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August Strindberg: Ostern - Kapitel 2
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authorAugust Strindberg
titleOstern
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorMathilde Mann
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Erster Aufzug

Gründonnerstag

Die Musik vor diesem Akt:
Haydn: Sieben Worte des Erlösers.
Introduktion: Maestoso Adagio.

Ein Sonnenstrahl fällt von links schräg in den Raum auf einen der Stühle am Nähtisch. Auf dem andern nicht beleuchteten Stuhl sitzt Kristina und zieht Band in ein Paar weiße frischgeplättete Vorhänge.

Elis kommt herein in aufgeknöpftem Winterüberzieher, er trägt ein großes Bündel Akten, die er auf den Schreibtisch legt. Dann zieht er den Überzieher aus und hängt ihn links auf. Guten Tag, mein Schatz.

Kristina. Guten Tag, Elis!

Elis sieht sich um. Die Doppelfenster herausgenommen, der Fußboden gescheuert, reine Gardinen ... ja, es ist wieder Frühling geworden ... Und sie haben die Eisbahn aufgebrochen, und die Palmenweide blüht unten am Fluß ... ja, es ist Frühling ... Und ich will den Winterüberzieher ... weißt du, er ist so schwer – wägt den Rock in der Hand – als ob er alle Mühen des Winters, allen Schweiß der Angst und allen Staub der Schule eingesogen hätte ... Ah!

Kristina. Und jetzt hast du Ferien!

Elis. Osterferien! Fünf schöne Tage, um zu genießen, zu atmen, zu vergessen. Reicht Kristina die Hand und setzt sich dann in den Lehnstuhl. Nein, sieh, die Sonne ist wiedergekommen ... im November ging sie davon, ich entsinne mich noch des Tages, als sie hinter der Brauerei schräg über der Straße verschwand ... Ach, dieser Winter! Dieser lange Winter!

Kristina mit einer Bewegung nach der Küchentür. Still! still! still!

Elis. Ich will still sein, und ich will froh sein, daß dies überstanden ist ... Ach, die gute Sonne ... Er reibt die Hände und tut so, als nähme er ein Sturzbad. ... ich will mich in Sonnenschein baden, mich in Licht waschen nach all diesem dunklen Schmutz ...

Kristina. Still! still!

Elis. Weißt du, ich glaube, daß der Friede wiederkehrt und daß das Unglück müde geworden ist ...

Kristina. Warum glaubst du das?

Elis. Ja, denn als ich vorhin am Dom vorüberging, kam eine weiße Taube geflogen; sie ließ sich auf dem Bürgersteig nieder und ließ einen Zweig fallen, den sie im Schnabel trug, gerade vor meine Füße.

Kristina. Sahest du, was für ein Zweig es war?

Elis. Ein Ölzweig konnte es wohl nicht sein, aber ich glaube, es war das Friedenszeichen, und mich überkommt gerade eben eine selige, sonnige Ruhe ... Wo ist Mutter?

Kristina mit einer Bewegung nach der Küche. In der Küche.

Elis still, schließt die Augen. Ich höre, daß es Frühling ist! Ich höre, daß die Doppelfenster herausgenommen sind. Weißt du, woran ich das höre? – Hauptsächlich an den Radbüchsen der Wagen ... aber was ist das? Der Buchfink schlägt! Und auf der Werft hämmern sie, und es riecht nach Ölfarbe von den Dampfern, nach roter Mennige.

Kristina. Kannst du das bis hierher riechen?

Elis. Bis hierher? Das ist ja wahr, wir sind hier, aber ich war dort, dort oben im Norden, wo unser Heim liegt ... Wie sind wir nur nach dieser entsetzlichen Stadt gekommen, wo alle Menschen einander hassen und wo man immer einsam bleibt? Ja, das Brot wies uns den Weg ... aber hinter dem Brot lag das Unglück: Vaters strafbare Handlung und Schwesterchens Krankheit –. Sage doch, weißt du, ob Mutter den Vater im Gefängnis besucht hat?

Kristina. Ich glaube sogar, daß sie heute dagewesen ist.

Elis. Was sagte sie?

Kristina. Nichts. Sie sprach von andern Dingen!

Elis. Eins ist doch gewonnen: nach dem Urteil kam die Gewißheit und eine eigene Ruhe, seit die Zeitungen mit den Berichten innehielten. Ein Jahr ist vergangen; übers Jahr ist er frei, und dann können wir von neuem anfangen.

Kristina. Ich bewundere deine Geduld im Leiden.

Elis. Tu das nicht! Bewundere nichts bei mir, denn ich habe nur Fehler! Jetzt weißt du es! Ach, daß du es glauben wolltest!

Kristina. Wenn du für eigene Fehler littest; aber du leidest ja für die anderer!

Elis. Was nähst du da eigentlich?

Kristina. Es sind die Küchenvorhänge, du Lieber!

Elis. Es sieht aus wie ein Brautschleier ... Im Herbst, Kristina, wirst du mein Weib, nicht wahr?

Kristina. Freilich. Aber laß uns erst an den Sommer denken!

Elis. Ja, an den Sommer! Nimmt ein Scheckbuch aus der Tasche. Sieh, das Geld habe ich schon auf der Bank liegen! Und sobald die Schule geschlossen ist, ziehen wir gen Norden, nach unserm Land – an den Mälar. Das Häuschen steht dort bereit, wie es in unserer Kindheit dastand; die Linden stehen noch da, der Nachen liegt unter den Weiden am Ufer ... Ach, wäre es doch erst Sommer, daß ich im See baden könnte! Diese Schande der Familie hat sich mir auf die Seele und den Körper gelegt, so daß ich mich nach einem See sehne, in dem ich mich abwaschen kann.

Kristina. Hast du von Schwester Eleonora gehört?

Elis. Ja, die Ärmste, sie ist unruhig, und sie schreibt Briefe, die mich zerreißen. Sie will fort und nach Hause, natürlich, aber der Vorsteher der Anstalt wagt nicht, sie herauszulassen, denn sie begeht Handlungen, die ins Gefängnis bringen können. Weißt du, daß ich oft Gewissensbisse habe, die allerschrecklichsten, weil ich für ihre Aufnahme stimmte.

Kristina. Aber liebes Herz, du machst dir ja Vorwürfe über alles; in diesem Falle ist es doch nur eine Wohltat, daß sie unter Aufsicht kam, die Unglückliche.

Elis. Es ist wahr, was du sagst, und ich finde ja selbst, daß es ruhiger ist, so wie es ist. Ja, sie hat es so gut, wie sie es nur haben kann! Und wenn ich daran denke, wie sie hier umherging und jeden Keim von Freude beschattete, wie ihr Schicksal gleich einem Alpdruck auf uns lastete, uns bis zur Verzweiflung quälte, so bin ich selbstsüchtig genug, eine Erleichterung zu empfinden, die der Freude gleicht. Und das größte Unglück, das ich mir jetzt vorstellen kann, wäre, sie hier zur Tür hereintreten zu sehen. So schlecht bin ich!

Kristina. So sehr bist du Mensch!

Elis. Und gleichwohl ... leide ich, leide bei dem Gedanken an ihre Qual und an die meines Vaters!

Kristina. Einige Menschen scheinen zum Leiden geboren zu sein ...

Elis. Du Ärmste, die du in diese Familie hineingerietest, von Anfang an gerichtet ... und verdammt.

Kristina. Elis, du weißt ja nicht, ob dies Prüfungen sind oder eine Strafe!

Elis. Was es für dich ist, weiß ich nicht, denn wenn jemand ohne Schuld ist, so bist doch du es!

Kristina. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Elis, vielleicht kann ich dir hindurchhelfen ...

Elis. Glaubst du, daß Mutter eine weiße Halsbinde hat?

Kristina unruhig. Willst du fort?

Elis. Ich will in Mittagsgesellschaft. Petrus hat gestern seinen Doktor gemacht, wie du weißt, und er gibt heute ein Festmahl.

Kristina. Willst du auf die Gesellschaft gehen?

Elis. Du meinst, ich sollte fortbleiben, weil er sich mir gegenüber als ein recht undankbarer Schüler erwiesen hat?

Kristina. Ich leugne nicht, daß seine Treulosigkeit mich empört hat; während er dir versprochen hatte, deine Abhandlung zu zitieren, plünderte er sie, ohne die Quelle anzugeben.

Elis. Ach! das ist etwas so Gewöhnliches, und ich bin froh in dem Bewußtsein: »dieses habe ich gemacht!«

Kristina. Hat er dich eingeladen?

Elis. Das ist ja wahr, er hat mich gar nicht eingeladen! Das ist wirklich sonderbar, denn seit mehreren Jahren hat er von dieser Mittagsgesellschaft gesprochen, als ob ich selbstverständlich mit dabei sein müsse, und ich habe zu andern davon gesprochen. Werde ich nun nicht eingeladen, so bin ich öffentlich blamiert. Einerlei, es ist nicht das erste Mal; und auch nicht das letzte!

Kristina. Benjamin verspätet sich! Glaubst du, daß er das Schriftliche besteht?

Elis. Das hoffe ich sicher, im Lateinischen mit Glanz!

Kristina. Ein guter Junge, der Benjamin!

Elis. Ungewöhnlich gut, aber ein wenig Grübler. Du weißt ja, weswegen er bei uns im Hause ist?

Kristina. Ist es, weil ...

Elis. Weil ... mein Vater seine Mündelgelder vergeudet hat, wie die so vieler anderer! Siehst du, Kristina, das ist das Schreckliche, daß ich in der Schule diese ausgeplünderten Waisen sehen muß, die nun die Demütigung erleiden müssen, Freiplätze zu haben; und mit welchen Augen sie mich betrachten, kannst du dir wohl denken! Ich muß immer an ihr Elend denken, um ihnen ihren Ingrimm verzeihen zu können.

Kristina. Ich glaube, dein Vater ist im Grunde besser dran als du!

Elis. Ja, im Grunde!

Kristina. Elis, wir wollen an den Sommer denken und nicht an das Vergangene.

Elis. Ja, an den Sommer! – Weißt du, über Nacht erwachte ich von Studentengesang; sie sangen: »Ja, ich komme, schick ins Land die frohen Winde, zu den Vöglein schick sie aus, sag, daß ich sie alle liebe, grüß die Birke und die Linde, See und Berge grüß von mir. Sag, ich kehre heim, nach Haus. So wie in der Kindheit Zeiten ...« Steht auf, erregt. Soll ich sie wiedersehn, werde ich diese entsetzliche Stadt verlassen, Ebal, den Berg des Fluches, werd ich Garizim wiedersehn?

Kristina. Ja, ja! Du wirst deine Heimat wiedersehn!

Elis. Glaubst du aber, daß ich meine Birken, meine Linden wiedersehen werde, so wie ich sie einstmals sah, glaubst du nicht, daß derselbe schwarze Flor über ihnen liegen wird wie über der Natur und dem Leben hier unten, seit dem Tage, als ... Zeigt auf den Lehnstuhl, der jetzt im Schatten liegt. Siehst du, jetzt ist die Sonne wieder fort!

Kristina. Sie wird wiederkommen, und dann um länger zu verweilen!

Elis. Das ist wahr; die Tage werden länger, und die Schatten werden kürzer.

Kristina. Wir gehen dem Licht entgegen, Elis, glaub mir nur!

Elis. Zuweilen glaube ich es, und wenn ich an das Vergangene denke und es mit dem Gegenwärtigen vergleiche, so bin ich glücklich. Voriges Jahr saßest du ja nicht dort, denn da warst du von mir gegangen und hattest die Verlobung aufgehoben! Weißt du, das war das Dunkelste von allem. Ich starb buchstäblich, Stück für Stück; aber als du wiederkamst – lebte ich. Entsinnst du dich, weswegen du gingest?

Kristina. Nein, dessen entsinne ich mich nicht, und nun ist es mir, als sei kein Grund dazu vorhanden gewesen. Ich fühlte nur eine Mahnung zu gehen, und dann ging ich, wie im Schlaf. Als ich dich wiedersah, erwachte ich und war glücklich!

Elis. Und nun gehen wir nie mehr, denn wenn du jetzt gingest, so stürbe ich allen Ernstes! ... Da kommt Mutter! Sage nichts, schone sie in ihrer eingebildeten Welt, wo sie lebt und glaubt, daß Vater ein Märtyrer ist und daß alle seine Opfer Schurken sind.

Frau Heyst kommt aus der Küche herein, mit einer Küchenschürze, einen Apfel schälend, spricht freundlich, ein wenig einfältig. Guten Tag, Kinder! Wollt ihr die Apfelsuppe kalt haben oder warm?

Elis. Kalt, liebe Mama.

Frau Heyst. Das ist recht, mein Junge, du weißt immer, was du willst, und sagst es geradeheraus, aber das kann Kristina nicht. Und das hat Elis von seinem Vater gelernt; der wußte immer, was er wollte und was er tat, und das können die Menschen nicht vertragen, und darum erging es ihm übel. Aber sein Tag wird einstmals kommen, und da bekommt er Recht, und die andern bekommen Unrecht! ... Wartet einmal, was wollte ich doch sagen? Ja. Wißt ihr, daß Lindkvist in die Stadt gezogen ist, er, der größte von allen Schurken!

Elis springt erregt auf. Ist er hierher gekommen?

Frau Heyst. Ja, er wohnt schräg über die Straße hinüber.

Elis. Da soll man ihn jeden Tag vorübergehen sehen? Auch das noch?

Frau Heyst. Laßt mich nur ein einziges Mal mit ihm sprechen, dann wird er nie wiederkommen und sich nie wieder blicken lassen, denn ich kenne seine kleinen Eigenheiten! ... Nun, Elis, wie ist es mit Petrus gegangen?

Elis. Ja, es ging gut!

Frau Heyst. Das will ich glauben! Wann denkst du einmal deinen Doktor zu machen?

Elis. Wenn meine Mittel es mir erlauben, Mama!

Frau Heyst. Wenn meine Mittel es mir erlauben! Das ist keine rechte Antwort! ... Und Benjamin! hat er das Schriftliche bestanden?

Elis. Wir wissen es noch nicht; aber er wird gleich hier sein!

Frau Heyst. Ich kann Benjamin eigentlich nicht recht leiden, denn er geht hier umher und gibt sich den Anschein, als wenn er Rechte hätte ... aber das wollen wir ihm schon abgewöhnen! ... Ein braver Junge auf alle Fälle. Ja, und dann ist da ein Paket für dich gekommen, Elis. Geht durch die Küchentür und kommt gleich darauf mit einem Paket zurück.

Elis. Wie Mutter alles an der Hand hat und von allem Bescheid weiß; ich glaube manchmal, daß sie gar nicht so einfältig ist, wie sie sich stellt.

Frau Heyst. Sieh, hier ist das Paket! Lina hat es angenommen!

Elis. Ein Geschenk! Ich ängstige mich vor Geschenken, seit ich einmal eine Kiste mit Pflastersteinen bekam. Legt das Paket auf den Tisch.

Frau Heyst. Jetzt gehe ich wieder in die Küche hinaus! – Wird es nicht zu kalt, wenn die Tür offen steht?

Elis. Keineswegs, Mama.

Frau Heyst. Elis soll seinen Überzieher nicht dort hinhängen, es sieht so unordentlich aus! ... Nun, Kristina, hast du meine Vorhänge bald fertig?

Kristina. In ein paar Minuten, Mama!

Frau Heyst. Ja, dieser Petrus, der gefällt mir, den mag ich leiden ... willst du nicht zu der Mittagsgesellschaft, Elis?

Elis. Freilich will ich dahin.

Frau Heyst. Na, warum sagst du denn, daß du die Apfelsuppe kalt haben willst, wenn du fort mußt? Aus dir ist nicht klug zu werden, Elis. Mit Petrus ist das ganz was anderes! ... Schließt auch die Türen, wenn es kalt wird, damit ihr keinen Schnupfen bekommt! Ab nach rechts.

Elis. Die gute Alte! ... Und immer Petrus... Ist es ihre Absicht, dich mit Petrus zu ärgern?

Kristina. Mich?

Elis. Du weißt doch, daß alte Frauen immer so was vorhaben, es ist nur so ein Einfall, eine Redensart!

Kristina. Was ist das für ein Geschenk, das du bekommen hast?

Elis reißt das Paket auf. Eine Fastnachtsrute! ...

Kristina. Von wem?

Elis. Anonym! ... Nun, das ist ja etwas Unschuldiges, und ich werde sie in Wasser stellen, dann grünt sie wie Arons Stab! »Birke ... so wie in der Kindheit Zeiten« ... Und Lindkvist ist hierher gekommen.

Kristina. Was ist es mit ihm?

Elis. Ihm schulden wir die größte Summe.

Kristina. Du schuldest ihm doch wohl nichts?

Elis. Freilich, wir, einer für alle und alle für einen; der Name der Familie ist entehrt, solange Schulden vorhanden sind.

Kristina. Nimm einen andern Namen an!

Elis. Kristina.

Kristina legt die Arbeit hin, die fertig ist. Hab Dank, Elis! Ich wollte dich nur versuchen!

Elis. Aber es gelang dir nicht, mich zu verlocken! ... Lindkvist ist ein armer Mann und hat sein Geld nötig ... Da, wo mein Vater vorübergegangen ist, sieht es aus wie ein Schlachtfeld mit Toten und Verwundeten ... und Mutter glaubt, daß er das Opfer ist! ... Willst du nicht einen Spaziergang mit mir machen?

Kristina. Und die Sonne aufsuchen? Gern!

Elis. Verstehst du es, daß der Versöhner für unsere Schuld gelitten hat, und daß wir trotzdem noch immer bezahlen müssen? Für mich bezahlt niemand!

Kristina. Aber wenn jemand für dich bezahlte, würdest du da verstehen ...?

Elis. Ja, da verstünde ich es! ... Still, da kommt Benjamin. Kannst du erkennen, ob er froh aussieht?

Kristina sieht durch die Tür im Hintergrund. Er geht so langsam ... Und jetzt bleibt er bei dem Springbrunnen stehen und netzt seine Augen ...

Elis. Auch das noch!

Kristina. Warte es doch erst ab ...

Elis. Tränen, Tränen!

Kristina. Geduld!

Benjamin tritt ein, freundlich, ehrerbietig, aber traurig; er trägt einige Bücher und eine Mappe.

Elis. Nun, ist es dir im Lateinischen gut ergangen?

Benjamin. Es ist schlecht gegangen!

Elis. Darf ich deine schriftliche Arbeit sehen? Was hast du gemacht?

Benjamin. Ich habe ›ut‹ mit dem Indikativ konstruiert, obwohl ich wußte, daß es der Konjunktiv sein muß.

Elis. Da bist du verloren! Aber wie konntest du auch nur?

Benjamin ergeben. Das kann ich nicht erklären ... ich wußte, wie es heißen muß, wollte das Richtige schreiben und schrieb das Verkehrte! Setzt sich niedergeschlagen an den Eßtisch.

Elis sinkt am Schreibtisch nieder und liest in Benjamins Schreibheft. Ja, hier steht der Indikativ! Ach, mein Gott!

Kristina mit Anstrengung. Nun, nächstes Mal mehr Glück: das Leben ist lang – so entsetzlich lang!

Benjamin. Ja, das ist es.

Elis betrübt, aber ohne Bitterkeit. Daß auch alles auf einmal kommen muß! – Und du warst mein bester Schüler, was kann ich da von den andern erwarten! – Mein Ansehen als Lehrer leidet, dann bekomme ich keinen Unterricht mehr, und dann ... stürzt alles zusammen! Zu Benjamin. Nimm es dir nicht so zu Herzen ... es ist nicht deine Schuld! ...

Kristina mit äußerster Anstrengung. Elis! Mut, Mut, um Gottes willen!

Elis. Woher soll ich den wohl nehmen?

Kristina. Von da, woher du ihn früher bekamst!

Elis. Es ist jetzt nicht so wie früher! Es scheint, daß ich in Ungnade bin!

Kristina. Es ist eine Gnade, unverschuldet zu leiden ... laß dich nicht zur Ungeduld verlocken! ... Bestehe die Prüfung, denn es ist nur eine Prüfung, ich fühle es ...

Elis. Kann ein Jahr für Benjamin kürzer werden als 365 Tage?

Kristina. Ja, ein fröhlicher Sinn verkürzt die Zeit!

Elis lacht. Blase auf die Wunde, dann heilt sie, sagt man zu Kindern!

Kristina. So sei denn ein Kind, da will ich so zu dir sagen ... Denk an Mutter ... wie sie alles tragen kann!

Elis. Reiche mir deine Hand, ich versinke!

Kristina reicht ihm die Hand.

Elis. Deine Hand zittert ...

Kristina. Nein, ich fühle es nicht ...

Elis. Du bist nicht so stark, wie du dich zeigst ...

Kristina. Ich spüre keine Schwäche ...

Elis. Warum kannst du mir denn keine Kraft geben?

Kristina. Ich habe keine übrig!

Elis sieht zum Fenster hinaus. Weißt du, wer jetzt kommt?

Kristina sieht durch das Fenster, fällt auf die Knie, verzagt. Das ist zuviel!

Elis. Unser Gläubiger, der unsere Möbel nehmen kann, wenn es ihm beliebt, dieser Lindkvist, der hierher gezogen ist, um wie die Spinne mitten im Netz zu sitzen und die Fliegen zu bewachen ...

Kristina. Fliehe!

Elis steht auf. Nein! nicht fliehen! ... Jetzt, wo du schwach wurdest, ward ich stark ... Jetzt kommt er die Straße hinab ... und hat seine bösen Augen schon auf den Raub geworfen ...

Kristina. Geh wenigstens hinaus!

Elis. Nein, jetzt belustigt er mich ... Es scheint, als hellte sich sein Gesicht auf, als sähe er die Beute in der Falle ... Komm du nur! ... er zählt die Schritte bis zur Pforte und hat an der offnen Tür gesehen, daß wir zu Hause sind ... Aber jetzt begegnet er jemand und bleibt stehen, um zu plaudern ... Er spricht von uns, denn er guckt hierher ...

Kristina. Wenn er nur Mutter hier nicht begegnet, so daß sie ihn mit heftigen Worten unversöhnlich macht ... Verhüte das, Elis!

Elis. Jetzt fuchtelt er mit dem Stock in die Luft, als wolle er beteuern, daß hier nicht Gnade für Recht ergehen soll! Er knöpft den Überzieher auf, um zu zeigen, daß man ihm die Kleider noch nicht vom Leibe gezogen hat ... Ich sehe es seinem Mund an, was er sagt ... Was soll ich ihm antworten ... »Mein Herr, Sie haben recht! Nehmen Sie alles, es gehört Ihnen!« ...

Kristina. So nur sollst du sagen!

Elis. Jetzt lacht er! Aber gutmütig, nicht boshaft! Vielleicht ist er gar nicht so boshaft, wenn er auch sein Geld haben will! ... Wenn er doch jetzt kommen und seine interessante Unterhaltung zum Abschluß bringen wollte ... jetzt ist der Stock wieder in Bewegung ... Alle, die Forderungen ausstehen haben, gehen mit einem Stock und mit Gummigaloschen, die »witsch, witsch« sagen, so wie Ruten in der Luft ... Legt Kristinas Hand auf seine Herzseite ... Fühlst du, wie mein Herz schlägt ... ich höre es selbst wie einen Ozeandampfer im rechten Ohr ... Herr Gott, jetzt hat er Abschied genommen! ... und seine Galoschen! »Witsch, witsch«, wie die Fastnachtsrute ... aber er hat Berlocks! Da ist er nicht ganz verarmt! Stets haben diese Leute Berlocks aus Karneol wie altes Fleisch, das sie ihrem Nächsten aus dem Rücken geschnitten haben ... Hör doch die Galoschen ... »Nager, Nager, nag, ärger, ärger, ärgerst, witsch, witsch!« Gib acht! Er sieht mich! Er sieht mich! ... Verbeugt sich nach der Straße hinaus ... Er grüßt zuerst! Er lacht! Er winkt mit der Hand ... und ... Sinkt weinend neben dem Schreibtisch nieder ... Er ist vorübergegangen!

Kristina. Gott sei gelobt!

Elis. Er ist vorübergegangen! ... Aber er kommt wieder! ... Laß uns in die Sonne hinausgehen ...

Kristina. Und die Mittagsgesellschaft bei Petrus?

Elis. Da ich nicht eingeladen bin, so verzichte ich! Und übrigens, was hätte ich dort zwischen den Fröhlichen wohl zu tun! Einem treulosen Freund begegnen! Ich würde nur in seiner Seele leiden, so daß ich mich persönlich nicht verletzt fühlen könnte!

Kristina. Hab Dank, daß du bei uns bleiben willst!

Elis. Das tue ich am liebsten, wie du weißt! ... Wollen wir gehen?

Kristina. Ja, hier hinaus! Geht nach links ab.

Elis streichelt Benjamins Kopf, indem er an ihm vorübergeht. Mut, Junge!

Benjamin birgt das Gesicht in den Händen.

Elis nimmt die Rute vom Eßtisch und steckt sie hinter den Spiegel. Es war kein Ölzweig, mit dem die Taube kam – es war Birke!

Ab.

Eleonora aus dem Hintergrund; ein sechzehnjähriges Mädchen mit einem Zopf, der auf den Rücken herabhängt. Sie trägt eine gelbe Osterblume in einem Topf. Ohne Benjamin zu sehen oder so zu tun, als sähe sie ihn, nimmt sie die Wasserflasche vom Büfett und gibt der Blume Wasser, stellt sie auf den Eßtisch, setzt sich Benjamin gegenüber an den Eßtisch, betrachtet ihn und äfft seine Gebärden nach.

Benjamin betrachtet sie verwundert.

Eleonora auf die Osterblume zeigend. Weißt du, was das ist?

Benjamin kindlich, schlicht. Es ist eine Osterblume, das weiß ich doch! ... Aber wer bist du?

Eleonora freundlich, betrübt. Ja, wer bist du?

Benjamin wie oben. Ich heiße Benjamin und bin in Pension bei Frau Heyst.

Eleonora. Ach so! Ich heiße Eleonora und bin die Tochter des Hauses.

Benjamin. Sonderbar, daß man nie von dir gesprochen hat!

Eleonora. Von den Toten spricht man nicht!

Benjamin. Von den Toten?

Eleonora. Ich bin bürgerlich tot, denn ich habe eine sehr schlechte Handlung begangen.

Benjamin. Du?

Eleonora. Ja, ich habe Mündelgelder veruntreut – und das macht im Grunde nicht so viel, denn unrecht Gut gedeiht nicht – aber daß mein alter Vater die Schuld dafür bekam und ins Gefängnis mußte, siehst du, das kann niemals verziehen werden.

Benjamin. Wie eigentümlich und schön du sprichst ... Und nie hab ich daran gedacht, daß mein Erbe auf unrechte Weise erworben sein konnte.

Eleonora. Man soll Menschen nicht binden, man soll sie lösen.

Benjamin. Ja, du hast mich von dem Gram, betrogen zu sein, erlöst.

Eleonora. Du bist also ein Mündel ...

Benjamin. Ja, und dem das schwere Los zuteil geworden ist, bei diesen armen Menschen ihre Schuld abzusitzen.

Eleonora. Du mußt nicht so harte Worte sagen, denn dann gehe ich; ich bin so weich, daß ich nichts Hartes ertragen kann! Trotzdem ... dies leidest du nun für meine Schuld?

Benjamin. Für deines Vaters Schuld.

Eleonora. Das ist dasselbe, denn er und ich sind ein und dieselbe Person ... Pause ... Ich bin sehr krank gewesen ... warum bist du so betrübt?

Benjamin. Ich habe ein Unglück gehabt!

Eleonora. Sollst du deswegen betrübt sein? »Rute und Strafe geben Weisheit, und wer Strafe haßt, soll sterben ...« Was für ein Unglück hast du denn gehabt?

Benjamin. Ich bin im Lateinischen, im Schriftlichen durchgefallen – obwohl ich ganz sicher war.

Eleonora. So, du warst also ganz sicher, so sicher, daß du darauf wetten konntest, daß du durchkommen würdest?

Benjamin. Das habe ich auch getan!

Eleonora. Ich konnte mir das denken! Siehst du, es ging so, weil du zu sicher warst.

Benjamin. Glaubst du, daß das die Ursache war?

Eleonora. Sicher war sie das! Hochmut kommt vor dem Fall!

Benjamin. Dann werde ich das nächste Mal daran denken.

Eleonora. Das ist recht gedacht; und das Opfer, das Gott gefällt, ist ein betrübtes Herz.

Benjamin. Gehörst du zu den Betern?

Eleonora. Ja, ich bin Beterin!

Benjamin. Ich meine, bist du gläubig?

Eleonora. Ja, ich meine dasselbe. Und wenn du schlecht von Gott, meinem Wohltäter, redest, so sitze ich nicht an demselben Tisch mit dir!

Benjamin. Wie alt bist du?

Eleonora. Für mich gibt es weder Zeit noch Raum; ich bin überall und zu jeder Zeit! Ich bin in meines Vaters Gefängnis und in meines Bruders Schulzimmer, ich bin in der Küche meiner Mutter und in dem Laden meiner Schwester, weit weg in Amerika. Wenn es meiner Schwester gut geht und sie viel verkauft, so fühle ich ihre Freude, und geht es ihr schlecht, so leide ich; am meisten aber leide ich, wenn sie unrecht handelt. Benjamin, du heißt Benjamin, weil du der jüngste von meinen Freunden bist ... ja, alle Menschen sind meine Freunde ... willst du mir erlauben, daß ich dich aufnehme, so werde ich auch für dich leiden.

Benjamin. Ich verstehe eigentlich nicht die Worte, die du sagst, aber es scheint mir, als fasse ich den Sinn deiner Gedanken. Und fortan will ich alles, was du willst!

Eleonora. Willst du dann damit anfangen, die Menschen nicht mehr zu verurteilen, selbst wenn sie überführte Verbrecher sind? ...

Benjamin. Ja, aber ich will einen Grund dafür haben! Ich habe Philosophie studiert, mußt du wissen!

Eleonora. Ach, wirklich! Da sollst du mir helfen, dies zu deuten, was ein großer Philosoph gesagt hat. Er sagt nämlich: »Die den Gerechten hassen, die sollen schuldig werden.«

Benjamin. Aller Logik nach bedeutet das, daß man dazu verurteilt werden kann, ein Verbrechen zu begehen ...

Eleonora. Und daß das Verbrechen selbst eine Strafe ist.

Benjamin. Das ist wirklich tief! Man könnte glauben, daß es Kant oder Schopenhauer wäre.

Eleonora. Kenne ich nicht!

Benjamin. In welcher Schrift hast du das gelesen?

Eleonora. In der Heiligen Schrift.

Benjamin. Wirklich? Steht das so da?

Eleonora. Welch ein unwissendes, verwahrlostes Kind du bist! Wenn ich dich erziehen dürfte!

Benjamin. Du Kleine!

Eleonora. Aber es ist sicher nichts Böses an dir! Du siehst viel eher gut aus ... Wie heißt dein Lehrer im Lateinischen?

Benjamin. Lektor Algren.

Eleonora. Das werde ich mir merken! ... Ach, jetzt geht es meinem Vater sehr schlecht! Sie sind häßlich gegen ihn. Steht still, als lausche sie. Hörst du, wie es in den Telephondrähten singt ... das sind die harten Worte, die das weiche schönrote Kupfer nicht vertragen kann ... wenn die Menschen einander im Telephon verleumden, so klagt das Kupfer, und klagt an ... – Hart – und jedes Wort wird in das Buch geschrieben ... und am Ende der Zeit kommt die Rechnung!

Benjamin Wie strenge du bist!

Eleonora. Nicht ich, nicht ich! Wie dürfte ich wohl wagen, strenge zu sein? Ich, ich? Sie geht an den Ofen und öffnet die Klappe, holt einige zerrissene Fetzen weißen Briefpapiers heraus.

Benjamin steht auf und sieht in die Papiere hinein, die Eleonora auf dem Eßtisch ordnet.

Eleonora für sich. Daß Menschen so gedankenlos sind und ihre Geheimnisse in Öfen legen ... Wohin ich komme, gehe ich gleich an den Ofen! Aber ich mißbrauche es nie. Das könnte ich gar nicht wagen, denn dann würde mir elend werden! ... Was ist denn dies? Liest.

Benjamin. Es ist Lizentiat Petrus, der schreibt und Kristina ein Stelldichein vorschlägt ... Das habe ich schon lange erwartet.

Eleonora legt die Hand über die Papiere. Ach, du, was hast du erwartet? Sprich, du schlechter Mensch, der du nur Schlechtes glaubst! Dieser Brief hat sogar Gutes im Gefolge, denn ich kenne Kristina, die meine Schwägerin werden wird. Und dies Stelldichein soll ein Unglück von Bruder Elis abwenden ... Willst du mir versprechen, daß du schweigst, Benjamin?

Benjamin. Ich glaube, ich würde es gar nicht wagen, darüber zu reden!

Eleonora. Wie unrecht die Menschen handeln, die Geheimnisse haben ... Sie dünken sich Weise, und sie sind Toren! ... Aber was soll ich da machen?

Benjamin. Warum bist du neugierig?

Eleonora. Siehst du, das ist meine Krankheit, daß ich alles wissen muß, sonst werde ich unruhig ...

Benjamin. Du mußt alles wissen?

Eleonora. Das ist ein Fehler, den ich nicht überwinden kann. Aber ich weiß sogar, was die Stare sagen.

Benjamin. Die können doch nicht sprechen?

Eleonora. Hast du niemals Stare gehört, die man sprechen gelehrt hat?

Benjamin. Ja, die man es gelehrt hat!

Eleonora. Folglich können Stare sprechen lernen! Nun gibt es solche, die es sich selbst lehren oder Autodidakten sind ... sie sitzen da und lauschen, weißt du, ohne daß wir es wissen, und dann sprechen sie es nach. Ich hörte vorhin, als ich kam, zwei im Wallnußbaum, da saßen sie und schwatzten.

Benjamin. Wie lustig du bist! Aber was sagten sie denn?

Eleonora. Ja! »Petrus!« sagte der eine. – »Judas!« sagte der andre. – »Einerlei!« sagte der erste. – »Pfui, pfui, pfui!« sagte der andre. Aber hast du beachtet, daß die Nachtigallen nur in dem Garten der Taubstummen hier nebenan singen?

Benjamin. Ja, das ist eine bekannte Sache. Warum tun sie das?

Eleonora. Weil die, die Gehör haben, nicht hören, was die Nachtigallen sagen; aber die Taubstummen hören es!

Benjamin. Erzähle mehr Märchen!

Eleonora. Ja, wenn du lieb bist!

Benjamin. Wie lieb?

Eleonora. Ja, du sollst dich bei mir nie an die Worte hängen und niemals sagen: so sagtest du da und da sagtest du so ... Soll ich mehr über Vögel sprechen? Es gibt einen bösen Vogel, der heißt Mäusebussard; wie man an dem Namen hören kann, lebt er von Mäusen. Aber da er ein häßlicher Vogel ist, soll es ihm schwer werden, Mäuse zu fangen. Daher kann er nur ein einziges Wort sagen, und das klingt, als wenn die Katze »Miau« sagt. Wenn nun der Bussard »Miau« sagt, dann verstecken sich die Mäuse schnell ... aber der Bussard versteht nicht, was er selbst sagt – aber ohne Nahrung bleibt er oft, denn er ist garstig! – Willst du noch mehr hören? Oder soll ich von Blumen reden? ... Weißt du, als ich krank war, mußte ich eine Medizin aus Bilsenkraut einnehmen, die die Eigenschaft hat, das Auge zu einem Vergrößerungsglas zu machen ... Belladonna dahingegen bewirkt, daß man alles verkleinert sieht ... Nun ja, ich kann weiter sehen als andre, und ich kann die Sterne am hellen Tage sehen.

Benjamin. Aber die Sterne stehen ja nicht am Himmel!

Eleonora. Wie drollig du bist! Die Sterne stehen ja immer am Himmel ... und jetzt sitze ich nach Norden und sehe die Cassiopeja, die aussieht wie ein ›W‹ und mitten in der Milchstraße sitzt ... Kannst du die sehen?

Benjamin. Nein, das kann ich nicht!

Eleonora. Beachte nun, daß der eine Mensch das sehen kann, was der andre nicht sieht ... sei deswegen deiner Augen nicht allzu sicher! ... Jetzt wollen wir von dieser Blume sprechen, die hier auf dem Tisch steht ... Es ist eine Osterblume, die in der Schweiz zu Hause ist ... sie hat einen Kelch, der Sonnenlicht getrunken hat, daher ist er gelb und stillt Schmerzen ... Ich ging vorhin an einem Blumenladen vorüber, sah sie und wollte sie Bruder Elis schenken ... Als ich vom Torweg aus in den Laden hineingehen wollte, fand ich die Tür verschlossen ... es ist nämlich heute Konfirmation ... Da ich die Blume haben mußte, zog ich meine Schlüssel heraus und versuchte ... stell dir vor, daß mein Türschlüssel paßte ... Ich ging hinein ... Ja, verstehst du die stumme Sprache der Blumen? Jeder Duft drückt eine ganze Menge Gedanken aus, und diese Gedanken überfielen mich; und mit meinem vergrößernden Auge sah ich in ihre Werkstätten hinein, die niemand gesehen hat. Und sie sprachen zu mir über ihre Sorgen, die der unverständige Gärtner ihnen bereitet hatte – ich sage nicht der grausame – denn er ist nur gedankenlos! ... Dann legte ich eine Krone und meine Karte auf den Ladentisch – nahm die Blume und ging.

Benjamin. Wie gedankenlos! Wenn man nun die Blume vermißt und das Geld nicht findet?

Eleonora. Das ist wahr! Du hast recht.

Benjamin. Ein Geldstück, kann ja wegkommen, und wenn man nur deine Karte findet, so bist du verloren!

Eleonora. Aber niemand kann doch glauben, daß ich etwas habe nehmen wollen?

Benjamin sieht sie scharf an. Meinst du?

Eleonora sieht ihn an und erhebt sich. Ach, ich weiß, woran du denkst! Wie der Vater, so das Kind! Wie gedankenlos ich gewesen bin! Wie? ... Nun, was geschehen soll, geschieht! Setzt sich. Mag es denn geschehen.

Benjamin. Kann man das denn nicht ordnen ...

Eleonora. Still! laß uns von etwas anderm sprechen!... Lektor Algren ... Armer Elis! Wir sind alle zu bedauern! Aber es ist Ostern, und wir sollen leiden. Morgen ist ja Konzert? Und sie spielen Haydns Sieben Worte am Kreuz!

»Mutter, siehe deinen Sohn!« Sie birgt ihr Gesicht weinend in den Händen.

Benjamin. Was für eine Krankheit hast du gehabt?

Eleonora. Diese Krankheit führt nicht zum Tode, sie ist zu Gottes Ehre! »Ich erwartete das Gute, und das Böse kam; ich erwartete das Licht, und die Finsternis kam!« ... Wie war deine Kindheit, Benjamin?

Benjamin. Ich weiß nicht. Mühselig! Und die deine?

Eleonora. Ich habe nie eine Kindheit gehabt. Ich bin alt geboren ... Ich wußte alles, als ich geboren wurde, und wenn ich etwas lernte, war es nur, als erinnere ich mich. Ich kannte die Menschen ... Gedankenlosigkeit und Unverstand, als ich vier Jahre alt war, und deswegen war man häßlich gegen mich!

Benjamin. Es ist mir, als hätte auch ich alles, was du da sagst, gedacht!

Eleonora. Das hast du sicher getan! ... Warum glaubtest du, daß mein Geldstück im Blumenladen verschwunden sein sollte?

Benjamin. Weil das, was verdrießlich ist, immer geschehen wird!

Eleonora. Das hast du auch erfahren? ... Still, jetzt kommt jemand! Sieht in den Hintergrund hinaus. Ich höre ... daß es Elis ist! ... Ach, so lieb! ... Mein einziger Freund auf Erden! ... Ihre Miene verfinstert sich. Aber er erwartet mich nicht! Und er wird sich nicht freuen, wenn er mich sieht! Nein, er wird sich nicht freuen! ... Sicher nicht! – Benjamin, Benjamin, zeige ein fröhliches Gesicht und ein ruhiges Gemüt, wenn mein armer Bruder kommt. Ich gehe hier hinein, da kannst du ihn auf mein Herkommen vorbereiten. Aber keine harten Worte, das tut mir so weh, hörst du! Gib mir deine Hand!

Benjamin reicht ihr die Hand.

Eleonora küßt ihn auf den Kopf. So! Jetzt bist du mein kleiner Bruder! Gott segne und behüte dich! Ab nach links, streichelt im Vorübergehen liebevoll den Ärmel von Elis' Überzieher. Armer Elis!

Elis, aus dem, Hintergrund, bekümmert.

Frau Heyst kommt aus der Küche herein.

Elis. Sieh, da bist du, Mama!

Frau Heyst. Warst du es? Mir deuchte, als hörte ich eine fremde Stimme!

Elis. Ich habe eine Neuigkeit! Traf den Advokaten auf der Straße!

Frau Heyst. Nun?

Elis. Die Sache soll jetzt ans Hofgericht gehen ... und um Zeit zu sparen, muß ich alle Gerichtsprotokolle durchlesen.

Frau Heyst. Nun, das wirst du bald erledigen!

Elis zeigt auf die Akten auf dem Schreibtisch. Ach! ich glaubte, es sei vorbei; und nun muß ich mich durch diese ganze Leidensgeschichte hindurchquälen – durch alle Anklagen, alle Zeugenaussagen, alle Beweise! Noch einmal!

Frau Heyst. Ja, aber dann wird er vom Hofgericht freigesprochen.

Elis. Nein, Mutter; er hat ja gestanden!

Frau Heyst. Ja, aber das kann eine Formel sein; das sagte der Advokat das letzte Mal, als ich bei ihm war.

Elis. Das hat er gesagt, um dich zu trösten!

Frau Heyst. Willst du nicht fort zu der Mittagsgesellschaft?

Elis. Nein!

Frau Heyst. Nun hast du deinen Entschluß wieder geändert?

Elis. Ja!

Frau Heyst. Das ist nicht gut!

Elis. Ich weiß es, aber ich werde ja hin und her geschleudert wie ein Spahn zwischen Sturzseen.

Frau Heyst. Es war mir ganz bestimmt, als hörte ich eine fremde Stimme, die ich wieder erkannte! – Aber ich habe mich wohl verhört! Zeigt auf den Überzieher. Der Rock soll da nicht hängen, hab ich gesagt! Ab nach rechts.

Elis geht nach links hinüber, erblickt die Osterblume auf dem Eßtisch. Zu Benjamin: Woher ist die Blume gekommen?

Benjamin. Ein junges Mädchen hat sie gebracht.

Elis. Ein junges Mädchen! Was ist denn das? Wer war es?

Benjamin. Es war ...

Elis. War es ... meine Schwester?

Benjamin. Ja!

Elis sinkt am Eßtisch nieder.

Pause.

Elis. Hast du mit ihr gesprochen?

Benjamin. Freilich!

Elis. Ach Gott, ist es denn noch nicht bald genug! War sie häßlich gegen dich?

Benjamin. Häßlich? Nein, sie war lieb, ach, so lieb!

Elis. Sonderbar! ... hat sie von mir gesprochen? War sie sehr böse auf mich?

Benjamin. Nein! Im Gegenteil! Sie sagte, Sie wären ihr bester, einziger Freund auf Erden ...

Elis. Welche sonderbare Veränderung!

Benjamin. Und als sie ging, streichelte sie den Arme! des Rockes da ...

Elis. Als sie ging? Wohin ging sie?

Benjamin zeigt auf die Tür links. Da hinein!

Elis. Sie ist also da?

Benjamin. Ja.

Elis. Du siehst so froh und freundlich aus, Benjamin.

Benjamin. Sie sprach so schön zu mir ...

Elis. Wovon sprach sie?

Benjamin. Sie erzählte Märchen, und dann war da viel über Religion ...

Elis erhebt sich. Das dich froh gestimmt hat?

Benjamin. Ja!

Elis. Arme Eleonora, die selbst so unglücklich ist und andern Freude bereiten kann! Ab nach links, zögernd. Gott helfe mir!

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