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Paradoxe

Max Nordau: Paradoxe - Kapitel 9
Quellenangabe
typetractate
authorMax Nordau
titleParadoxe
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
printrun28. u. 29. Tausend
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070722
projectidac6cb027
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Inhalt der poetischen Litteratur.

In welcher Wechselbeziehung stehen Leben und Dichtung zu einander? Geht die Unterhaltungslitteratur aus der Beobachtung der Wirklichkeit hervor? Bemüht sich nicht vielmehr diese, die Dichtung zum Vorbilde zu nehmen und ihr ähnlich zu werden? Was ist Muster? Was ist Nachahmung? holen sich Roman und Theater ihre Gestalten vom Markte? Formt sich die Menge nach den Gestalten des Romans und Theaters? Mir ist die Beantwortung dieser Fragen keinen Augenblick lang zweifelhaft. Die Wirkung des belletristischen Schrifttums auf das Leben ist eine unvergleichlich größere als die umgekehrte. Vor Allem macht sich der Dichter oft von den Thatsachen völlig unabhängig und wendet seine Aufmerksamkeit ausschließlich dem willkürlichen Spiele seiner Einbildungskraft zu. Und selbst wenn er seine Anregungen aus der Wirklichkeit schöpft, so hält er sich nicht an die Durchschnittsthatsachen und Wahrheiten, welche der gewissenhafte Beobachter aus dem gewöhnlichen Laufe des Massenlebens ableiten würde, sondern liest sich irgend einen Ausnahmefall aus, den ihm der Zufall vor die Augen geführt oder der aus persönlichen, organischen Gründen auf ihn Eindruck gemacht hat, und giebt übrigens auch diesen nicht treu wieder, sondern gestaltet ihn nach seiner Eigenart um. Das ist also die ganze Berührungsfläche zwischen dem Leben und der Dichtung. Sie ist so schmal wie ein Messerrücken. Ein von einem launischen Windstoß versprühter, in seltsamen Farben schillernder Gischttropfen vertritt in der Dichtung den breiten und tiefen Ozean des Lebens. Wenn da überhaupt noch von einer Einwirkung des Lebens auf die Dichtung die Rede sein kann, so ist sie nicht größer als die der Wirklichkeit auf die Träume, die ja auch teilweise durch sehr schwache Sinneseindrücke angeregt werden, diese aber maßlos und willkürlich zu den unwahrsten Vorstellungen verarbeiten. Die Wirkung der Dichtung auf das Leben ist dagegen eine ungeheure. Sie übt eine gewaltige und unablässige Suggestion aus, die sich die ganze geistige Persönlichkeit, die ganze Denkungs- und Handlungsweise des Lesers unterwirft.

Man vergegenwärtige sich nur die Daseinsbedingungen der durchschnittlichen Menge. Das Individuum verbringt da sein Leben in den engsten Verhältnissen. Es lernt nicht viele Menschen außerhalb seines Familienkreises näher kennen und hat kaum jemals Gelegenheit, ins Innere eines fremden Geistes Blicke zu werfen. Er weiß aus eigener Anschauung nichts von den großen Leidenschaften und Gefühlen, den Wirrnissen und Zwiespältigkeiten der Menschheit und würde, auf seine persönlichen Erfahrungen angewiesen, schwerlich vermuten, daß es außerhalb der Küche, des Ladens, allenfalls noch der Kirche, des Marktes und Gemeindehauses, noch eine Welt gebe. Aber es liest Unterhaltungsschriften, es geht ins Theater und sieht Gestalten vor sich, die es in seiner Wirklichkeit nie gegeben hat: Märchenprinzen und vornehme Damen mit Diamantsternen im Haare, Abenteurer und Verbrecher, engelsgütige Lichtmenschen und arglistige Ränkeschmiede; es beobachtet seltsame Lagen, in denen es sich nie befunden hat, und erfährt, wie die Phantasiegestalten des Dichters in denselben denken, fühlen und handeln. Nach allen Gesetzen der Psychologie ist es unvermeidlich, daß das Individuum, welches die in Form positiver Mitteilungen auftretenden Versicherungen des Dichters nicht durch eigene Beobachtungen einschränken oder berichtigen kann, ihm ohne Mißtrauen glaube, seine Vorstellungen vom Leben aus dessen Werken schöpfe, seine Menschen sich zum Vorbild nehme, seine Urteile, Neigungen und Abneigungen sich aneigne. Wie jede Suggestion beeinflußt auch die durch Roman und Theater geübte das geistig minder entwickelte oder minder gesunde mehr als das bedeutende, eigenartige und völlig normale Individuum; also in erster Linie die Schablonennaturen, die Jugend, das Weib, die Hysterischen und Geistes- oder Nervenschwachen. Ich kann das in Paris seit Jahren direkt beobachten. Die Pariserin ist vollständig das Werk der französischen Journalisten und Romanschreiber. Diese machen aus ihr buchstäblich, was sie wollen, leiblich und geistig. Sie spricht, sie denkt, sie fühlt, sie handelt, ja sie kleidet sich, geberdet sich, geht und steht, wie ihre Modeschriftsteller es wollen. Sie ist eine Gliederpuppe in deren Hand und gehorcht willenlos allen ihren Eingebungen. Ein verkommener Kerl von widerlich verfaultem Geschmacks schildert in einer Zeitung oder einem Buche sein Ideal eines Weibes, wie er es eben in der Verwesungsatmosphäre seiner entarteten Phantasie erbrüten konnte: ihr Gang ist trippelnd, ihre Stimme aus der Fistel wie die eines Kindes, ihre Augen sind weit geöffnet, ihr kleiner Finger gabelt während des Essens von den übrigen abstehend in die Luft. Sofort beeilen sich alle Leserinnen, dieses Ideal zu Verwirklichen, und man sieht nur noch Äffinnen, die mit winzigen Schrittchen dahinhopsen, mit hoher Stimme piepsen, die Augenbrauen bis in die Mitte der Stirne hinaufziehen, den kleinen Finger krampfhaft von der übrigen Hand wegspreizen und sich mit ihrem falsch kindlichen Gethue jedem gesunden Geschmack unsagbar widerwärtig machen. Dabei ist das nicht einmal bewußte und gewollte Ziererei, sondern automatische, zur Natur gewordene Gewohnheit. »Ein anderer Satyr der Feder, dessen stumpfe Sinne durch andere Vorstellungen als die eines weiblichen Wesens im Kindesalter wachgekitzelt werden, lüstelt sich in eine Beschreibung der Haarlöckchen hinein, die sich in den Nasen mancher Frauen ringeln; er spricht von ihnen in den frech liebkosenden Ausdrücken, die für sinnliche Erregungszustände bezeichnend sind, und umschmeichelt sie mit raffinierten Worten, die so schamlos sind wie gewisse Blicke und Berührungen. Unverzüglich streichen sich die Leserinnen den Haarsaum vom Hinterhaupts abwärts, richten sich ihn zu Zotteln und steif gedrehten Korkziehern zurecht und gehen mit einer in den Rücken hängenden Halskrause daher, die ihnen eine täuschende Ähnlichkeit mit einem Kondor oder Aasgeier verleiht, alles bloß, um wie das Weib auszusehen, das ihnen ihr Dichter als geeignet geschildert hat, einen Mann (allerdings einen durch und durch im Laster vergorenen Mann, aber das sagt er ja nicht dazu) erotisch zu reizen. Es ist bei uns in Deutschland nicht anders. Wie Clauren's Frauengestalten, wie heute die Goldelfen und Geierwallys ganze Generationen deutscher Mädchen und Frauen nach ihrem Ebenbilde geformt haben, das weiß jeder, den die Gegenwart des Weibes nicht gleich so von Sinnen bringt, daß das Urteil gelähmt ist und die Betrachtung zur Anbetung wird. Glücklicherweise sind die Schöpfer der Goldelfen und Geierwallys keine schmutzigen Volksvergifter und die Gestalten, die sie ihren Leserinnen als Muster vorhalten, sind, wenn auch unwahr, naturwidrig und geschmacklos, doch mindestens sittlich einwandfrei. Der Mann steht weniger als das Weib unter der Wirkung der Roman- und Theater-Suggestion, vor allem auch, weil er weniger Unterhaltungsschriften liest als jenes, aber er entgeht ihr ebenfalls nicht. Als die Leiden des jungen Werther erschienen, da schwärmte es in Deutschland alsbald von Werthers, die sich nicht bloß den Anschein gaben, wie ihr Vorbild zu denken und zu fühlen, sondern dies aufrichtig thaten und ihre Ernsthaftigkeit in vielen Fällen durch den Selbstmord bewiesen, bis zu welchem bloße Schauspielerei schwerlich gegangen wäre. In Frankreich hat das Liebes- und Schicksalsopfer Antony eine ganze Rasse von Antonys hervorgebracht und Byron ist dafür verantwortlich, daß in den dreißiger Jahren die ganze Kulturwelt von dämonischen Jünglingen mit blassen Wangen, langen Haaren, breitem Hemdkragen, verwüsteter Stirne und schauerlich geheimnisvollem Blicke wimmelte. So stellen sich die Dichter und Erzähler wie der biblische Jakob vor die geistige Tränke hin und legen nach Belieben ihre »Stäbe von grünen Pappelbäumen, Haseln und Kastanien«, an denen sie »weiße Streifen losgeschält« haben, in die Rinne und verursachen »sprenglige, fleckige und bunte« Generationen.

Das wäre nun weiter kein Unglück, wenn das schönwissenschaftliche Schrifttum der Menge gesunde und wahre Muster vorhielte. Das thut es aber nicht. Die poetische Litteratur enthält mit so geringen Ausnahmen, daß man sie vernachlässigen muß, nichts als Unmöglichkeiten, Unwahrscheinlichkeiten und Anomalien. Die Fälle, die sie schildert, sind Ausnahmefälle, die sich nie oder nur äußerst selten ereignet haben; die Menschen, die sie zeichnet, gehören einer winzigen Minderheit an, wenn sie überhaupt noch in Fleisch und Blut denkbar sind; die Anschauungen, die Gefühle, die Handlungen, die sie darstellt, sind nach einer oder der andern Richtung krankhaft übertrieben und sehr verschieden von denen der typischen Durchschnittsmenschen, die sich des geistigen und sittlichen Gleichgewichts erfreuen. Die poetische Litteratur ist eine ungeheure Sammlung von Krankengeschichten, von denen einige wenigstens gewissenhaft beobachtet, weitaus die meisten aber noch dazu mit grausamer oder unwissender Phantasie ausgeheckt sind, ein endloses Verzeichnis aller Störungen, die den Menschen heimsuchen können, von der leichten Trübung des Urteils durch eine unvernünftige Leidenschaft bis zur monströsesten moralischen Entartung.

Schon die Zeitung hat diesen Charakter des ausnahmweisen und krankhaften. Die Neuigkeiten, die sie ihren Lesern erzählt, betreffen Mord und Totschlag, Feuersbrünste, Eisenbahnunfälle, Überschwemmungen, Erdbeben, alles Ereignisse, die von hundert Menschen in gesitteten Ländern kaum einer während eines ganzen Lebens mit eigenen Augen gesehen hat. Das ist ja auch natürlich. Das normale Leben scheint nach herkömmlicher Anschauung nichts Mitteilenswertes zu enthalten. Daß Gevatter Hinz gut geschlafen, seinen Morgenkaffee genossen, Vormittag seine Kunden bedient und mit gutem Appetit zu Mittag gegessen hat, alles wie gewöhnlich, das bietet keinen Anlaß zu einer Tagesneuigkeit. Verzeichnet wird nur, was von der Norm abweicht, und das ist eben die Ausnahme, das Krankhafte. Wenn deshalb ein weiser Thebaner, dem die Zeitung eine unbekannte Einrichtung wäre, unter uns erschiene und ein Blatt zur Hand nähme, er würde sicherlich fragen: »O edler Gastfreund, ist die Welt und die Menschheit so schlecht geworden, daß nichts anderes mehr vorgeht als Verbrechen? Zürnen die Götter den Bewohnern der Erde, daß sie sie mit allem Unglück heimsuchen? Brennen sämtliche Völker, einander mit Krieg zu überziehen?« Nur die Börsen- und Marktberichte und die Inserate würden sein bekümmertes Gemüt einigermaßen beruhigen und ihm zeigen, daß es neben den Greueln und Aufregungen auch noch stillfriedliches und regelmäßiges Alltagsleben gebe.

Roman und Theater haben in ihrer höhern Form doch dieselbe Richtung wie die Zeitung. Sie beschäftigen sich bloß mit der Ausnahme und dem Krankhaften. Der belletristische Schund erzählt roh äußerliche Vorgänge von ungewöhnlichem Charakter, also Abenteuer, unerhörte Zufälle und Verbrechen, die anspruchsvollere Litteratur schildert außergewöhnliche Menschen und Seelenzustände ungewohnter Art. Dem Leser von niedriger Bildung kommen die für ihn arbeitenden Schriftsteller mit den Blut- und Gespenstergeschichten der Kolportage-Romane, bestenfalls mit Entdeckungsfahrten, sonderbaren Erlebnissen unter Land- und Seeräubern, in Kriegen und Schiffbrüchen, dem Leser von hoher Bildung tischt man Leidenschaften und innere Konflikte auf, die auch nicht gerade auf der Straße angetroffen zu werden pflegen; immer aber ist es etwas von gewöhnlichen Menschengeschicken Abweichendes, was den Gegenstand des poetischen Werkes ausmacht. Freilich besteht da wieder der Unterschied, daß die berufenen Dichter sich nur insofern von der Wahrheit entfernen, als sie sie übertreiben, oder bloß in den Voraussetzungen willkürlich sind, aus diesen aber richtige Folgerungen ableiten, während die Mittelmäßigen und Nachahmer in ihrem Versuche, die Wirklichkeit darzustellen, nicht die Linien bloß nachdrücklicher ziehen und die Farben stärker auftragen, sondern fehlerhaft zeichnen und stümpernd malen. Nie aber hat der Dichter das Recht, zur Mehrheit seiner Leser, nicht zu einem mühsam auserlesenen, mit einer Diogeneslaterne gesuchten, das tiefsinnige »Tat twam asi!« »Das bist du!« des indischen Weisen zu sagen. Wie viele Bücher giebt es, die dem gesunden, normal entwickelten Menschen gegenüber mit dem alten Römer wiederholen dürfen: »Von dir wird die Fabel erzählt«? – Suchen wir einmal zusammen. Jeder Germane, vielleicht jeder auf eine höhere Stufe der Ausbildung gelangte Mensch, hat etwas von Faust in sich, den Durst nach Wahrheit und Erkenntnis, das wurmende Gefühl seiner Endlichkeit; aber wie viele von uns empfinden jenen Durst quälend genug, um ihn mit dem Inhalt der »krystallnen, reinen Schale« stillen zu wollen? Die meisten Mädchen werden in einem gewissen Abschnitte ihres Lebens ähnlich wie Julie fühlen; aber die wenigsten von ihnen treiben die Exzentrizität ihrer Liebe zu Romeo so weit, daß sie zum alten Klausner gehen und sich in die Gruft hinlegen. Eifersüchtige Männer giebt es genug und leider haben viele von ihnen mehr Ursache zu Qual und Argwohn als Othello. Aber ihre Desdemona erwürgen sie doch nicht, auch nicht wenn sie zur verschwindenden Minderheit der Generäle und Statthalter gehören. Ich für meinen Teil habe nur einen Mann leibhaftig gekannt, der den Versuch machte, Shakespeares Suggestion zu verwirklichen. Aber die ganze Geschichte wird dadurch kläglich verdorben, daß Othello, ein Hausknecht in einer Kaffee-Großhandlung, sich zuvor in Schnaps zu seiner That Mut trank und sich, als er nach der übrigens nur halb gelungenen That verhaftet wurde, an nichts erinnern wollte. Dabei sind die bisher als Beispiele angeführten Dichtungen mit die allerwahrsten und allermenschlichsten der Weltlitteratur. Wenn wir zu den minder vornehmen Rängen derselben hinabsteigen, so wird die Sache weit schlimmer. Die lustigen drei Musketiere haben nie gelebt und könnten namentlich in unserer heutigen Welt ihr aus unregelmäßiger Liebe, Spiel und Rauferei gewobenes Dasein nicht eine Woche lang führen, ohne alle Gendarmen des Kreises auf ihren Fersen zu haben. Von Millionen Lesern ist noch nicht einer der Möglichkeit ausgesetzt, ein Robinson Crusoe zu werden, und der gute Freitag bedeutet uns allen unvergleichlich weniger als Hekuba den Schauspielern. Giebt es denn aber keine Dichtung, die ganz wirklich, ganz allgemein menschlich ist? Ich antworte in gutem Glauben: ich sehe keine. Selbst Hermann und Dorothea, dieses treuherzige, schlichte Gemälde deutschen Bürgerlebens in der Kleinstadt, ist insofern nicht thatsächlich, als es von Voraussetzungen ausgeht, die sich in Jahrhunderten einmal bewahrheiten. Man sieht kaum jemals ganze Gemeinden mit Kind und Kegel ihre Heimat verlassen und landfahrend umherirren und so findet Hermann keine Gelegenheit, Dorothea wie in der Patriarchenzeit am Brunnen zu finden und die Magd ins Vaterhaus zu führen. Alle diese Wesen, die sich im Roman und auf der Bühne umhertummeln, sind Leute aus dem Monde, Jahrmarkts-Sehenswürdigkeiten mit einem Horn auf der Stirne, bärtige Weiber, Zauberer, Riesen und Zwerge, sie schleppen ein kurioses Schicksal mit sich, das wert ist, den Gaffern um zehn Pfennig Eintrittsgeld gezeigt zu werden, sie haben ein wertvolles Geheimnis in ihr Rockfutter eingenäht, sie sind innen um eine ganze Anzahl Meter tiefer als außen; die gewöhnliche, stille Menschheit, die nicht besonders gut und nicht besonders schlecht ist, die sich redlich nährt und mit einem Testamente stirbt, wenn sie etwas zu hinterlassen hat, und deren fröhliches Gewimmel auf der breiten Erde die Sonne bescheint, diese Menschheit ist es nicht, welche die Dichtung wiederspiegelt.

Ich hoffe, daß mir niemand den »Naturalismus« vorrückt, den einige moderne Franzosen als ihre funkelnagelneue Erfindung ausgeben. Ich weiß wohl, daß derselbe sich rühmt, bloß die nackte Wahrheit des Lebens zu schildern und nach »menschlichen Dokumenten«, das heißt nach beobachteten Thatsachen zu arbeiten. Aber das ist ja ein niederträchtiger Schwindel und die reinste Bauernfängerei. Die Schriftsteller, die mit dem Naturalismus spekulieren, thun genau dasselbe, was ich einen Winkelphotographen in einer kleinen Stadt Hessens habe thun sehen. Dieser besaß eine große Sammlung alter Visitenkarten-Porträts, die er einmal bei einer Versteigerung in Frankfurt um einen Pappenstiel erstanden hatte. So oft nun irgend eine Persönlichkeit von den Ereignissen in den Vordergrund des Tagesinteresses geschoben wurde, holte er einen Kopf, der seiner Vorstellung von der neuen Modeberühmtheit entsprach, aus seinem Wuste hervor und bot ihn als das Konterfei der betreffenden Persönlichkeit feil. So verkaufte er 1878 einen Disraeli mit einer Gurkennase von stark alkoholischer Beschaffenheit und vier Jahre später einen Gambetta mit einem ehrwürdigen Prophetenbart und einer Art Pelzkalpak auf dem Kopfe. Sein Handwerk wurde ihm erst gelegt, als er unter dem Namen Garfields die Photographie eines Mannes ausstellte, der ihm ein Fremder war, in welchem jedoch der ganze Ort den verstorbenen Steuerinspektor erkannte. Die naturalistischen Schriftsteller haben von ihren Vorgängern in den letzten dreitausend Jahren die alte Methode geerbt; weil aber jetzt die Richtung der Zeit eine ernste, wissenschaftliche, kogitationelle ist, weil das Publikum vorgiebt und vielleicht sogar selbst glaubt, nur noch für beobachtete Thatsachen und wissenschaftliche Versuche Interesse zu haben, so geben sie ihrer Methode solche Modenamen wie Naturalismus, Experimentalroman, menschliches Dokument u.s.w. Ein Roman von Zola ist genau wie ein Roman von Sue oder wie ein solcher von Prevost oder von Scarron: eine frei erfundene Geschichte, die bloß in der Phantasie des Verfassers und sonst nirgends vor sich gegangen ist. Wenn ein Schriftsteller mit Vorliebe im Kote sudelt und ein anderer reinliche Aufenthaltsorte vorzieht, wenn der eine gern Trunkenbolde, Straßendirnen und Blödsinnige, der andere reiche, vornehme und löbliche Musterbürger schildert, so ist dies persönliche Eigentümlichkeit, ändert aber an der Methode nichts. Der »Naturalismus« ist darum doch ebensowenig die Natur, das wirkliche Leben, wie der Idealismus oder der Konventionalismus, denn jede Statistik belehrt uns, daß selbst in der verderbtesten Großstadt erst auf hundert Einwohner eine Nana, auf fünfzig Bürgerwohnungen ein Assommoir kommt, daß der Fall Nanas oder des Assommoirs für die ungeheure Mehrheit ein unbekannter Ausnahmefall und darum ohne Bedeutung ist und daß Nana und der Assommoir, selbst wenn sie thatsächlich existieren, selbst wenn sie, was aber nicht zugegeben werden kann, ohne Übertreibung und willkürliche Zurechtmachung geschildert sind, höchstens den Wert einer kuriosen Nummer in einem pathologischen Museum, aber nicht den eines allgemein giltigen »menschlichen Dokuments« haben können. Weshalb beschäftigt sich aber die poetische Litteratur, die naturalistische ganz so wie die andere, bloß mit den ausnahmweisen und krankhaften Erscheinungen? Der eine Grund, der schon oben angedeutet wurde, liegt im Leser. Das Publikum will im Buche nicht das wiederfinden, was es ohnehin kennt. Es sucht Sensationen, diese giebt aber nur der Übergang aus einem bestehenden in einen neuen Bewußtseins-Zustand, das Aufhören eines und das Beginnen eines andern, verschiedenen Eindrucks. Die Verhältnisse, in denen wir gewöhnlich leben, sind unseren Sinnen und unserem Bewußtsein so vertraut, daß wir sie gar nicht mehr wahrnehmen, wie wir den Luftdruck nicht spüren, unter dem wir beständig stehen. Um es anzuregen, muß der Schriftsteller deshalb dem Publikum andere, unbekannte Verhältnisse und Menschen zeigen und die kann er naturgemäß nur außerhalb der Gewöhnlichkeit, außerhalb der Mehrheit und ihrer Norm finden. Der zweite Grund liegt nicht im Leser, sondern im Dichter. Heute und wohl schon seit hundert Jahren ist der Roman- und Theaterdichter entweder der Sohn oder doch der lebenslange Bewohner einer Großstadt und von deren geistiger und sittlicher Atmosphäre beeinflußt. Er lebt unter aufgeregten und in vielen Fällen krankhaft entarteten Menschen. Man vergesse nicht, daß der Großstädter einen zum Untergang bestimmten Typus der Menschheit darstellt. Jede Familie von Großstädtern stirbt im dritten, spätestens vierten Geschlechte aus, wenn Zuzügler vom Lande ihr Blut nicht erneuern und ihr nicht frische Lebenskraft zuführen. Besonders die nervösen Störungen sind in dieser Menge häufig. Unzählige Individuen siedeln da in jenem Grenzlande zwischen der gesunden Vernunft und dem Wahnsinn, das in der letzten Zeit die Irrenärzte und Psychologen so mächtig anzieht. Sie sind noch nicht eigentlich verrückt, aber nicht mehr völlig normal. Ihre Hirnzentren arbeiten nicht, wie sie sollen. Das eine ist geschwächt und entartet, das andere übermäßig erregbar und unnatürlich vorwiegend. Sie fühlen, denken und handeln anders als gesunde und starke Menschen. Leise Berührungen erregen Stürme in ihnen;, ihre Empfindungen werden zu Leidenschaften, über welche das Urteil keine Macht hat; sie sind emotionell und impulsiv, übertrieben in Haß und Liebe, voll Wunderlichkeiten in ihren Anschauungen, unzusammenhängend in ihrem Thun und Lassen. Das sind die Menschen, welche die großstädtischen Schriftsteller beständig vor sich sehen, die sie beobachten, zu denen sie meistens selbst gehören. Es ist klar, daß das Zusammenleben derartiger Naturen Probleme erzeugt, die unter Normalmenschen nie entstehen können. Die Anziehungs- und Abstoßungs-Verhältnisse, die inneren und äußeren Konflikte, die Verwickelungen und Katastrophen sind ganz andere wie zwischen gesunden Leuten, in deren Leben Sonnenschein und Wiesenbachplätschern, Bergwaldschatten und die freien Winde der Ebene, kurz das Walten und Weben der Natur die Rolle eines beständig wirkenden Regulators spielen. Der großstädtische Dichter in seiner Umgebung von überempfindlichen oder abgestumpften, nervösen oder hysterischen, sentimentalen oder verderbten Ausbund-Menschen, die halbe Genies und halbe Idioten sind und ihr Lebelang zwischen den nach ihnen ausgestreckten Händen des Irrenarztes und Strafrichters hin- und herschwanken, verliert das Verständnis für die menschliche Wahrheit und weiß zuletzt gar nicht mehr, wie sich die Welt in einem klaren, ungetrübten Auge und in einem weder überreizten noch entarteten Gehirn abspiegelt. So schreibt man diese Zolaschen Romane der erblichen Geisteskrankheit, so schreibt man die »Gespenster« von Ibsen, so alle diese übergeschnappten Liebes-, Eifersuchts- und Ehebruchs-Geschichten, die einem kräftigen und tüchtigen Organismus ebenso fremd und unverständlich sind wie die Migränen und Magenkrämpfe bleichsüchtiger Siechlinge.

Und das Bild solcher unholden Leidenschaften, Seltsamkeiten und Gleichgewichtsstörungen des Verstandes und der Sittlichkeit wird dem Leser vorgehalten, wirkt als Suggestion auf ihn, dient ihm als orbis pictus, aus dem er Welt und Menschen kennen lernt, und als Muster, nach dem er sich selbst formt! Was ist dagegen zu thun? Die Unterhaltungs-Schriftsteller früherer Jahrhunderte, die noch keine Großstädter und Nervenleidende waren, boten ihrem Publikum die Anregungen, die es verlangte, in Gestalt von derben Schwänken, von Reise-, Jagd- und Kriegsabenteuern oder von eingestandenen Märchen, die nur ein armer Narr wie der edle Don Quixote ernst nehmen konnte. Für solchen Lesestoff sind unsere Zeitgenossen schon zu naseweis geworden und Rothäute, Kongoneger und verwunschene Prinzessinnen fesseln nur noch Kinder unter zwölf Jahren. Die Idealformel eines Werkes der Einbildungskraft wäre offenbar diese: besonders menschliche Thatsachen zu finden, aus denen allgemeine biologische und soziologische Gesetze abzuleiten wären, die auf die ganze Gattung oder doch mindestens auf ansehnliche Menschengruppen angewendet werden könnten; diese Thatsachen dürften nur insofern ausnahmsweise sein, als sie mit ungewöhnlicher Deutlichkeit und Kraft die Gesetze zeigen würden, deren Wirkung und Ausdruck sie sind und die gewöhnlich verschleiert bleiben. Kürzer gesagt: das gemeine Gesetz, verkörpert im seltenen Fall. Ein nach dieser Formel gebautes Werk würde zugleich die Forderung des Philosophen erfüllen, der verlangt, daß es umfassend, wahr für viele und allgemein menschlich sei, und die des Durchschnittslesers, der wünscht, daß es von seiner Alltagserfahrung verschieden sei. Aber um diese Formel zu verwirklichen, ist nicht weniger als das höchste Genie erforderlich und dieses ist leider selten. Und da man ein solches Genie nicht immer zur Hand hat, so sehe ich kein Heil für die Durchseuchung der Leserphantasie mit belletristischen Zersetzungsstoffen, es sei denn, man entschlösse sich von Staatswegen, allen Roman- und Theaterdichtern den Aufenthalt in Großstädten zu verbieten und sie in friedliche Dörfer unter robuste Landleute zu verbannen, oder man überredete die Berufsschriftsteller, statt seltener Ausnahmefälle statistisch festgestellte Massen-Thatsachen, statt geistiger Pathologie geistige Physiologie unter das Volk zu bringen und statt des Buches vom kranken das Buch vom gesunden Menschen zu schreiben.

Ich fürchte nur, ich fürchte, daß dieses nützliche und empfehlenswerte Buch weder einen Verleger noch einen Leser finden würde.

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