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Rudolf von Gottschal: Parasiten - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleParasiten
authorRudolf von Gottschall
year1906
firstpub1906
publisherAlfred Schall
addressBerlin
titleParasiten
pages435
created20141220
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel

Die versprengten Singvögel lauschten auf dem Dachfirst des Prinzenhofs – die edle Musika war in den zweiten Mittelbau eingezogen. An den Fenstern sah man Kindergesichter, Frauen- und Mädchenköpfe und auch einige der Arbeiter, welche über die Höfe schritten, reckten den Kopf in die Höhe – man spielte dort oben die Geige und die Flöte! Denn diese beiden Instrumente lösten sich ab. Hoch oben schallten die Klänge durch die Luft, so sanft, so wehmütig, so ergreifend! Das war etwas Neues im Prinzenhof, wo alles so hart, so herb, so düster war; das wollte nicht passen zu dem Gezänk und Geschrei, das durch alle Stockwerke ging. Das alte muffige Nest wurde wie durch einen Lichtschein erhellt und auf den Dachböden fingen die Mäuse zu tanzen an.

Bald hatte man auch den Zauberer entdeckt, der diese Sphärenmusik oben in der Höhe machte: es war 152 ein schmucker junger Herr in einem dunkelroten Jackett, mit gelocktem Haar, einem offenen Gesicht und freundlich blickenden Augen, der trällernd und singend die Treppen hinabstieg und über die Höfe ging. Und bald hatte man auch über seine Lebensverhältnisse schon Kunde erhalten: er war seines Zeichens Konservatorist; da das Konservatorium ein teures Vergnügen war, so wunderte man sich, wie ein Jüngling, der ein so angesehenes Institut besuchte und in der Lage war, die Kosten dafür zu bezahlen, sich in einem so schmutzigen Häuserviertel eine Wohnung hätte suchen können, die keinen anderen Vorzug hatte, als daß sie sehr billig war. Doch beruhigten sich die Gemüter bald wieder; man hatte erfahren, daß er sich einer besonderen Vergünstigung erfreute, daß er zu den Schülern der Anstalt gehörte, denen das Schulgeld gestundet wurde, bis sie einmal in die Lage gekommen, es zu bezahlen. Die Leute im Hofe hatten das volle Zutrauen zu dem jungen Geigenspieler, daß er in diese Lage kommen werde. Ob die Leiter der Anstalt derselben Ansicht waren, darüber lag nichts Aktenmäßiges vor; doch wußten sie ohne Zweifel, daß nicht alle Musiker so vom Glücke begünstigt sind, wie Richard Wagners Erben.

Es ist ein eigen Ding um die Musik; sie begeistert, sie entzückt in den großen Opern und Konzertpiecen, besonders wenn das Damenpublikum dabei noch seine Toiletten zeigen kann und der Enthusiasmus in Seide und Atlas rauscht. Ein Musikdirektor, dem die ewigen Rhythmen durch alle Glieder sich bewegen, dessen Taktschläge von feinstem Verständnis zeugen, dessen graziöse Handbewegungen die unbestechlichsten Herzen erobern, erscheint als der menschgewordene Genius der 153 Musik. Er gibt zwar keinen Ton von sich, nicht einmal wie die Memnonssäule, die bei Sonnenaufgang ertönt; doch er ist die Seele des ganzen sich abarbeitenden Orchesters; alle Instrumente sind ihm untertänig und sein Taktstock ist wie die Rute des siderischen Mädchens, das auf die goldenen Schätze der Tiefe hinweist, und sogleich werden sie gehoben von den Geigen, Flöten, Violoncellen und der großen Trommel. Ja, die Musik hat ihren Kultus, ihre Priester, Götter und Götzen, und an ihren Festabenden verwandelt sich das schüchternste Mädchen, das zu Hause noch mit den Tonleitern kämpft, in eine begeisterte Korybantin.

Das ist die Musik im Feierkleide – anders die Musik mit aufgestreiften Hemdärmeln, die im Schweiße ihres Angesichtes arbeitet. Es fällt kein Meister vom Himmel, aber um in den Himmel zu kommen, muß man täglich sechs Stunden Klavier, Geige, Flöte spielen mit unaufhörlicher angemessener Wiederholung der verunglückten Passagen, Läufe, Sprünge, Kadenzen, Triller – und wenn dies für den strebsamen Jünger eine schwierige, oft ertötende Arbeit ist, so wird er doch durch die Hoffnung auf eine schöne Zukunft, die ihm über die Achsel sieht, ausreichend getröstet. Dieser Trost fehlt aber dem profanen Publikum, das verurteilt ist, jene oft gequetschten, quiekenden, ohrzerreißenden Studien mit anzuhören, wenn der Künstler in demselben Stockwerk, in demselben Haus oder in der nächsten Nachbarschaft wohnt. So entzückend daher sich in den Prunksälen das farbige musikalische Kunstwerk vor uns aufbaut, so ermüdend ist es, Zeuge zu sein, wie die Steine dazu zusammengetragen werden; ja, mancher fällt uns dabei in schmerzlicher Weise auf 154 die Fußzehen. So spricht sich denn leider die öffentliche Meinung dahin aus, daß neben den Ratten, Mäusen, Schwaben und anderem Ungeziefer zu den unangenehmsten Hausbewohnern ein junger Musiker gehört, und wie manche Hauswirte keine Hunde dulden, so wollen viele Mieter nichts von jungen Künstlern wissen, und sie sind nicht einmal der Meinung des Dichters und Advokaten Muellner, welcher erklärt hat, daß ihm von allem Lärm die Musik noch der liebste sei. Vielen wäre der Kater Murr noch lieber als der Kapellmeister Kreisler und seine Schüler.

Im Prinzenhof gab es aber keine nachdenklichen Menschen, welche in ihren Gedankengängen durch diese musikalischen Läufe gestört werden konnten; hier wohnten keine Gelehrten, keine Beamten, keine rechnenden Finanzmänner; ebenso fehlte es an allen nervösen Naturen, die ein falscher Ton aufs Krankenbett geworfen hätte; es waren lauter unbefangene Gemüter, die sich an der Musik erfreuten, mochten die Töne falsch oder richtig sein, und mochten dieselben Takte sich wohl zehnmal wiederholen.

Auf einen Bewohner des Hauses machte die Musik indes einen besonders tiefen Eindruck; sie entfesselte seine eigenen Anlagen und Neigungen, so daß zur instrumentalen Leistung die der Kehle hinzukam. Es war dies ein Kanarienvogel, der gerade gegenüber der Wohnung des Künstlers am offenen Fenster in einem sehr schlichten, keineswegs mit Gold vergitterten Käfig hauste. Die Besitzerin dieses talentvollen Sängers war niemand anders als Suschen, und das Besitztum war um so höher anzuschlagen, als sie außer ihm nicht viel besaß. Nun befand sich dieser Vogel aber nicht im Zustande der Mauserung, wo er wie 155 böse Menschen keine Lieder hatte, sondern er war so sangesfreudig, als erfreute er sich noch der glücklichen Freiheit in den Wäldern von Teneriffa. So oft die Geige und die Flöte ertönte, schmetterte er los aus voller Kehle, nicht wie ein Opernsänger, der sich für ein besseres Engagement schont, sondern ohne Rücksicht auf Gage und Spielhonorar; die Fütterung, die ihm Suschen zuteil werden ließ, richtete sich nicht nach seinen Leistungen. Wer aber mit diesem durchaus nicht zufrieden war, das war eben der junge Künstler; denn die Luftlinie zwischen seinem Fenster und demjenigen, an welchem der kanarische Sänger schmetterte, war so kurz, daß sie nur mit dem allerkleinsten Maße gemessen werden konnte, und wenn er etwas zum Fenster hinauslangte, so konnte er mit dem Fiedelbogen dem aufdringlichen Begleiter auf seinen Käfig klopfen. Das unterließ er freilich, aber im Herzen hegte er die verwegene Absicht, die Besitzerin des Vogels zu bitten, daß sie seinen Käfig anderswo hinstelle. Verwegen erschien ihm diese Absicht, denn er hatte ja das reizende Mädchen, dem der Kanarienvogel ohne Frage gehörte, bisweilen neben ihm am Fenster sitzen sehen, und ein solches Verlangen war ihr gewiß unangenehm, und er scheute sich, ihr eine Unannehmlichkeit zu bereiten. Es wäre ja rücksichtslos, es wäre grausam gewesen, mindestens ein Mangel an Galanterie, die doch einem so anmutigen Geschöpf gegenüber nicht verleugnet werden durfte. So spielte er und der Vogel sang, jeder nach Herzenslust – und es herrschte Friede da oben und den Menschen ein Wohlgefallen.

Doch auf die Länge konnten sich zwei Wesen, die trotz der tiefen, zwischen ihnen gähnenden Kluft 156 die Rechte der Nachbarschaft für sich in Anspruch nehmen durften, nicht ganz fremd bleiben. Eines Abends standen Suschen und der Konservatorist am Fenster, um frische Luft zu schöpfen. Es war ein sternenheller Abend, man mußte es wenigstens annehmen, obschon in dem Ausschnitt des dunkelblauen Himmels, der zwischen den beiden dicht aneinandergerückten Dächern sichtbar ward, sich nichts von einem Planeten, einem Fixstern, einer Milchstraße und einem Nebelfleck zeigte. Der junge Musiker brauchte indes kein Teleskop; sein Stern strahlte ihm gegenüber in nächster Nähe; denn das aschblonde Suschen war bereits sein Stern geworden; er hatte sie so oft gesehen, schweigend, wenn er hinter dem Violinpult stand, wenn er sich lauschend hinter die Gardinen schmiegte, wenn er keck am offenen Fenster das ihm kärglich zugemessene Recht auf Luft und Licht nach Kräften in Anspruch nahm, daß er ihr Bild ganz in seine Seele aufgenommen hatte. Doch warum sollte er nicht das Schweigen brechen, das ja auch von den alten Magiern, welche die Gestirne anbeteten, durch Beschwörungen und Gebete unterbrochen wurde? Er faßte sich ein Herz und redete seine Nachbarin an. Das war ein so erstaunliches Ereignis, daß sogar der Kanarienvogel verstummte und sein Köpfchen durchs Gitter lauschend hervorstreckte, und daß das aschblonde Mädchen bis zu den Haarwurzeln hinauf errötete.

»Ich bedaure sehr, mein Fräulein,« sagte der junge Geigenspieler, »daß ich Sie mit meinen musikalischen Übungen so oft belästigen muß, doch es ist einmal mein Lebensberuf.«

»Ich höre mit Vergnügen zu,« versetzte 157 Suschen, »doch der kleine gelbe Sänger stört Sie gewiß. Ich bin einmal an das Geschöpf gewöhnt und möchte mich nicht von ihm trennen.«

»Wer könnte dies verlangen,« sagte der junge Virtuos, indem er in der Stille Gewissensbisse darüber hegte, daß dies Verlangen; das er jetzt so kühn verleugnete, ihm durchaus nicht fremd gewesen war; »er wird lebhaft, wenn er mich spielen hört. Solche Wirkungen unserer Kunst sind für die Künstler nur erfreulich, mögen wir sie auch bei den kleinsten Lebewesen beobachten, denn das große Publikum wird alle Tage schläfriger.«

»Doch ich lese ja immer von dem lebhaften Beifall, den die Konzertaufführungen finden?«

»Ach, mein liebes Fräulein, das sind die Freibillets.«

»Freibillets?« fragte Suschen verwundert.

»Damit hat es folgende Bewandtnis,« begann der Virtuose in lehrhaftem Tone. »Konzerte hat man ja die große Menge; es fehlt auch nicht an Künstlern, doch es fehlt an Publikum. Ein Konzertsaal mit lauter leeren Stühlen – das wäre ein entsetzlicher Anblick, das würde aussehen, wie eine Möbelauktion, das würde die ganze Musik in Mißkredit bringen. Es liegt daher im Interesse der Kunst, daß man eine solche klaffende Leere vermeidet. Der Sänger oder die Sängerin, der Geiger oder die Geigerin, ja, auch ein ganzes Orchester, wenn es auf Reisen geht, haben deshalb vor allem zu sorgen, daß der Saal gefüllt wird. Dies geschieht mittels ausgeteilter Freibillets, ist aber gar nicht so leicht, wie es aussieht. Die Menschen sind zwar für Geschenke sehr empfänglich, sehen aber doch bei einer geschenkten Uhr nach, ob sie von Tomback oder 158 von Silber ist. Und diese Konzerte der jungen Künstler sind meistens von Tomback, oder die Welt glaubt es wenigstens. Und so kann es vorkommen, daß trotz aller ausgeteilten Freibillets ein Konzertsaal leer bleibt, weil die glücklichen Empfänger sich einen zweifelhaften Genuß versagen.«

»Ach,« seufzte Suschen, »das ist undankbar!«

»So sind einmal die Menschen!« versetzte der Künstler, indem er einen tiefen Blick in den angesammelten Schatz seiner bitteren Lebenserfahrungen gestattete.

Der Mond war indessen aufgegangen, man konnte es wenigstens vermuten, weil der Schornstein rechts auf einmal einen unvermuteten Schatten warf und sich ein lichter Fleck neben ihm auf dem Dache zeigte. Dieser Lichtschein ging aber auch in der Seele des Violinspielers auf; er zögerte und war nahe daran, die glänzende Gelegenheit zu versäumen, die sich ihm bot, dem süßen Mädchen näherzutreten! Sie hatte geseufzt, weil ihr nie ein Freibillet zugekommen war, das sie nicht so undankbar gewesen wäre, zurückzuweisen.

»Mein Fräulein,« sagte er, »am nächsten Donnerstag ist das Konzert der Signorina Amandi. Eine Spanierin ist es eigentlich nicht, sie stammt von hier, und ihr Vater ist Häuseragent, doch sie war eine Zeitlang im Ausland, wodurch sie berühmt geworden. Ein Zeitungsausschnitt besagt, daß sie in Rom gesungen hat – ob beim Papst, oder bei dem deutschen Gesandten, oder sonst irgendwo, wie man sagt, das weiß ich nicht genau. Doch sie hat Angst vor den leeren Stühlen, als ob auf jedem Banquos Geist säße, wie ich jüngst in dem Trauerspiel 159 gesehen, das zum Benefize der gräßlichen Lady Macbeth gegeben wurde. Sie hat daher an uns jüngere Genossen ihrer Kunst Billets verteilt und, mein Fräulein, wenn es Ihnen Freude macht und Sie mir es erlauben, so bin ich gern bereit, Ihnen morgen oder übermorgen mein Billet zu überbringen.«

»O ich bin zu glücklich, mein Herr! Doch Sie wissen ja nicht – ich heiße Suse Miecke, wohne hier bei einer entfernten Verwandten, Frau Miecke, und ich selbst bin Nähterin meines Zeichens, arbeite meistens zu Hause und gehe nur selten in Familien. Frau Miecke ist meistens nur Abends zu Hause, jetzt, um diese Zeit; sie wird sich freuen, die Bekanntschaft eines Nachbars zu machen.«

»Nachbars, ja, ja – wenn wir den Sprung über den Abgrund nicht scheuen, der uns trennt.«

Und Suschen lachte so hell auf, daß der bis dahin so schweigsame Kanarienvogel auf einmal loszuschmettern anfing.

»Kann Ihnen meine Visitenkarte freilich nicht herüberreichen,« sagte der Künstler lachend, »doch will ich mich Ihnen vorstellen, soweit dies hier möglich ist; denn wir befinden uns hier in keinem Salon und keinem Ballsaal. Ich bin Mitglied der Königlichen Bildungsanstalt, die sich Konservatorium nennt, aus der so viele junge Kräfte hervorgegangen sind, von denen die Welt spricht, doch noch hundertmal mehr, von denen sie nicht spricht. Mein Name ist Kurt Meining,« fügte er lachend hinzu, »eigentlich heiße ich Peter; doch dieser Name ist so unkünstlerisch, daß ich mich umgetauft habe, wie es ja die meisten großen Künstler und Künstlerinnen machen; denn mit dem Standesamt leben wir alle im Krieg – und die ganze 160 bürgerliche Gesellschaft ist nur dazu da, uns zu bewundern. Das muß man aber nicht erschweren durch unmögliche Namen, bei denen man nur an Hausknechte und Stallknechte denkt.«

Der junge Kurt machte jetzt ein stilgerechtes Kompliment, als wenn er mit der Geige in der Hand auf dem Podium stände und schloß das Fenster: es war Zeit, denn die Unterhaltung hatte schon Neugierige in den verschiedenen Stockwerken ans Fenster gelockt: sie war zuletzt etwas lebhaft und laut geworden.

Am nächsten Tage in der Abendstunde klingelte es bei Frau Miecke, und mit einer zierlichen Verbeugung, welche die Scheuerfrau nicht nach Verdienst zu würdigen wußte, stellte sich ihr der Nachbar von drüben vor, der aus seiner Absicht kein Hehl machte, auch Fräulein Suschen seine Aufwartung zu machen.

Frau Miecke hielt es indes für das Beste, zuerst mit dem jungen Herrn unter vier Augen zu sprechen, um zu sehen, wes Geistes Kind er sei; sie besaß, wie sie glaubte, eine erstaunliche Menschenkenntnis. Sie hatte sich in den höchsten Kreisen der Gesellschaft bewegt, wenn auch nur auf den Treppen, in den Küchen und Waschstuben; aber da sickerte so viel durch, und was die schmutzige Wäsche betrifft – du lieber Gott, daran waschen sie ja überall in den Zeitungen, in den Parlamenten, in den Kaffee- und Teekränzchen, und eine ehrliche Waschfrau tut wenigstens was ihres Amtes ist, während die anderen ihr unberufenerweise ins Handwerk pfuschen.

Kurt mußte sich aufs Sofa setzen, von welchem Frau Miecke vorher einen Stoß Wäsche 161 heruntergeschoben hatte; sie stellte sich vor ihn hin, die Arme in die Hüften gestemmt.

»Es ist sehr nett von Ihnen, daß Sie dem armen Mädchen ein Freibillet ins Konzert schenken wollen; doch das soll kein Freibillet sein für andere Dinge, dafür stehe ich ein! Das Mädchen befindet sich unter meiner Obhut; ich bin so eine Art Pflegemutter von der Suse, und da stehe ich mit dem Fliegenwedel da und wedele alles fort, was sich ihr auf die Nase setzen will.«

»Was denken Sie von mir, Frau Miecke?«

»Die Musikanten sind die schlimmsten; man kennt ja die Fräuleins, die immer mit den Noten herumlaufen; dagegen ist eine rechte Komödiantin vons Theater noch ein Tugendspiegel. Solch ein junger Herr, der's Kolophonium auf seinen Fiedelbogen schmiert, denkt, die ganze Welt muß nach seiner Geige tanzen, besonders die jungen Mädchen, die durch das Gefiedel verrückt gemacht werden. So ist's aber nicht, hier bei uns nicht; so ein gelockter Künstler lockt bei uns nicht einen Hund vom Ofen!«

»Ich verstehe nicht, liebe Frau, warum Sie mir das alles sagen.«

»'s ist nur der Deutlichkeit wegen. Suschen weiß mit der Nadel Bescheid, aber mit nichts anderem. Wollen Sie 'was von ihr, so muß es gleich für's ganze Leben sein – sonst ist's Essig. So – nun sind Sie ins Klare gesetzt und nun will ich Suschen rufen.«

Kurt hörte auf diese Warnung mit sehr gemischtem Gefühl; er war empört über eine Zurechtweisung, zu der er nicht den geringsten Anlaß gegeben. Doch der Strohwisch machte ihn erst auf den verbotenen 162 Weg aufmerksam – und da blühten ja allerlei Blumen, auf die ihn Frau Miecke erst hingewiesen; doch er wehrte alle diese Gedanken ab, und als Suschen erschien, da sah er nur das reizende Engelsköpfchen, das im Traum der letzten Nacht ihm aus rosigen Wolken zugelächelt.

Er überreichte ihr das Billet, das ihr eine aufrichtige Freude machte und sie schüttelte ihm dafür herzlich die Hand. Da die Anwesenheit der Frau Miecke etwaige Empfindungen im Zaume hielt, so bewegte sich das Gespräch in den gemessensten Bahnen und drehte sich um Fragen von allgemeinstem Interesse; natürlich auch um Signorina Amandi, und Frau Miecke konnte sich an diesem Gespräch mit der wichtigen Nachricht beteiligen, daß sie für die Mutter der Signorina, die Frau des Häuseragenten, lange Zeit die Wäsche besorgte, und auch in einigen Häusern, die der Herr Agent, wie sie sagte, seinen Kunden anschmieren wollte, die Treppen und Zimmer gescheuert habe. Die Amandi habe sie schon als Kind gekannt, es sei ein sehr ungezogenes Kind gewesen.

»Dann hat sie,« wie Kurt hinzufügte, »von Haus aus Talent zur Primadonna gehabt.«

Auch diese Bemerkung schöpfte er aus dem reichen Schatz seiner Erfahrungen; denn er hatte einmal eine gefeierte Sängerin bei einer Probe am Klavier begleitet und mußte sich glücklich schätzen, daß sie in einer Aufwallung ihres Temperaments ihm nicht Isoldens Liebestod um den Kopf schlug, sondern nur mit dem dicken Notenstoß eine gefährlich drohende Bewegung machte.

»Nun, jetzt ist sie eine Italienerin geworden,« sagte Suschen, »wie beneide ich sie darum!«

163 »Und weshalb?«

»O die italienische Sprache ist so schön!«

Kurt machte ein Gesicht voll lauter Fragezeichen.

»Sie wissen, Fräulein?«

»O sie hat schon viel profitiert von Herrn Tardini, unserm Geschäftsführer – so heißt der Steuereinnehmer des Herrn Eusebius, der uns gelegentlich gehörig zusetzt, aber nicht der Suse! Für die hat er keinen Stachel, bei der setzt er nur seinen italienischen Honig ab.«

»In der Tat, der Herr gibt mir italienische Stunden.«

»Und das Honorar, das Honorar?«

Kurt gab sich der Hoffnung hin, es würde dem Fräulein gestundet werden, wie das bei ihm selbst der Fall war; daß sie es gleich bezahlen würde, konnte er in Betracht des sehr bescheidenen Nähnadelverdienstes nicht annehmen; doch er erschrak, daß dieser Herr Tardini gar kein Honorar nahm. Was man ohne Honorar tut, das tut man aus Freundschaft, und was man einem jungen Mädchen aus Freundschaft tut, das tut man eigentlich aus Liebe. Dies ist der Orgelpunkt im Generalbaß des Herzens, die anderen Noten tanzen nur so darunter hinweg. So legte sich der junge Musiker alles zurecht nach den Gesetzen seiner Kunst; in der Harmonielehre besonders leistete er Erfreuliches. Er machte ein sehr betroffenes Gesicht, als diese Erleuchtung über ihn gekommen war; der Herr Tardini war ihm eine unangenehme Dissonanz, die er nicht aufzulösen vermochte.

»Das ist wohl ein sehr liebenswürdiger Herr; in welchem Alter, wenn ich fragen darf?«

164 »Nun, zwei solche Musjös, wie Sie, zusammengenommen.«

»O nein,« unterbrach sie Suschen, »so alt ist er noch nicht!«

Diese tatsächliche, aus bloßer Wahrheitsliebe hervorgegangene Äußerung brachte den jungen Musiker in sichtliche Erregung – machte der Herr auf Suschen noch einen so jugendlichen Eindruck, daß sie die Schätzung der welterfahrenen Frau Miecke zu verbessern sich erkühnte? Die Liebe ist freilich blind, und wenn der Herr Methusalems Alter hätte, sie würde ihn noch für einen jungen Adonis halten. Kurt hütete sich indes, diese seine Gedanken zu verraten, sondern mit dem lebhaften Ton, der ihm eigen war, begann er eine mehr sachliche Auseinandersetzung:

»Das Italienische hat etwas sehr Wohllautendes, und ich begreife wohl, daß die Sängerinnen diese Sprache bevorzugen. Ich selbst kenne freilich nur die Wörter für die musikalischen Tempi: Allegro, Presto, Adagio und auch Pianissimo, das ich besonders auf der E-Saite oft so verduften lasse, daß man nur noch einen Soupçon von Tönen hört, aber auch der leiseste deutlich markiert, das lobte mein Lehrer immer.«

Kurt war bereit, noch weitere Blicke in sein künstlerisches Atelier zu gestatten und begann sein feuriges Presto zu rühmen, worüber Suschen mit einem wohlwollenden, etwas schelmischen Lächeln quittierte, als die Klingel sich heftig rührte.

»Das ist er,« sagte Frau Miecke.

»Er ist immer pünktlich,« meinte Suschen und eilte, die Tür des Vorsaals zu öffnen.

Kurt verabschiedete sich in aller Eile. Der Herr, der an ihm vorüberschritt, war ihm nicht fremd; er 165 hatte, ohne zu wissen, wer es war, mit ihm verhandelt, als er das Zimmer mietete, und Tardini begrüßte ihn ziemlich wohlwollend, da er bisher die Miete noch nicht schuldig geblieben war. Kurt aber warf ihm einen Blick zu, der nicht das geringste Wohlwollen verriet; ja, ein Seelenkundiger würde darin nur Haß und Groll gelesen haben, Gefühle, die bei der ersten Gelegenheit sich furchtbar entladen konnten.

Und der Seelenkundige würde Recht behalten haben; denn Kurt hatte, als er die Treppe zu seinem Gemach hinaufstieg, nur den einen Gedanken, wozu brauchte das Mädchen Italienisch zu lernen? Das war sehr überflüssig und konnte nur ein Vorwand sein, nicht von ihrer Seite, sondern von der anderen. Sängerin wollte sie ja nicht werden, und ein deutsches Hemde zu nähen, dazu brauchte sie keine fremde Sprache zu Hilfe zu nehmen. Das quälte ihn innerlich und diese Qual trieb ihn zu rascher Tat. Kaum oben angekommen, riß er sein Fenster auf, und wirklich – da gegenüber saßen sie schon beim Lichte einer Lampe zusammen, um welche allerlei Mücken, Motten und Dämmerungsfalter huschten. Auch drüben stand das Fenster offen – und das kleine Getier der Nacht taumelte in das blendende lockende Licht. Sie steckten die Köpfe zusammen; sie sahen in die Bücher; sie waren vielleicht schon bei den Verben angekommen und konjugierten das fatale amo, das in den verwünschten Grammatiken aller Sprachen meist die erste Konjugation erläutert. So nah sind sie einander, schon die Kleider haben etwas Berauschendes, und wenn sie gar bei den unregelmäßigen Verben angekommen, die über die Schnur schlagen. – Kurt konnte den Gedanken nicht ausdenken; er konnte sich auch von dem Anblick 166 nicht losreißen, so peinlich er für ihn war. Weit zum Fenster hinausgelehnt, sog er das Gift mit voller Seele ein – dann aber schritt er zur Tat.

Er griff zur Geige – und der Geist Paganinis schien über ihn gekommen zu sein. Das war ein Durcheinanderwirbeln von Tönen, ein Übereinanderpurzeln, halsbrechende Sprünge von der E-Saite auf die G-Saite – ein Fortissimo, daß es schien, als müßten alle Saiten springen. Der Karneval von Venedig – und der Karneval der ganzen Welt!

Die Wirkung blieb nicht aus! Die Köpfe fuhren in die Höhe – Tardini sprang auf, erschien am Fenster und rief zornglühend hinüber:

»Junger Mann, – stecken Sie Ihr Instrument in den Kasten! Um diese Stunde stört man die Nachbarn nicht mehr!«

Und er schlug klirrend das Fenster zu!

Kurt hatte nur den Fiedelbogen gesenkt, wie ein Richter vor dem Zweikampfe das Schwert senkt, und begann dann von neuem tollkühn auf seinem Instrument herumzuarbeiten. Die Wirkung war freilich jetzt eine geringere; aber sie wurde verstärkt durch den Ärger des Hausverwalters, daß man seinem Befehl nicht Folge leistete. Ein heruntergelassenes Rouleau verhinderte, daß der Musenjüngling noch ferner durch den unwillkommenen Anblick in leidenschaftliche Erregung versetzt wurde.

Doch auch Tardini befand sich in solcher Erregung und der ganze Vorgang hatte eine unerwartete Folge. Er hatte bisher nur schüchterne Versuche gemacht, ein kleines Honorar herauszuschlagen – bisweilen ein zärtlicher Händedruck, in welchem Suschen das Zeichen eines väterlichen Wohlwollens sah, einige 167 zufällige Streifungen und Berührungen, welche bei der gemeinsamen Lektüre nicht ausbleiben konnten und wobei Tardini seinem Dank gegen den freundlichen Zufall dadurch Ausdruck gab, daß er länger als gerade nötig war, sich die Überzeugung zu verschaffen suchte, dieser geflügelte Engelskopf sitze auf einem mit allen Vorzügen und Mängeln der Sterblichkeit behafteten Leibe. Doch war er immer mit sich selbst unzufrieden, daß er so als ein Sklave des Zufalls erschien, während in ihm doch der Wille lebendig war, sich zum Herrn dieses Mädchens zu machen. Jetzt regte sich in ihm eine neue Leidenschaft, die Eifersucht. Und da war ein längeres Zögern nicht am Platze. Eine Liebeserklärung war nicht nach seinem Geschmack; das paßte nur für höher situierte Mädchen. Doch er konnte ja als Lehrer seiner Anerkennung ihres Fleißes, ihrer Fortschritte, einen vielleicht etwas zu lebhaften Ausdruck geben, und nachdem sie eine lange Reihe von Vokabeln hergesagt, ohne zu stocken, belohnte er sie dafür mit einem Kusse. Das war ein unerwarteter Überfall, die Wirkung aber eine ebenso unerwartete. Suschen sprang auf, stieß ihn zurück; der Tisch mit der Lampe begann zu wackeln; die Grammatik warf sie ihm zu Füßen und sie eilte hinaus zu Frau Miecke. Er war gefaßt auf eine unerquickliche Szene; er kannte Frau Miecke, deren Mundwerk, wenn es einmal im Gange war, sobald nicht zu klappern aufhörte. Doch nichts von dem, was er befürchtete, geschah. Suschen hatte nur erklärt, ihr sei unwohl geworden; die italienischen Stunden strengten sie zu sehr an, und die Lehrweise des Herrn Tardini sei wohl nicht die richtige; ihr schwacher Kopf könne seinen Auseinandersetzungen nicht folgen. 168 Und so war Tardini sehr erstaunt, als Frau Miecke das Mädchen bei ihm entschuldigte, während er schon den Zylinder auf den Kopf gesetzt hatte, wie ein Krieger den Helm, um sich ein wehrhaftiges, trotziges, herrisches Ansehen zu geben. Er rückte jetzt höflich daran, als er von den Damen Abschied nahm und Gift und Galle im Herzen die Treppe herunterstieg. Unten im Hofe hörte er, wie über ihm hoch in den Lüften eine weiche süße Liebesmelodie, eine schmelzende Kantilene ertönte, in welche der junge Geiger die ganze Sehnsucht seines Herzens ergoß.

Eusebius hatte Tardini zum Abendessen eingeladen; Anastasia empfing ihn mit verklärtem Gesicht, als hätte sie die Liebesmelodie, die Kurt auf seiner Geige spielte, gehört, und ihre Seele hätte sich bei diesem Zauber erschlossen; doch Tardini hatte eine Schlacht verloren, und das Gefühl dieser Niederlage verdüsterte seine Züge. Auch Eusebius war nicht in rosenroter Stimmung; die Papiere, in denen er sein Kapital angelegt, waren wieder gefallen.

»Das kracht überall,« rief er ärgerlich, »es ist gewissenlos, wie die Leute wirtschaften; da helfen alle Aufsichtsräte nicht, die nur ihre riesigen Gehälter einstreichen. Ich selbst habe zwar keine Maulschelle von einer zusammenkrachenden Bank erhalten, aber auch meine soliden Banken werden in Mitleidenschaft gezogen; es ist ein Kurssturz, daß einem Hören und Sehen vergeht.«

Tardini zuckte mit den Achseln; er gehörte nicht zu den bedrängten Kapitalisten.

»Auch im Hause gibt's Ärger genug,« seufzte er, »der junge Musiker, an den wir vermietet haben, beunruhigt die ganze Nachbarschaft; er geigt das Blaue 169 vom Himmel herunter; im zweiten Hof kann kein Mensch zu Worte kommen, er geigt am offenen Fenster, zu später Abendzeit –«

»Kündigen, kündigen,« rief Eusebius, seinen Schnurrbart streichend, »doch das ist nicht einmal nötig; Ruhestörer, welche gegen die Hausordnung und die Polizeiordnung verstoßen, setzt man einfach auf die Straße!«

»O der junge hübsche Mann im dunkelroten Jackett – es wäre schade,« seufzte Anastasia.

Tardini kannte ihr empfängliches Gemüt und hütete sich, diese mimosenhafte Seele zu verletzen.

»Gewiß, eine Künstlernatur, mein Fräulein! Doch viele Künstler wissen sich im Leben nicht zurechtzufinden; wir anderen praktischen Leute müssen Vorkehrungen treffen, daß sie nicht zu großen Anstoß erregen, zu großen Schaden tun.«

»Und das ist besonders bei den Frauenzimmern, wollte sagen, bei den Damen der Fall,« meinte Eusebius, »die gute Anastasia hat ein Faible für Künstler und Künstlerinnen, gleichviel, ob es Artisten und Feuerschlucker, oder Sänger, Geiger und andere feuerspeiende Genies sind; glücklicherweise hat sie schon morgen vergessen, was sie heute gesagt und gedacht hat.«.

Tardini suchte diese kränkende Bemerkung von seiner Gönnerin abzuwehren.

»Sie irren, Herr Boglar! Fräulein Anastasia mag gleichgültige Dinge leicht vergessen; das hat sie aber mit großen Geistern gemein, die auf die Nichtigkeiten des Lebens geringen Wert legen. Doch was sie mit ihrem Herzen erfaßt hat, daran hält sie fest mit großer Treue! Ihr ganzes Zimmer ist ja 170 austapeziert mit den Künstlern und Künstlerinnen, für welche sie eine an Andacht grenzende Verehrung empfindet.«

»Ein Seiltänzer in Trikot ist auch dabei,« sagte Eusebius lachend.

»Er leistet Erstaunliches in seiner Kunst und ist außerdem ein schöner Mann.«

»Ich habe einmal Sinn für das Schöne,« versetzte Anastasia gereizt, »und das ist doch ein Zeichen von Bildung. Der gute Eusebius kennt nichts als seine Zahlen.«

»Nun, für eine schöne Seiltänzerin bin ich auch nicht unempfänglich,« sagte der Bruder lachend; »was aber deine Gemäldegalerie von Schönheiten betrifft, den Schmuck deines keuschen Gemachs, so befinden sich darunter einige Bühnenmitglieder von abschreckender Häßlichkeit, pausbackene und dickbäuchige Liebhaber und Tenore, Baritonisten und Bassisten mit unglaublichen Profilen.«

»Es sind eben große Künstler,« sagte Anastasia, »und in der Kunst ist die Seele die Hauptsache.«

»Besonders bei den Seiltänzern,« versetzte Eusebius.

»Glücklicherweise gibt es genug feingebildete Damen, die meinen Geschmack teilen, in allen Vereinen, deren Mitglied ich bin. Dein Spott über die Bildung steht dir nicht gut zu Gesicht, lieber Bruder. Ein Kirchenvorstand hat doch auch dafür zu sorgen, daß die Gemeinde nicht ganz ungebildet bleibt, und jene von dir verspotteten Sänger und Sängerinnen wirken ja auch in den Kirchenkonzerten mit.«

»Frömmigkeit und Gläubigkeit ist die Hauptsache,« versetzte Eusebius mit einem andächtigen 171 Augenaufschlag, der ihm bisweilen zur Verfügung stand; »die alten Steinmetzen haben ja auch verschiedenes Getier an die Eingangspforten und Portale der Kirchen hingemeißelt; doch das sind nur kleine weltliche Spielereien, welche den frommen Sinn, der mit den erhabenen Kirchengewölben in die Höhe strebt, nicht ablenken können. Und ebenso ist's mit dem Theatervolk in der Kirche.«

Man setzte sich zu Tisch.

»Was macht denn das kleine Aschenbrödel der Frau Miecke?« fragte Anastasia, nachdem sie die Suppe vorgelegt. Tardini wollte eben den Löffel zum Munde führen; doch diese unangenehme Frage brachte ihn etwas aus dem Gleichgewicht, und der Löffel kehrte wieder in die Schüssel zurück, ehe er seine Schuldigkeit getan.

»Das Mädchen ist nicht so übel,« sagte er, »doch sie macht wenig Fortschritte. Sie ist den ganzen Tag mit der Nadel beschäftigt – das raubt ihr alle Zeit und lähmt ihre Intelligenz. Auch besitzt sie einen gewissen Eigensinn; sie bricht plötzlich den Unterricht ab, wenn sie nicht mehr in der Stimmung ist, wenn es ihr nicht mehr paßt. Ein Lehrer, wie ich, hat ja gar keine Autorität – und das ist wichtiger für die Lehrer, als alles was sie wissen und nicht wissen.«

»Doch das Mädchen ist gebildeter als alle diese Handarbeiterinnen ums tägliche Brot. Das sieht man ihr gleich an,« versetzte Anastasia, »und ich habe dafür den rechten Blick!«

Mit einer Zähigkeit, welche Tardini das ganze Abendessen verdarb, hielt sie an diesem Gesprächsstoff fest, während Eusebius seine Brieftasche herausgezogen und sich einige Einnahme- und 172 Ausgabeposten notierte, die seinem Gedächtnis zu entfallen drohten.

Suschen selbst brachte indes eine sehr unruhige Nacht zu. In ihren Träumen sah sie Tardini mit einer feurigen Maske, der sie vor sich herjagte, und zwar in die Hölle – daran konnte sie nicht zweifeln; denn alle Wegweiser wiesen mit feurigen Lettern auf dies Ziel der wilden Jagd hin; hinter ihr drein aber raste Kurt mit fliegendem Gelock und fliegendem Halstuch und geigte, geigte, daß die Töne wie Kobolde über die Saiten sprangen, kichernd und höhnend. Von allen verlassen, von allen verfolgt – sie fühlte sich grenzenlos elend!

Ein solches Gefühl ist oft das einzige, was wir aus den Träumen ins Wachen hinübernehmen, während die Traumbilder selbst gänzlich verloschen sind; es wurde nur zurückgedrängt durch die freudige Hoffnung auf den Konzertabend – ein für sie seltener Genuß. Das Billet lag neben ihr auf dem Tische und sie sah oft von ihrer Arbeit auf, um sich zu überzeugen, daß es ihr keiner der nächtlichen Kobolde fortgenommen. Wie seltsam aber war das Benehmen des jungen Kurt – die böse Schadenfreude, womit er ihre italienische Stunde gestört hatte; der andere aber – o wie schmählich war ihr Vertrauen getäuscht worden!

Am Abend, im Konzertsaal, wurde sie von dem Glanz der Kronleuchter, der Lampen ganz geblendet; ihr wurde so feierlich zumute, als wäre sie an den Hof des Fürsten eingeladen worden, und voll banger Erwartung der nahenden Majestät. Sie saß neben lauter geputzten Damen, und hatte das Gefühl, daß sie nicht hierher gehöre, und die Furcht, man sehe es ihr an, daß sie die Nähnadel im Wappen führe 173 und daß irgend eine der stolzen Nachbarinnen zu ihrer Kundschaft gehöre, die ihr für ein wohlgeratenes Nachthemd einige Silberstücke in die Hand gedrückt. Doch es geschah nichts dergleichen; nur ihre bescheidene Toilette unterschied sie von ihrer Umgebung, die für einen schärferen Blick ebenfalls die Freibillets des Fräulein Amandi nicht verleugnete.

Sie saß an einem Eckplatz und eine Wolke junger Herren wallte neben ihr unruhig auf und ab – es waren die Konservatoristen, welche für sich selbst nur Stehplätze erhalten hatten und bereit waren, tatkräftig ihres Amtes zu walten; denn hier war die Quelle, von welcher aus sich der Strom der Begrüßung durch den Saal ergießt, alles mit sich fortreißend, auch die verstocktesten Gemüter, auch die widerstrebendsten Hände. Nicht lange dauerte es, so hatte sich aus dieser Wolke eine Gestalt losgelöst, welche die unverkennbaren Züge Kurts trug, der, sich zum Stuhl Suschens herandrängend, mit ihr ein Gespräch begann, welches alsbald von der Italienerin Amandi zum Italiener Tardini überging. Bei Frau Miecke war Kurt verlegen gewesen, als er dem Mädchen gegenüberstand; hier, mitten in der Menge, war es ihm zumute, als ob er mit ihr allein wäre. Romeo und Julia im Garten von Verona unter flüsternden Zweigen und lauschenden Blumen, während das Mondeslicht rings alles versilberte und verzauberte – o das war gewiß schön; doch wenn Julia nicht auf dem Balkon, sondern auf einem numerierten Konzertstuhl saß, umgeben von flüsternden Frauen und Mädchen, beleuchtet vom Gasglühlicht – es hatte auch seinen Reiz, wenn nur der rechte Romeo am Platze war. Und er war hier, ganz anders als am Abend 174 vorher, mutig, leidenschaftlich – und Suschen war selbst davon überrascht. Wie konnte er hier, gleichsam vor den Augen der ganzen Welt, solche Worte wagen?

»Wie konnten Sie gestern einen so böswilligen Höllenlärm machen?«

»Weil ich's nicht ertragen konnte, daß der andere mit Ihnen ein Stelldichein hatte!«

»Ein Stelldichein?«

»Nun, das ganze Italienische war doch nur ein Vorwand, um Ihnen recht nahe sein zu können!«

Doch woher wußte er dies? Die Vorhänge waren ja schon heruntergelassen? Er hatte doch unmöglich sehen können, daß Tardini sich gegen sie vergaß.

»Und wenn dies so war,« versetzte Suschen, »das kümmerte Sie doch durchaus nicht.«

Die Instrumente wurden gestimmt; die Baßgeige grunzte in nächster Nähe, und Kurt konnte etwas lauter seinem Herzen Luft machen.

»Mir war einmal so zumute, als dürfte ich das nicht dulden! Das haben Sie sich selbst zuzuschreiben, Fräulein!«

»Mir selbst?«

»Wenn man so reizend ist, richtet man Unheil an.«

Und nun begann das Orchester unter der Leitung eines feurigen Dirigenten, der die Töne gleichsam mit der Wurzel aus der Erde heraushob, und als die Blechinstrumente fanatisch losstürmten, da warf Kurt in den Lärm der erregten Elemente, ehe der Komponist und der Dirigent sie wieder gezähmt, das kühne Wort hinein:

»Und das Unheil ist noch lange nicht zu Ende! Es geht seinen Weg – weiß Gott, wohin er mich führen wird, wohin.«

175 Ein plötzliches Piano, indem der Dirigent auf einmal alle Töne so drückte, daß sie auf der Erde zu kriechen schienen, nötigte Kurt, das letzte Wohin! im Flüsterton zu sprechen und mitten in einem Satz abzubrechen, der auf eine unbestimmte, gefährliche Zukunft hinwies. Und nun trat die Signorina Amandi auf das Podium, begrüßt von einem Jubel der begeisterten Jugend, der so ansteckend wirkte, daß selbst einige ältere Herren, die ihre Plätze bezahlt hatten, mit einstimmten; die Damen ringsum trotzten der Gefahr, ihre Glacéhandschuhe zu zerreißen; sie klatschten fanatisch. War denn Fräulein Amandi eine Berühmtheit? Man wußte es nicht genau; doch in einem Feuilleton des gelesensten Blattes war sie gefeiert worden. Das hatte vielleicht der Impresario veranlaßt, der den Stuhl Nr. 1 inne hatte und auch applaudierte; er rieb sich vergnügt die Hände. Rom, Mailand, Paris, St. Petersburg, New York – o Fräulein Amandi hatte die Reise um die halbe Welt gemacht und der Ruhm streute ihr vorn Blumen und trug ihr hinten die Schleppe. Suschen staunte das Weltwunder in gebührender Weise an; es war eine etwas dickliche Dame mit einem nur halbzivilisierten Negergesicht, wulstigen Lippen und einer gequetschten Nase; aber wenn sie sang – diese Perlenschnur von Tönen, die ihr aus dem Munde quollen, alle so rund und ohne übereinanderzustolpern, selbst beim hastigsten Tempo – es war zum Entzücken! Sie war nämlich Koloratursängerin, was Kurt dem ahnungslosen Suschen erklärte, als Fräulein Amandi sich nach der ersten Nummer vor dem klatschenden Publikum verbeugte und das Notenblatt umdrehte, um die Perlen einer zweiten Nummer einer 176 Hörerschaft auszustreuen, die viel zu gebildet war, als daß auch der böswilligste Spötter an das unfreundliche Sprichwort hätte erinnern mögen. Es folgte ein Violinist, dem gegenüber Kurt eine begeisterungslose Kennermiene aufsetzte, dann ein Pianist, von der kräftigen, die Saiten zersprengenden »Sorte«. Wiederum stieg Fräulein Amandi die Himmelsleiter der Töne mit einer erstaunlichen Behendigkeit auf und nieder. Sie lachte in Koloraturen, sie schluchzte und weinte in Koloraturen, und man mochte den Tönen noch so rasch nachlaufen, – man holte sie nicht ein! Nach dieser atemlosen Jagd gab der kriegerische Schlußmarsch des Orchesters eine gewisse Beruhigung; da konnte man doch ausruhen bei vollen Akkorden und vom Schlachtlärm und Kanonendonner dröhnte das Podium und der ganze Saal.

Suschen wurde von allen diesen Eindrücken so bestürmt, daß sie ganz ratlos dastand und sich kaum durch die Wolke der Konservatoristen hindurch getraute, die eben mit einem Beifallshagel losgeprasselt war. Da bot sich ihr Kurt als Führer und Begleiter nach Hause an. Einige zweite Violinen, nicht vom Podium, sondern aus dem Orchester der Musikschule, beneideten ihn darum, daß er bei dem hübschen Mädchen die erste Geige spielte, und das Violoncell, ein blonder, nicht ausgegorener Jüngling, hätte etwas darum gegeben, wenn er bei einem Solo der Kammermusik mit ihr hätte mitwirken können – so meinte er wenigstens zur Klarinette, die stets eifersüchtig auf Kurt war; denn dieser hatte sie bei zwei Amerikanerinnen ausgestochen, um deren Gunst sie sich bewarb.

Es war ein schöner Mondabend, als die beiden zusammen nach Hause gingen. Der Weg führte über 177 die Promenade; die Kastanien und Linden blühten zwar nicht mehr; doch die Gaslaternen warfen ein magisches Licht von unten hinauf in die Wipfelkronen, so daß alle Blätter in smaragdenem Glanze schimmerten. Und da gab es Ruhebänke, vorsichtig hineingebaut ins Gebüsch. Kurt stieß einen Seufzer aus – o vielleicht nach dem zweiten oder dritten Konzert, da gab's das Freibillet auch für diese schönsten Plätze; heute war es noch zu früh.

Indes bot er ihr seinen Arm, den sie auch annahm – und ein leiser Druck desselben fand eine schüchterne Erwiderung. Mit einem solchen Pianissimo beginnen die süßesten Herzensgeheimnisse. Nun, Kurt hatte sich nicht getäuscht; Suschen empfand etwas für ihn. Es war zwar noch wenig; aber dergleichen wächst so rasch, wie auf dem Bilde die Haare eines Kindes, das mit der Haarwuchspomade gespielt hat; bald kann man sich nicht mehr lassen vor der überwuchernden Frisur. Kurt hatte indes nicht bloß einen Lockenkopf; er hatte einen guten Kopf, das hatten ihm alle Lehrer gesagt, und der mußte nachhelfen, da der Druck mit dem Arm nicht verstärkt werden konnte – dazu war es noch zu früh! Doch vom Kopf zum Herzen geht ein elektrischer Bahnzug; hat ein Jüngling Geist, so kann das Herz der Jungfrau nicht lange widerstehen. Davon war Kurt überzeugt, und als sie so langsam über die Schatten dahinschritten, welche das Mondlicht und das Gaslicht auf den Promenadenweg zeichneten, da gab er nicht seinen Gefühlen Ausdruck, die noch nicht recht flügge waren und zwitschernd ihre Köpfchen aus dem Neste herausstreckten, sondern seinen Gedanken, die schon an einen sicheren Flug mit breiten Schwingen gewöhnt waren. Und er sprach 178 über Musik und Gesang einiges Tiefsinnige, was in Suschens Kopf einen ungeahnten Lichtschimmer verbreitete, und sie getraute sich kaum, seitwärts zu ihm emporzusehen – das war doch etwas Großes an ihrer Seite – wie kam sie dazu, Arm in Arm zu gehen mit einem sie geistig so überragenden Sterblichen? Wunderbar – sie hielten Schritt miteinander; dieser Spaziergang hatte etwas so süß Vertrauliches. Mochte Kurt immerhin ein großer Geist sein – im Denken konnte sie nicht zu ihm hinaufklettern, doch im Fühlen, da war sie eins mit ihm; der leise Druck der Arme – das war ja bereits ein schüchterner Austausch ihres Seelenlebens.

Und es störte sie auch nicht, daß Kurt bei seinen weitschweifigen Auseinandersetzungen sich bisweilen so in die Sache vertiefte, daß er ihre holdselige Person ganz vergaß, ja, einmal sogar den Arm aus dem ihrigen löste, als er ihn zu einem erläuternden Gebärdenspiel brauchte. Er fand sich ja rasch wieder an die alte Stelle! Und wann hätte die Liebe, wie wir's vielleicht schon nennen können, Anstoß genommen an irgend einer Eigenart des Geliebten? Alles entzückt sie; ihr ganzer Zauber besteht ja darin, Talmi in Gold zu verwandeln.

Als die Herannahenden durch den großen Torweg des Prinzenhofes schritten, wurden sie unangenehmerweise durch Herrn Tardini überrascht, der von einer Wanderung durch die Höfe zurückkehrte, wo er das rechtzeitige Auslöschen der Laternen und der Treppenbeleuchtung überwacht hatte. Sein Gruß hatte einen etwas spöttischen Beigeschmack, etwas Feindseliges, und in der Tat faßte der Hausverwalter den ingrimmigen Entschluß, nicht bloß den jungen Musiker 179 auf die Straße zu setzen, sondern bei nächster Gelegenheit auch das scheinheilige Mädchen, das ihm gegenüber die Tugendhafte gespielt, während es am späten Abend mit einem verbrecherischen Knaben, der noch kein Zeugnis der Reife aufzuweisen hatte, durch die Straßen patronillierte.

 


 

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