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Paradoxe

Max Nordau: Paradoxe - Kapitel 14
Quellenangabe
typetractate
authorMax Nordau
titleParadoxe
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
printrun28. u. 29. Tausend
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070722
projectidac6cb027
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Wo ist die Wahrheit?

Zufällig kam ich eines Abends in einem Salon neben eine Dame aus den sogenannten »höheren Finanzkreisen« zu sitzen. Da die Notwendigkeit bestand, mit ihr eine Unterhaltung zu führen, so mußte ich natürlich von den Dingen sprechen, die sie interessieren konnten. Alsbald waren wir bei ihrer letzten Badereise angelangt und sie erzählte mit Entzücken, wie herrlich es in Trouville gewesen sei, wo sie des Tags verblüffende Toiletten ausgestellt und die Nächte durch im Kasino Baccara gespielt habe.

Ich wagte die Frage, ob sie sich nicht vorzustellen vermöchte, daß man sein Leben besser ausfüllen könne.

»Nein,« erwiderte sie sehr bestimmt; »wenn man thut, was Einem volle und ganze Freude macht, so hat man das Richtige gethan.«

»Und glauben Sie nicht,« fragte ich weiter, »daß die Leute zu beklagen sind, denen Toiletten und Baccaranächte volle und ganze Freude machen?«

Die Bemerkung war zweifelsohne impertinent. Ich erhielt die spitze Antwort: »Mein Gott, es kann doch nicht jeder Bücher schreiben.«

»Richtig. Aber ist nicht vielleicht Bücherschreiben eine würdigere und höhere Beschäftigung als Toilettenausstellen und Baccaraspielen?«

»Durchaus nicht. Das Eine ist nicht besser als das Andere. Jenes amüsiert die Einen, dieses die Anderen. Einen Unterschied sehe ich nicht.«

»Die Mehrheit der Menschen ist doch wohl nicht dieser Ansicht?«

»Das weiß ich nicht. Und darum kümmere ich mich übrigens auch nicht. In meiner Welt denkt man gewiß so wie ich und die anderen Leute sind mir gleichgiltig.«

»Die besten und bedeutendsten Menschen stellen aber geistige Beschäftigung über Spiel und Tand und der Bücherschreiber ist im Staate und in der Gesellschaft angesehener als der Baccaraspieler und der Aufhisser glänzender Toiletten.«

»Finden Sie?« sagte sie mit unnachahmlicher Betonung, »ich habe das nie bemerkt. Wo ich noch hingekommen bin, da haben die, welche sie die Baccaraspieler und Aufhisser glänzender Toiletten nennen, mehr Beachtung und Ehren gehabt als die Bücherschreiber.«

Ich war so gründlich geschlagen, wie man es nur sein kann, und hatte meine Niederlage einzugestehen. Da standen also zwei Ansichten einander gegenüber und jede hielt sich ehrlich für die allein richtige und keine vermochte die andere zu Verdrängen. Für die eine Überzeugung bestanden die Gründe der andern einfach nicht und keiner der Gründe hatte ein unwiderstehliches Merkmal absoluter Richtigkeit und Geltung in sich, das jeden Menschengeist zwingen konnte, ihn als Wahrheit und alles, was ihm widerspricht, als Irrtum zu begreifen.

Ich kenne eine Frau, die häßlich und sogar mit einem Gebrechen behaftet ist (sie hinkt nämlich) und deren Verstand um einige Gänsekopflängen hinter dem eines begabteren Pudels zurücksteht. Sie liebt aber die Gesellschaft der Männer und weiß deren Artigkeit durch rückhaltloses Entgegenkommen herauszufordern. Man merkt natürlich sofort, daß ihr Komplimente angenehm sind und daß sie dieselben in jeder Stärke vertragen kann, und da Komplimente heute noch billiger sind als Brombeeren zur Zeit Falstaffs, so macht man ihr deren so viel sie nur will. Die Frau ist jetzt nahe an die Vierzig und sie hat in ihrem Leben noch keine anderen als glückliche Stunden gehabt. Sie ist fest überzeugt, daß sie die schönste, geistreichste und anmutigste Verkörperung der Weiblichkeit ist; daß jeder Mann, der sie erblickt, sich sterblich in sie verliebt; daß ihr Gebrechen selbst ihre Unwiderstehlichkeit erhöht. Alle Männer sagen es ihr, weil sie verlangt, daß man es ihr sage, und sie glaubt es. Eine abweichende Meinung hat sie nie gehört. Wenn Frauen das Entzücken und die Bewunderung der Männer nicht teilen, so stört sie das in ihrem Selbstbewußtsein nicht im Geringsten; denn die Frauen sind eben ihre Feindinnen, weil sie sie beneiden. Niemand wird ihr je verraten, daß alle Männer sich ihr Lebelang über sie lustig gemacht haben, und auf ihrem Sterbebette wird sie sich sagen: »Mein Leben war ein einziger, endloser, unvergleichlicher Triumph und mit mir stirbt das Weib, das alle männlichen Zeitgenossen für das schönste, geistreichste und anmutigste der Generation erklärt haben.« Das wird ihr volle und absolute Wahrheit dünken und nichts wird in ihr auch nur den leisesten Zweifel wachrufen, ob sie nicht vielleicht doch das Opfer einer Täuschung gewesen sei.

Im Februar 1881 kamen in Paris einige junge Leute, Mitarbeiter eines Winkelblättchens, auf den Einfall, sich wichtig und von sich reden zu machen. Sie beschlossen, für Viktor Hugo eine »nationale Apotheose« zu veranstalten. Sie begannen damit, daß sie sich zu einem »Viktor-Hugo-Feier Komitee« verbanden und zahlreiche wirklich hervorragende Persönlichkeiten – natürlich ohne sie vorher zu befragen – zu Mitgliedern desselben Komitees ernannten. Die stattliche Namensliste erschien in allen Zeitungen. Diese wagten es nicht, die Reklame-Notizen zurückzuweisen, mit denen sie von da an durch vier Wochen täglich überschwemmt wurden; denn wer will sich nachsagen lassen, daß er kein Patriot sei und für eine nationale Glorie kein Herz habe? Dem Publikum wurde weisgemacht, es handle sich um eine Kundgebung, deren Gedanke von selbst in hunderttausend Köpfen entstanden sei; die Behörden wurden gezwungen, an den Veranstaltungen teilzunehmen; die Bewegung riß sogar im Auslande naive oder reklamesüchtige Leute mit sich fort, welche die Gelegenheit benutzten, um in Pariser Zeitungen ihren Namen gedruckt zu sehen. An dem dafür anberaumten Tage kam die große Kundgebung zu stande. Etwa fünfzehntausend Menschen zogen an Viktor Hugos Hause vorüber; darunter waren etwa zweitausend fliegende Händler mit Schaumünzen, Bändchen, Gedichten und dergleichen, die ein Geschäftchen machen wollten; gegen zehntausend Neugierige, die sich den Ulk ansahen und von denen übrigens schwerlich die Hälfte einen einzigen Band der Werke Viktor Hugos gelesen hatte; endlich vielleicht dreitausend harmlose, überzeugte Gemüter, die sich wirklich in einen Begeisterungsdusel hatten hetzen lassen. Am nächsten Morgen las man in allen Pariser Zeitungen, daß fünfmalhunderttausend Personen jubelnd und verzückt Viktor Hugo begrüßt hatten, daß Paris eine in der Weltgeschichte einzig dastehende Feier erlebt und die ganze gesittete Menschheit sich mit Frankreich verbunden hatte, um dem größten Dichter des Jahrhunderts einen Triumph zu bereiten, wie er noch keinem Sterblichen zu teil geworden. Die ausländischen Blätter druckten das nach, die Legende verbreitete sich über das ganze Erdenrund und gilt heute überall, sogar in Paris selbst, als unanfechtbare Thatsache. Künftige Sittengeschichtschreiber werden sie verzeichnen und beim angestrengtesten Suchen in den zeitgenössischen Quellen nichts finden, was sie auf das Bedenken bringen könnte, ob sich alles auch wirklich so verhalten habe, wie es in der Presse beider Welten erzählt ist?

So ist es mit der Wahrheit bestellt, wenn es sich um ein Ereignis handelt, das vor vielen tausend Augenzeugen vor sich ging.

Geht es denn aber mit anderen als solchen flüchtigen Erscheinungen besser? Was wissen wir von all den natürlichen Verhältnissen, in deren Mitte wir leben? Die scheinbar einfachsten Thatsachen sind unsicher, die Gesetze, die für die festesten und bestgegründeten gelten, schwanken gefährlich unter dem Fuße der Forscher, nur die Halbgebildeten, welche ihre Kenntnisse gläubig und ohne Mißtrauen aus der Hand ungenauer Zusammenstoppler und Vulgarisatoren empfangen, glauben zuverlässige und unangefochtene Wahrheiten zu besitzen, die eigentlichen Gelehrten aber, welche die Thatsachen aus erster Quelle der Beobachtung schöpfen, wissen, daß es vielleicht keine einzige giebt, die so gewiß ist, daß man über sie keine zwei Meinungen haben kann. Wir sprechen geläufig – und oft mit großer Selbstgefälligkeit – über die Entfernung der Erde von der Sonne, ja sogar vom Sirius und wir wissen thatsächlich nicht einmal, wie lang die Linie vom Washingtoner bis zum Kapstädter Observatorium ist. Die Rechnungen, die von dem größten Astronomen der Zeit mit Hilfe der vollkommensten Instrumente und bewährtesten Methoden angestellt sind, gehen um mehr als eine englische Meile oder etwa ein Zehntausendstel des ganzen Abstandes auseinander. Die genaue Länge des astronomischen Tages, das heißt die wirkliche Dauer der Umdrehung unserer Erde um ihre Achse, ist zweifelhaft, ebenso die richtige Lage dieser Achse, das heißt der Winkel, in welchem sie zur Umlaufsbahn der Erde um die Sonne geneigt ist. Die Angaben über den Wärmegrad der Sonne schwanken zwischen 200 und 20 000 und ein so bedeutender Forscher wie W. Herschel konnte die Theorie aufstellen, daß die Oberfläche des Sonnenkerns fest und von Lebewesen bewohnt sei.

Den Naturwissenschaften ist es also bis jetzt noch nicht gelungen, der Wahrheit ganz nahe zu kommen oder gar sie sicher zu fassen. Dabei stehen sie Erscheinungen gegenüber, die sich unausgesetzt vor unseren Augen erneuern, die sich, soweit wir es wahrnehmen können, nicht verändern, die geduldig abwarten, daß der Mensch sie verfolge, sie erreiche, in Vorrichtungen sperre, mit Zangen zwacke, mit Fingern und Werkzeugen abtaste, sie umdrehe, ausweide, von innen und außen begucke und überhaupt alles mit ihnen vornehme, was ihm nur nötig und nützlich scheint. Was soll man nun gar zu den Geschichtswissenschaften sagen, welche sich vermessen, die Wahrheit solcher Erscheinungen zu finden, die längst vergangen sind und von denen ihnen nichts in den Händen und vor den Augen geblieben ist als eine halbverwehte Spur in tiefem Sande oder ein undeutlicher Widerhall oder noch weniger?

Ich will gegen die Geschichtswissenschaften nicht ungerecht sein. Sie nehmen in der Encyklopädie der Wissenschaften eine merkwürdige und einzige Stelle ein, denn im Gegensatze zu allen anderen arbeiten sie nicht mit Verallgemeinerungen und kennen weder Hypothesen noch Naturgesetze. Sie sind die einzigen, welche das im vorigen Kapitel aufgestellte Erfordernis der Erkenntnis erfüllen: sie suchen die Erscheinung so zu erfassen und darzustellen, wie sie wirklich mit den Sinnen wahrgenommen worden ist, und vermeiden es peinlich, ihr außersinnliche Züge anzufügen, die nicht in ihr sind. Da die Erscheinung das thatsächlich Gegebene, ihre Deutung, ihre Verallgemeinerung, ihre Verknüpfung mit anderen, sei es gleichzeitigen, früheren oder späteren, ihre Ableitung von außer ihr liegenden Ursachen, ihre Zurückführung auf Gesetze das willkürlich Hinzugefügte ist, da nur die sinnliche Wahrnehmung der Erscheinung zur Erkenntnis führen kann, jede Vermutung, Hinzudichtung u. s. w. aber dem Irrtum aussetzt, so wäre die Geschichte, welche sich vorsetzt, bloß die Erscheinung festzuhalten, der Hinzudichtung grundsätzlich aus dem Wege zu gehen und die Vermutung möglichst zu vermeiden, eigentlich die zuverlässigste Wissenschaft, diejenige, die am meisten Wahrheit und am wenigsten Irrtümer enthält, die die größte Summe gegenständlicher Erscheinungen und die kleinste Summe subjektiver Einbildungsarbeit in sich schließt. Im Gegensatze zur Mathematik, die leicht subjektiv wahr sein kann, weil sie nichts anderes ist als eine Form des menschlichen Denkens und sich nicht mit sinnlich wahrgenommenen äußeren Vorgängen beschäftigt, sondern mit solchen im Bewußtsein selbst, die ohne Vermittelung der Sinne wahrgenommen werden, im Gegensatze zur Mathematik, sage ich, welche die subjektiv wahrste Wissenschaft ist, wäre die Geschichte die objektiv wahrste, weil sie nicht das Mögliche, Wahrscheinliche oder dasjenige, was uns das Nötige dünkt, sondern das Wirkliche, das Ereignis zum Gegenstande hat, weil ihr Inhalt nicht subjektive Voraussetzung, sondern objektive Erscheinung ist. Ja, wäre! Die Geschichte wäre dies alles, wenn die menschliche Denkvorrichtung nicht das unvollkommene Werkzeug wäre, das sie eben ist. An dieser Unvollkommenheit scheitert sie, sie macht ihr Bestreben, bis zum objektiven Ereignis zu gelangen, aussichtlos. Die Geschichte will die Vorgänge darstellen, wie sie thatsächlich stattgefunden haben; sie kann jedoch im besten Falls nur herausdringen, wie dieselben wahrgenommen worden sind. Die Bedingungen aber, unter denen unser Gehirn arbeitet, machen, daß die Wahrnehmungen der Vorgänge nicht mit den Vorgängen selbst identisch sein können. Denn entweder sind diese unbedeutend, dann erwecken sie keine Aufmerksamkeit und werden nicht scharf wahrgenommen, gelangen nicht zum Bewußtsein, lassen kein deutsches Erinnerungsbild zurück; oder sie sind bedeutend, dann erwecken gleich ihre ersten Phasen einen so hohen Grad von Aufmerksamkeit, daß die Nervenkraft alsbald erschöpft ist, das Gehirn seine Wahrnehmungsfähigkeit verliert und die weiteren Phasen des Vorganges an den Zeugen wie ein verworrener Traum vorübergleiten. Daher kommt es, daß beispielsweise kein Teilnehmer an einem großen Ereignisse, einer Schlacht, einem Gewaltstreiche von Verschwörern, einem aufregenden parlamentarischen Auftritte, ein genaues Bild des Vorganges vom Anfang bis zum Ende bewahrt. Tausend Zeugen, die man vernähme, gäben tausend verschiedene Aussagen ab, die gerade in den wichtigsten Punkten aufs Seltsamste von einander abwichen. Nur eine Maschine, welche durch ein Uhrwerk getrieben jede Sekunde dem Ereignisse eine frische photographische Platte vorhielte und davon eine ununterbrochene Reihe von Augenblicksbildern aufnähme, könnte wenigstens dessen optische Erscheinung zuverlässig festhalten. Unser Organismus ist keine solche Maschine. Wir haben nicht eine endlose Reihe immer frischer photographischer Platten, sondern nur einen sehr beschränkten Vorrat an solchen. Ist derselbe aufgebraucht, so stehen wir dem Ereignisse wie eine leere Dunkelkammer gegenüber und wir müssen uns ausruhen, ehe wir neue Platten bereiten können. Darum sind die Teilnehmer an den Ereignissen deren unsicherste Beobachter, darum sind alle Zeugenschaften nur subjektiv wahr, darum bleibt der Geschichtswissenschaft kein Mittel, nachträglich mit Hilfe menschlicher, subjektiver Wahrnehmungen die absolute, gegenständliche Wahrheit der Ereignisse wiederherzustellen.

Wohlgemerkt, die Geschichte, von der ich bisher gesprochen, ist die naive, die nur erzählt und keinen Anspruch erhebt, auch zu erklären. Es ist die Geschichte der Chronisten, die treuherzig berichten, am ersten des Monats habe es geregnet, am zweiten eine Schlacht stattgefunden und am dritten sei ein neuer Papst gewählt worden. Dieser ursprüngliche Standpunkt, der mindestens theoretisch das Erfassen der Wahrheit und Vermeiden des Irrtums ermöglichte, ist aber nicht mehr derjenige der heutigen Geschichtsforscher. Diese wollen nicht nur erzählen, sondern auch erklären. Der Gewohnheit des menschlichen Denkens, den sinnlichen Erscheinungen unsinnliche Züge hinzuzufügen, ihnen Gesetze unterzulegen und Ursachen vorangehen zu lassen, kurz dem Spiele des Verbindens der Punkte durch willkürliche Linien zu Figuren, konnte natürlich auch die Geschichte nicht entgehen und die kühnsten Pfleger derselben möchten sie schon zu einer Naturwissenschaft machen, das heißt ihren Stoff so schematisieren, wie die letztere die Naturerscheinungen schematisiert. Sie möchten die Ereignisse, deren Schauplatz die Menschheit gewesen ist, auf allgemeine Naturgesetze zurückführen, für sie Hypothesen und Formeln finden und mit Hilfe derselben künftige Vorgänge vorhersagen, wie wir uns mit Hilfe der naturwissenschaftlichen Formeln, Hypothesen und Gesetze vorherzusagen getrauen, daß morgen die Sonne aufgehen wird und im nächsten Frühling die Bäume blühen werden. Sie sind ja auch in ihrem Rechte. Es giebt gar keinen Grund, die menschlichen Ereignisse anders zu behandeln als alle anderen Erscheinungen im Weltall. Ist nicht der Mensch, ist nicht die Menschheit so gut ein Bestandteil dieses Alls wie der Quarzfelsen, das Meteor, die Palme? Ist nicht ein menschlicher Gedanke oder eine That so gut ein organischer Vorgang wie Verdauung und Fortpflanzung, wie das Wandern der Vögel oder der Winterschlaf der Nagetiere, ist der Gedanke oder die That nicht ebenso gut ein dynamischer Vorgang wie das Fallen eines freien Gegenstandes oder das Kreisen des Mondes um die Erde? Wenn wir den Anspruch erheben, diese organischen und dynamischen Vorgänge nicht einfach zu beschreiben, sondern zu schematisieren und durch ein unsinnliches Band von Hypothesen und Gesetzen zu verständlichen Figuren zu verknüpfen, warum nicht dieselbe Methode auch auf die menschlichen Gedanken und Thaten anwenden? Wir thun es denn auch, aber damit verlassen wir den sichern Boden des Gegebenen und Sinnlichen und fliegen ins Außer- und Übersinnliche hinaus. Damit wird die Geschichte erst vernünftig, das heißt damit entspricht sie erst unserer Denkgewohnheit, die wir als eine unvermeidliche Folge unserer organischen Unvollkommenheit kennen gelernt haben, aber damit wird sie zugleich zum Tummelplatz aller subjektiven Irrtümer unseres Denkapparats, denn jedes Ereignis hat nur eine sinnlich wahrnehmbare Form, dagegen ist die Zahl der unsinnlichen Voraussetzungen, die ihm der menschliche Geist unterlegen kann, unbeschränkt und unbeschränkt ist darum auch die Zahl der möglichen Irrtümer.

Eine Schule der Geschichtschreibung erklärt die Vorgänge aus den Menschen heraus, die an ihnen teilnehmen. Sie mißt äußeren Einwirkungen höchstens die Rolle eines Anstoßes bei und verlegt die eigentlichen Beweggründe und Triebkräfte geschichtlicher Handlungen in die Seele der leitenden Persönlichkeiten eines Zeitalters. Bei dieser Auffassung wird die Geschichtswissenschaft zur Psychologie und die Geschichtschreibung zur Biographie. Man kann sich dann die Menschheit beinahe von der Natur losgelöst denken und darf von allen Einflüssen absehen, die etwa allgemeine Naturkräfte und die Veränderungen des Gleichgewichtszustandes derselben wie auf alle übrigen Organismen so auch auf die Völker und Menschen geübt haben mögen. Dann ist man berechtigt, anekdotische Geschichte zu schreiben und den Untergang großer Staaten von der Verdauung eines Heerführers abhängen zu lassen. Die schönen Augen Helenas veranlassen dann den trojanischen Krieg, die Franzosen werden bei Sedan geschlagen, weil General Wimpffen sich 1869 in Algier mit Marschall Mac Mahon wegen der Anwesenheit eines zweideutigen Frauenzimmers, der Geliebten des erstern, bei einem von der Gattin des letztern veranstalteten Wohlthätigkeits-Bazar verfeindete, und das Scribesche Lustspiel »Ein Glas Wasser« enthält die eigentliche Erklärung der Gründe, weshalb der spanische Erbfolgekrieg so und nicht anders verlaufen ist. Wenn man noch einen Schritt weiter geht und mit Wundt annimmt, daß die Kraft, welche im menschlichen Bewußtsein waltet und Vorstellungen ausarbeitet, Beschlüsse faßt u.s.w., undeterminiert ist, das heißt nicht durch äußere Anregung und in geradem Verhältnis zur Stärke dieser Anregung in Thätigkeit versetzt wird, so ist der letzte Zusammenhang zwischen dem Menschen und den außer ihm waltenden Kräften zerrissen und eine entschlossen psychologische Geschichtschreibung, die auf dem Wundtschen Standpunkte steht, kann jedes Ereignis als die durch nichts vorbereitete, von nichts Fremdem abhängige Offenbarung eines zufälligen und willkürlichen seelischen Vorganges in irgend einem mächtigen Einzelmenschen hinstellen.

Eine andere Schule der Geschichtschreibung, die ich im Gegensatze zur eben gekennzeichneten psychologischen die naturwissenschaftliche nennen will, sieht in den Ereignissen die Wirkung allgemeiner Naturgesetze. Ein Volk führt nach ihrer Auffassung Krieg, weil es hungrig ist, und nicht, weil sein König oder Führer Launen hat. Der einzelne Mensch verliert seinen Einfluß und verschwindet in der Bewegung der Masse. Er glaubt zu schieben und wird geschoben. Die Eigennamen hören auf, Wert und Bedeutung zu haben, und können aus der Geschichte gestrichen werden. Die Völker handeln und leiden, wie die Bäume im Frühling blühen und im Herbste die Blätter abwerfen; in den geschichtlichen Ereignissen kommen kosmische Gesetze zum Ausdruck und die Geschicke der Staaten werden nicht im Boudoir einer schönen Frau oder im Kabinet eines genialen Ministers, sondern recht eigentlich in den Sternen gelenkt. Die Astrologie erhält eine ungeahnte Rechtfertigung, nicht wie sie thatsächlich geübt wurde, sondern als Theorie, als Ahnung des richtigen Zusammenhanges der Dinge, und wir dürfen nicht mehr lächeln, wenn das Volk beim Anblick eines Kometen die Besorgnis hegt, daß er Krieg bringen wird. Hat man doch zu bemerken geglaubt, daß das Auftreten der Sonnenflecken mit den großen Handelskrisen zusammenfällt! Natürlich stellt man sich nicht vor, daß durch die Sonnenflecken direkt die Preisliste der Haupthandelswaren verändert oder alle Kauflust unterdrückt wird; man zweifelt nicht, daß die Wirkung eine viel indirektere ist; aber man kennt eben die Zwischenglieder der Verkettung nicht, nur ihren Anfang und ihr Ende. Warum sollte es dann nicht denkbar sein, daß astronomische Erscheinungen, Vorgänge in der Sonne, im Planetensystem, im Weltraum, in letzter Linie Aufregungszustände in den Menschen, Kriege, Umwälzungen, Fortschritts- und Stillstands-Zeitalter veranlassen?

Man braucht nicht so ausschließlich auf dem einen oder andern Standpunkte zu stehen, man kann auf jeden einen Fuß stellen und sagen, die allgemeinen Naturkräfte seien in der That wie in allen anderen Erscheinungen so auch in den geschichtlichen Ereignissen das Treibende, aber die Richtung werde ihnen von einzelnen Ausnahmemenschen gegeben. Dann tritt die Persönlichkeit wieder teilweise in ihre herkömmlichen Rechte; sie macht zwar nicht Geschichte, wie ein Dichter aus seiner Einbildungskraft heraus Dramen schöpft, aber sie führt die Völker wie ein Mechaniker einen Eisenbahnzug auf dem gegebenen Geleise, nach seinem Belieben die Lokomotive rascher oder langsamer laufen oder stillstehen lassend. Das Genie ist dann ein großer Experimentator mit der Menschheit; es schafft zwar seine Großthaten so wenig, wie etwa Harvey den Blutumlauf schafft, aber es findet die mechanischen Gesetze, die in den Völkern thätig sind, und es erprobt sie, indem es sie anwendet. Dann wäre es andererseits auch verständlich, daß »mit geringer Weisheit die Welt regiert werden« kann, da die Regierung der Welt von den Naturgesetzen besorgt würde und die scheinbar Regierenden sie nur nicht zu stören hätten.

Da sind drei Hypothesen; alle drei sind gleich einleuchtend und gleich willkürlich; keine von den dreien kann man widerlegen, keine beweisen. Alle drei können nicht zugleich wahr, wohl aber können sie alle drei falsch sein. Welches Vertrauen soll man dann zu einer Wissenschaft haben, die notwendig auf einer der drei Hypothesen ruht, also in jedem Falle möglicherweise auf einer falschen? Da spießt uns wieder ein mörderisches Dilemma auf seine Hörner. Entweder die Geschichte ist rein gegenständlich und verzeichnet die Ereignisse bloß, wie sie vor sich gegangen sind, dann wird sie inhaltlos, weil es ihr unmöglich ist, die Ereignisse in ihrer objektiven Wirklichkeit herzustellen; oder sie wird subjektiv und hypothetisch, sucht zu erklären und Ursachen anzugeben, die nicht ein sinnlich wahrnehmbares Element der Ereignisse bilden, dann bietet sie nicht länger eine Gewähr der Wahrheit und kann vom Anfang bis zum Ende ein Gewebe individueller Irrtümer sein.

Als ein Mittel, der Wahrheit näher zu kommen, gilt die Analyse der Erscheinung. Ist das Mittel ein zweckmäßiges? Man darf darüber schwere Zweifel hegen. Die Analyse führt vielleicht nicht zum Wesen der Erscheinung, aber sie zerstört sicher die Erscheinung. Nehmen wir ganz flach verständliche Beispiele. Ich habe einen Menschen in einer Soldatenuniform vor mir. Ich kenne kein Zögern und kein Schwanken und sage sofort mit Bestimmtheit: das ist ein Soldat. Jetzt beginne ich die Analyse dieser Erscheinung. Ich ziehe ihr die Uniform aus. Was habe ich nun noch vor mir? Nicht mehr eine deutlich gekennzeichnete, differenzierte Erscheinung, sondern etwas Unbestimmteres und Allgemeineres, einen Menschen der weißen Rasse. Wenn ich ihm die Haut abziehe, so ist er überhaupt ein Mensch und man kann ihn nur schwer von einem Neger oder Indianer unterscheiden. Wenn ich die Analyse noch weiter treibe und ein Stück Muskel unter das Mikroskop bringe, so kann ich nur noch sagen, daß die Erscheinung ein Tier war, aber ich weiß weder, daß sie ein Mensch, noch daß sie ein Weißer, noch daß sie ein Soldat gewesen ist. Zersetze ich endlich den Muskel in seine chemischen Bestandteile, so bleibt mir von der Erscheinung gar nichts Bezeichnendes und Wesentliches übrig und ich kann nur noch sagen, daß sie aus Stoffen bestanden hat, die in unserem Planetensystem vorkommen. So habe ich mit der unerbittlichen und immer weiter gehenden Analyse es glücklich dahin gebracht, aus einem deutlichen und faßbaren Soldaten, der mit nichts anderem verwechselt werden konnte, etwas Sauerstoff, Kohlenstoff u. s. w. zu machen, der ebensogut aus einem Weltnebel wie aus einer Habana-Zigarre herstammen mochte. Alle Eigenschaften der Dinge, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, sind Bewegungen. Solche, die nicht weniger als 16 ½ und nicht mehr als 16896 mal in der Sekunde wechseln, zählen wir mit den Hörnerven und nehmen wir als Töne wahr; solche Bewegungen, die sich in der Sekunde zwischen 395- und 765 billionenmal wiederholen, zählen wir mit dem Sehnerven und empfinden sie als Licht und Farbe. Für die Bewegungen, die zwischen 16896 und 395 Billionen, unter 16 ½ und über 765 Billionen liegen, haben wir kein Zählorgan, also auch keine Wahrnehmung. Die Wahrnehmung einer Erscheinung ist also nichts anderes als die Zählung von Bewegungen; somit sind alle Erscheinungen dem Wesen nach identisch und nur der Menge nach verschieden. Das ist das Ergebnis einer sehr weit getriebenen Analyse. Sehr schön. Es ist also das Schöne und das Häßliche, das Helle und das Dunkle, das Erfreuliche und das Betrübende ganz dasselbe, immer nur eine Bewegung, eine langsamere oder raschere Bewegung. Aber wie ist es dann doch, daß ich diese verschiedenen Bewegungen, die ganz dasselbe sind, verschieden empfinde, daß die eine mir angenehm, die andere mir unangenehm ist, daß die eine mir Befriedigung, die andere Kummer bereitet? Da bin ich wieder so weit wie bei der Analyse des Soldaten bis zu seinen einfachen chemischen Elementen. Ich habe die deutliche, faßbare, von allen anderen unterschiedene Erscheinung geopfert und mir doch nicht ihr Wesen dafür eingetauscht.

Solche Erfahrungen machen mißtrauisch und bringen uns auf die Vermutung, daß wir das Problem von vornherein falsch aufgestellt haben. Wir suchen das Wesen der Dinge und zerstören deren Erscheinung. Ist nicht die Erscheinung das Wesen selbst und thun wir, indem wir analysieren, nicht dasselbe wie das Kind, das, neugierig, was in der Zwiebel steckt, eine Schale nach der andern abreißt und, nachdem es die letzte weggeworfen hat, nichts mehr in der Hand behält? Das heißt nicht, das »Ding an sich« leugnen, sondern es statt in die geheime und unzugängliche Tiefe an die Oberfläche der Erscheinung verlegen und mit der Erscheinung identifizieren. Wir suchen ferner die gegenständliche, absolute Wahrheit. Und wer sagt uns, daß unser Ausgangspunkt nicht ein Irrtum ist? Woher wissen wir, daß es eine gegenständliche, absolute Wahrheit giebt? Wie, wenn das Unbekannte, das unsere Sinneseindrücke veranlaßt, erst in unserem Organismus zur faßbaren Erscheinung wird und als solche außerhalb unseres Bewußtseins gar nicht existiert? Es wird heute allgemein zugegeben, daß die Phänomene außerhalb unseres Organismus weder Farben noch Töne, weder Düfte noch Wärme oder Kälte haben, Sonde daß diese Eigenschaften ihnen in unserem Organismus hinzugefügt werden. Könnte dies nicht auf das ganze Verhalten der Erscheinung seine Anwendung finden? Dann nähme die Erscheinung ihre menschlich faßbare Form überhaupt erst im Organismus an, es gäbe keine gegenständliche und absolute, sondern bloß eine subjektive Wahrheit, die nur dann für zwei Menschen dieselbe sein könnte, wenn ihr Organismus identisch wäre, dann wäre jeder Versuch, eine objektive Wahrheit zu finden, völlig aussichtslos und wir wären mehr als je dazu verurteilt, alle Erkenntnis ausschließlich in unserem eigenen Bewußtsein und nicht außerhalb desselben zu suchen.

Auf diesen Höhen des Gedankens ist es kalt. Mich fröstelt. Wir wollen in tiefere Regionen hinabsteigen, wo wir dem platt praktischen, aber behaglich warmen Menschentreiben näher sind.

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