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Paradoxe

Max Nordau: Paradoxe - Kapitel 10
Quellenangabe
typetractate
authorMax Nordau
titleParadoxe
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
printrun28. u. 29. Tausend
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070722
projectidac6cb027
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Zur Naturgeschichte der Liebe.

Was hat die durch die poetische Litteratur geübte Suggestion gerade aus dem für die Gattungserhaltung wichtigsten Gefühle, aus der Liebe gemacht! Kein anderer Grundtrieb des Menschen ist so wie sie verkünstelt, aus seiner wahren Richtung gedrängt und ungesund umgezüchtet, keine andere psychische Erscheinung so wie sie verfälscht und systematisch verdunkelt worden.

Es ist so weit gekommen, daß es schwere Bedenken hat, an die Untersuchung der Liebe, ihrer Entstehungsweise, ihrer Zwecke, ihres Verlaufs und der mit ihr verbundenen Bewußtseins-Zustände mit kühlem Ernst und wissenschaftlicher Unvoreingenommenheit zu gehen. Alle emotionellen Duseler beiderlei Geschlechts, denen die Unterhaltungs-Litteratur, ihre einzige Geistesnahrung, die schwachen Köpfe verdreht hat, erheben ein Zetergeschrei und verlangen, daß man den unehrerbietigen Zergliederer steinige. Die Entrüstung gegen ihn kennt keine Grenzen. Er ist ein herzloser Cyniker, ein Seelenkrüppel, dem die Natur die erhabensten Empfindungen versagt hat. Er ist ein Verbrecher, der sich an der Majestät des Weibes versündigt, und ein Verruchter, der kirchenschänderisch ins Allerheiligste der Liebe eindringt. Das hat man von Schopenhauer und seinem Fortsetzer E. v. Hartmann gesagt, das würde der Haufe der Veilchenfresser von Darwin, Herbert Spencer und Bain sagen, wenn er diese Denker läse und verstände. Die Liebe darf nicht Gegenstand der unbefangenen Darstellung, nur verzückter Dithyramben sein. Man darf ihr nicht als Beobachter, nur als Verliebter nahen. Mit Verlaub: das ist eine unzulässige Forderung. Vom Hunger darf ich sprechen, ohne hungrig zu sein, von der Furcht, ohne Furcht zu haben. Es ist mir gestattet, diese Erscheinungen kaltblütig zu zergliedern und zu beschreiben, ohne daß man deshalb zur Annahme berechtigt ist, ich sei unfähig, die Freuden einer wohlbesetzten Tafel zu würdigen oder die Aufregungen zu empfinden, welche die Erkenntnis einer schweren und seinen Mitteln der Abwehr unverhältnismäßig überlegenen Gefahr im Menschen hervorruft. Weshalb soll die Liebe nicht auch der nüchternen Beobachtung zugänglich sein, ohne daß man deshalb gleich behauptet, der Beobachter sei unfähig, Liebe zu empfinden, folglich auch sie zu begreifen? Die denkbar schlechtesten Bedingungen zur Erforschung des Hungers oder der Furcht wären diese Empfindungen selbst. Vom Hungrigen ist nicht zu erwarten, daß er die Wirkung der Vorstellung eines Bratens auf sein Nervensystem methodisch feststelle, namentlich wenn derselbe vor ihm auf dem Teller duftet, und wer Furcht hat, handelt als ein kluger Mann, wenn er bloß ans Davonlaufen und nicht an Selbstbetrachtung denkt. Ebenso ist der Verliebte der allerletzte, von dem zu hoffen wäre, daß er über die seelischen Vorgänge während der Liebe Licht verbreite. Das kann nur der unbeteiligte Zuschauer. Und dieser hat keine Ursache, niederzuknien, die Augen zu verdrehen und sich in lyrischen Überschwang hineinzuschwindeln oder hineinzurasen, wenn er von Liebe spricht. Eben weil sie die mächtigste und für die Menschheit bedeutungsvollste Empfindung ist, muß man sie mit um so klarerem Kopfe betrachten und sich sorgfältig vor Aufregung und Schwärmerei, vor Bilder- und Blumensprache hüten, da auf diese Weise die wirklichen Thatsachen weder gesehen noch geschildert werden können. Es geht aber bei der Liebe ebenfalls nur mit ganz natürlichen Dingen zu, wenn auch die Verliebten es nicht wahr haben wollen. Das menschliche Gehirn enthält ein höchstes Geschlechtszentrum, von welchem niedrigere Zentren im Rückenmarke abhängig sind und das seinerseits von Erregungszuständen der letzteren beeinflußt wird. In der Lebenszeit, während welcher das Reproduktionssystem des Individuums in voller Reife und der Sitz lebhafter Ernährungsvorgänge ist, befindet sich auch das Geschlechtszentrum des Gehirns in einem Zustande der Spannung und Empfindlichkeit, der es für alle Reize sehr empfänglich macht. In emotionellen Naturen und in solchen, deren Geist müßig ist, übt es auf das ganze Bewußtsein einen vorwiegenden, häufig sogar alleinherrschenden Einfluß. Es wirkt auf das Urteil, die Phantasie, den Willen, regt Vorstellungen an, die dem Gebiete der Geschlechtlichkeit entnommen sind, und giebt aller Gehirnarbeit eine einzige Richtung, ich möchte sagen eine geschlechtliche Polarität. Subjektiv wird dieser Zustand vom Individuum als Liebesdrang oder Liebessehnsucht empfunden. Es genügt, daß das Individuum in dieser Verfassung einem solchen des andern Geschlechts begegne, damit der Drang und die Sehnsucht einen Gegenstand finden und zur Liebe werden. Alle vom Geschlechtszentrum angeregte Thätigkeit des Gehirns hat dann das geliebte Wesen zum Inhalte, das nicht so wahrgenommen und beurteilt wird, wie es ist, sondern so, wie es dem organischen Bedürfnisse des liebenden Wesens entspricht. Es ist eine Gliederpuppe, welche das letztere nach seinem Geschmacke kleidet und drapiert.

Jedes gesunde menschliche Individuum hat die triebhafte, unbewußte Empfindung der Eigenschaften, die das Individuum des entgegengesetzten Geschlechts haben muß, damit durch seine Vereinigung mit ihm die eigenen Eigenschaften in den Nachkommen erhalten und gesteigert seien. Je höher ausgebildet, je eigenartiger, je differenzierter es selbst ist, um so komplizierter sind auch die Eigenschaften, mit denen es das gewünschte und erwartete Individuum des andern Geschlechts ausstattet. Hat es die Wahl unter vielen Individuen, so liest es sich mit unfehlbarer Sicherheit dasjenige aus, welches seinem mit dem Augenblicke der Geschlechtsreife fertig ausgearbeiteten organischen Ideale am nächsten kommt. Hat es keine Wahl, so nimmt es mit jedem Individuum vorlieb, wenn es nur von seinem Ideale nicht so vollständig verschieden und entfernt ist, daß es sein Geschlechtszentrum gar nicht mehr anzuregen vermag und diesem als etwas so Fremdes und Gleichgiltiges gegenübertritt wie etwa ein Individuum des eigenen Geschlechts, ein Tier oder ein unbelebter Gegenstand.

Je näher ein Individuum dem organischen Ideal eines andern kommt, um so rascher geht natürlich die Arbeit der Identifikation desselben mit dem Ideale vor sich; decken sich beide ungefähr vollständig, so schlägt der bekannte Blitzstrahl ein, man verliebt sich auf der Stelle, im ersten Augenblicke, und hat die Empfindung, das Objekt der Liebe immer gekannt und geliebt zu haben; bestehen einzelne Verschiedenheiten, so hat das Individuum erst eine Arbeit der Anpassung, Ausgleichung und Gewöhnung zu leisten, von den Ungleichheiten zwischen dem andern Individuum und dem Ideal abzusehen, im Geiste die beiden einander nach Möglichkeit anzunähern; man verliebt sich dann nur allmählich, schneller oder langsamer, je nachdem man den Gegenstand der Liebe dem vorbestehenden organischen Ideale schneller oder langsamer anpassen kann. In jedem Falle liebt man eigentlich nicht ein anderes Menschenwesen, sondern ein Ideal, das der eigene Organismus ausgearbeitet hat; Liebesdrang ist das Suchen nach einer Verkörperung des inneren Ideals, Liebe die Selbstüberredung, daß man diese Verkörperung gefunden habe, das geliebte Wesen die Projektion des innern Ideals nach außen. Das Liebeleben des Individuums beginnt darum auch mit seiner Geschlechtsreife und dauert so lange wie diese; das Ideal ist dann organisch ausgearbeitet und bleibt während der ganzen Zeit der Geschlechtsreife lebendig; ob es verwirklicht wird oder nicht, das kommt nicht in Betracht; es besteht und harrt der Gelegenheit, sich zu verkörpern; man liebt virtuell oder potentiell, wenn man auch nicht thatsächlich liebt; man liebt sein Ideal, wenn man kein bestimmtes Menschenwesen liebt. Je niedriger und einfacher das Ideal ist, um so leichter findet das Individuum dessen Verkörperung. Darum können gemeine und schlichte Naturen sich unschwer verlieben und einen Gegenstand der Liebe unschwer durch einen andern ersetzen, während feine und zusammengesetzte große Mühe haben, ihr Ideal oder etwas genügend Annäherndes im Leben anzutreffen und ihm, wenn es verloren gegangen ist, einen Nachfolger zu geben.

Bewerbung wirkt als ein starker Reiz auf das Geschlechtszentrum und das Individuum, das der Gegenstand einer solchen ist, kann unter dem Einfluß der Erregtheit seines Geschlechtszentrums leicht die Sicherheit der instinktiven Empfindung dessen, was ihm zur Erhaltung und Steigerung seiner Eigenschaften in den Nachkommen organisch notthut, einbüßen und einen Irrtum begehen, der aber die Bewerbung, das ist den störenden Reiz, nicht überlebt. Die Erkenntnis, daß man sich geirrt habe, läßt dann eine Beschämung und Demütigung zurück, die sich in Haß gegen das veranlassende Individuum verwandelt und zu den schärfsten Unlust-Empfindungen gehört, deren der Mensch fähig ist.

Die gesunde und natürliche Liebe ist sich immer ihres Zwecks klar bewußt. Sie ist das Verlangen des Besitzes, die Forderung jener leiblichen Vereinigung, welche die Entstehung von Nachkommenschaft anregen kann. In starken Individuen löst die Liebe genug mächtige Willensimpulse aus, um jeden entgegenstehenden Willen zu besiegen und jedes Hindernis zu überwinden. In willensschwachen Individuen hat sie diese Fähigkeit nicht; die Emotion bleibt subjektiv und setzt sich nicht in Handlungen um. Die Stärke der Liebe eines Wesens darf man also nicht nach den Anstrengungen messen, die es macht, um das geliebte Wesen zu erlangen, denn die Größe dieser Anstrengungen hängt von der Stärke seines Willens, nicht von der seiner Liebe ab. Doch muß einschränkend hinzugefügt werden, daß im gesunden und normalen Menschen alle Hirnzentren ungefähr gleichmäßig entwickelt sind, so daß willensschwache Individuen auch schwerlich sehr kräftige Geschlechtszentren, solche Individuen, die heftig zu lieben vermögen, in der Regel auch einen mächtigen Willen haben werden.

Die verschiedene Bedeutung der beiden Geschlechter für die Gattungserhaltung bedingt auch entsprechende Verschiedenheiten in ihrem Liebeleben. Die Rolle des Weibes ist die ungleich wichtigere; dieses hat den ganzen Stoff zur Bildung eines neuen Wesens herzugeben, es im eigenen Organismus vollständig auszuarbeiten, ihm hauptsächlich die eigenen Eigenschaften, wie es sie von den Vorfahren geerbt hat, mitzuteilen; der Mann liefert zu dieser langwierigen und schweren, ja heroischen Arbeit bloß die Anregung, von deren Beschaffenheit übrigens bis zu einem gewissen Grade die Beschaffenheit jener Arbeit abhängt, wie ja auch beispielsweise dasselbe Dynamit ruhig verbrennt oder lebhaft aufflammt oder mit fürchterlicher Gewalt explodiert, je nachdem es durch eine glimmende Kohle oder ein flackerndes Streichholz oder einen Sprengstoff in Brand gesetzt wird. Beim Weibe ist deshalb daß Geschlechtszentrum stärker entwickelt, dessen Thätigkeit eine regere und in der Gesamtthätigkeit des Gehirns wichtigere; das Weib hat ein deutlicher ausgebildetes Ideal des ihm organisch notwendigen, es ergänzenden Mannes, es kann schwerer bestimmt werden, auf dieses Ideal zu verzichten und sich mit einem allzu unähnlichen Ersatze zu bescheiden; hat es sein Ideal gefunden, so ist es dem Weibe fast unmöglich, darauf zu verzichten, und die Emotion, als welche es die lebhafte Erregung seines Geschlechtszentrums empfindet, verdrängt aus seinem Bewußtsein jeden anderen Inhalt, so daß es nichts anderes mehr kann als lieben, seinen Willen, sein Urteil, seine Phantasie in den Dienst seiner Liebe stellt und einen Versuch des Urteils, die Emotion mit vernünftigen Vorstellungen zu bekämpfen, gar nicht aufkommen läßt. Das Weib hat die triebhafte Empfindung, daß es sich nicht irren dürfe, daß ein Irrtum für es selbst und die Nachkommenschaft nicht gut zu machende Folgen hätte, daß er unter allen Umständen die Vergeudung einer verhältnismäßig großen Menge organischer Arbeit nach sich zöge, und es ist deshalb gegen die Möglichkeit des Irrtums äußerst mißtrauisch und ängstlich; andererseits erkennt es auch sicher, daß es sich nicht geirrt hat, wenn es den richtigen Mann gefunden, und ist dann leichter bereit, das Leben, als den Mann aufzugeben. Beim Manne ist das alles anders. Er darf sich leichter irren, weil ein Irrtum für ihn gar keine organischen Folgen hat und sozusagen schon in der nächsten Minute gut gemacht werden kann, soweit es sich bloß um seinen Anteil an der Gattungserhaltung handelt. Darum ist auch sein Ideal des ihn organisch ergänzenden Weibes viel weniger deutlich vorgebildet, darum verliebt er sich viel rascher und leichter in das erstbeste Weib, darum ist er auch viel unbeständiger, darum kann er auch viel öfter lieben, viel leichter verzichten, viel müheloser vergessen, darum nimmt die Thätigkeit des Geschlechtszentrums in der Gesamtthätigkeit seines Gehirns keinen so großen Platz ein und darum kann seine Liebe verhältnismäßig leicht von seinem Urteil gemäßigt, gedämpft und sogar völlig besiegt werden.

Das ist in großen und flüchtigen Zügen die Naturgeschichte der Liebe, wie man sie bei ganz gesunden und normalen Individuen beider Geschlechter beobachten kann. Kommt denn aber diese einfache, wahre, zweckmäßige Liebe in den Kreisen, deren Geistesnahrung die Unterhaltungslitteratur ist, überhaupt noch vor? Ich bezweifle es sehr ernstlich. Was man da für Liebe hält und für Liebe ausgiebt, das sind Nachahmungen von ungesunden und unwahren Zuständen, deren Darstellung den Roman und das Theater füllt.

Störungen und Erkrankungen des Geschlechtszentrums gehören unter hochzivilisierten Menschen zu den allerhäufigsten Vorkommnissen. Ein im Niedergange begriffenes Geschlecht wird zuerst an dieser Quelle der künftigen Geschlechter heimgesucht. Schwäche, Erschöpfung, Entartung des Einzelwesens wie des Volkes und der Rasse drückt sich am frühesten in Funktionsanomalien des Geschlechtszentrums aus, so daß die Liebe in ihrer Form, ihrer Stärke, der Wahl ihres Gegenstandes unnatürlich wird. Auch sonst hat Zerrüttung des Nervensystems einen Widerhall im Geschlechtszentrum, welches selbst im normalen Menschen das Bestreben hat, die ganze Thätigkeit des Organismus zu beherrschen und seinen eigenen Zwecken dienstbar zu machen, jedoch durch den Widerstand der übrigen Zentren an Übergriffen verhindert wird, während es in einem geschwächten, oder aus dem richtigen Gleichgewichte geratenen Gehirn ungehemmt schaltet und waltet, mit seinen Erregungen ganz allein das Bewußtsein füllt, den gesamten Organismus zu seinem Sklaven macht und auf den Trümmern des Verstandes und Urteils seine siegreiche Fahne aufpflanzt, die einmal ein Unterrock, ein andermal eine Narrenkappe, manchmal aber auch ein Prozessionsbanner oder die Stachelgeißel der Selbstkasteier ist. Die poetische Litteratur, besonders unserer Zeit, stellt nun durchgehends solche ungesunde Formen der Liebe dar. Der Grund dieser Erscheinung ist im vorigen Kapitel angegeben. Die Schriftsteller haben entweder selbst überreizte Nerven oder leben in einer großstädtischen Umgebung, in der sie keine anderen Beispiele als solche des gestörten organischen Gleichgewichts vor sich sehen. Wenn nun auch nicht jede poetische Gestalt geradezu an ausgesprochenem Liebeswahnsinn leidet, so gehören sie doch samt und sonders zu den Bewohnern jenes Grenzlandes zwischen der vollen Gesundheit und Geisteskrankheit, von dem im vorigen Kapitel die Rede war. Der Irrenarzt erkennt in der Darstellung der Seelenzustände und Handlungen Verliebter, wie sie in der Unterhaltungslitteratur zu finden ist, die Anzeigen von Formen der Geistesstörung, die ihm wohlbekannt sind. Gewöhnlich sind die bedenklichen Symptome bloß leicht angedeutet; wenn sie aber nur einigermaßen verstärkt wären, so gäben sie klassische Exemplare von erotischer Manie, von ekstatischem Delirium, religiösem Wahnsinn und noch anderen Gehirnkrankheiten, deren Erwähnung vor einem Laienpublikum nicht statthaft ist. Ein urteilsfähiger und namentlich ein fachlich gebildeter Leser glaubt sich in einer Klinik, wenn er sich in der poetischen Litteratur umsieht. Nichts als Kranke und Siechlinge! Da ist ein Individuum, das beim Anblick eines Weibes von Sinnen gerät, den Verstand verliert und die tollsten Dinge treibt; da ist ein anderes, das durch einen Handschuh oder eine Blume der geliebten Person in gefährliche laute oder stille Ekstase versetzt wird; hier veranlaßt die Liebe Impulsionen zu verbrecherischen Handlungen, dort Schwermut und Trübsinn; man zeigt uns einmal einen verdächtigen Wechsel von launenhafter Kälte und plötzlicher Zärtlichkeit, ein andermal den Bankbruch eines Charakters und Geistes bis zur jämmerlichsten Willenlosigkeit unter dem Einfluß der Leidenschaft. Und all diese Grillen und Wunderlichkeiten, diese Exaltationen und Entsagungen, diese Schwärmereien und Begierden, diese schwächliche Lüstelei und verrückte Gewaltthätigkeit werden ohne ein Wort der Warnung, ohne die Bemerkung, daß es sich um krankhafte Ausnahmen handelt, als regelmäßige und natürliche Erscheinungsformen der Liebe hingestellt!

Solcher Lesestoff macht einen tiefen und äußerst schädlichen Eindruck selbst auf den gewöhnlichen und nun gar auf den nervös angelegten und vielleicht schon ein wenig aus dem geistigen Gleichgewichte geratenen Leser, besonders auf das Weib der Großstadt. Die Frau neigt von Natur dazu, die Liebe für den einzigen Lebenszweck und Lebensinhalt des Menschen zu halten, und sie wird in dieser Auffassung, die für sie berechtigt sein mag, jedoch auf den Mann keine Anwendung findet, völlig bestärkt, wenn sie sieht, daß die Bücher, aus denen sie alle Kenntnis von Welt und Leben schöpft, sich von der ersten bis zur letzten Zeile um nichts als Liebe drehen. Die Schilderung der Kämpfe um ein Weib und der Verzückungen über den Sieg steigert ihre natürliche Eingenommenheit von sich selbst bis zum Größenwahn und zur Selbstvergötterung und sie glaubt thatsächlich, daß ihr Besitz ein überirdisches Glück sei, dessen Erlangung der Mann mit dem Verzicht auf alle anderen Aufgaben und Ziele seines Daseins noch lange nicht bezahlen könne. Sie lernt den Mann bloß wegen seiner Liebesfähigkeit schätzen; den elenden Schwächling, dessen blödsinniges Gehirn seinen verliebten Emotionen keinen Widerstand entgegenzusetzen vermag und der mast- und steuerlos im Strome der Leidenschaft treibt, findet sie rührend und liebenswert; den gesunden und starken Mann, dessen Kogitation seine Emotion in Zaum hält, der selbst noch in der Erregung der Liebe vernünftig bleibt und ihren Eingebungen nur soweit folgt, als sie von seinem Urteil gebilligt werden, verabscheut sie als kalt und herzlos. Butterweiche Zerflossenheit und winselnde Rührseligkeit nennt sie Hingebung, stramme Kernhaftigkeit, die in Selbstbemeisterung geübt ist und in stolzer Schätzung des Eigenwerts gebotene Neigung ganz so hoch achtet wie empfangene, erscheint ihr als abstoßende Rohheit. Die krankhafte Entartung, welche aus einem Manne einen Spielball des Weibes und ein Opfer seiner eigenen Erregung macht, scheint ihr das Zeichen wahrer Männlichkeit und ihre Einbildungskraft giebt dem Liebeshelden schon als äußere Erscheinung blasse Wangen, schmachtenden Blick und träumerische Stirne, Züge, die nicht zu den Attributen männlicher Gesundheit und Rüstigkeit gehören. Sie stellt sich vor, daß die Liebe, wenn sie tief und aufrichtig sein soll, die Form von Übergeschnapptheit annehmen muß; sie erwartet von ihr geistige und leibliche Akrobatenkunststücke, unsinnige Ergüsse in Prosa und Versen, Seufzer, Thränen und Händeringen, unverständliche Mystik der Rede, Einfälle, auf die kein vernünftiger Mensch gerät, und Thaten nach Art derjenigen des rasenden Roland oder des Amadis von Gallien. Um als echt anerkannt zu werden, muß die Liebe sich haben und geberden; stilles, verhaltenes Gefühl, das weder schmatzt noch gestikuliert, den Schlaf und die Eßlust nicht wesentlich beeinträchtigt und mit Erfüllung der Berufspflichten vereinbar ist, gilt nicht als Liebe. Diese wird nur als Gewitter verstanden; sie muß mit Donner und Blitz auftreten; der Liebende muß zur Geliebten fahren wie Zeus zur Semele; erscheint er anders, so ist er nicht der erwartete Gott.

Das ist nicht alles. Die Unterhaltungslitteratur stört auch den natürlichen Entwickelungsgang der Liebesgefühle im jugendlichen Leser und ganz besonders in der Leserin. Die Regel ist, daß mit der Reife des Organismus das Geschlechtszentrum in Thätigkeit tritt und im Bewußtsein Emotionen und Vorstellungen erotischer Natur anregt. Bei der Jugend der gebildeten Klassen geschieht das Umgekehrte. Die erotischen Emotionen und Vorstellungen werden durch den Lesestoff künstlich in das Bewußtsein getragen und regen das Geschlechtszentrum zu verfrühter und darum schädlicher Thätigkeit an. Ist der Liebesdrang eine Folge der Geschlechtsreife des Individuums, so hat der Organismus auch die Zeit und Kraft gehabt, sich triebhaft das Ideal des Partners auszuarbeiten, das er als zu seiner Ergänzung notwendig empfindet, das Gefühl wird sicher und zuverlässig, der Einfluß der Grillenhaftigkeit beschränkt, die Gefahr eines Irrtums in der entscheidenden Wahl wesentlich verringert. Wenn dagegen die erotischen Vorstellungen dem Bewußtsein vorzeitig durch die Lektüre suggeriert werden, so wird der Organismus von ihnen überrascht, ehe er noch sein Ideal eines Partners bilden konnte; die fremde Suggestion stört diese heikle Arbeit; der Organismus hört nicht mehr auf seine eigenen dunklen Stimmen, sondern auf die der Dichter; die Phantasie empfängt die Vorstellung des ersehnten Individuums nicht aus den geheimen Tiefen der Zellen und Gewebe, sondern aus den Blättern der Romane; das Individuum gelangt nicht zur sichern Empfindung des notwendigen Partners und eine zufällige Begegnung kann in Ermangelung des innern Prüfers, welcher sie zu deuten hat, verhängnisvoll werden. Die Romanleserin oder Theatergängerin weiß nicht, ob der Mann, der ihr näher tritt, der rechte ist, denn sie hat kein organisches Ideal, sondern bloß Erinnerungen an Roman- und Dramenhelden. Sie verwechselt ihre Launen mit den wahren Bedürfnissen ihres Organismus und begeht leichtblütig die unheilvollen Verwechselungen, die ein Frauenleben für immer elend machen.

Neunundneunzigmal unter hundert Fällen ist in den gebildeten Klassen namentlich der großstädtischen Bevölkerung das, was man selbst für Liebe hält oder was man für Liebe ausgiebt, keine im Organismus entstandene Liebe, sondern Wirkung dichterischer Suggestion.Vielleicht nie ist der Einfluß der durch die Poesie geübten Suggestion auf das Entstehen eines Liebesverhältnisses so überraschend deutlich und bestimmt hervorgehoben worden wie in Dantes berühmten Versen:

Noi leggiavamo un giorno per diletto
Di Lancilotti come amor lo strinse
....................................
Quando leggiemmo il disiato riso
Esser baciato da cotanto amante
Questi, che mai da me non sia diviso,
La bocca mi baciò tutto tremante ...«
(Inferno, Canto V.)

Wenn die Liebenden dieser Kategorie nie einen Roman gelesen oder ein sentimentales Theaterstück gesehen hätten, so würden sie sich wahrscheinlich nicht in dem Gemütszustande befinden, den sie an sich wahrnehmen, oder wenn sie wirklich verliebt wären, so würde sich ihr Gefühl jedenfalls in ganz anderen Gedanken, Reden und Thaten kundgeben, als es dies thut. Sie lieben nicht mit dem Geschlechtszentrum, sondern mit dem Gedächtnis. Bewußt oder unbewußt spielen sie eine Salon- oder Boudoir-Komödie und wiederholen mit Ernst und Eifer die Auftritte, deren Schilderung in Büchern, deren Darstellung auf der Bühne sich ihrer Phantasie bemächtigt hat. In Paris ist es üblich, daß Liebespaare in der Honigwoche ihrer jungen Minne zum Grabmal von Heloise und Abälard, diesem berühmten und unglücklichen mittelalterlichen Liebespaare, wallfahren. Es ist ein tiefer Sinn in diesem Spiele. Denn höchst wahrscheinlich danken die beiden Liebenden ihre Beziehungen, die sie als angenehme empfinden, den toten Wonneflötern aus dem zwölften Jahrhundert, anders gesagt, den Liebesgeschichten, die ihnen von Dichtern in Begleitung von Harfenakkorden vorgesungen worden sind. Der Mann, den ein belesenes Weib liebt, hätte Unrecht, sich etwas darauf einzubilden. Was sie wirklich liebt, das ist nicht seine Persönlichkeit, auch nicht ihr organisches Ideal, dem jene etwa nahekommt, sondern die romantische Figur, die irgend ein Schriftsteller erfunden hat und für die sie einen Darsteller sucht. Schlagen wir uns an die Brust, meine Brüder! So demütigend dies auch unserem Selbstbewußtsein scheinen mag, wir müssen uns doch ehrlich gestehen, daß wir alle in unseren Liebeserfahrungen mehr oder weniger der Zettel mit dem Eselskopfe aus dem Sommernachtstraum gewesen sind, in den Titania verliebt war, weil sie unter der Wirkung der Zauberblume stand. Der Oberon, welcher unseren Titanien den Saft der Zauberblume über den Augen ausgedrückt hat, war einfach der Dichter. Der für uns immerhin erfreuliche Zufall hat gemacht, daß gerade wir Titanien in den Weg kamen, als sie in diesem Zustande war. Aber ob Zettel, ob Squinz, Titania liebt sicherlich weder den einen noch den andern, sondern eine ihr vom schalkhaften Oberon suggerierte romantische Gestalt, wie Faust »mit diesem Zaubertrank im Leibe« in jedem Weibe eine ideale Helena sieht.

Der Pariserin ist von mehreren Generationen schablonenhaft arbeitender Schriftsteller aller Völker, ich weiß nicht welcher Reiz, welcher Schick oder »chic« angedichtet worden. Die Folge davon ist, daß jeder Einfaltspinsel das Wasser im Munde zusammenlaufen fühlt und mit den Augen zwinkert, wenn man das Wort Pariserin ausspricht oder wenn er gar eine solche im Fleische vor sich steht. Fragt man den Idioten, was er an ihr findet, so begnügt er sich, wie ein Kalb immer das eine Wort zu blöken: »chic! chic!« Er sieht in der Pariserin das, was seine Bücher ihn überredet haben, in ihr zu sehen. Auch für Schauspielerinnen und Kunstreiterinnen hat die Litteratur, ich kann es nicht anders nennen, ähnliche Reklame gemacht und darum sind diese Personen vorzugsweise Gegenstand der Liebesschwärmerei aller Portepeefähnriche, Gymnasiasten und schöngeistigen Ladenschwengel. Der Frau hat die Litteratur, wenigstens in Deutschland, eigentlich bloß den Offizier auf diese Weise als das würdigste Objekt der Liebe suggeriert und das zweifarbige Tuch mag den Musen der Dichtung Weihkränze in den Tempel hängen, so oft es über ein Frauenherz siegt.

Man untersuche, wenn man in der Lage ist, dies zu thun, die Liebesverhältnisse, die man in der eigenen gesellschaftlichen Umgebung entstehen, wachsen und zum Eheglück oder zu aufdringlich geräuschvollen Katastrophen führen sieht. In der Regel wird man ungefähr diesen schematischen Hergang finden: ein Mann beschäftigt sich, durch Tischnachbarschaft oder Tanzordnungs-Verpflichtungen veranlaßt, etwas mehr, und natürlich galant, mit einem Mädchen. Dieses empfindet zunächst nur eine Genugthuung über die gewöhnlich sehr überschätzte Wirkung seiner Person und seine geschmeichelte Eitelkeit versetzt es in eine liebenswürdige und entgegenkommende Stimmung, die wieder von der Selbstverliebtheit des Mannes mißdeutet wird. Jetzt hört die Arbeit des Zufalls auf und die Suggestion der Dichter beginnt ihr Werk. Er und sie haben eine leichte Anregung empfangen, die Phantasie arbeitet dieselbe aus, das Gedächtnis beschwört alle Bilder berühmter Liebespaare herauf, alle lyrischen Gedichte, Liebesbriefe und Geständnisse, die man gelesen, fangen zu rumoren an und schießen in die Feder und auf die Lippen, man steigert sich immer mehr, versenkt sich immer eifriger in die erotische Rolle, die man zu spielen begonnen, und tritt schließlich vor den Altar, wo unsichtbar eine Schar von Schriftstellern segnende Hände über die Häupter des Paares breitet, das sie und niemand sonst zusammengeführt haben. Nachträglich stellt sich nur zu häufig heraus, daß Thekla die Rolle ihres Max mit einem ganz unzulänglichen Darsteller besetzt hat und umgekehrt, und dann wird wieder ein anderes Stück aufgeführt, das ebenfalls ein Dichter suggeriert hat, sei es ein Ehebruchsdrama, sei es eine Entsagungs- und Kloster-Romanze. Aber fast immer handelt es sich um eine phonographische Liebe, in der Männlein und Weiblein wie das listige Instrument des Amerikaners Edison mit blecherner Polichinell-Stimme getreu die Worte wiederholen, die der Dichter zuvor in sie hineingesprochen hat.

Ihr Spintisierer der Liebe, Quintessenzler der Leidenschaft und Pathologen des Menschenherzens, ihr Ausdiftler geschraubter Lagen, außergewöhnlicher Menschen mit doppelläufigen Seelen und unerhörter Zufälle, was habt ihr mit euren Mord- und Räubergeschichten aus dem schlichtesten, wahrsten und erfreulichsten Triebe des Menschen gemacht, was habt ihr an uns allen gesündigt!

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