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Paradoxe

Max Nordau: Paradoxe - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
authorMax Nordau
titleParadoxe
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
printrun28. u. 29. Tausend
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070722
projectidac6cb027
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Rückblick

In einer größeren Abendgesellschaft saß ich in einer Ecke und betrachtete mir das Bild, das ich vor Augen hatte. Der Hausherr zwang sein hartes und widerstrebendes Gesicht in das festgefrorne Lächeln oder vielmehr Grinsen einer Tänzerin, dem man allzu deutlich ansieht, daß es für die Gelegenheit vom Maskenverleiher geborgt ist. Die Hausfrau gab ihren rotgeschminkten Lippen eine liebenswürdig süßliche Krümmung und schoß ab und zu mit dreifachem Auszug von giftigem Neide versetzte Blicke auf einige weibliche Gäste, die jünger und hübscher waren als sie selbst. Die jungen Mädchen spielten teils geschickt, teils so ungeschickt, daß man sie hätte auspfeifen und mit faulen Äpfeln bewerfen mögen, die Possenrolle der verblüfften und eingeschüchterten Unschuld vom Lande; das waren in holder Verwirrung offen vergessene Mündchen, in grundloser Verzückung himmelwärts verdrehte Augen, das waren vollkommen blödsinnige »Ah« und »Oh«, Ausbrüche eines idiotischen Gekichers, wie es Austern haben mögen, wenn ein mutwilliger Finger sie kitzelt, geistreiche kleine Antworten, bei denen man hätte beide Arme gen Himmel erheben und in ein Jammergeschrei ausbrechen mögen; bei all diesem lieblichen Gethue und Gehabe die wunderbare Selbstbeherrschung eines unter den Waffen ergrauten Kriegers, dann und wann ein harter, unerbittlicher Seitenblick auf die Nebenbuhlerin, grausame und haßerfüllte Beurteilung ihrer Erscheinung und Toilette, krämerisch peinliche Abschätzung des Werts derselben, wissenschaftlich genaue Beobachtung der Dauer ihrer Unterhaltung mit den verschiedenen Herren und Feststellung der Anzahl ihrer Tänzer und Hofmacher; und zwischen dieser kaltblütigen Arbeit des Kopfrechnens alle kleine Weile im Geiste ein schwärmerischer Kniefall vor sich selbst und die litaneiartig wiederkehrende inbrünstige Selbstanbetungsformel: »Du bist doch die schönste, die klügste, die anmutigste von allen, Amen.« Die jungen und jungseinwollenden Herren waren würdige Partner dieses »reizenden Damenflors«, wie man ja wohl zu sagen pflegt. Sie bewunderten die Weiße und Glätte ihrer Hemdbrustfläche, den Glanz ihrer spitzen Plattfuß-Schuhe, den Schwung ihres Frackschnitts. Sie wußten beinahe das Kunststück des Chamäleons nachzuahmen und blickten mit dem einen Auge verliebt nach einem Mädchen, mit dem andern weit verliebter in den Spiegel. Die Leere ihres Geistes war von einem Bilde erfüllt: dem ihrer eigenen Unwiderstehlichkeit. Wenn einer von ihnen mit einer Dame sprach, so beobachtete er mit höchster Anspannung all seiner seelischen Fähigkeiten die Wirkung, die er auf sie hervorbrachte und die er mit hundert possierlichen Künsten des Leibes, der Stimme, des Blickes, des Wortes aufs äußerste zu verstärken suchte. Während dieser Zeit war auch die Dame mit nichts anderem beschäftigt als damit, einen möglichst tiefen Eindruck auf ihn hervorzubringen, und der Zusammenstoß dieser beiden unmeßbaren Eitelkeiten, dieser doppelten schonungslosen Selbstsucht ließ in der Dame und dem Herrn sichtlich eine angenehme Selbstzufriedenheit zurück, wie der Organismus sie empfindet, wenn er sich einer großen und zweckdienlichen Kraftausgabe bewußt ist. Neben den leidenschaftlich in sich verliebten Narren und Närrinnen, neben den ruchlosen Skalpjägern beiderlei Geschlechts, die in einem Salon wie in einem Urwald bloß Opfer suchen, um Trophäen auf ihren Gürtel reihen zu können, gab es auch andere Gestalten, die den Beobachter unterhalten konnten. Praktische Streber umlagerten Mütter und Tanten reicher Erbinnen. Widerwärtige Flachköpfe bildeten Gruppen um irgend eine dumm und frech aussehende Kokette, von der man sich allerlei unsaubere Geschichten ins Ohr zischelte, und ihre faunischen Augen, ihr satyrhaftes Lächeln verrieten uneingestehbare Vorstellungen, die ihre entarteten Sinne angenehm erregten. Man drängte sich um einen wichtigthuenden jungen Menschen, den einflußreichen Privatsekretär des Ministers, und schämte sich nicht, seine unsagbaren Plattheiten mit kriecherischem Beifallslächeln anzuhören. Ein berühmter Dichter wurde von zwei anspruchsvollen Damen, die ihre Jahresringe zu verheimlichen suchten, in eine Ecke gedrängt und zum Vorwande genommen, alberne Gemeinplätze über poetische Werke von sich zu geben. Ein tiefsinniger Philosoph war so ungeschickt, sich in einen kleinen Kreis zu verirren, der sich um einen aufgeblasenen Maler geschlossen hatte, und so gutmütig, sich da an der Unterhaltung zu beteiligen. Der Maler sprach von nichts als sich, seinen Nebenbuhlern, seinen Bildern und seinen Erfolgen und gab dem Denker eine halbe Stunde lang bloß zu nichtssagenden, ja einfältigen Bemerkungen Gelegenheit, über die er hernach selbst erröten mußte. Ein Schauspieler trug abgeschmackte Theateranekdoten mit einem Gewicht und einer Durchdrungenheit vor, als stände er auf dem Sinai und verkündete Heilsoffenbarungen, und aus den Augen seiner Zuhörerinnen brach ein Feuer der Bewunderung, das dem pontifizierenden Komödianten beinahe Löcher in die Weste brannte. Ein starker Millionär übersah das bunte Treiben und bedachte voll Selbstachtung, um wie viel größer und erhabener er dastehe als diese Dichter und Philosophen, Schauspieler und Maler, Leutchen, denen die Mode, das Vorurteil der Gesellschaft eine gewisse gleichmäßige Beachtung verschaffe, die aber alle miteinander noch nicht ein Hundertstel seiner Unterschrift gelten. So quirlte dieses Gemisch blödsinnigen Dünkels, alberner Ziererei, Beschränktheit und Gesinnungsniedrigkeit, demantharter Selbstsucht und schlichter Dummheit ohne weiteres Beiwort bald im Tanze, bald im Gespräche, von Musik oder dem Geklapper von Tellern und Tassen harmonisch begleitet, geschlagene fünf oder sechs Stunden durcheinander, bis man sich mit langgezogenen Gesichtern und schwarzen Ringen um die Augen zum Aufbruch anschickte.

Zu Hause angekommen überdachte ich nach meiner leidigen Gewohnheit die Eindrücke des Abends. Weshalb hatte ich mich durch die ungesunde Nachtwache ermüdet? Weshalb mich der Wohligkeit des Bettes beraubt, um in Hitze und Gedränge die Luft zu atmen, deren Sauerstoff bereits von gemeinen, dummen, schlechten oder gleichgiltigen Leuten verbraucht worden war? Welcher Vorteil an Leib, an Geist, an Gemüt war mir aus dieser Rackerei erwachsen? Welche angenehmen Eindrücke hatte ich empfangen, welches kluge oder sinnige Wort gehört, zu welcher vernünftigen Äußerung selbst Anregung empfangen? Auf die jüngsten Stunden zurückblickend, sah ich nichts; eine Einöde mit einigen dürren Kamelknochen und fernem Schakalgekläff; eine Finsternis mit etwas widerwärtigem Fäulnisgeflimmer; eine schwarze Lücke im Leben. Ich schämte mich der Feigheit, mit der ich die Einladung angenommen hatte, weil es doch nicht angehe, den vornehmen und einflußreichen Hausherrn durch eine Ablehnung vor den Kopf zu stoßen; ich war gedemütigt durch die Erinnerung an die unsittliche Duldung, mit der ich unverschämt dünkelhafte oder einfältig flache Bemerkungen hingenommen, ja höflich belächelt hatte, an die unbegreifliche Schwäche, mit der ich selbst auf das Gefasel der Leute eingegangen, in den Straßenschlamm ihrer Anschauungen getreten war und die mir nachträglich als strafwürdige Mitschuld ohne mildernde Umstände erschien. Ich hatte einen wahren Katzenjammer, der um so empfindlicher war, als ich vorher nicht das Vergnügen der Trunkenheit gehabt hatte. Und wie das zu gehen pflegt, ließ ich meinen Unmut nicht an mir, dem im Grunde allein Schuldigen, sondern an den übrigen aus. Es ist ja so menschlich, für das Ungemach, das man sich selbst zugefügt hat, andere verantwortlich zu machen. Ich suchte also meine verbitterte Stimmung durch die Fällung eines allgemeinen Verdammungsurteils über die Menschheit zu erleichtern. Lauter Hanswürste, oder Waldesel, oder Halunken! Wiederkäuendes Vieh, oder blutsaufende Bestien, oder gemeine Köter von der Art, deren Junge man zu ertränken oder zu verschenken pflegt! Ein Ekel oder ein Grauen! Und ein Schelm oder ein Narr, der sich ohne Halsnot unter dieses Gezücht begiebt und freiwillig mit den Wölfen heult und den Ochsen brüllt, mit dem Aasgeier die Appetitlichkeit des Luders rühmt und der Truthenne um ihres Geistes willen den Hof macht!

Während lästerliche Gedanken dieser Art einander in meinem Gehirn jagten, fiel mein Blick zufällig auf mein Mikroskop, das von der Nachmittagsarbeit her auf dem Schreibtisch stehen geblieben war. Dieses Werkzeug wirkte auf mich wie nie zuvor. Der Vergleich mag seltsam dünken, aber es schien sich vor mich hinzustellen wie die nackte Phryne vor die Richter von Athen und zu sagen: »Sieh mich an und verurteile dann, wenn du dazu imstande bist.« Eine Stimme erhob sich in mir, die mich mit Ernst und Nachdruck ungerecht nannte und die Menschheit, die ich eben verdammt hatte, begeistert zu preisen begann. Wie wagte ich es, dieselben Menschen dumm und oberflächlich zu schelten, die das Mikroskop erfinden gekonnt! Welche tiefe, anhaltende und starke Geistesarbeit setzte schon dieses eine Instrument voraus! Es mag sein, daß es der Zufall war, der zuerst lehrte, wie sich ein hohles, wie ein gewölbtes Glas, wie eine Vereinigung beider dem Lichtstrahle gegenüber verhalte. Aber der menschliche Geist hatte diesen Zufall durch seine Arbeit auszubeuten, um alle Früchte aus ihm zu ziehen, die er liefern konnte. Man mußte den Weg verfolgen und genau feststellen, den der Lichtstrahl durch die verschiedenen Gläser zurücklegte, bald auseinanderweichend, bald gleichlaufend, bald zusammentretend. Man mußte die geometrische Theorie dieser Erscheinungen finden. Man mußte Vorrichtungen von wunderbarer Feinheit herstellen, um auf eine Glasplatte Striche einzuritzen, die einen Millimeter in Zehntel teilen. Das alles haben Menschen fertig gebracht. Und wofür haben sie soviel Mühe und Scharfsinn aufgewendet? Um die Grenzsteine der Erkenntnis um eine ganz winzige, fast unermeßbar kleine Strecke weiter hinauszurücken. Denn über die wirklichen Dienste, welche das Mikroskop zu leisten vermag, täuscht sich nur der ganz Unwissende. Was man durch das Mikroskop unterscheidet, das ist nicht nur an Umfang, sondern auch an Wichtigkeit verschwindend gegen das, was man mit freiem Auge sieht. Der Hund ist viel merkwürdiger als das Aufgußtierchen und die Eiche als die Bakterie. Eine Schlagader ist viel wunderbarer als ein Haargefäß, die zusammengesetzte Bewegung eines Arms viel überraschender als die einfache Kriech-Regung eines Protoplasma-Klümpchens oder das Brownsche Flimmern eines winzigen, unorganischen Stoffteilchens und eine Menschenbrust mit allem, was sie enthält, viel erstaunlicher als eine Zelle und das, was in ihr ist. Die Aufschlüsse, die uns ein einziger Blick in die Außenwelt über alle Verhältnisse des Kosmos und unseres Ichs gewährt, lassen sich mit denen gar nicht vergleichen, die uns das anhaltendste Studium mikroskopischer Präparate geben kann. Was wir eigentlich wissen möchten: wie die Körper in ihrem innersten Wesen beschaffen, aus welchen letzten, einfachsten Bestandteilen sie zusammengesetzt sind, wie die chemischen und die Lebenskräfte wirken, davon verrät uns das Mikroskop auch nicht eine Silbe. Die letzte Form, die uns auch das beste dieser Werkzeuge enthüllt, ist die Zelle, in der wir einen Kern unterscheiden. Vielleicht sehen wir auch noch diesen Kern aus einer Hülle, einem wahrscheinlich flüssigen Inhalt und einem Mittelpunkt-Körperchen bestehen. Da hört aber auch das Sehen und Unterscheiden auf. Nach seiner Thätigkeit zu schließen, muß jedoch der Zellkern noch eine überaus komplizierte Maschine sein, deren Bau und Arbeit wir kennen müßten, um hinter das Geheimnis des Lebens zu kommen. Zwischen dem eben noch wahrnehmbaren Zellkern und dessen letzten Bestandteilen dehnt sich noch ein so ungeheurer Abstand aus, daß das Stückchen Weg zwischen dem mit freiem Auge sichtbaren Gewebe und der Zelle, das wir mit Hilfe des Mikroskops zurücklegen können, dagegen gar nicht in Betracht kommt. Es ist genau, als wollte ich, in Berlin in einer Stube sitzend, nach New-York hinüberschauen und öffnete mir die Thür, so daß ich meinen Gesichtskreis um die ganze Breite des Vorzimmers erweitert hätte. Und um diese winzige Verlängerung des Ausblicks haben sich Menschen so viel Mühe gegeben, haben sie so viel ausdauernde Arbeit, Geist und Geschicklichkeit aufgewandt!

Von meinem Mikroskop wanderte mein Blick zur Bücherei, wo er zuerst auf die Werke von W. Thomson und Helmholtz fiel. Ich überdachte, was wir heute von dem wissen, was man so überaus ungenau die Geheimnisse der Natur nennt. Die Natur hat keine Geheimnisse. Sie thut alles mit gutmütiger Offenheit. Ihre Verrichtungen geschehen bei hellem Tage, unter Entwicklung von Licht und Geräusch, in Begleitung von Erscheinungen, welche Aufmerksamkeit erwecken. Unsere Schuld oder vielmehr Schwäche ist es, daß wir nicht verstehen, was um uns und in uns vorgeht. Wie unbekümmerte Eltern in Gegenwart ganz kleiner Kinder über alles Mögliche sprechen, ohne daß der noch zu unentwickelte Geist der kleinen nicht beachteten Zuhörer den Inhalt des Gesprächs aufzufassen und mehr als einzelne Worte ohne Zusammenhang zu behalten vermöchte, so giebt sich die Natur in unserer Gegenwart allen ihren Arbeiten hin und wir sehen mit blöden Kinderaugen zu und begreifen nicht und merken uns nur ab und zu einen Handgriff, eine häufig wiederkehrende Bewegung, ein Wort, ohne zu ahnen, was das alles bedeute und wozu es geschehe. Man sieht, ich überschätze den Umfang unseres Wissens von der Natur nicht. Aber selbst das Wenige, was wir der großen Mutter abgeguckt haben, welche herrlichen Eigenschaften setzt es bei uns Menschen voraus! Man hat Jahrhunderte, Jahrtausende lang aufpassen, Scharfsinn, Gedächtnis, Kombinationsgabe, Einbildungskraft in gewaltiger Menge ausgeben, Geduld und Aufmerksamkeit aufs Äußerste anspannen, man hat die tückischsten Irreführungen vermeiden, die hartnäckigsten Gewohnheiten des Denkens besiegen müssen, um auf unsern heutigen Stand des Wissens von der Natur zu gelangen. Es ist ein Lieblingsbild meiner Phantasie, mir Pythagoras vorzustellen, wie er als berühmter ausländischer Gelehrter unter Führung der betreffenden Professoren das physikalische und chemische Laboratorium einer großen Universität unserer Tage besichtigt. Ich male mir die Vorgänge in seinem Geiste und den Wechsel von Staunen, Andacht und Bewunderung auf seinem Antlitz aus, wenn man ihm die Apparate zeigt und erklärt, welche die Sonnen- und sogar die Nebelhaufen-Strahlen auf die chemische Natur ihrer Quellen analysieren, welche die Anzahl der Wellen eines Tons in einer Sekunde, die Zahl und Weite der Schwingungen eines Lichtstrahls verzeichnen, die Geschwindigkeit des Ganges eines elektrischen Stroms durch einen Kupfer- oder Silberdraht messen, die Wärmemenge erkennen lassen, welche bei der chemischen Verbindung oder Trennung zweier Gase frei oder gebunden wird. Welcher Gesichtskreis würde sich ihm plötzlich aufthun! Welche gottähnliche Erweiterung seines Geistes würde er in sich spüren! Und dieser alte Großgrieche wußte doch schon selbst so viel und hatte schon den Gedanken gehabt, feste, einfache Zahlenverhältnisse hinter den Naturerscheinungen zu suchen. Was gehörte bloß dazu, auf die Vermutung zu kommen, daß die Luft, die wir atmen, aus mehreren Körpern zusammengesetzt sei, daß das einfache, allgegenwärtige, uns darum vertraute und sicherlich jahrtausendelang unauffällige Wasser aus zwei Luftarten bestehe, daß ein Ton in Wirklichkeit eine Wellenbewegung, eine einzige Farbe etliche Tausende oder Millionen Schwingungen sei! Denn in der That: wenn ich meine Gefühle zergliedere, so finde ich, daß das, was mich ergreift, weit weniger diese Thatsachen sind, die wir nun kennen, als der Drang, der uns angetrieben hat, sie zu suchen. Die Menschen, die dem schlichten Wasser Jahre der Forschung und Betrachtung widmeten, die, von der Beobachtung ausgehend, daß Hitze es in einen luftartigen Zustand versetze, sich die Frage vorlegten, ob der Dampf nicht seinerseits aus einfacheren Dämpfen oder Gasen zusammengesetzt sei, diese Menschen waren nicht stumpf und nicht flüchtig. Sie gaben sich mit keinem oberflächlichen Anschein zufrieden. Sie wollten allen Dingen auf den Grund gehen. Oder die Menschen, die sich bei etwas so Alltäglichem, wie es ein Gesichts- oder Gehörseindruck ist, aufhielten und diesen scheinbar einheitlichen und unteilbaren Eindruck als eine Zusammenfassung mehrerer Urbestandteile erkannten, waren sie etwa flüchtige Genießer, die sorglos in den Tag hineinlebten? Nein, diese Menschen waren sittlich. Sie waren tief und groß. Sie suchten keine Befriedigung ihrer gröberen und gröbsten Sinne, sondern Genüsse für den feinsten, den wir besitzen: für den Drang nach Wahrheit und Erkenntnis. Gewiß, es ist auch ein Vergnügen, eine neue Wahrheit zu finden, und wahrscheinlich ein viel mächtigeres, als es irgend eine andere leibliche Genugthuung gewähren kann. Der Schrei »Gefunden!« des Archimedes jubelt heller durch die Menschheitgeschichte als der verzückte Ruf irgend eines Liebenden bei der ersten Umarmung der Geliebten und das sprachlose Entsetzen Newtons, als seine Katze durch Umwerfen der Lampe die Blätter mit seinen wichtigsten Rechnungen verbrannte, ist wahrscheinlich eine ebenso qualvolle Empfindung gewesen wie die Napoleons am Abend von Waterloo. Aber es ist doch ein Vergnügen ganz anderer Art wie das, welches ein gutes Abendessen oder selbst eine sich bis ans Lebensende erstreckende Reihe guter Abendessen, welches das Einherstolzieren in schönen Kleidern, schmeichelhafte Ansprachen von Tischnachbarn, sogenannte Eroberungen und gesellschaftliche Erfolge gewähren können, und es sind doch Menschen, vor denen man die Hände falten möchte, die Menschen, die sich für ihr Leben keinen andern Inhalt verlangen als die Hoffnung, eine Wahrheit zu finden, und deren Glück und Freude eine neue Erkenntnis ist.

Neben den Physikern, den Astronomen, den Naturforschern tauchten vor dem langsam weitergleitenden Auge die Philosophen auf. Fechner, Lange, Wundt, Zeller, Lazarus, Spencer, Bain, Mill, Ribot, so las ich der Reihe nach auf dem Rücken von Büchern, die mir teuer sind. Es war ein Macbethsches Gesicht: gewappnete Häupter, Gestalten mit Kronen erschienen vor mir; ein langer Zug von Königen trat aus dem Dunkel hervor und schritt herrlich an mir vorüber, einen Gruß im leisen Neigen des gewaltigen Kopfes, eine Huld im freundlichen Auge. Und anders wie Macbeth bei der Hexe, empfand ich bei diesem Anblick kein Grauen, sondern eine unsagbare Erhebung. Denn diese Könige, diese Eroberer weiter Geistesgebiete, diese siegreichen Heerführer in Kriegen gegen mächtige Irrtümer waren keine Feinde, sondern meine eigenen stolzen Ahnen, mit denen, wenn auch noch so weitläufig, verwandt zu sein, von denen, wenn auch in noch so entfernter Herkunft, abzustammen, ein unvergleichliches Hochgefühl ist. Und diese Abstammung, diese Verwandtschaft kann nicht bestritten werden. Wir alle, die an der Bildung unserer Zeit teilhaben, gehören zur Familie jener Geisterkönige, wenn auch vielleicht nur als jüngere Söhne und ohne Aussicht auf Nachfolge in den höchsten Stellen; wir haben die Stammesähnlichkeit mit den erlauchten Münzköpfen; wir können den Besitz von Familien- Kleinodien nachweisen, von Gedanken und Anschauungen, die wir von jenen Ahnen geerbt haben. Sie haben für uns geschafft wie die Riesen und wir leben, fast ohne uns etwas Besonderes dabei zu denken, in Erkenntnissen, deren Erwerbung weit wunderbarer war als alle Arbeiten des Herkules zusammengenommen.

Ich wiederholte, was man vor mir schon so oft gethan hat, daß es schier Gemeinplatz geworden ist: angeregt durch den Anblick von Lubbocks Urgeschichte des Menschen überflog ich im Geiste die ganze Entwicklung unserer Gattung von ihrem ersten Auftreten auf Erden bis zum heutigen Tage. Welch ein Aufstieg! Welch eine Folge von glorreichen und erhabenen Bildern! Die Menschen, die in den dänischen Mooren ihre Küchenabfälle und im Neanderthal, im Cro-Magnon, in Solutre ihre Schädel zurückgelassen haben, standen nicht viel höher als die begabteren Tiere, vielleicht nicht so hoch wie der gebildete Pudel, den Sir John Lubbock lesen zu lehren versuchte; jedenfalls tiefer als Feuerländer, Buschmänner oder irgend ein gegenwärtig lebender Menschentypus. Sie waren gegen Kälte und Nässe schlechter geschützt als der nackte Regenwurm, der sich wenigstens rasch und leicht in die Erde einbohren kann. Sie waren schwächer als die großen Fleischfresser, langsamer als die Huftiere, wehrloser als die gehörnten Pflanzenfresser. Wo sie keine Baumfrüchte fanden, da hockten sie kläglich an Meeresküsten und warteten, bis die Ebbe ihnen allerlei Gewürm auf dem hervortretenden Seegrunde zur Nahrung überließ. Aber in diesen armseligen Geschöpfen lebte etwas, was sie zum Stolze der Erde machte. Die einzigen Wesen in der uns bekannten Reihe der Lebenden, ließen sie sich ihr Schicksal nicht gefallen und nahmen den Kampf gegen die ihnen von der Natur gemachten Daseinsbedingungen aus. Sie waren nackt? Sie erfanden sich Hüllen vom mythischen Feigenblatt bis zur Seiden- und Samtrobe des weltstädtischen Modeschneiders, die von ganz ernsten Leuten als Kunstwerk angesprochen wird. Der Regen ärgerte sie? Sie bauten sich Obdächer vom Baumnest aus geflochtenen Zweigen bis zur Kuppel St. Petri von Michel Angelo und fanden dazwischen noch Zeit zu solchen Scherzen, wie es ein Regenschirm, ein Panamahut und dessen Verspottung, die Cereviskappe, sind. Sie liefen nicht rasch genug? Sie brachen zunächst dem Pferde das Kreuz und gelangten schließlich zum Blitzzug, ihren Geist unterwegs mit der Erfindung der Droschke, des Bicykles und Bummelzugs ausruhend. Sie waren schwächer als die großen Tiere? Krupp und Whitehead sind da, um zu bezeugen, daß sie heute vor ihren Feinden keine besondere Angst mehr zu haben brauchen. Keinen Augenblick lang stillstehend, stetig vorwärtsschreitend, gelangten sie immer weiter, immer höher, vom Geflecht aus geknüpftem Bast bis zum mechanischen Webstuhl und vom Steinkeil bis zum elektrischen Accumulator. Jede Generation hat an diesem Werke mitgearbeitet, jede ohne Ausnahme. Man liest und hört manchmal, daß die Menschen allerlei wichtige Erfindungen vergessen haben sollen; daß den alten Ägyptern, Indern, Juden Künste und Naturkräfte bekannt gewesen seien, die uns entweder völlig verloren gegangen oder die wir nach jahrtausendelanger Verschollenheit von neuem haben entdecken müssen. Das ist im höchsten Grade unwahrscheinlich. Eine solche Annahme ist die Ausgeburt derselben Mystik, die den Menschen auch den weitverbreiteten Traum der »guten alten Zeit«, des in der Vergangenheit liegenden »goldenen Zeitalters« eingeraunt hat. Es ist nicht wahr, daß es Epochen des Rückschritts oder selbst nur des Stillstandes in der Geschichte der Menschheit giebt. Die entgegengesetzte Behauptung beruht auf ungenauer Beobachtung und auf Einseitigkeit. In Jukatan findet man mitten im Urwald die Ruinen großer Tempel, die eine hochentwickelte Baukunst bekunden, während die heutigen Bewohner des Landes in Hütten aus Baumzweigen wohnen. In Mittelasien schweifen Hirtenvölker, deren Obdach ein Filzzelt ist, durch die Trümmer weitläufiger Städte mit Steinpalästen, Abzugskanälen, Bildhauereien und Inschriften. In Ägypten blicken die Pyramiden und Thortürme auf die Lehmnester der Fellahin herab. Das frühe Mittelalter sieht sich wie ein Untergang der alten griechisch-römischen Gesittung an. Das übersehe ich keineswegs. Aber was bemerken wir in jedem einzelnen der angeführten Fälle? Bloß das eine, daß die Menschen es zeitweilig verlernt haben, Luxusbedürfnisse zu haben und sie zu befriedigen. Das Schöne, aber Überflüssige konnte vergessen werden, das Notwendige niemals. Die Menschen konnten die Fertigkeit verlieren, ihre Kleider zu sticken, niemals die, sich zu bekleiden, wenn sie dieselbe einmal erworben hatten. Man konnte aufhören, die Dächer mit Goldplatten zu überziehen, man hörte nie auf, sich ein Obdach zu bereiten. Die wesentlichen Kenntnisse, das heißt diejenigen, die bestimmt sind, die angeborene Hilflosigkeit des Menschen inmitten einer feindlichen Natur wettzumachen, also die ihm die Selbsterhaltung erleichtern, diese Kenntnisse hat er nie verlernt, sondern immer erhalten und erweitert. Es ist vorgekommen, daß barbarische Völker über Staaten, die durch eine hohe Zivilisation erschlafft und vermorscht waren, herfielen und sie zertrümmerten. Da schreit man dann über Rückschritt und Verwilderung. Mit Unrecht. Die siegreichen Barbaren blieben in diesen Fällen niemals stehen. Sie entwickelten sich weiter, aus sich heraus oder von den Unterworfenen lernend. Auch die Besiegten gingen nicht zurück, weil es etwa in ihnen lag, sich nicht weiter auszubilden, sondern weil sie von ihren neuen Herren gewaltsam verhindert wurden, in ihren Gewohnheiten weiter zu leben. Ich werde an die Möglichkeit des menschlichen Rückschritts glauben, wenn man mir in der ganzen Weltgeschichte einen einzigen Fall zeigen wird, in welchem ein Volk, obwohl keinen äußern, unüberwindlichen Zwang erleidend, obwohl in den von früher her gewohnten Verhältnissen verbleibend, rasch oder allmählich von einem einmal erreichten auf einen tiefern Stand der Gesittung hinabgeglitten wäre. Einen solchen Fall suche ich vergebens.

Überzeugten Verächtern des Menschengeschlechts flößen stoffliche Fortschritte keine Achtung ein, das weiß ich. Was beweist es, daß wir heute telephonisch und telegraphisch verkehren, sagen sie, oder daß wir nicht mehr mit Pfeilen, sondern mit Repetiergewehren schießen? Erfindungen, und wären sie noch so schön und nützlich, entspringen weder der Güte noch selbst der besonderen Klugheit der Menschen. Ihren Ursprung kann man gewöhnlich auf einen Zufall zurückführen und ihre Vervollkommnung ist fast immer das Werk der niedrigsten Triebe. Der erste Erbauer der Dampfmaschine dachte nicht daran, armen Lastträgern oder Radtreibern die Mühsal des Lebens zu erleichtern, sondern daran, sich zu bereichern und Ruhm zu erwerben. Kein Erfinder hat sich mit dem Bewußtsein begnügt, der Menschheit einen Liebesdienst erwiesen zu haben. Er hat sich eifrig um Patente bemüht, die der geliebten Menschheit eine oft schwere Steuer für den Genuß der neuen Bequemlichkeit auferlegten; er hat wie ein Zahnbrecher geschrieen, wenn er sich von den Zeitgenossen nicht hinreichend geehrt, anerkannt und bar belohnt glaubte. Eisenbahnen und Werkzeugmaschinen sind also in keiner Art Beweise gegen die Erbärmlichkeit der Menschen.

Ich halte mich gar nicht dabei auf, die Anschauungen im einzelnen zu widerlegen; ich sage nur: wie groß sind neben den stofflichen doch auch die geistigen und sittlichen Fortschritte! Welche Summe von Edelmut, Überzeugungstreue und Erhabenheit der Gesinnung ist die Geschichte der Menschheit! Freilich, wenn man will, kann man in ihr nichts anderes sehen als eine Folge von wüsten Kriegen, viehischen Zerstörungen, Ränken, Lügen, Ungerechtigkeiten und Gewaltthaten. Aber es ist nicht die Schuld der Menschen, daß die Geschichtschreiber mit Vorliebe die häßliche und verbrecherische Seite der Ereignisse hervorgehoben haben. Diese haben auch eine schöne Seite, man muß sie nur suchen. Im scheußlichsten Gemetzel einer Schlacht treten glorreiche Züge von Selbstlosigkeit, Opfermut und Nächstenliebe zu Tage. Beim Kindermorde von Bethlehem haben wahrscheinlich Mütter Gelegenheit gehabt, alle Schätze eines mit Selbstvergessenheit liebenden Herzens auszubreiten, und ich zweifle nicht daran, daß es in der Bartholomäusnacht an Thaten rührender Treue und bewundernswürdigen Heldentums nicht fehlte. Auf jedem Blatte der Weltgeschichte leuchtet der Name von Blutzeugen, die für das, was sie als wahr erkannt hatten, stritten und litten. Für jede Erkenntnis, für jeden Fortschritt ist Blut geflossen, edles, großmütiges Blut, oft in Strömen. Und die es unerschrocken und ohne Zögern hingaben, welchen Lohn haben sie erwartet? Offenbar keinen stofflichen, denn was nutzen alle Millionen der englischen Bank, wenn die Verbindung zwischen Mund und Magen durch Zerschneidung der Speiseröhre unterbrochen ist. Und selbst keinen geistigen, selbst nicht den Nachruhm, das Fortleben in der Erinnerung der Menschen, denn viele Großthaten sind im Dunkeln geschehen, unbeachtet von geschwätzigen Zeugen, bloß von dem innerm Auge des Helden gesehen, das sich für immer schloß, als das Opfer vollbracht war. Nicht um groben Eigenvorteil haben die Vorkämpfer des Gedankens gerungen, sondern um ein so feines und edles Gut, daß es einen hochadeligen Geist voraussetzt, um es zu schätzen: um das Recht, in einem Luftkreise von Wahrheit zu atmen, die Handlungen mit den Anschauungen in Übereinstimmung zu bringen, die leisen Gedanken der innersten Seele laut auszusprechen, an einer gefundenen Erkenntnis alle Menschen teilnehmen zu lassen.

Ich habe aber gar nicht nötig, die tragischen Beispiele von Märtyrern anzuführen. Die Schönheit des Menschentums hat sich ja nicht bloß in den Flammen des Scheiterhaufens und aus der Schaubühne des Blutgerüstes enthüllt, sie waltet bescheidener, doch ebenso sichtbar, zu allen Zeiten, an allen Orten und mitten unter uns. Unser tägliches Leben ist von ihr umflochten und durchdrungen. Unsere Gesittung trägt im Größten wie im Kleinsten ihre Züge. Man vergegenwärtige sich nur, aus welchen Empfindungen heraus sich der Entschluß bildet, ein Hospital zu gründen, wo arme Leute in ihrer Krankheit gepflegt werden! Oder ein Leihhaus, wo der Dürftige zu geringen Zinsen ein Darlehn erhält! Die Menschen, welche diese Einrichtungen erfanden, waren in der Regel reiche Leute, in Überfluß lebend und sterbend, ohne eigene Erfahrung von Not und Verlassenheit. Man dürfte ihnen gar keinen Vorwurf daraus machen, wenn ihren Geist bloß die ihnen bekannten Bilder eines üppigen Daseins füllten, wenn Vorstellungen von Elend, die sie nie gesehen, in demselben keinen Platz fänden. Sie traten aber aus sich selbst heraus. Sie suchten das Fernliegende auf. Sie nahmen sich die Mühe, sich fremde Leiden zu vergegenwärtigen. Als die Reichen bei Tische sitzend, fragten sie sich, wie es Lazarus vor der Thür zu Mute sein müsse, und mit Goldstücken spielend, stellten sie sich vor, wie es wohl wäre, wenn sie den Marktpfennig nicht hätten, um den Kindern Brot zu kaufen. Ist das nicht gut, ist das nicht selbstlos? Da mag übrigens noch der Zusammengehörigkeits-Gedanke eine Rolle gespielt haben. Der Erste, der für Kranke und für Arme sorgte, mag unbewußt von der Vorstellung bestimmt worden sein: »Ich kann auch einmal arm und krank sein und dann wäre das Spittel oder Leihhaus auch für mich eine Wohlthat.« Aber daran hat, wenigstens in Europa, wo an Seelenwanderung nur wenig geglaubt wird, doch wohl schwerlich jemand gedacht, daß er auch einmal ein Köter oder Gaul werden könnte, und dennoch hat man Tierschutz-Vereine und Pflegestätten für herrenlose Hunde gestiftet und den Königsmantel menschlichen Mitgefühls auch über die unvernünftige Kreatur geworfen. Diese Weitherzigkeit, die sogar tierisches Leiden in ihre Fürsorge einschließt, achte ich selbst noch in der Antivivisektions-Bewegung. Die Menschen, von welchen dieselbe herrührt, sind zwar in geistiger Hinsicht hoffnungslose Trottel, die ein so vollständiges Unvermögen des Begreifens und Urteilens bekunden, daß man ihnen unbedingt das Recht nehmen müßte, in Staat und Gemeinde mitzusprechen oder selbst über ihr eigenes Vermögen zu verfügen. In Hinsicht auf das Gefühl ist aber gegen sie nichts einzuwenden. Sie haben ein Herz für Leiden, die sie sehen oder sich vorstellen können. Sie handeln aus uneigennütziger, wenn auch idiotischer Sympathie.

So sind wir von erhabenen und rührenden Kundgebungen menschlicher Tugenden ganz umgeben. So spricht alles von großen und edeln Eigenschaften des Menschen zu uns: jede Erfindung von seinem klugen Sinn und seiner Handgeschicklichkeit, jede Wissenschaft von seiner Gabe geduldiger Beobachtung und seinem ernsten Wahrheitsdrange, jede sittengeschichtliche Thatsache von seiner selbstlosen Herzensgüte und liebevollen Rücksicht auf Mitgeschöpfe. Unzählig sind die gewaltigen Geister und tiefen Gemüter, die vor uns gelebt haben und mit uns leben, und der ganze Inhalt unseres Daseins, unsere Gedanken- und Empfindungswelt wie unsere Alltags-Bequemlichkeit, besteht aus den Früchten ihrer Arbeit.

Der Anwalt des Teufels verliert seine Rechte nie. Er hemmte hier den hohen Flug meiner Begeisterung für die Menschheit, indem er grinsend die Zwischenbemerkung machte: Ganz richtig, große Geister hat es immer gegeben und wird es vielleicht immer geben; aber sind sie nicht die seltene Ausnahme? Ist darum die regelrechte Mehrheit weniger erbärmlich und gemein? Werden jene nicht immer von dieser verfolgt und angefeindet? Johann Huß, Arnold von Brescia waren je einer; der Pöbel, der um ihren Holzstoß stand und sie mit Erbauung braten sah, zählte nach Tausenden. Galilei war einer; die Kardinale, die ihn unter Androhung der Folter zum Widerrufe zwangen, waren Dutzende. Dir stellt sich der Entwickelungsgang der Menschheit als ein ununterbrochener Vormarsch mit breiter Front und in tiefen Massen dar. Das ist ein Bild. Ich sehe ein anderes; das einer Reihe von Tierbändigern, die einer feigen und blutgierigen Bestie zahme Sitten beibringen möchten; das böse Vieh denkt bloß daran, seinen Bändiger zu zerreißen, und es wird davon nur durch die Peitsche und die Pistole und seine eigene Dummheit und Niederträchtigkeit abgehalten. Es ist wohl überflüssig, hinzuzufügen, daß die Bestie die Menschheit und die Bändiger die großen Geister sind.

Diese Rede der innern Stimme erweckte einen Augenblick lang alle die Unlust-Empfindungen wieder, die ich von meiner Abendgesellschaft heimgebracht hatte. Ich war nahe daran, dem Teufelsanwalt Recht zu geben. Aber da stand noch das Mikroskop, da glänzten noch auf dem Rücken der Bücher die erlauchten Namen – nein, er hatte doch nicht Recht. Es ist ein rednerischer Kniff, die Menschheit in eine große Herde und wenige Hirten zu teilen. Es ist falsch, die auserlesenen Geister als die einzige Triebkraft, die Menge als das ewige Hindernis hinzustellen. Diesen Irrtum habe ich auch lange geteilt, ich gestehe es. Ich war der Meinung, man könnte die ganze weiße Menschheit auf den Standpunkt des Mittelalters oder noch tiefer zurückwerfen, wenn man zehntausend klug gewählten Zeitgenossen, den einzigen wirklichen Trägem unserer Kultur, den Kopf abschlüge. Ich glaube das nicht mehr. Die erhabenen Eigenschaften der Menschheit sind nicht das ausschließliche Gut von wenigen, welche Ausnahmen bilden, sondern Grundgaben, die gleichmäßig durch die ganze Masse der Gattung verteilt sind wie die Organe und Gewebe selbst, wie Blut und Hirnmasse und Knochen. Gewiß, einzelne haben mehr davon, aber alle haben etwas. Wie schade, daß der Versuch nicht zu machen ist! Aber theoretisch kann ich mir ihn ausdenken: man nehme eine Anzahl der gleichgiltigsten Dutzendmenschen, ohne besondere Geistesbildung, ohne Fachkenntnisse, Leute, die von nichts ein tieferes Wissen haben, als man es durch flüchtiges Überfliegen von Zeitungsartikeln und Bierhaus-Gespräche erlangen kann; man lasse sie durch Schiffbruch auf eine wüste Insel verschlagen werden und dauernd auf sich allein angewiesen sein; wie wird sich das Schicksal dieser Robinsons gestalten? Anfangs werden sie übler daran sein als die Wilden der Südsee. Sie haben nicht gelernt, sich ihrer natürlichen Gaben zu bedienen. Sie wissen nicht, daß man essen kann, ohne vom Kellner bedient zu werden, daß es außerhalb der Markthallen Nahrungsmittel giebt und daß man, um sich notwendige Kurzwaren zu verschaffen, auch andere Wege einschlägt als den zum Kramladen. Aber das wird nicht lange dauern. Sie werden sich bald zu helfen wissen. Sie werden zuerst in sich selbst Entdeckungen und dann wichtige Erfindungen machen. Es wird sich herausstellen, daß in dem einen ein großes technisches, im andern ein philosophisches, im dritten ein organisatorisches Talent steckte. Sie werden in einem oder zwei Menschenaltern die ganze Entwicklungsgeschichte der Menschheit aus sich heraus wiederholen. Alle von ihnen haben Dampfmaschinen gesehen, keiner von ihnen weiß genau, wie eine solche beschaffen ist, und sie werden durch eigenes Nachdenken dennoch bald dahinter kommen und sich eine bauen. Alle von ihnen haben von Pulver reden hören und keiner weiß genau, in welchen Verhältnissen seine Bestandteile gemischt sind; sie werden trotzdem alsbald brauchbares Pulver bereiten. Und so mit allen Geräten, Kenntnissen und Fertigkeiten. Die Leute, die man daheim für das gewöhnlichste Pack ansehen mußte, waren in Wirklichkeit lauter, kleine Newtons, Watts, Helmholtz', Graham Bells. Inmitten unserer Gesittung fehlte ihnen die Gelegenheit, sich zu entwickeln, die Insel hat sie ihnen geboten. Das zivilisierte Leben verlangte nichts von ihnen als Klatsch und Eselei und etwas Bargeld. Um letzteres kauften sie, was sie brauchten und nicht auf Borg bekommen konnten, und Klatsch und Eselei lieferten sie zur Genüge. Die Not forderte von ihnen Ernst, Tiefe, Erfindung und siehe da – sie lieferten auch diese und genug, um in einer europäischen Hauptstadt einen großen Mann auszustatten. Die Volksweisheit hat längst bemerkt, daß man Menschen am besten im Krieg und auf Reisen kennen lernt. Warum? Weil sie da nicht in gewohnten Gleisen hinrollen, weil sie, um mit den Verhältnissen fertig zu werden, allen Witz, den sie im innersten Wesen haben mögen, hervorkehren müssen und weil sie in der Regel unter diesem Zwange thatsächlich Eigenschaften entfalten, die man sonst in ihnen nie geahnt hätte. Ich bin nicht weit davon entfernt zu glauben, daß in jedem gesund entwickelten Menschen die Anlage zu einem großen Kulturförderer ist. Man muß ihn nur zwingen, es auch zu werden. So kann aus jeder Baumkrone eine Wurzel werden, wenn man den Baum umgekehrt in die Erde setzt und auf diese Weise die belaubten Zweige zwingt, Nahrung aus dem Boden zu saugen.

Meine Abendgesellschaft stellte sich mir nun in einem ganz andern Lichte dar. Ich sah nicht mehr Närrinnen und Gecken, Selbstlinge und Dummköpfe, Gemeinheit und Eitelkeit, sondern nur noch unerkannte Talente, Brutus, die Blödsinn heucheln, große Menschen, die unsere ganze heutige und künftige Gesittung wieder herstellen würden, wenn sie aus irgend einer Ursache verloren ginge. Eine tiefe Liebe und Bewunderung für die ganze Menschheit zog in mein Herz ein und sie hat thatsächlich so lange gedauert, bis ich – wieder unter Menschen ging.

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