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Rudolf von Gottschal: Parasiten - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleParasiten
authorRudolf von Gottschall
year1906
firstpub1906
publisherAlfred Schall
addressBerlin
titleParasiten
pages435
created20141220
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel

Ein verpfuschtes Leben!

Wie viele kommen bei einigem Nachdenken zu diesem traurigen Ergebnis!

Auch Tardini, der, eine Zigarre rauchend, auf seinem Sofa saß und Abrechnung mit seiner Vergangenheit hielt.

Vor einer Viertelstunde hatte ihn ein Schüler verlassen, dem sich die Regeln der Grammatik durchaus nicht eintrichtern ließen und der die Sprache Dantes und Tassos durch einen haarsträubenden Dialekt um jeden melodischen Reiz brachte.

Und so kam einer nach dem anderen; es war eine Danaidenarbeit, in diese leeren Köpfe etwas hineinschöpfen zu wollen. Und fand sich unter den Schülerinnen einmal irgend ein reizendes Geschöpf, so nahm es Reißaus wie Suschen Miecke, und ihm blieben nur die reizlosen dürren Besen übrig, die sich ja auch unter der weiblichen Jugend so zahlreich finden.

Doch die Sprachstunden machten ihm am wenigsten Sorge; da war er doch sein eigener Herr, und es lag nichts Demütigendes darin. Ganz anders sein Verhältnis zu Herrn Boglar, seine Stellung als Hausverwalter – da mußte er alle Launen des heiser 243 krächzenden Hausherrn ertragen, der in der letzten Zeit oft sehr ungnädig gegen ihn war! Die Geschäfte gingen nicht nach Wunsch; Eusebius hatte große Verluste erlitten bei seinen Geldgeschäften und auch in seinen Häusern standen manche Zimmer leer. Frau Miecke hatte das Zimmer gekündigt, in welchem Suschen gewohnt, und es war Tardini nicht gelungen, einen neuen Mieter zu finden. Darin sah Eusebius einen Mangel an Gewandtheit und Umsicht, und er ließ es den Herrn entgelten, in dem er nur seinen Diener sah. Denn Herr ist, wer das Geld hat und das Geld gibt – das ist das moderne Sklaventum!

Das erwog Tardini im sinnenden Gemüte. Und wie muß der Sklave bei dem Geldherrn herumschmarotzen, um nicht seine Stelle zu verlieren! Manchmal gelingt es dem Schmarotzer zur Herrschaft zu gelangen, und den andern, die sich als seine Herren aufspielen, unbemerkt das Lebensblut auszusaugen. Er hatte keine solchen Erfolge aufzuweisen; er war immer ein dienstbarer Geist geblieben, mußte sich geschmeidig fügen, den Geldmenschen ihre Schwächen ablauschen und benutzen; um nur gelegentlich einmal in aller Stille über sie triumphieren zu können. Einmal nur im Leben hatte er ein Gefühl edler Freiheit gehabt, es war ein kurzer Liebesrausch; doch um so größer wurden die Drangsale der nächsten Zeit. Sein Schmarotzertum im Hause des Herrn Boglar hatte aber für ihn eine Folge, welche er sich kaum zu verzeihen vermochte; er hatte durch die Schwester den Bruder zu beherrschen gesucht, aber nicht daran gedacht, daß diese selbst ihm gefährlich werden konnte. Der Weihrauch, den er auf ihrem Altar verbrannte, war ihr zu Kopf gestiegen, und sie begann, in Herrn 244 Tardini nicht bloß einen Hausfreund, sondern einen Liebhaber zu sehen. Sie schmachtete ihn an in einer Weise, die ihm bald unerträglich wurde; er war kein Joseph, doch dieser Potiphar ließ er gerne seinen Mantel. Das waren unerquickliche Verhältnisse, die sich nicht zurechtrücken ließen; da gab es nur eine Rettung – die Flucht.

Tardini hatte in einem Bewohner des Prinzenhofs einen alten Studiengenossen gefunden und dieser, mit dem er oft in traulichen Gesprächen zusammengesessen, hatte ihm einen Vorschlag gemacht, der ihn angelegentlich beschäftigte. Die Sache war nicht ohne Bedenken und Gefahren; doch sie verschaffte ihm ein gutes Einkommen, und er kam aus einer Lebenslage heraus, die, wie er immer mehr empfand, seiner unwürdig war.

Und dies Gefühl von neuem zu steigern, meldete sich ein Besuch an, der ihm stets sehr unangenehm war. Es klopfte – und Anastasia, die Schwester seines Brotherrn und seine Beschützerin, trat ein.

Der Schutzengel sah sehr jugendlich aus; er war mit rosa Bändern und rosa Schleifen ausgeputzt, sie flatterten auch herab von einer Frisur, welche die silberweiße Kruste auf dem Scheitel möglichst verdeckte, und die roten Seitenlocken so zusammengekämmt hatte, daß die weißen Silberfäden nur matt hindurchschimmerten. Trotz des rauhen Herbstes draußen war ihr Gewand licht und luftig.

»Sie wünschen wieder eine italienische Lektion? Bitte, nehmen Sie Platz!«

»Die italienische Sprache ist mir sehr wert, schon weil es Ihre Muttersprache ist.«

»Nicht ganz,« sagte Tardini die Achseln zuckend.

245 »Doch ich habe meine Studien des Italienischen zunächst abgeschlossen. Nein, nein, was mich zu Ihnen führt, ist Sache des Gemüts. Mein Zartgefühl wird verletzt durch die Sprache, die mein Bruder gegen Sie führt, er ist jetzt sehr nervös und heiserer als je. Ich will ihn nicht entschuldigen; ich will Ihnen nur sagen, daß ich Sie desto höher schätze. Sie sind ein Mann von Bildung – o Sie wissen nicht, wie wohl das tut. Es gibt so viele rohe Menschen in der Welt – ein Mann von Bildung . . . an den kann ein weibliches Wesen sich anlehnen.«

»Doch, Fräulein, es gibt so viele studierte Leute!«

»An die lehnt man sich ja auch an, doch das genügt mir nicht. Wer nur sein Handwerk kennt und sei's auch ein gelehrtes Handwerk, der kann auf Bildung nicht Anspruch machen. Für die Kunst muß man schwärmen, eines höheren Aufschwungs fähig sein. O ich erzittere im Innersten bei jeder Offenbarung des Genius. Nüchterne Naturen sind mir verhaßt.«

»Das ist nicht der Geschmack aller Frauen; manche wünschten, daß ihre Männer öfter nüchtern wären.«

»Ich mag aber auch die schwärmerischen Jünglinge nicht leiden, die etwas Unausgebackenes in ihrem ganzen Wesen haben. Mein Ideal ist der Mann, der volle ganze Mann, der Kraft hat und Feuer und Begeisterung, dessen Seele gestimmt ist für himmlische Melodien und dessen Leib ein Kunstwerk des Herrn ist.«

Tardini merkte, daß ihm Anastasia einige schwärmerische Blicke zuwarf; doch er verhielt sich krampfhaft ablehnend gegen dies Lob.

246 »Das Leben klimpert und stümpert so viel auf uns allen herum, daß das Kunstwerk, wenn es vorhanden war, bald in die Brüche geht.«

»O nein, o nein!« seufzte Anastasia. »Es gibt noch Männer, die meinem Ideal entsprechen, und ich müßte verzweifeln, mein Herz müßte mir brechen, wenn sie mir unerreichbar wären. Ich bin nicht mehr jung; aber was ist die Jugend? Bald kommen sie alle dort an, wo wir jetzt sind – und nicht alle haben ein junges Herz, mit warmem Gefühl, mit dem Glauben an entzückende Hingebung!«

Tardini fühlte sich immer unbehaglicher; es war keine Kleinigkeit, wenn eine Liebe aufwachte, die vierzig Jahre und darüber geschlummert hatte; das war eine angesammelte Leidenschaft, welche durch alle Dämme brach. Tardini griff verzweifelt nach jedem Mittel der Abwehr, das er erreichen konnte. So kam ihm auch die Moral in die Hände.

»Der Rausch der Leidenschaft macht nicht glücklich; wir büßen oft schwer für einen solchen Augenblick; es kommt viel Bitterkeit und Reue nach.«

Tardini lachte in sich hinein, als er so von der Schuld einer stürmischen Leidenschaft sprach und sich dabei die Eva ansah, die ihm den Apfel reichte. Doch wie erstaunte er, als sich Anastasia erhob mit abwehrender Gebärde, im Gesicht eine Röte der Scham oder des Zorns.

»Was denken Sie? Wovon sprechen Sie, mein Herr?« rief sie, »ich bin Vorsteherin zweier frommen Vereine und habe mich zeitlebens vor der Sünde bekreuzigt. Da Sie aber alles, was ich sage, auf mich beziehen, so hören Sie auch meine feierliche Erklärung. Niemals gebe ich mich einem Manne hin ohne 247 den Segen der Kirche; doch den Mann, dem ich meine Hand reiche, erhebe ich zu mir. Ein beträchtlicher Teil dieses Prinzenhofes gehört mir; nicht unter meinem Bruder, neben meinem Bruder wird der Mann meiner Wahl stehen; er wird keine Kränkung mehr erleben, keine Sorgen mehr haben, wir schwingen uns gemeinsam auf in das Reich der Bildung; Tardini . . . ich sprach von dem Manne meiner Wahl!«

»Ich kann es nicht sein, und will es nicht sein,« rief Tardini, in welchem jetzt der Entschluß gereift war, mit den Boglars zu brechen, sowohl mit dem unverträglichen Bruder, wie mit der unerträglichen Schwester; »ich bin bereit, den Glücklichen zu beneiden; doch, mein Fräulein, hören Sie mein offenes Geständnis. Ich achte Sie hoch, himmelhoch; doch ich liebe Sie nicht.«

Jetzt brach Anastasia zusammen wie eine geknickte Lilie; sie raffte sich aber sogleich auf:

»Sie Ungeheuer, Sie ließen mich's doch glauben; wie hätt' ich sonst mich soweit angestrengt, Ihnen Geständnisse zu machen, die Sie möglicherweise auf sich beziehen konnten. Möglicherweise, denn ich sprach ganz im allgemeinen. Sie garstiger Mensch, Sie wußten aber zu gut, daß wir durch das gemeinsame Streben nach Bildung geistig verbunden sind, und so dachten Sie gleich an ein engeres Band. Sie, Sie, mein Herr, nicht ich! Doch genug davon; ich will meinen Bruder bitten, daß er glimpflicher mit Ihnen umgeht als bisher; denn man muß in seinem Angestellten doch immer den Menschen respektieren.«

Und mit einer steifen Verbeugung schritt Anastasia der Türe zu; Tardini öffnete sie höflich, er war mit einigen Seitensprüngen ihr zuvorgekommen.

248 Da er so seine Beschützerin verloren hatte, war hier in diesem Hause nicht länger seines Bleibens. Er kämpfte alle Bedenken, die seinem anderen Plan im Wege standen, nieder.

Sein Zylinder blieb diesmal am Nagel hängen; er setzte sich einen Schlapphut auf und der ganze Prinzenhof konnte darüber nicht im Zweifel sein, daß sich ungewöhnliche Ereignisse zugetragen haben mußten. Die Jungen in den Höfen stießen sich gegenseitig an und machten dem »Totenvogel« eine Nase; der Oberanführer der schwarzen Bande stieß sogar ein schallendes Gelächter aus, und einige Waschfrauen, die an der Pumpe standen, stimmten mit ein; er sah doch gar zu merkwürdig aus, der Herr Hausverwalter.

Tardini stieg eine Treppe im zweiten Hofe in die Höhe und klingelte im ersten Stock; ihm öffnete eine wildblickende Schöne mit Feueraugen und einem schwarzen Gelock, das, wenn es überhaupt jemals durchgekämmt wurde, an diesem Tage gegen jeden ordnenden Eingriff protestiert haben mußte – so ungezügelt fiel es auf Brust und Nacken herab.

»Ach, Herr Tardini,« sagte das Mädchen, »mein Bruder wird sich freuen, Sie zu sehen; er sprach mir schon davon, daß er Sie erwarte. Wir würden uns freuen, wenn's zustande käme. Eine tüchtige Kraft mehr – da muß die gute Sache siegen.«

Sie ging voran . . . es war ein geräumiger Korridor wie überhaupt die ganze Wohnung die ansehnlichste im Prinzenhof. Auch über die Mietszahlung hatte Eusebius nie zu klagen, und er stimmte bei, wenn Tardini den pünktlichen Zahler rühmte. Durch zwei sauber eingerichtete Zimmer, an deren Wänden allerlei Gemälde hingen, welche von 249 berühmten Meistern gewiß nicht herrührten, aber blutige Revolutionsszenen der Neuzeit darstellten, führte Lambertine den Gast in das Studierzimmer ihres Bruders. Da lagen auf Pulten, Tischen, Stühlen allerlei Zeitungen verstreut und aufgesammelt. Die Bilder von Marat und Most hingen über dem Schreibtisch und blickten mit so viel Wohlwollen, als ihre ingrimmigen Züge erlaubten, auf den fleißigen Redakteur nieder, der in seine Arbeit vertieft dasaß.

Rudolf Meisler war in seiner Jugend candidatus reverendi ministerii gewesen, aber mit dem Konsistorium in Zwiespalt geraten; er wandte sich der Presse zu und wurde durch die Bewegung der Geister immer weiter nach links mit fortgerissen. Dabei hatte er das Ansehen eines echten Theologen, glatt gescheiteltes Haar, ein breites, wohlwollendes Gesicht – und auch über eine rednerische Begabung verfügte er, die den Kanzelton nicht verleugnete. Er glänzte als Volksredner, und gerade die behagliche Breite, mit der er seine Anschauungen auseinandersetzte, gewann ihm die Sympathie der Menge; die anderen rednerischen Genossen ließen sich zu einem stürmischen Wortfluß verleiten und holperten und stolperten in der Eile über ihre eigenen Gedanken. Meisler war ein Volksredner, und als gebildeter Akademiker auch Redakteur. So war er eine Zeitlang eine Leuchte der Sozialdemokratie; aber er stellte sein Licht bald unter den Scheffel, weil er seine ketzerischen Ansichten nicht durch den Hohen Rat der Partei ins rechte Gleis zurückführen ließ; man verkürzte ihm seinen Gehalt . . . und das schlug dem Faß den Boden aus, denn darin war er noch Theologe geblieben, daß er auf eine gute Pfarre und Pfründe Gewicht legte. Er 250 desertierte, aber er ging nicht zurück zum Heerbann der gläubigen Christen, sondern verlor sich weiter nach links in das Lager der Anarchisten, wo man ihm eine gute Redaktionsstelle angeboten hatte. Da konnte er seiner Neigung zu irdischen Genüssen Genüge tun; essen und trinken waren Lebensgewohnheiten, die er nicht hoch genug schätzen konnte, und auf deren reichliche Ausbeutung und raffinierte Verfeinerung er die Ergebnisse seiner geistigen Arbeit verwendete. Bei einem gemütlichen Essen konnte er mancherlei Zugeständnisse machen; sonst war er in Wort und Schrift ein beredter Anwalt seiner Überzeugung, und würde auch gern ein Märtyrer derselben geworden sein, wenn die fatale Gefängniskost ihm nicht einen Strich durch diese stolze Rechnung gemacht hätte.

Doch aus anderen Gründen auch war er ein zahmer Anarchist; er litt an einer unbezwinglichen Blutscheu; alle Attentate waren ihm ein Greuel. Er wollte ein freundliches, harmloses Glück. Jeder sollte sein eigener Herr sein; er schwärmte für Proudhon und Max Stirner, er wollte nichts von den Bakunin und Netchajew wissen. Das durfte er freilich nicht gerade heraus sagen, aber er konnte eine Verherrlichung derselben aus gebotener Vorsicht ablehnen, schon um sich und der Partei Prozesse zu ersparen. Damit er aber seinen gutbezahlten Redaktionsposten behaupten konnte, suchte er sich auch dem linken Flügel der Partei zu empfehlen. Die Besucher fanden ja die Bilder von Most und Marat über seinem Schreibtisch – und das waren Bürgen für die korrekte Gesinnung des Redakteurs, der mit ihnen durch dick und dünn gegangen sein würde, wenn er nicht darauf bedacht gewesen wäre, seine Zeitung vor den 251 Eingriffen der Behörden zu retten, und solch ein mächtiges Organ der Partei, wenn es auch nur zwischen den Zeilen Sturm läuten konnte, nicht untergehen zu lassen.

Und was seine Stellung bei den Männern, welche die Propaganda der Tat auf ihre Fahne geschrieben, ausnehmend befestigte, das war seine Schwester Lambertine. Ebenfalls eine Volksrednerin, welche das ehrende Beiwort »die Petroleuse« verdiente. Im Gefängnis hatte sie schon zweimal gesessen, wegen allzustürmischer Angriffe auf das Bestehende; gegen Strafgesetzbücher und ähnliche Hindernisse freier Meinungsäußerung zeigte sie eine souveräne Verachtung. Herr Meisler empfing seinen Gast mit der Frage:

»Nun, wie steht's, dürfen wir auf Sie rechnen?«

Tardini legte seinen Schlapphut neben sich und strich sich die Haare aus der Stirne.

»Einen Kognak, Herr Tardini? Oder sind Sie Temperenzler?« fragte Lambertine.

»Ich hasse die Mäßigkeit, man lebt dabei vielleicht länger – als ob es darauf ankäme! Jahr für Jahr, diese Additionsexempel sind langweilig! Lieber mag das Leben in die Brüche gehen, wenn sich's nur lohnt, gelebt zu haben!«

»Nach dieser philosophischen Einleitung glaube ich Ihnen mit gutem Gewissen ein Glas Kognak kredenzen zu können,« versetzte Lambertine, und holte aus einem Eckschrank eine Flasche und Gläser.

Meisler hatte die Feder hinters Ohr gesteckt; er machte den Eindruck eines Kontoristen, der von seinen Rechnungsbüchern aufsieht – und in der Tat hatten seine Auseinandersetzungen einen höchst geschäftlichen Charakter.

252 »Ich habe mit den anderen Herren des Vorstandes gesprochen. Die Zeitung soll vergrößert werden, ich allein kann die Redaktion nicht mehr bewältigen. Man bietet Ihnen viertausend Mark; wir haben hier Punkt für Punkt aufgesetzt, was Sie dafür zu tun haben. Bitte, lesen Sie!«

Während Tardini sich in die Lektüre vertiefte, trank Meisler in aller Ruhe einige Gläser Kognak; er behauptete, daß der Alkohol seine Intelligenz stärke, und daß die Gegner des Alkohols Idioten seien. Singen doch schon die Studenten:

Was soll ich mit dem Zeuge machen,
Dem Wasser, ohne Saft und Kraft!
Für Burschen muß was Bess'res sein,
Drum schenkt mir reines Feuer ein!

Und während Tardini las und der Bruder trank, sang Lambertine die Marseillaise vor sich hin:

Contre nous de la tyrannie
L'étendart sanglant est levé.

Tardini stand auf und ging einige Male im Zimmer auf und ab; er rang mit einem Entschluß. Die Petroleuse zeigte ihm spöttisch lachend ihre Raubtierzähne:

»Nur losgeschossen, alter Knabe,« sagte Lambertine.

»Es ist immer schwer, sich aus gewohnten Verhältnissen loszureißen. Der Mensch ist eben doch kein Amphibium, das heute im Wasser und morgen auf dem Lande lebt. Doch ich bin bereit, dem Herrn Boglar den Stuhl vor die Türe zu setzen; er ist ein Knauser und seine Schwester . . .«

»Nun, was ist seine Schwester?«

253 »Schweigen wir lieber davon,« versetzte Tardini.

»Reden wir lieber davon,« meinte die Petroleuse; »sie ist eine rührende Unschuld, ein Kind, dem die theologische Pappe noch an den Lippen klebt; sie rührt immer von neuem den alten Brei um, und tut so viel Süßes hinzu, als ihre sauergewordene Jungfräulichkeit hergibt. Und dabei plagt sie auch der Teufel der Weltlust, daß sie sich aufputzt wie eine Dirne und ihr klapperndes Gebein noch gern an den Mann bringen möchte.«

»Was kümmert uns Fräulein Boglar?« sagte Meisler verweisend, »den Frauenzimmern ist nicht wohl, wenn sie nicht aufeinander loshacken können. Wie steht's mit deinem Entschluß, alter Freund? Ich leugn' es nicht, daß uns schon dein jetziger Name willkommen wäre. Tardini, das klingt so international . . . und das sind wir! Der Patriotismus ist eine Volkskrankheit. International sind alle die großen Gedanken, welche den Geist beherrschen und die Welt unterjochen. Ich bin ein alter Theolog! Ist das Christentum etwa nicht international? Sonst müßte man alle Missionare ins Irrenhaus sperren. Tardini – das klingt gut!«

»Gewiß! Man hört gleichsam die Anarchisten aus dem Brut- und Skorpionnest Italien die Messer schärfen.«

»Laß doch all das Mörderische aus dem Spiel, wenn es dir auch noch so gut gefällt,« versetzte der Bruder.

»Ich habe nur ein Bedenken,« sagte Tardini, »ich war zwar stets für Proudhon begeistert, doch ich bin immer meinen eigenen Weg gegangen. Jetzt soll ich schreiben, was der Partei gefällt, und in ihren 254 Versammlungen die Mehrheit gewinnt, wenn mir's auch gegen den Strich ginge. Ich habe nie zur Fahne einer Partei geschworen; ich stand stets außerhalb der Parteien, wenn ich auch alle die Ladenhüter von Moralbegriffen und Lehren der Staatsweisheit längst auf die Straße geworfen habe. Doch soll ich da vielleicht gegen meine Überzeugung alles tolle Zeug verteidigen, was irgend ein Führer der Partei in unbewachten Augenblicken gestammelt hat? Soll ich den Abonnenten der Zeitung nach dem Munde reden, wenn irgend ein Windstoß von außen der öffentlichen Meinung einen Ruck gibt, daß sie sich in Purzelbäumen überschlägt? Da könnte ich ebensogut dem Fräulein Anastasia den Hof machen.«

»Puh,« meinte Lambertine, »die wird hoffentlich kein Windstoß auf den Kopf stellen.«

»Ich könnte sie rühmen als ein entzückendes Weib, wenn ich mir damit einige Vorteile und eine gute Lebensstellung sicherte.«

»Lieber Freund,« versetzte Meisler, »fassen wir die Dinge ruhig ins Auge. Zugeständnisse machen wir alle, sonst würden wir immer mit den Köpfen aneinanderrennen. Da haben wir eine politische Bewegung; wir haben Sympathien mit ihr, vor allen Dingen, wir haben einen Nutzen von ihr. Und wir, die angestellten Redakteure und bezahlten Volksredner, sind im Grunde die einzigen, die Nutzen davon haben. Die anderen zahlen bloß. Und auf irgend ein Dogma sind wir nicht eingeschworen; auch die rote Farbe hat viele Nuancen vom Blutroten bis zum Blaßroten, und wir holen aus dem Farbentopf, was uns gerade paßt.«

»Ich leugne nicht,« versetzte Tardini, »es geht 255 mir in dieser Sache vieles gegen den Strich. Ich selbst habe mich früher mehrfach in Versammlungen der Sozialdemokratie gegen die Parteischmarotzer erklärt – und nun soll ich selbst einer werden und für den guten Groschen der Arbeiter ihnen das Weihrauchfaß um die Köpfe schlagen.«

»Das ist bei uns anders, lieber Freund! Wir sind keine Arbeiterpartei; wir sind Leute, die ihre Sache auf nichts gestellt haben; jeder, der mit der bestehenden Weltordnung grollt, ist uns willkommen. Die Proletarier haben freilich das meiste Recht dazu; doch wir vertreten keinen Stand, auch nicht den vierten; aus allen Ständen kommen die Unzufriedenen zu uns, die einen Kehraus wünschen.«

»Nun denn,« sagte Tardini, »ich will es versuchen! Schicke mir den Redaktionsvertrag zu, ich werde ihn unterschreiben; mein Verhältnis zu Herrn Boglar löse ich sofort.«

»Und Anastasia hat das Nachsehen,« sagte Lambertine; dann aber, ihr nachtdunkles Gelock schüttelnd, fügte sie hinzu: »Willkommen, alter Junge, bei unserer roten Fahne! Ich hoffe, du wirst meinen sanftmütigen Bruder etwas aufrütteln; denn er schreibt bisweilen einen schlafmützigen Stil, nicht wie ein Sturmglöckner, sondern wie ein Küster, der zur Messe läutet. Ihm steckt noch immer der Theolog im Blute. Stoß an, Brüderchen, auf Du und Du, und gute Genossenschaft! Wir wollen dem cher frère schon Artikelchen einschmuggeln, welche ihm die verhaßte Gefängniskost verschaffen.«

»Ich werde euch schon auf die Finger sehen,« versetzte Rudolf Meisler.

»Ja, ja, du bist so etwas wie ein philosophischer 256 Anarchist! Dabei kann man ruhig spazieren gehen und zieht höflich den Hut vor dem vornehmen Kreti und Pleti. Ich bin für Petroleum und Dynamit; es müssen Exempel statuiert werden; das nützt freilich nicht viel, kann uns um einen Kopf kürzer machen; aber wir bleiben doch eine furchtbare Macht, die im Dunklen wühlt, und sie zittern alle vor dem Erdbeben, das die morsche Welt zusammenschüttelt!«

Tardini blickte mißvergnügt auf das fanatische Weib, das ihm eine unbequeme Zugabe zu seiner neuen Stellung war, und doch mußte er sich gestehen, daß sie etwas Wildschönes in ihrem ganzen Wesen habe, eine Tigerin mit dem Blicke des Raubtiers, eine Schlange, die mit geschmeidiger Gier ihr Opfer umklammert und zermalmt: so stand sie vor ihm, schlank, hoch, stolz, eine Vernichterin. Ein Bildhauer mochte in ihr das Bild einer Megäre sehen; doch wenn sie die Lippen öffnete, da war alle Mythologie zu Ende, da quoll's hervor wie eine Schlammflut von maßlosen Schimpfwörtern und burschikosen Vertraulichkeiten.

Tardini nahm seinen Schlapphut und verabschiedete sich mit geteilten Empfindungen. Die fromme Anastasia hatte er glücklich beiseite geschoben, sollte jetzt die wilde Petroleuse sich in sein Leben drängen? Sie schien dazu nicht übel Lust zu haben; der vertrauliche Klaps, den sie ihm beim Abschied auf die Schulter gab, deutete eine zarte Neigung an, und der Feuerblick aus ihren Augen mußte zünden, wenn irgend Brennholz vorhanden war, das in Flammen aufgehen konnte. 257

 


 

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