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Osmund Werneking

Wilhelm Jensen: Osmund Werneking - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Jensen
titleOsmund Werneking
seriesAus den Tagen der Hansa
volumeBand 2
publisherH. Haeffel Verlag
printrunSechste bis achte Auflage
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20070910
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Der Gedanke, ob es unter solchen Umständen möglich sein werde, Tove mit nach Wismar hinüberzufahren, beschäftigte am folgenden Tage Osmund auf seiner gewohnten Bergwanderung, so daß er, nur selten um sich schauend, stundenlang weiterschritt. Da erkannte er erst, daß er eine schon einmal eingeschlagene Richtung innegehalten, als er, zufällig aufblickend, in ziemlicher Entfernung wieder den jungen, blondhaarigen Schiffer vor sich auf der nämlichen jähen Felswand sitzend gewahrte, wo er ihn bereits vor einigen Tagen von weitem gesehen. Ebenso jedoch wie damals stand der Fremde, nachdem er flüchtig den Kopf gedreht, auch heute rasch auf und verschwand unter dem Steinhang. Es konnte kein Zufall sein, sondern er entzog sich in augenscheinlicher Absicht einem Zusammentreffen mit Osmund und ließ diesen in einer Art neugieriger Verwunderung über die Wiederholung des Vorganges bis zu der verlassenen Stelle hinschreiten. Einige kleine Heideblumen lagen dort abgepflückt an der senkrecht niederstürzenden Wand, die nur rechtshin auf zackigen Vorsprüngen ein Hinunterkommen in eine enge, düster-leblose Kluft ermöglichte. Der Nachschauende wußte, daß alles menschliche Leben, selbst die Kenntnis des tausendfältigen Klippen- und Buchtengewirrs nach dieser Richtung ein Ende nahm, nur Schwärme von großen Wasservögeln jagten und kreischten über der unzugänglichen Wildnis, und es lag nahe, unwillkürlich Vermutungen darüber anzustellen, von wo der fremde, nicht normännisch erscheinende Schiffer hierher komme, wohin er sich fortbegebe und weshalb er bei der Annäherung eines Menschen verschwinde. Doch hing Osmund Werneking diesem Antrieb eines flüchtigen Neugierreizes nicht lange nach; als er indes nach Ablauf einiger Tage den gleichen Weg einschlug und schon aus weiter Entfernung die nämliche Erscheinung in der späten Nachmittagssonne drüben flimmern sah, überkam es ihn wie mit der Lust eines Jägers, ein fluchtbereites Wild zu umstellen und ihm den Rückzug zu seiner unbekannten Behausung abzuschneiden. Vorsichtig wandte er sich in weitem Bogen zur Rechten ab, suchte sich durch Geröll und Gestrüpp einer Senkung unbemerkt einen Weg und klomm endlich behutsam gegen die Richtung empor, wo er den Sitz des Fremden mutmaßte. Er hatte sich auch nicht getäuscht, denn unweit hinter diesem hob er den Kopf herauf, zugleich indes löste sich unter seinem Fuß ein lockerer Stein, polterte mit Gelärm abwärts, der Sitzende flog jählings in die Höh' und dem zackigen Abweg zu. Doch Osmund erreichte mit einem Sprunge diesen zuvor und rief von der Anstrengung halb atemlos und halb lachend: »Heut mußt du mir für mein Klettern das Vergnügen machen, davonzufliegen, Freund, oder mir ein wenig Rede stehen, weshalb man auf dem graden Wege nicht zu dir kommen kann!«

Der Angesprochene war, da er sich den Rückpfad verlegt sah, rasch von seinem Vorsatz abgestanden, hatte sogleich den Kopf wieder gedreht und lief hurtig an dem senkrechten Niedersturz der Felswand entlang. Doch diese bot nirgendwo die Möglichkeit, hinabzugelangen, ein Entkommen für ihn war nur aufwärts gegen Bergen zu denkbar, offenbar indes zauderte er und schien sich keinen Gewinn von solchem Wettlauf zu verheißen. Statt dessen hatte er sichtlich einen andern Plan ausgesonnen, denn als Osmund nun auf ihn zutrat, suchte er mit plötzlicher Umwendung behend vorbeizuschlüpfen und so den Abstieg nach unten zu erreichen. Aber der Jäger griff noch rechtzeitig nach dem absonderlichen Wild, packte ohne viel Schonung derb den Arm unter dem Schifferwams und lachte: »Erst woher und wohin des Wegs, Freund! Du bist gelenk wie ein Wiesel, zum andern Mal möcht' ich dich nicht wieder einfangen.« Der junge Fremde stand jetzt, doch gab er, sein Gesicht abwendend, keine Antwort; Osmund Werneking gewahrte überrascht zum ersten Male die Hände des von ihm Gehaltenen und ein merkwürdig weißes, zartes Aufblinken zwischen dem Nackenrand des groben Wollengewandes und dem halblangen, hellblonden Haar. Mit unwillkürlicher Handbewegung erfaßte er die breitkrempig das letztere überschattende Südwesterkappe, zog sie rasch herab und aus ihr tauchte, auf den ersten Blick unverkennbar, nicht der Kopf eines jungen Mannes, sondern der eines etwa achtzehnjährigen Mädchens hervor. Die Hände, der Nacken und das ganze Behaben der schlankanmutigen Gestalt hatten Osmund dies schon seit einigen Augenblicken wahrscheinlich gemacht, aber dennoch sah er jetzt ungläubig staunend auf das enthüllte Antlitz, denn es war nicht das einer normannischen Schifferstochter, sondern von edelster Freiheit der Züge, an Farbe so der Frühlingsschönheit eines Blütenbaumes ähnlich, wie er noch nicht Gleiches gesehen. Betroffen und erschreckt über sein Gebaren gegen sie, zumal daß seine Hand ihren Arm mit so rücksichtsloser Derbheit umfaßt, wich er jetzt hastig einen Schritt zurück und sprach stotternd: »Vergebt mir, Jungfrau – wer Ihr sein mögt – glaubet mir, daß Eure Tracht mich betrog und ich sonst mich nicht vermessen hätte, Euch zu schrecken und mit frecher Hand anzutasten. Sagt, welche Strafe ihr dafür gebührt, sie soll's nach Eurem Wort entgelten.«

Mehr noch als seine Anrede tat der Ausdruck seines Gesichtes Reue und ehrerbietige Bewunderung kund. Das schöne Mädchen hatte die Lider gegen ihn aufgeschlagen, und zwei helle Augensterne leuchteten schimmernden Tauperlen gleich auf, als ob das zarte Antlitz umher nur ein Blumenkelch für ihren zauberhaften Himmelsabglanz sei. Dann trat sie lautlos rasch vorüber, auf ihren gewohnten Abweg zu.

Osmund Wernekings Arm vollzog keine Bewegung mehr, sie zu halten. Trotz der befremdlichen Kleidung lag nicht nur alle Lieblichkeit eines Weibes, sondern auch eine hohe, stumm-gebietende Jungfräulichkeit in der rätselhaften Fremden, und er verneigte sich widerstandslos vor der schweigsamen Kundgabe ihres Willens. Sie schritt weiter, dem Rande der Felswand entgegen: als sie ihn erreicht, hörte sie den Fuß Osmunds hinter sich, drehte die Stirn und fragte:

»Was wollt Ihr?«

Es war der erste Laut ihrer Stimme, und nochmals überrascht blickte er sie an, denn sie hatte die Frage in deutscher Sprache an ihn gerichtet. Dann antwortete er:

»Euch folgen.«

Nun gewahrte er, daß sie heftig erschrak. »Ihr könnt's nicht,« erwiderte sie schnell, »Ihr würdet in den Abgrund stürzen.«

Noch er versetzte: »Was Ihr könnt, vermag ich auch, und müßt' ich auch stürzen, ich folg' Euch nach.«

Doch sie fiel unruhvoll ein: »Ihr dürft's nicht!«

»Der Weg ist jedem offen; seid ihr seine Herrin, daß Ihr's verbieten könnt?«

»So bitte ich Euch,«

»Und ich versprech' es Euch, wenn Ihr Euch bitten laßt.«

»Wozu bitten?«

»Daß ich Euch nicht nachzufolgen brauche.«

Es hieß: »Wenn Ihr bleibt« – der Mund hatte es nicht mit gradem Wort gesprochen, aber sein Blick redete es so deutlich, daß sie's verstand. Und offenbar lag ihr alles daran, ihn von seinem Vorsatze abzubringen, den sie auf andere Weise zu hindern nicht Macht besaß, denn nach kurzem Bedenken erwiderte sie nun:

»Gelobt Ihr's mir, wenn ich bleibe, mich nachher zu lassen, ohne zu forschen, wohin ich gehe, noch mich zu fragen, wer ich sei und wie ich hierher komme?«

Er zauderte mit der Entgegnung, doch sie trat jetzt rasch auf ihn zu, streckte die Hand gegen ihn aus und fügte drein:

»Wollt Ihr mich ängsten? Sonst gelobt's mir auf deutsche Hand und deutsches Wort!«

In ihre wundersamen Augen war ein Ausdruck der Angst gestiegen, daß es Osmund Werneking mit einem unbestimmten jähen Schreck befiel, wenn er sie nicht beruhige, könne ihr Fuß sie plötzlich zu einem verzweifelten Entschluß treiben? sein Blick maß schauernd die schwindelnde Tiefe, neben der sie standen, und hastig ihre Hand erfassend, um gewiß zu sein, daß er sie zu halten vermöge, gab er Antwort: »Ich sag's Euch zu, was Ihr verlangt – und wenn Ihr jetzt gehen wollt, so geht – ich will nicht nach Euch forschen.«

Seine Miene und sein Benehmen redeten verständlich, nicht er sei der Obsiegende bei der seltsamen Begegnung geblieben, sondern unterwerfe sich in fast scheuer und demütiger Verwandlung ihrem Willen. Ein Lächeln ihrer Lippen zeigte, daß sie es erkenne und alle Furcht jetzt in ihr beschwichtigt sei, und sie versetzte:

»Wenn ich gewußt, daß Ihr so ritterlicher Sinnesart seid, hätte ich nicht schon etliche Male vor Euch zu entrinnen gebraucht. Ich war Euch gram, denn Ihr nahmt mir das Liebste, hier oben sitzen zu können und zu gewahren, wie die Sonne ins Meer hinabgeht. Da Euer Gelöbnis es mir vergönnt, hab ich heut nicht Anlaß, wiederum darauf Verzicht zu tun.«

»So seid Ihr mir heut nicht mehr gram, Jungfrau?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe manchmal gedacht, es müsse schön sein, hier in der Einsamkeit mit jemandem reden zu können. Möchtet Ihr nicht wissen, was drüben über den Wellen sein mag, wenn man weiter und immer weiter segelte, wohin der Blick nicht reicht? Mir ist's oft, als müsse die See gleich dem Himmel bei Tageslicht sein, daß unsere Augen nur ihre Sterne nicht sehen.«

»Das denket Ihr und darum kommt Ihr hierher?« erwiderte Osmund stockend. »Ihr habt recht, es muß schön sein, hier oben mit jemandem darüber zu reden, wenn man die gleichen Gedanken mit herausbringt.«

»Auch Ihr? So setzet Euch doch zu mir,« antwortete sie frohsinnig, sich auf die weiche Grasnarbe am Felshang niederlassend, und er folgte ihrem Geheiß. Sie war so von aller Besorgnis frei und so unbefangen jetzt, als sei nichts Befremdliches zwischen ihnen, sondern ihr Beisammensitzen und Reden hier vollkommen begreiflich und natürlich. Ihn dagegen umgab's wie ein märchenhafter Traum. Er sprach und gab Antwort auf ihre Fragen, doch unablässig dachte er vergebens, wer sie sein könne und wie sie hierher gelange. Ihre Worte und ihr Wesen waren kunstlos einfach, gleich einer lieblichen Feldblume, und doch lag ein vornehmer Schimmer und Hauch um sie gebreitet; in der Stadt Bergen wußte niemand von ihr, sonst hätte er es lang vernehmen müssen. Unverkennbar aber gedachte sie nichts anderes als an die Gegenwart der sonnenschönen Abendstunde und gab sich freudig der Mitteilung ihrer bisher einsam gehegten Empfindungen hin. Manchmal erschrak Osmund Werneking dabei, als müsse sie in seinen Gedanken lesen, daß diese einen Bruch seines Gelöbnisses begingen, und als könne sie zur Strafe dafür plötzlich auch märchengleich von seiner Seite verschwinden. Nun hatten sie ein Weilchen verstummt gesessen als das Mädchen sprach:

»Jetzt geht sie gleich hinab, dann muß ich fort. Ihr seid schweigsam geworden, warum habt Ihr mir noch nicht gesagt, wer Ihr seid und wie Ihr heißt? Wollt Ihr's nicht?«

Er fuhr aus seinem Sinnen und entgegnete leicht stotternd: »Ich habe nicht Grund, es zu verbergen.« Dann klang's ihm im Ohr, daß ein Vorwurf für sie darin gelegen, und er nannte seinen Namen und seine Herkunft. Doch es trieb ihn widerstandsunfähig, zögernd hinterdrein zu fügen: »Es ist nicht gleiches Recht zwischen uns, daß ich Euch nicht um Euren Namen befragen darf – aber mich deucht, ich weiß ihn dennoch.«

Sie blickte ihn verwundert an. »Seid Ihr ein Schriftdeuter, der in der Hand liest, oder hat der Wind ihn Euch genannt?«

»Nein, die Sonne.«

Diese trat jetzt als eine glühende Kugel auf den Rand des Ozeans und warf ein rötliches Licht über das goldhelle Gelock und das liebliche Blütenantlitz des Mädchens, das, die Lider vor der Strahlenblendung halb niedersenkend, mit einem ungläubigen Lächeln erwiderte:

»Und welchen Namen hätte die Sonne Euch genannt?«

»Elisabeth.«

Ein Rot, das nicht von dem Feuerball des Himmels stammte, war über sein Gesicht aufgeflogen, doch sie schüttelte zu der Antwort den Kopf und entgegnete:

»Die Sonne mag Eure Freundin sein und Euch vieles vertrauen, das hat sie Euch nicht richtig gekündet. Aber Ihr sollt nicht sagen, daß ich ein Recht vor Euch voraus haben wolle: meinen Namen dürft Ihr wissen, wenn Ihr's verlangt. Elisabeth gefiele mir wohl besser, zumal da Euer Mund es mit besonderem Klang gesprochen, doch ich hab' auf so Schönes nicht Anspruch, sondern heiße Wilma Oldigson.«

Seine Miene verriet gleichfalls Ungläubigkeit, er wiederholte ein Wort von ihr:

»Und habt Ihr mir das richtiger gekündigt als die Sonne?«

»Warum zweifelt Ihr daran?«

»Das ist kein deutscher Name.«

»Darum ist's doch meiner.« »So ist Eure Mutter eine Deutsche?«

»Ihr täuscht Euch wiederum, sie war's nicht, sondern mein Vater ist's.«

Es war Wilma Oldigson in unverständlichem Widerspruch mit ihrem Geschlechtsnamen entflogen, sie hob rasch gen Westen deutend ihre Hand und setzte hinzu:

»Seht, nun taucht sie nieder – und mahnt mich, daß ich zurück muß.«

Die letzte Hälfte der Sonnenscheibe versank, ihr roter Glanz erlosch auf dem Antlitz des Mädchens, als ob eine plötzliche Blässe dasselbe befalle, und ein auffahrender Windstoß, der das Nadelgezweig einiger alten Föhren durchrüttelte, schien auch sie mit einem Schauer zu überrinnen. Einen Augenblick war es Osmund Werneking sonderbar, wie wenn ihr Gesicht ihn an ein anderes erinnert habe, er wußte nicht, womit, noch wann und wo er es gesehen. Aber in einem Nu zerging die Täuschung und waren es wieder, keinen sonst auf der Welt vergleichbar, die wunderholden Züge Wilma Oldigsons. Sie hatte gesprochen, daß sie gehen müsse, und stand doch zaudernd; nun fragte er herzklopfend:

»Werd' ich Euch niemals wieder gewahren?«

Um ihren Mund ging ein leicht schalkhafter Zug. »Wohl nicht, wenn Ihr kein Begehren tragt, die Sonne hier wieder ins Meer gehen zu sehn.«

»So könnt ich's Euch nicht verbieten und würde auf Euer Gelöbnis vertrauen wie heut.«

»Ich habe gelobt, nicht zu erkunden, wohin Ihr geht – darf ich Euch auch nicht befragen, wie oft Ihr noch hierher kommt?« Sie fuhr, wie von einem schreckhaften Gedanken angerührt, sichtbarlich zusammen und warf einen schnellen Blick nach der blauen Himmelsrunde, als ob sie an dieser eine Antwort suche. »Ich weiß es nicht,« erwiderte sie, »morgen wird der Tag vermutlich still und klar sein wie heut, dann komme ich hierher. Lebt wohl – und habt Dank für Eure List.«

Ein feines Rot färbte ihr den Stirnrand; Osmund entgegnete:

»Reicht mir ein Zeichen, daß Ihr sie mir vergeben.«

Sein Blick ruhte bittend auf ihrer schlanken Hand, sie reichte diese dar, dann ging sie. Er blieb stehen, sah ihr nach und erkannte, was ihn, mehr noch als ihre Tracht, früher und auch heut in der Nähe noch über ihr Geschlecht getäuscht. Ihr Gang hatte etwas von der Eigenart derer, die nicht auf festem Boden zu schreiten gewöhnt sind: sie trat nicht mit der bedachtsam plumpen Bewegung eines Schiffers auf, doch ein anmutvoll-leichter Anflug davon ließ sie sich leise beim Gehen in den Hüften wiegen. Nun hatte sie den Felsabstieg erreicht, im Niedertauchen drehte sich ihre schon verschwundene Gestalt, daß nur der blonde Kopf mit den hellen Augensternen noch einmal herübersah, dann lag die Gesteinplatte um Osmund Werneking leer und einsam. Ihm war's, als sei er aus einem Traum erwacht, der Abendwind schauerte in Stößen um ihn, er horchte mit fieberhaft angespanntem Ohr, kein Laut kam aus der Richtung, in der die rätselvolle Fremde verschwunden, nur der eigene Herzschlag tönte ihm wie eine unbekannte Stimme aus seiner Brust bis in den Kopf herauf. Widerstrebend wandte er endlich den Schritt, denn er hatte stundenlange Weglosigkeit bis nach Bergen zurück. Seine Gedanken schossen ziellos hin und her, die lange Dämmerung des Nordens begleitete ihn, doch vor den Augen flimmerte ihm unausgesetzt ein Trugbild, das eine sonnenbeglänzte Fläche um ihn breitete, darüber ritt auf weißem Pferde ein Reiter gegen hoch am Himmel ragende Türme hinan. Ohne sein Vorwissen sprach er zuletzt halblaut vor sich hin: »Es ist Dietwald Wernerkin, er reitet von Elisabeth von Holstein über die Heide gen Lübeck.«

Da zerriß die Täuschung, sehr andersartig als die stolze Löwenstadt lag der Häuserhaufen der norwegischen Felsenwildnis im letzten Zwielichtsschimmer unter ihm am Berghang. Er kam am Munkholmkloster vorüber, doch erst nach einer Weile besann er sich, daß er auch an der kleinen Gasse mit dem Hause Toves vorbeigeschritten sei und daß sie heut vergeblich auf sein Kommen geharrt habe. Sollte er noch umkehren? Er sagte sich, es sei zu spät, sie warte wohl nicht mehr, schlafe vermutlich schon. Auch er war müde, so sinnberückt süß ermüdet wie noch nie in seinem Leben zuvor, daß er, ohne die ›Familie‹ Herrn Tiedemann Steens am Abendtisch mehr aufzusuchen, gradaus zu seiner Stube hinanstieg und sich angekleidet auf sein Nachtlager hinstreckte.

Mit wechselnden Träumen kam der Schlaf über ihn, doch alle setzten unablässig ihm nur die Erinnerung und die Fragen des Nachmittags fort. Immer saß sie vor ihm auf der einsamen Höhe, sonnenumflossen, bald unerreichbar weit, daß er, atemlos vorwärtslaufend, ihr nicht näher zu gelangen vermochte, bald stand er plötzlich neben ihr und sie redeten miteinander, als ob sie es schon oft so getan, und es sei natürlich, daß sie dort beisammen verweilten. Aber dazwischen schlug sein Herz mit rastlosem Klopfen: »Wer ist sie? Von wo kommt sie und wohin geht sie? Weshalb mit dem kurzgeschnittenen Haar und in der groben Männertracht?« Sie bewegte sich darin, als habe sie niemals andere getragen und finde nichts Befremdliches daran, und er sagte sich, die Kleidung ihres Geschlechtes könne ihre weibliche Anmut auch kaum noch erhöhen, denn aus der plumpen Gewandung leuchtete ein geheimnisvoller Schimmer des Liebreizes ihrer Gestalt, der den Zauber eines Märchenwesens um sie her wob. Nun hob sie sich vom Sitz und schritt dem Felsenabstieg entgegen, doch ihr Fuß berührte den Boden nicht, sondern glitt schwebend darüber hin. Die Sonne versank mit ihr zugleich, im Aufrauschen des Windes sprach die Stimme Herrn Johann Wittenborgs: »Siehst du nicht, daß es Elisabeth von Holstein ist, ein Fürstenkind – nach dem Goldpirol spannst du den Bogen nicht, Knabe« – und Osmund Werneking fuhr aus seinen Träumen ins Morgenlicht auf. Es duldete ihn nicht unter der rohen Menschenumgebung des Hauses, trieb ihn ins Freie hinaus. Ziellos wanderte er umher; als er durch Zufall in die Nähe des Munkholmklosters geraten, trug der Fuß ihn halb in unbewußter Gewohnheit dem Hause Tove Sigburgdatters zu. Wie er hineintrat, stieß das Mädchen einen Jubelruf aus, flog ihm entgegen und zog ihn an der Hand in ihre Stube. »Warum kamst du gestern nicht?« fragte sie hastig. »Ich habe die Nacht in Angst gewacht, daß du krank geworden.« Er antwortete: »Ich habe mich im Gebirg verspätet und kehrte erst im Dunkel heim.« – »Und weshalb kamst du dann nicht noch und ließest mich so traurig warten?« Ihr klagender Ton tat ihm weh und erfüllte ihn mit Reue. Er konnte nicht erwidern, daß er sie vergessen und als er ihrer nachher gedacht, sich kurz beschwichtigt, sie werde nicht mehr auf ihn warten, denn ihr Gesicht sprach noch mehr als ihre Worte, sie habe die ganze Nacht in Sorge geharrt. Freundlich strich seine Hand ihr über das dunkle Haar und er antwortete: »Ich war sehr müde, mein kleines Schwesterchen, doch du siehst, ich bin dafür heut morgen gleich zu dir gekommen.«

Er errötete etwas, denn sein letztes Wort sprach Unwahrheit, nicht sein Vorsatz, sondern der Zufall hatte ihn hergeführt. Doch nun war sie glücklich und entgegnete: »Ja, du bist gut – aber einen Entgelt bleibst du mir doch schuldig für gestern abend, versprich ihn mir! Ich habe darüber gedacht, als ich nicht schlief, was ich mir wünschen wollte, wenn du heut kämst.«

»Und was war das, Tove? Ich verspreche es dir im voraus.«

»Daß ich dich heut nachmittag einmal begleiten darf, wenn du auf den Berg gehst.«

Er stieß mit plötzlichem Schreck heraus: »Nein, das nicht! Alles sonst, was du willst!« Ein schmerzlicher Zug der Enttäuschung fiel mit tiefen Schatten über den Frohsinn ihres Gesichtes, und einem Schattenspiel gleich huschte es sonderbar an Osmund Wernekings Augen vorüber. War's möglich, daß es Tove gewesen, an die ihn gestern einen Moment lang Wilma Oldigsons blondes Antlitz erinnert? Nichts Verschiedeneres ließ sich auf Erden denken, und dennoch war's ihm deutlich zum Bewußtsein gelangt, wie die bange Betrübnis eben über ihre Züge gefallen, in diesem Augenblick hatten auch diejenigen der Tochter des Bischofs Torlef eine im Nu wieder erloschene Ähnlichkeit mit denen der rätselhaften Fremden geboten. Doch er besaß jetzt nicht Zeit, einen Gedanken an diese seltsame Erscheinung zu knüpfen, sondern mußte, um den Kummer des Mädchens über die Weigerung ihres Wunsches zu begütigen, einen Vorwand seiner unbedachtsam heftigen Verneinung ersinnen, und fügte sanft und tröstend hinterdrein:

»Ich erfülle es dir gern, Tove, doch um deinetwillen darf's nicht geschehen, daß du im Tageslicht vor aller Augen mich allein ins Gebirg begleitest. Die Menschen sind begierig, von einem schönen Mädchen Übles zu reden, und du bist mir lieb, daß ich dich davor behüten muß. Aber bald steht in der Nacht der Mond hell am Himmel, dann will ich dich einmal holen, daß wir zusammengehen, wohin du willst.«

Sie hatte den Kopf an seine Schulter gelegt, bog die Stirn gegen ihn auf und sah ihm eine Weile verstummt, doch mit unruhigem Blick in die Augen. Aber dann sagte sie leise:

»Wenn du's mir abschlägst, weil du mich lieb hast, da ist's mir noch lieber, als hättest du es mir zugesagt. Doch im Mondenschein holst du mich gewiß, das hat deine Hand mir versprochen.«

Ihre kleinen weichen Finger schlangen sich um seine Hand und hielten diese, bald spielend, bald sich daran festklammernd, so lang' er blieb.

»Gewiß hält sie ihr Gelöbnis, meine kleine Tove,« bestätigte er liebreich. Heut erschien sie ihm völlig wie ein Kind, das in der Verlassenheit seines Schutzes und tröstlich erheiternden Zuspruches bedürftig sei. Mit einem heimlichen Vorwurf empfand er's, daß es ihm seit gestern nicht mehr das Liebste geblieben, hier bei ihr zu sitzen, und er gelobte sich, sie nie wieder in traurigem Zutrauen vergeblich warten zu lassen. So antwortete er, als sie ihn beim Abschied mit etwas unsicherer Hoffnung befragte, ob er am Abend heut nochmals komme: »Heut und immer, mein Schwesterchen, nur mag's vielleicht etwas später werden, aber die Nacht wird niemals kommen, ohne daß ich dir gute Ruh zuvor gewünscht.«

Doch trotz dieser Zusicherung erfüllte nicht die glückliche Freudigkeit wie sonst, sondern eine ziellose Unruhe wieder den Blick, mit dem die Augen Toves ihm heute nachsahen.

Der Nachmittag gewahrte Osmund Werneking auf dem Weg, den er gestern gegangen. Immer hastiger eilte er den Berg hinan, bis er atemerschöpft auf die Höhe gelangte und in weiter Ferne drüben über dem Absturz der Felswand ein sonnenumflimmertes Pünktchen unterschied. Unendlich langsam nur wuchs es ihm zu der Gestalt Wilma Oldigsons empor, dann aber setzte sein Herz plötzlich einen Schlag aus, denn nun erkannte er deutlich, ihr Antlitz war nicht wie sonst aufs Meer hinübergewandt, sondern in die Richtung, aus der er gegen sie hinankam.

* * *

Der Augustmond war bis zu einem Sonntag in seiner Mitte vorgeschritten, am Abend zuvor hatte Osmund Werneking beim Abschied von Wilma Oldigson gesprochen, daß er am nächsten Tage nicht wiederzukehren vermöge, da er von einem schon lang angesetzten Waldfeste der Hansen nicht fortbleiben dürfe, ohne ein Aufsehen zu erregen, und nach dem Mittag begann der Zuzug von mehreren tausend Köpfen der deutschen Kaufleute, Gesellen und ›Schuster‹ nach der ostwärts von Bergen belegenen Feststätte am Ufer des stillen Landsees, den Osmund am Tage, eh' er zum ersten Male mit Tove Sigburgdatter zusammengetroffen, umschritten hatte. Es war zunächst auf ›Hänselung‹ der Stuben- und Bootsjungen im Freien abgesehen, mit denen stundenlang barbarische ›Wasser- und Staupenspiele‹ angestellt wurden, dann jedoch wechselte die Vergnügungslust mit nicht minder ungeschlachten ›Grölspielen‹ ab. Weit umher in große lärmende Gruppen zerteilt, drängte sich die Masse um den ›Glückstopf‹, gafften und schrien andere dem ›Schauteufellaufen‹ zu, Schalksnarren trieben sich überall mit plumpen Späßen dazwischen umher. Am lautesten herrschte der Jubel und am rohesten war der Anblick, wo nach einer von der Stadt Stralsund herübergekommenen neuen Lustbarkeit der ›Katzenritter‹ mit einer am Baumstamm angenagelten Katze kämpfte, die er mit seinen Zähnen totbeißen mußte, um dafür zum Lohn den ›Ritterschlag‹ und Freizeche zu erhalten. Auch sonstige Nachäfferei adeliger Ritterspiele fehlte nicht, lächerliche Turniere mit Töpfen statt der Helme auf dem Kopf und aufgesteppten Tonschüsseln an den Kollern wurden begangen, und unter ohrbetäubendem Beifallsgekreisch klirrten die Scheiben von den Stößen und Hieben der hölzernen Waffen zu Boden. Ernsthafter tanzten die Schmiedemeister vor zahlreichen Zuschauern den gefährlichen altgermanischen ›Schwerttanz‹; es war ein ungeheuerliches, wüst-groteskes, buntes Getümmel, dessen Getöse über den sonst so stillen See hinausklang. Im Grunde jedoch bildete alles nur eine Vorbereitung für den Abend, der die Hauptlust einer bei der Zeit vor allem beliebten ›Mummerei‹ bringen sollte. Bis dahin hatte die Vorschrift Speise und Trunk verboten, mit Einbruch der Dämmerung aber wurden zahllose Met- und Bierfässer herangewälzt, Pechpfannen und Teerfackeln loderten im Wald und auf der Wiese, und wie mit einem Schlage hatte die große Mehrheit aller Gesichter sich in Mummenschanzlarven verwandelt. Die ehrbaren ältern Kaufleute legten über ihre Friesröcke zumeist nur lange Mäntel mit dunklen, völlig das Gesicht verhüllenden Gugelkappen an, doch tausend tolle Tierfratzen, Wolfs- und Bärenhäuter brüllten, heulten und sprangen grellfarbig, possennärrisch und unflätig durcheinander. Nicht an der Kleidung, aber an Stimme und Bewegung nahm man gewahr, daß sich jetzt gar manche Ankömmlinge weiblichen Geschlechts von der Stadt her in das Getriebe einmischten, ein ›Spielgäve‹ wartete mit ›Trummen und Pfeifen‹ auf und bald kreisten, stampften und taumelten hundert Tanzpaare mit tierähnlichem Gejauchz über Gras und Gestein. Osmund Werneking hatte den Nachmittag im Gespräch bald mit diesem, bald mit jenem der Oldermänner des Kaufhofes verbracht, er war einer der wenigen, welche sich nicht an der Vermummung beteiligt, die vom Trunk wachsenden Ausbrüche der Roheit erfaßten ihn immer mehr mit Widerwillen und Langeweile zugleich, und er schritt abseits weiter gegen Ost am ruhigern Seestrande entlang. Ihm zur Linken hob sich steil und dunkel der hohe Bergrücken, den er heute seit einer Woche zum ersten Male nicht besucht; er blieb stehen und schaute mit einem verlangend sehnsüchtigen Blicke nach der Spitze desselben empor. Diese lag, doch nur als ein kleines Teilchen der Kuppe hell bestrahlt, der Mond mußte drüben hinter dem östlichen Gebirg aufsteigen und ihren obersten Abschnitt beglänzen, während unten noch völliges Dunkel herrschte. Nun indes drehte der Betrachtende mit unwilliger Regung den Kopf, denn eine Stimme fragte hinter ihm in normännischer Sprache halblaut:

»Wonach sucht dein Auge durch die Nacht?«

Eine weibliche Stimme war's, deren Inhaberin, ganz in eine schwarze Gugel gehüllt, seinem Davonschreiten aus dem wüsten Getümmel nachgefolgt sein mußte, und er entgegnete unwirsch:

»Nicht nach dir. Geh! du störst mich.«

»In deinen Gedanken?« fragte sie.

»Ich habe dir gesagt, laß mich, alberne Dirn!«

Ein leises Lachen kam von der kaum im Umriß wahrnehmbaren Gestalt, die im gleichen flüsternden Ton wie bisher erwiderte:

»Als ich dich hierher gehen sah, dachte ich, du wolltest zu mir, und da du zaudertest, kam ich zu dir herauf. Doch da du mich fortweisest, nimm nur das, was ich dir mitgebracht.«

Ihre Hand löste etwas weißlich Schimmerndes von der Brust und bewegte es gegen ihn hinan. Es klang ihm jetzt im Ohr, der Ton und die Art ihrer Sprache waren nicht die einer losen normannischen Dirne, und er antwortete rasch und artiger: »Vergib, wenn ich dir unrecht getan.« Zugleich erkannte er jedoch, daß es eine weise Teichrose sei, die sie ihm darbot, und er fügte, auf ihren Mummenschanz eingehend, hinzu: »Bist du die Nixe des Sees« – er hielt einen Augenblick inne und ein wunderliches Gedächtnis überkam ihn, daß er lächelnd fortfuhr: »Oder bist du von der Art Ingeborgs von Dänemark?«

Die Angesprochene stutzte einen Augenblick, dann entgegnete sie schnell:

»Was weißt du von Ingeborg von Dänemark?«

Sie hatte es lauter als zuvor geredet, und plötzlich klang etwas in ihrer Stimme ihm vertraut und er versetzte rasch:

»Was weißt du von ihr anders als durch mich?« Und er legte lachend seine Hand auf ihre Schulter: »Du hast dich gut verstellt, kleine Tove, aber du durftest nicht sagen, daß du zu mir kämest, weil ich heut nicht zu dir kommen gekonnt.«

Doch sie spielte ihre Rolle fort und erwiderte mit so gut gekünsteltem Staunen, daß es wie volle Natürlichkeit klang:

»Tove – wer ist Tove? hast du sie hier gesucht, da will ich dich nicht länger fernhalten, sie zu finden.«

Mit einer raschen Bewegung entschwand sie aus seinem Gesicht, er rief: »Wo bist du? Komm, Tove, ich habe dich ja erkannt, sei nicht so töricht, sondern bleib' bei mir, daß dir unter den wüsten Gesellen nicht wieder Übles zustößt!«

Nun raschelte es leis neben ihm im Gezweig und ihre Stimme gab Antwort:

»Ich war töricht, aber bin's nicht mehr; die Wasserrose nur hieß mich hierherkommen, um dir zu sagen: Sei du auf der Hut vor Herrn Tiedemann Steens Torheit!«

Es rauschte wieder im hohen Schilf des Seeufers und Osmund Werneking stand allein. »Was heißt das?« hatte er überrascht auf die letzten, unverständlichen Worte entgegnet, doch es kam keine Erwiderung mehr. Ärgerlich rief er den Namen des wunderlichen Mädchens und fügte freundlicher hinterdrein: »Du wolltest ja mit mir im Mondlicht gehen, Tove, sieh, er kommt gleich von den Bergen –«

Aber alles blieb still, sie kehrte nicht zurück und kein Laut gab Anhalt, wo sie sich verbarg. Wie war sie hierher gelangt, was sollte der Mummenschanz, den sie betrieben, was bedeutete ihr Ratschlag und was wußte sie überhaupt von Herrn Tiedemann Steen? In Gedanken darüber ging er rückwärts, er fand keine Erklärung, als daß sie noch mehr als sie ihm erschien, ein Kind sei und sich neckische Kinderei ausgeklügelt habe. Dann dämmerte ihm als ein Verständnis derselben auf, sie suchte ihm Abneigung gegen das Verweilen in Tiedemann Steens ›Familie‹ einzuflößen, damit er am Abend längere Zeit in ihrer Stube verbringe. Das war die ›Torheit‹, vor der er auf der Hut sein solle, seine eigene; über die mädchenhafte List, unter der sich das eifersüchtig-kindliche Verlangen, ihn bei sich zu haben, barg, lächelnd, schritt er dem tausendstimmigen Gelärm des Festplatzes zu. Der lodernde Schein der Fackeln fiel nur matt noch bis hierher, doch an einem überspringenden Felsen hielt Osmund Werneking, unwillkürlich den Kopf drehend, an. Von rechts her war ein gedämpftes Reden an sein Ohr geschlagen und, selbst im tiefen Dunkel, gewahrte er unweit vor sich zwischen den Baumstämmen sitzend mehrere noch eben unterscheidbar von dem fernen Geleucht angestrahlte Gestalten, die sich augenscheinlich zu einer ungestörten Zwiesprache hierher abgesondert hatten. Drei derselben konnte er sich nicht entsinnen, schon zuvor wahrgenommen zu haben, sie waren von hohem Wuchs und trugen schwarze, Gesicht und Körper völlig verdeckende Gugelmäntel. Ein vierter, ebenso, doch in grauer Verhüllung, hatte sich gerade von seinem Sitz erhoben und sprach halblauten Tones: »Also nach Abmachung, morgen.« Er streckte seine Rechte aus, welche zwei der andern erfaßten und schüttelten, während der dritte nur mit einem kurzen Handwink aufstand. Nun verneigte der in die graue Gugel Gekleidete sich mit einer zu Bergen ungewöhnlichen Höflichkeit und schritt den Pechfeuern zu; auch die übrigen verschwanden, doch knackendes Reisig unter ihren Füßen ließ vernehmen, daß sie sich in entgegengesetzter Richtung tiefer in den Wald hinein wandten.

Ein ähnliches Zusammenverweilen zu irgendeiner Abrede vermochte sich in dem Mummenschanztreiben an manchen Stellen wiederholen, und der nächtliche Vorgang hatte eigentlich für Osmund Werneking nichts Befremdendes an sich gehabt, so daß er kaum einen Gedanken daran geknüpft und schon nach wenigen Augenblicken nicht mehr drüber dachte. Die Gestalt in dem grauen Gugelmantel trat vor ihm auf zwischen das Getümmel der übrigen Vermummten und ergriff einen gefüllten Becher. Es war Zufall, daß Osmund durstend gleichfalls an das nämliche Metfaß hinanschritt, nun nickte der andere und sprach: »Habet auch Durst, Herr Werneking, lasset mich auf Euer Wohl anklingen!« Seine Hand machte sich, um den Trunk an die Lippen führen zu können, kurz das Gesicht frei, und aus der grauen Verhüllung sahen die Züge Herrn Tiedemann Steens hervor. Verwundert nahm Osmund sie gewahr, er wußte selbst nicht recht, warum und was ihn daran in Überraschung versetze, bis ihm als Grund dafür das eigentümliche Zusammentreffen der absonderlichen Mahnung Toves und der abseits geführten Unterredung des Oldermanns mit den drei schwarz vermummten Unbekannten zum Bewußtsein kam. Das brachte ihn zu einem erneuten und anhaltenderen, indes ebenso ergebnislosen Nachdenken über die unverständliche Äußerung des Mädchens, er suchte eine geraume Zeitlang überall in dem Gedränge nach den Fremden umher, doch diese befanden sich offenbar nirgendwo auf dem Festplatz, den Osmund Werneking jetzt verließ, um sich, des immer trunkenern Gelärms satt, allein nach Hause zu begeben. Auf dem Gang aber befielen ihn bald wieder andere Gedanken, ein sehnsüchtiges Verlangen, daß die Nacht und der nächste Morgen erst vorüber sein möge, damit er seinen gewohnten Nachmittagsweg über die Berge einschlagen könne. Ihm war's, als sei es nicht ein Tag erst, sondern schon Wochen, daß er nicht neben Wilma Oldigson droben gesessen und jedesmal mit deutlicherer herzklopfender Empfindung von ihr geschieden, auch sie hätte gern die Sonne angehalten, daß diese nicht so früh ins Meer hinuntersteige. Von seiner Ungeduld getrieben, war er am folgenden Tage wohl früher als sonst aufgebrochen, denn als er die Bergeshöhe erreichte, sah sein scharfer Blick die Felswand drüben noch leer, und auch wie er zu dieser selbst gelangte, stand er allein dort in Sonne und Wind. Er setzte sich wartend auf den gewohnten Platz, aber schräg und schräger sank die flammende Goldscheibe gegen die Wellen hinab, und es blieb einsam um ihn her wie zuvor. Endlich stand er unruhvoll auf und trat nach der Seite, wo der steile Abstieg in das unbekannte Geklipp niederführte. Sein Ohr horchte umsonst, kein Ton eines nahenden Fußes drang aus der dunklen Felskluft herauf. Mit ungestüm klopfendem Herzen blickte er hinunter. Sollte er dem Schweifen seiner Augen nachfolgen? Doch er hatte mit Hand und Mund gelobt, diesen Weg nie zu betreten. Angespannter nachsinnend denn noch je zuvor, suchte er das Geheimnis, das hier seinen Anfang nahm, zu durchdringen, aber seine fruchtlosen Gedanken wurden noch verworrener denn je stets aufs neue von der Frage übertäubt, warum sie heute nicht hier sei. Nun tauchte die rote Feuerkugel in den Ozean, und er wartete noch immer, doch Wilma Oldigson kam nicht.

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