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Paradoxe

Max Nordau: Paradoxe - Kapitel 3
Quellenangabe
typetractate
authorMax Nordau
titleParadoxe
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
printrun28. u. 29. Tausend
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070722
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Mehrheit und Minderheit.

Für jede wohlgeborene Seele ist der Philister der schwarze Mann. Wer nur die geringste Genialität in sich spürt, kaum genug, um das Tragen langer Haare und die Verachtung des Cylinderhut-Vorurteils zu rechtfertigen, der übt seine Armmuskeln, indem er auf das Haupt des Philisters losschlägt, – natürlich nur bildlich, denn der Philister hat in der Regel einen Hausknecht, wenn er nicht selbst einer ist. Diese Feindschaft ist schnöde Undankbarkeit. Der Philister ist nützlich und hat selbst die verhältnismäßige Schönheit, die der vollkommenen Zweckmäßigkeit eigen ist. Er ist der perspektivische Hintergrund im Gemälde der Zivilisation, ohne dessen kunstvolle Kleinheit die Vollgestalten des Vordergrunds nicht den Eindruck der Größe machen würden. Das ist seine ästhetische Rolle, aber diese ist nicht entfernt die wichtigste, die er mit Autorität spielt. Wenn man die Pyramiden bewundert – ich weiß nicht, warum ich schon wieder an die Pyramiden denke; vielleicht nur, weil sie sich um ihrer Figur willen zu festen Punkten für geistige Vermessungsarbeiten besonders eignen – sagt man sich da nicht, daß man sie dem arg verkannten Philister verdankt? Erdacht hat sie ja wahrscheinlich ein begabter altägyptischer Staatsingenieur erster Klasse, ausgeführt aber haben sie die Kinder Israels, trotzdem diese sehr gewöhnliche Naturen gewesen sein müssen, wenn man aus ihrem verbürgten Geschmack an Zwiebeln und Fleischtöpfen auf ihren Gesamtcharakter schließen darf. Was helfen uns alle Konzeptionen des Genius? Sie leben nur in seinem Kopfe und für ihn, sind aber für uns nicht vorhanden, so lange nicht der uninteressante Philister mit baumwollener Zipfelmütze herangekommen ist und sie brav verwirklicht hat, dieser Philister, der seine dienstbereite Aufmerksamkeit nicht mit eigener Erfindungsthätigkeit zerstreut, sondern in gewinnender Gedankenlosigkeit auf Anregungen, Eingebungen und Befehle Berufener wartet. Wer selbst schaffen kann, der hält sich in der Regel mit Recht zu gut zum Übersetzen. Sache der erwählten Geister ist es, zu denken und zu wollen; Sache der mittelmäßigen Menge, den Gedanken und Willen in die Formen der Erscheinung zu übertragen. Was wirft man dem Philister noch vor? Daß er dem Anstoße des Genius nicht leicht nachgiebt? Das ist vortrefflich; dafür soll er noch besonders gesegnet sein. Seine Schwerfälligkeit, sein sicheres Gleichgewicht, das nicht leicht zu erschüttern ist, machen ihn zu einem Turngerät, zu einer Art Werfstein oder Hantel, woran die Elitenatur ihre Kraft zu erproben, aber auch zu entwickeln hat. Gewiß, es ist hart, seine träge Masse in Bewegung zu setzen. Es ist aber für das Genie eine heilsame Gymnastik, sich anzustrengen, bis es gelingt. Wenn ein neuer Gedanke nicht imstande ist, den Philister zu handhaben, so beweist dies offenbar, daß er nicht robust genug ist, daß er nichts oder noch nichts taugt; wirkt dagegen eine Konzeption auf den Philister, so hat sie schon die erste und wichtigste Probe ihrer Vortrefflichkeit bestanden. Mit seinem Verstande ist er allerdings nicht fähig, die Ideen der Auserwählten zu prüfen und zu beurteilen; aber durch sein Beharrungsvermögen wird er zu einer Vorrichtung, die unbewußt, doch deshalb um so sicherer, die Vollentwickelten und lebensfähigen von den unreifen und wertlosen sondert. Es wäre verständlich, wenn die Philister sich über einander beklagten ober erlustigten, wenn ein Philister dem andern diesen Schimpfnamen voll Verachtung an den Kopf würfe, wie ein Schwarzer den andern im Zorn Nigger zu heißen pflegt; denn in der That, ein Philister kann mit einem andern nichts anfangen; er hat von ihm weder Anregung noch Unterhaltung zu erwarten; der eine sieht im lichtlosen Gesichte des andern das Spiegelbild der eigenen Beschränktheit; der eine gähnt dem andern Rezitative der Langweile vor; wenn zwei von ihnen beisammen sind, so erschreckt sie gegenseitig die unheimliche Lautlosigkeit ihres Geistes und sie haben das niederdrückende und demütigende Bewußtsein der Hilflosigkeit, welche der an Führung gewöhnte Mensch empfindet, wenn ihn sein Leiter im Stiche läßt. Aber der Mensch von Begabung sollte den Philister preisen. Dieser ist sein Reichtum, der Acker, der ihn ernährt. Gewiß, er ist mühsam zu bestellen, aber so fruchtbar! Man muß schwer arbeiten, um ihn ergiebig zu machen; man muß von früh bis spät Furchen ziehen, tiefpflügen, hauen, brechen, wenden, harken, ausstreuen, zudecken, schneiden, man muß schwitzen und stieren, aber die Ernte bleibt nicht aus, wenn die Saat keimfähig war. Wer freilich faules Korn oder Steinchen auswirft, der hat auf keinen Ertrag zu hoffen. Ebensowenig, wer etwa Dattelkerne den Ufern des kurischen Haffs anvertraut. Wenn aber bei solcher Wirtschaft das Feld tot bleibt, so ist das nicht die Schuld des Feldes, sondern des Träumers, der jene versucht. Dem Genius muß das Urteil zur Seite stehen, um ihm den richtigen Ort und die richtige Zeit für die Äußerung seiner Gedanken zu bezeichnen. Sofern er nur Zeit und Ort vernünftig zu wählen weiß, wird er die Philisterschar immer bereit finden, auf die Saat mit der Ernte zu antworten. So oft denn auch Genies um einen Stammtisch versammelt sind, sollte nach Recht und Sittlichkeit ihr erstes Prosit dem Philister gelten. Was ist eigentlich die große Schuld, deren man den Philister bezichtigt? Daß man nicht suchen muß, um ihn zu finden; daß er in ungeheurer Menge vorkommt; daß er die Regel und nicht die Ausnahme ist. Wollte man einmal davon absehen, in welchen Zahlenverhältnissen er verbreitet ist, und ihn an sich betrachten, so müßte man, sofern man billig wäre, anerkennen, daß er ein ganz patenter Kerl ist. Er ist meistens schöner als selbst ein hübscherer Affe, wenn er auch nicht so schön ist wie der Apoll vom Belvedere, der aber auch banal wäre, wenn er den Durchschnittstypus der Menschheit bildete; er ist vielfach geschickter als selbst ein abgerichteter Pudel, wenn er auch keinen Zirkusclown abgeben könnte, den man aber gleichfalls als plump verachten würde, wenn jeder Bauernjunge auf dem Kopfe stehen und Luftsprünge machen könnte, wie er jetzt auf seinen Beinen stattlich fürbaß schreitet, und mit dem Fleurett Fliegen an die Wand spießt, wie er jetzt mit der Heugabel Mieten baut; er ist häufig ein gut Stück vernünftiger als eine Auster, ja selbst als der weise Elefant, wenn er auch nicht so tief und scharf denkt wie Darwin, dessen Einsicht die Philosophen der Zukunft indes wahrscheinlich nicht höher schätzen werden, als wir die physiologischen Theorien des Parmenides oder Aristoteles. Wer Philister sagt, der sagt einfach Mehrheit und wer diese verachtet, der lehnt sich gegen das theoretische Grundgesetz aller staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen auf.

Freilich giebt es viele, denen dieses Vergehen nicht nur keine Angst macht, sondern die sogar eine Vorliebe dafür heucheln oder aufrichtig fühlen. Ich hasse die gemeine Menge und halte sie mir vom Leibe, sagen sie mit Horaz; sie verkünden ausdrücklich, daß sie zur Minderheit gehören, und sind stolz darauf; sie behaupten, anders zu empfinden, anders zu denken und zu urteilen als der Haufe, das heißt in minder geringschätziger Ausdrucksweise als die Mehrheit, und nichts würde ihnen beleidigender scheinen, als wenn man sie banal nennte, womit man doch auch wieder nichts anderes gesagt hätte, als daß sie der Mehrheit ähnlich seien. Wir werden uns gleich mit der Frage zu beschäftigen haben, woher diese Abneigung vor der Mehrheit komme und ob sie berechtigt sei; zuerst aber wollen wir sehen, ob die vornehmen Menschen, welche sich dagegen verwahren, daß man sie zur Masse zähle, auch folgerichtig denken und handeln. Sie müßten, wenn sie logisch wären, ihre Verschiedenheit vom Troß in allen ihren Lebensäußerungen markieren und durch Hervorkehrung ihres Sondercharakters die Verwechselung mit der Mehrheit zu verhüten suchen; sie müßten andere Kleiderformen zur Schau tragen, andere Gewohnheiten, Sitten, Moralbegriffe annehmen, sich stets über die Rechtsprüche der Mehrheit hinwegsetzen. Thun sie dies? Nein; sie thun sogar das gerade Gegenteil von alledem. Es scheint ihnen geschmackvoll, nicht aufzufallen, also von der verachteten Menge nicht unterschieden zu werden; sie beugen sich vor der öffentlichen Meinung und empfinden es schmerzlich, wenn sie sich im Gegensatze zu ihr wissen; sie sind die kräftigsten Stützen des Gesetzes, das doch nichts ist als die Zusammenfassung der Anschauungen des Volkes, das heißt der Mehrheit, in Form von Geboten; sie verteidigen den Parlamentarismus, der auf der Anerkennung des Rechtes der Mehrheit beruht, der Minderheit ihren Willen aufzunötigen, und in vielen Fallen schwärmen sie für das allgemeine Stimmrecht, das doch die Apotheose der Banalität ist. Ich übersehe nicht, daß man häufig mit dem Strome schwimmt, nicht weil man wirklich die Absicht hat, in dessen Richtung vorwärts zu gelangen, sondern weil man nicht stark genug ist, gegen ihn anzukämpfen. Derjenige, der das Sprichwort erfunden hat, daß man mit den Wölfen heulen müsse, hat damit eine harte Notwendigkeit und nicht eine besondere Hochachtung vor den Wölfen ausdrücken wollen. Aber ein anderes Sprichwort erklärt Volkesstimme für Gottesstimme und führt den Philister geradenwegs in den Olymp ein. Und es bleibt eine Thatsache, daß auch beim Verächter der Menge die wichtigsten Handlungen und Unterlassungen die Erkenntnis zur stillschweigenden Voraussetzung haben, die Anschauungen des Marktpöbels seien in ihren Hauptzügen richtig und achtenswert.

Einige wenige Männer, so wenige, daß man sie an den Fingern einer Hand herzählen könnte, haben den Mut gehabt, logisch zu sein, das ist wahr. Treitschke preist den aufgeklärten Despotismus, jenes summarische Regierungssystem, das die Mehrheit für nichts achtet und der bis zur Einheit zusammengeschmolzenen Minderheit das Recht zuspricht, für das ganze Volk zu denken und zu beschließen. Carlyle predigt den Heroendienst und fordert die unbedingte Unterordnung der Masse unter das gewaltige einzelne Individuum. Montesquieu macht den Scherz, das Schöffengericht nur unter einer Bedingung für annehmbar zu erklären: wenn nämlich die Meinung nicht der Mehrheit, sondern der Minderheit zum Wahrspruch erhoben würde, da unter zwölf Geschworenen sicherlich mehr Schafsköpfe als Weise sein werden, folglich das Urteil der Minderheit voraussichtlich das Urteil der Weisen, das Urteil der Mehrheit das der Schafsköpfe sein wird. Das ist ja eine recht drastische Art, den Gedanken auszudrücken, daß sich die Einsicht bei den wenigen findet, während die Menge thöricht und beschränkt ist. Montesquieu übersieht jedoch, daß die Minderheit, da sie alles in sich schließt, was anders ist als die Durchschnittsmasse, nicht bloß diejenigen enthält, die über das Gemeinmaß hervorragen, sondern auch die, welche darunter zurückbleiben, also neben den Genies auch die Trottel und neben der gesunden Eigenart auch die krankhafte Sonderbildung. Die Mitglieder der Akademie sind eine winzige Minderheit in der Nation, aber die Insassen der Staatsirrenanstalt sind es auch und Montesquieu läuft Gefahr, einem Forscher und zwei Idioten den Sieg über neun mittelmäßige Schulzes oder Müllers zu wünschen, was absurd wäre, wie Euklid sagen würde. Ich habe aber auch den Verdacht, daß Carlyle und Treitschke die Mehrheit nicht so verachten, wie sie sich den Anschein geben und wie sie vielleicht selbst glauben. Aufgeklärter Despotismus! Heroendienst! Hm! Sehen mir einmal zu: Heißt denn aufgeklärter Despotismus nicht, daß ein regierendes Genie die Masse dahin bringe, auf seine Anschauungen und Absichten einzugehen, seine Meinungen anzunehmen, mit ihm eines Sinnes zu werden, also in letzter Linie die Übereinstimmung zwischen jenem und dieser herzustellen? Und Heroendienst, ist denn das nicht der Wunsch, den Heros, das heißt die Ausnahmeerscheinung, vom Gevatter Hinz und Kunz gewürdigt, gefeiert, anerkannt zu sehen? Das scheint mir doch ein stetes Hinschielen auf die Menge, das sich mit der vorgeblichen Verachtung derselben nicht recht zusammenreimen läßt. Was braucht dem Schmäher des Philisters an dessen Meinung zu liegen? Was fängt er mit seiner Zustimmung und Bewunderung an? Aus Treitschkes Auffassung ginge folgerichtig hervor, daß ein Friedrich der Große, ein Josef der Zweite eigentlich abdanken und den Thron irgend einem biedern Dutzendmenschen seiner Verwandtschaft überlassen sollte, denn er ist zu gut, um sich mit der Kanaille abzugeben; er hat kein vernünftiges Interesse daran, Dummiane zu seinen erleuchteten Gedanken zu bekehren, und seine Perlen sind nicht dazu da, vor die Säue geworfen zu werden. Nach Carlyles Auffassung ist es eine Selbstentwürdigung, wenn ein Michel Angelo den Moses vor die blöden Glotzer von der Straße hinstellt oder ein Goethe den Faust zum Gebrauch für höhere Töchter drucken läßt; der Beifall der Menschenherde, statt ihnen erwünscht zu sein, sollte sie im Gegenteil bedenklich machen, und sie müßten eigentlich wie jener wirklich konsequente Redner ausrufen: »Man applaudiert – habe ich denn eine Dummheit gesagt?« Ein Friedrich der Große schließe sich also in einen Schloßpark ein und habe mit dem gemeinen Volke nichts zu thun, ein Goethe ziehe sich nach einer wüsten Insel zurück und deklamiere seine Verse bloß den eigenen Ohren vor und es lebe die Logik!

Es besteht da ein Widerspruch, den man nicht wegleugnen kann. Auf der einen Seite behauptet man, die Menge zu verachten, auf der andern Seite thut man alles im Hinblick auf sie; man spricht der Menge die Fähigkeit ab, über die Leistungen des Genius zu urteilen, und der schönste Traum des Genius ist doch Ruhm und Unsterblichkeit, das heißt die Anerkennung der Menge. Man leugnet die Einsicht der Menge, und Parlamentarismus, Schöffen- und Schwurgericht, öffentliche Meinung, Einrichtungen, die von der höchsten Achtung umgeben sind, beruhen doch auf der Voraussetzung, daß die Mehrheit nicht bloß zuverlässig weise, sondern geradezu unfehlbar sei. Man betrachtet es als eine Erniedrigung, zur Menge gezählt zu werden, und ist doch bei allen großen Gelegenheiten stolz darauf, genau so zu fühlen und zu denken wie die Menge. In einer Bewegung hohen Aufschwunges findet der alte Römer nichts Vornehmeres von sich zu behaupten als: »Ich bin ein Mensch; nichts Menschliches betrachte ich als mir fremd;« und er wäre doch vielleicht erstaunt, wenn ihm ein cynischer Dialektiker unter seinen Zeitgenossen entgegnen würde: »Du sagst, du seist ein Mensch wie andere Menschen auch; du rühmst dich also, banal zu sein?«

Nun denn: diesen Widerspruch, ich glaube, ich bin imstande, ihn zu erklären. Es erscheint mir mit überzeugender Klarheit, daß er auf einer biologischen Grundlage beruht. Die unbekannte Kraft, welche den Stoff zu Lebewesen anordnet, bringt ursprünglich nicht Gattungen, sondern Individuen hervor. Ich will hier nicht die verschiedenen Theorien des Lebensanfangs erörtern und lasse dahingestellt sein, ob, wie die landläufige Ansicht ist, zu einer gegebenen Zeit aus dem leblosen Stoffe lebendes Protoplasma sich gebildet oder ob, wie Preyer meint, der Stoff in aller Ewigkeit Leben ganz so zum Attribut gehabt hat wie Bewegung und Anziehung. Genug, zur Bildung der Lebewesen, die der Stoff heute hervorbringt, ist der Anstoß in anderen Lebewesen gegeben, die ihnen vorausgegangen sind und von denen sie abstammen. Leben ist in letzter Analyse Aufbau und Zersetzung eiweißartiger Stickstoffverbindungen unter Dazwischenkunft von Sauerstoff; dieser Vorgang kann sich in den mannigfaltigsten Formen vollziehen und so oft die Natur daran geht (ich drücke mich nur der Bequemlichkeit halber so uneigentlich, so anthropomorphisch aus), ein Lebewesen zu bilden, hat sie die Wahl, ihm eine von den Billionen oder Trillionen denkbarer und möglicher Formen zu geben. Würde sie denn auch die Lebewesen aus dem Urstoffe neu bilden, so ist es wahrscheinlich, daß jedes von dem andern verschieden ausfallen würde und daß sie untereinander kaum eine andere als die sehr schwache Ähnlichkeit hätten, welche eine Folge des Umstandes wäre, daß sie alle schließlich doch der Ausdruck, die Erscheinungsform eines identischen chemischen Grundgesetzes, das Werkzeug einer und derselben Funktion zu sein hätten. Nun entstehen aber die Lebewesen heute, wenigstens unseres Wissens, nicht mehr aus dem Urstoffe durch einen Spontan-Akt der Natur, sondern sie werden aus demselben durch die Vermittelung eines elterlichen Organismus gebildet. Der Stoff, aus dem das neue Lebewesen geformt wurde, ist durch einen bestehenden Mechanismus hindurchgegangen, er ist von diesem gehandhabt worden, er hat also von ihm Eindrücke empfangen. Es ist aber eine der nicht erklärten, jedoch kaum zu bezweifelnden Eigenschaften des Stoffes, oder etwas genauer seiner Zusammensetzungen, empfangene Eindrücke, Gruppierungen, Formen zu bewahren. Darauf beruht beim Einzelwesen das Gedächtnis, bei der Gattung die Vererbung. Das neue Lebewesen, dessen Baumaterial von einem andern Lebewesen manipuliert worden ist, wird also die von dem letztern ihm aufgeprägten Eindrücke bewahren, es wird ihm ähnlich werden. Es wirken folglich in ihm zwei verschiedene Gesetze: das ursprüngliche Lebensgesetz, welches selbständige, von anderen verschiedene und unabhängige Organismen aufzubauen trachtet, die bloß geschickt sein müssen, eiweißartige Stickstoffverbindungen zu bilden und zu zersetzen, diese Arbeit aber in irgend einer der zahlreichen möglichen Formen verrichten können und nicht notwendig einer gegebenen Form ähnlich zu sein brauchen, und das Vererbungsgesetz, welches strebt, den neuen Organismus seinen Eltern, von denen er gebildet worden ist, ähnlich zu machen.

Jedes Individuum ist demnach das Ergebnis des Waltens dieser beiden Tendenzen: des primitiven Lebensgesetzes und der Vererbung. Jenes möchte neue, zur Besorgung des Lebensgeschäfts taugliche Formen schaffen, diese ein bereits vorhandenes Schema, das der Eltern, wiederholen. Ich kann nicht nachdrücklich genug betonen, daß meiner Ansicht nach die unbeschränkte Freiheit der Wahl unter allen möglichen Formen das Ursprüngliche, die diese Freiheit einschränkende Ähnlichkeit mit der elterlichen Form das später Hinzugetretene ist; denn erst diese Annahme macht die ganze Darwinsche Theorie verständlich, die ohne sie keine Erklärung, sondern eine bloße Konstatierung wahrgenommener Thatsachen ist.

In der That: wenn, wie Darwin und mit ihm die ganze Schar seiner Jünger und Ausleger glaubt, die Vererbung das ursprüngliche und wichtigere Gesetz wäre, welches die Entwicklung des Individuums bestimmte, wie wäre dann eine Abweichung davon, eine Aufhebung desselben denkbar? Das Erzeugte müßte unter allen Umständen dem Erzeuger ähnlich bleiben und wenn die äußeren Verhältnisse ihm dies nicht möglich machten, so müßte es einfach zu Grunde gehen. Die große Erscheinung der Anbequemung an gegebene Lebensbedingungen, welche nach Darwin eine der Hauptursachen des Entstehens der Arten ist, bliebe ein völlig unlösbares Rätsel. Meine Hypothese dagegen bietet die Lösung dieses Rätsels. Das Lebewesen, sage ich, ist an die eine Form nicht mehr gebunden als an die andere, es braucht nur überhaupt eine Form zu haben, die ihm die Sauerstoffaufnahme und die Herstellung von Proteinstoff ermöglicht; gerade diese ursprüngliche unbedingte Freiheit gestattet ihm, die Form anzunehmen, die ihm durch äußere Verhältnisse aufgeprägt wird, wie ein ruhender, freischwebender Körper von allen möglichen Richtungen diejenige einschlagen wird, in die ihn auch nur der leiseste äußere Anstoß bewegt. Der elterliche Organismus giebt ihm die eigene Form? Gut; so wird der junge Organismus die elterliche Form annehmen. Die äußeren Bedingungen, unter denen er leben soll, suchen ihn umzugestalten, ihn seinen Eltern unähnlich zu machen? Gut; so wird er die ererbte Form aufgeben und, dem neuen Impulse folgend, diejenige annehmen, welche die äußeren Lebensbedingungen ihm aufzuprägen streben. Auf diese Weise erklärt sich die Anpassung, die nach dieser Hypothese nicht mehr ein Gegensatz, sondern eine Analogie der Vererbung ist.Rudolf Virchow hat auf der deutschen Naturforscher-Versammlung von 1889 in einem Vortrage, der den Darwinisimus zum Gegenstande hatte, vollständig den obigen Gedankengang entwickelt. Dies ist mir eine Genugthung, auch wenn der große Forscher mich nicht angeführt und auf meine Auseinandersetzungen mit keinem Worte hingewiesen hat.

Die Biologie, die Wissenschaft des Lebens, kennt nur das Individuum, nicht die Gattung. Nur jenes ist etwas wirklich vorhandenes, selbständiges, scharf begrenztes, diese ist viel unbestimmter, sie mit Sicherheit zu definieren ist oft unmöglich. Zwei Individuen gehen nie in einander über, verschmelzen nie und unter keinen Umständen, selbst nicht in den teratologischen Bildungen von der Art der siamesischen Zwillinge. Von den Gattungen kann man das nicht sagen, sie sind im Gegenteil in fortwährender, wenn auch langsamer Umgestaltung begriffen, ihre Grenzen sind fließend und bis zur Unkenntlichkeit verwaschen, sie entwickeln sich in neue Formen hinein und sind in einer geologischen Epoche etwas ganz anderes, als sie in einer frühern gewesen sind, und wahrscheinlich auch, als sie in einer spätern sein werden. Das, was trotzdem das Individuum an die Gattung knüpft, das ist das Gesetz der Vererbung, das ist die Ureigenschaft des Stoffes, in der Anordnung zu verharren, die er einmal empfangen hat, und sie erst unter dem Zwange eines neuen Anstoßes aufzugeben, der stärker ist als die Neigung zum Verharren. Die gegenwärtige Ökonomie der Natur kennt anscheinend nur die Entstehung von Leben aus Leben. Theoretisch wäre es ganz gut denkbar, daß das Leben immer wieder neu aus nichtlebendem Stoffe entstände. Daß dies nicht geschieht, das hat seinen Grund wahrscheinlich darin, daß durch die Thätigkeit von elterlichen Organismen Leben mit geringerer Anstrengung erzeugt werden kann als durch das Zusammentreten von Urstoff und es ein bekannter, durch die ganze Natur gehender Zug ist – auf den Leibniz zuerst hingewiesen hat, der aber freilich neuestens von Karl Vogt mit geistreicher Begründung geleugnet wurde, – daß diese jeden Zweck mit der größtmöglichen Sparsamkeit, dem denkbar geringsten Kraftaufwand zu erfüllen sucht. So haben wir nun die logische Kette der Lebenserscheinungen: der eigentliche Schauplatz dieser letzteren, die Form, in der sie sichtbar werden, ist das Individuum, nicht die Gattung. Daß dennoch die Individuen einander ähnlich sind und die Gattung einen Anschein von Bestand hat, das ist die Folge zweier Ursachen: einmal, daß heute unseres Wissens das Leben aus anderem Leben hervorgeht, zweitens, daß das eben erklärte Gesetz der Vererbung waltet. Die Abstammung von einem elterlichen Organismus bedingt Ähnlichkeiten und einen gewissen Zusammenhang der Individuen, das ursprüngliche Lebensgesetz bedingt Sonderung und Selbständigkeit derselben. Thatsächlich giebt es wirklich nicht zwei Individuen, die einander völlig gleich wären, und wahrscheinlich ist sogar jedes Individuum im innersten und geheimsten Chemismus und Mechanismus seiner Grundbestandteile von jedem andern ungleich verschiedener als jede Gattung von jeder andern. Das erklärt auch die Möglichkeit des Egoismus, der undenkbar und unerklärlich wäre, wenn man die Gattung als etwas thatsächlich Vorhandenes und nicht bloß als eine Abstraktion des menschlichen Geistes betrachten müßte. Das Individuum fühlt sich ursprünglich als das einzig Seiende und einzig Wesentliche und erst die höhere Ausbildung seines Denkens legt ihm die Erkenntnis nahe, daß zwischen ihm und den ihm ähnlichen Wesen notwendige Beziehungen bestehen und daß es durch gewisse Rücksichten auf sie sein eigenes Wohlbefinden fördere. Das Gemeingefühl ist also kein ursprünglicher Trieb wie das Sonder- oder Selbstgefühl, sondern eine erworbene Einsicht, der Altruismus ist kein Gegensatz, sondern eine Vertiefung und Ausweitung des Egoismus und der Mensch gelangt zur idealen Einrichtung der Solidarität, wie er zur materiellen Einrichtung der Polizei und des Grundbuchs-Amtes gelangt ist: durch die Erwägung ihrer Nützlichkeit für ihn.

Und nun fügt sich diese ganze biologische Betrachtung, die dem Leser bisher vielleicht eine Abschweifung schien, in das Geleise der gegenwärtigen Untersuchung ein. Das Vererbungsgesetz bedingt die Banalität, das ursprüngliche Lebensgesetz die Originalität. Die niedrigsten Verrichtungen, welche zugleich die notwendigsten und darum die häufigsten sind und die gewiß auch der Vater und Ahn ausgeführt hat, verfallen dem Gesetze der Vererbung; die höheren und höchsten Verrichtungen dagegen, die selten nötig werden und die der Vorfahr vielleicht nie oder so wenige Male zu besorgen gehabt hat, daß sie keine genug tiefe Spur in seinem Organismus zurückgelassen haben, um vererbt werden zu können, werden selbständig und eigenartig vollzogen. Mit einer Lage, in der er sich oft befindet und die für viele und alle dieselbe ist, wird der Organismus auf banale Weise fertig; in einer Lage, die sich ihm zum ersten Male darstellt, wird er originell sein, wenn er sich ihr nicht entziehen kann. Der größte Genius wie der bescheidenste Wasserträger ißt mit dem Munde und hört mit den Ohren und der französische Dichter trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er sagt: »Man ahmt jemand nach, wenn man Kohl pflanzt.« Diese Verrichtungen, die allen Menschen gleich sind, werden von allen Menschen gleich vollzogen. Dagegen wird sich sofort ein Unterschied zeigen, wenn man zwei Menschen etwa an die Spitze je einer Gesellschaft gleich derjenigen der »Pilgrimväter« stellt, die in der »Mayflower« nach Amerika segelten, um eine neue Gesellschaft zu gründen, und wenn man ihnen die Aufgabe vorzeichnet, eine unbekannte Welt zu erobern und von Grund auf ein Staatswesen zu erbauen.

Ein Organismus, der bloß mit der durchschnittlichen Menge von Lebenskraft geladen ist, gelangt überhaupt nie dazu, die höheren und höchsten Verrichtungen vollziehen zu müssen; er sucht keine Lage auf, die nicht schon seinen Vorfahren geläufig war; wenn er gegen seinen Willen in eine neue Lage gestellt wird, so bemüht er sich zunächst, ihr zu entgehen; gelingt das nicht, so strebt er, sie nach gewohnten Analogien zu behandeln, das heißt, sich in ihr so zu benehmen, wie er es in anderen, häufig vorkommenden, der neuen ungefähr ähnlichen Lagen zu thun gepflegt hat, und kann er durch dieses Auskunftsmittelchen ihren Anforderungen nicht gerecht werden, so läßt er sie eben sich über den Kopf wachsen und unterliegt ihr, es sei denn, daß in ihm Kräfte verborgen leben, die in seinen gewohnten Verhältnissen keine Gelegenheit hatten, sich zu entfalten, durch die Notwendigkeit aber wachgerufen werden; er bleibt also immer innerhalb des Bannkreises der Erblichkeit, er schrickt vor der kleinsten Änderung der Linien seiner Ähnlichkeit mit den Vorfahren und Genossen in der Mittelmäßigkeit zurück und er beschließt sein Leben, wie er es begonnen hat: als ein Abklatsch von Formen, die ihm vorausgegangen sind und neben ihm bestehen. Ein Organismus jedoch, dessen Lebenskraft den Durchschnitt übertrifft, fühlt entweder geradezu den Drang nach neuen Lagen, oder wenn er in sie versetzt ist, so unterwirft er sie sich oder paßt sich ihnen an, ohne sich an gegebene Beispiele zu halten oder von der Gewohnheit der Väter bestimmt zu sein. Ein solcher Organismus wächst über die Schranken der Erblichkeit, die nur bis zu einer gewissen Höhe reichen, triumphierend hinaus und in einer Erhebung, zu der sich schwächere Individualitäten nie emporentwickeln, entfaltet er sich ungebunden zu selbsteigenen, allen anderen unähnlichen Formen.

Ich habe also in letzter Linie Eigenart und Durchschnittsart auf die Menge von Lebenskraft zurückgeführt. Hat man davon nur ein solches Maß, das gerade ausreicht, um einen Organismus von bestimmtem Typus auszustatten, so bleibt man in der überkommenen Form und hilft der Gattung die hergebrachte Physiognomie erhalten; hat man dagegen einen Überschuß davon, so überwindet die Lebenskraft die Trägheit, die den Stoff in die ererbte Bildung bannt, sie gestaltet sich in voller Freiheit nach eigenem Drang ihre Erscheinungsform und ihren Entwickelungsplan und man kann so weit gehen, zu sagen, sie werde zum Ursprung einer neuen Unterart in der Gattung. Das Leben ist die erhabenste Funktion des Stoffs; sein Besitz flößt allen Wesen instinktive Achtung ein, ungefähr wie Geldreichtum gemeinen Naturen; weil nun die Eigenart auf größerem Reichtum an Leben beruht, so erkennt man sie als vornehmer an denn die Durchschnittsart, welche das Einbekenntnis kleiner Renten von Lebenskraft ist. Darum verachtet man die Banalität und sucht originell zu sein oder, wenn man das nicht vermag, mindestens zu scheinen. Nicht zum Haufen gehören wollen heißt sich für einen Millionär an Vitalität ausgeben. Die Geringschätzung des Philisters ist eine Form, in der man dem Leben Bewunderung zollt. Man ist viel stolzer darauf, Stammvater als Erbe, Schriftsatz als Abzug zu sein, und weiß sich etwas, als Titelblatt eines Buchs und nicht als eingeheftete, fortlaufend numerierte Seite darin zu figurieren. Da aber auch der zeugungstüchtigste Vater denn doch gleichzeitig ein Sohn ist und jeder Gründer einer neuen Linie Vorfahren bis zur Ascidie oder zum Urplasma hinauf hat, so hängt selbst das eigenartigste Individuum doch wieder mit der Gattung zusammen, auch die mächtigste Lebensfülle unterliegt in ihren niedrigeren Verrichtungen der Banalität, der Widerspruch zwischen der Absonderung vornehmer Naturen und ihrem gelegentlichen Aufgehen in der Menge löst sich und wenn der Philister will, so kann er sich etwas darauf einbilden, daß selbst ein Goethe oder Napoleon mit all ihrer Originalität nicht anders weinen und lachen, schlafen und sich rasieren können als er.

Bei den Lebewesen, die geschlechtlich differenziert sind, scheinen im Weibchen die Lebenskraft und deren Gestaltungsdrang geringer zu sein als im Männchen. Warum das ist, das weiß ich nicht zu sagen, aber es ist Thatsache, daß es sich so verhält. Darwin hat auf mehreren hundert Seiten (der »Abstammung des Menschen«) Einzelbeobachtungen angehäuft, aus welchen hervorgeht, daß bei den meisten Tiergattungen das Weibchen den Typus der Gattung bewahrt, während die Männchen, oft sehr bedeutend, von demselben individuell abweichen. Im Weibchen herrscht also das Vererbungs-, im Männchen das Sonderbildungsgesetz vor, das ich als das ursprüngliche Lebensgesetz anspreche. Dieses Verhältnis besteht auch im Menschengeschlecht. Das Weib ist in der Regel typisch, der Mann eigenartig; jenes hat die durchschnittliche, dieser eine besondere Physiognomie. Das läuft allerdings der gemeinen Anschauung zuwider, aber diese Anschauung ist eben eine grundfalsche. Sie ist dadurch entstanden, daß man gewöhnlich seine Vorstellung vom Weibe aus Gedichten und Erzählungen geschöpft hat. Die Dichter sind bei der Schilderung des Weibes nicht von ehrlicher Beobachtung, sondern von unbewußten geschlechtlichen Erregungen bestimmt worden. Im schönwissenschaftlichen Schrifttum ist das Weib keine nüchterne naturgeschichtliche Abbildung, sondern die Idealschöpfung einer brünstig verzückten Mannesphantasie; der Dichter will nicht schildern, sondern den Hof machen; wenn er vom Weibe spricht, so ist er kein unbefangener Betrachter, sondern instinktiv ein Werber um Liebesgunst. Das fälscht die Beobachtung vollständig und man kann sagen, das Weib erscheine in der Dichtung aller Völker und Zeiten nicht wie es wirklich ist, sondern wie es sich einem verliebten Schwärmer darstellt. Das ist die natürliche Folge davon, daß alle Dichtung ursprünglich von Männern gepflegt wurde. Hätten Frauen die Lyrik und Epik erfunden, so wäre das Bild des Weibes in der Litteratur wahrscheinlich ein unparteiisches und darum recht gleichgiltiges geworden. Heute, wo das Romanschreiben, wenigstens in manchen Ländern, fast zu einer ausschließlich weiblichen Handarbeit geworden ist, wiederholt auch die weibliche Verfasserin das herkömmlich gewordene, vom Manne erfundene Idealbild des Weibes, einfach weil sie unfähig ist, sich über das Herkommen emporzuentwickeln und eigenartig zu denken. »Das Weib ist wechselnd wie die Flut und mannigfaltig,« lehrt ein tiefsinnig thuender Weltweiser; »wer kann sich rühmen, das Weib zu kennen!« ruft ein augenverdrehender Lyriker und leckt sich unter angenehmen Vorstellungen die Lippen; »jedes Weib ist ein Geheimnis und ein Rätsel und keine dieser Sphinxe gleicht der andern,« versichert ein Erzähler und spinnt uns zur Erläuterung seines Gedankens ein ellenlanges Garn von Räubergeschichten vor. Das ist aber alles hohle Phrase, über welche gerade vernünftige Frauen am meisten lachen und die nur albernen Gänsen gefällt, weil diese sie als ein persönliches Kompliment auffassen. Das Weib ist ungleich weniger verschieden als der Mann. Wer eins kennt, der kennt sie mit wenigen Ausnahmen alle. Ihr Denken, ihr Fühlen, ja selbst ihre leibliche Erscheinung ist typisch und Gretchen, Julie und Ophelia sehen einander so ähnlich, daß man sie für Schwestern mit etwas verschiedenem Temperament und etwas anderer Erziehung halten möchte. Daraus erklärt es sich, daß Frauen sich so leicht in allen gesellschaftlichen Stellungen zurechtfinden. Ein Stallknecht, der durch die Gunst einer Zarin zum Herzog von Kurland erhoben wird, bleibt sein Lebelang vom Pferdeduft umwittert. Die Tochter eines Tambourmajors, die zur gräflichen Beherrscherin eines Königsherzens wird, unterscheidet sich nach wenigen Monaten, manchmal nach wenigen Wochen, in nichts von einer Dame, die für den Gothaschen Almanach geboren wurde. Es giebt keine weiblichen Emporkömmlinge. Sobald eine Frau sich die Formen eines ihr neuen Ranges angeeignet hat, – und bei ihrem Sinne für das Äußerliche und Kleinliche erlernt sie dieselben mit wunderbarer Leichtigkeit – ist sie auch vollständig in diesen Rang hineingewachsen. Es ist eben zwischen der Prinzessin und Wäscherin ein äußerst geringer Grundunterschied, das Wesentliche an beiden ist die Weiblichkeit, das heißt die unselbständige Wiederholung der Gattungsphysiognomie. Michelet verdichtet die Philosophie des Weibes in ein einziges Wort, dem er die durchbohrende Wirkung eines Stachelverses geben möchte; er sagt: »das Weib ist eine Persönlichkeit.« Das ist einer der grüßten Irrtümer dieses feurigen und schwungvollen, aber oberflächlichen Schriftstellers. Das Gegenteil ist wahr: das Weib ist keine Persönlichkeit, sondern eine Gattung.

Gewiß, es giebt auch sogenannte originelle Frauen. Darf ich dir aber einen Rat geben, lieber Leser? Hier hast du ihn: hüte dich vor der originellen Frau. Die Abweichung vom Typus ist bei der Frau in hundert Fällen achtzigmal krankhaft. Die eigenartige Frau unterscheidet sich von der gewöhnlichen wie ein Lungensüchtiger von einem Gesunden. Und in den übrigbleibenden zwanzig Fällen, die ich nicht als Krankheit deuten kann, ist die Sonderbildung eine geistige Vertauschung des Geschlechts. Was hierunter verstanden wird, das dürfte wohl allgemein bekannt sein. Man hat den Leib eines Weibes, jedoch den Charakter, die Anschauungen und Neigungen eines Mannes, oder umgekehrt. Das Volksurteil ist auf der richtigen Fährte, wenn es eine originelle Frau schlechthin ein Mannweib nennt. Dieser Ausdruck schließt die Erklärung der Erscheinung in sich. Sowie das Weib aus der Gleichförmigkeit heraustritt, verliert es das hauptsächlichste seiner psychologischen Geschlechtsmerkmale. Ich kann als Beweis für die Begründetheit dieser Anschauung geltend machen, daß eigenartige Frauen in der Regel nur auf Männer mit verwaschener Physiognomie besonderen Eindruck machen, während männliche Individualitäten von scharf ausgeprägter Eigenart sich mit Vorliebe ans Dutzendweib halten. Das ist ein so häufiges Vorkommnis, daß ich ein Überflüssiges thue, wenn ich an das Beispiel Goethes, Heines, Carlyles, Byrons, Viktor Hugos u. s. w. erinnere. Das macht: der Mann, in dem die Lebenskraft nicht gewaltig genug ist, um zur Schöpfung neuer Formen auszureichen, sucht den Grundtrieb des Organismus, den der eigenartigen Bildung und Entfaltung, unbewußt durch Vereinigung mit einem reicher als er selbst ausgestatteten Weibe zu befriedigen; der von der Natur besser bedachte Mann hat das nicht nötig; er läßt es sich an seiner eigenen Sonderart genug sein.

Mit dem typischen Charakter des Weibes hängt die trostlose Banalität seiner Neigungen zusammen. Allerdings, eine ungewöhnliche Manneserscheinung, sei deren Ungewöhnlichkeit nun eine leibliche oder geistige, erregt wie alles Außerordentliche die Phantasie des Weibes und übt auf dasselbe eine mächtige Anziehung. Aber was beweist das? Doch nichts anderes, als daß das Neue auf die Frau, wie ja auch auf alle höheren Tiere, anregend und fesselnd wirkt. Aber ihr Urtrieb zieht sie unwiderstehlich zum Gewöhnlichen hin und der vollkommene Dutzendmensch, der weder durch zu auffallende Dummheit noch durch besondere Klugheit von der Norm abweicht, der sich in seinen Komplimenten an die guten Vorbilder hält, im Gespräch dem Wetter die Ehre giebt, für die in den Volksschulen eingeführten Ideale schwärmt und den behördlich genehmigten schwarzen Mann haßt, die Meinungen und Gesinnungen der wohlhabenderen Musterbürger teilt und dabei in der Form und Farbe seiner Halsbinde mit dem Zeitgeiste Fühlung behält, dieses Meisterwerk eines durch die Schablone malenden Raphaels wird 99 Frauen von 100 den Kopf verdrehen und kein aus freier Hand gezeichnetes Exemplar der höheren Menschenbildung kann neben ihm bestehen.

In Jahrhunderten wird einmal ein Weib geboren, das Ehrgeiz hat. Ich bitte, dieses vornehme Gefühl nicht mit der gemeinen Eitelkeit zu verwechseln, die sich gern für jenes ausgiebt. Ränkegewandte Frauen, die herrschen, Komödiantinnen, Zierpuppen, Salonpythien, die glänzen wollen, bilden sich manchmal wohl selbst ein, daß sie ehrgeizig seien; das sind sie aber nicht im geringsten. Ihnen handelt es sich um eine Nahwirkung der Persönlichkeit; sie wollen ihrer niedrigen Selbstsucht die Genugthuung verschaffen, daß man sie allgemein als schön, als reich gekleidet, als geistvoll anerkenne; sie wollen, daß viele Frauen sie beneiden, daß viele Männer zu ihren Füßen liegen, daß man auf der Straße den Kopf nach ihnen umwende und im Theater das Opernglas auf sie richte; es ist ihnen bloß um die äußerlichsten und einfältigsten Begleiterscheinungen örtlicher Bekanntheit zu thun. Ehrgeiz ist etwas ganz anderes; das ist der gewaltige Drang, das eigene Ich in einer Ausgeburt, einer Leistung zu verkörpern, welche ihm weit über die leibliche Dauer des Individuums hinaus Bestand sichert; es ist ein leidenschaftlicher Kampf gegen das allgemeine Gesetz der Vergänglichkeit, der hochgesinnte Wunsch, das eigene Sein, das man als vollberechtigt, als stark und nötig empfindet, in seiner Sonderform zu erhalten und die Natur selbst zu seiner Schonung zu zwingen. Das, was man Ehrgeiz nennt, läuft wieder nur auf das ursprüngliche Lebensgesetz hinaus und ist eine äußerste Kundgebung desselben; dieses drängt nämlich nicht nur zu selbständigen organischen Bildungen, die bloß sich selbst und nichts anderem ähnlich zu sein brauchen, sondern auch zum Versuch der Erhaltung dieser Bildungen, der Sicherung ihrer Dauer, wenn möglich ihrer Erweiterung zu einer neuen Art. Der Ehrgeiz beruht auf einer Fülle von Lebenskraft, wie die Frau sie kaum jemals hat. Sie träumt deshalb wohl Eroberungen, aber nicht die sogenannte Unsterblichkeit. Sie beschäftigt nur die Gesellschaft, die ihr gleich brühwarm sagen kann: »Madame, ich liebe Sie«; für die ungeborenen Geschlechter der fernen Zukunft, deren Huldigungen und Blumenbouquets nicht zu ihr gelangen können, hat ihre Koketterie kein Interesse. Das Verlangen, von der Gattung abzuweichen und eine neue Art zu begründen, deren Urbild sie wäre, hat sie nicht.

Aus dem Vorherrschen des Vererbungsgesetzes im weiblichen Organismus erklären sich auch alle übrigen Geistes- und Charakter-Eigentümlichkeiten der Frau. Diese ist fast immer eine Feindin des Fortschrittes und die festeste Stütze der Reaktion in jeder Form und auf jedem Gebiete. Sie hält am Alten und Hergebrachten leidenschaftlich fest und betrachtet das Neue, soweit es nicht etwa eine Mode ist, von der sie sich eine Steigerung ihrer leiblichen Wirkung verspricht, als eine persönliche Beleidigung. Sklavisch wiederholend, was vor ihr gethan wurde, verwandelt sie in ihrer Gedankenwelt Religion in Aberglauben, vernünftige Einrichtungen in äußerliche Formen, Handlungen voll Sinn in leere Zeremonieen und ursprünglich von der Rücksicht auf den Nebenmenschen eingegebene Satzungen des gesellschaftlichen Verkehrs in tyrannische und alberne Etikette. Sie ist, immer mit den seltenen Ausnahmen, die ich zugegeben habe, ein geistiger Automat, der bis zum Stillstand ablaufen muß, wie er aufgezogen wurde, und aus sich heraus den Mechanismus seines Ganges nicht ändern kann.

Nun, nachdem ich meine biologische Begründung der Banalität auseinandergesetzt habe, ergiebt sich meine Anschauung von den Grenzen der Eigenartigkeit von selbst. Subjektiv ist deren Berechtigung unbeschränkt; objektiv ist sie umschrieben. Wenn ich allein bin, kann ich originell sein; wenn ich unter die Menge hinaustrete, ist Gewöhnlichkeit meine erste Bürgerpflicht. Gedanken und Thätigkeiten, die ausschließlich ihn selbst betreffen, sind bei jedem der Vormundschaft des Herkommens ledig; Handlungen, welche in den Lebenskreis anderer eingreifen, müssen es sich gefallen lassen, von der Regel der allgemeinen Überlieferung beherrscht zu werden. Wohl bin ich kraft des ursprünglichen Lebensgesetzes ein unabhängiges, selbständiges Individuum, gleichsam eine Art für mich, keinem andern Wesen ganz gleich und mich nach den bloß mir eigenen organischen Formeln entwickelnd; aber kraft des Vererbungsgesetzes hänge ich doch in einer gewissen Ausdehnung meiner Oberfläche mit der Gattung, mit den Wesen zusammen, die infolge gleicher Abstammung mir ähnlich sind, und dieser Teil meiner Oberfläche ist meiner freien Selbstbestimmung entzogen. Darin geht es jedem von uns wie den siamesischen Zwillingen. Denken kann jeder Kopf für sich, nach Belieben heiter oder traurig, nach Vermögen klug oder dumm; gehen oder sitzen aber müssen beide Leiber zusammen. Diese Sätze haben eine weite Nutzanwendung. Sie verteidigen das allgemeine Stimmrecht. Sie machen der Demokratie eine Verbeugung. Sie begründen die Herrschaft der Mehrheit in Staats- und Gemeinde-Angelegenheiten. Mein geistiger Gesichtskreis gehört mir allein; da brauche ich nichts zu dulden, was mich stört oder mir nicht gefällt, und ich werfe die baumwollene Zipfelmütze des Nachbars, deren Troddel sich anspruchsvoll wie eine bewaldete Bergkuppe vor mir aufrichtet, mit der Fußspitze jenseits meines Horizonts; allein die Straße, die Stadt, das Land gehört uns allen zusammen; da bist du mein Bruder, würdiger Philister; da habe ich dir deinen Wunsch aus den Augen zu lesen; da darf ich nichts thun, was dir nicht behagt, und wenn ich will, daß du mir einen Gefallen erweisest, so ist es meine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, es dir in einer Sprache zu sagen, die du verstehst, und es mit Gründen zu unterstützen, die dir einleuchten.

Einen originellen Politiker, Gesetzgeber, Staatsmann darf es deshalb nicht geben. Je banaler jeder von ihnen ist, um so besser für ihn, um so besser für sein Volk. Wer berufen ist, Einrichtungen zu schaffen, in denen die Menge leben soll, der muß der Menge und nicht den Wenigen das Maß nehmen. Der Regimentsschneider arbeitet nach Durchschnittsnummern und nicht nach den Leibesverhältnissen eines hübsch gewachsenen Füsiliers seiner Bekanntschaft und was dabei herauskommt, wenn der Fuchs den Storch zu Gaste lädt und ihm die Speisen in seinem Familien-Eßgeschirr vorsetzt, das kann in Schillers nachdenksamer Fabel gelesen werden. Das natürliche Spiel der Kräfte verhindert selbstthätig jede Originalität in der Behandlung der Menschheit und Volksgeschäfte. Man braucht weder besonders tiefsinnig zu sein noch besonders scharf zu beobachten, um zu bemerken, daß jede größere Versammlung hoffnungslos mittelmäßig ist. Man setze vierhundert Goethes, Kants, Helmholtz', Shakespeares, Newtons u. s. w. zusammen und lasse sie über konkrete Fragen sprechen und stimmen. Ihre Reden werden sich vielleicht – sicher ist selbst das nicht – von denen eines Kreistags unterscheiden, ihre Beschlüsse nicht. Warum? Weil jeder von ihnen neben seiner persönlichen Sonderart, die ihn zu der ausgezeichneten Individualität macht, die er ist, die ererbten Gattungseigenschaften hat, welche ihm nicht nur mit seinen Nachbarn in der Versammlung, sondern auch mit allen namenlosen Vorübergehenden auf der Straße gemeinsam sind. Man kann das so ausdrücken, daß alle normalen Menschen ein Gemeinsames von gleichem Werte haben, das wir a nennen wollen, und die hervorragenden noch dazu ein Besonderes, das in jedem Individuum verschieden ist und das mir bei jedem anders bezeichnen müssen, also b, c, d u.s.w. Sind nun 400 Menschen beisammen, und wären sie allesamt Genies, so bedeutet das, daß wir 400 a, dagegen nur ein b, ein c, ein d u.s.w. vor uns haben. Da ist es dann nicht anders möglich, als daß die 400 a, über das eine b, c, d u.s.w. glänzend siegen, das heißt, daß das Gemeinmenschliche das Individuelle in die Flucht schlägt, daß sich die Baumwoll-Nachtmütze über den Doktorhut stülpt. Das Verschiedene ist keiner Addition fähig, das lernt man schon in der Volksschule. Darum ist wohl eine Partei von Flachköpfen, nicht aber eine Partei von Genies denkbar. Über den Wohlgeschmack von Sauerkraut ist durch Abstimmung ein Mehrheitsbeschluß zustande zu bringen, über den Wert von Weltanschauungen nicht. Stimmte man über solche ab, so würde mutmaßlich für jede eine Stimme abgegeben werden, die ihres Urhebers.

Thatsächlich ist also der Philister Herr im Lande und der bockbeinigste Sonderling hat im Takte mitzutanzen, wenn der allgemeine Hopser aufgespielt wird. Den Inhalt aller öffentlichen Einrichtungen und der ganzen Politik giebt nicht die Geistesarbeit eines John Stuart Mill oder Herbert Spencer, sondern der stereotypierte Gedanke des würdigen Kunz, der sein Kreisblättchen nur mit Nachhilfe des wegweisenden Zeigefingers entziffern kann, und der eigenartigste Genius verliert seine Physiognomie und verschwindet unauffindbar im großen Aufzuge, wenn die Menge am Wahltage zur Urne strömt.

Muß der Genius deshalb darauf verzichten, seine neuen, von allem zeither Bekannten abweichenden Gedanken zu verkünden, ihre Verwirklichung anzustreben, den Philister zu ihnen bekehren zu wollen? Keineswegs. Er muß das nicht, ja er kann es nicht einmal. Denn wir haben ja gesehen, daß jede Sonderart den unbezwinglichen Grundtrieb hat, sich der Allgemeinheit aufzudrängen und diese nach sich zu formen. Worauf der Genius aber allerdings verzichten muß, das ist, seine Anschauungen wie Befehle vorzutragen und zu erwarten, daß die Heerschar der Philister darauf wie ein wohlabgerichtetes Regiment einschwenke. Er muß predigen, nicht kommandieren. Das ist ein gewaltiger Unterschied; der Unterschied zwischen dem Missionär und dem Oberst. Ich habe oben gesagt, der Philister sei der Acker des Genius. Das Bild scheint mir so richtig, daß ich darauf zurückkomme. Der eigenartige Denker hat grobe Landwirtschaft zu treiben wie der Kindererzieher feine Gartenkunst. Dieser pfropft auf Wildlinge fertige Reiser über, die auf anderen, veredelten, älteren Bäumen gewachsen sind, jener wirft mit breitem Armschwung Saatkorn aus und hat nach redlichem Düngen und Eggen geduldig zu warten, bis ihm nach Monaten stillen Wachstums die Ernte ersprießt. Das Ganze ist eine Frage der Zeit. Der Dutzendmensch will seine Gedanken erben und nicht selbst verarbeiten. Man hat also nur dem einen Geschlechte das mitzuteilen, wovon man will, daß es das Gemeingut der nächsten Geschlechtsfolge werde. Vorstellungen und Gedankenverbindungen, die schon der Vater und der Großvater im Kopfe gehabt und die sich seit langen Menschenaltern häufig wiederholt haben, sind zu einem Bestandteile des Organismus, sind organisiert worden, sie zu denken ist für das Individuum nicht anstrengender als zu gehen, zu essen, zu schlafen, das heißt als irgend eine andere organisch gewordene Verrichtung zu besorgen. Neue Vorstellungen und Gedankenverbindungen dagegen, die vor dem Individuum zum ersten Mal erscheinen, stören die ganze Arbeit der Denkmaschine, machen zu ihrer Aufnahme neue Einrichtungen nötig, erfordern Aufmerksamkeit und Dazwischenkunft des Willens und Bewußtseins. Es ist wie bei der mechanischen Weberei. Wenn ein altes Muster gewebt wird, auf das die Maschine gerichtet und der Arbeiter eingeübt ist, dann geht alles glatt und wie im Schlafe; der Arbeiter kann gedankenlos vor sich hinträumen, während das Gewebe Meter um Meter wächst. Soll aber ein neues Muster hergestellt werden, so muß man den Webstuhl darauf einrichten, an der Kette herumknüpfen, dem Schiffchen einen andern Gang geben, der Aufseher muß dazutreten und selbst Hand anlegen, der Arbeiter hat sich aus seinem bequemen Dusel aufzurütteln und aufzupassen, kurz die Arbeit macht sich nicht mehr von selbst, sondern will mit Hand und Kopf verrichtet sein. Dutzendmenschen sind auf die organisierte Denkarbeit eingestellt und können keine andere leisten. Sie sind nicht stark und nicht geschickt genug, ihren Webstuhl auf ein neues Muster zu richten. Die überlegene Natur hat nun die Aufgabe, nicht nur neue Muster zu erfinden, sondern auch die Webstühle in der großen Fabrik, welche man Menschheit nennt, von Grund aus so zu verändern, daß sie das neue Muster weben können, wie sie vordem das alte gewebt haben. Die Menge wehrt sich gegen neue Gedanken, nicht weil sie diese nicht denken will, sondern weil sie sie nicht denken kann. Das erfordert eine Anstrengung und alle Anstrengungen sind schmerzlich, Schmerzen aber wehrt man von sich ab.

Dem scheint die Beobachtung zu widersprechen, daß die Menge im Gegenteile nach neuem begierig ist und daß alles neue bei ihr Glück macht. Dieser Widerspruch ist aber nur ein scheinbarer, wie eine kurze Untersuchung leicht darthun wird.

Zur Empfindung und zum Bewußtsein gelangen nur Veränderungen in unserem Nervensystem. Wenn sich in diesem nichts rührt, so erfährt das fühlende und denkende Ich auch nichts. Der Nachrichtendienst in unserem Organismus ist nicht etwa so eingerichtet, daß im Mittelpunkte des Ichs ein wachsamer Oberaufseher sitzt, der alle kleine Weile in die Vorzimmer und Außenhöfe Boten hinausschickt, um anzufragen, ob nichts neues vorgehe; dieser Oberaufseher bleibt vielmehr unbeweglich an seinem Tisch im innersten Kabinett, wo alle Meldungen von außen zusammenlaufen. Langt keine Mitteilung an, so hält er sich ruhig, schlummert sogar ein und giebt jedenfalls kein Lebenszeichen. Wenn aber von außen die Nachricht kommt: »ans rechte Thor wird geklopft!« oder: »gegen das Fenster im ersten Stockwerk wird ein Stein geworfen!« oder: »der Wachtposten im Vorhof übernimmt eine Lebensmittellieferung!« oder dergleichen, so wird der Oberaufseher wach und giebt augenblicklich wenigstens die Bestätigung zurück, daß die Nachricht angelangt und zur Kenntnis genommen ist, oder er antwortet mit einem Befehl, welcher anordnet, was gegenüber der Veranlassung des gemeldeten Vorganges zu geschehen habe. Wäre es denkbar, daß die Welt einmal in völliger Unbeweglichkeit erstarrte, so blieben unsere Nerven in dem Zustand, in welchem sie sind, nichts würde auf sie einwirken, nichts sie anregen, nichts eine Veränderung in ihnen hervorbringen, die zur Kenntnis des Bewußtseins gelangen könnte. Unsere Augen würden nicht sehen, unsere Ohren nicht hören. Die Vorposten an der äußern Grenze unserer Persönlichkeit wären ausgestellt, aber sie hätten nichts zu beobachten und nichts zu melden. Dann würden wir auch nicht denken und unser Bewußtsein wäre wie in einem traumlosen Schlafe gefangen. Empfinden heißt also wahrnehmen, daß in einem Nervengebiete ein bestehender Zustand in einen andern übergeht. Der fast unmeßbar kurze Zeitabschnitt des Aufhörens eines und des Anfangens eines andern Zustandes ist eigentlich der ganze Inhalt unserer Wahrnehmungswelt. Daraus ergiebt sich, daß der Mensch, um zu denken, um sich seines Ichs bewußt zu werden, angeregt sein muß; die Anregung aber wird nur durch eine Veränderung bewirkt, das heißt durch etwas neues. Und da das Bewußtsein des eigenen Ichs die notwendige Voraussetzung aller angenehmen Empfindungen, ja schon an sich ein Lustgefühl, Vielleicht sogar das mächtigste von allen ist, so wird das Neue, die Veränderung, die durch Erregung der Nerven zur Quelle des Bewußtseins wird, als etwas Angenehmes empfunden und eifrig gewünscht. Damit aber die Veränderung als angenehm empfunden werde, darf sie keine jähe und heftige sein. Das Neue, das die Nerven erregt, darf sich vom Alten, das ihm vorangegangen ist, nur ganz schwach, nur um einen Grad, eine Schattierung unterscheiden. Es muß der Nachbar des Alten sein und als eine Fortsetzung desselben auftreten. Um dies mit einem familiären Bilde zu verdeutlichen: eine neue Frackform wird leicht Mode werden, wenn sie die großen Linien des Fracks, den allgemeinen Charakter dieses luftig leichtfertigen und doch so würdevollen Kleidungsstückes unverändert läßt und nur in unwesentlichen Einzelheiten vom Vorbestehenden abweicht; wenn sie also kürzere oder stärker gerundete Schöße, breitere oder schmälere Brustlappen, diese glatt oder mit Seide ausgeschlagen zeigt; dagegen dürfte es einem starkgeistigen und vorurteillosen Schneider schwer werden, mit einem Festkleide durchzudringen, das mit der bisherigen Mode gründlich bräche und etwa eine römische Toga oder etwas noch Unbekannteres darstellte. Etwas vom Vorbestehenden völlig Verschiedenes erregt unangenehme Empfindungen, die sich bis zum heftigsten Widerwillen und Entsetzen steigern können. Lombroso, der große italienische Psychologe, hat dafür ein glückliches Wort erfunden: er nennt diesen Widerwillen, dieses Entsetzen »Misoneismus«, Feindschaft gegen das Neue, und weist sein Vorkommen beim ungebildeten Menschen, beim Kinde, ja beim Tiere nach. Um bei meinem Gleichnisse vom Webstuhle zu bleiben: es macht weder der Maschine noch dem sie bedienenden Arbeiter etwas, wenn die Fäden eine andere Farbe haben, solange nur das Muster dasselbe bleibt. Eine Veränderung der Farbe des Gewebes bedingt weder eine Umstellung des Webstuhls noch eine größere Aufmerksamkeit des Arbeiters. Nur wenn das Muster geändert werden soll, wird die Mühsal eintreten, die oben geschildert wurde. So erklärt es sich, daß zwar das Neue der Menge gefallen kann, daß sie aber dennoch das wirklich Neue, dasjenige, was von ihren gewohnten Vorstellungen spezifisch verschieden ist, mit wahrer Wut, oft mit verzweifelter Anstrengung ablehnt.

Ich bin sehr geneigt, zu glauben, daß die wilden Stämme vor der einbrechenden Zivilisation nur darum verschwinden, weil die ungeheuere Veränderung aller Verhältnisse rings um sie zu viele neue Vorstellungen und individuelle Verrichtungen von ihrem Geiste verlangt. Für sich selbst, ohne jede Hilfe der ererbten Denkvorgänge, soll der einzelne Wilde die neuen Eindrücke aufnehmen, unterbringen, verbinden, sie zu Vorstellungen und Gedanken zusammenfassen und auf sie mit individuellen Entschließungen und Handlungen antworten, die seinem Organismus völlig fremd und auf die sein Gehirn und seine Nerven nicht eingestellt sind. Das ist eine Arbeitsleistung, von der sich der Kulturmensch kaum eine richtige Vorstellung machen kann. Denn selbst der eigenartigste, von seinen Artgenossen verschiedenste Kulturmensch kommt verhältnismäßig nur selten in die Lage, ganz neue Eindrücke aufzunehmen und ganz neue Kombinationen von Anschauungen und Entschließungen zu schaffen. Der Wilde aber soll diese höchste Thätigkeit des menschlichen Organismus plötzlich und unausgesetzt im größten Maße liefern. Kein Wunder, daß sie ihn bald vollkommen erschöpft und daß er unter ihr zusammenbricht. Wenn es eine Gesittung gäbe, die von der unsern so unfaßbar weit verschieden wäre wie die unsrige von der eines Neuguinea-Papua und sie ohne Vorbereitung über uns hereinbräche, so würden die größten Philosophen und Staatsmänner der weißen Menschheit unserer Zeit vor ihr ganz so dahinsiechen und verschwinden wie die Wilden vor unserer Gesittung.

Aus diesen Betrachtungen ergiebt sich meine Auffassung vom Verhältnisse des Genius zum' Philister, welche der Carlyles entgegengesetzt ist. Der Seher von Chelsea läßt seinen Heros wie einen Kapitän Cook unter der Schar der Dutzendmenschen erscheinen und von diesen unter Hinweis auf gute Flinten und Kanonen Unterwerfung, Anerkennung seiner Überlegenheit und Bewunderung seiner höhern Kunst und Wissenschaft verlangen. Ich betrachte den Lebensgang des Menschen der Auslese nicht als eine Entdeckungsreise in der Südsee und Landung bei nackten Menschenfressern. Ich kann ihm nicht das Recht zusprechen, vom typischen Haufen, der seine Gedanken fertig geerbt hat, dieselbe eigenartige und von der organisierten Gewohnheit unabhängige Geistesthätigkeit zu verlangen, die ihm, dem nichttypischen Individuum, durch eine größere organische Kraftfülle leicht gemacht ist. Wenn einsame Größe seinem Drang, auf andere zu wirken, nicht genügt, wenn er nicht gleich dem unglücklichen König Ludwig II. von Bayern sein Lebelang als einziger Zuschauer im Theater sitzen und dem Schauspiel zusehen will, das seine Gedanken vor ihm allein aufführen, wenn er den von gewaltiger Lebenskraft untrennbaren Trieb hat, seiner Form die Dauer zu sichern und sie anderen Organismen aufzuprägen, dann muß er seiner Originalität eine Gesellschaftsdame mieten, die Geduld heißt. Er muß der Menge die neuen Gedanken allmählich beibringen wie eine fremde Sprache oder eine kunstvolle Leibesübung: durch Beispiel, systematischen Vortrag und häufige Wiederholung. Mit einem Worte, es handelt sich darum, den Dutzendmenschen ins Joch einer neuen Gewohnheit zu brechen, die er ebenso gedanken- und mühelos, ebenso automatisch, halbschlummernd und wiederkäuend tragen kann wie die alten, und das schließt jähe Einwirkungen aus.

Der Leser bemerkt, daß ich hier immer neue und alte Gedanken einander entgegensetze, nicht bessere und schlechtere, höhere und niedrigere, mit einem Worte, daß ich mich scheue, Beiwörter zu gebrauchen, die Lob oder Tadel in sich schließen und Vorliebe für die einen, Abneigung gegen die anderen bezeugen. In dem stillen oder lauten Kampfe der eigenartigen Minderheit gegen die typische Mehrheit handelt es sich eben in der That nur darum, an die Stelle alter, ererbter Auffassungen neue zu setzen; diese neuen brauchen gar nicht besser zu sein, ihr wesentliches Merkmal ist bloß, daß sie neu, daß sie anders sind als die herkömmlichen. Man nennt gewöhnlich die Menge dumm. Das heißt ihr Unrecht thun. An sich betrachtet ist sie gar nicht dumm, sie ist nur nicht so klug wie die allergescheidtesten Individualitäten der Zeit. Sie stellt einfach die geistige Entwickelungsstufe dar, auf der die Besten gestern gestanden haben. Die Besten von heute sind freilich weiter, aber morgen wird die Menge ebensoweit sein und um ein Recht zu haben, sie zurückgeblieben zu nennen und über sie die Nase zu rümpfen, werden die Genies von morgen denen von heute so weit überlegen sein müssen, wie diese dem heutigen Marktpöbel. Eigenart und Mittelmaß haben also keine absolute, sondern nur eine relative Bedeutung. Die Ausnahme strebt, zur Regel, die Originalität, zum Typus zu werden. Die mächtigen Naturen haben den Wert frei erfundener Modelle, die von den Dutzendmenschen getreu nachgemacht werden. Die Hutform, die gestern von einem kühnen Erfindertalent ersonnen wurde und auf dem Korso der Residenz Aufsehen erregte, prangt morgen bei der Dorfkirchweih auf dem Haupte aller Bauerndirnen und zieht nicht einmal mehr die Aufmerksamkeit der bebänderten Knechte auf sich. Woher diese Verschiedenheit der Wirkung? Ist die Form eine andere geworden? Nein. Sie hat nur aufgehört, selten zu sein. Banalität ist abgetragene Originalität, Originalität die erste Vorstellung, die » première«, wie die Franzosen sagen, der Banalität. Wir zucken heute die Achsel, wenn wir einen lyrischen Dichter dabei ertappen, wie er die Augen der Geliebten mit Sternen vergleicht, und bewundern Lenau, wenn er in seiner kühnen Bildlichkeit sagt: »An ihren bunten Liedern klettert die Lerche selig in die Luft.« Und doch ist eigentlich jenes Gleichnis ein ganz schönes, viel schöner als dieses. Indem der Liebende die Augen der Geliebten mit Sternen vergleicht, giebt er zunächst eine völlig anschauliche Umschreibung; er wendet ferner auf die Nachzeichnung des Bildes dieser Augen eine Methode der Vergrößerung an, die der Eigenliebe der Gefeierten schmeicheln muß und von seiner eigenen Exaltiertheit eine gute Vorstellung ermöglicht; er knüpft endlich die Erscheinung der Geliebten an die schönsten Phänomene des Weltalls an und hebt sie gleichsam aus ihrer armen individuellen Endlichkeit heraus, um sie zur Unendlichkeit der Natur selbst zu erweitern. Wie kann daneben das Gleichnis Lenaus bestehen, das uns höchstens die Vorstellung einer Leiter, wenn auch einer buntangestrichenen, nahelegt, auf der eine Lerche wie ein abgerichteter Laubfrosch in seinem Glase emporsteigt, was zwar kurios anzusehen, aber weder besonders schön, noch namentlich erhaben ist! Der Vergleich der Augen mit Sternen hat sicher auf die Zeitgenossen einen tiefen Eindruck gemacht, als ihn ein Dichtergenie der allerdunkelsten Vorzeit zum ersten Male fand. Er ist banal geworden. Warum? Weil er vortrefflich ist. Lenaus packendes Bild wird dieses Schicksal nicht haben. Es ist dazu nicht tiefsinnig genug. Darauf habe ich hinauskommen wollen: die Banalität von heute ist nicht nur die Originalität von gestern schlechtweg, sie ist sogar die Blütenlese dieser Originalität, das beste und wertvollste derselben, das von ihr, was Dauer verdiente, weil es nicht neu allein, sondern neu, wahr und gut war. Hut ab vor der Banalität! Sie ist die Sammlung des Vortrefflichsten, was der Menschengeist bis zur Gegenwart hervorgebracht hat.

Das, was man die öffentliche Meinung nennt, also die Anschauung der Menge, kann für die besten Geister einer gegebenen Zeit nicht bestimmend sein. Aber sie verdient insofern selbst die besten Geister zu interessieren, als sie die Frucht der ganzen vorausgegangenen Entwicklung der Menschheit ist. Das wüste Geschrei einer Volksversammlung besteht aus den Stimmen großer Henker, die aus ihrem oft tausendjährigen Grabe heraus durch die bierheisere Kehle eines politischen Flickschusters sprechen, und wer sich die Mühe giebt, den Lärm auf seine einzelnen Elemente zu untersuchen, der wird jedes sinnlos gewordene Schlagwort, jede hohle Phrase auf einen bedeutenden Urheber zurückführen können. Der Gemeinplatz der Philisterrede hat seinen Lebenslauf als überraschende und glänzende Wendung begonnen und jede instinktive Neigung und Abneigung, jedes Vorurteil, jede unbewußte Handlung des Dutzendmenschen war ursprünglich das Ergebnis schwerer und ernster Gedankenarbeit eines Ausnahmemenschen. Die Mehrheit bedeutet in letzter Linie die Vergangenheit, die Minderheit kann die Zukunft bedeuten, wenn ihre Eigenart sich bewährt. Aristoteles, der Vater unseres heutigen Wissens auf den meisten Gebieten der Erkenntnis, könnte heute nirgends ein Abiturientenexamen bestehen, es sei denn im Griechischen, das er aber auch nicht so ergründet haben dürfte wie ein neuzeitlicher Philologe; Harveys Erklärung des Blutumlaufs, seinen Zeitgenossen eine unerhört kühne und ketzerische Auflehnung gegen alle anerkannte Wahrheit, wird jetzt ohne Aufsehen in den Volksschulen gelehrt und der Genius, der sich heute vornehm von der Menge absondert und stolz darauf ist, mit ihr nichts gemein zu haben, anders zu denken und zu fühlen als sie und von ihr nicht verstanden zu werden, dieser Genius würde vielleicht, könnte er in tausend Jahren auf die Erde zurückkehren, erstaunt sein, die kleinen Jungen seine eigensten und verblüffendsten Gedanken mit derselben Geläufigkeit und Selbstverständlichkeit ausdrücken zu hören, mit der sie die Tageszeit wünschen.

Was ich unter solchen Umständen nicht begreifen kann, das ist, daß die Konservativen und Reaktionäre, die Verteidiger des Bestehenden und Bekämpfer der Neuerungen, Feinde der Demokratie sind. Wenn sie Verständnis für ihr wirkliches Interesse hätten, so wären sie allesamt Erzdemokraten, würden dem Zaren zur Einführung des allgemeinen Stimmrechts in Rußland raten, das schweizer Referendum an die Stelle des Parlaments setzen und den Beschlüssen von Volksversammlungen ein ungleich größeres Gewicht beimessen als denen eines Ministerrats. Die Menge ist immer konservativ, weil sie nach ererbten Gattungstrieben, nicht nach neuen individuellen Denkvorgängen handelt, sich also auch nur in ererbten Verhältnissen und nicht in neuen zurechtfinden kann. Sie mag einem mächtigen Einzelwillen folgen, der sie aus den Bahnen der Gewohnheit herausreißt, aber aus eigenem Drange freien Umherschweifens wird sie nie ihr von den vorangegangenen Geschlechtern ausgefahrenes Geleise verlassen. Umwälzungen sind immer die That der Minderheit, deren Eigenart sich mit den nicht auf sie berechneten und ihnen nicht angepaßten überlieferten Verhältnissen nicht abfinden kann. Die Mehrheit folgt nur widerstrebend, es sei denn, sie wäre seit mehreren Zeitaltern allmählich darauf abgerichtet worden, die bestehenden Zustände als überlebt und unberechtigt zu empfinden. Die einzigen wirklichen Neuerer, welche die Geschichte kennt, waren die aufgeklärten Despoten, für welche die konservativen Historiker schwärmen. Dagegen fielen die Revolutionen, welche von der Masse ausgingen, unaufhaltsam in den Gemeinplatz zurück. An die Spitze eines reaktionären Geschichtswerks sollte man nicht das Porträt Friedrichs des Großen oder Josefs des Zweiten, sondern das eines 1848er Demokraten mit dem ausdrucksvollen Hute der Epoche setzen und die Reaktionäre, wenn sie einsichtig und ehrlich wären, müßten bekennen, daß die Barrikade eine Stütze des Staats- und Gesellschaftsbaues ist.

Wenn ich übrigens das Wort Gemeinplatz im Zusammenhang mit Politik ausspreche, so hat das Wort in meinem Munde den Wert einer Achtungsbezeugung. Die Politik hat den Zweck, der Menge möglichst günstige Daseinsbedingungen zu schaffen, sie muß sich also nach den Bedürfnissen der Menge richten. Diese denkt und fühlt automatisch, das heißt nach ererbten Formeln und organisierten Gewohnheiten, sie verlangt also mit Recht, daß man ihr nicht zumute, neue individuelle Geistesarbeit zu leisten, die fast stets über ihr Vermögen hinausgeht. Wer also Politik sagt, der sagt Mehrheitsherrschaft, Gemeinplatz, Herkommen. Der Übelgelaunte, dem diese Worte zu unparteiisch sind, mag meinethalben Tyrannei der Mittelmäßigkeit und Schlendrian an ihre Stelle setzen. Der mächtigen Individualität von eigenartiger Entwickelung behagt es nicht, sich in die typischen Verhältnisse einzuordnen, die für die typische Menge gerade das Richtige sind. Um so schlimmer für jene. Sie hat darum doch nicht das Recht, die kurzen Beine der Alltagsleute in ihre langen Pantalons zu stecken. Jede Einrichtung, welche der Mehrheit gefällt, ist gut; nicht an sich betrachtet, aber unter den gegebenen Verhältnissen. Das kann gar nicht anders sein. Nehmen wir an, die Menge irre sich, sie fordere einen Unsinn und schaffe die blödsinnigsten Gesetze. Man beeile sich ums Himmelswillen, ihr den Unsinn zu bewilligen und die blödsinnigen Gesetze einzuführen! Die Menge wird alsbald finden, daß sie übler dran ist als früher, klügere und weitersehende Geister werden ihr die Ursache ihrer Leiden zeigen und sie wird schnell genug die nötigen Änderungen fordern. Befindet sie sich aber wider Erwarten im Unsinn wohl und bei den blödsinnigen Gesetzen glücklich, so hat sie vollständig Recht, den Weisen, der sie mit aller Gewalt überzeugen will, daß es von ihr unvernünftig sei, sich glücklich zu fühlen, nach antikem Gebrauch mittels Topfscherben zum Tempel hinaus zu komplimentieren oder in minder eleganter neuzeitlicher Art bei der Polizei als Majestätsbeleidiger oder Wühler anzuzeigen. Wenn eine Menge blitzdumm ist, so muß man sie vorerst blitzdumm sein lassen. Es ist vom Klügern sehr schön und edel, wenn er sich der harten Arbeit unterziehen will, sie allmählich zu größerer Klugheit emporzuzüchten, aber zunächst hat sie Anspruch auf Einrichtungen und Gesetze, die für Hornvieh und nicht für schlaue Rechtsverdreher oder Börsenspekulanten berechnet sind. Der Minderheit von Klugen, denen es auferlegt ist, unter denselben Gesetzen und Einrichtungen zu leben, kann ich nur mein herzliches Beileid ausdrücken. Stellen wir uns doch nur einmal eine Stadt vor, die ganz oder fast ausschließlich von Blinden bewohnt würde. Theoretisch ist das ja denkbar. Ein Sehender würde nun fordern, daß man eine Straßenbeleuchtung einführe. Sein Vorschlag wäre an sich gewiß vortrefflich. Er könnte unschwer die überzeugendsten Gründe für die Notwendigkeit von Gasflammen anführen, mit hinreißendster Beredsamkeit die Pracht einer elektrisch erhellten Nacht schildern. Und dennoch würde die blinde Bevölkerung den Vorschlag einstimmig verwerfen und ich möchte den Vernünftigen sehen, der nicht ihr Recht geben würde und dem Verteidiger des Lichts Unrecht! Abdera braucht eine Stadtverordneten-Versammlung von Abderiten und die Gäste der platonischen Symposien haben da keinen Platz. Wohnen sie dennoch in der Stadt und wollen nicht auswandern, so bleibt es ihnen allerdings unbenommen, einen Skatklub zu gründen und sich untereinander über ihre Mitbürger lustig zu machen.

Ich denke, der Philister kann mit dem Platze zufrieden sein, den ich ihm in der Welt eingeräumt habe. Ich erkenne ihn als eine monumentale Erscheinung an, nämlich als ein Denkmal der Vergangenheit, allerdings als ein oft schlecht erhaltenes: mit verstümmelter Nase, stümperhaften Ausbesserungen und der Kalktünche eines Viehs von bürgerlichem Anstreichermeister. Seine Physiognomie ist eine Chromolithographie nach einem Bilde, das hohen Kunstwert hat. Er ist der Erbe des Genius, der ihm beständig seine kostbarsten Güter hinterläßt. Ich sehe im Geiste über seiner Schlafmütze den grünen Turban, der ihn als Abkömmling des Propheten kennzeichnet. In seine innere Welt wird ihn der Genius allerdings nicht eintreten lassen. Die gehört diesem allein. Da gilt keine Mehrheit. Wie er denkt und fühlt, das ist ganz allein seine Sache. Allein so wie er aus seiner innern Welt heraustritt, so wie er es sich nicht genügen läßt, bloß durch sein Beispiel zu wirken und bloß für sich zu handeln, hat er die Sondertracht der Eigenartigkeit auszuziehen und die Uniform der Banalität zu tragen. Da ist er nur noch ein Ehrenphilister unter den Philistern. In England muß ein Prinz oder Lord, der in der Cityverwaltung eine Rolle spielen will, sich in eine Gilde aufnehmen lassen. Er muß dem Namen nach Schneider oder Tuchscherer oder etwas ähnliches werden. Das ist ganz, was ich meine.

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