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Rudolf von Gottschal: Parasiten - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleParasiten
authorRudolf von Gottschall
year1906
firstpub1906
publisherAlfred Schall
addressBerlin
titleParasiten
pages435
created20141220
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel

Vater Guttmann war erkrankt, er lag im verdüsterten Zimmer – die Krankheit hielt schon lange an. Der Arzt wußte nicht recht Bescheid damit. Er fürchtete Herzschwäche; das Alter machte sich geltend, das den Müßiggängern mehr zusetzt als den Arbeitern. Auch geistige Störungen, Vergeßlichkeiten, törichte Wünsche, ja selbst Halluzinationen traten auf.

»War das nicht die Stimme meiner Frau,« sagte er einmal; »ich höre sie ganz deutlich; sie muß im Nebenzimmer sein.«

Maria Magdalene wollte ihn nicht reizen und nicht beschämen; sie fand das ganz selbstverständlich, daß er diese Stimme zu hören glaubte, entfernte sich 192 sofort, um nachzusehen, und kam mit dem Bescheid zurück, daß seine Frau nicht im Hause anwesend sei.

»Ja, ja, ich irrte mich! Das war damals so, ehe sie verreist ist. Doch sie hat eine so angenehme, sanfte Stimme – das hat mir immer wohlgetan, das tut mir auch wohl, wenn ich daran denke. Daß ich auch gar kein Glück habe, kein Glück! Auch die seltene alte Postmarke von 1850 kann ich nicht auftreiben.«

»Beruhigen Sie sich,« sagte Maria Magdalene, ihm die spärlichen Locken krauend. »Das wird sich alles noch finden.«

»Alles? Die Marke vielleicht – doch die Frau – die Ehe läßt sich nicht wieder zusammenpflastern; nein, nein! Das Bild meiner Frau – das ist keine Ansichtskarte, die sich ins Album einkleben läßt. Hier trag' ich's im Herzen; aber es ist bestäubt, befleckt! Warum mußte auch der andere kommen?«

»Er ist ja längst über alle Berge.«

»Nein, nein! Ich höre ihn – hören Sie ihn nicht? Er spricht, er will mir etwas erzählen; er ist gescheit, er hat viel gelernt; sie hörte ihm gerne zu, auch ich! Er sprach so zusammenhängend – und dann – ein scharfer Kopf, ein schneidiger . . . horch, er spricht schon wieder! Doch ein verworrenes Geräusch – man kann es nicht verstehen.«

Und wie ermüdet von seinen Gehörtäuschungen legte er den Kopf zurück ins Kissen.

Maria Magdalene hielt aufmerksam Wacht; doch es war für sie nichts zu befürchten. In seinem Testamente war sie zur Erbin eingesetzt, der Sohn Edgar mußte sich mit einem Pflichtteil begnügen – daran würde nichts geändert werden, das wußte sie, und 193 darum hatte sie auch keine Einwände dagegen, daß Guttmann ihn an sein Krankenlager rief; sie selbst hatte den Brief pünktlich bestellt. Und sie kannte auch den jungen Weltreisenden; sie wußte, daß er diesen Punkt nie berühren würde. Er war eine vornehme Natur, von einer ihr unverständlichen Zurückhaltung in allem, was Geld und äußeren Besitz betrifft. Das war ein schätzenswerter Vorzug des jungen Herrn, den sie bereitwillig anerkannte.

Im übrigen war ihr sein Besuch freilich sehr unwillkommen; denn er konnte durch Zufall doch dies oder jenes entdecken, was sie vor dem Alten verborgen hielt. Sie war geizig geworden in letzter Zeit; sie betrachtete das Hab und Gut, das Geld Guttmanns, schon als ihr Eigentum, und wehrte jede unnötige Ausgabe ab, in der sie eine Verschwendung sah. Auch vor Unterschlagungen schreckte sie nicht zurück; sie verrechnete ihm Summen, die sie in ihre eigene Tasche steckte, und Geld, das sie in seinem Namen früher versprochen hatte, zahlte sie nicht aus.

Vor etwa zwanzig Jahren hatte Guttmann ein Verhältnis mit einem hübschen Bauernmädchen, das er bei dem Erntefest auf seinem Gute hatte kennen lernen. Er war noch ein junger Ehemann und er hatte eine reizende Frau. Doch er war von Hause aus eine Sammlernatur, und so sammelte er auch weibliche Schönheiten; die eine, die ihm gehörte, genügte ihm nicht; gewiß, sie war anmutend, zart, innig in ihrer Liebe; doch alle Tage dasselbe Gesicht, immer dieselben auswendig gelernten Reize –

Wechselten doch auch die Jahreszeiten – und jede hatte ihre eigentümliche Schönheit, von der die Dichter sangen! Und wenn er einen Kalender 194 durchblätterte, wie viele Frauennamen fielen ihm da ins Auge! Und welche reizende Mädchenköpfe konnte er sich bei jedem Namen denken. Er wurde ein Don Juan, nicht aus wilder Sinnenlust, sondern aus törichter Sammelwut. Hatte er doch schon als Knabe bald ein Pfauenauge, bald einen Schwalbenschwanz, bald einen Trauermantel gefangen; Schmetterling war Schmetterling, doch er konnte nicht bloß einen einzigen in seinem Kasten festspießen und fortwährend bewundern; lag doch der Reiz in dem Verschiedenartigen von Farben, Zeichnungen und Duft. Und so war's ja auch mit den Frauen und Mädchen; er mußte sein Album voll haben. Und es war nicht bloß ihre Gestalt, ihr Gesicht; jede hatte ja in der Liebe einen anderen Flügelschlag, eine andere Art, das Köpfchen zu bewegen, wenn sie aus dem Blumenkelch nippte.

In diesem Sammeleifer wurde Herr Guttmann von Frau Magdalene Wandow unterstützt, der Witwe eines Wirtschaftsinspektors, die auch ein Häuschen im Nachbarstädtchen besaß. Der kleine Zins konnte ihr nicht genügen; sie vermietete die Zimmer als Absteigequartiere für die benachbarten reichen Gutsbesitzer zu hohen Preisen. Sie selbst wurde Wirtschafterin bei Guttmann und stellte bald ihr Häuschen ihm ausschließlich zur Verfügung, zugleich ihren weisen Rat, ihre Vorsicht, ihre unergründliche Verschwiegenheit. Sie strebte nach der Herrschaft im Hause; lange wehrte sich Frau Guttmann gegen diese aufgedrungene Freundschaft; oft siegte sie noch durch ihre Anmut, ihre Liebenswürdigkeit; doch der fortwährende Ärger begann ihr das Leben unerträglich zu machen. Ein Glück, das sie sich immer von neuem erkämpfen mußte, erschien ihr zuletzt nicht mehr des Kampfes wert.

195 Das Bauernmädchen Katharine Miecke, das im Heim der Frau Wandow so oft seine Zusammenkünfte mit dem Gutsherrn hatte, mußte bald seine Sünden büßen; die Stätte der Freuden verwandelte sich in eine Stätte der Schmerzen. Katharine genas hier eines Mädchens und starb bei der Geburt. Ihrer Mutter aber nannte sie in Gegenwart der Frau Wandow den Vater des Kindes. Jetzt setzte diese alle Hebel in Bewegung, um das Geheimnis zu wahren. Dies corpus delicti bedrohte den guten Ruf des Herrn Guttmann, während seine anderen Liebesabenteuer im Dunkel blieben. Das Kind wurde der Großmutter in Pflege gegeben, und außer den Verpflegungsgeldern erhielt diese auch Schweigegelder; es wurde ihr eine kleine lebenslängliche Pension ausgesetzt. Großmütter leben ja in der Regel nicht lange – so war das Vermögen des Herrn Guttmann nicht allzusehr gefährdet. Welches Schweigegeld erhielt Frau Wandow selbst? Es wurde ihr nicht bar ausgezahlt; es bestand in der wachsenden Herrschaft über den Gutsherrn. Magdalene wurde die alleinige Gebieterin im Hause; dieser unwürdige Zustand brachte die junge Frau zur Verzweiflung. Sie hatte in dem Hauslehrer des jungen Barons von Schönau, der ein Nachbargut besaß, dem Doktor Steger, einen Verehrer gefunden, welcher sogar von Herrn Guttmann mit gutmütiger Zuneigung angeblinzelt wurde. Er wußte viel zu erzählen, war der Rede sehr mächtig, in seinem ganzen Auftreten ein Kavalier. So hatte er das Herz der jungen Frau bestrickt. Eines schönen Tages war sie mit ihm verschwunden, und Guttmann hatte das Recht, wegen Ehebruchs und böswilliger Verlassung zu klagen.

196 Magdalene hatte mit ihrem alten Pflegling keinen leichten Stand. Er hatte Anwandlungen von Reue und wollte für das Kind, für seine Erziehung sorgen; doch sie ließ nur kleine Hilfsgelder zu. Als die gesetzlichen Pflichten für die Verpflegung aufgehört hatten, verweigerte sie die Raten, die sie der Großmutter auszahlte. Guttmann freilich mußte noch das Ganze hergeben, der Rest fiel in ihre Tasche. Jetzt war das Mädchen alt genug, um für sich selbst zu sorgen; da bedurfte es keiner Unterstützung mehr, sie mußte in die Stadt ziehen zu einer Schwester ihrer Mutter und sich selbst mit der Nadel ernähren. Die Großmutter gab ihre Zustimmung – vielleicht konnte das Mädchen in der Stadt sein Glück machen; hier auf dem Lande war wenig Aussicht dazu. Schlimmer aber stand es mit der zugesagten Pension. Magdalene machte Schwierigkeiten; sie leugnete die Zusage einer lebenslänglichen Versorgung ab – und überhaupt – wenn der alte Guttmann ganz in geistige Verwirrung geriet oder das Zeitliche segnete, da hatte das Geheimnis ja allen Wert verloren.

Mit trüben Empfindungen betrat Edgar den Boden seines väterlichen Erbgutes, das, wie er wohl wußte, ihm entrissen wurde; er ließ den Wagen vorausfahren und ging durch den herbstlich bunten Wald. Das war der Karneval der Natur; er gemahnte ihn an den Karneval des Lebens. Einige düstere Fichtengruppen machten den Spaß nicht mit, bewahrten ihren philosophischen Tiefsinn und verschmähten den bunten Aufputz. Da fühlte sich Edgar am wohlsten, als er auf dem Fußpfad zwischen ihnen hindurchschritt; denn auch seine Stimmung war verdüstert. Der arme Vater! Sein letzter Brief zeugte 197 von einer geistigen Verwirrung, die er früher nicht an ihm gekannt hatte. Und das war kein vorübergehender Krankheitszustand; das hatte offenbar tiefere Wurzeln. Nach einigen Sätzen mit verständigem Zusammenhang brach sein Geist aus der Bahn, und wie Irrlichter begannen seine Gedanken einen unheimlichen Reigen zu tanzen. Dann ging es eine Zeitlang auf geradem Weg – und dann wieder eine Verirrung in die Sümpfe! Doch wie seine geistige Spannkraft nachgelassen, hatte die Wärme seines Gemütes zugenommen. Er war dem Sohn gegenüber stets hart und feindlich gewesen, wie es die Gebieterin von ihm verlangt hatte; in diesem Brief aber sprach er sich oft mit rührender Zärtlichkeit aus – war das auch nur eine krankhafte Verirrung?

Hell vor seiner Seele stand ein anderes Bild – sollte er auch dem Mädchen, das er liebte, fremd werden, wie er's dem Vater geworden? Und er liebte Ella. Dies feine, anmutige, kluge Mädchen hatte es ihm angetan, so daß er einen Rausch des Glückes empfand, wenn er nur an sie dachte, und sie selbst hatte ihm ja ihre Neigung geschenkt – das war keine Täuschung! Und sollte ihm dies Glück verkümmert werden durch feindliche Einmischung? Hier war es die Hexe Wandow, die seines Vaters Herz von ihm abgewendet, dort war es ein Nebenbuhler, der ihn zu verdrängen suchte. Baron Perling warb insgeheim um Ellas Hand, und er hatte die Mutter für sich! Daher die Feindseligkeiten, denen er in diesem Hause begegnet war! Tief im Innern mußte er seinen Haß gegen den übermütigen Eindringling verbergen; er durfte ihm nicht entgegentreten mit der Pistole in der Hand. Er hatte ihn durch Doktor 198 Biesner um eine Erklärung ersucht für seine auffällige Tischrede. Perling gab diese Erklärung bereitwillig; er stellte jede Absicht zu beleidigen in Abrede und bat um Verzeihung, wenn er ungeeignete Ausdrücke gewählt, versicherte, daß er für Doktor Guttmann die größte Hochachtung hege. Damit mußte sich Edgar begnügen, wenn er nicht Ellas Wunsch mißachten wollte. Perling aber war sehr entgegenkommend, demütig und reumütig. Er hatte ja seinen Zweck erreicht; die beiden jungen Gelehrten erschienen nicht mehr in der Tafelrunde der Geheimrätin. Schwere Schädigung aber hatte eben Edgar durch die Kritik des berühmten Naturforschers erlitten; er dachte an eine Widerlegung; doch er verfeindete sich dann nicht bloß den einflußreichen Gelehrten, sondern die ganze Fakultät, die hinter ihm stand! Und dieser Fakultät bald anzugehören, war ja sein Ehrgeiz. Seine Weltreise war nur ein gesellschaftlicher Ruhmestitel; um Ellas Hand zu erlangen, bedurfte er einer Stellung, die ihm glänzende Aussichten für seine Zukunft eröffnete. Wie er sich Ella wieder nähern konnte, das beschäftigte alle seine Gedanken! Wie ein Frühlingshauch ging es durch seine Seele, wenn er an sie dachte – mochte der Herbststurm welke Blätter von allen Bäumen streuen. Nein, seine Liebe war kein welkes Blatt der Erinnerung, welches dem Untergange geweiht war. Es gibt ja unaufmerksame Zuneigungen, welche sich zerstreuen lassen, sich von der einen der anderen zuwenden. Eine unter vielen, das ist ja das Motto der Heiratslustigen; für ihn war Ella die einzige!

Als Edgar in den Gutshof trat, in welchem der vorausgeschickte Wagen schon angekommen war, 199 empfing ihn der Wirtschaftsinspektor mit ungelenker Verbeugung und treuherzigem Handschlag. Der Riese hatte die Anerkennung, die seinen Verdiensten und seinem Charakter gezollt worden war, nicht vergessen. Er wußte, daß die Wirtschafterin ihn haßte. Doch hielt er ihm ein Separatkonto an Liebe und Zuneigung offen. Der große Tom, sonst ganz abhängig von dem Willen der Gebieterin, wahrte sich hier einen Rest von Selbständigkeit, der ihn mit einem stillen Stolz erfüllte; er war doch noch etwas für sich, wenn er nur wollte, und es kam einmal der Tag, wo er seine Ketten brechen konnte, mochten es auch Rosenketten sein.

Und noch eine andere Ketzerin huldigte dem Geächteten. Die kleine Dore stand wieder da mit einem Blumenstrauß, in welchem Gärtner Hans die Astern und anderen Zierden der Herbstblumen geschmackvoll zusammengebunden. Sie hatte einmal Sympathie für den hübschen Doktor – und diesmal gönnte ihr Maria Magdalene, die den Strauß in ihren Händen gesehen, das unschuldige Vergnügen. Diese Besuche würden ja doch bald ein Ende nehmen . . . ein Ende mit Schrecken, und nach dem Leichenschmaus hatte der junge Herr ein für alle Mal nichts mehr im Hause zu suchen und konnte mit seinem Pflichtteil von dannen ziehen. Sie empfing ihn mit besonderer Höflichkeit und mit einem Leichenbittergesicht, auf welches die kommenden traurigen Ereignisse bereits im voraus ihre Schatten warfen, und führte ihn dann in das Zimmer des Vaters. Guttmann richtete sich auf und umarmte den Sohn aufs zärtlichste.

»Fürchte nichts, meinetwegen! Die Ärzte sind ganz zufrieden mit meinem Befinden, sie brauchen 200 mir kein Antipyrin zu geben; ich habe kein Fieber – und Fieber, das ist des Todes Vorreiter. Wenn's über vierzig Grad in die Höhe geht – da wird die Fieberkurve studiert; da fangen sie an, mit den Köpfen zu schütteln.«

»Doch du mußt dich schonen, Vater, recht pflegen, deine Kräfte zusammenhalten.«

»Das will ich tun, ich werde gut gepflegt . . . dafür sorgt Frau Wandow – und es wird von Tag zu Tag besser; es werden keine Rückfälle eintreten. Es ist ja keine Krankheit, wenn mir auch oft zumute ist, als kröche ein unheimliches schwarzes Untier mit giftigen Odem zu mir ans Bett. Doch das ist nichts, das ist ein Schatten, der mir übers Hirn läuft – husch, husch! dann ist's vorüber.«

»Gewiß – doch du darfst dich solchen Phantasien nicht hingeben!«

»Das kommt und geht! Sieh, ich hab' mir's überlegt! Wenn mich diese Schatten in Ruhe lassen – o könnt' ich sie mit der Fliegenklatsche totschlagen – dann will ich doch dich besuchen, deine Sammlungen ansehen und diejenigen deines Freundes . . . Ja, ja, Frau Wandow, ich werd' es tun, ich will es tun!«

Maria Magdalene, der schon die zärtliche Begrüßung des Sohnes ein unbehagliches Gefühl verursacht hatte, zuckte mit den Achseln.

»Warum wenden Sie sich an mich, Herr Guttmann? Ich fühle, ich bin hier überflüssig; Sie könnten mich auch für eins Ihrer Gespenster halten und mir mit der Fliegenklatsche drohen. Ich gehe und lasse Sie allein mit Herrn Edgar, der mich ja rufen wird, wenn Sie meiner Hilfe bedürfen.«

Sie suchte durch einen vertraulichen Augenwink 201 dem jungen Doktor anzudeuten, daß solche Anfälle vorkamen – und verließ dann das Zimmer.

»Das freut mich sehr, lieber Vater, und auch mein Freund wird glücklich sein, dir seine Schätze zeigen zu können. Fasse nur solche mutigen Vorsätze! Du wirst die Krankheit überwinden, aber sprechen wir nicht von Krankheit – die Dämmerzustände, in denen sich dein Seelenleben bisweilen befindet, werden vorübergehen. Es ist eine Traumwelt, die du mit kräftiger Hand zerschlagen mußt.«

»Eine Traumwelt – ja, ja, man lebt, man träumt – wo ist da die Grenze? Das verschwimmt so ineinander! Und wenn man genauer hinhört, da hört man auch Stimmen aus der Vergangenheit; ja, ich höre sie – oft ganz deutlich. Sie muß in der Nähe sein. O wäre sie mir ganz nahe, daß ich ihr einmal wieder die Hand drücken könnte!«

Und er erhob sich ein wenig, neigte sich über Edgar und flüsterte ihm ins Ohr:

»Sie ist verschollen, sagt die Magdalene, man weiß nichts von ihr! Die Welt ist so groß . . . und doch . . . suche sie auf! Wenn sie mit mir spricht . . . sie kann nicht so weit sein. Und wenn du sie gefunden hast . . . sag ihr, daß ich ihr verzeihe! Pst, pst . . . das bleibt unter uns, ganz unter uns.«

Guttmann fuhr erschrocken zurück. Magdalene trat ein und meldete den Arzt. Doktor Schirmer war ein jovialer Herr, beliebt und gesucht; er durfte sich vieler glücklicher Kuren rühmen.

»Gut geschlafen, Alterchen? Der Puls ist ein wenig unruhig, doch kein Fieber! Lassen Sie sich an einem milden Herbstsonntag einmal einpacken, in einen Wagen bringen und ein halbes Stündchen 202 spazieren fahren. Das wird Ihnen wohl tun. Auch möglichst frische Luft im Zimmer, alles, was den Körper und die Seele erquickt. Das Fenster da drüben mag eine Zeitlang offenstehen – allerdings, der Zug darf Sie nicht treffen. Wir kommen über den Berg. Bisweilen hapert's mit der Maschine; doch das richtet sich wieder ein.«

Edgar nahm dann den Arzt beiseite.

»Sie brauchen zunächst keine Besorgnis zu haben,« sagte dieser, »es wird so rasch keine Katastrophe eintreten. Ich bin kein Seelenarzt; doch auch diese wissen wenig genug. In der Topographie des Gehirns hat man einige Fortschritte gemacht, aber das rätselhafte Wesen, die Seele, hat noch keiner aus seinem Versteck aufgejagt. Wie diese Halluzinationen entstehen, an denen Ihr Herr Vater leidet, ist auch noch eine offene Frage; ich verstehe mich auch nicht darauf – und wenn wir's auch wüßten . . . damit sind sie noch nicht geheilt. Nicht das wäre bedenklich; denn es gibt in der Welt mehr Halluzinationen, als unsere Schulweisheit sich träumen läßt – und man nimmt das so mit in den Kauf, man begeistert sich gelegentlich für dergleichen. Bedenklich wäre nur die Herzschwäche, deren Symptome bisweilen sichtbar werden. Das läßt sich mit kräftigen Mitteln bekämpfen, mit einer stärkenden Diät, und dafür sorge ich mit meinen Vorschriften und Rezepten.«

Edgar begleitete den Arzt, dessen Mitteilungen ihn beruhigt hatten, an den Wagen, und da es ein schöner Herbstabend war, beschloß er, einen Spaziergang ins Dorf hinunter zu machen, und über die Brücke in den Buchenwald jenseits des Flusses, der 203 schon dem Knaben ein lieber Aufenthaltsort gewesen war, wo er bisweilen Bucheckern gesammelt und genossen und sogar mehrmals zur Nachtzeit auf den Fang des Buchenspinners ausgegangen war, zu Nutz und Frommen der väterlichen Schmetterlingssammlung. Hinter den schlanken Säulen der Buchenallee verglomm das Abendrot und warf einen Purpurschein auf die hohen Buchen am Waldrand, daß sie fast an Rotbuchen gemahnten. Und es war überhaupt ein gelbrotes Gewand, das der Herbst diesem Hochwald angelegt hatte.

War's denn so töricht, wenn sein Vater Stimmen hörte, Stimmen unsichtbarer Geister? Im Geflüster der Zweige glaubte auch Edgar den Namen seiner Ella zu hören, und auch ihre Stimme klang ihm ins Ohr – und von dem feurigen Wolkenthron im Westen schien ihre holdselige Gestalt zu winken.

Doch der Naturforscher rief alsbald den Träumer zur Ordnung; er entdeckte einen merkwürdigen Käfer, der auf einer Scabiose herumkroch, und unterwarf den Fremdling einer sorgfältigen Prüfung. Man könnte glauben, sagte er sich, daß alles um uns Täuschung sei und daß wir nur an dem Schleier der Maja herumnesteln; dann läge in unseren Träumen mehr Wahrheit, als in dieser zu festen Gestalten zusammengeronnenen Welt, die aus irgend einem Urbrei hervorgetaucht. Und auch das wahre Wunder sind doch diese Gestalten; der kleinste Käfer ist ein Kunstwerk der Schöpfung, das wir anstaunen müssen und nicht der träumende, sondern der wache Menschengeist ist ebenbürtig jenem gestaltenden Geist, der alle diese Wunder geschaffen.

Edgar setzte sich unter Brombeerhecken am 204 Waldrand und sah auf die in Glut getauchten Hügel und Felder. Licht und Farbe – wieder zwei Schöpfungswunder, deren Geheimnissen das Wissen nachspürt und welche das Genie der Künstler zu wetteifernden Gebilden anregen. Und gerade das Alltäglichste ist das Wunderbarste!

Die Dämmerung war heraufgestiegen, als Edgar seine Warte am Waldrand verließ und dem Fluß zuschritt. Dicht an der Brücke stand ein Häuschen; darin waren die Seile für die Bleichwiesen aufbewahrt, die sich am Fluß entlang erstreckten und oben zum Schloß gehörten. Durch die Dämmerung schimmerte mit fahlem Schein die weiße Wäsche, die auf der Leine hing. Auch war das Häuschen ein Wächterhäuschen für den nächtlichen Aufseher, der diese gutsherrlichen Schätze bewachte.

Als Edgar auf dem Wege, der dicht an dem Häuschen vorbeiführte, sich demselben genähert hatte, vernahm er das Gekreisch zankender Weiberstimmen; er trat hinzu und sah durch die offene Tür, wie die eine Harpye der anderen an die Gurgel fuhr. In dieser andern, die sich mit überlegener Kraft des Angriffs erwehrte und die verkrümmte Hexe zurückwarf, erkannte Edgar alsbald Frau Wandow, und beeilte sich, ihr zu Hilfe zu kommen.

Doch Maria Magdalene schien selbst durch diese unerwartete Hilfe betroffen zu sein und sagte mit verächtlichem Achselzucken:

»Es hat keine Not, Herr Doktor! Ich werde schon allein mit diesem Gezücht fertig. Bitte, lassen Sie sich in Ihrem Abendspaziergang nicht stören; Ihr Herr Vater erwartet Sie!«

»Was gibt es denn?« fragte Edgar.

205 »Wohl der junge Herr von droben?« fragte die Alte, welcher die wachsfarbigen Haarbüschel ins Gesicht hingen, während über ihre Züge eine Röte flog, der man es anmerkte, daß sie diesem eckigen Gesicht einen sehr seltenen Besuch machte.

»Nun – und wenn ich der junge Herr bin . . .«

»Das freut mich, daß Sie zugegen sind, denn ich möchte dieser Wandow hier die Augen auskratzen – und da sollen Sie dabeistehn und sollen mir recht geben.«

»Bitte, Herr Doktor!« rief Frau Wandow fast ängstlich, »hören Sie nicht auf dies tolle Weib! Dies Gezeter ist nichts für einen anständigen Menschen.«

Die Alte machte mit ihren dürren Armen und geballten Fäusten wieder einen Vorstoß, den Frau Wandow nur lässig parierte, sicher ihrer Überlegenheit.

»So werde ich reden,« sagte die Alte, indem sie sich ihre verschobene, zerrissene Haube zurechtzupfte und ihre krampfhaft verzerrten Gesichtszüge einigermaßen zu glätten suchte.

»Das werden Sie nicht – schweigen Sie!« versetzte Frau Wandow in größter Aufregung.

»Es gibt kein Schweigegeld mehr; meine Enkeltochter wird hilflos in die Welt hinausgestoßen, ich will, ich werde reden!«

An Stelle der zornigen Erregung war ein grimmiger Haß getreten; ein Zug finsterer Entschlossenheit prägte sich um ihre Mundwinkel aus; die grünen Katzenaugen sprühten noch immer Feuer.

Frau Wandow machte eine abwehrende Bewegung und deutete mit den Fingern auf die Stirne, doch das konnte Edgar nicht irre machen; er hatte 206 schon die Überzeugung gewonnen, daß die widerwärtige Hexe in ihrem guten Rechte sei und mit dem Haß gegen Frau Wandow hegte er seine stillen Sympathien.

»Die abscheuliche Kupplerin hier hat ihre Hand dazu gegeben, meine Tochter ins Unglück zu stürzen, die schändliche Person.«

»Die Tugend kann sich selbst schützen,« warf Frau Wandow ein, »wer verführt wird, der will sich verführen lassen – und es lohnt sich nicht darüber Zetermordio zu schreien.«

»Doch wer die Gelegenheit macht und den Lockvogel spielt, dem muß man an die Gurgel greifen. Das Fangnetz haben Sie ausgestellt, Frau Wandow – in Ihrem Häuschen in der Stadt. Da wurde der Verführer recht weich gebettet und es war so bequem zu sündigen, auch für das arme Kind. Dann freilich – starb auch meine Tochter. Sie steckten Kerzen an ihrem Sarge an – daß der Wind sie ausgeblasen hätte, und auch Ihr Lebenslicht dazu, Sie alte Heuchlerin!«

»Hören Sie nicht auf dies Weib,« versetzte Maria Magdalene, »was aus ihr spricht, ist gemeine Geldgier! Geschwiegen hat sie jahrelang; sie läßt sich den Mund stopfen; jetzt, wo die Quellen versiegen, schreit sie los!«

»Sie haben mir's versprochen . . . Sie halten Ihr Wort nicht, Sie Schwindlerin. Ja, mein Herr, ich bin eine ehrliche Frau, wer kennt die alte Miecke nicht! Die Mutter Miecke, die Großmutter Miecke, denn ich hab' ein hübsches Enkelkind, doch, wenn man alt wird, da geht's nicht mehr recht vorwärts; da humpelt man nur so durchs Leben! Ich 207 arbeite so viel ich kann; doch meine Arme sind schwach geworden, sonst hätte ich die Person dort erwürgt. Und gerade jetzt weigert sie sich, mir das versprochene Geld zu geben. Und ich habe ein Enkelkind, das meine sterbende Tochter hinterlassen! Man hat dafür gesorgt: doch auch diese Sorge hört plötzlich auf; wir haben ja kein Recht mehr – und die hier scharrt das Geld zusammen.«

»Ich bin erstaunt,« sagte Edgar zu Frau Wandow, »Sie so verwickelt zu sehen in diese Dinge. Was kümmert Sie das alles?«

»Man hat doch seine Freunde und Verwandten, für die man sorgen muß!«

»Ja, wer in aller Welt ist denn der Verführer?«

»Auf diese Frage zu antworten, ist niemand verpflichtet. Die Gerichte haben sich nicht eingemischt und jetzt ist ihre Zeit vorüber. Es gibt Geheimnisse, die man respektieren muß – und die Herren Kavaliere, Ihre guten Freunde, haben deren genug auf ihrem Kerbholz. Man muß vieles in der Welt totschweigen; denn wenn's lebendig herumkrabbelt, da gibt's allerlei Jucken und Unannehmlichkeiten.«

»Da Sie aber, Frau Wandow,« versetzte Edgar, »seit langen Jahren unserem Hause angehören, so wundert es mich doch, daß Sie für ganz fremde Leute die Kohlen aus dem Feuer holen.«

Da schlug die Alte ein helles Hohngelächter auf.

»So schlimm ist's gerade nicht! Sie fegt vor Ihrer eignen Tür, und Sie können den Besen in die Hand nehmen und ihr helfen.«

»Nichtswürdige,« rief jetzt Frau Wandow aufbrausend, »ist das der Lohn für alles, was wir für Sie getan?«

208 »Sie wollen ja nicht, daß ich noch länger schweige; ich brauche kein Blatt vor den Mund zu nehmen – und Sie haben sich die Suppe selbst eingebrockt.«

»Frau Miecke, es ist noch nicht aller Tage Abend; wir können uns noch verständigen.«

»Nichts da . . . ich glaube Ihnen nichts mehr; ich lasse mich nicht vertrösten, mir nicht den Honig ums Maul schmieren. Ich bin im Zug . . . und nun mag's biegen oder brechen. Ja, junger Herr, der Verführer sitzt droben im Schloß; es ist Ihr Herr Vater; mit Hilfe dieser Kupplerin, der man den Kuppelpelz gehörig waschen sollte, hat er mein Kind verführt und in den Tod gejagt, und für seine Tochter sorgt er nicht mehr – mag die irgendwo draußen krepieren.«

Frau Wandow erzitterte vor innerer Aufregung; einen Augenblick stand sie da mit geballter Faust; dann begann sie zu schluchzen und unterbrach ihr Schluchzen mit einigen Kernflüchen. Frau Miecke aber stand triumphierend, die Arme in die Seiten gestemmt. Edgar war aber betroffen, nicht über des Vaters Jugendsünden, sondern über das Licht, das sich auf einmal über das Schicksal seiner Familie, seiner Mutter, sein eigenes verbreitete. Der Einfluß, den Frau Wandow auf seinen Vater ausgeübt, stammte also aus der Unterstützung verwerflicher Neigungen, aus der Mitwissenschaft von Geheimnissen, deren Enthüllung den guten Ruf des Vaters gefährden mußte. Und mit diesen Waffen, die sie geschickt zu führen verstand, hatte sie seine Mutter verdrängt, die sich zu Fehltritten hinreißen ließ, um einer glücklosen Häuslichkeit zu entfliehen, hatte sie dafür gesorgt, daß er selbst das Haus verlassen mußte: Alles mit 209 einer unheimlichen Energie, die den schuldbewußten Vater eingeschüchtert. Zur Gewißheit war geworden, was er längst vermutet. Eine schwere Kette schleppte er durch sein eigenes Leben; sie stand vor ihm, die sie geschmiedet und an seine Füße gehängt hatte.

Doch so tief ihn das alles bewegte, Edgar faßte sich rasch.

»Frau Miecke, gehen Sie ruhig nach Hause, ich werde Ihre Angelegenheiten ordnen. Wo lebt Ihr Enkelkind?«

»In der Hauptstadt, im Prinzenhof, bei meiner Tochter, die einen Vetter Miecke geheiratet hat.«

»Gut! Wahren Sie ferner das Geheimnis; ich werde dafür sorgen, daß Sie dabei nicht zu kurz kommen.«

»Ja, gnädiger Herr, wenn Sie das in die Hand nehmen wollen – da ist's gut aufgehoben. Doch mit der Person dort will ich nichts mehr zu tun haben.«

Frau Miecke strich sich die wächsernen Strähnen aus dem Gesicht, machte eine Bewegung, die eine verdächtige Ähnlichkeit mit einem vom Schulmeister eingelernten Knix aus grauer Vorzeit hatte, sah Frau Wandow mit einem finstern Blick an, ballte die Faust gegen sie, nicht mit offenkundiger Drohung, halb unter der Schürze, um nicht etwa die Gunst des hohen Herrn zu verscherzen, und verschwand dann auf einem Fußpfad, der durch den Wald nach ihrem Dorf Oberammersheim führte.

Es trat eine Pause ein. Frau Wandow stand eine Zeitlang unentschlossen im Winkel; dann rief sie durch das geöffnete Fenster den Bleichmännern 210 draußen einen Befehl zu. Mit mißtrauischem Blick maß sie Edgar, der den Eingang bewachte.

»Noch ein paar Worte,« sagte er, »der Zufall hat mir ein Geheimnis enthüllt, welches ich bewahren will, wie Sie, weil es das Geheimnis meines Vaters ist. Sie haben freilich damit in einer Weise gewuchert, die sie zur Herrin unseres Hauswesens gemacht hat. Ich verhehle Ihnen nicht, ich bin darüber aufs äußerste empört, besonders wenn ich meiner armen Mutter gedenke, die Ihnen das Feld hat räumen müssen, die durch Sie ihr Heim und ihren guten Ruf eingebüßt hat; denn ein verarmtes Herz sucht das Verlorene wiederzugewinnen um jeden Preis, auch abseits von Sitte und Gesetz. Das ist eine Schuld, doch die wahrhaft Schuldige sind Sie.«

Maria Magdalene lachte höhnisch auf.

»Gewiß, Sie sind ein braver Sohn, der keinen Flecken im Unschuldskleid der Mama duldet; doch es ist keine Kunst, andern ein solches Verschulden in die Schuhe zu schieben. Haha, bin ich denn mit einem glücklichen Liebhaber durchgegangen? Habe ich denn den süßen Rausch verbotener Liebe gekostet? Habe ich ihr geraten, das Weite zu suchen? Habe ich ihre Flucht begünstigt?«

»Ich will nicht mit Ihnen rechten, Frau Wandow; das Vergangene ist unabänderlich, doch wir müssen uns mit der Gegenwart beschäftigen. Sie haben versprochene Zahlungen an Frau Miecke eingestellt. Sie werden damit fortfahren, wie bisher. Sonst würde ich genötigt sein, mich an meinen Vater zu wenden.«

»Das werden Sie wohl nicht tun, Herr Doktor! 211 Wie würde es ihn in seinem jetzigen Zustande aufregen, wenn er erführe, daß Sie um alles wissen.«

»Das wird er nicht erfahren! Ich würde nur die Klage der Frau Miecke anbringen, ohne zu erwähnen, worauf sich dieselbe stützt; danach hätte ich nicht gefragt.«

»Wohl denn . . . ich werde auch fernerhin zahlen.« Frau Wandow war erblaßt, das Gewissen rührte sich in ihr.

»Und die Tochter?«

»Wir sind schon längst nicht mehr verpflichtet, für sie zu zahlen.«

»Doch ich verpflichte Sie jetzt dazu, und Sie werden diese Zahlungen an mich persönlich einsenden. Ich werde das Mädchen aufsuchen.«

»Meinetwegen – es ist ja auch eine Art von Schwester. Wäre das böse Standesamt nicht, so gehörte sie zur Familie. Sie werden die 600 Mark pünktlich erhalten – ich kenne Ihre Adresse. Nur die Fürsorge für Ihren Herrn Vater, von dem ich jetzt alles fernhalten muß, was ihn beunruhigen könnte, macht mich so willfährig gegenüber Ihrem befehlshaberischen, ungestümen Einschreiten. Sie würden sonst erfahren haben, daß ich einen harten Kopf besitze, und Widerstand zu leisten vermag, wenn man mir ins Gehege kommt.«

»Und Sie würden erfahren haben, daß ich solchen Widerstand zu brechen weiß.«

»Nun, bitte, geben Sie mir den Weg frei! Zu lange schon stehe ich müßig hier, ich habe auf der Bleiche viel anzuordnen.«

Edgar trat zurück; die Wirtschafterin ging an ihm vorüber, fest und stolz, und warf ihm einen 212 verächtlichen Seitenblick zu. Mochte er heute seinen Willen durchgesetzt haben . . . sie blieb doch die Siegerin – und wer zuletzt lacht, lacht am besten.

Den Vater fand Edgar wohler und ruhiger; er war wieder damit beschäftigt, Marken in sein Album zu kleben, und diese angenehme Beschäftigung minderte den Schmerz, den er bei der Trennung von seinem Sohn empfand. Es ging ihm nahe, daß dieser schon so bald wieder Abschied nahm; doch es waren neue seltene Marken eingetroffen – und da konnte man solche kleinen Vorgänge des Familienlebens leicht verschmerzen.

In der Stadt angekommen, war Edgars erster Gang nach dem Prinzenhof. Dort erfuhr er, daß Suse Miecke seit einiger Zeit verschwunden sei, man wisse nicht, wohin. 213

 


 

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