischen und englischen Sprache aufhielt.«

»Und die Empfehlung aus erster Hand?«

»Ging von einem Herrn aus, der ja auch in deinem Salon verkehrt – von dem Baron Perling.«

Frau Lobach erschrak.

»Dem Baron Perling? Der hat doch kein Gesindevermietungsbureau! Solche Gesellschafterinnen rechnet man doch zum Gesinde.«

»Er hat sie zufällig in Bordighera kennen gelernt.«

»Wohl eine Hotelbekanntschaft – Nachbarschaft an der Table d'hote, das Zimmer vis-a-vis; nun, ich muß sagen, auf eine solche Empfehlung hin hätte ich mir keinen dienstbaren Geist engagiert.«

»Doch ich bin mit der jungen Dame sehr zufrieden.«

»Er war's gewiß auch.«

»Ich glaubte, du gäbst etwas auf das Urteil des Barons.«

»Wo es sich um Frauen handelt, hört die Menschenkenntnis der Männer auf. Hat er noch nicht seine Visitenkarte bei dir abgegeben?«

»Eine ganz flüchtige Reisebekanntschaft, doch er hatte viel Gutes von ihr gehört.«

Hannchen Lietner trat ein, ein Bedienter hinter ihr, der den Kaffee brachte.

Frau Spange stellte ihre Gesellschafterin der Freundin vor, die sie mit einer kaum merklichen Neigung des Kopfes begrüßte und dabei mit drohenden Blicken musterte.

Die kleine Gesellschaft hatte sich um den Kaffeetisch gesetzt, Frau Spange und Frau Lobach auf das 289 Sofa, Hannchen auf einen Stuhl. Frau Lobach war etwas nervös; die Tasse schwankte ein wenig in ihrer Hand.

»Wir haben, wie ich höre, einen gemeinsamen Bekannten, den Baron Perling.«

»Leider nur eine ganz oberflächliche Bekanntschaft.«

»Leider? Er gefällt Ihnen wohl?«

»Gewiß, er ist ein Kavalier von angenehmen Formen und vielem Geist. So schien mir's wenigstens.«

»Der Schein hat Sie nicht betrogen, und so sind Sie ihm nachgereist, um ihn genauer kennen zu lernen? Man muß nichts halb in der Welt tun.«

»Nachgereist? Ich verstehe Sie nicht, gnädige Frau!«

»Aber, Sophie,« versetzte Frau Spange mit leisem Vorwurf.

»Man hat mir ein Anerbieten gemacht, das ich nicht ablehnen wollte, und ich freue mich, es angenommen zu haben. In der Frau Kommerzienrätin habe ich eine wohlwollende Beschützerin gefunden, und dem Baron bin ich dankbar für seine Vermittlung.«

»Dank? O dafür sind diese Herren sehr empfänglich. Es ist schön, wenn man so viel Gemüt hat, wie Sie zu haben scheinen, und wenn man erhaltene Wohltaten nicht vergißt.«

Jetzt wandte sich Sophie Lobach ihrer Freundin zu, unterhielt sich mit ihr über die letzten Vorgänge in der Gesellschaft, und kümmerte sich wenig um Hannchen, als wäre sie ein überflüssiges Möbel im Salon.

Dann rüsteten sich die Damen zum Lawn Tennisspiel. Die Kommerzienrätin, die sich das auffällige 290 Benehmen ihrer Freundin nicht erklären konnte, sagte zu Hannchen in liebenswürdigem Ton:

»Sie wollten ja einige Besorgungen machen; ich beurlaube Sie gern auf einige Stunden. Auf Wiedersehen, Fräulein Lietner!«

Unbekümmert um die feindliche Haltung der Geheimrätin eilte Hannchen auf ihr Zimmer, setzte sich einen flotten Hut auf, den sie Tags vorher gekauft, und machte sich auf den Weg zu Doktor Guttmann, dessen Adresse sie nachgeschlagen und gefunden hatte.

Ihr schlug das Herz; sie sollte den Sohn ihrer Freundin kennen lernen; sie hoffte Trostreiches und Erfreuliches an sie berichten zu können. An einer schmucken Villa in der Gartenstraße las sie die im Adreßbuch angegebene Nummer. Nun, in Not und Elend lebte der junge Gelehrte sicher nicht. Diese mit Riesentöpfen, mit Orangenbäumen und Oleandersträuchern besetzte Terrasse, diese mit wildem Weinlaub umrankte Veranda, der ganze stattliche Bau mit dem künstlerischen Schmuck des Giebelfeldes, das war das Heim, in welchem kein geistiger Proletarier wohnen konnte. Der Besitzer mußte reich, aber auch der Mieter wohlhabend sein.

Max und Edgar saßen am großen Tisch des mittleren Salons, Karten und Bilder vor sich und Manuskripte. Edgar hatte ein großes Reisewerk verfaßt, und dafür einen vornehmen und freigebigen Verleger gefunden, der ihm ein bedeutendes Honorar zahlte, und das Werk selbst mit Bildern, Karten, Tafeln jeder Art glänzend ausstatten wollte. Er saß mit seinem Freunde zusammen, das Material prüfend, das zur Verwendung kommen sollte, und eine wohlerwogene Auswahl zu treffen. Im stillen hegte 291 er die Hoffnung, sich damit einen Lehrstuhl in einer Nachbaruniversität erwerben zu können, wo ein früherer Lehrer und Gönner eine einflußreiche Professur bekleidete. Der Freund teilte seine Hoffnung.

»Du hast ja eine Pflanzenspezies entdeckt und wirst auch für die Physiologie der Pflanzen einige wichtige Beiträge liefern können. Darüber schreibe ein Werk, das dir die venia legendi, vielleicht eine Professur verschafft. Nur nicht zu geistreich, lieber Freund! Die Fachwissenschaften vertragen keinen Geist; das muß alles solid gearbeitet und über den alten Leisten geschlagen sein.«

»Wissen ohne Geist – da ist man doch nur ein Lagerhalter.«

»Den Geist spare für deine Studenten auf, wenn du ihnen Vorlesungen hältst! Jetzt hast du es nur mit den Professoren zu tun; die wollen nur einen fleißigen Mitarbeiter, keinen Übermenschen, und dafür halten sie dich, wenn du zu sehr deinen Geist leuchten läßt.«

Ein Bedienter tritt ein und gibt Edgar eine Karte:

»Johanna Lietner – eine ganz fremde Dame.«

Sie wurde in den Salon geführt, wo Edgar sie empfing.

»Was verschafft mir die Ehre?«

Er sah mit fragenden Blicken auf die junge Dame, die er geneigt war für eine Dame der Halbwelt zu halten; so keck hatte sie den mit Blumenschmuck überladenen Hut aufgesetzt. Und sie war ein stattliches Exemplar dieser Spezies: üppig, blühend, vielleicht gemachte Blüte, resolut in ihrem Wesen, eroberungslustig.

292 »Ich bin die Gesellschafterin der Frau Kommerzienrat Spange.«

Sofort korrigierte Edgar seine beleidigende Vermutung. Frau Spange hatte übrigens keine glückliche Wahl getroffen; eine Gesellschafterin muß ein bescheidenes Pflänzchen sein, das im Schatten blüht. Doch diese Dame konnte ihre Herrin und Gebieterin selbst in Schatten stellen.

»Sie haben also einen Auftrag der Frau Kommerzienrätin an mich?«

»Keineswegs, Herr Doktor! Was mich zu Ihnen führt, sind persönliche Angelegenheiten.«

»Wenn ich Ihnen nützlich sein kann . . .«

»Angelegenheiten, die nicht meine Person, sondern die Ihrige betreffen.«

»Ihr Name ist mir ganz unbekannt.«

»Ich komme von der Riviera; ich war in Bordighera Lehrerin der neuen Sprachen.«

»Das erklärt mir aber durchaus nicht den Anteil, den Sie gerade an mir zu nehmen scheinen.«

»Er rührt auch nicht von heute, nicht von gestern her. Ist alles in Ihrem Leben so klar und durchsichtig? Kann nicht aus dem Dunkel der Vergangenheit sich irgend eine Gestalt aufrichten, die ein Recht hat, nach Ihnen zu fragen, Ihnen eine Botschaft zu senden?«

Edgar dachte an eine Studentenliebe; er hatte ein Mädchen verlassen, weil es ihm untreu geworden war; sollte es sich um eine reuige Sünderin, oder um eine zudringliche Bittstellerin handeln?

»Wenn wir einmal mit dem Vergangenen abgeschlossen haben,« sagte er, »so kann es uns nur noch wie ein Gespenst bei hellem Tageslicht erscheinen. 293 Klara mag Ihre Freundin sein, doch Sie tun nicht wohl daran, solche Gespenster wieder heraufzubeschwören.«

»Sie irren, Herr Doktor;« sagte Hannchen lächelnd, »ich kenne Ihre Gespenster nicht, auch nicht jene Klara, die gewiß ein liebenswürdiges junges Mädchen war; ich komme im Auftrag einer anderen Freundin mich nach Ihnen zu erkundigen, Ihnen einen Gruß zu bringen.«

»Ich blättere vergeblich im Album meiner Erinnerungen.«

»Einer Dame in Bordighera, die mit inniger Liebe an Ihnen hängt.«

»Ich wüßte nicht –«

»Eine Mrs. Bower!«

Edgar blickte jetzt argwöhnisch auf seine Besucherin – war das irgend eine Intrige? War es auf eine Erpressung abgesehen?

»Da liegt irgend ein Mißverständnis zugrunde, eine Verwechslung, deren Opfer wir beide zu sein scheinen. Ich kenne keine Mrs. Bower; ich habe für die englischen Ladies stets wenig Sympathien gehabt und bin ihnen stets aus dem Wege gegangen. Auch wenn ich an Bord desselben Schiffes mit ihnen verweilte, was mir ja öfter begegnete, da die Töchter dieser Nation wie Amphibien auf dem Wasser heimisch sind, wie auf dem Lande – auch da hatte ich nichts mit ihnen gemein, als die Seekrankheit.«

Hannchen lachte so unbefangen fröhlich, daß Edgar sich sagen mußte, eine Intrigantin ist diese lustige Schöne nicht.

»Da haben Sie aber schlimme Erfahrungen gemacht. Ich kenne viele junge Misses, so reizend, so 294 blühend; Shakespeare, Byron könnten sich ihre Heldinnen nicht anmutiger denken, und ich kenne Ladies, wilde Fuchsjägerinnen, jeder Zoll eine Amazone, blendende Schönheiten.«

»Prüde Damen . . .«

»Der Schein trügt –«

»Fromm und kirchlich gesinnt.«

»Orthodox vielleicht im Glauben, aber Freigeister in der Liebe. Vielleicht war's ein Glück für Sie, daß ein solcher Komet nicht Ihre Bahnen gekreuzt hat.«

Nun, an Keckheit, einen solchen Kometen zu spielen, schien es der jungen Dame nicht zu fehlen. Doch sie schlug plötzlich einen anderen Ton an, ernst, fast feierlich.

»Was aber Mrs. Bower betrifft, so ist sie eine Deutsche, ja, Herr Doktor, lassen Sie alles beiseite, was Sie an flüchtige Liebeshändel erinnert, alles, was die Frauen als willkommene Beute der Männer erscheinen läßt. Das wäre hier Entweihung, der Dame gegenüber, in deren Namen ich zu Ihnen spreche. Nur die Erinnerung Ihrer Kindheit, Ihrer ersten Jugend mögen wieder aufleuchten in Ihrem Gemüt, und ihr Zauber mag das Wort verklären, das jetzt auf meinen Lippen schwebt. Herr Doktor Guttmann, ich spreche zu Ihnen im Namen – Ihrer Mutter!«

Das war ein zündendes Wort; Edgar sprang auf, ergriff die Hand seiner Besucherin.

»Das ist Wahrheit, volle Wahrheit? Und Sie kennen meine Mutter?«

»Ich darf wohl sagen, daß sie seit langen Jahren meine Freundin ist.«

Da war die Dame in Edgars Augen auf einmal verwandelt, keine abenteuernde Schönheit, eine 295 Botin, welche Grüße und Segenswünsche bringt, ein Schutzgeist . . . und er wunderte sich fast, daß sie nicht Flügel an den Schultern trug.

»Meine Mutter . . . geben Sie mir Ihre Hand, die so oft in der Hand meiner Mutter gelegen! Und das ist kein Märchen . . . das ist schöner als alle Märchen meiner Kindheit, die mir bisweilen noch durch die Seele summen. Sie werden mir von ihr erzählen, viel, alles! Wir wissen ja nichts von ihr.«

»Ich kann nur sagen, daß sie den einen Fehltritt ihres Lebens aufrichtig bereut.«

»Vor kurzem erst habe ich begreifen lernen, was sie von hier fortgetrieben, leider in so unwürdiger Gesellschaft.«

»Der Schändliche hat sie schmachvoll verlassen, als sie ihm zur Last geworden, und mühsam hat sie sich durch das Leben gekämpft.«

»Und jetzt – und jetzt . . .«

»Ein reicher Engländer lernte sie in Bordighera kennen, machte sie zu seiner Frau, trotz des Widerspruchs der ganzen, ihr feindlich gesinnten Familie. Und so weilte sie mehrere Jahre in London, doch nun traf sie ein schweres Unglück. Der Gatte, dessen Verhältnisse durch unglückliche Spekulationen zerrüttet wurden, wurde zum Spieler; in Monte Carlo verlor er den Rest seines Vermögens und nahm sich das Leben.«

»Und meine Mutter?«

»Lebt wie früher von dem Honorar für ihre Stunden; ich wies ihr meine Schülerinnen zu, als ich hierher berufen wurde.«

Edgar ging aufgeregt im Zimmer hin und her.

»Sie gab uns nie ein Lebenszeichen; sie wollte 296 vergessen, sie wollte verschollen sein. Uns war ihre Spur verloren . . . Ich selbst habe nie den Namen ihres Verführers erfahren; man wahrte im Hause darüber das tiefste Schweigen, doch daß sie auch mich so vergessen konnte, mich, den einzigen Sohn . . .«

»Sie fürchtete Ihr verdammendes Urteil, das war ja die große Qual ihres Lebens. O wie oft hat sie von Ihnen gesprochen, mit welcher Liebe, mit welcher Verzweiflung! Und alle Beziehungen zu ihrer Heimat waren abgebrochen . . . sie konnte nichts von Ihnen erfahren. Mehrmals aber las sie in den Blättern Ihren Namen, wo man Ihrer großen Reise gedachte. Die Tränen, die sie weinte – ich weiß nicht, ob es Tränen des Schmerzes oder Tränen der Freude waren. Und wenn ich jetzt eine Stelle annahm, die sich mir zufällig darbot, so bestimmte auch mich der heiße Wunsch dazu, der sich in diesem Augenblicke erfüllte; ich wollte meiner Freundin sagen können, ich habe deinen Sohn gesehen, und ich möchte gern hinzufügen, er denkt deiner nicht in Groll und Feindschaft, sondern in kindlicher Liebe!«

»Das dürfen Sie, bei Gott . . .«

»Und das muß ich Ihnen noch sagen: Ihre Mutter ist von größter Herzensgüte, und trotz aller schweren Schicksalsschläge, die sie betroffen haben, noch eine anmutige Frau. Es gibt eine unverwüstliche Schönheit, die das Herz ausstrahlt . . . und wir andern, mögen wir auch einige Jahre jünger sein, können nicht wetteifern mit dem Adel der Seele, der eine dauernde Jugend gibt.«

Edgar war tief bewegt; er drückte dankend der Freundin seiner Mutter die Hand; er versprach ihr seinen Besuch, um noch mehr von ihr zu hören. Als 297 er dann zu seinem Freunde zurückkehrte, da schloß er ihn in seine Arme, so daß der Philosoph ganz erstaunt war über diesen Ausbruch der Gefühle, zu dem ihm anfangs der Schlüssel fehlte.

»Ich habe Nachrichten von meiner Mutter,« sagte er, »gute Nachrichten, und die Arbeiten bei der Drucklegung meiner Schrift sollen mich nicht hindern, nach dem Süden zu reisen; ich habe eine heiße Sehnsucht, die lange versäumten Sohnespflichten zu erfüllen. Alles, was dazwischen liegt, soll vergessen sein, so denkt auch der Vater, so viel ich aus dem Wirrsal der Gedanken, in das er leider jetzt verstrickt ist, entziffern konnte!«

»Gewiß,« sagte Max, »ich bin ein Gegner jeder Sittenrichterei, auch wenn sie Vorgänge betrifft, die längst verjährt sind. Ich billige deinen Entschluß. Für den Sohn bleibt die Mutter eine Heilige – auch wenn sie eine Magdalene war und keine Maria. Die Südseeinsulaner können warten; Korrekturen will ich selbst besorgen, doch das eine vergiß nicht: unsere Abmachung mit Fräulein Schweiger.«

»Wie könnt' ich vergessen, was mich Tag und Nacht beschäftigt, was mein ganzes Herz erfüllt? Ich werde an meine Mutter schreiben; ich werde ihr einen Teil meines Honorars einschicken; ich werde ein baldiges Wiedersehen in Aussicht stellen, und hoffentlich reise ich dann zu ihr, ein tiefes Glück im Herzen, auf welchem ihr Segen ruhen kann.«

»Du fährst auf einmal mit vollen Segeln, lieber Freund! Glaube nicht, daß du so früh im Hafen ankommst! Du kennst die Launen der Weiber nicht, und deine Ella, so himmelhoch sie in deinen Träumereien stehen mag, ist doch nur ein sterbliches Weib 298 wie die anderen. Überweiber gibt es einmal nicht; sie wird dir schon noch manche Nuß zu knacken geben, diese Ella! Ich glaube, eine Schöne von den Fidschi-Inseln, die du hier so eingehend beschreibst, unterscheidet sich von einem europäischen Hoffräulein nicht im geringsten, was die Launen betrifft. Das Weib ist in jedem Klima dasselbe, ob es nach der neuesten Mode gekleidet ist oder ob es nackt einhergeht.«

Die Freunde setzten nun ihre Arbeit fort, die Prüfung des Manuskriptes, der Karten und Bilder. Doch Edgar war zerstreut, und Max sagte ärgerlich:

»Du scheinst mir den Löwenanteil der Mitarbeiterschaft an diesem umfangreichen Quarto zuzuwenden; du vergißt ganz, daß ich mich nur um deinetwillen für deine Reisebeschreibung interessiere; denn mir sind diese Wilden sehr gleichgültig, es ist doch immer dasselbe in der Welt, und was für Zieraten sie sich auch in die Nasen und in die Lippen bohren mögen – es sind dieselben braven Leute, wie unsere Ordensjäger, von denen sich manche auch ein Kreuz in die Nase bohren würden, wenn sie nur um solchen Preis diese Auszeichnung erhielten!«

Es verging ein Tag nach dem anderen; die Freunde wurden ungeduldig. Edgar benutzte diese Muße, um sich nach seiner Schutzbefohlenen umzusehen. Er hatte ihr ein Giebelstübchen in einem niedlichen Häuschen der Vorstadt gemietet; es lag mit mehreren anderen in einem Gartengrundstücke, unter knorrigen und verkrümmten Äpfel- und Birnbäumen, die jetzt sich mehr und mehr in Skelette verwandelten, nachdem der Mensch ihnen die Früchte und der Sturm die Blätter geraubt hatte.

Die Giebelfenster sahen hinweg über diese 299 verkrüppelten Baumzwerge, die aber mit manchem buckligen Genius gemein hatten, daß sie recht saftige Früchte trugen.

»Wie geht es, Suschen?« fragte Edgar, als er in das bescheidene Giebelstübchen trat, in welchem das Mädchen bei seiner Näharbeit saß. Alles um sie herum war frisch und sauber, und durch das geöffnete Fenster wehte eine kühle Herbstluft herein, welche Gesundheit atmete.

»Mir geht es recht gut,« sagte Suschen, »ich habe schon viel Arbeit erhalten. Die alten Kunden freuen sich, daß ich wieder zurück bin, und die so recht an mir hängen, haben auf mich gewartet.«

Da vernahm Edgar auf einmal den Ton einer Flöte, der über das struppige Geäst eines äpfellosen, zur Erde sich duckenden Apfelbaumes herüberkam, und am Giebelfenster des gegenüberliegenden Hauses stand ein junger Flötenspieler . . .

»Das war ja Kurt,« sagte Suschen. Sie sah dabei gar nicht von der Näharbeit auf; das war ja etwas Selbstverständliches.

Edgar mußte lachen.

»Das sind mir schöne Dinge . . . hat sich der Bursche hier schon wieder einquartiert!«

»Aber, Herr Doktor, hier ist's doch viel netter als im Prinzenhof! Zwar hatt' ich ihn dort näher, aber man sah wie in einen Abgrund hinunter. Hier, wenn ich den Vögelchen Krumen streue, nachdem sie draußen vom lieben Gott auf magere Kost gesetzt worden sind, und er spielt drüben die Flöte, da picken sie immer im Takt oder sie lauschen und schlagen mit den Flügelchen, und auch in mir regt sich's 300 dabei, als möcht' ich ausfliegen – weiß Gott wohin, in den blauen Himmel!«

»Nun, ich habe mich bei der Direktion des Konservatoriums nach dem jungen Mann erkundigt; er ist fleißig und talentvoll, wie ich höre; nur lehrt und predigt er gern.«

»Ach Gott, ja,« seufzte Suschen.

»Und er hat eine hohe Meinung von der Kunst, was in der Ordnung ist, und auch von sich selbst, was durchaus nicht nötig wäre.«

»Wenn die Künstler nichts von sich halten, dann ist's aus mit ihrer Kunst; das hat er mir immer vorgetragen und das glaub' ich auch. Ein Künstler, ob er auf den Saiten herumgeigt, oder in die Löcher pustet, muß sich immer für etwas Besseres halten, als andere Leute; sonst fehlt dem Arm die Kraft und es geht ihm die Puste aus; er muß fühlen, daß er gottbegnadet ist, wie Kurt immer sagt.«

»Nun, der gottbegnadete Jüngling soll ja jetzt auch einen lobenswerten Lebenswandel führen, während er früher sich mit einigen internationalen Liebschaften beschäftigte.«

»Was das für Liebschaften sind, verstehe ich nicht; doch wenn er einmal einer englischen Miß Augen machen sollte, da hat er es mit mir zu tun. Er muß Ordre parieren.«

»Und nun, was soll überhaupt daraus werden?«

»Was immer aus dergleichen in der Welt wird. Wir werden uns eben heiraten. Er kommt ins Stadtorchester.«

»Ich hörte allerdings davon,« warf Edgar ein.

»Da hat er festen Gehalt, und ich werde arbeiten wie bisher – vielleicht nicht ganz so viel; 301 man hat allerlei Abhaltungen in der Ehe; man muß kochen und sich liebhaben. Doch es wird schon gehen: ich nähe und er bläst; man sieht eben, wie man durch die Welt kommt.«

»Du bist ein braves Kind; ich werde dafür sorgen, daß du noch längere Zeit, auch in den ersten Jahren deiner Ehe, die Unterstützungen erhältst, die ich dir jetzt auszuzahlen in der Lage bin. Seid fleißig und artig, und heiratet bald, ich werde gern euer Trauzeuge sein.«

Mit einem herzlichen Händedruck schied Edgar; sie war so von innigen Dankesgefühlen beseelt, sie hätte ihm gern einen Kuß gegeben; doch Kurt konnte über das Notenpult und den Apfelbaum herüberschielen, und Kurt war so eifersüchtig, das hatte sie ihm noch nicht abgewöhnt. Ein Kuß ist doch kein Verbrechen; man küßt ja auch beim Pfänderspiele; aber Kurt wäre wie eine Rakete losgeprasselt, wenn er mit angesehen hätte, wie Suschen ihre Lippen einem anderen Sterblichen bot.

Edgar fand zu Hause seinen Freund bei bester Laune. Berta hatte ihm das längst erwartete Briefchen geschrieben; sie waren auf den nächsten Abend zu einem Souper beim Kommerzienrat Sauber eingeladen. Dem Onkel gefielen die beiden jungen Gelehrten sehr gut, und er teilte durchaus nicht die Abneigung seiner Schwester gegen dieselben. Ella und Berta hatten die wirtschaftlichen Anordnungen übernommen, und Sauber war so rücksichtsvoll, Bertas zarte Andeutungen zu verstehen. Die jungen Damen wollten auch etwas Unterhaltung haben; die Schachspieler aber kümmerten sich nur um die Damen auf ihrem Brette; die saßen da, festgebannt, und wenn 302 die Schönheiten des Olympos zu ihnen niedergestiegen wären, sie hätten den Apfel des Paris nur den drei Himmlischen in den Schoß oder an den Kopf geworfen und ruhig weitergespielt. Der Oberst Goehlen und Kammerherr von Reichen waren ältere Herren, von denen man keine zeitraubenden Galanterien erwarten durfte; der Markthelfer, der auch eingeladen war, wußte mit Salondamen nichts anzufangen, und der große Champion der Schachmeisterschaft dachte gering von den Frauen; sie spielten zwar auch Schach, aber dabei zeigte sich recht das geringere Gewicht ihres Gehirns; keine brachte es so weit, sich an den großen Weltturnieren beteiligen zu können. Berta hatte also recht, wenn sie den Onkel darauf aufmerksam machte, daß es ihrer Schwester und ihr an jeder Unterhaltung fehlen würde, weil diese Schachmänner alle festsäßen, wie die Fliegen in der Buttermilch, und alle ein Brett vor dem Kopfe hätten – das Schachbrett! Und so hatte Herr Sauber ein Einsehen, und lud den Doktor Guttmann und den Doktor Biesner ein, damit auch die Damen an diesem genußreichen Abend nicht ganz leer ausgingen.

Und günstiger hätte sich die ersehnte Begegnung nicht gestalten können. Der Schachkongreß war ja wie eine Taubstummenanstalt und eine Blindenanstalt zugleich. Die Herren hörten und sahen nichts von dem, was um sie her vorging. Der Kongreß selbst fand in dem großen von Kronleuchtern erhellten Saale des Schlosses statt. Daran schloß sich auf beiden Seiten eine Reihe von erleuchteten Gemächern mit Bildern, seltenen Möbeln und Pflanzen und lauschigen Plauderecken. Edgar sah eine Zeitlang dem Spiele zu; er entschuldigte sich damit, daß er nicht aufgelegt sei zu 303 einem großen Wettkampfe; es fehlte ein geladener Gast, und so hätte Edgar auch keinen Gegner gefunden, wenn nicht der Kommerzienrat das Feld geräumt und ihm Platz gemacht hätte; doch diese sich aufopfernde Gastfreundschaft wäre dem Mäcen des königlichen Spieles sehr schwer gefallen, und er dachte auch an seine Nichten, denen er doch die ausdrücklich für sie eingeladenen Gäste nicht abspenstig machen durfte. Und so wurde Edgars Entschuldigung mit stillem Danke angenommen, und der Gastgeber setzte sich an einen Schachtisch, um mit dem Obersten von Goehlen ein Königsgambit zu spielen. Siegesfreudige Heiterkeit sprach aus seinen Zügen, denn wann hätte der Obrist je eine Partie gewonnen?

Biesner aber war kein Freund des Schachspiels. Die Menschen hatten überhaupt heutzutage so wenig Verstand, und wenn sie im Schach und Skatspiel und anderen höchst überflüssigen Totschlägereien das bißchen konsumierten; was blieb dann übrig für irgend eine ernste Aufgabe, die doch auch gelegentlich an sie herantrat? Das Hasardspiel sei immer noch besser als diese nachdenklichen Spielvergnügungen; da mißbraucht man wenigstens keinen Geist, und außerdem sei es ein sinnvolles Bild des Lebens; die Dümmsten hätten oft das meiste Glück; ja; das größte Rhinozeros könne einen entscheidenden Schlag ausführen und die Bank sprengen. Und so seien auch oft die großen Siege von Feldherren erfochten worden, deren Intelligenz mit derjenigen eines Hazardspielers nicht wetteifern konnte.

Biesner spazierte in den Gemächern umher, in der Hoffnung, daß Berta bald auftauchen würde, und in der Tat, sie stand plötzlich vor ihm in dem einen 304 azurblauen Gemach, das mit einer Meeresgrotte große Ähnlichkeit hatte; sie war wie eine Nereide hinter den Schilfgewächsen hervorgetreten, die hier eine malerische Pflanzengruppe bildeten.

»Sie patrouillieren hin und her, Herr Doktor; Sie suchen ohne Zweifel mich selbst, nicht etwa aus Liebe – das könnte Ihnen der selige Schopenhauer nicht verzeihen, sondern nur um mit mir gemeinsam den anderen eine Stätte zu bereiten.«

»In der Tat, wir müssen dafür sorgen, daß Edgar und Ella sich ungestört begegnen können.«

»Und was würde der selige Schopenhauer dazu sagen, daß Sie für ein liebendes Paar sich bemühen! Er würde ein Gesicht machen, wie auf dem Bilde hier der Meergreis, der unter den Tritonen sitzt, höchst verdrießlich über das Benehmen eines Jüngers, der sich mit derartigen Geschichten einläßt, bei denen das mißgeborene Geschöpf, das Weib, eine Hauptrolle spielt! Nein, mein Herr Doktor, Sie müssen einige Seiten des Evangeliums Schopenhauer zusammenkleistern, wenn Sie auf solche Abwege geraten. Ich spreche nicht von mir; ich bin hier nur Ihr Kamerad bei einer nichtswürdigen Intrige, aber wie können Sie Ihren Freund bei solchen Torheiten unterstützen, die eines großen Denkers gänzlich unwürdig sind?«

»Nun, so viel dicke philosophische Bände ich auch durchstudiert habe, liebes Fräulein, ich bin mit all meiner Weisheit nicht redegewandt genug, um es mit Ihnen aufnehmen zu können.«

»O Sie geben sich nur nicht die Mühe! Sie können solch ein armes Insekt wie ich bin, sogleich mit Ihren Folianten totschlagen.«

305 »Es wäre schade um die schönen bunten Flügelchen.«

»Und nicht schade um das Köpfchen, dem Sie doch eben erst so schmeichelhafte Anerkennung gezollt haben? Doch so sind die Männer! Unser Köpfchen ist das einzige an uns, was sie nicht brauchen können. Ich will nicht sagen, daß es bei uns wie bei den Spargeln das einzig Genießbare ist; immerhin aber braucht man es nicht beiseite zu werfen, wie einen Zigarrenstummel. Doch plaudern wir nicht zu lange; wir vergessen unsere Pflicht.«

»Sie sind eine uneigennützige Schwester!«

»Und wäre ich eigennützig – was würde mir es nützen, mit einem Manne zu plaudern, der die Frauen verachtet? Das ist für ein weibliches Wesen doch kein Genuß! Wohl denn, diese Meeresgrotte, sie scheint mir ganz geeignet zu einem Rendezvous; alles still, das Schilf flüstert nicht einmal, die Posaunen der gemalten Tritonen sind verstopft, und die Nereiden sind so schweigsam, als wenn sie nicht zum weiblichen Geschlecht gehörten. In zehn Minuten soll Ella hier an meiner Stelle stehen, und Sie werden dafür sorgen, daß Doktor Guttmann an der Ihrigen steht. So, nun haben wir unsere Schuldigkeit getan, und ob wir beide uns in dieser Welt noch einmal sehen werden – das steht droben in den Sternen geschrieben; doch wir können's nicht lesen.«

Sie verschwand durch eine Tapetentür, während Doktor Biesner zu den Schachspielern zurückkehrte, und Edgar, der gerade mit Achselzucken ein kühnes Opfer des Obristen begleitete, die frohe Kunde mitteilte, daß er die Geliebte in zehn Minuten wiedersehen werde. Jetzt war Edgar unempfindlich für die genialsten Züge des 306 tapferen Militärs, der, nachdem ihm seine Offiziere fortgeschlagen worden waren, noch einen verzweifelten Guerillakrieg mit seinen Bauern führte. Bald gab er die Partie auf. Edgar sah mit Bangen der nächsten Zukunft entgegen: würde er seine Partie gewinnen oder verlieren?

Noch ein paar Minuten – und Ella stand ihm in der Meergrotte gegenüber.

»O wie gütig,« sagte er, »daß Sie meinen Wunsch erfüllen. So lange haben wir uns nicht gesehen, und schwer wie ein Alpdruck ruhte auf mir die Ungewißheit, ob ich Ihre Gunst verscherzt habe, vielleicht durch jene Tischgespräche, bei denen ich mich von meinem Eifer fortreißen ließ.«

Ella antwortete nicht sogleich; sie war beglückt ihn wiederzusehen, ihn sprechen zu hören; ihr ganzes Wesen stand unter seinem Bann.

»Gunst verscherzt sich nicht so leicht,« sagte sie dann, »und wenn sie auch einmal versagen muß, so ist es ein schmerzlicher Verzicht.«

Wechselnde Gefühle bewegten ihn bei diesen Worten, bange Fragen drängten sich ihm auf! Das klang ja nach einem warmen, herzlichen Anteil; doch auch wie ein Geständnis, daß sie ihn aufgeben müsse. Und so unnahbar sie ihm schien . . . ein warmes Aufleuchten ihrer Augen strafte diese Zurückhaltung Lügen. Und welch ein Liebreiz umgab ihr ganzes Wesen – dies Zarte, Feine, Durchgeistigte!

»Ich suche eine offene Aussprache mit Ihnen,« sagte Ella. »Sie allein können die Anklagen widerlegen, die man gegen Sie richtet. Es sind ja keine Beschuldigungen, welche abzuwehren Ihre Pflicht wäre, um vor der Welt fleckenlos dazustehn. Nur 307 mir will man Sie entfremden. Man sagt mir, daß Ihr Herz nicht mehr frei ist, daß Sie dasselbe einem jungen Mädchen geschenkt haben; man hat Sie hier im Walde, im Forsthaus mit ihm zusammen gesehen; Sie haben es von diesem Schloß aus in die Stadt entführt.«

Edgar lächelte – und dies Lächeln konnte jeden Verdacht entwaffnen.

»Solche Nachrede kümmert mich nicht und sollte auch Ihnen keinen Kummer machen. Von Liebe zu diesem aschblonden Suschen, einem durchaus harmlosen Kind, ist bei mir nicht die Rede. Ich sorge für das arme Mädchen und hatte auch schon immer im Sinn, es Ihrer Fürsorge zu empfehlen. Es handelt sich dabei um ein Geheimnis, das ich nicht verraten darf. Das kann ich Ihnen beschwören – meine Handlungsweise ist durchaus uneigennützig, der strengste Richter würde sie billigen; auch Sie, mein Fräulein, deren edler hoher Sinn mir das gerechteste Urteil verbürgt.«

Da ging ein freudiges Aufstrahlen über ihre Züge; es war, wie wenn eine Blume sich dem Sonnenlicht erschließt.

»Ich glaube Ihnen, Herr Doktor,« sagte sie und reichte Edgar die Hand. »Durch böse Zuträgereien habe ich auch von dem Unglück gehört, das Ihre Familie heimgesucht. Man will Sie damit in Acht und Bann erklären.«

»O liebe Freundin . . . Sie berühren damit allerdings eine wunde Stelle in meinem Leben, in meinem Herzen; und doch ist's mir ein freudig Gefühl, daß ich Ihnen mitteilen kann, was gerade jetzt mich im Innersten bewegt. Sie wissen, meine Mutter war 308 verschwunden vor Jahren, leider mit einem Liebhaber, doch sie flüchtete aus einer unwürdigen Lebenslage. Niemand im Hause durfte ihren Namen nennen, niemand nach ihr fragen. Und solche Frage wäre auch zwecklos gewesen; denn ihr Aufenthalt war unbekannt. Ich gewöhnte mich an den Gedanken, daß sie für uns verloren sei; doch im Herzen trug ich ihr Bild, und die Erinnerungen meiner Kinderjahre waren mir teuer. Da endlich, seit wenigen Tagen habe ich durch Zufall, durch ein Mädchen, das hier eine Stelle als Gesellschafterin angenommen, erfahren, wo sie weilt und wie es ihr ergangen. O, sie ist eine arme Dulderin – und ich hege ein grenzenloses Mitleid mit ihr. Seit jenem ersten Fehl, entschuldbar wegen der Ungunst der empörenden Verhältnisse, die ihren Sinn verwirren mußten, ist ihr Leben fleckenlos gewesen, aber vom Unglück verfolgt bis zum heutigen Tage. Sie können es mir nachfühlen, liebe Ella, wie es mich jetzt drängt, zu ihr zu eilen, ihr Trost zu bringen durch herzliche Liebe, ihr die Hand zu bieten, die sie wieder emporrichten soll, die Hand der kindlichen Liebe.«

In Ellas Augen stand eine Träne; sie dachte der eigenen Mutter, von der sie sich täglich weiter entfernte. Wie schön das Wiedersehen, das Wiederfinden . . . wie schmerzlich die Abwendung, der Bruch! Doch wenn Edgars geistige Bedeutung ihr Hochachtung und Zuneigung eingeflößt, so überzeugte sie sich jetzt von seiner Gemütstiefe, und wärmer noch schlug ihr Herz ihm entgegen.

»O wie man Sie verleumdet hat; das ist das Los der Edeln! Alles wird Ihnen zum Vorwurf gemacht und als Sünde angerechnet, auch die schönste 309 Tat, während die gemeine Gesinnung sich mit prunkenden Blüten schmückt, die nur der Sumpf geboren hat!«

»Liebe Ella! Sie erteilen mir mit diesen Worten einen Ritterschlag, der mich mit Stolz erfüllt. Doch fort mit diesem törichten Stolz . . . das ist's nämlich nicht, was ich in Ihrer Nähe empfinde! Weit darüber hinaus geht ein Gefühl, das mich glücklich machen würde, wenn es Erwiderung fände! Ja, Ella, ich liebe Sie! Es ist eine Liebe, welche die ganze Zukunft für sich verlangt; du bist die einzige, die alles besitzt, was mein Herz begehrt, begehren kann du liebes, herrliches Mädchen – willst du die Meine werden?«

»Ich will's,« sagte Ella mit der festen Entschlossenheit, welche nach langen stillen Erwägungen, stürmischen Gefühlsregungen und Herzenskämpfen das entscheidende Wort spricht, ein Wort voll sonniger Klarheit und seliger Zuversicht.

Und Edgar durfte die Geliebte ans Herz drücken.

 


 

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.