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Osmund Werneking

Wilhelm Jensen: Osmund Werneking - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Jensen
titleOsmund Werneking
seriesAus den Tagen der Hansa
volumeBand 2
publisherH. Haeffel Verlag
printrunSechste bis achte Auflage
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20070910
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Desleider aber auch – wie mir solches bei Namhaftmachung der Stadt Bergen zunächst in den Sinn verfällt – hat Herr Dietwald Wernerkin, Ritter, noch bei seiner Lebenszeit mit vielfältigem Ärgernis die große betrübliche Irrung und Verwilderung sehen gemußt, als welche bis auf den heutigen Tag reichliches Ungemach, Schaden und Schändlichkeit über die Seefahrer und mancherlei Landbewohner gebracht. Will ich, dieweil die Zeit mir ein gar übles Gedächtnis zu haben bedünkt und manch einer schon, selbst unwillentlich, den eigentlichen Beginn des heillosen Wesens nicht mehr nach seinem Anlaß in der Erinnerung behütet, kürzlich an dieser Stelle davon melden, wie zum Anfang die ruchlose Plage derer, so sich Vitalienbrüder benennen und leider zu genugsam bekannt, in die Welt geraten. Denn als im Heilsjahre 1389 Waldemar Atterdags Tochter, Königs Hakon von Schweden Ehegemahl, die Königin Margarethe von Dänemark, welche man Sprengehest zubenannt, auch mit der Heidenkönigin Semiramis von Morgenlande in Vergleich gesetzt, den König Albrecht von Schweden in blutiger Schlacht bei Falköping besiegt und gefangen genommen, ist doch seine Hauptstadt Stockholm ihm getreu und anhängig verblieben, zumal durch unerschrockenen Mut der in ihr seßhaften deutschen Hansen und alten Widerzwist derselbigen wider dänische Gewalt. Und haben sie unter ihrem Heerführer Herzog Johann von Stargard, Schwestersohn Königs Albrecht, gegen die Belagerung der Stadt um Beistand bei dem preußischen Hochmeister und Herzögen von Mecklenburg gerufen, die wiederum sich um Beihülfe an ihre Landesstädte Rostock und Wismar gewendet, daß selbige schier darob ihre hansische Pflicht töricht außer acht gelassen. Dieweil nämlich arge Hungersnot die Verteidiger von Stockholm zur Übergabe an Margarethe Sprengehest bedräuete, haben die Ratmänner zu Rostock und Wismar Schiffe gerüstet, um die Stadt mit Nährmitteln zu beschicken, wonach die Beihelfer auf den Koggen sich Vitalienbrüder, das ist Viktualienbrüder, zubenannt. Das mochte wohl christlicherweise und klug geschehen, denn es ist nicht Vertrauen, Friede und Freundschaft mit den Dänen und deutscher Wohlfahrt und wird nimmer sein. Aber es haben die Städte Rostock und Wismar in Unbesonnenheit ohne Vorwissen der gemeinen Hanse gleicher Zeit einen Ruf ausgehen lassen, es sollten sich bei ihnen alle solche wohlbewaffnet einstellen, welche die darbende Hauptstadt von Schweden mit Zufuhr versorgen und auf eigene Kosten und Gefahr gegen Dänemark und Norwegen abenteuern wollten, um dort zu rauben und zu brennen, würden mit ›Stehlbriefen‹ versehen und ihnen die Häfen offengehalten werden, um ihren Raub zu bergen und nach Wohlbelieben zu verkaufen. Ist aus solcher unvorbedachten Aussaat Bitterböses aufgewachsen. Denn es hat sich alsbald viel waghalsiges und raubgelüstiges Volk, Edle und Unedle, tolle Gesellen, Schelme vorm Rad und Galgen fortgelaufen, zusammengefunden, gar ruchlos den Vorwand genutzt, Stockholm Hülfe zu leisten, in Wahrheit frech und freibeuterisch Städte und Ortschaften, aller Völker Schiffe, ob dänische, ob deutsche, auf dem Meere überfallen und ausgeplündert, einzig wohlbehutsam die Koggen von Rostock und Wismar stets verschont und ihre vielfältige Beute in sichern Raubhöhlen von der pommerschen Küste bis zum Friesland hin geborgen. Sind immerhin an Zahl und schamloser Keckheit angewachsen, daß sie einen gemeinen Bund zu mehr denn tausend Köpfen gestiftet, allen Handel verwüstet, Herren auf dem Meere gewesen, weit ärger als angelsächsische, dänische und wendische Seeräuber in alter Zeit. Haben solcherweise an Übermacht zugenommen, daß sie im Heilsjahre 1392 die Stadt Bergen mit Gewalt angefallen und verbrannt, den Bischof von Strengnäs zu schwerer Auslösung nach Stockholm geschleppt, englisches und niederländisches Gut geraubt, auch Herrn Dietwald Wernerkins Geschäft dort, meinem Herrn Vater, bösen Schaden zugefügt, den Ruf der deutschen Hanse in ganz Norwegen verunehrt haben, da man sie als Zugehörige der Städte erachtet und diesen solche Gottlosigkeit zugeschrieben. Zumeist am schlimmsten ist ihr Hausen in der Stadt Wisby gewesen, die seit Waldemar Atterdags Überfall tief in Unmacht und Niedergang geraten, so daß die Vitalienbrüder sie völlig in ihre Gewalt gebracht, dort eine große Niederlassung begründet, um ihre Ausbeute zu teilen, wonach sie sich gemeiniglich ›Likedeeler‹ beheißen, dieweil sie allen Raub zu gleichen Teilen unter sich auskehren. So betrübsam ist das Schicksal der vor eines Menschen Alter noch so mächtigen, edeln und reichen Stadt Wisby geworden, daß sie schier nicht unähnlich, wie die Stadt Bardewieck, an der verlassenen und gefürchteten Küste von Gotland daliegen soll. Sind aber die Hauptanführer und Anführer der schandbaren Gesippe der Likedeeler zweie mit Namen Godeke Michelsson und Klaus Stortebecker, Gott sei dafür gepriesen, man darf heute berühmen, gewesen, die mehr fast denn Könige, Fürsten und Feldherren wegen ihrer schier unglaubhaften Verwegenheit und abenteuerlich wildem Vermessen in den Mund alles nordischen Volles geraten, daß man die unartigen Kinder mit ihnen schrecket, leider der Unverstand aber auch auf den Gassen Lieder von ihnen singet, als seien nicht eitel Schandtaten, vielmehr rühmliche Heldenmären von ihnen zu berichten.

Solche Torheit, große Schadenlegung und arge Verwirrung hat Herrn Dietwald Wernerkin, Ritter, um die Ausgangszeit seines Lebens viel sorgliche Bekümmernis zubereitet, daß derselbige, obzwar ansonst allzeit nach friedfertiger Einigung trachtend, doch von starkem Unwillen befallen, seinen ganzen Einfluß im Rat der gemeinen Hanse dahin gesetzt, daß die beiden Urheber des also schadhaften Übels, die Städte Rostock und Wismar, zu gerechter Strafe verhanset würden. Ist solches auch auf seinen eifrigen Betrieb zu Recht geschehen, daß sie noch bis zum heutigen Tag aus unserm Bunde ausgeschlossen und als ›Klipphäfen‹ mit dem Bann belegt sind. Vielerlei anderes, Gutes und Gemeinnützliches hat mein Herr Vater noch erwirkt. Desleider aber hat er nicht mehr zu Lebenszeit Kunde vernommen, wie in diesem Heilsjahre durch Wohlverdienst unserer edeln Bundesstadt Hamburg ein großer Hauptstreich wider das Freibeutertum geführt worden. Hatte Klaus Stortebeker so vieles Ansehen und Reichtum erlangt, daß ihm sogar Herr Keno then Broke, Gebietiger um Aurich, seine Tochter ehelich zum Weibe gegeben und im Verein mit Herrn Hisko, dem Propste zu Emden, den Seeräubern allerorten im Friesland gute Freistatt und Schlupfwinkel eingeräumt. Darauf jedoch die Städte Lübeck, Hamburg und Bremen ernstlich gerüstet, auch Gröningen, Kampen und Deventer sich zugesellt, viel Raubburgen und Schlösser am Emsfluß mit ihren Schiffen gebrochen, letzlich die ›Bunte Kuh‹, eine Orlogskogge derer von Hamburg, die Hauptleute der Likedeeler und siebenzig Genossen bei der Insel Helgoland angetroffen und nach großem Widerstreit die meisten lebendig in ihre Gewalt gebracht. Und sind alsbald danach Klaus Stortebeker, Gödeke Michels, Wigbold, ein Magister der Weltweisheit aus Rostock, benebst so viel andern auf dem Grasbrook zu Hamburg vom Meister Rosenfeld mit dem Beil gerichtet worden, daß er bis zu den Knöcheln im Blute gewadet. Trotziglich und gottlos alle, wie sie gelebt, aus dem Leben fortgeschieden und ihre Köpfe am Elbfluß entlang auf spitzige Pfähle aufgesteckt. So geschehen am Tage Sancti Feliciani im Juniusmond dieses Heilsjahres 1402 und verhoffen alle rechtschaffenen und ehrbaren Leute, es sei damit dem gemeingefährlichen und schandbaren Gewerbe der Vitalienbrüder ein wohlverdienter Ausgang zubereitet, daß die deutsche Hanse durch sie nicht ferner bei Unverständigen in Unehre und üblen Ruf falle, als habe sie derlei ruchlosen Übeltaten ihre Nachsicht und Gunst zubewilligt. Solches habe ich hier niedergeschrieben zu meines Herrn Vaters weiterm Angedächtnis, der sich mehr denn ein anderer wider die Missetäter ereifert und ihm wohl zu vergönnen gewesen, daß er noch von derselbigen schimpflichem Endziel Wissen empfangen.

Herr Dietwald Wernerkin, Ritter, ist aber unverehelicht geblieben bis zu seinem 42. Lebensjahre, nahe ein Jahrzehnt nachdem die Königin Elisabeth von Norwegen als Schwester im St. Petrikloster, jungfräulichen Standes und noch jung ihres Alters, seligen Todes verstorben. Und hat auch er bis an sein Absterben das kleine Goldkreuz auf der Brust getragen, wie an ihm gefunden. Ist er jedoch um obige Zeit von einer schweren Krankheit niedergeworfen worden, daß er nicht anders vermeint, es sei sein Letztes, und hat, da er keine Sippe in der Stadt besessen, die ehrsame Jungfrau Barbara Kalver, im Nachbarhaus wohnhaft, sich seiner großen Verlassenheit erbarmt, ihn bei Tag und Nächten in seinem hitzigen Fieber also bewahrt, daß er allein durch ihre Fürsorglichkeit noch dem Tode entgangen. Ist schon in die dreißiger Jahre vorgerückt gewesen, behutsam, verständig, gleichfalls ohne Eltern und Sippschaft, nur für andere bedacht. War gern schweigsamen Mundes, doch wenn sie geredet, von gar wohlbesonnenen Worten, und hatte eine liebliche Art, jeglichem zu gefallen. So war mein Herr Vater durch Monde lang an ihr achtsames Behaben im Haus und freundlich-kluge Zwiesprache sehr gewöhnt, daß es ihm hart gefallen, als er von seinem Siechtum auferstanden, sich wieder von ihr zu trennen. Bedünkte ihn sehr einsam, still und frostig im Hause, konnte sie aber doch ehrbarerweise nicht fürder bei ihm verbleiben, hat er aber wohl wahrgenommen, daß auch ihr der Abschied schwer falle, ist mit sich zu Rat gegangen, auch Befreundete zugesprochen, daß sie sich nicht wechselseitig unnötige Vereinsamung und Trostentbehrnis zufügen möchten. Und ist sie also, obzwar nicht von vornehmer Herkunft, meine liebwerteste Frau Mutter geworden, allzeit arbeitsam, geduldig und sanftmütigen Herzens und unverändert bis ans Letzte, daß sie immer des gleichen, halb noch jugendlichen Alters zu verbleiben geschienen, und hat ein stillanmutiges Lächeln gehabt, das oftmals in trüben Tagen wie ein Sonnenschein im Hause gewesen. Desleider allzu früh, da ich 16 Jahre worden, in die Ewigkeit eingegangen, bin der einzige Sohn verblieben. Mein Herr Vater aber ist, nachdem sie ihn verlassen, in große Traurigkeit verfallen, hat sein Gemüt in den letzten Jahren mehr denn zuvor einer tröstlichen, gestrengen Gläubigkeit zugewendet, wie es wohl aus seiner Niederschrift zu öftern Malen ersichtbar wird, hat vielmals von Elisabeth und meiner Mutter zusammen geredet, als seien sie beide ihm eines geworden in der Vorstellung und der Hoffnung, sie wieder anzutreffen. Und ist also, wie ich obigen Orts vermeldet, aus dem Leben ausgeschieden am 13. Tage des Brachmondes dieses Heilsjahres 1402, glaube, gern gestorben. Hat viel Ungemach, Ärgernis und Trübsal befahren, doch reichlich Ansehen, Ehren und Ruhmwürdigkeit dazu, letzlich mit meiner Mutter gute Jahre genossen, mir großen Wohlstand hinterlassen. Gott schenke ihm die ewige Seligkeit!

Dieses habe ich, Thedmar Wernerkin, alsbald nach seinem Absterben zur Ausfüllung seines Lebensberichtes kürzlich zugefügt, gedenke dereinstmals, wenn ich seines Alters werde, über mich selber fortzufahren. Weiß aber keiner vorher, was geschehen soll. Ist eine unwirsche, wilde Zeit, einzig Getröstung darin, daß noch niemalen solche Hochmächtigkeit der gemeinen Hanse vor Augen gestanden, herrschet von Nowgorod im Russenlande bis nach Brügge schier über alle nordischen Reiche, vermag kaum noch höher zu steigen. Bewahr uns der Beistand Gottes vor Hoffart, Übermut und Unrechtfügung und lasse mich, und wenn er mir Söhne verleiht, getreulich auf meines Herrn Vaters, selig, Wege fortgehen. Amen.«

Als Osmund Werneking, oftmals nicht ohne erhebliche Beschwernis, die Schriftzüge beim dunstigen Geflacker der Kerze zu unterscheiden, bis hierher gelesen, war es ziemlich späte Nacht geworden. Das Blatt aber, welches seine Hand noch hielt, machte das letzte Stück der alten Schriftlegung aus, es folgte keines mehr darein. Herr Thedmar Wernerkin mußte nicht dazu gelangt sein, die von ihm gesprochene Absicht in spätern Jahren zu vollführen, oder ein anderer Ort solche Hinterlassenschaft von ihm aufbewahren.

Thedmar Wernerkin war der Ältervater Osmund Wernekings gewesen, das wußte dieser, doch kaum mehr als den Namen und daß derselbe zwei Söhne hinterlassen, Wisimar und Detmar. Von ihnen hatte der erstere das väterliche Handelsgeschäft in der Burggasse zu Lübeck fortgeführt, Detmar, der jüngere, sich nach Wismar gewandt und hier eigenen kaufmännischen Betrieb begonnen. Weiter reichte das Wissen Osmunds nicht, sein Vater hatte niemals mit ihm über den Bruder geredet. Es schien zwischen beiden eine frühzeitige Entzweiung und Entfremdung eingetreten zu sein, daß sie fernerhin keinerlei Zusammenhalt der nahen Verwandtschaft mehr bewahrt. Doch auch sonst hatte sich Herr Detmar Werneking stets karg an Äußerung über die Vorfahren seines Geschlechtes erwiesen, seinem Sohne von der Niederschrift Dietwald Wernerkins niemals etwas kundgegeben, diese vielmehr ersichtlich mit Achtsamkeit, als besorge er Gefährliches darin enthalten, allzeit unter sicherm Verschluß geborgen.

Die Wangen und Schläfen Osmund Wernekings aber brannten, nachdem er jetzt die Blätter bis zum Ende gelesen, mit so heißem Rot, als ob der Meinung seines Vaters, es möge gerade für ihn eine fiebererregende Schädlichkeit in der alten Schrift enthalten sein, wohl Berechtigung innegewohnt. Ein Glanzgeleucht war in seine Augen gekommen, die noch einmal zu dem Beginn des Lebensberichtes Dietwald Wernerkins zurückkehrten, wie derselbe mit zwanzig Jahren Hab und Gut und Väterheimat hinter sich gelassen und als fahrender Mann von Bardowieck in die Welt hinausgezogen. Offenkundig hatten zwei Naturen in ihm verweilt, eine des alten ritterbürtigen Blutes, das ihn keck mit Schild und Speer zur Weite, auf streitbare Umfahrt drängte, und andere daneben, aus deren Keim nachmals der seßhafte, bedachtsame Handelsherr und Lübecker Ratsherr aufgewachsen. Und es kam Osmund, daß sein Vater allein diese letztere Natur geerbt habe, während er selber die erstere überkommen und von Kindesbeinen auf in sich getragen. Dann ging es ihm weiter durch die Gedanken, ob etwa seinem Oheim Wisimar auch dieses gleiche Erbteil gefallen und daraus der Zwiespalt und die Scheidung zwischen den beiden Brüdern erwachsen sein möge. Solches Umherdenken aber füllte ihn mit eifriger Begier, auch über das Leben und die Sinnesrichtung seines Ältervaters weiteres in Erfahrung zu bringen; er sprang plötzlich auf und suchte in allen bisher von ihm unbeachtet gelassenen Schrankwinkeln und Schubfächern nach der verheißenen Schriftfortführung Herrn Thedmar Wernerkins. Doch fand sich eine solche nirgendwo, auch nicht, als der Nachforschende ein ihm noch unbekanntes Geheimfach entdeckte, das allerhand wertvolle Pretiosen barg. Sein Blick ging ziemlich gleichgültig darüber hin, und es war Zufall, daß sein Augenmerk auf einem schlichten Kästchen zwischen dem Geglitzer edler Steine haften blieb und seine Hand den Deckel abhub. Da lag, an einer Schnur befestigt, ein kleines goldenes Kreuzchen darin, in dessen Mitte, von einem Blätterkranz umschlossen, ein E eingegraben stand.

Nun saß Osmund Werneking wieder an dem braunen Eichentisch. Er hielt das Goldkreuz in Händen und sah mit gar eigentümlich glanzvollen, weit geöffneten Augen drauf hinab. Dann las er wieder in der alten Schrift, wie Elisabeth von Holstein auf der sonnigen Heide bei der Burg Arensfeld Dietwald Wernerkin dieses Kreuzchen zum Andenken gegeben.

Vom Rathause zu Wismar her kam ein neuer Klang für die Zeit durch die ruhige Maiennacht. Die Uhr, welche der Rat sich für große Anzahlung durch eine Schiffsgesandtschaft aus der Stadt Padua im italischen Land vor kurzem erst hatte erholen lassen, schlug die Mitternachtsstunde. Osmund Werneking horchte mit glühendem Angesicht auf und vermurmelte: »Es ist die Stunde der Geister, wie vor einem Jahrhundert in ihr mein Urältervater zu Lübeck mit Johann Wittenborg die Becher widereinander geklungen. Sie haben damals noch vom Schlag der Glocke nicht gewußt, aber mich bedünkt, ihre Geister sind lebendig um mich zur heutigen Mitternachtstund'.«

Manchmal sah er lang wie in ferne Weite vor sich hinaus, dann las er wiederum, der fiebernde Strahl zwischen seinen Lidern überblitzte die alte Schrift. So wiederholte er nochmals das Lesen derselben bis zum letzten Abschied Dietwald Wernerkins am Dünenstrande von Falsterbo. Da schlug die Uhr die zweite Morgenstunde, und Osmund Werneking hielt inne. Er sah auf und sprach lauten Mundes:

»Es ist doch wohl ein Tropfen andern Bluts noch in mir als in seinem. Ich hätte nicht von ihr gelassen – wenn du mir das Kreuz gegeben, Elisabeth, kein König und kein Kloster hätte dich mir nehmen gesollt!«

Er bückte plötzlich die Stirn nieder und küßte das kleine Goldkreuz. Es lag ehrerbietige Scheu und ein schwärmerisches Ungestüm darin, wie seine Lippen es berührten. Dann befestigte er sich rasch die Schnur um den Nacken, barg es an seiner Brust und suchte seine Lagerstatt auf.

Doch der Schlaf kam nur mit einem kurzen, unruhvollen Traum über seine Augen, oftmals stieß er in ihm laute Worte hervor. Im Frühlicht stand er schon wieder angekleidet, anders als am Abend vorher, wie zu einer Reise gerüstet. Dann begab er sich zu dem alten Buchhalter und sprach: dieser möge mit Vollmacht getreulich während seiner Abwesenheit schalten, er habe über Nacht erwogen, daß es der günstige Fortgang seines Handelsgeschäftes von ihm heische, selber einmal Nachschau im Kaufhof zu Bergen zu halten; wann er heimkehre, wisse er heut noch nicht zu sagen. Der Alte hörte verwundert die unbereitete Botschaft, doch lag wohl zweckdienlicher Antrieb zu solcher Fahrt für den Besitzer des Geschäfts in der Luft, denn es kam seit Jahren manche Kunde von Norwegen herab über tolles und unverständiges Gebaren, das im Kaufhof zu Bergen der Hanse oftmals Schaden und Unehre zufüge. So gelobte der Buchhalter, mit treulicher Pflicht Haus und Handel seines Herrn in Obacht zu halten, und bereits um eine Stunde später verließ Osmund Werneking seinen stattlichen Wohnsitz in der Dankwardsstraße und zog durch die hochübergiebelten Gassen seiner Vaterstadt davon. Er wandte sich aber nicht durch das Wassertor dem Hafen zu, sondern zu Roß aus dem Pölertor auf den im Halbrund die Stadt umschließenden Hügelkranz hinauf. Da hielt er und warf noch einen Blick über die vielen Türme, Zacken und Zinnen des stolz-bevorrechteten Hansebundgliedes, die himmelblaue Seebucht dahinter und die smaragden schimmernde Insel Pöl zurück, dann winkte er lachend mit der Hand gar leichtgesinnten Abschied und ritt westwärts auf der Landstraße nach Grevismühlen weiter. Wie er, wohlgewandt als Reitersmann, so im Sonnenschein dahintrabte, war's in manchem, als sei Dietwald Wernerkin aus dem Grab gekehrt und ziehe nach einem Jahrhundert wiederum jung und keckgemut in die Welt hinaus. Sein blondes Haar war's und im großen die nämlichen Züge des Gesichts, nur die Gestalt darunter wies nicht völlig so kraftvollen Wuchs und nicht schwere, kriegerische Rüstung. Wohl war auch sein Urenkel, wie es noch ebenso unerläßlich außerhalb der Stadtmauern, mit Waffen und Wehr gut versehen, doch er trug unter dem farbig verbrämten Mantel nur ein feinmaschig, enganschmiegsames, blauschuppiges Panzerhemd, einen leichten federüberwallten Stahlhelm auf dem Scheitel und neben dem langen Schwert in silberner Scheide, an der andern Seite des Sattels hängend, ein kaum längeres Faustrohr von italischer Kunst aus der Stadt Velletri, so leichter Art, wie zu Wismar noch keine zweite Hakenbüchse gesehen worden. Diese war eine ebenso große Kostbarkeit, als für einen Reiter wenig nutzbar, da ein unvorhergesehener Angriff ihm zu ihrer umständlichen Handhabung schwerlich Zeit beließ. Aber ein Jahrhundert hatte die Sicherheit im Wendland sehr zum Bessern gewandelt, daß kein Burgritter und selbst kein mecklenburgischer Herzog sich unterfangen mochte, einen Bürger der mächtigen Städte Wismar und Lübeck auf der Landstraße zwischen ihnen mit offener Gewalttat zu überfallen, da die Hanse mit Wegelagerern nicht Spaß verstand, gleichviel, ob sie aus dem Strauch oder dem Schloß entstammten, und manch edler Kopf schon sein Gelüst an Kaufmannsgut unter dem Beil eines städtischen Freimeisters gebüßt hatte.

Gegen die hochragenden Türme der Löwenstadt aber ritt auch Osmund Werneking heut, wie einstmals sein Urältervater es getan. Nur wußte er, zu welchem Behuf er dorthin zog, und trug reichlichen Vorrat von Goldgulden in seinem Gurt. Und nur besaß sein Antlitz keinen mädchenhaften Anflug, die bartlose Lippe erschien zuversichtlicher gewölbt, in seinen noch blauen, doch beträchtlich dunklern Augensternen lag nicht der träumerische Schimmer, den Dietwald Wernerkins Wimpern einst überschattet, und obwohl die Lerchen, grad wie vor einem Jahrhundert, singend um ihn zum Maihimmel aufstiegen, gab sein Ohr und Blick nicht auf sie acht.

Der Weg von Wismar an die Trave war für sein gutes Pferd nicht weit und er traf noch am hellen Spätnachmittage ungefährdet am Burgtor zu Lübeck ein. Gleich hinter jenem lud ihn eine Herberge zur Ausrast, und er befragte den Wirt nach Herrn Wisimar Wernekings Haus und Handelsgeschäft in der Burgstraße. Doch wußte der keinerlei Auskunft darüber und meinte, er habe niemals von einem solchen in der Stadt vernommen, gewißlich aber sei der Ausgekundete nicht in der nämlichen Straße mit ihm ansässig. Die gleiche Erwiderung empfing Osmund von mehr denn einem Nachbarn der Herberge, bei denen er seine Umfrage fortsetzte, bis ein höher Bejahrter nachsinnend sich im Gedächtnis wachrief, daß in seiner Jugendzeit vor dreißig Jahren oder mehr ein Herr Werneking, Sohn und Geschäftsnachfolger Herrn Thedmar Wernekings, Ratsherrn selig, in der Burgstraße wohnhaft gewesen. Doch eines Tages sei derselbige aus der Stadt Lübeck verschwunden, habe Haus und Handel verkauft, seitdem verschollen, keiner wisse mehr irgendeine Kunde von seinem Bleiben, mutmaßlich längst verstorben, seines Alters müsse er sonst jetzt etwa sechzig Jahre sein.

Das vernahm Osmund Werneking nicht minder hocherstaunend, als zu nicht geringem Leidwesen, denn obwohl er seinen Oheim nicht kannte und seiner bisher kaum jemals als eines noch Lebenden gedacht, hatte sich seit dem Abend zuvor die Mutmaßung in ihm befestigt, derselbe müsse durchaus andern Sinnes und Wesens sein, als sein Bruder Detmar wohl von jung auf bis zu seiner Todesstunde gewesen. Auch hatte es ihn mit einem heimlichen Gefühl angemutet, nicht völlig ohne jegliche Sippe und Blutszugehörigkeit in der Welt zu stehen, und er schritt, etwas niedergeschlagenen Gemüts, durch die fremden Gassen der Stadt Lübeck umher. Dann aber kam's ihm, daß er ganz so in gleichem hier umwandere, wie Dietwald Wernerkin es einstmals auf den nämlichen Steinen und wohl an vielen der nämlichen Häuser vorüber getan, nur mit gar gewichtigem Vorzug vor jenem an Gut und Geld in seinem Säckel. Er sah die hohen Zwillingstürme der Marienkirche und darunter auf dem Marktplatz die Richtstatt, von der Johann Wittenborgs Kopf herniedergerollt, und es fiel in der abendlichen Dämmerung zum erstenmal etwas über ihn, das ihm bis dahin fremd gewesen, er wußte keinen Namen dafür, mit sonderbarem Schauer lief es ihm durchs Blut. Allgemach ging er halb wie in Traumverlorenheit, als ob er wohl er selber, doch zugleich auch sein Urältervater sei, der wieder ins Leben zurückgekommen und mit seinen Sinnen umblickte und horchte. Oft schaute er vor sich hinunter, als müßten die Spuren desselben ihm noch aus dem Stein, darauf er den Fuß setzte, heraufnicken, und wie das Nachtdunkel einbrach, stieg er in den Ratsweinkeller nieder. Der hatte grad so gelegen, und die Bürger der Löwenstadt, alte und jüngere, saßen ebenso, redend und trinkend an den Tischen und gleicherweise teilnahmslos und fremd für den jungen Ankömmling. Manchmal tönte von einem abgesonderten Gewölbe nebenan, der Orlogsstube, lauter Becherklang, und er vernahm aus der Zwiesprache der Umsitzenden, daß dort viel vornehme Gäste seien, Herzöge aus Mecklenburg, Brandenburg und Sachsen, Grafen und Ritter, die der Ankunft des Königs Christoph von Dänemark in Lübeck für den nächsten Tag harrten, um in der Stadt auf dem Kloster bei der Burg eine festliche Zusammenkunft mit ihm zu halten. Osmund Werneking hatte einen Tisch in dämmernder Ecke für sich gesucht, vielleicht konnte es derselbe sein, an den sich Dietwald Wernerkin einstmals gesetzt und im heißen Südwein seine Mutlosigkeit zu goldigen Hoffnungsbildern umgebadet. Doch sein Nachkomme war besser im Trunk erfahren und vermochte manchen Becher auszuleeren, ohne eine Wirkung davon zu verspüren. Dann ward es mählich wohl ebenso um ihn stiller und verlassener, auch der fürstlichen Gäste Gelärm drüben war verklungen, aber Johann Wittenborg kam nicht, ihm mit einer Ansprache die Hand auf die Schulter zu legen. Nur geisterhaft lagen die alten Bogenwölbungen, hier und da noch von einem unbestimmten Laut widerhallend, der an ihnen umlief, als töne er aus ihren Fugen eingemörtelten Stimmenfang hervor. Und zuletzt flutete doch der Wein durch Hirn und Herz Osmund Wernekings, daß er sich, wie ein Aufwachender, fast lachend sprach, er sei ja nicht sein Ahnherr und bedürfe keiner Beihülfe wider Kleinmut und Trostlosigkeit. Und er sei nicht über die Sonnenheide gekommen, daß es ihm das Herz bedrücke, von ihr weit in ferne Fremde hinauszuziehen, vielmehr treibe ihn ein ungestümes Verlangen aus der heimatlichen Welt in unbekannte andere, nach Wind- und Wellengebrause. Aber seltsam blieb's dabei, daß das goldene Kreuzchen auf seiner Brust nach einem Jahrhundert zum andern Mal hier an derselben Statt verweilte, das einzige, was aus jener Zeit verblieben, derweil alles, was es damals gewahrt, sich lang ins Grab gelegt und in Staub zerfallen, heißklopfende Menschenherzen mit Liebe, Haß, Arglist und Ehrfurcht. Es war ihm, als habe sich etwas wunderlich an seinen Sinnen und seiner Seele verwandelt, seitdem er die Schnur des kleinen Kreuzes um seinen Nacken gelegt, als sehe er alle Dinge um sich her mit andern Augen und höre mit anderm Ohr. Das mochte wohl der Wein wirken, dessen feurige Kraft er jetzt doch empfand; er trank den letzten Becher und lächelte, das Kreuz mit der Hand fassend: »Elisabeths Lippen küßten dich und redeten: Bring' ihn wiederum zurück wie heut. Du hast's wohl nach dem Wort getan, doch ich hoffe, du geleitest mich zu besserer Fahrt nach Falsterbo.«

Er stand auf und ging, als der Letzte, etwas auf den Füßen schwankend, der Ausgangstreppe zu. Vor einem der leeren Tische neigte er sich, seinen befederten Helm vom Haupte ziehend, und sprach mit etwas rauschglänzenden Augen, doch ernsthaften Mundes:

»Gute Nacht, Herr Wittenborg; habet Dank für Eure Gesellschaft. Wenn Euer Blick heute die Dudesche Hanse gewahren könnte, möchtet Ihr wohl die Geisterstunde hier noch ausharren und guten Freudentrunk tun. Habet zu tief in Nixenaugen geschaut, die fürcht' ich nicht, durch den Sund zu fahren. Und waret ein hochmächtiger Herr und Gebieter, Herr Admiral, aber Ihr seid tot, und ob mich keiner ansieht hier und meine Gunst begehrt in der Welt, trag' ich noch lebendigen Kopf auf mir, dessen freu' ich mich mehr. Schlafet geruhsam! Weiß nicht, ob Ihr irgendwo zusammen verweilet mit meinem Urältervater. Dann begrüßet ihn, ich trüg' sein Amulett auf der Brust vor Waldemar Atterdags falschem Blut.«

Durch die Breite Straße wanderte Osmund Werneking hallenden Schrittes über den Kuhmarkt zur Burgstraße hinüber. Er blickte an den hohen Giebelhäusern empor und sprach laut:

»Aus welchem von euch schaute Wisimar, mein Oheim, herab? War Dietwald Wernerkins junges Blut in ihm, daß er übleres Geschick an der Barbareskenküste befahren? Oder sitzt er noch am Rialto zu Venedig mit einer Landsgenossin von Peter Holmfelds schwarzlockigem Weibe am Herd? Ihr seid worteskarg wie die Toten! Wenn meines Ahnherrn Hand nicht geredet, wer wüßte noch von dem, was gewesen?«

Trotz seiner späten Heimkunft hob er sich am Morgen schon mit dem ersten Licht in der Herberge vom Lager. Er traf äußerst günstigen Zufall, daß im Flußhafen eine Kogge vollbereit lag, um nach der Stadt Bergen unter Segel zu gehen, und schon um wenige Stunden nachher drehte sich hinter ihm das von der Sonne vergoldete Burgtor Lübecks mit den Krümmungen der Trave im Kreise, wie einst vor Dietwald Wernerkins rückgewendetem Blick. Langsam zog das hochmastige Schiff scheinbar über das grüne Land fort, da kam dem heutigen Fahrgast der Kogge das Gedächtnis, daß der junge Schützling Johann Wittenborgs damals beim Abschied von den Türmen der Löwenstadt das kleine Goldkreuz genommen und seine Lippen darauf gedrückt. Lächelnd, von der Erinnerung geregt, tat er das nämliche; im nächsten Augenblick jedoch horchte er verwundert auf. Aus der blauen Luft über ihm kam ein Klang herab, und wie er den Kopf hob, stand ein dunkles Pünktchen ihm zu Häupten im Sonnengeflimmer. Und zum ersten Male gelangte es Osmund Werneking deutlich ins Bewußtsein, das sein Ohr den hellen Frühlingsschlag einer Lerche vernahm.

* * *

Ein Jahrhundert ist seit Dietwald Wernerkins Ausritt von Bardowiek auch über die Länder, Völker und Throne der nordischen Welt hingegangen. Der zweite Kriegszug der Hanse im Bunde mit den holsteinischen Grafen und dem Herzog von Schleswig hat Waldemar Atterdag zur Flucht aus seinem Reich gejagt, erst nach drei Jahren zurückgekehrt, ist er im Herbste 1375, ohne einen Sohn zu hinterlassen, auf Schloß Gurre gestorben. Zwei seiner Enkel haben sich den Thron Dänemarks streitig gemacht, Herzog Albrecht von Mecklenburg, der Sohn seiner Tochter Ingeborg und Herzogs Heinrich von Mecklenburg, und Oluf von Norwegen, der Sohn König Hakons und Margarethens, Waldemars Atterdag jüngerer Tochter, welche Elisabeth von Holstein vom Throne Norwegens verdrängt. Dann hat Margarethe die Herrschaft für ihren erst fünfjährigen Sohn zu erringen gewußt und ist, als Oluf bald darauf plötzlich gestorben, da auch König Hakon ihm nachgefolgt, Königin von Dänemark und Norwegen geworden, während Albrecht von Mecklenburg die Krone Schwedens erlangt. Doch von dem schwedischen Volke gerufen, hat Margarethe, ›die Semiramis des Nordens‹, durch die Beihülfe der deutschen Hanse ihren Neffen mit Waffenmacht gestürzt, auch die schwedische Königskrone zu den andern auf ihr Haupt gesellt und die drei nordischen Reiche durch die ›kalmarische Union‹ unter ihrem Zepter vereinigt. Und nicht minder ist es der Kinderlosen gelungen, ihren Großneffen Erich von Pommern als Nachfolger in Dänemark, Norwegen und Schweden anerkennen zu lassen. So hat König Erich nach dem Tode Margarethens im Jahre 1412, neunundzwanzigjährig, den Thron der drei Reiche bestiegen. Er ist ein Sohn Herzogs Wratislaw von Pommern und Enkel Ingeborgs von Dänemark, durch die das Blut Waldemars Atterdag in seine leiblichen Adern übergegangen, doch mehr noch in Hirn und Herz. Ihm fehlt das Gewaltige seines Urältervaters, der große, bezwingende Zug in Edlem und Unedlem. Noch in kleinerem Maßstab ist er nicht minder falsch, habgierig und rachsüchtig: er prahlt mit hochfahrendem Übermut auf seine königliche Hoheit, Macht und Glanz, dem Schwächern gegenüber frech und herrisch, weicht er mutlos vor wirklicher Gefahr zurück. Im Gang der Jahre bricht Graf Heinrichs des Eisernen von Holstein altgrimmiger Haß gegen das dänische Herrscherhaus in seinen Söhnen wider den neuen König los und vernichtet das Heer desselben unfern der Stadt Flensburg. Erich von Dänemark entsagt zugunsten des Nachfolgers Heinrichs, des Grafen Adolf des Achten von Holstein und Letzten seines Geschlechtes, jeden Anrechts auf das Herzogtum Schleswig; feig, wortbrüchig und grausam, verliert er von Jahr zu Jahr mehr in seinen drei Reichen die Achtung bei Hohen und Niedrigen. Im Jahre 1437 wird er von den Reichsräten Schwedens und Norwegens, 1439 von denen Dänemarks der Krone verlustig erklärt. Er macht keinerlei Versuch, seine Herrschaft zu behaupten, entwendet nur bei Nacht die Reichskleinodien und flüchtet zu Schiff nach der von Seeräubern völlig in Gewalt gehaltenen Insel Gotland. Von wild-unlöschlichem Haß gegen Dänemark beseelt, verbündet er sich dort mit den Vitalienbrüdern und rüstet Koggen, um an den dänischen Küsten zu plündern, rauben und brennen. Dann, über die Mitte des Jahrhunderts, ist er verschollen.

An seine Stelle beruft der dänische Reichsrat im Herbst des Jahres 1440 den Sohn seiner Schwester und des Pfalzgrafen Johann von Neuburg-Sulzbach, Herzog Christoph von Bayern, als ›König der Dänen, Wenden und Goten‹ auf den erledigten Thron, und nach einem Jahr folgen Schweden und Norwegen in der Anerkennung desselben nach. So wiederholt sich die Vereinigung der drei Reiche unter einem Zepter. Doch König Christoph besitzt keine Kinder und nicht Aussicht, noch einen Thronerben zu erhalten. Obwohl von Vätern her deutscher Abkunft steckt doch in seinem Blut, das in weiblicher Folge auch von Waldemar Atterdag stammt, ein glühender Haß wider die deutsche Hanse. Er ist von wenig gewinnender, in sich verschlossener Natur, ohne Vertraute, niemand erfährt seine Gedanken, eh' er sie ins Werk setzt.

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