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Rudolf von Gottschal: Parasiten - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleParasiten
authorRudolf von Gottschall
year1906
firstpub1906
publisherAlfred Schall
addressBerlin
titleParasiten
pages435
created20141220
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel

Die Junggesellenwohnung des Barons Perling war überaus elegant eingerichtet – ein Salon mit Gemälden der jüngsten Schule, zum Teil gemaßregelten Sezessionsbildern, bei denen die olympischen Göttinnen eine größere Rolle spielten als die Götter und das Fleischfarbige die naturwahrste Farbe war, während der sonst blaue Himmel und der sonst grüne Wald ungewöhnliche Farben angenommen hatten, die den alltäglichen Klecksern nicht zur Verfügung standen; ein Salon mit Teppichen, in welche allerlei stolze Weiblichkeiten eingewirkt waren, die mit Füßen zu treten keiner der anwesenden Gäste vermeiden konnte, so brutal das auch war, diesen buntwollenen Schönheiten gegenüber, die einen ganz anderen Kultus verlangten. Neben dem Salon befand sich auf der einen Seite ein Arbeitszimmer mit grünverhängten Bücherschränken, auf der anderen ein Rauchzimmer, reich ausgestattet mit allen Utensilien, welche die lasterhaften Anhänger narkotischer Genüsse brauchten, jenseits eines Zwischengangs aber befanden sich mehrere von buntscheinenden Ampeln beleuchtete Boudoirs, Kabinette mit 180 prunkenden Vorhängen. Da war alles so geheimnisvoll, so ahnungsvoll eingerichtet – der Tag wagte kaum durch die Fenster zu blicken.

Perling saß nachdenklich auf seiner Ottomane. Das Leben schien ihm nicht des Ausziehens und des Anziehens wert, keine lohnende Freude stand ihm in Aussicht. Das Mittagessen bei der Geheimrätin war heute so langweilig verlaufen; Ella war kühl wie immer; die Geheimrätin sah verdrießlich die ablehnende Haltung des Mädchens. Er hätte nicht übel Lust gehabt, einmal zur Geheimrätin Lohbach zu desertieren, wenn er nicht so viel auf die große Nummer gesetzt hätte, die bei der Schweiger auf dem Spiele stand. Er erschöpfte sich in Projekten, wie er das Spiel gewinnen könnte. Hin und wieder gab er auch drüben eine Gastrolle; die Lobach war mit einem unbequemen Gatten behaftet; dafür hatte sie aber keine Tochter, die sie in den Schatten stellte, und wenn er Tischgast hüben und drüben war – es kam seiner mageren, durch Reisen erschöpften Kasse zugute. Trotzdem war er noch der Gläubiger, und jene Damen und ihr ganzer Kreis ihm tief verschuldet, denn er gab den Geist zu ihren Tischgenüssen her – und dagegen verschwanden doch die auf dem Markt eingekauften Gerichte und auch die Delikatessen aus den vornehmsten Läden.

Baron von Perling gähnte – das war der Gesamteindruck, den er seinem bisherigen Leben abgewonnen, das Fazit seiner diplomatischen Laufbahn, seiner Weltwanderungen, seiner Liebesabenteuer. Ein Bedienter in einer goldschimmernden Livree meldete den Herrn von Stillwitz, der sogleich vorgelassen wurde.

181 Herein trat ein langaufgeschossener Herr mit einem Totenkopf, mit einem Gesicht, weiß wie eine Kalkwand, mit etwas schlottrigen Gliedern, die noch unruhig hin und her zappelten, ehe er sie zu friedlicher Beruhigung in einem Lehnstuhl zusammenraffen konnte.

»Guten Tag, Erich,« sagte Perling mit einem sehr gleichgültigen Ton, ohne sich zu rühren.

»Du bist verstimmt,« fragte Stillwitz, »worüber?«

»Das weiß ich nicht, ich bin im Grunde darüber verstimmt, daß ich nicht weiß, warum. Das Leben wiederholt sich so sehr; es ist eine langweilige Repetieruhr.«

»Ich glaube, du hast in Monte Carlo diesmal schlechte Geschäfte gemacht.«

»Ich pflege nicht zu verlieren; ich trage meine Gewinne zur rechten Zeit nach Hause. Das ist zwar nicht nobler Ton, doch immer noch besser, als sich zu erschießen oder ins Meer zu stürzen. Die Leute von der Bank hassen mich, und die alten bebrillten Harpyen, die dort sitzen Tag für Tag, haben nur ein verächtliches Achselzucken für mich – gleichviel! Doch diesmal war mein Gewinn nur sehr bescheiden und genügt nur für meine persönlichen Bedürfnisse; er kommt meinen Gütern nicht zugute.«

»Deshalb bin ich eben hier, du kannst Rutberg doch nicht halten. Verkauf' es mir! Wir sind seit langer Zeit gute Nachbarn und haben nie Grenzstreitigkeiten gehabt. Du kennst den Preis, den ich dir geboten habe; er ist anständig. Viel wird dir freilich nicht übrig bleiben, besonders, wenn du neben den Hypotheken noch flottierende Schulden hast. Doch das läßt sich einmal nicht ändern. Mag dein Gut 182 kaufen wer da will, es ist doch besser, es fällt in anständige Hände, als daß irgend ein Spekulant, sagen wir ein Gutsschlächter sich desselben bemächtigt.«

Perling erhob sich jetzt von der Ottomane, der Gegenstand des Gesprächs schüttelte ihn doch aus seiner Gleichgültigkeit auf.

»Wir sind ja alte Freunde, lieber Erich! Seit unserer diplomatischen Karriere, wenn ich's so nennen darf, denn eigentlich bist du durch das diplomatische Examen durchgefallen.«

»Mein bißchen Französisch,« versetzte Erich, »reichte damals leider nicht aus; ich habe die Sprache unseres Erbfeindes stets sehr schwierig gefunden!«

»Nun, du bist aber doch um unsere Botschaft so herumgeturnt, dank deinen Konnexionen, verrichtetest diese oder jene Bureauarbeit, und wer nicht näher hinsah, konnte dich für einen Attaché oder dergleichen halten, da du in allen Gesellschaften, bei allen Festen zugegen warst und unsere Nation vertreten halfst. Du glänztest damals, aber, nimm mir's nicht übel, wie eine heruntertropfende Wachskerze. Du warst immer halb im Verlöschen, und wenn du wo Flecken machtest – die gingen so leicht nicht wieder aus; deine Gesundheit war damals miserabel.«

»Und doch,« versetzte Erich, »haben wir zusammen manches reizende Abenteuer erlebt.«

»Gewiß, wir waren jung, wir sind es ja eigentlich noch. Du hattest Geld; man sah es dir nicht an, du sahst immer so wehleidig aus, wie eine ausgepreßte Zitrone!«

»Aber ich muß doch sehr bitten . . .«

»Der Schein trügt ja – das wissen die Pariser Damen. Und du hattest immer Geld, und du hast 183 es jetzt noch – und das ist ein Vorsprung, den du vor mir hast, und den ich bereitwillig anerkenne. Jetzt willst du ihn geltend machen, doch das gefällt mir nicht. Vierhunderttausend Mark – das ist zu wenig für Rutberg, und außerdem trennt man sich schwer von seinen Besitztümern.«

»Du hast ja noch Gelinau,« versetzte Erich.

»Das ist ein sehr nobler Familienbesitz,« sagte Perling achselzuckend, »aber das ist auch zugeschnürt, daß es kaum noch atmen kann.«

»Da mach' ich dir hier Luft mit Rutberg, etwas wird dann für Gelinau übrig bleiben.«

»Lieber Erich, ich will die Güter nicht verkaufen; ich bin im Begriff, mich zu arrangieren.«

»Sapperlot, das überrascht mich! Vielleicht durch eine Heirat?«

»Du hast es erraten! Doch das ist noch mein Geheimnis.«

»Da mag die Schöne sich beeilen,« versetzte Erich, »denn es wird mit den Hypothekenzinsen hapern, und die finanziellen Würgengel halten schon das Netz bereit, das sie dir über den Kopf werfen wollen. Doch ich halte mein Gebot aufrecht. Die Sache kann ja auch schief gehen – wieviel ist mir in Paris schief gegangen! Du weißt, die reizende Fifi, die mir der Geldmann aus der Rue Taitbout fortkaperte, und die üppige Suzanne, die mir im letzten Moment, sagen wir im vorletzten, von einem alten Marquis fortgenommen wurde, welcher mehrere Schlösser hatte, die weniger baufällig waren als er.«

»Ja, das ist eben der Fluch des Geldes! Da kommt es auf ein mehr an – und diese sakrischen Frauenzimmer dort verstehen zu zählen.«

184 »Es handelte sich ja nicht um eine Ehe, wie bei dir, sondern um eine Liebe von ein paar Wochen, sagen wir von ein paar Tagen, doch ich meine nur, man ist seiner Sache nie sicher. Da bläst ein Wind die Hochzeitskerzen aus, noch ehe die Hypotheken im Grundbuch gelöscht sind.«

Der Bediente brachte auf einem silbernen Tablett ein rosa Briefchen.

»Du entschuldigst – –«

»Lies nur, lies. Ich kenne diese rosa Briefchen. Am Parfüm erkennt man, aus welchem Boudoir sie kommen. Und doch ist's meist Papierverschwendung, sagen wir, Makulatur!«

Erich hatte sich in seiner ganzen Länge aufgerichtet, stellte sich vor ein »Urteil des Paris« und studierte mit Hilfe eines Monokels die Körperbeschaffenheit der drei Göttinnen, würde aber der Aphrodite nicht den Preis erteilt haben, sondern der Here; denn so spindeldürr er selbst war, so sehr liebte er die Körperfülle beim schönen Geschlecht! Und bei dem Bild der Here hatte der Maler ein Übriges getan, um dem Geschmack des Sultans Zeus Ehre zu machen. Perling las indes den Brief nicht ohne Erregung. Ein Abenteuer – das brachte wieder etwas Wellenschlag ins Leben. Er atmete auf – darüber vergaß er alle Hypotheken, und selbst die zarte Hand, die sie löschen sollte. Der Brief rührte von Fräulein Lietner her, er kam aus Bordighera. Man wandelt nicht ungestraft unter Palmen, auch nicht unter den Palmen Scheffels. Das Mädchen hatte dort sein Herz verloren – das sprach aus jeder Zeile ihres Briefes. Sie nahm die Stelle an, die ihr der Kommerzienrat angeboten, und sie war entzückt, nicht über die Stelle, 185 sondern über die Aussicht, den Baron wiederzusehen. Auch noch in einer anderen Beziehung war ihr der Antrag sehr willkommen; sie konnte ihrer Freundin, der Engländerin, die sich sehr kläglich durchschlagen mußte, dort ihre ganzen Lektionen überlassen. Das war ein großes Glück für die arme Frau, die ein so trauriges Schicksal hatte. Fräulein Lietner wartete nur noch Perlings Antwort ab, und machte sich inzwischen reisefertig.

»Ich danke dir, guter Junge,« sagte der Baron aufgeheitert, »für deine Kaufofferte. Vielleicht akzeptieren wir sie später einmal, wir, ich und meine Frau, wenn wir aus dem Vollen wirtschaften, wenn ich nach ihr nicht wie nach einem Notnagel greifen muß. Horch, ging nicht die Klingel?«

»Ich hörte nichts.«

»Ich habe nach dem Garten hinaus ein Sprechzimmer, zu dem unten eine verschlossene Türe und eine Treppe führt. Ich gebe den Schlüssel bisweilen fort, und eine Klingel aus dem Zimmer ruft mich, wenn Besuch da ist. Die Lakaien sind zu plauderhaft.«

»Was dein Gut betrifft,« versetzte Erich »überleg' dir's wohl; ich bin ein solventer Käufer. Besuch' mich einmal draußen – du kannst bei der Gelegenheit dir auch deine Felder ansehen. Freilich siehst du jetzt nur Stoppeln. Doch wenn die Ernte so gut gewesen wäre, wie sie schlecht gewesen ist – das käme nicht dir, sondern nur deinen Gläubigern zugute.«

Erich zappelte nach einem freundschaftlichen Händedruck zur Tür hinaus; Perling aber setzte sich gleich an den Schreibtisch, um nach Bordighera einen tiefempfundenen Brief zu schicken. Da störte ihn wieder der Bediente, der aber diesmal keine Visitenkarte auf 186 seinem Tablett brachte, sondern nur mit geringschätzigem Ton die Meldung machte, Herr Boglar wünsche den Herrn Baron zu sprechen.

Ärgerlich spritzte Perling die Feder aus.

»Keinen Augenblick hat man Ruhe vor diesen Blutsaugern – laß ihn eintreten!«

Und Eusebius Boglar trat ein mit dem festen sicheren Schritt eines Machthabers. Er war nicht nur Besitzer des Prinzenhofs; er machte auch Geldgeschäfte, wobei er oft viel wagte, um viel zu gewinnen. Sein Schnurrbart sah besonders struppig aus, wie der Schnurrbart eines mordlustigen Wachtmeisters, der zum Einhauen kommandiert, und mit seiner heiseren Stimme, welche fast tonlos wurde, wenn er in Affekt geriet, begann er:

»Herr Baron, Ihre Frist ist in zwei Tagen um – können Sie zahlen?«

»Bitte um Verlängerung; ich brauche das Geld gerade sehr nötig – Meliorationen auf meinen Gütern –«

»Meliorationen? Haha – wozu? Das überlassen Sie Ihren Nachfolgern. Ich weiß, wie die Dinge stehen, ich hab' ein wachsam Auge darauf. Meliorationen? Sie fangen am verkehrten Ende an; Sie hätten bei sich selbst den Anfang machen müssen. Da gab's viel zu verbessern, in Ihrem Lebenswandel nämlich.«

Perling war starr über diese Unverfrorenheit, über diese Beleidigungen, welche der unheimliche Besucher hervorkeuchte. Wer sonst hätte ihm dies bieten dürfen? Das Geld aber, das man braucht, das sich uns nicht versagen darf, wenn wir nicht zugrunde gehen sollen, das hat eine solche Macht über uns, daß 187 schon mancher Ritter ohne Furcht und Tadel aus tadelnswerter Furcht vor Schmähungen zu Kreuze kroch, denen gegenüber er sonst zum Schwerte gegriffen hätte.

»Sie vergessen, wer ich bin, und wer Sie sind, Herr Boglar,« versetzte der Baron.

»Durchaus nicht, Sie sind eben mein Schuldner, das ist ein Geldsklave, der Sklave meines Geldes – und diese Sorte Menschen pflegte man noch vor kurzem einzusperren. Jetzt zündet man ihnen höchstens das Haus über dem Kopfe an, nicht als Brandstifter, sondern im Namen des Gesetzes. Doch ich will nicht so grausam sein, Herr Baron. Ich habe mich genau erkundigt.«

»Nun, vielleicht wissen Sie mehr als ich selbst.«

»Es wird noch ein Restchen übrig bleiben, auch bei mittelmäßigem Verkauf, auch bei Zwangsverkauf – und dieses Restchen stimmt mich zur Milde; freilich! Nur unter Bedingungen, denn der Teufel kann sein Spiel dabei haben.«

»Das hat er überhaupt dabei, liebster Boglar – Sie haben seine Krallen und ein so höllisches Gekrächze wie Sie gibt nicht einmal seine Großmutter von sich.«

»Geben Sie mir fünfzig Prozent – und ich verlängere auf drei Monate.«

Der Baron überlegte.

»Natürlich muß ich mir das zu Hause ausrechnen, das wird zur Schuldsumme geschlagen; denn die Prozentchen, wenn sie so nackt dastünden, könnten Anstoß erregen bei dem prüden Justizwesen. Das bringen wir schon in Ordnung – morgen hole ich mir Ihre Unterschrift.«

188 »Fünfzig Prozent? Das ist ja eine Daumenschraube, mein Lieber.«

»Wie Sie wollen! Sonst geht es Ihnen aber gleich an Kopf und Kragen. Da folge ich keiner mitleidigen Regung mehr – da stelle ich mich ganz auf den Boden des Gesetzes.«

»Meinetwegen – meinetwegen,« sagte der Baron, »es wird wohl doch das letzte Mal sein, daß ich mich so geduldig anranzen lassen muß.«

»Verzweifeln Sie nicht!«

»Das fällt mir gar nicht ein! Im Gegenteil, ich werde eine glänzende Lebensstellung erlangen, und solche Subjekte, wie Sie, gar nicht mehr brauchen.«

Da regte sich auf einmal die Klingel leise mit ihrem verschleierten Ton.

Was war das? Der Baron erschrak fast; es fehlte jede schriftliche Anmeldung eines Besuchs.

»Gehen Sie, Boglar, kommen Sie morgen wieder – ich werde unterschreiben.«

Eine glänzende Lebensstellung? Da verlor Boglar ja einen guten Kunden, doch er tröstete sich. Es ist schon dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen; beim Herrn Baron Perling wenigstens ist dies nie der Fall gewesen.

Sofort folgte dieser dem Ruf der Klingel – und war höchst überrascht, als er im Boudoir die Geheimrat Lobach erblickte, und zwar in der höchsten Aufregung. Hut und Mantille hatte sie auf die Stühle geworfen, unter dem goldigen Haar funkelten ihre dunklen Augen; sie nestelte an dem gestickten Kragen, den sie herunterreißen wollte, um freier Atem zu schöpfen.

»Aber um Himmels willen, Sophie – du kommst 189 so plötzlich; ich konnte keine Vorsichtsmaßregeln treffen. Wenn uns jemand überraschte . . .«

»Er soll kommen, er soll uns überraschen – das wünsche ich gerade. Er ist ein Ungeheuer . . . stoßen wir ihm den Dolch ins Herz.«

»Was in aller Welt ist denn geschehen?«

»Du kennst ihn ja, meinen lieben Mann! Er wird von Tag zu Tag cholerischer. Eine ehrenvolle Berufung hat er abgelehnt; man hatte ihm Hoffnung auf die oberste Leitung der Klinik hier gemacht; doch die Herren haben ihr Wort nicht gehalten. Seitdem ist er in einer Stimmung, in einer unbeschreiblich aufgeregten Stimmung. Da kam die Rede auf dich – weiß Gott, was er von dir gehört hatte; etwas Eifersucht war mit im Spiele. Solche geistreiche Leute als ständige Tischgäste, die immer das Gespräch an sich reißen – das wäre schon eine Beleidigung für alle anderen, und wenn's da nicht ganz geheuer wäre mit ihrer Vergangenheit oder gar mit ihrer Gegenwart – da müsse man ihnen beizeiten die Türe weisen.«

»Höflich ist er nicht, der Herr! Das wissen seine Patienten.«

»Ich verteidigte dich; er wurde heftig, ich noch heftiger, und da – hat er mich geschlagen!«

»Wie?«

»Geschlagen, mißhandelt, gepufft, geknufft und zuletzt – eine schallende Ohrfeige!«

»Das ist abscheulich!«

»Das ist ein Scheidungsgrund bei allen zivilisierten Nationen, wenigstens, wenn dergleichen in den höheren Ständen vorkommt. Beim Volk gehört's ja 190 zum täglichen Brot! Ich bin entschlossen, ich lasse mich scheiden!«

»Aber, Sophie – –«

»Ich lasse mich scheiden – und dann können wir uns heiraten!«

Perling erblaßte.

»Doch du bedenkst nicht?«

»Was ist da zu bedenken? Du weißt, ich bin einer leidenschaftlichen Liebe fähig, und das ist ja mehr als man für die Ehe braucht. Und ich will dich festhalten, ganz fest; denn ich bin eifersüchtig auf die Schweiger und ihre Sippschaft, auf die Henne und die Küchlein, ich will einen Sieg über alle davontragen, einen gerichtlich bestätigten, einen von der Kirche geweihten Sieg.«

»Sophie – dabei ist viel zu überlegen!«

»Ich will heraus aus diesen gelehrten Cliquen; sie sind mir langweilig. Wie sie aufeinander herumhacken – etwas mehr Kollegiengeld, ein Titelchen mehr, einen Orden mehr . . . und da geht gleich das Näschen der glücklichen Ehehälfte um einige Zentimeter in die Höhe und man muß sich den Kopf darüber zerbrechen, wer auf dem Sofa rechts oder links sitzen soll. Ich will eine Baronin sein – ohne einen Titel, der vom grünen Tisch des Kultusministeriums als ein Brosame besonderer Gnade herunterfällt.«

Perling stand noch immer sprachlos; er legte sich in aller Eile die Dinge zurecht. Verhandeln ließ sich nicht mit einer wildaufgeregten Frau; der Widerspruch hätte sie aufs äußerste gereizt. Erst galt es, Zeit zu gewinnen, und ein Ehescheidungsprozeß eröffnete dafür die erfreulichsten Aussichten. Er war 191 Diplomat genug, um ein paar nichtssagende Wendungen zu finden.

Das galt der Zukunft; doch die Gegenwart –

War sie nicht reizend, hinreißend, diese goldhaarige Schöne mit dem tizianischen Teint – und diese Aufregung warf einen glutroten Schein auf den zarten Alabaster.

Sie warf sich leidenschaftlich in seine Arme – »dir will ich gehören. Alles will ich von mir abschütteln . . . alles . . .«

Kein Paradies ohne die Schlange! Die drohende Gefahr, die alle seine Pläne kreuzen konnte, sie reckte ihr Haupt empor, sie zeigte ihren Giftzahn. Perling war nachdenklicher geworden, als seine Eva wünschte.

 


 

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