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Osmund Werneking

Wilhelm Jensen: Osmund Werneking - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Jensen
titleOsmund Werneking
seriesAus den Tagen der Hansa
volumeBand 2
publisherH. Haeffel Verlag
printrunSechste bis achte Auflage
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20070910
projectidf3e9dfc7
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Dann sind sie da, in einem Nu zu wuchtigen, schwergepanzerten Gliedern geballt, und das Ohr meldet sie fast eher als das Auge. »Dudische Hanse!« und Speer, Schwert und Streitaxt wüten schon unter den Vordersten der Bedränger der deutschen Kaufhöfe, ehe die Hinteren noch von einer Ahnung der jähen Umwendung erfaßt worden. Und kurz nur ist der Kampf, wie sie diese erkennen; zwiefache, niederstampfende Übermacht steht gegen sie. Aus den unerwartet befreiten Gärten brechen die Hansen gewaffnet mit hervor, mit seiner angesammelten Schar stürzt Osmund Werneking in den Rücken der Normannen und Dänen. Doch Oluf Nielsen kämpft mit störrischem Bärentrotz gegen die zu Tod Gehaßten, bis ein Lanzenstoß seine Brust trifft und die Spitze ihm im Rücken wieder hervortreibt. Da wenden sich die Seinigen zu wirrer Flucht; auch die Hälfte der Seeräuber deckt den Boden. Von einem heißen Dankgefühl getrieben, sucht Osmund Werneking in dem Getümmel nach seinem Oheim, ihm in der Not vielleicht seine Hülfe vergelten zu können, doch umsonst. Dann atmet er befreit auf; seitwärts am Ufer sieht er braunrote Segel im Winde flattern, der Rest der Piraten hat, der zerdrückenden Übergewalt weichend, sich an ihr Schiff durchgeschlagen. Vom Deck gewahrt er den Purpurmantel König Erichs flattern, zwei lange, weißwallende Bärte neben ihm. Verweht grüßt noch einmal ein wildes Gelächter vom Bord herüber, als ob es sich nur um einen lustigen Morgenspaß gehandelt; nun schießt die Snigge wie ein Sturmvogel wieder in die See hinaus.

Der hansische Kaufhof, die Schustergasse sind vom Untergang gerettet, verfolgend wälzt sich das Gewühl den Flüchtenden auf den Überstrand nach. »Haut alles nieder, Normannen, Engländer, Niederländer!« brüllen die wutschäumenden Schuster. »Laßt den roten Hahn über ihre Dächer fliegen!«

Eine Fackel sprüht in eines der Holzhäuser, es lodert auf, blitzschnell peitscht der Sturm ein Flammenmeer über die ganze normännische Stadt. Ihre Bewohner stürzen von Speer und Schwert durchbohrt, Männer, Weiber und Kinder. Das Tor des Munkholmklosters ist verschlossen, beutegierig zertrümmern die Anstürmenden das Gebälk. Vorm Altar des Kirchenraumes stehen zusammengedrängt die Insassen, der Stiftshauptmann, die Domherren und Mönche, die sich an die heilige Freistätte geflüchtet. Mit gehobenem Kreuz in den Händen tritt im Ornat Bischof Torlef den Hereinstürzenden entgegen. Salbungsvollen Wortes will seine unterwürfige Miene sie ansprechen, doch bevor sein Mund einen Laut hervorzubringen vermag, donnert es: »Segen der dudischen Hanse!«, und eine Streitaxt zerspaltet ihm den Kopf. Einige der andern sinken röchelnd über ihn von Hieb und Stich. »Die Pfaffen haben den Verrat geplant!« schreit es, »röstet den Rest lebendig!« Flammen lodern auch aus dem Munkholmkloster auf, und über die an den Domstühlen Festgeschnürten kracht das brennende Balkenwerk zusammen.

Es war eine wilde, erbarmungslose, bluttriefende, nordische Welt.

Entsetzt hatte Osmund Werneking sich von den Greueln der Vergeltung abgewandt, die außer ihm niemand empfand. Auf seine Fragen, wie die Koggen hierher gekommen, war ihm von einem ihrer Führer die Antwort zuteil geworden, der Rat habe durch einen Hansen von Kopenhagen in Erfahrung gebracht, daß König Christoph die Absicht trage, seinen mißlungenen Überfall der Stadt Lübeck durch Eroberung und Zerstörung des deutschen Kaufhofes von Bergen wett zu machen. Da seien in Hast Orlogsschiffe bemannt, auch zur Warnung für die Bedrohten sofort eine schnellaufende Snigge vorausgeschickt worden, die von dem Sturm verschlagen oder untergegangen sein müsse. Die Koggen selbst aber hätten es nur dem wütenden, sie gleich Federn mit sich wirbelnden Orkan gedankt, daß sie noch zu rechter Stunde im Augenblick der höchsten Gefahr eingetroffen, denn am gestrigen Abend seien sie noch im Skager Rak gewesen und hätten in der Nacht mehr als dreißig Meilen durchs Wasser gepflügt. So schnell sei kein Segel seit Menschentagen von der Trave nach Bergen gelaufen.

Nun war es neunte Vormittagsstunde erst und alles vorüber wie ein toller Morgentraum. Im Blut lag König Christophs Söldnerschaft, von der kaum einer entronnen, in Asche der größte Teil der normannischen Stadt, deren Holzbauten ihre Glut rasch ausgelodert hatten. Mächtiger aufgereckt, gebieterischer denn je stand die deutsche Hanse alleinherrschend auf dem behaupteten ›schwarzen Felsblock‹. Die Normannen, denen es geglückt, sich auf die Berge zu flüchten, sahen stumpfsinnig drein: wenige waren unter ihnen, die zum erstenmal den Untergang ihrer Häuser und Habe gewahrten. Sie warteten, bis die ingrimmige Wut der ›Herren‹ sich gelegt habe, diese wieder des kaufmännischen Geschäfts gedenken und sie selber zurückkommen lassen, um zur Fristung des armseligen Daseins den Fischhandel mit ihnen zu erneuern.

Wilma Oldigson befand sich neben Osmund. Sie war ihm nachgeeilt, als er die Burg hastig verlassen, um sich an dem verwandelten Kampf tapfer zu beteiligen, und ob auch selbst waffenlos, war sie nirgendwo von seiner Seite gewichen. Auffälliger denn zuvor erschien die Ähnlichkeit ihres schönen Antlitzes mit dem, das einst die Gräfin Elisabeth von Holstein besessen, doch anders als diese, von Wind und Welle groß gezogen, barg ihre Brust nicht nur das weiche Gemüt derselben, sondern auch eine feste Rüstung des Mutes darumher, der keine andere Furcht kannte, als die Gefahrbedrohung ihres Herzens. So hatte sie Osmund im wilden Getümmel nicht um Schrittweite verlassen, und nun leuchteten ihre Augen, daß sie ihn von ritterlicher Furchtlosigkeit im Waffengemenge erkannt. Die Liebe des Weibes hatte gezittert und gebangt, aber das alte dänische Königsblut ihres Herzens war stolz auf ihn.

Jetzt sprach er: »Laß uns das Schreckliche nicht mehr mit ansehen!« Und zum erstenmal sich klar besinnend, fügte er drein: »Wo ist Tove, unsre Erretterin, deine Schwester?«

Sie staunte ihn fast sprachlos an. »Meine Schwester?«

Er hatte vergessen, daß sie noch nicht Ahnung davon besaß, daß er sie nicht mehr gesehen, seitdem ihm diese Kenntnis geworden, und er erläuterte ihr schnell und zart das wenige, was er selbst erst erfahren, doch Auge und Ohr ihm überzeugungsvoll bestätigt hatten. »Laß uns rasch gehen,« schloß er, »sie wird noch allein auf Bergenhuus schlafend liegen, wie ich sie dorthin gebracht. Ich weiß nicht, was sie in den letzten Tagen wieder so krankhaft befallen und verwandelt hat.«

In wenigen Minuten erreichten sie die stillverlassene Burg. Wilma eilte, seltsam erregt, fast noch mehr als er. Doch die Bank in der Halle war leer, Osmund rief den Namen des Mädchens, aber alles blieb lautlos in dem öden Gebäude, nur von draußen her tönte das Aufklatschen der Wellen an den alten Turm Olaf Kyrres. Die Umherblickenden wandten sich ihm zu, und nun gewahrten sie mit freudigem Anruf am Ende eines Ganges die Gesuchte. Sie stand regungslos, wie auf etwas horchend, und sah den Kommenden entgegen, dann wich sie, scheu abwehrend, langsam zurück. Ihr Antlitz verriet die Geistesirre; die manchmal in Osmund Wernekings Gegenwart über sie geraten: er hemmte den Schritt und sprach liebreich: »Wir sind's, es ist deine Schwester, Tove, die dich sucht.«

Zugleich trat Wilma mit vorgestreckten Händen gegen sie heran, doch nun stieß sie jäh zusammenschaudernd aus: »Rühre mich nicht an – deine Hand ist rein –«

Sie flüchtete weiter durch den Gang, der auf einen Söller des Olafturmes ausmündete. Osmund flüsterte: »Sie kennt dich nicht und fürchtet dich; bleib zurück, ich will zu ihr.«

Er ging rasch auf sie zu, die ihn jetzt am Ende ihrer Zuflucht, unbeweglich gegen die Brüstung des Söllers gedrückt, erwartete. »Wir kommen, dich zu holen und mit uns nach Wismar zu nehmen,« redete er sie an, »daß du in Wahrheit dort mein Schwesterchen wirst.« Aber sie starrte ihm nur sprachlos angstvoll ins Gesicht, und er fuhr, um ein Verständnis in ihr zu erhellen, eilig fort: »Du weißt noch nicht, daß du uns gerettet hast, daß wir alle deiner Warnung unser Leben danken.«

»Gerettet« – wiederholten ihre blutlosen Lippen, und ihre Brust hob sich zum ersten Male zu einem tiefen Atemzug – »dann habe ich die Schuld gesühnt!«

Hörbar verstörte der alte Wahn sie wieder, und Osmund lenkte schnell ab: »Woher wußtest du von dem Überfall, daß du uns warnen konntest? Gestern abend sah ich dich noch, da besaßest du keine Ahnung –«

Sie bewegte langsam verneinend die Stirn und fiel geheimnisvoll flüsternd ein:

»Ich wußte nicht, was – aber ich fühlte, daß der Sturm aus der Luft kam. Und ich hab's ihm abgekauft – heut nacht – klug – er mußte mir's zuvor schwören auf das Kreuz an seiner Brust. Er tat's, falsch wie alles an ihm, denn er betrog mich um den Preis und schloß mich in seiner Kammer ein. Doch dann ging er, als der Tag kam, zu seinen Helfern, lachend wie immer, und ich schrie, und Vrouke Tokkeson hörte mich, und ich versprach ihr alles Gold im Munkholmkloster, wenn sie mir die Tür aufbreche –«

Verwirrten Sinns hatte Osmund Werneking zugehört, fast schreckbetäubt von einem halben Verständnis stieß er aus:

»Wem hast du deine Kunde abgekauft? Unglückliche! Wofür? Dem Bischof Torlef? Er ist tot –«

Sie schrie auf. »Tot? Hab' Dank, daß du mir das noch gesagt! O das tut wohl nach der Qual! Tot wie sein falsches Kreuz! Tot für all sein Erbarmen an mir! Könnt' ich den küssen, der ihn getötet!«

Ein Schauer über den lautjubelnden Irrsinnsausbruch des Mädchens überlief Osmund, dem ein Blitzstrahl jetzt grelles, volles Licht auf die harrende Absicht geworfen, mit der Bischof Torlef sich ihrer Verlassenheit erbarmt gehabt. Entsetzt streckte er die Hand, sie zu fassen: »Schweig – sei ruhig – komm fort von hier, Tove!«

Doch nun floh sie angstvoll vor ihm nach der andern Seite des breiten Söllers. »Nicht deine Hand – sie brennt wie Feuer! Ich bin ruhig, ganz ruhig, denn ich hielt die Treue, und die Schuld ist ausgelöscht. Aber du sagst's, ich muß fort, sonst schließt sich der Turm um mich zusammen. Siehst du, seine Steine wachsen schon – er will nicht, daß Witta Holmfelds Blut sich weiter forterbt! Ich soll's in sein Bett legen und einwiegen –«

Osmund stieß einen lauten Schreckensruf aus, vor ihm hatte das Mädchen sich auf die niedrige Söllerbrüstung geschwungen. Besinnungslos stürzte er zugleich mit Wilma Oldigson jetzt auf sie zu, doch ehe einer von ihnen sie zu erreichen vermochte, sprang Tove Sigburgsdatter, noch einen Blick irrer, herzbrechender Liebe aus Osmund Werneking zurückwerfend, in die schwindelnde Tiefe hinunter. Ihre Kleider bauschten sich im Fall um sie, als tauche ein dunkelköpfiger Vogel aus der Luft zum Wasser herab. Dann schlugen die Wellen drunten am Felsenfuß des alten Turms kurz auseinander, einen Augenblick schimmerte noch ihr weißes Gesicht wie eine schaukelnde Seerose auf dem dunkeln Grunde, aber schnell zerfloß es, rinnendem Schaum gleich, und ein schwarzer Wogenkamm rollte auslöschend über die ›letzte Saat‹, die der Wind von Venedigs sonnigen Ufern hierhergetragen.

* * *

Ein Herbsttag war's, der mit linder Schwermütigleit über den leise schon bräunlich angehauchten Buchenwäldern der Wendlandküste lag, als Osmund Werneking mit Wilma, am Bug der heimkehrenden Kogge stehend, durch die wagrische Bucht gegen die Mündung der Trave hinansegelte. Deutend hob er die Hand und wies ihr die aus weiter Ferne jetzt schattenhaft hochherragenden Türme Lübecks; nun zog das Schiff an dem Häuserhäuflein Travemündes vorüber. Da stand die Schenke, aus der in der Mainacht die jütischen Schiffer herausgekommen, ihr verderbliches Weinfaß an Bord zu rollen – wie ein Traum lag die wilde Welt Bergens hinter Osmund. Nur die weiße Perle, die er sich aus Sturm und Brandung dort heraufgeholt, war kein zerrinnendes Traumgebild; fester umschlang seine Hand die ihrige, langsam glitt die hochmastige Kogge den gewundenen Fluß stromauf. So hatte einstmals Dietwald Wernerkin zurückzukehren gehofft, wie ein freundlicheres Geschick es heut seinem Urenkel beschieden. Wohl überschleierte auch die Stirnen der beiden jungen Gesichter ein stiller, schwermütiger Ernst, der des Vergangenen noch gedachte und im Einklang zu der hinschwindenden Lebensvergänglichleit der Natur um sie her stand. Doch in der Tiefe ihrer Augen trauerte nicht der Herbst, sondern schimmerte liebliche Frühlingszuversicht, und leuchtende Sonne des Glückes in ihnen wußte, daß sie Kraft besitzen würde, die trüben Nebel zu zerstreuen, welche das rauhe Nordland noch an den Wimpern hinterlassen. Denn die Toten hatten leidlose Ruhe, die nichts mehr störte, und im harten, drangvoll umdrohten Leben forderte das Herz sein Jugendrecht, aller Erinnerungswehmut zum Trotz aus dem Himmelsdoppelquell der Liebe volle, vergessende Seligkeit zu trinken.

Ihnen voran aber lief durch die stille Luft wie Sturmgebrause eine schwerhallende Kunde, daß die Ankommenden auf den Straßen Lübecks fast von ähnlicher lauter Erregung empfangen wurden, wie dereinst Dietwald Wernerkin, als die Botschaft des gewalttätigen Überfalles der Stadt Wisby durch Waldemar Atterdag eingetroffen. Ohne Kinder war König Christoph von Dänemark auf seiner Burg zu Kopenhagen unvorhergesehenen Todes gestorben, die drei Kronen der nordischen Reiche lagen wieder herrenlos auf schwankenden Wagschalen. Im Ratssaal an der Trave saß der Hansetag und riet, denn es schrieb zur selben Zeit der nachmalige Papst Pius II., Äneas Sylvius Bartholomäus Piccolomini: »Es steht Lübecks Ansehen so hoch, daß auf seinen Wink drei mächtige Reiche des Nordens ihre Herrscher anzunehmen oder zu verstoßen gewohnt sind.«

Osmund Werneking brachte Wilma nach der Ankunft in eine Herberge und begab sich alsbald zu Herrn Marquard Pleskow. Der Burgemeister saß in seiner Schreibstube und sah mit sorgenvoll gefalteter Stirn tiefernst drein. Er erkannte den Eintretenden und empfing ihn mit wohlwollendem Gruß:

»Seid mir willkommen, Herr Werneking, habe vernommen, daß ich Euch noch zu rechter Zeit Hülfe gesandt. Ihr waret nicht so scharfsichtig in Bergen, als Ihr Euch zu Travemünde erwiesen. Doch es liegt heut über vielen Augen, daß sie blind geworden und nicht sehen.«

Er schüttelte den Kopf und saß düster schweigend. Osmund nahm jetzt die Rede und stattete kurz Bericht ab, in welchem Stand er den Kaufhof in Bergen angetroffen und wie Zucht, Redlichkeit und Recht dort in der Tat schlimmer daniederliege, als wohl einer in den Städten der Ostsee dafürhalte. Doch nun fuhr Marquard Pleskow heftig auf:

»Was, Recht! Eisen, junger Mann! Glaubt Ihr, mit Bitten und Mitleid herrschen zu können? Unser Vorteil ist Recht, wer sich ihm widersetzt, unser Feind, ob Däne und Normann oder die vom Engelland und Niederland! Ihr waret töricht, nicht Tiedemann Steens Planung; nur stand er an Klugheit unter Bartholomes Voet und wird's hart büßen. Aber es wächst eine andere Torheit auf, gar größer als die von Tiedemann Steen, und droht nicht einem Kaufhof Unheil, sondern uns allen. Kommet, Ihr mögt mich geleiten, vielleicht kann ich Euer Wort nutzen.«

Der Burgemeister sprang, sein Schwert umgürtend, vom Sitz, Osmund Werneking folgte ihm, ohne zu wissen, wohin. Dann war er unerwartet in den Hansesaal gelangt, der sich bald darauf rasch mit den Vollmachtsabgesandten der Städte anfüllte. Er stand noch ohne Kenntnis, um was die Ratschlagung sich handle, als Marquard Pleskow die Rednerbühne bestieg. Da erfuhr er aus dem Munde desselben, daß der Reichstag Schwedens seinen ehemaligen Reichsvorstand, Herrn Karl Knudson, zum Könige erwählt habe, Dänemark dagegen mit der Absicht umgehe, den Schwestersohn des Grafen Adolf des Achten von Holstein, den Grafen Christian von Oldenburg, auf den dänischen Thron zu berufen. Und in meisterhafter Redefügung mahnte der Burgemeister Lübecks den Hansetag, die Wahl des Königs Karl Knudson anzuerkennen und zu fördern, dagegen der Besteigung des Thrones von Dänemark durch den Oldenburger Grafen die Bewilligung zu verweigern. Lang redete er, weit und tief ein Bild der Völkerverhältnisse des Nordens aufrollend, ihrer Vergangenheit und Gegenwart! fast atemlos scheinend, hob er seine Stimme gewaltsam noch einmal zu mächtiger Stärke, um warnend zu enden:

»Diese Gegenwart ist euer, und euer bleibt die Zukunft, wenn ihr sie klug vorausbedenkt! Aber trotzet nicht auf eure heutige Kraft, daß sie unvergänglich sei, wenn die weise Vorsicht unserer Väter sich von ihr trennt! Setzt ihr großes Werk fort, in eure Hand liegt es heut gegeben. Trauet nicht einem Deutschen auf dem Throne Dänemarks, Erich der Pommer und Christoph der Bayer haben es euch erwiesen! Duldet nicht, daß die Calmarische Union wieder Leben gewinnt, sondern ertötet sie! Zerteilt die nordischen Reiche und beherrscht sie! Doch eines vor allem, lasset nicht den Oldenburger, den Schwestersohn des Grafen Adolf, auf den dänischen Königssitz! Wer bürgt euch, wenn sein kinderloser Oheim stirbt, daß er nicht auch dessen Erbe gewinnt! Daß die Kronen Schwedens, Norwegens, Dänemarks, Schleswigs, Holsteins und Oldenburgs nicht in eine Hand geraten, in die Hand, die den ersten Nagel einschlüge in den Sarg des Reichtums, der Herrschaft und des stolzen Namens der deutschen Hansa! Videant consules, ne quid detrimenti capiat res publica!«

Atemlos trat Herr Marquard Pleskow jetzt von der Rednerbühne, lauter Beifall ward seinen Worten gezollt, doch es schien, mehr ihrer rednerischen Kraft und Vollendung, als dem Inhalt ihrer Warnung. Wenigstens streifte sein Blick trüben Ausdrucks über die Köpfe und er murmelte, sich erschöpft auf den Arm Osmund Wernekings stützend und den Saal mit ihm verlassend: »Ihre Zungen und Hände stimmen drein, aber ihre Ohren sind taub und ihre Augen blind.«

Der Entscheid des Hansetags fiel noch nicht an diesem Tage, doch der Lübecker Burgemeister hatte scharfgesichtig zu gut in den Mienen des größern Teils der Städte-Abgesandten gelesen. Ohne Widerstand der deutschen Hansa zu finden, bestieg der Graf Christian von Oldenburg nach Ablauf nicht langer Zeit als König Christian I. den dänischen Thron, über wenig Jahre später fügte er, Karl Knudson mit Gewalt aus Schweden vertreibend, auch die Kronen der Calmarischen Union auf sein Haupt, und als sein Oheim, Graf Adolf der Achte von Holstein, der letzte vom Stamme Graf Geerdts des Großen, im Jahre 1460 starb, durchlief bald darauf die seltsame, schwerwiegende Kunde die Nordwelt Europas: es habe der Rat von Holstein um des Besten willen des Landes zu einem Herzoge von Schleswig und Grafen von Holstein erkoren den gnädigen Herrn, den König Christian von Dänemark – daß der Chronist, als über etwas Schwerbegreifliches staunend, verzeichnete: »Also wurden die Holsten Dänen und verschmäheten ihre Erbherren und gaben sich mit gutem Willen, ohne Schwertesschlag, unter den König von Dänemark, da ihre Ahnen und Vorahnen manches Jahr gegen gewesen mit wehrender Hand, und manchen Krieg geführet, daß sie keine Dänen sein wollten, wobei ihnen die Städte behülflich waren mit großem Volk und großen Kosten.« – Es lebten dergestalt dreie zu gleicher Zeit, welche die nordischen Kronen auf dem Haupte getragen, König Christian der Erste, Karl Knudson, nach der Stadt Danzig geflüchtet, und auf einer einsamen Hofstatt seines deutschen Geburtslandes unfern dem Ort Rügenwalde König Erich, der Pommer, der, Kronen- und Seeraubs müde, erst in höchstem Greisenalter inmitten der stillen Sandfeldmark als letzter Enkel der schönen Ingeborg von Dänemark das wilde Blut des Geschlechts Waldemars Atterdag beschloß.

Das war in den Tagen, die Herr Marquard Pleskow nicht mehr sah; heut aber hielt er noch, von Osmund Werneking bis an seine Wohnung zurückgeleitet, vor ihrer Tür den Schritt und sprach ernstlich:

»Solltet nicht nach Wismar zurückgehen, Herr Werneking, sondern zu Lübeck verbleiben, wo Eure Vorväter guten Namen gewonnen und der Eurige selber nach gewichtigem Verdienst in Ehren steht. Blicket Euch um unter den schönen Töchtern unserer Geschlechter, es wird kein Vater Euch weigern, welche Ihr begehrt, noch Lübeck Euch in kommenden Tagen einen Sitz im Rat. Drum stützet mein Alter mit einer jungen Kraft, daß wir gemeinsam bösem Handel der kommenden Tage, den ich fürchte, zu begegnen trachten.«

Doch der so ehrenvoll Aufgeforderte erwiderte mit schuldiger Achtung und Dankeskundgabe:

»Ihr habet zuvor selber geredet, hochmögender Herr, daß ich töricht gedacht und zu Bergen nicht die Scharfsichtigkeit wie in Travemünde erwiesen. Das war aber nicht sonderliche Klugheit, sondern Zufallsgunst, die mir ein solches Verdienst um Eure Stadt gewährt, und ich habe wohl gelernt, daß Haupt und Herz an mir nicht berufen sind, über Großem zu walten und mit kühlem Bedacht die Herrschaft und den Ruhm der Hanse zu festigen: vielmehr nur, als ihrer Bürger einer, gleich allen andern meine Pflicht zu leisten. Fühle es auch, daß es nicht Drang nach Macht und Ehren gewesen, der mich aus meinem Vaterhause in die Fremde hinausgetrieben, sondern ein Erbteil von meinem Urältervater her, einen Kreuzzug zu wiederholen und bessern Gewinn davon heimzutragen als er. Was möget Ihr nicht verstehen, doch es besagt, daß ich nicht mehr nach einer der schönsten und edelsten Töchter Eurer Stadt begehren kann, da ich nur soweit noch ledigen Standes bin, als der kurze und doch mich viel zu lang bedünkende Weg von hier bis nach Wismar beträgt. Drum verübelt's mir nicht, Herr Pleskow, wenn ich Euer ehrendes Angebot mit hohem Dank von mir lehne, und lasset mich in meine Heimatstadt kehren, dasjenige zu vollbringen, was meinen geringen Kräften gegeben, friedfertig meines Vaters Handelswerk weiterzuführen und eigenes Glück des Lebens zu finden.«

Der Burgemeister schüttelte unmutig den Kopf und entgegnete:

»Ihr redet wider Euch selber, Herr Werneking. Wenn alle so gedächten, denen Euer Vorzug und Rüstung an Körper und Geist geworden, da bedürfte die Hanse nicht der Feinde von außen zu ihrem Verderben, sondern würde alsbald im eigenen Leibe siech werden und auf dem Sterbebette liegen. Wenn Ihr Begehr tragt, das Heil derselben zu fördern, da handelt Ihr als ein schlechter Arzt.«

Aber Osmund Werneking gab Antwort:

»Ich bin kein Arzt, Herr Pleskow, den die Natur stark genug erschaffen, Eure Wissenschaft zu lernen und zu üben. Ihr möget wahr gesprochen haben, daß ein solcher mit dem Eisen einschneiden muß, wo etwas den Körper der deutschen Hanse, wie er übermächtig in diesen Tagen angewachsen, bedroht. Doch mich bedünkt, es ist in ihm selber ein schlimmes Übel mitgewachsen, das andere Kunst des Arztes heischt, als scharfe Schneide, um einer bös endenden Krankheit zu wehren. Denn es ist nicht Gesundheit in einer Stadt, wo nicht Gesetz, Schutz und Ordnung wacht über den Bürgern, und so ist nicht Bestand an gesunder Macht und Größe, wo nicht Redlichkeit und Recht waltet zwischen Völkern. Wo nur Gewalt herrschet, zeugt sie andere Gewalt, an der sie bricht.«

Herr Marquard Pleskow sah ernsthaft drein, doch er erwiderte nur mit den Worten Tiedemann Steens: »Ihr seid noch jung, Herr Werneking. Vielleicht könnt' ich Euch drum neiden – so lebet glücklich, da Ihr's vermögt!«

Sie schüttelten sich zum Abschied die Hand, um sich im Leben nicht mehr zu begegnen, innerlich von gar verschiedenem Trachten erfüllt. Schon in der Frühe des andern Morgens jedoch fuhr Osmund Werneking mit Wilma Oldigson auf leichtem Segelfahrzeug wieder die Trave hinunter, um auf dem Seewege nach Wismar heimzukehren. Noch hatte sich nirgendwo Zeit und Kunstgeschick einer Nadel geboten, um das Mädchen mit anderer Kleidung zu versehen, und sie hüllte ihre alte Schiffertracht bis zur Ankunft in Wismar unter einem weiten, auf die Füße niederfallenden Mantel. Doch als sie um zwei Wochen darauf vom Altar der Marienkirche an der Blutkapelle vorüber, die vor einem Menschenalter zur Sühne für die Hinrichtung des Burgemeisters Johann Banzkows durch die Bürger Wismars erbaut worden, in die Dankwardsstraße zurückschritt, da trug Wilma Werneking ein weißes Seidengewand ihres Geschlechtes von höchster Kostbarkeit, das leuchtend an ihrer weit höher aufgewachsen erscheinenden Gestalt herabfloß, wie sonnenbestrahlte Schneehalde von den Kjölen des Nordlands. Staunend und raunend bewunderten ringsum Frauen und Mädchen dichtgedrängt die fürstliche Schönheit des stadtfremden jungen Weibes; sie ging langsam, noch etwas zaudernd und beschwerlich in der ungewohnten Kleidung, und leise wiegte sich auch in dieser ihr Gang noch, als werde sie manchmal anmutsvoll von leichter Welle gehoben und gesenkt. Vom festlichen Hause empfangen, hielt Osmund Werneking unwillkürlich einen Augenblick auf dem Flur seinen Schritt und sprach mit schmerzlichem Gedenken: »Hier hätte Tove, deine Schwester, dich heut emporleiten sollen.« Sein Gesicht kündete keine Ahnung, daß es der, von welcher er redete, besser in der leidlosen Ruhe sei, als hier, hochzeitlich geschmückt, seine Braut als Ehrenjungfrau zu begleiten; nun fügte er drein: »Komm, Elisabeth, geleite denn das Kreuzchen auf deiner Brust uns allzeit weiter!« und mit ernster Freudigkeit führte er das schöne Königskind als Herrin seines väterlichen Hauses über die Treppe zum harrenden Festsaal hinan.

›Dietwald‹ hieß über Jahresfrist ein neuer Trieb des alten Stammes. Dann gesellte ein ›Wisimar‹ sich ihm hinzu, doch niemand vernahm aus Wind und Welle mehr eine Kunde von dem, dessen Angedenken die Benennung dankbar forterhielt.

Und andere Namen folgten in langer Reihe nach.

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