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Paradoxe

Max Nordau: Paradoxe - Kapitel 2
Quellenangabe
typetractate
authorMax Nordau
titleParadoxe
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
printrun28. u. 29. Tausend
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070722
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Optimismus oder Pessimismus?

Die Pyramiden werden als ein Weltwunder angesehen? Die hängenden Gärten der Semiramis? Der Koloß von Rhodus? Ich kenne ein größeres, vielleicht das kunstvollste und staunenswerteste, das der menschliche Geist bisher hervorgebracht hat, und das ist der Pessimismus; ich meine den richtigen, gründlichen, zur Weltanschauung ausgebildeten Pessimismus, der Natur, Menschheit und Leben ewig wie aus einem von vierundzwanzig erlauchten Schoppen abstammenden Standes-Katzenjammer heraus ansieht.

Wir müssen zwei Arten von ehrlichem Pessimismus unterscheiden: den wissenschaftlichen und den praktischen. Der wissenschaftliche Pessimismus übt eine vernichtende Kritik an der gesamten Erscheinungswelt. Der Kosmos, so lehrt er voll Überzeugung, ist ein elendes Machwerk, nicht besser als der mißlungene Erstlingsversuch eines Stümpers. Hat sein Bestand überhaupt einen Zweck? Man steht kopfschüttelnd vor der schwerfälligen und verwickelten Maschine und sucht vergebens nach einem Sinn und Verstand in dem tollen Getriebe. Und wenn schon das Weltganze ein unvernünftiges, planloses Durcheinander ist, haben wenigstens seine einzelnen Teile Logik und Gesetz? Auch nicht. Roher Zufall beherrscht die Natur und das, was uns in ihr am meisten interessiert, das Menschenleben. Keine Sittlichkeit lenkt den Gang der großen wie der kleinen Ereignisse; das Böse triumphiert öfter als das Gute; Ahriman wirft Ormuzd zur Treppe hinunter und lacht unverschämt, wenn dieser dabei ein Bein bricht. Weshalb ist, weshalb dauert nun eine solche Welt und wäre es nicht klüger und moralischer, sie würde in das Urnichts zurückgeschmettert, aus dem sie hervorgegangen sein soll, – was aber erst noch zu beweisen wäre?

Welche kindliche Selbstverliebtheit und Überhebung liegt doch dieser Denkweise zu Grunde! Sie geht von der Annahme aus, daß das menschliche Bewußtsein die höchste Leistung der Natur sei, daß es alles Seiende zu umfassen vermöge, daß also außerhalb desselben nichts vorhanden sein könne und daß seine Gesetze auch die des Weltalls sein müssen. Nur von diesem Standpunkt aus ist die Kritik der Welterscheinung verständlich.

Allerdings, wenn die Natur von einem Bewußtsein geleitet wird, welches ähnlich dem menschlichen beschaffen ist, so ist sie thöricht und tadelnswert, denn sie läßt nicht erkennen, was sie vorhat, sie begeht dumme Streiche, ist bald verschwenderisch, bald knickerig und wirtschaftet überhaupt so unbekümmert um die Zukunft, so leichtsinnig in den Tag hinein, daß man sie, je früher, je besser, unter die Vormundschaft eines Professors der Philosophie stellen sollte.

Ebenso verhält es sich mit der empörenden Unsittlichkeit des Weltlaufs. Hätte ein feingebildeter, edelgesinnter, mit einem guten Sittenzeugnis von seiner Heimatsbehörde versehener Gentleman aus dem neunzehnten Jahrhundert die Weltordnung festzustellen, so wäre sie sicherlich anders. Dann würde das Beispiel der vom Schicksal verfolgten Tugend uns nicht betrüben und das Laster uns nicht durch seine frechen Siege empören. So oft denn auch ein solcher Gentleman berufen ist, aus sich heraus eine Welt nach seinem Sinn aufzubauen, also einen Roman oder ein Theaterstück zu dichten, läßt er die erfreulichste Sittlichkeit walten und das liebe Publikum klatscht sich wie unsinnig die Hände wund, wenn auf der letzten Seite oder im fünften Akte die Tugend einen Orden und das Laster fünf Jahre Zuchthaus bekommt, und es denkt sich: »So soll es sein! Das Leben trifft es nur nicht so gut wie unser edler Dichter.« Freilich giebt es auch unter den Schriftstellern sonderbare Käuze, welche sich's angelegen sein lassen, die Wirklichkeit ohne Auswahl und Verbesserung nachzuschreiben, und in den Werken dieser Menschen ohne Einbildungskraft geht es thatsächlich ganz so bedenklich zu wie im Leben selbst; der Hans kriegt die Grete nicht, trotzdem er sie ehrlich und treu liebt, vielmehr giebt sie einem Halunken den Vorzug, der sie elend macht, das Talent geht zu Grunde, weil es keine für seine Entwickelung günstigen Verhältnisse findet, und der Herr Präsident bleibt Präsident, und wenn der ganzen Stadt noch soviel erzählt wird, wie er es geworden ist. Die Moral macht da so schlechte Geschäfte, daß sie zum Schlusse bankerott wird, und das Publikum wendet sich mit Entrüstung von so trostlos unsittlichen Erzeugnissen ab.

Es ist also wohlverstanden: die Natur hat weder Logik noch Moral und sie sollte sich entweder bessern oder machen, daß sie verschwindet.

Aber armseliger Tropf, der du diese Kritik übst, wer sagt dir, daß deine Logik etwas anderes ist als das Gesetz, welches das Neben- und Nacheinander der organischen Vorgänge bloß in unserem eigenen Denkapparate regelt? Woher nimmst du das Recht, sie auf die Folge von Zuständen im Weltganzen anzuwenden? Ist es nicht möglich, ja im höchsten Grade wahrscheinlich, daß unsere menschliche Logik die kosmischen Erscheinungen so wenig regelt, wie etwa der kleine Hohlschlüssel unserer Taschenuhr älteren Systems das Brahmaschloß eines feuersichern Geldschranks öffnet? Die Kräfte, die in unserem Organismus und im Weltganzen walten, können darum doch dieselben sein, wie ja auch die mechanischen Grundsätze, nach welchen das Brahmaschloß und die Taschenuhr gebaut werden, dieselben sind. Es handelt sich da nur um den Unterschied zwischen einem Kleinen und einem unendlich Großen, zwischen einem vergleichsweise Einfachen und einem im höchsten Grade Zusammengesetzten. Nichts beweist uns, daß es in der Natur kein Allbewußtsein giebt, dessen Umfang unser enges Bewußtsein nicht zu fassen vermag. Man mag dabei an Spinozas Pantheismus oder an Schopenhauers Willen denken; auf den Namen kommt es nicht an. Sicher ist eins: wir sehen, daß der Stoff, wenn er in Form eines Menschenhirns gruppiert ist, und die Kraft, wenn sie als Nerventhätigkeit wirkt, ein Bewußtsein geben. Dieselben Elemente, welche den Leib und das Hirn des Menschen bilden und unter denen außer Sauer-, Wasser-, Stick- und Kohlenstoff Eisen, Phosphor, Schwefel, Calcium, Natrium, Kalium und Chlor die wichtigsten sind, finden sich in ungeheuren Massen auch außerhalb des menschlichen Organismus; die Kräfte, welche die Lebensvorgänge bewirken, also die chemischen und mechanischen Einflüsse, die Elektrizität und andere Formen der Kraft, die uns unbekannt sind, erscheinen auch außerhalb des menschlichen Organismus thätig. Wer darf nun kecken Mutes versichern, daß diese Elements und diese Kräfte nur in der Form von Nervengewebe, nur in der Form eines Menschenhirns ein Bewußtsein hervorbringen können? Ist es nicht denkbar, ja wahrscheinlich, daß die Form des Nervengewebes das Zufällige und nur die es bildenden Elemente, die darin wirkenden Kräfte das Wesentliche sind und daß diese auch dann einem Bewußtsein als Unterlage dienen können, wenn sie auf einander in einer Weise wirken, welche völlig verschieden ist von der, die in den unserer Beobachtung zugänglichen Organismen herrscht?

Aber ich gehe noch weiter und sage: wir bedürfen nicht einmal der Annahme eines Weltbewußtseins, um einzusehen, daß wir kein Recht haben, die Vorgänge im Kosmos mit der kurzen Elle menschlicher Logik zu messen. Um den Weltlauf unvernünftig zu nennen, müssen wir zuerst annehmen, daß er irgend etwas bezwecke, daß er auf irgend ein Ziel lossteure; denn von einem Wanderer, von dem wir nicht wissen, ob er überhaupt irgendwohin gelangen wolle, ob er nicht einfach gehe, um Bewegung zu haben, können wir doch nicht sagen, daß er unrichtige Straßen wähle, Umwege mache, nicht rasch genug ausschreite! Diese Voraussetzung eines Zwecks ist aber völlig willkürlich. Es ist doch denkbar, daß Finalität, ganz so wie Kausalität, ausschließlich eine an organische Vorgänge geknüpfte Erscheinung ist und außerhalb des Organismus einfach nicht existiert. Die Erfahrung hat uns gelehrt, daß in unserem Hirn kein Denk- und kein Willensakt entsteht, ohne daß er von einer ihm vorangehenden Veränderung im Nervensystem, einem Sinneseindrucke, veranlaßt ist; wir haben uns deshalb daran gewöhnt, bei jeder unserer Handlungen, bei jedem Vorgang in unserem Organismus, eine Ursache vorauszusetzen, selbst wenn sie uns nicht besonders zum Bewußtsein gelangt ist, und wir verallgemeinern diese Gewohnheit und tragen sie selbst in unsere Beurteilung der Erscheinungen, die außer uns vorkommen. Allein weil unsere Organe einer äußern Erregung bedürfen, um in Thätigkeit versetzt zu werden, weil sie ohne Reiz nicht arbeiten, weil ihnen jede Veränderung in der That eine Ursache hat, weil sie also wirklich unter dem Gesetze der Kausalität stehen, so folgt daraus doch noch nicht, daß dieses Gesetz für den Stoff auch dann Geltung hat, wenn er sich unter Bedingungen befindet, die von seiner Anordnung in unserem Organismus völlig verschieden sind! Nehmen wir an, eine Kaffeemühle wäre ein Wesen mit Bewußtsein; müßte sie nicht glauben, eine Frauenhand sei die unerläßliche Voraussetzung jeder Bewegung und eine solche nicht denkbar, wenn sie nicht durch eine die Kurbel drehende weibliche Hand bewerkstelligt wird? Sähe diese arme Kaffeemühle nun eine elektrodynamische Maschine, die in Bewegung gesetzt wird, ohne daß ihr eine menschliche Hand nahekommt, so würde ihr diese Erscheinung offenbar unglaublich und undenkbar vorkommen und sie würde vergebens nach der Kausalität suchen, die für sie die ausschließliche Form einer Frauenhand angenommen hat. Die Kaffeemühle kann von ihrem Standpunkte sicherlich nicht anders als annehmen, daß ohne eine Frauenhand keine Bewegung denkbar ist; ihre Erfahrung muß sie zu dieser Überzeugung bringen und für die ganze Ordnung der Kaffeemühlen hat sie auch vollkommen Recht; wir aber wissen dennoch, daß sie irrt, daß ihr Gesetz keine Verallgemeinerung zuläßt, daß es auch Bewegungen giebt, die nicht von einer Frauenhand hervorgebracht werden, wenn auch galante Flachköpfe nahe genug sein mögen, in diesem Punkte die Überzeugungen der Kaffeemühle zu teilen. Ich übersehe keineswegs, daß die Bewegung der elektrodynamischen Maschine freilich auch eine Ursache hat, ganz so wie die der Kaffeemühle, mein Beispiel soll eben nur zeigen, wie wenig die aus einer bestimmten Ordnung von Thatsachen gezogenen Erfahrungen geeignet sind, zu Gesetzen verallgemeinert zu werden, welche einer Anwendung auf verschiedenartige Thatsachen fähig wären. Wie meiner Kaffeemühle mit der Kausalität, so würde es einer Lokomotive, die Bewußtsein hätte, mit der Finalität ergehen. Sie wüßte, daß ihr Dampf den Zweck hat, durch den Kolben Räder zu drehen. Wäre sie von einer epigrammatischen Geistesrichtung oder Freundin knapper Formeln, so würde sie, wahrscheinlich mit einiger Selbstgefälligkeit, sagen: »Kein Dampf ohne Räderdrehung!« Wie sehr müßte diese Lokomotive nun staunen, wenn sie etwa einmal vor dem Geysir stände und da eine gewaltige Dampfentwickelung beobachtete, die nicht das geringste Rad dreht! Das würde ihr absurd scheinen, alle ihre Vorstellungen von Zweck und Wirkung des Dampfes wären auf den Kopf gestellt und es sollte mich nicht wundern, wenn sie über dieser unheimlichen, in kein ihr bekanntes Gesetz einzuordnenden Erscheinung den Verstand verlöre. Es wäre doch möglich, daß die Veränderungen des Stoffs, die außerhalb des Organismus vorkommen, im Stoffe selbst ihre Ursache haben und sich Selbstzweck sind, daß wir also vergebens für sie eine äußere Ursache und einen fremden Zweck suchen, der eine Beziehung zu einer andern Stoffgruppe voraussetzt. In diesem Falle könnten wir die Natur nicht länger thöricht nennen, unsere Kritik ihres Zwecks oder ihrer Zwecklosigkeit würde gegenstandslos und wir würden, um sie zu verstehen und zu beurteilen, um eine Ursache und einen Zweck ihrer Erscheinungen zu begreifen, im Mittelpunkte stehen müssen, aus dem heraus sich diese Erscheinungen abwickeln.

Noch kaffeemühlenhafter als die Anklage der Zwecklosigkeit ist die der Unsittlichkeit der Weltvorgänge. Vom Standpunkt unserer Moral aus scheint sie allerdings begründet; aber wer giebt uns denn auch das Recht, uns auf diesen Standpunkt zu stellen, wenn wir Natur und Leben ansehen wollen? Unsere Moral ist etwas zeitlich und örtlich Begrenztes; sie ist etwas geschichtlich Gewordenes; sie wechselt ihren Schnitt wie Kleider und Hutformen. Sie ist die Moral der weißen christlichen Menschheit des neunzehnten Jahrhunderts und keiner andern. Selbst innerhalb der engen Gemarkung, in der sie wenigstens theoretische Geltung hat, muß sie sich zu vielen Zugeständnissen verstehen und viele Widersprüche hinnehmen. Sie tadelt den Totschlag als Verbrechen, wenn ihn ein einzelner begeht, und lobt ihn als etwas Edles und Tugendhaftes, wenn ihn ein ganzes Volk in Waffen im Großen an einem andern Volke übt; sie nennt den Betrug und die Lüge ein Laster und gestattet ihn doch in der Diplomatie; ein großes, hochgebildetes Volk, das der Vereinigten Staaten von Nordamerika, das Raub und Diebstahl an Individuen hart ahndet, findet diese Sünden unbedenklich, wenn Gesamtheiten, Städte oder Bundesstaaten, sich ihrer schuldig machen, indem sie betrügerischen Bankbruch anmelden und ihre Gläubiger beschwindeln. Unsere Moral ist heute etwas anderes, als sie in einer bekannten Vergangenheit war, und es ist nicht unvernünftig anzunehmen, daß sie in der Zukunft wieder etwas anderes sein wird. Sie ist überhaupt nichts anderes als eine in die Form von Gesetzen und Sittenregeln gegossene Definition der Bedingungen, welche jeweilig als dem Bestande unserer Gattung nützlich erkannt werden. Mit der Entwickelung der Menschheit ändern sich einige der Bedingungen ihres Gedeihens und mit ihnen auch die Anschauungen über das, was moralisch und unmoralisch ist. Und diesen unsichern Maßstab unserer Moral will man an die Weltvorgänge legen? Etwas, was nicht einmal für unsere Urgroßväter galt und vielleicht unseren Enkeln nicht mehr Wahrheit scheinen wird, soll das unwandelbare Gesetz der ewigen Natur sein? Eine alberne Zierpuppe, die sich über das stets gleichmäßige Blau des Himmels beklagte und die Forderung erhöbe, daß seine Farbe mit der ihrer Tagestoilette wechsele, um mit ihr hübsch im Einklang zu sein, wäre ganz so weise und bescheiden, wie es der Weltkritiker ist, der sich über die Unsittlichkeit und Tyrannei des Weltlaufs beschwert.

Der ego- oder geozentrische Standpunkt des Aristoteles ist in der Kosmologie seit Kopernikus aufgegeben. Man glaubt und lehrt nicht mehr, daß unsere Erde der Mittelpunkt des Weltsystems und der Mensch der Endzweck der Natur sei; daß der Mond die Bestimmung habe, unsere Nächte zu erhellen und das Sternenheer, unseren lyrischen Dichtern als Gleichnis zu dienen. In der Philosophie aber hält mancher an dieser kindlichen Auffassung fest und schilt den Kosmos unvernünftig, weil sich der Kohlenvorrat der Erde mutmaßlich erschöpfen wird und Krakatoa mit so und so viel tausend lebensfrohen Menschen untergegangen ist, und unmoralisch, weil die Jungfrau von Orleans verbrannt wurde, Gustav Adolf bei Lützen fiel und manche liebende Mütter im Kindbette sterben. Wenn die Fäulnisbakterien philosophischen Denkens fähig sind, wie schwarz muß ihre Weltanschauung sein! Alle Einrichtungen der Welt, von ihrem Standpunkt aus gesehen, sind grausam und verabscheuenswert unsittlich und werden es täglich mehr. Besen und Scheuerlappen, der tödliche Sauerstoff und das grimmige heiße Wasser verschwören sich gegen ihr Dasein; was ihnen zur Nahrung dienen könnte, wird von ihnen unsichtbaren Mächten weggeschafft, zerstört, unzugänglich gemacht. In ihr behaglichstes Liebeleben bricht oft die verheerende Karbolsäure und verwandelt ihr fröhliches Gewimmel in einen Totentanz, in welchem die tugendhafte Bakterie ganz so mitwirbeln muß wie die lasterhafte. Aber was ihnen zu einem sehr berechtigten Pessimismus Anlaß geben muß, das wird von uns in dicken Büchern als Fortschritt der Hygieine beschrieben und als etwas Hocherfreuliches gefeiert!

Ich stelle mir eine Fliege vor, die mit Kunstverständnis begabt wäre und beispielsweise die kleine Biene, das Münzzeichen auf gewissen Jahrgängen französischer Zwanzigfrankenstücke, sehr hübsch fände; meine Annahme hat nichts besonders Phantastisches an sich, denn die Vorliebe dieses Tieres für Gemälde und Statuen ist allen reinlichen Haushälterinnen schmerzlich bekannt. Nun fliegt sie aber an der Münchener Bavariastatue entlang – wie sinnlos, wie unlogisch, wie unförmlich muß ihr diese Metallmasse erscheinen – ohne Anfang und Ende, bald unverständlich glatt, bald wunderlich rauh, hier ein unmotivierter Vorsprung, da eine gesetzlose Einsenkung; und wenn die ästhetische Fliege ihr Dasein im Innern der großen Bildsäule zu verbringen, hätte, so könnte sie über das, was ihr das Universum scheinen müßte, ein Buch voll bitterer Epigramme schreiben, in welchem die Zwecklosigkeit und Unvernunft ihrer Welt beredt dargethan wäre und das aus alle ihre tierischen Mitbewohner des Bavaria-Innern überzeugend wirken würde. Zur Erkenntnis der Wahrheit wäre sie aber doch nicht gelangt, wie ihr auch ein mäßig begabter Münchener Fremdenführer unschwer beweisen könnte.

Nein nein; die pessimistische Philosophie verträgt keine ernsthafte Behandlung. Soweit sie ehrlich ist, scheint sie nichts anderes zu sein als eine Form der tiefen Unzufriedenheit mit der Endlichkeit unseres Verstandes. Man möchte den Weltmechanismus begreifen und kann nicht und ist darum mürrisch und lästert ihn, wie ein naiver Wilder schmollend die Spieldose zur Erde wirft, nachdem er umsonst versucht hat, ihre Einrichtung zu verstehen. Man preist sich als den Herrn der Schöpfung und muß sich auf Schritt und Tritt überzeugen, daß es mit der Herrlichkeit doch nicht so weit her ist. Darüber wird man verstimmt, man bringt die üble Laune in ein System und nennt sie Pessimismus. Das Kind, das die Hand nach dem Mond ausstreckt und zu greinen beginnt, weil es ihn nicht erreichen kann, ist in seiner Art auch ein Pessimist, ohne es zu wissen. Nur heilt man seinen Pessimismus leicht mit etwas Gerstenzucker.

Es ist übrigens erfreulich festzustellen, daß die Systematiker des Pessimismus in der Regel Schätzer eines frohen Mahls und guten Trunks sind, daß sie sich nach gefühlvoller Werbung in den bewährten Formen schwunghaft beweiben und für alles Angenehme im Leben einen entwickelten Sinn haben. Ihre Philosophie ist eine Amtstracht für große Gelegenheiten und als solche für die achtungsvolle Zuschauermenge imposant genug; wir wissen aber, daß unter dem feierlich schwarzen Talar mit dem gekreuzten Totenbein alltagsmenschliche Unterkleider getragen werden, das unscheinbare, aber behagliche Flanellleibchen des fröhlichen Peters und des trällernden Pauls.

Neben dem überzeugten wissenschaftlichen Pessimismus, der die größte Fidelität im wirklichen Leben nicht ausschließt, giebt es allerdings auch einen praktischen, den der Volksmund Mieselsucht nennt. Dieser Pessimismus raisonniert und argumentiert nicht. Er hat keine Systeme und keine Klassifikationen. Er versucht gar nicht, zu erklären, weshalb ihm Welt und Leben mißfallen; er empfindet eben aufrichtig und triebhaft alles, was ist, als unleidlich und Zerstörungsgedanken einflößend. Einen solchen Pessimismus kann man nicht widerlegen, nur zergliedern. Er ist immer die Begleiterscheinung einer Gehirnerkrankung, die entweder bereits voll ausgebrochen oder erst im Keime vorhanden ist. Jahrelang, ehe ein solcher unglücklicher Wahnsinnskandidat ausgesprochen geistesgestört wird, leidet er an Schwermut, ist er weltscheu und menschenfeindlich. Ein unvollkommen entwickeltes oder intimen Zerstörungsvorgängen anheimfallendes Denkorgan hat die unheimliche Gabe, seine eigene Verwüstung wahrzunehmen, deren Fortschritte zu beobachten, sich als in der Auflösung begriffen zu erkennen. So blickt das Bewußtsein fortwährend auf den eigenen Zerfall und dieses schauerliche Schauspiel fesselt es so vollkommen, daß es für andere Erscheinungen nur eine schwache und zerstreute Wahrnehmungsfähigkeit übrig behält. In einem solchen Gehirn muß sich natürlich die Welt so spiegeln wie in einem staarblinden Auge: als die tragische Nacht des Chaos. Alle großen Dichter des Weltschmerzes waren zerrüttete Organismen. Lenau starb im Wahnsinn, Leopardi litt an gewissen geschlechtlichen Verirrungen, die dem Irrenarzt wohlbekannt sind, Heine wurde erst trüb und verschleiert, als seine Rückenmarkskrankheit ihre nie fehlende Wirkung auch auf das Gehirn übte, und Lord Byron hatte jene Exzentrizität des Charakters, die der Laie Genialität nennt, während der Psychiater sie als Psychose etikettiert. Dieser Pessimismus, der angesichts eines Liebespaares die Hände ringt und an einem leuchtenden Maimorgen in Schluchzen ausbricht, ohne Grund, ohne Trost, ohne Ende, ist Krankheit und kein Gesunder wird daran denken, auf ihn einzugehen.

Das sind die Formen des ehrlichen Pessimismus, die allein auf Kritik Anspruch haben. Außerdem giebt es freilich auch eine geheuchelte Schwarzseherei, die sehr beliebt ist bei Thoren, welche sich einbilden, daß sie ihnen gut stehe. Es ist ein seiner Dilettantismus, eine geistige Vornehmheit, durch die man sich von der gewöhnlichen Menge absondert. Die Blässe des Gedankens gilt bei Leuten mit verdorbenem Geschmacke für interessant wie die Blässe der Wangen. Man ist bitter, um die Ahnung zu erwecken, daß man viel und merkwürdiges erlebt habe, der Held seltsamer Abenteuer gewesen ist. Man seufzt und ächzt, um glauben zu machen, man sei ein Mitglied der kleinen hocharistokratischen Gemeinde, welche in die eleusynischen Mysterien des Schmerzes eingeweiht ist. Bei dem Pessimisten dieser Gattung braucht man nicht analytisch zu verweilen. Man klopft ihm nach französischer Sitte auf den Bauch und sagt ihm: »Loser Schäker!« Ein Weltwunder ohne Gleichen habe ich den Pessimismus genannt und wollte damit sagen, daß er einen Triumph der Einbildungskraft über die Wirklichkeit und ein Zeugnis für die Fähigkeit des Menschen darstellt, die Natur trotz ihres heftigsten Widerstandes in die ihr von seiner Laune zugeschnittenen Verkleidungen zu zwängen. Wie er das kronenhafte Geäst ehrlicher Bäume veranlaßt, in unvernünftige Tier- und Bauformen zu wachsen, wie er Wasser gegen dessen ausgesprochenste Neigung mit Hilfe von Pumpwerken den Berg hinauffließen macht, so leitet er aus Thatsachen, welche ihm die hellsten Gedanken nahelegen, eine finstere Weltanschauung ab und trägt seinen Pessimismus in die Natur hinein, die mit allen Blumenglocken und allen Vogelkehlen den Optimismus ausläutet und ausruft.

Denn das thut die Natur und um es zu hören, braucht man nicht einmal besonders aufmerksam hinzuhorchen, da der Laut durchdringt, selbst wenn man sich die Ohren mit scholastischer und rabulistischer Baumwolle zustopft. Der Urinstinkt, der allem Denken und Thun des Menschen zu Grunde liegt und sein ganzes Leben beherrscht, ist der Optimismus. Jeder Versuch, diesen zu entwurzeln, ist vergeblich, denn er ist der eigentliche Grundstein unseres Wesens und nur mit diesem zu zerstören.

Wenn man die Hauptbeschwerden des Pessimismus ganz nahe betrachtet, so findet man, daß sie aus einem Übermute protzigen Selbstbewußtseins hervorgehen und mit den Sorgen zu vergleichen sind, die einem Millionär seine Reichtümer machen. Man ist unzufrieden mit der Zwecklosigkeit des Weltganzen oder genauer mit dem Unvermögen des Menschen, einen Zweck desselben zu erkennen? Ist denn aber diese Unzufriedenheit selbst nicht ein Beweis, zu welcher hohen Entwicklung der menschliche Geist gelangt ist, und haben wir nicht Grund, uns mit dem Erreichten zu freuen? Welche Gesundheit und Kraft des Denkens setzt es voraus, sich die Frage nach einem Endzwecke der Natur vorzulegen! Welche Weite des Gesichtskreises, solche Probleme überhaupt wahrzunehmen! Und welche schönen Aussichtspunkte muß der Mensch erklommen, welche geistigen Genugthuungen und Freuden auf dem Weg erfahren haben, ehe er den hohen Standpunkt erreichte, auf dem er sich ernstlich berechtigt und fähig glaubt, das Weltganze vor sich zu laden und ihm mit der Autorität eines Generalinspektors zu sagen: »Du mußt nach einem Plan angelegt sein; in diesen Plan will ich Einsicht nehmen, um an ihm meine Kritik zu üben!« Kein Tier hat Weltschmerz und unser Ahn, der Zeitgenosse des Höhlenbärs, war gewiß von allen Sorgen um Menschheitbestimmung frei; wenn dieser prognathe Realist ordentlich vollgegessen war, so fand er ohne allen Zweifel, daß sein Leben einen ausreichenden Inhalt habe, und blieb ihm dann überhaupt noch ein Wunsch, so kann man annehmen, daß es der war, ungestört zu schlafen. Wir aber sind mit dem zunehmenden Gesichtswinkel vornehmer geworden und haben ganz andere Ideale als ein fettes Auerochs-Steak. Allein, wie das ja natürlich ist, unsere Gier nach geistigem Erwerb wird um so heißer, je größere Kapitalien wir angehäuft haben, und da wir es so herrlich weit gebracht, so lassen wir es uns überhaupt nicht mehr gefallen, daß unserem Lauf und Flug eine Grenze gezogen sei.

Ähnlich verhält es sich mit einer andern Klage des Pessimismus, der über das Vorhandensein des Schmerzes in der Welt. Welche Kurzsichtigkeit, ich möchte fast sagen: welche Undankbarkeit! Aber brave Pessimisten, wenn der Schmerz nicht bestände, so müßte man ihn ja erfinden! Er ist eine der wohlthätigsten und nützlichsten Einrichtungen in der Natur! Vor allem setzt der Schmerz ein gesundes und hochentwickeltes Nervensystem voraus, ein solches ist aber auch die Vorbedingung all der angenehmen Empfindungen, die man doch aus dem Leben nicht hinausleugnen kann. Die niedrigen Lebewesen sind starker Schmerzempfindungen unfähig, aber wir dürfen annehmen, daß auch ihre Lustempfindungen unvergleichlich stumpfer und matter sind als die unsrigen. Es wäre doch gar zu wunderbar, wenn wir zwar genug feine Sinne haben sollten, um uns am Duft einer Rose, an einer Symphonie Beethovens oder einem Bilde Lionardos zu berauschen, jedoch für den Geruch der Verwesung, das Knirschen der Feile in den Sägezähnen und den Anblick eines Krebsgeschwürs unempfindlich wären! Man frage einmal eine hysterische Kranke, die mit Unempfindlichkeit einer oder beider Körperhälften behaftet ist, ob sie sich ihres völlig schmerzlosen Zustandes freut! Ihr kann die Außenwelt nicht wehthun; aber sie kann ihr auch keine angenehmen Eindrücke senden und nach kurzer Erfahrung fordert sie ungestüm, daß man sie wieder fähig mache, Schmerzen zu empfinden. Dutzende Male war ich Zeuge, wie eine solche Kranke es mit einem Freudenschrei begrüßte, wenn ihr ein Nadelstich zum ersten Male wieder wehthat! Der Schmerz hat die Rolle, welche der Köhlerglaube dem Schutzengel zuteilt; er ist unser Warner, der uns die Gefahren zeigt und uns auffordert, sie zu bekämpfen oder ihnen zu entfliehen. Er ist also unser bester Freund, der Erhalter unseres Lebens und die Quelle unserer stärksten Lustempfindungen. Denn der Schmerz regt uns zur Anstrengung an, seiner Ursache entgegenzuwirken, diese Anstrengung ist mit der höchsten Spannung unserer Fähigkeiten verbunden und gewährt die unvergleichliche Befriedigung, welche mit der Bethätigung unserer Individualität verbunden ist. Ohne Schmerz würde unser Leben kaum einen Augenblick lang dauern können, denn wir wüßten die Schädlichkeiten nicht zu erkennen und uns nicht vor ihnen zu hüten. Ein Weltverbesserer großen Stils wendet vielleicht ein, es sei denkbar, daß die Schmerzempfindung durch die Einsicht ersetzt sei; wir müßten nicht notwendig durch ein Leiden gemahnt werden, uns gegen drohende Einwirkungen zur Wehr zu setzen, eine schmerzlose triebhafte Erkenntnis dessen, was uns schädlich ist, thäte denselben Dienst. Darauf ist zu antworten: entweder würde die Erkenntnis uns nicht mächtig genug zu einer Anstrengung spornen und rütteln, dann würden wir ihrer Aufforderung auch nicht immer und nicht in genügendem Maße nachkommen und von den Feinden unseres Daseins leicht besiegt werden, oder ihre Mahnung wäre so stark und eindringlich, daß wir ihr unbedingt mit einer äußersten Anspannung unserer Kräfte antworten müßten, und dann würden wir sie einfach ebenfalls als Schmerz empfinden, ganz so wie jetzt die mahnenden Vorgänge in unseren Empfindungsnerven. Was der Schmerz im Körperlichen, das ist die Unzufriedenheit im Geistigen. Wenn sie stark genug auftritt, um als Leiden empfunden zu werden, so wird sie zur Anregung, die Verhältnisse, welche sie veranlassen, mit Anspannung aller Kräfte zu andern und zu bessern. Einem Glücklichen wird es nie einfallen, seine Umgebung mit zerstörungslustigen Blicken zu betrachten; ohne Zwang führt auch Herkules, den es doch nichts Besonderes kostet, seine zwölf Arbeiten nicht aus, und um sein Lager umzubetten, muß man unbequem liegen. Die Unzufriedenheit ist also die Ursache allen Fortschrittes und wer ihr Vorhandensein in unserem Geistesleben als ein Ungemach beklagt, der sollte gleich den Mut haben, die Verurteilung der Menschheit zu einer unwandelbaren, lebenslangen Chineserei als sein Ideal anzuerkennen.

Übrigens ist die Unzufriedenheit mit den thatsächlichen Verhältnissen, in denen ein Einzelmensch oder ein ganzes Volk zu leben gezwungen ist, gar nicht einmal als Beweisgrund für den Pessimismus zu verwenden, sie ist im Gegenteil ein Beweis mehr, daß ein unzerstörbarer Optimismus die Grundlage unseres Denkens bildet. Jede Kritik ist nämlich das Ergebnis eines im Geist angestellten Vergleichs zwischen den wirklichen und idealen Zuständen, welche man sich in der Vorstellungswelt aufgebaut hat und die man als vollkommen erkennt; der Thatsache aber, daß man eine solche Kritik mehr oder minder klar formuliert, liegt der unausgesprochene Gedanke zu Grunde, daß die als tadelnswert oder unleidlich empfundenen Verhältnisse einer Änderung zum Guten fähig sind, und dieser Gedanke wird doch wohl ein optimistischer genannt werden müssen! Ja noch mehr: indem man über etwas Bestehendes murrt, indem man deutlich denkt oder undeutlich ahnt, daß es oder wie es besser werden könnte, hat man die Besserung potentiell schon durchgeführt, die Umwandelung ist in der Vorstellungswelt des unzufriedenen Individuums bereits vollzogen und sie hat, wenigstens für dieses Letztere, den Grad von Thatsächlichkeit, der überhaupt allen Vorgängen in unserem Bewußtsein eigen ist, der durch die Sinnesnerven vermittelten Erkenntnis der Außenwelt nicht mehr als der auf einer kombinierenden Thätigkeit der Hirnzellen beruhenden Konstruktion einer besseren Idealwelt. So ist jeder Unzufriedene ein Reformator im Geist, ein Schöpfer einer neuen Welt, die in seinem Kopfe vorhanden ist und alle Bedingungen des menschlichen Glücks in sich schließt, und wenn er in der Analyse der eigenen Empfindungen geübt ist, so wird er unschwer erkennen, daß ihn seine Unzufriedenheit mit den Dingen zu einer großen Zufriedenheit mit sich selbst führt und daß die Freude, welche die ideale Welt seiner eigenen Schöpfung ihm verursacht, den Unmut, welchen die reale Welt ihm bereitet, mindestens aufwiegt. Und hier gebe ich meinem Argument unbedenklich eine persönliche Wendung und frage den ehrlichen pessimistischen Philosophen, ob er nicht sehr mit sich zufrieden, wenn es ihm gelungen ist, die Schlechtheit und Unvernunft von Welt und Leben recht überzeugend darzustellen? Er springt vielleicht vom Schreibtisch auf und läuft vor Entzücken seine Frau umarmen, wenn eine Seite seiner Abhandlung besonders glänzend schwarz geraten ist, und hat er sein Buch vollendet, so liest er wohl in der Stammkneipe den Freunden daraus ein Kapitel vor und hat dabei innere Genugthuungen, die allein ihm das Leben schon lebenswert machen würden.

So ist die Bitterkeit über das Nichtverstehen des Weltmechanismus und Weltzwecks ein Beweis hoher Entwickelung unseres Denkens, die uns stete Befriedigungen und Genüsse verschafft, der leibliche Schmerz ein Zeuge der Gesundheit und Leistungsfähigkeit unseres Nervensystems, der wir alle angenehmen Empfindungen unseres Daseins verdanken, und die Unzufriedenheit der Anlaß schöpferischer Thätigkeit unserer Phantasie, die uns zu einer Quelle tiefen Vergnügens wird. Wo da der Pessimismus bleiben soll, das kann ich nicht erkennen.

Hoffentlich wird niemand meine Ausführungen so arg mißverstehen, daß er mich für einen Jünger des weisen Pangloß hält. Ich bin durchaus kein Bekenner der thomistischen Lehre dieses zufriedenen Philosophen und behaupte keineswegs, daß diese Welt die beste aller Welten sei. Was ich sage, das ist etwas ganz anderes. Ich sage: diese Welt mag nun die beste oder die schlechteste aller Welten oder eine mittelmäßige sein, die Menschheit sieht sie immer und ewig als eine erträgliche an; der Mensch hat die wunderbare Gabe, die natürlichen Verhältnisse, die er absolut nicht ändern kann, nicht etwa bloß mit mürrischer Duldung hinzunehmen, sondern sich mit ihnen zu befreunden, sie selbstverständlich und angenehm zu finden und sich in ihnen so zu gefallen, daß er gar keinen Wunsch hat, sie mit anderen zu vertauschen, selbst wenn er sich viel bessere denken kann. Das ist doch nur möglich, weil das Grundgewebe seines Wesens, auf welches die Erfahrung allerlei schwermütige Bilder stickt, aus eitel Optimismus besteht.

Sollte es der Beispiele bedürfen, um diese Behauptungen zu erläutern? Sie sind zur Hand. Selbst der Berufspessimist giebt die Schönheit der Natur zu und freut sich eines Sommertages, wenn die Sonne vom wolkenlosen Blau des Himmels niederleuchtet, oder einer lauen Juninacht mit dem Vollmond inmitten zehntausend glitzernder Sterne. Nun denn: ein Bewohner der Venus, der sich plötzlich auf unsere Erde verpflanzt sähe, würde sich wahrscheinlich wie in einer trostlosen Wüste voll Kälte und Finsternis vorkommen. An die blendende Helle und Backofenhitze seines Geburtsplaneten gewöhnt, fröre er in unserem Tropenmittag und fände unsere heitersten Farben erloschen und aschgrau, unser schönstes Licht bleich und trübselig. Und einem Bewohner des Saturn, wie langweilig, wie tot müßte ihm der Anblick unseres Himmels mit seinem einzigen Mond erscheinen, ihm, der an das unfaßbar reiche Wechselspiel von acht Monden und zwei, vielleicht noch mehr Ringen gewöhnt ist, die mit ihrem Auf- und Untergang, ihren ewig verschiedenen Stellungen zu einander, ihrer verwickelten Bewegung in seinen Gesichtskreis einen Reichtum der Abwechselung bringen, von dem wir uns gar keine anschauliche Vorstellung machen können! Wir aber haben gar keine Sehnsucht nach der Sonnenpracht der Venus und der verwirrenden Mondquadrille des Saturn und bescheiden uns mit unseren armseligen astronomischen Verhältnissen so dankbar, als hätten wir wirklich zu den Füßen Pangloß' gesessen. Doch wozu die Bewohner der Nachbarplaneten heranziehen? Es bedarf gar keiner Ausflüge in den Weltraum, um den menschlichen Optimismus zu beweisen. Wir müssen nur nach den Polargegenden blicken. Dort wohnen Menschen, deren Frohsinn allen Forschungsreisenden aufgefallen ist. Sie können sich nichts Herrlicheres denken als ihre eisstarrenden Wohnsitze und ihre ewige Nacht und wenn sie Poeten hätten, so würden diese die grauenhaften Schneewüsten Grönlands gewiß mit ebensolcher Überzeugung besingen und feiern wie unsere Dichter eine Rheinlandschaft mit Rebenhügeln, wogenden Ährenfeldern und dunkelnden Wäldern im Hintergrunde. Das eröffnet, nebenbei bemerkt, tröstliche Ausblicke in die künftige Eiszeit, der die Erde entgegenaltert, sofern nämlich die Auskühlungstheorie richtig ist. Wenn wir uns diese Zukunft vorstellen, so denken wir uns gewöhnlich die letzten Menschen in Robbenfelle gehüllt um ein armseliges Feuer aus den letzten Kohlen gekauert, die mageren Hände zitternd über die spärliche Glut haltend und traurig, traurig wie ein brustkranker Orang-Utang im Berliner Tiergarten. Dieses Bild ist sicherlich falsch. Von den Eskimos auf unsere eiszeitlichen Nachkommen schließend, bin ich überzeugt, daß diese die kreuzlustigsten Kumpane der Welt sein werden. Sie werden Fastnachtsvereine bilden, täglich Eisfeste halten, sich die Kälte durch unermüdlichen Tanz aus den Gliedern treiben, ihren Thran in Begleitung jauchzender Trinklieder genießen und ihren Zustand für einen vortrefflichen halten. Wenn endlich der letzte Mensch erfrieren wird, so wird er wahrscheinlich ein breites Lachen auf den Lippen und die letzte Nummer des Kladderadatsch der Epoche in den erstarrten Händen haben.

Der Dichter sagt zwar, das Leben sei der Güter höchstes nicht, wir denken und empfinden aber, als ob es dies wäre. Der Gedanke des Aufhörens unseres Bewußtseins, der Vernichtung unseres Ichs ist entsetzlich, der Tod, wenn schon nicht der eigene, so doch der der Eltern, der Kinder, derjenigen, die wir lieben, verursacht uns die bittersten Schmerzen, die wir zu empfinden fähig sind, und wir können uns und unseren Freunden kein köstlicheres Gut wünschen als langes Leben. Was ist aber langes Leben? Hundert, hundertzwanzig Jahre, das sind äußerste Zahlen; mehr wird wohl niemand wünschen. Ein Hundertjähriger fühlt, daß er beneidenswert ist, man beklagt dagegen das Geschick des Jünglings, der zu zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren sterben mußte. Nun denn, alle diese uns so geläufigen Anschauungen, gegen die wir uns nicht auflehnen und die wir nicht kritisieren, sind der Ausfluß unseres unverwüstlichen Optimismus. Wir begnügen uns mit 100 Jahren und weniger, weil wir kaum jemals ein Beispiel sehen, daß diese Frist überschritten wird. Wäre die Lebensdauer des Menschen 2 oder 300 Jahre, wie es die des Raben, Karpfen und Elefanten sein soll, er würde 2 oder 300 Jahre alt werden wollen und jammern, wenn ihm angekündigt würde, er habe schon zu 150 Jahren zu sterben, obwohl er sich doch jetzt mehr als 100 Jahre gar nicht wünscht. Umgekehrt wenn der Mensch bloß für eine 30- oder 35 jährige Lebensdauer organisiert wäre wie etwa das Pferd, kein Mensch würde wünschen, älter als dreißig oder fünfunddreißig Jahre zu werden, und man würde ein Individuum, das in diesem letztern Alter stürbe, ebenso glücklich preisen, wie man es heute bedauert. Mehr als das: wenn nur ein Beispiel, ein einziges, bekannt wäre, daß ein Mensch dem unerbittlichen Gesetze des Todes entgangen sei, so würde niemand sterben wollen, jeder würde hoffen, wünschen, träumen, daß das blos einmal beobachtete Ereignis sich bei ihm wiederholen werde, die große Mehrzahl der Menschen würde an den Tod so denken wie etwa gegenwärtig an eine chinesische Hinrichtung durch Zersägung zwischen zwei Brettern, ein gräßliches Ausnahmegeschick, das manchmal Einzelne heimsucht, dem man aber mit aller Macht zu entgehen strebt. Da man jedoch nie gehört hat, daß ein Mensch dem Tod entgangen sei, so macht sich jeder ohne besondere Schwierigkeit, und selbst ohne besondern Schmerz, mit dem Gedanken des Hinscheidens vertraut und hofft nur, daß dasselbe recht spät erfolgen werde. Könnte der Mensch nicht einige hundert, einige tausend Jahre alt werden? Wir kennen keinen vernünftigen Grund, weshalb das nicht sollte sein können. Wir wünschen es aber nicht, weil es eben nicht ist. Muß der Tod überhaupt das individuelle Dasein zu einem Ende bringen? Die Notwendigkeit ist nicht einzusehen, wenn auch Weismann und Götte zu beweisen gesucht haben, daß er eine im Interesse der Gattung gelegene zweckmäßige Einrichtung sei. Dennoch findet man sich mit der schrecklichen Thatsache des Todes ab, wieder bloß, weil wir sie als unvermeidlich kennen. Wir sind eben so glücklich organisiert, daß wir das wirklich, das absolut Unvermeidliche leichtblütig hinnehmen und uns weiter keine trüben Gedanken darüber machen. Das erklärt unter anderem auch die Möglichkeit des Galgenhumors, der lustigen Stimmung armer Sünder, die zur Richtstätte geführt werden. Ihr Vorkommen ist nicht zu bezweifeln, sie ist von zuverlässigen Zeugen beobachtet worden. Der Todeskandidat findet sich selbst mit dem Strick ab, wenn er erst von der Überzeugung durchdrungen ist, daß er unabwendbar sei.

Bleibt dagegen auch nur die leiseste, die entfernteste Möglichkeit offen, daß ein Zustand änderungsfähig, ein Übel abwendbar sei oder ein günstiges Ereignis eintreten könne, wie bricht da der ursprüngliche Optimismus des Menschen wieder siegreich und unaufhaltsam hervor! Eine Möglichkeit, die so klein ist, daß kein seiner Sinne mächtiger Mensch auf sie eine Wette eingehen würde, die so klein sein kann, daß sie sogar fast schon der Wahrscheinlichkeitsrechnung unzugänglich wird, genügt ihm dann noch als Baugrund für die stattlichsten Luftschlösser und versetzt ihn in einen Zustand der Erwartung, welcher der Glückseligkeit nahekommt. Hier ist ein äußerstes Beispiel dieses optimistischen Hanges des Menschen. In Frankreich wurde eine Lotterie veranstaltet, deren Haupttreffer 500 000 Fr. betrug. Es wurden 14 Millionen Lose ausgegeben, von denen nur eins das glückliche sein konnte. Jeder Käufer eines Loses erwarb also ein Vierzehnmillionstel Wahrscheinlichkeit, daß das große Los ihm zufallen werde. Um den Wert dieses Bruches zu veranschaulichen, will ich eine Analogie anführen. Es giebt in Europa ungefähr 100 000 Millionäre und wahrscheinlich über 500 000 Personen, die eine halbe Million besitzen. Vernachlässigen wir die halbe Million und nehmen bloß die 100 000 Millionäre zur Grundlage unserer Berechnung. Wir dürfen annehmen, daß von zehn Millionären einer kinderlos, ohne nähere Verwandte oder mit seiner Familie verfeindet und in der Stimmung ist, einen Menschen, dessen Bekanntschaft er zufällig macht und der ihm gefällt, zum Universalerben einzusetzen, Europa zählt zur Zeit etwa 320 Millionen Einwohner. Es kommt also auf 32 000 Europäer ein Millionär, der nur auf einen Zufall wartet, um einem von den 32 000 seine Million oder Millionen zu hinterlassen. In Wirklichkeit stellt sich für einen Deutschen oder Engländer das Verhältnis noch viel günstiger, weil in Deutschland oder England die Millionäre zahlreicher sind als z. B. in Rußland oder Italien. Die Wahrscheinlichkeit, daß jeder von uns, ohne ein Los zu kaufen, einen Millionär beerben wird, beträgt demnach mindestens ein Zweiunddreißigtausendstel, ist also 437 mal größer als die, daß ein Besitzer eines Loses der » Loterie des Arts« den Haupttreffer von 500 000 Fr. gewinnen würde, und wenn wir unsern Ehrgeiz auf die halbe Million beschränken wollen, so ist die Wahrscheinlichkeit, daß sie uns einmal als Erbteil von einem ganz unbekannten, nicht einmal im Verhältnis des Onkels aus Amerika mit uns verwandten Gönner beschert wird, sogar 2500 mal größer als die Gewinnchance eines solchen Loskäufers. Dennoch würde wohl keiner von uns auf diese Million oder halbe Million hoffen oder gar rechnen wollen. Nun denn: es haben sich zwölf Millionen Menschen in einem einzigen Lande gefunden, die für die vierzehnmillionstel Gewinnchance einen Franken bezahlten und ernste Hoffnungen auf sie bauten, obwohl sie dazu 437- oder 2500mal weniger berechtigt waren als jeder von uns, die wir für unsere Erbschaftschance mindestens nichts bezahlen. Ich glaube, statt den Berufspessimisten mit Gründen zu widersprechen, sollte man ihnen als zermalmendes Schlußargument ein Los der Loterie des Arts ins Haus senden.

Drehen wir das Verhältnis um. Jeder von uns thut Dinge, die ihn mit einer Wahrscheinlichkeit, welche 1/14 000 000 wesentlich übersteigt, der Todesgefahr aussetzen. Auf den europäischen Eisenbahnen wird z.B. von weniger als vierzehn Millionen Reisenden jährlich einer getötet. Ist darum jemand pessimistisch genug, die Benutzung der Eisenbahn zu unterlassen? Eine Möglichkeit von einem Vierzehnmillionstel ist offenbar ungenügend, uns ängstlich zu machen; sie ist aber genügend, um in uns Hoffnungen zu erwecken. Für eine so schwache Einwirkung unangenehmer Vorstellungen ist unser Geist unempfindlich; einer nicht stärkeren Einwirkung angenehmer Vorstellungen ist er zugänglich. Warum? Weil er seiner Natur nach optimistisch und nicht pessimistisch gestimmt ist.

Das beobachten wir wie im größten so im kleinsten. Wer von uns würde jemals einen Beruf wählen, wenn wir nicht hartnäckige Optimisten wären? In jeder Laufbahn sind diejenigen, die es zu einer ersten Stellung bringen, die seltenen Ausnahmen. Von 50 Avantageuren wird einer General; von 100 Ärzten einer Universitätsprofessor; der Rest bleibt in ruhmloser Dunkelheit, oft in Armut, und hat bis an sein Lebensende mit allen Bitternissen seines Berufs zu kämpfen, ohne eine einzige seiner erfreulichen und belohnenden Seiten kennen zu lernen. Wir sehen aber, wenn wir zur Berufswahl schreiten, nur den einen von 50 oder 100 und nicht die 49 oder 99 und haben die feste Zuversicht, daß wir dieser eine sein werden, obwohl dies doch für jeden nüchternen Rechner im höchsten Grad unwahrscheinlich ist. Mit jedem Unternehmen, das wir beginnen, verhält es sich genau so. Das Fehlschlagen ist in der Regel ganz so möglich wie das Gelingen, vielleicht möglicher. Wir zögern dennoch nicht, uns in das Unternehmen einzulassen, und wir thun dies natürlich nur, weil mir an den Erfolg glauben. Das, was den Ausschlag giebt, das, was die Ziffern der Wahrscheinlichkeitsrechnung aufwiegt, das, was die Vorhänge an den Fenstern zuzieht, welche auf das wahrscheinliche schlimme Ergebnis Aussicht haben, und das Bild des weit weniger wahrscheinlichen guten Erfolges an die Wand hängt, das ist der Optimismus.

Wohlgemerkt: dies gilt nur für uns selbst und unsere eigenen Angelegenheiten. Wenn wir dagegen einem andern zur Wahl eines Berufs raten, die Aussichten des Unternehmens eines andern beurteilen sollen, dann nehmen wir die Hindernisse und die Wahrscheinlichkeiten des Mißlingens genau wahr und neigen fast immer zu pessimistischen Voraussagungen hin. Warum? Weil dann das rein subjektive Element des Optimismus unsere kaltblütige Rechnung nicht fälscht und unsere Schätzung nicht beeinflußt. Die Schwierigkeiten sehen wir wohl, aber nicht zugleich die Kraft, welche den Vorsatz und darum auch die Hoffnung hat, jene zu überwinden. Diese Kraft fühlt nur ihr Besitzer, der sich zu irgend einer Handlung anschickt, und darum beurteilt er deren Ausgang ganz anders als der Zuschauer, der die Dinge vom Profil sieht und nicht wahrnimmt, eine wie breite Angriffsfront das Selbstgefühl und das Bewußtsein der eigenen Lebensfülle vor sich haben. Recht lustig ist, daß selbst die schlimmsten Skeptiker diesen subjektiven Optimismus besitzen und bei allen Gelegenheiten, oft unbewußt, bekunden. Leute, die sich für unbelehrbare Schwarzseher halten, empfinden Ehrfurcht vor dem Alter und Rührung vor der Kindheit. Der Greis erweckt in ihnen die Vorstellung der Weisheit und Erfahrung, der Säugling die der vielversprechenden Entwicklung. Und doch ist das Kind vorläufig nichts anderes als ein unbewußtes Tierchen, das sich besudelt, schreit und seine Umgebung quält, und der Greis ist der unvoreingenommenen Betrachtung leiblich ein unangenehmes Bild des Zerfalls, gemütlich eine blinde, unerbittliche Selbstsucht, die gar nicht die Fähigkeit hat, sich noch mit etwas anderem als sich selbst zu beschäftigen, und geistig ein geschwächtes, beschränktes Denken, dessen Hauptinhalt alte Irrtümer und Vorurteile sind und das neuen Vorstellungen verschlossen ist. Warum betrachtet man dennoch das Alter mit Ehrfurcht und Pietät, die Kindheit mit Zärtlichkeit? Weil wir glücklich sind, uns Illusionen machen zu können, und weil ein Lebensende wie ein Lebensanfang, ein letztes wie ein erstes Kapitel, uns Gelegenheit bietet, den fehlenden Roman aus eigenen Mitteln so schön, so erbauungsvoll wie möglich hinzuzudichten. Dem Greise geben wir die Vergangenheit, dem Kinde die Zukunft eines Idealmenschen, obwohl doch hundert gegen eins zu wetten ist, daß der ehrwürdige Greis als Jüngling und Mann ein banaler Einfaltspinsel, in Vorzügen und Fehlern ein keinen Blick verdienender Dutzendmensch gewesen ist und daß das rührende Kind ein unerquicklicher Geck von Charakter, ein knickeriger Gewürzkrämer von Beruf werden, lügen, kriechen, seinen Nebenmenschen verlästern wird wie neun Zehntel der Leute, die um uns wimmeln und die uns weder Ehrfurcht noch Rührung einstoßen. Wir räumen widerwärtige Thatsachen eben nur ein, wenn mir mit der Nase auf sie stoßen, und selbst dann nicht immer; wo wir aber, wie beim Greise oder Kinde, die Wahl haben, in Ermangelung sicherer Kenntnis von Vergangenheit und Zukunft uns die eine und die andere schön oder häßlich vorzustellen, da schwanken wir keinen Augenblick und improvisieren uns aus dem Greise und dem Kinde Lichtgestalten von Halbgöttern, die in Wirklichkeit nichts anderes sind als überlebensgroße Illustrationen zu unserem tiefinnern Optimismus.

Sage und Märchen, welche die Weltanschauung der schlichten Masse plastisch einkleiden, bezeugen hundertfach den unwiderstehlichen, elementaren Optimismus des Volks. Ich habe oben gezeigt, wie leichtblütig sich jeder einzelne mit der grauenhaften Thatsache des Todes abfindet. Das Volk geht weiter: es macht aus der Not sogar eine Tugend und ersinnt eine Geschichte, die den Gedanken ausdrückt, daß der Tod eine Wohlthat ist und ewiges Leben ein schreckliches Mißgeschick wäre. Denn das ist klärlich die Moral der Legende vom ewigen Juden, der den Tod verzweiflungsvoll als Erlösung ersehnt, ihn jedoch nicht finden kann. Gleicht das Volk, das diese Legende erfindet, nicht dem Fuchs in der Fabel, der voll Überzeugung die unerreichbaren Trauben, nach welchen er giert, für saure erklärt? Die Unsterblichkeit ist nicht zu erlangen, folglich ist sie ein tragisches Übel und damit sind wir getröstet und der Fiedelmann kann zum Tanz aufspielen. Oder das schöne Märchen von dem armen Manne, den sein Kreuz so schwer drückte und der um ein anderes flehte! Sein Schutzengel führte ihn an einen Ort, wo viele Kreuze lagen, große und kleine, schwere und leichte, scharfkantige und gerundete; er versuchte sie der Reihe nach, keins paßte ihm ganz. Endlich fand er eins, zu dem er sich noch am besten schickte, und siehe da – es war sein eigenes, das er doch zu vertauschen, gewünscht hatte! Dann die lustige Geschichte von den drei Wünschen, wo ein blutarmes, altes Ehepaar, dem ein Geist die Gewährung dreier beliebiger Bitten zusagte, aus dem wundersamen Glücksfalle nicht mehr herauszuschlagen weiß als eine Bratwurst! In verschiedenen Formen und Wendungen ist da immer wieder die Anschauung ausgedrückt, daß jeder Mensch sich in den eigenen Verhältnissen ausgezeichnet befindet, daß er Unrecht hätte, sich etwas anderes zu wünschen, als was er hat, und daß der Höcker eigentlich ganz so das Glück des Buckeligen ausmacht wie sein hoher Wuchs das des Gardeflügelmanns.

Die Wahrheit ist, daß der Optimismus, ein grenzenloser unentwurzelbarer Optimismus, die Grundanschauung des Menschen bildet, das instinktive Gefühl, das ihm in allen Lagen natürlich ist. Was wir Optimismus nennen, ist einfach die Form, in der uns die eigene Lebenskraft, der Lebensvorgang in unserem Organismus zum Bewußtsein kommt. Optimismus ist also nur eine andere Bezeichnung für Vitalität, eine Bekräftigung der Thatsache des Seins. Wir empfinden die Lebensthätigkeit in jeder Zelle unseres Ichs, eine fruchtbare Thätigkeit, welche fortgesetztes Wirken vorbereitet und damit auch vorahnen läßt; wir glauben also an eine Zukunft, weil wir sie in den Tiefen unseres Wesens fühlen; wir hoffen, weil wir das Bewußtsein haben, daß wir noch dauern werden. Erst wenn dieses Bewußtsein mit der Lebenskraft selbst schwindet, verdämmert und schwindet auch die Hoffnung und die Lichtpforte der Zukunft schließt sich, aber dann bricht auch schon das Auge und kann die unangenehme Veränderung nicht mehr wahrnehmen. Die Fähigkeit des Organismus, sich den Verhältnissen anzubequemen, eine Fähigkeit, ohne die er eben nicht bestehen könnte, und der ihm innewohnende Wachstumsplan, der ihn antreibt, einen vorbestimmten Entwickelungskreis zu durchlaufen, das sind die lebendigen Unterlagen des Optimismus, den wir zugleich als ein Sichbescheiden mit Gegebenem und als ein erwartungsvolles Vorwärtsschauen kennen gelernt haben. Tapferes Hinstreben zum Entwickelungsziele, siegreiche Selbstbehauptung gegen feindliche Einwirkungen, Bewegung, Fortschritt, Hoffnung, Leben, das sind alles nur Synonyme von Optimismus. Der alte Lateiner, der den Spruch erfand: »dum spira spero«, »so lange ich atme, hoffe ich«, hat die Philosophie des Lebensprozesses kurz zusammengefaßt und einer biologischen Grundwahrheit die Form eines klassischen Kalauers gegeben.

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