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Osmund Werneking

Wilhelm Jensen: Osmund Werneking - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Jensen
titleOsmund Werneking
seriesAus den Tagen der Hansa
volumeBand 2
publisherH. Haeffel Verlag
printrunSechste bis achte Auflage
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20070910
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Es war eine liebenswürdig eingekleidete Aufforderung, den Vater mit seiner Tochter nach ihrem Unfall und seiner langen Abwesenheit allein zu lassen. Osmund Werneking stand einen Augenblick im Begriff, dem erstem die nahe Verbindung, in die er mit ihr geraten, kundzugeben, verschob in seiner Erwägung jedoch diese Mitteilung schnell auf gelegenere Stunde und nahm von dem Bischof, dessen Behaben ihn äußerst einnehmend angemutet hatte, Abschied. Dann verneigte er sich freundlich vor Tove, die ohne Worte auf der Schwelle stehen geblieben war. Sie hatte indes ihr seltsames, wie schlafwandelndes Wesen noch nicht abgelegt und erwiderte seinen Gruß nicht; nur in ihren gegen ihn gerichteten Augen irrte ein stummes Leben, als suchten sie ihn mit dem regungslosen Blick einer tödlich betäubenden Angst festzuhalten. Er sah noch, wie der Bischof ihren Arm faßte, sie in ihre Stube hineinführte und die Tür hinter sich schloß; nun ging er, und erst die ausgestreckte Hand Vrouke Tokkesons erinnerte ihn noch an ihre Gegenwart. Ihr die gewohnte Gabe darreichend, fügte er leise hinzu: »Sorge, daß ich Tove morgen noch einmal ohne Vorwissen ihres Vaters zu sprechen vermag.«

Die Alte stutzte verwundert und wiederholte: »Ihres Vaters? Welches Vaters?«

Osmunds Kopf vollzog eine leicht deutende Bewegung nach der Stube des Mädchens. »Wenn du es verhehlen mußt, so tu's!«

Er wollte die Außentür durchschreiten, doch nun hielt Vrouke Tokkesons knochige Hand ihn und sie flüsterte:

»Glaubt Ihr, die schöne Sigburg sei des Herrn Bischofs Liebste gewesen? Da müßte sie an einem bartlosen Knaben Gefallen gehabt haben.«

Ihr verrunzelter Mund lachte trocken-heiser; einen Augenblick war auch Osmund bei der jugendlichen Erscheinung Torlefs der nämliche befremdende Gedanke gekommen, und unwillkürlich erwiderte er:

»Ist der Bischof nicht ihr Vater? Wer denn?«

Die Alte hob sich an sein Ohr: »Ihr seid freigebig, Herr – gestern sagtet Ihr, daß Ihr es wüßtet, was sie selbst nicht weiß –«

Ungeduldig befriedigte er die Habgier ihrer wieder vorgestreckten Hand. »Sprich, womit du mich belügen willst?«

»Glaubt es, oder nicht, Herr, ich sprach Euch, sie stamme von edlerm Blut und sei wohl Goldes wert, denn sie ist zur Stunde noch ein Mädchen, wie die schöne Sigburg es war, ehe sie –«

Vrouke Tokkeson legte die Lippen dichter an sein Ohr und raunte einige Worte hinterdrein. Dann stand Osmund Werneking halb sinnbetäubt auf der nächtig dunkel gewordenen Gasse. Der Mund der Alten hatte ihn nicht belogen, sein eigenes Auge und Ohr hatten ihm Zeugnis für die Wahrheit ihrer Aussage abgelegt. Auch Tove Sigburgdatter war nicht nur ein Königskind vom Blute Waldemars Atterdag her, sondern auch ihr Vater ein König, denn es war derselbe, dem Wilma Oldigson ihr bangendes Leben verdankte.

* * *

Ein Tag hatte mit nebelndem Übergang den kurzen Sommer Bergens beendet und in frühen, rauhen Herbstbeginn umgewandelt. Von schweren, jagenden Wolkenmassen fiel trübes Licht, aus Südwest her peitschte scharfer Wind in pfeifenden Stößen die bis dahin ruhige Wasserfläche des Waagfjordes, daß die Wellen weißmähnig an den düstern Felswänden und bis zum Fuß des alten Turmes König Olaf Kyrres aufklatschten. Doch Osmund Werneking freute sich des lauten Luftaufruhrs, denn dieser mußte die Ankunft der von Lübeck erharrten Kogge beschleunigen und entsprach besser als sonnige Stille seinen eigenen, sich unruhvoll überstürzenden Gedanken. Alles Trachten in ihm vereinigte sich zu dem einzigen Begehren, mit Wilma Oldigson auf sicherm Schiffe Bergen hinter seinem Rücken zu lassen, das zumal jetzt unter der bleiernen Himmelsdecke ihn mit dem steten Erneuern einer unheimlichen Empfindung ansah. Er fühlte sich fremd wie am ersten Tage in der wilden nordischen Welt, zwischen deren starrenden Abgründen unbekannte, heimliche, lichtscheue Pläne lauerten, denen er nach seiner Sendpflicht entgegenzuwirken ohnmächtig und verlassen dastand. Gar anders offenbar noch, als man zu Lübeck vermutete, handelten hier die Leiter des hansischen Kaufhofes in Gemeinsamkeit mit den Schustern nach eigenem Gutdünken und Verlangen, setzten im stillen gleichgültig und selbstherrlich ihre Absichten den Vorschriften des Städtebundes entgegen. Osmund wollte für die nur noch kurze Dauer seines Aufenthaltes nicht in Erfahrung bringen, was zu hindern doch nicht in seinen Kräften liegen konnte; seiner Aufgabe hatte er genügt, um ausreichend Bericht an der Trave über den Zustand in Bergen abzustatten. Er vermied, mit Tiedemann Steen und den andern Oldermännern zusammenzutreffen, spann sich nur in sorgliche Erwägung dessen, was ihm für sich selbst zu tun oblag, ein. Schon in der Nacht hatte er bereut, der Furchtsamkeit Wilmas vor ihrem Vater nachgegeben und sie nochmals auf das Piratenschiff zurückgelassen zu haben. Er sagte sich, welcherlei Grund die Oberherren des Kaufhofes besitzen möchten, den Wünschen der Vitalienbrüder zu willfahren, so würden sie es dennoch nicht wagen, ihm seine Braut offen, gewaltsam zu entreißen, wenn das Schreiben Herrn Marquart Pleskows ihn als Vollmachtsabgesandten des Lübecker Rates kundgebe, und er faßte den Entschluß, Wilma bei der heutigen Zusammenkunft unweigerlich mit sich zur Stadt herunterzuführen, für die voraussichtlich nur noch wenigen Tage an geeigneter Stelle zu verbergen. Als solch passendster Ort erschien ihm die Wohnung ihrer unbekannten Halbschwester, wo er sie obendrein unter den Schutz des Bischofs stellen konnte, der sich Toves elternloser Verlassenheit in so christlich-menschlicher Warmherzigkeit erbarmt und ohne verknüpfende Bande des Blutes zwischen ihm und ihr die fremde Waise in seine väterlich sorgende Obhut genommen hatte. Dort vermochte Wilma, wenn sie an Höhe der Gestalt auch den kindlich-schmächtigen Wuchs Toves beträchtlich überragte, doch von der letztern die Kleider ihres Geschlechtes anzulegen, und vielleicht – das Herz des Nachdenkenden klopfte stürmisch auf – ward es möglich, daß der Bischof während des Aufenthaltes die priesterliche Weihe über ihre Verbindung sprach und er sie schon als sein junges Eheweib mit sich zur Rückfahrt nach Wismar aufs Meer hinausnahm. Dann begleitete Tove sie, die keinen Vater verließ, der Rechte an sie besaß und mit Liebe an ihr hing, zog an der Seite ihrer Schwester in die einzige wirkliche Heimat, welche die Erde ihr bot. Ein Wogen des Glückes erfüllte Osmund Wernekings Brust, er konnte den Nachmittag kaum erwarten, um sich zur Ausführung des ersten Schrittes seiner reiflich überdachten Pläne auf den Weg zu machen. Der Wind steigerte sich noch mehr und mehr und trieb ihn wie mit breiter, stützender Handfläche den Berg hinan und weiter über die Steinhalden, so daß er, gleichsam von äußern und innern Flügeln fortgetragen, schneller als sonst sein Ziel erreichte. Wilma befand sich noch nicht dort; wohl eine Stunde verging, aber sie kam nicht. Er stand lauschend am Rande ihres Abstiegs, doch nur der Wind wirbelte sich unter ihm winselnd und stöhnend in die dunkle Felskluft hinab; von immer quälenderer Unruhe gepackt, setzte er halb unbewußt den Fuß weiter vor und ließ sich über die Steinzacken, die eine Art von der Natur ausgehöhlter Treppe bildeten, nieder. Innerlich mußte er über die behende Gewandtheit und den Mut des Mädchens staunen, das diesen Weg ausgekundschaftet und täglich furchtlos zurückgelegt, um droben eine Stunde in der Einsamkeit und im Licht des Sonnenunterganges verweilen zu können; fast überall stürzte ein Fehltritt auf den schmalen Stufenvorsprüngen unrettbar in den Abgrund. Von seiner drängenden Hast getrieben, sah er jedoch eher, als er erwartet, das Wasser des schmalen Nords unter seinen Füßen und sich unverkennbar auf die ebene Felsbank niedergelangt, die ihn weiter rechtshin in der Nacht zum Ankerplatz des Schiffes entlang geführt hatte. Behutsam verfolgte er die Richtung bis zu der ihm bekannten Stelle, wo die hoch überragende Wand scheinbar den Weg versperrte. Dort harrte er wiederum geraume Weile, doch zuletzt duldete der angstvolle Schlag seines Herzens keine Untätigkeit mehr. Es pochte ihm, daß alles gleich sei, nur zu ihr müsse er – gleichgültig, ob er entdeckt werde und sein Leben nur durch einen Eidschwur retten könne, selbst für immer als Seeräuber mit auf dem Schiffe zu verbleiben – und vorschreitend, bog er den Kopf um den jähen Felsrand, an dem die wachsamen Wolfsrüden ihm entgegengefahren. Da lag rundum nur ödes, leeres, wind- und wellenumbraustes Geklipp vor ihm, die Piratensnigge war aus dem Fjord verschwunden.

Das war's gewesen, was sein Herz gestern mit einem kalten Schauer durchrüttelt, als die Schatten über sie gefallen und ihr goldenes Haar seinen Augen entrückt – er hatte sie zum letztenmal gesehen.

Es war Abend, als Osmund Werneking halb der Besinnung bar, wieder in Bergen eintraf. Mechanisch trug sein Fuß ihn nach dem Hause Toves, er wußte nicht, was er dort wollte, aber er konnte das einsame Brüten seiner Gedanken nicht länger ertragen, mußte die Stimme eines andern Menschen hören, mit ihm reden, um der unablässigen Selbstanklage seines Herzens, daß er Wilma gestern mit frevelhafter Torheit von sich gelassen, zu entrinnen. Zweifellos hatten ihre Schiffsgenossen sie bei dem günstigen Wind so plötzlich mit dem Entscheid, ins Meer auszulaufen, überrascht, daß ein Davonkommen ans Ufer ihr nicht mehr möglich gefallen. Der Wind schwoll immer mehr zum Sturm; auch das, sie in der Nähe der Schären auf der wütenden See zu wissen, betäubte Osmund mit sinnberaubender Angst. Nun stand er vor dem Hause Toves, es fiel kein Lichtschein heraus, er faßte die Tür und trat hinein, drinnen empfing ihn lautlose Stille, keine Kohlen glommen auf dem Herd. Ebenso verlassen sah in der tiefen Dämmerung die Stube des Mädchens ihn an; unbewegt stand alles wie sonst um ihn, doch die Bewohnerin war daraus verschwunden, gleichwie Wilma Oldigson drüben aus dem Fjord. Ungewohnt schimmerte nur etwas Weißes vom Boden, als er sich danach bückte, erwies es sich als Stücke des kunstvollen Elfenbeinkruzifixes. Dies mußte von der Wand herabgefallen sein; auffällig war, daß es in so viele Scherben zersprungen, wie wenn ein Fuß sich darauf gesetzt und es absichtlich zertrümmert habe. Doch Osmund Werneking verweilte mit keinerlei Nachsinnen dabei. Wohin waren Tove und Vrouke Tokkeson? Alles regte den Eindruck, daß die beiden Räume des Hauses schon den Tag hindurch so vereinsamt dagelegen. Er schritt wieder hinaus, mühsam gegen den wachsenden Sturm, der das Holzgebälk der normännischen Gebäude rüttelte, daß ein unausgesetztes Knattern und Krachen die Gassen durchlief. Im Dunkel streiften ihn fast zwei eilfertig ausschreitende Männergestalten. »Die Nacht wird gut,« sagte der eine; der andere erwiderte lachend: »Gebe der Himmel bessern Tag danach, die Schrift sagt, seid früh wachsam und betet!« Ihr Schritt verklang rasch in dem Getöse umher; der Bischof Torlef hatte das letztere entgegnet, auch die Stimme des ersten hatte Osmund schon einmal vernommen. Ohne daß er darüber dachte, rief sie ihm im Ohr das Gedächtnis wach, es war Herr Oluf Nielsen, der Stadtvogt Königs Christoph zu Bergen gewesen. Der zum Kaufhof zurück Trachtende ging weiter, kurz danach schlug aus der Höhe ein Holzdach dicht vor ihm auf den Weg herunter. Unwillkürlich bog er gegen das Gebäude an der andern Seite hinüber, hielt jedoch im nächsten Augenblick an und sprach laut: »Wozu? Hätt' es mich getroffen, wäre die Qual vorüber.« Aber noch ins letzte Wort traf dichther ein Ruf seines Namens ihm ans Ohr, daß sein Kopf mit einem plötzlichen Ruck herumflog. Wie die Stimme Wilmas hatte es geklungen; über sich, in offener Fensterhöhlung eines größeren Hauses, gewahrte er den weißlichen Schimmer eines Gesichts, von dem es jetzt gedämpft niedersprach: »Du bist's!« Da war es der täuschende Stimmenklang Toves, er erwiderte: »Ich habe dich gesucht, wie kommst du hierher?« Dann erkannte er die Wohnung des Bischofs Torlef und fügte drein: »Warum bist du hier?«

Doch der ungewiß rinnende Schein des Antlitzes gab hastig geflüsterte Antwort: »Geh – daß er dich nicht sieht!«

»Wer soll mich nicht sehen?« Ihm entflog schwermütig von den Lippen: »Komm mit mir, Tove, und bleib bei mir, ich bin so allein und fürchte mich vor der Nacht.«

»Du fürchtest dich? – ich tu's mehr.« Es kam von ihrem unsichtbaren Munde mit dem klagend irren Ton, an dem man hörte, daß ein Schaudern ihre Glieder durchrüttele. Sie stand einen Augenblick verstummt, dann wiederholte sie geheimnisvoll raunend: »Geh – hüte dich vor dem Sturm! Er will über uns – ich muß hier bleiben – ich muß wissen, eh' der Morgen kommt, was er will – um jeden Preis –«

Die sinnlose Unverständlichkeit der Worte, der Klang ihrer Stimme redeten Osmund Werneking, daß vermutlich der wilde Aufruhr des Himmels und der Erde einen Anfall ihrer Gemütsirre über sie gebracht. Auch sein Kopf war dumpfverworren, er entgegnete: »So leg' dich zum Schlaf, Tove, und hab' bessere Nacht als ich.«

Osmund wandte den Fuß, doch nun scholl noch einmal der Ruf seines Namens, und danach stießen die Lippen des Mädchens hervor: »Du gehst – ?«

Eine namenlose, flehende Angst zitterte aus der Frage und drehte ihm nochmals die Stirn. »Was soll ich?« erwiderte er. »Du heißt mich ja gehen!«

Sie murmelte, »Nichts – der Sturm kommt – du kannst mir nicht helfen!« Etwas lauter fragte sie drein: »Bist du im Lübecker Garten heut nacht?«

»Wo sollt' ich sonst sein?«

»So leb' wohl, Osmund –«

»Warum fragst du?« versetzte er unwillkürlich, doch wie er aufblickte, war der Schimmer in der schwarzen Fensterhöhlung verschwunden. Der umdunkelte Geisteszustand Toves tat ihm weh, aber das Bangen und Schmerzgefühl seines eigenen Herzens überdrängten die Regung des Mitleids in ihm. Vergeblich die Gedanken seines Kopfes umwälzend, wie den ganzen Nachmittag hindurch, setzte er den Weg zum Kaufhof fort. Auf der Brücke über die Elligaa faßte der Wind ihn, daß er sich nur mit Anstrengung zu halten vermochte; es konnte noch kaum über die neunte Abendstunde hinaus sein, doch in der Schustergasse war es ungewöhnlich leer und geräuschlos. Unangefochten ruhig gingen hier und dort die englischen und niederländischen Kaufleute ihren Behausungen zu, nur an einer Stelle vertrat eine kleine lärmende Rotte trunkener Schuster einigen mit dem üblichen Hohn und Schimpf den Weg. Aber gleich darauf tönten die Stimmen mehrerer hansischer Oldermänner drein, die der Zufall noch auf die Gasse hinausgeführt haben mußte. Gebieterisch, mit scharfem Tadel und unter Drohung schwerer Strafe verwiesen sie den Ruhestörern ihren Angriff auf die friedfertigen Außenhansen, einer zog sogar sein Schwert und trieb mit flachen Klingenhieben den metberauschten, unbotmäßigen Haufen auseinander. Diese strenge Aufrechterhaltung der Ordnung, Straßensicherheit und Gerechtsame der nichtdeutschen Handeltreibenden durch die hochfahrenden, hansischen Oldermänner selbst hätte unter gewöhnlichen Umständen für Osmund Werneking etwas Auffälliges und Befremdendes besessen, jetzt schritt er gedankenlos dran vorüber. Ein feiner Staubregen begann herabzusprühen, als er den Kaufhof erreichte; auch in diesem ging es außergewöhnlich still zu, er vernahm vom Schütting her die Stimme Herrn Tiedemann Steens, der frühes Auslöschen des Feuers und der Lampen in der Sturmnacht gebot. Ohne Aufenthalt begab er sich vorbei auf seine Stube, suchte im Dunkel tastend sein Lager und warf sich hin. Das Gehirn schmerzte ihm von fruchtlos peinigender Anstrengung, er wollte nicht mehr denken, nur schlafen, einige Stunden vergessende Ruhe. Aber diese kam ihm nicht, Körper und Seele befanden sich in gleicher fieberhafter Erregung. Das Gebälk um ihn rüttelte, knisterte und krachte unter der Wucht heulender Sturmflöße, jeder Ton, jede Erschütterung pflanzten sich in seinem Kopf fort und riefen dort Bilder, Empfindungen, Gedankenketten wach. Seine Hand zog das Bärenfell dichter über sich, die Berührung desselben mit seinem Gesicht weckte ihm das Gedächtnis an Tove, wie sie drin eingehüllt drüben auf der Bank gesessen. Er gewahrte sie vor sich, nun hier, nun dort, in der Mondnacht, regungslos am Berghang hingestürzt, hörte sie mit klagender Stimme reden und sah sie zusammenschaudern. Als ein Einschlag der Fäden seines Hirns kreuzte ihm plötzlich die Frage dazwischen: Weshalb hatte sie ihre Wohnung verlassen und war im Hause des Bischofs? Ab und zu mußte ein flüchtiger Halbtraum über ihn geraten, denn jetzt ward er sich bewußt, daß ein sinnloses Bild vor seinen Augen gegaukelt. Tove hatte in ihrer Stube gestanden, das kostbare Elfenbeinkruzifix von der Wand gerissen, auf den Estrich niedergeschmettert und in irrer Anwandlung mit todbleichem Gesicht gewaltsam den Fuß darauf gestoßen, daß die Trümmer umherflogen. Nun war er wieder voll wach, doch noch immer unter dem Zwang des Traumgebildes, das seine Vorstellung an ihr festhielt, ihn willenlos trieb, ihr zu folgen, sie zu suchen. Wo befand sie sich in diesem Augenblick und was tat sie? Einen Moment antwortete vernünftige Besinnung in ihm: Sie schläft – was sonst? Hoffentlich hat ihr armer Kopf besser Ruhe als meiner. Aber schon drängte die Einbildung wieder phantastische Fieberverworrenheit drüber. Seine geschlossenen Augen hatten sie in einem fremden Raum gefunden, jemand stand neben ihr, dem sie mit todesangstvollem Blick schaudernd ins Gesicht sah. Er streckte die Hand nach ihr und sprach: »Es ist dein Los, du mußt die Schuld deiner Urmutter sühnen; heut kannst du's, morgen ist es zu spät.« Nun hob sie langsam die geisterhaft blutlosen Lippen zu ihm empor – da flackerte ein Kienspan von einem Sturmstoß heller auf, und es war nicht Tove, sondern Wilma Oldigson, die in jungfräulichen Gewändern und mit blühenden Wangen vor dem Bischof Torlef kniete. Segnend legte er ihr die Hand auf das bekränzte Goldhaar und Osmund selbst kniete mit an ihrer Seite – aber im Nu zerstob alles, der Sturm hatte das Haus zusammengebrochen, Himmel und Erde waren verschwunden, ringsum nur ein weißschäumendes, zischendes, wutbrüllendes Meer. Fast im Gischt und Geifer verschwindend, schoß ein Schiff mit braunrotem Segelwerk über die schnaubenden Wogenkämme, darauf stand Bartholomes Voet mit Oluf Nielsen Arm in Arm, der narrenhafte Dänenkönig streckte gebieterisch die Hand und rief den Wellen zu: »Ich bin euer Herr, küsset meine Schuhe!« und vorn am Bug schrie Wisimar Werneking: »Wo bist du, Detmar? Komm mit, wenn unseres Altervaters Blut in dir ist!« Doch nun kam berghoch eine Woge, schlug bis zum Mastkorb hinan, Geschrei brach auf: »Wir sind in den Schären!« Aus den Rahen riß die gierige Wassermasse den blonden Scheitel Wilma Oldigsons mit in die schlingende Tiefe –

Mit einem Schrei flog Osmund Werneking aus seinem Angsttraum vom Lager in die Höh'. Ein erstes falbes Morgengrau hellte mattdämmernd seine Stube, im Hause um ihn war alles lautlos, der Sturm schien etwas in seiner Kraft gebrochen. Mechanisch öffnete der Aufgesprungene die Vorsatzluke seines Fensters, um aus erschöpfter Brust tief in die Luft hinauszuatmen, da gaukelte ihm noch immer das letzte Traumbild vor dem Blick. Schräg niedergebogen lief draußen das Schiff mit den braunroten Segeln im trüben Licht gegen die Hafenbrüstung der Stadt, einige Sekunden hielten seine Wimpern sich starr darauf gerichtet, dann zerriß ein jäher Herzschlag ihm den nebelnden Schleier vor den Augen. Er träumte nicht mehr, es war Wirklichkeit, daß die Snigge der Vitalienbrüder dort schon dicht unter der Felswand heranflog, ein rotes Etwas stach noch unerkennbar aus dem dunkeln Vorderdeck ab. In besinnungslosem Übermaß einer ersten Glücksempfindung stürzte Osmund zur Tür, am Flurabsatz der Treppe stand Herr Tiedemann Steen und blickte gleichfalls auf den Hafen hinaus. Nun wandte er überrascht den Kopf, der junge Patrizier eilte achtlos vorüber, doch der Oldermann schwang sich ihm jetzt mit einem plötzlichen Sprunge nach, erfaßte seinen Arm und stieß aus: »Was wollt Ihr?« Das erst brachte Osmund eine Verknüpfung von Gedanken zurück, er erwiderte hastig: »Weshalb kommen sie hierher? Wie dürfen sie's wagen? Ihr habt sie auch gesehen –«

Er wollte fort, aber Tiedemann Steen hielt ihn und versetzte ruhig:

»Wen meint Ihr, Herr Werneking? Ihr seid zu früh aufgestanden und noch im Schlaf, legt Euch wieder zur Ruh. Ich sehe nichts, was uns angeht; es ist möglich, daß der Morgen einige Gäste für die engelländischen und niederländischen Kaufleute bringt und daß es bei ihren Höfen etwas laut zugehen wird. Das ist keine Sache, uns drein zu mischen.«

Ein Blitz erhellte Osmund Werneking plötzlich die geheime Verbindung der Oldermänner des Kaufhofs mit den Piraten. Sie hatten diesen verstauet, vielleicht sogar sie mit Lohn gedungen, um die Handels-Alleinherrschaft in Bergen an sich zu reißen, die Außenhansen räuberisch zu überfallen, ihre Schiffe und Häuser zu zerstören, sie selbst bei der Verteidigung ihrer Habe niederzumachen, und Osmund warf es Tiedemann Steen ins Gesicht:

»Ihr habt sie ruchlos den Seeräubern preisgegeben, habt den Schein gewahrt, als hütetet Ihr Sicherheit und Recht, und waschet Eure Hände in Unschuld –«

Doch der Oldermann fiel ihm kalt ins Wort: »Hebet Eure Stimme nicht so laut und kümmert Euch nicht um Dinge, die Ihr nicht zu fassen vermögt! Wir tun keinem Gewalt, aber sollen wir der Außenhansen Behüter sein? Sie mögen sich selber schützen.«

Einen Herzschlag lang durchschnitt die Brust Osmund Wernekings aus einer andern, ihm erst jetzt auflodernden Erkenntnis ein qualvoller Kampf. Wenn er die Schlafenden weckte, als Gegner den Raubzug der Likedeeler zu hindern suchte, war jede Hoffnung, Wilma wieder zu finden, für ihn verloren. Sonst vermochte er in dem vorauszusehenden Getümmel mutmaßlich ihr zu nahen, ein Zeichen zu geben, daß sie unvermerkt zu ihm, mit ihm entfloh – irgendwohin in Berge und Klippen. –

Doch nur mit einem Zucken des Herzens schwankte er, dann hatte seine Pflicht gesiegt. Er stieß den Oldermann kraftvoll zurück, riß sein Schwert von der Hüfte und stürzte mit dem lauten Ruf: »Hansen! Hansen!« durch den Kaufhof auf die Gasse hinaus. Tiedemann Steen eilte ihm nach, in wenig Augenblicken fuhren hier und dort einzelne deutsche Kaufgesellen und Gewerksleute aus den Türen. Ein Fragen und Rufen scholl herum, auch andere Oldermänner kamen, zornig in das Gelärm fahrend und Stille gebietend, herzu. Aber die Stimme Osmunds überhallte sie: »Mit mir! Ein Seeräuberschiff landet drüben!« Seine Hand riß das Ratsschreiben Lübecks hervor und hob es entfaltet in die Luft. »Bei eurer hansischen Pflicht! Lest! Jeder hat meinem Gebot zu folgen!«

Herr Tiedemann Steen nahm das Schreiben, überflog den Inhalt und reichte es gelassen zurück. Achselzuckend sprach er dazu:

»Ihr seid jung, Herr Werneking, und leset, was auf dem Papier steht. Wäret Ihr älter, würden Eure Augen weiter durch das Blatt hindurchschauen. Doch sorget nicht, daß jemand die Ehrfurcht vor der Schrift in Eurer Hand verletzt und Euch hindert, Euer Gebot zu künden. Ihr habt zu befehlen – tut's!«

Gleichmütig wandte er sich zur Seite, doch mit schnellem Blick erkannte der junge Vollmachtsinhaber des Lübecker Rates, daß er nirgendwo unter dem anwachsenden Haufen auf Gehorsam zu rechnen vermöge. Von den Oldermännern hurtig belehrt, zuckten auch die Umstehenden lachend und spöttisch die Achseln, eine Stimme rief: »Legt euch wieder auf die Bank! Ein Narr, wer uns darum von der Bärenhaut aufgeschrien!«

»So lass' ich allein nicht feigen Schimpf und Niedertracht auf der deutschen Hanse!« stieß Osmund Werneking aus, und er hob jetzt rasch den Fuß, ohne weitere Beihülfe den noch ahnungslos schlafenden Außenhansen Kunde von ihrer Bedrohung und den Beistand seines Armes zu bringen. Aber unwillkürlich stutzte er beim ersten Schritt, ein wirres Getöse kam zum erstenmal drüben her durch die graue Luft, doch nicht von den Höfen der Engländer und Niederländer, sondern aus der Richtung der Schustergasse. Und zugleich flog windflatternd etwas gegen Osmund heran, eine weibliche Gestalt mit schwarzem Haar und irren Augen im blutlosen Gesicht, daß es ihn wundersam durchfuhr, so müsse Witta Holmfeld einst auf der Sanddüne von Falsterbo auf Waldemar Atterdag zugeeilt und vor ihm niedergestürzt sein. Dann erkannte er Tove, sie lief mit dem Aufgebot letzter Kraft und rang aus keuchender Brust:

»Rettet Euch! Ihr seid verraten von Oluf Nielson und Bischof Torlef! Die Normänner kommen, König Christophs Waffenknechte im Bunde mit Seeräubern, euch wehrlos zu überfallen und alle Hansen niederzumachen. Ich wußte es schon – heut nacht – ich konnte nicht eher –«

Taumelnd brach sie vor Osmund Wernekings Füßen zu Boden, lauteres Geschrei scholl von der Schustergasse und zugleich an der Brücke Waffengeklirr der anlandenden Piraten, die nicht den Häusern der Außenhansen, sondern den deutschen Gärten zustürmten. Das war Herr Tiedemann Steens ›Torheit‹ gewesen, die Wilma Oldigson undeutlich geahnt.

Ein Augenblick tatlos verwirrenden Schrecks trat ein, ehe die Oldermänner gefaßt, daß sie selbst überlistet worden und in die verräterische Grube gefallen, die sie ihren Mitbewerbern am nordischen Handel zu bereiten gedacht. Dann stürzte alles mit gellem Aufschrei durcheinander: »Waffen! Hansen! Verrat! In die Gärten! Verrammelt die Türen!«

An einen geordneten Zusammenschluß der deutschen Wehrkräfte war nicht mehr zu denken. Wachsendes Getobe in der Schustergasse lehrte, daß die heimlich bei Nacht herangekommenen Königssöldner dort unvermerkt die Gewerksleute überrascht und zur Einzelverteidigung ihrer Häuser gezwungen. Vom Ufer her drängten die Vitalienbrüder – Osmund Werneking hatte einen suchenden Blick umhergeworfen und rief jetzt: »Nicht in die Gärten! Nach Bergenhuus, daß wir einen festen Halt haben, um die Zersprengten aufzunehmen!«

Sein Auge glitt über Tove, die ohnmächtig regungslos am Boden lag, er raffte sie in der nächsten Sekunde wie ein Kind auf und lief mit ihr gegen die hohen Mauern der alten Burg. Ungefähr ein Dutzend der umher befindlichen Hansen fiel in seinen Ruf ein: »Nach Bergenhuus!« und folgte ihm. Von da und dort eilten einzelne Flüchtlinge hinzu; als sie das nahbelegene Schloß erreichten, war ihre Zahl auf das Doppelte gewachsen. Osmund trug das Mädchen hinter den Schutz der Mauern und flog ans Tor zurück. »Wir müssen Wacht halten, was von den Unsrigen in die Nähe kommt, zu sammeln!« Sein Gedanke war darauf gerichtet, eine größere Schar zu vereinigen, um mit ihrer geschlossenen Kraft wieder hervorbrechen und den Bedrängten in den Gärten zu Hülfe kommen zu können. So warteten sie, um noch andere, planlos Herumirrende an sich zu rufen, mehrere Minuten lang mit günstigem Erfolg. Aber dann mußten sie auf ihre eigene Sicherheit bedacht sein: von Norden her wälzte sich jetzt ein Teil der Dänen und Normänner mit Oluf Nielsen als Anführer, auf der andern Seite tönte das rauhkehlige Gebrüll der Likedeeler näher. Zwischen ihnen ragte mit sturmflatterndem Purpurmantel über der Eisenrüstung König Erich, der Pommer. Er schwang sein breites Schwert hoch auf und schrie: »Ich ergreife Besitz von meinem Reich! Mir gehört alles, was tot und lebendig ist! Einen Goldgulden für jeden Hansenkopf, den ihr mir vor die Füße legt! Ich bin nicht gnädig heut!«

Weithin war der lange, weiße Bart Bartholomes Boets erkennbar, der mit einer Schar von Seeräubern sich auf den Bremer Garten stürzte. »Fackeln hinein!« rief er. »Räuchert den Stockfischen das Fleisch an den Gräten! Ich bin zum drittenmal in Bergen zum Besuch und weiß, der Rauch beizt ihnen die Dorschaugen am besten!«

Dichter gegeneinander tobte das Geschrei der Verbündeten: »Rache für die bunte Kuh, für Göttke Michaels und Klaus Stortebeker! – Auf den Rost mit den Garpen! Bratet sie in ihrem eigenen Fett und schmeißt sie den Wölfen zum Fraß, wenn sie Garpenfleisch anrühren!«

Wild-unauslöschlicher Haß der Normänner gegen die Hansen gellte von jeder Zunge, schadenfroher Hohn aus den Kehlen der Vitalier. Ein Haufe der letzteren stürmte nun gegen Bergenhuus, und Osmund Werneking gebot: »Schließt das Tor, zurück auf die Mauern!« Das Eichengebälk der schweren Torflügel krachte donnernd zu, und die Verteidiger flogen zur Brüstung der auf einer Seite vom Wasser geschützten Burg empor. Trotzighoch und unbezwinglich stieg das alte Gemäuer mit dem Turm Olaf Kyrres in die Luft, die Hansen rafften Gestein und Balkenwerk, um es auf die Piraten niederzuschleudern. Diesen vorauf lief eine mächtige, grauhaarig umwirbelte Gestalt und riß eine andere, kleinere an der Hand nach sich. Dann schrie es plötzlich hinauf:

»Osmund Werneking, bist du droben? Was stehst du, Narrensohn deines Vaters, und siehst nicht!«

Der Gerufene fuhr jählings herum und unter sich in der Tiefe gewahrte er seinen Oheim Wisimar und neben ihm das unbedeckte, blonde Haupt Wilma Oldigsons. Atemberaubt starrte er wortlos hinunter; der Seeräuber herrschte ihn an: »Gaffe nicht mit blöden Augen! Das Tor auf, eh' der Diamantendieb uns nachkommt! Ich bringe dir deinen Schatz!«

Besinnungslos machte Osmund einen Schritt, der Aufforderung Folge zu leisten, doch die Hansen drängten sich mit Geschrei gegen ihn: »Haltet ihn! Er ist toll! Er will das Tor öffnen!«

»Die Normänner haben recht, lüb'sche Garpen seid ihr!« stieß Wisimar Werneking ingrimmig aus. »So werft einen Strick, wenn euch die Knochen um eure feigen Kehlen klappern! Aber hurtig!«

»Einen Strick!« wiederholte Osmund Werneking fast gedankenlos, und es war günstig, daß eine Anzahl aufgerollter Ankerschiffstaue zwischen anderm Seefahrtsgerät unter einem Holzdach dalagen. Das Hinabwerfen eines solchen konnte jedenfalls keine Gefahr bieten, und obzwar die übrigen Verteidiger der Burg von dem Vorgang nichts begriffen, schleuderten sie auf das Geheiß ihres Führers eines der dicken Taue hinunter. »Nun haltet sicher!« rief's von drunten, doch zugleich stieß Osmund, jetzt erst zur Besinnung erwachend, mit tödlichem Schreck aus:

»Was wollt Ihr? Unmöglich! Laßt ab!«

Aber der Likedeeler lachte zu seiner Angst: »Pah, die klettert mit den Katzen!« – im selben Augenblick faßte Wilma Oldigson den Strick und schwang sich furchtlos-behend an der haushohen Felsenmauer empor, während er, die Hand schwenkend, nachrief:

»Fahr wohl, Osmund Werneking! Wir sahen uns einmal, dran haben wir beide Genüge, denk' ich. Ich tat's nicht um dich, sondern dem Narrenkönig seinen Spaß zu vergelten. Kommt Ihr lebendig in die Tintenstube von Wismar zurück, da heißet Euren Ersten Wisimar und lehrt ihn, die Knochen seines Älterohms ehren, ob von Vögeln abgenagt am Rad, oder von Fischen am Meergrund! Flieg, Seeschwalbe, und küsse ihm besseres Blut ein! Könnt' ich seinen Backenflaum tauschen, so hätt'st du mich geküßt, nicht ihn! – Kommt! Hier ducken Hasen hinterm Stein! Wir wollen zu den Garpengärten und ihnen kochen helfen!«

Noch einmal spöttisch auflachend, schwenkte der Seeräuber mit seinem ihm willenlos botmäßigen Schwarm gegen die hansischen Kaufhöfe ab. Osmund Werneking hatte von seinem letzten Zuruf nichts vernommen, nur die krampfhaft angeschwollenen Hände mit um das Tau geklammert, das Wilma Oldigson schwebend über der Tiefe trug. Er atmete nicht, sah nichts, fühlte nur an dem Rütteln des Strickes, daß sie näher kam. Da griffen ihre weißen Hände den Mauerrand, ihre Füße suchten auf winzigem Vorsprung des Felsens einen Stützpunkt, sie ließ das Tau fahren und schwang sich wie auf Möwenflügeln über die Brüstung. Noch kaum seinen Sinnen vertrauend, hielt er sie in den Armen, keine Miene an ihr verriet, daß sie der Todesgefahr gedacht, der sie Trotz geboten, doch sie lachte und schluchzte vor anderer, herzklopfend überwältigender Erregung.

»Glaub's ihm nicht – es ist Menschliches in ihm – ob er's ableugnet, er hat's um dich getan und um mich. Ich sprach's ihm in meiner Verzweiflung, als unser Schiff plötzlich die Anker aufrollte – ich konnt's nicht anders – und sein Falkenauge sah dich schon von weitem hier am Tor –« Weltvergessen tauschten sie hastige, zusammenhanglose Worte, die Hansen umher gafften müßig-neugierig drein. Erst als Wilma den Oberrand der Mauer erreicht, hatten sie erkannt, daß der Flüchtling, der in unverständlicher Weise von einem der Piraten zu ihnen hinaufgerettet worden, ein Mädchen in Schiffertracht sei. Nun bewunderten sie den Mut, die Gewandtheit und Schönheit desselben; selbst von den Felswänden der Burg vor dem Angriff gesichert, vermochte ihre geringe Zahl draußen keine Hülfe zu bringen, und untätig zuschauend standen sie. Überallhin hallte Kampf- und Stimmengetöse. Drüben begegnete Wisimar Werneking jetzt dem König Erich und rief lachend im Vorbeistürzen: »Ich habe das beste von Euren Reichskleinoden in einer Brautkammer verwahrt, Herr Viking, doch getröstet Euch, es ist keiner von Euren kostbaren Steinen, sondern nur einer, den Ihr mit dem Fuß zu stoßen Spaß pflegt! Kommet mit, daß wir uns höflich betragen und Herrn Tiedemann Steen seinen Besuch erwidern!« Er trieb seine Genossen zur Eile, die versäumte Zeit nachzuholen, wider den Lübecker Garten; alles hatte sich mit traumartig unglaublicher Schnelligkeit zugetragen, seitdem Osmund Werneking vom Schlaf aufgefahren, konnte noch kaum mehr als eine Viertelstunde verronnen sein. Nun stand er, Wilmas Hand haltend, und mußte machtlos dem ringsum weiter schreitenden Verderben zuschauen. Gesammelt wäre die Kraft der Hansen ihren zwiefachen Gegnern weit überlegen gewesen, doch in lauter zusammenschlußlose kleinste Teile aufgelöst, blieb ihnen keine Aussicht auf den Sieg. Nur die nach Bergenhuus Geflüchteten waren noch gerade durch Toves Warnruf gerettet worden; sie sah und hörte nichts mehr von allem, ohnmächtig lag sie in der Halle der Burg auf einer Ruhbank, wohin Osmund sie hastig niedergelegt. Vorderhand befand er sich mit Wilma Oldigson in sicherm Schutz, doch der vorausschweifende Gedanke sagte ihm, nur für geringe Frist. Bald mußten die Häuser der Schustergasse, spätestens in einer Stunde auch die festeren Gärten erstürmt sein – schon loderte drüben ein Flammenschein auf – und ehe der Tag voll angebrochen, lag unfraglich hoffnungslos der hansische Kaufhof Bergens unter Asche und Blut seiner Bewohner verschüttet.

Da plötzlich kommt etwas, noch von keinem Blick gesehen, drüben an den gischtumsprühten Felswänden des Waagfjordes durch die nebeltrübe Luft. Breit, schwarzrumpfig, wie ein Walfisch, mit dem Wind und Welle peitschend spielt. Doch hoch über ihm flattert es farbig im Sturm – nun ein zweiter – nun vier. Lübecker Orlogskoggen sind's, kein Zollbreit ihres mächtigen Segelwerks bauscht nicht im Wind. Sie rennen gegen die Brücke heran wie ein blind vorwärts stürzendes Schwarzwildrudel, achtlos vor Klippen und Landungsgefahr. Auf ihren Kastellen starrt, klirrt, funkelt es von Waffen, mit schütterndem Stoß packten sie das Ufer, rasselt es von den Schiffsdecken. Der sprühende Brand des Bremer Gartens hat ihre Hast noch verdoppelt; im Hansesaal an der Trave aber hat der Rat einmal wieder »gewußt, was die andern nicht wissen«.

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