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Orientalische Briefe

Ida von Hahn-Hahn: Orientalische Briefe - Kapitel 26
Quellenangabe
typeletter
booktitleOrientalische Briefe
authorIda von Hahn-Hahn
year1991
publisherPromedia Druck- und Verlagsgesellschaft
addressWien
isbn3-900478-36-8
titleOrientalische Briefe
pages3-342
created19991203
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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24. An meine Schwester

Jerusalem, Sonnabend,
November 11, 1843

Mein liebes Louischen, wenn man nicht in einer ununterbrochen fortgesetzten Korrespondenz ist, so wartet man immer auf irgend einen interessanten oder wichtigen Moment um den extraordinären Brief zu motivieren. Mir geht es wenigstens so! Ich wollte Dir schon lange schreiben; aber ich dachte ich müßte etwas recht Hübsches abwarten, und das ist jetzt gewiß gefunden, und etwas Außerordentliches dazu, denn ich war am Toten Meer, das durch seine Entstehung und seine Lage unter dem Niveau des Mittelländischen eine der größten Naturmerkwürdigkeiten ist; ferner am Jordan und in Bethlehem; – und dies alles unter der Eskorte Scheikh Abdallahs mit dreißig Beduinen vom Stamm Taamirah. Ich hoffe Du findest dies einigermaßen extraordinär! Ich fand es so und habe mich daher in diesen drei letzten Tagen so gut unterhalten, wie lange nicht. Ehe ich nun unsern Reisezug beschreibe muß ich eine kleine Einleitung vorausschicken – der Beduinen wegen. Im Ghor, so heißt das breite Tal des Jordan, und um das Tote Meer herum bewegen sich verschiedene ihrer Stämme nomadisch, und würden einander auch gar nicht zu beeinträchtigen brauchen, weil Viehweide hinlänglich vorhanden ist, wenn nicht die alten Stammfeindschaften wären, welche momentan ausgesöhnt, eine Zeitlang durch Gewalt von seiten der Regierung unterdrückt, aber ausgerottet nur dann werden können, wenn eine neue Zivilisation an die Stelle der uralten Verhältnisse tritt. Nun hat es sich einmal ereignet, daß Beduinen vom Stamm der Taamirah denen vom Stamm Beni Sachr ein Pferd gestohlen haben. Ein Pferd ist das halbe Leben des Beduinen! Aber doch nur das halbe, und die Beni Sachr haben sich gerächt indem sie einen Taamirah gefangen und lebendig begraben haben – was gänzlich dem beduinischen Recht zuwider läuft, denn da heißt es »Aug um Auge! Zahn um Zahn!«. Seit diesem Ereignis das Gott weiß in welcher grauen Vorzeit statt gefunden, hat tödliche Feindschaft zwischen beiden Stämmen geherrscht. Wenn zwei Taamirah beisammen sind erzählen sie sich die Geschichte von ihrem lebendig begrabenen Mann, und die Beni Sachr die vom gestohlnen Pferde. Wo Ideen gar nicht und Ereignisse selten wechseln, hält man umso fester an den alten. Schon öfter hat man versucht mit Gewalt die Beduinen zu disziplinieren, daß sie ihre Raub- und Fehdezüge aufgeben müßten, aber ohne Erfolg! Sie flohen in die tiefe Wüste, wohin niemand sie verfolgen konnte, weil niemand sich darin zurecht findet und so die Wasserquellen kennt als sie. Mehr Gewalt scheint die Güte über sie zu haben, indem man den Scheikhs Vorteile eines ruhigen Lebens begreiflich macht, welche sich dann wiederum der Fraktion des Stammes, deren Oberhaupt sie sind, begreiflich machen müssen. Diese Vorteile bestehen im Gelderwerb. Geld will sogar der Beduine besitzen; – aber so wie der Rabe in jener Fabel: »Ich nehm' es nur damit ich's habe.« Brauchen will er es nicht; er kann es sogar nicht. Er kleidet sich nicht anders, wohnt und ißt nicht anders, braucht nicht seine Söhne zu erziehen, seine Töchter zu versorgen. Nötig hat er es gar nicht; vielleicht erscheint es ihm grade deshalb als ein begehrenswerter, lieblicher Luxus – etwa wie wir uns einen persischen Shawl wünschen würden, während doch ein französischer dieselben Dienste leistet; oder vielleicht ist Geld nun einmal seine »fantasia«. Ungewöhnlichkeiten, Launen, Einfälle, nennt der Araber »fantasia«, und wenn er sie auch nicht begreifen oder erklären kann, so läßt er sie doch unter dieser Bezeichnung hingehen. Die Beduinen haben nun einmal die fantasia für's Geld, und die Taamirah haben schnell begriffen, daß die Eskortierung der Fremden und Reisenden zum Toten Meer ihnen dazu helfen könnte. Wegen der wilden transjordanischen Stämme sind jene Gegenden immer ein wenig unsicher, und so nimmt man sehr gern ihre Begleitung an. Nun hat sie aber die Leidenschaft verlockt den alten Haß gegen die Beni Sachr aufflammen zu lassen und ihnen ein paar Kamele wegzunehmen. Sie sagen ein paar; die Beni Sachr sagen über hundert; das Feuer der Zwietracht brennt lichterloh – denn jetzt kommt wieder eine Eigentümlichkeit des beduinischen Rechtes zum Vorschein: was geraubt ward muß zurück geraubt werden; eine friedliche Zurückstellung oder Ersatz wird nicht als genügend betrachtet: sonst hätten die Taamirah längst mit tausend Freuden die unglücklichen Kamele zurückgegeben, die ihnen nichts als Verdruß und Sorge machen; allein die Beni Sachr verschmähen das; sie wollen und müssen sie bei einer passenden Gelegenheit rauben. Bis das geschehen ist sind die Stämme in Feindschaft, und fallen sich an, wenn sie sich begegnen, und der Pascha von Jerusalem hat den Scheikh der Taamirah, den Vertreter seines Stammes, gleichsam in den Bann getan, so daß er sich nicht in der Stadt offiziell sehen lassen darf – was ihm sehr schmerzlich ist, indem er dadurch außer Verbindung mit den Reisenden gebracht wird. Den preußischen Konsul besucht er zuweilen heimlich und dieser, der sich für ihn interessiert und ihn zugleich für unsern sichersten Geleitsmann hielt, negoziierte die Eskorte-Verhandlung. Für fünfhundert türkische Piaster und unbestimmten Bakschisch von der einen, und für eine genugsam starke Bedeckung auf drei Tage von der andern Seite, wurde das Übereinkommen getroffen.

Mittwoch am achten, um acht Uhr früh ritten wir von der Casa nova fort. Da Scheikh Abdallah nicht in die Stadt kommen darf, so ritt der Konsul mit uns heraus um uns ihm zu übergeben und im Notfall zu reklamieren. Ich jubelte innerlich vor Vergnügen über dies amüsante Land, wo man noch verloren gehen und wieder reklamiert werden kann. Wir ritten aus dem Stephans-Tor, über den Kidron, am Grab der Maria links, und rechts an Gethsemane vorüber, dann um den Fuß des Ölberges herum gen Bethanien. Als wir auf diesen freieren Weg kamen, gewahrten uns die Beduinen, welche in dem ihnen befreundeten Dorf Silvah die Nacht zugebracht hatten, und liefen herbei. Scheikh Abdallah zu Pferd war der erste, und jenseits Bethanien erst hatten sie sich alle zusammen gefunden, dreißig junge, baumstarke, zum Teil schöne Männer, groß und schlank, in weißen mit einem Ledergürtel gegürteten Hemden, den weiß und braun gestreiften Mantel locker umgehangen, das gelbe Keffijeh mit dem Hanfstrick um den Kopf, hier flatternd, da zum Turban gewunden, eine schlechte Flinte über der Achsel. Scheikh Abdallah genau gekleidet wie die übrigen, ritt auf einem kleinen schlechten Grauschimmel; er selbst mit einem feinen kummervollen Gesicht, mit sanfter Stimme und ruhigen Manieren zeichnete sich auffallend vor seinen Genossen aus, und zwar durch keine der Eigenschaften, welche man bei einem Häuptling von wilden Horden erwartet. Er war klein, sah nicht kräftig und imponierend aus, und hatte in seinem Benehmen viel mehr von dem gehaltenen Wesen eines gebildeten Mannes, als von der tumultuarischen Lustigkeit und eisernen Stärke seiner Gefährten. Er macht sich wirklich Sorge um den Zwist mit den Beni Sachr und um die Möglichkeit einer Ausgleichung mit ihnen, oder einer Amnestie von seiten des Pascha, während jene es wohl nicht sehr zu Herzen nehmen. Sie lachten, plauderten, schrien, lärmten, so recht wie lustige Burschen, und gingen und liefen prächtig um uns herum. Kein Deutscher, das ist ganz gewiß, tanzt so gut wie diese Beduinen laufen. Er hat nicht auf Parkett und in der elegantesten Chaussüre die leichte, freie gewandte Haltung, die jeder Bewegung Meister ist und die den Körper zugleich biegsam wie eine Gerte, und stark wie von Erz erscheinen läßt. Man stellt den Merkur mit Flügeln an den Fersen dar; an ihn erinnerten mich die Beduinen, obgleich ihre fürchterlich plumpen Schuhe in denen die nackten Füße schlotterten, nichts von Flügeln hatten. Einige gingen auch ohne Schuhe, über Kieselgerölle, bergauf bergab, das Gewehr über der Achsel, neun Stunden, immer mit demselben leichten, langen, gleitenden Schritt. Es ist mir außerordentlich angenehm von Menschen umgeben zu sein bei denen das Geschöpf Gottes mir gefällt, seit Spanien habe ich dies Vergnügen nicht gehabt. Ich nenne so den rohen Menschen – ich meine roh, wie man sagt rohe Seide, nicht präpariert – von dem bei uns, die wir die glänzenden und verkümmerten Opfer unsrer Bildung, unsrer Kultur sind, nichts übrig bleibt. Wir sind liebenswürdig, geistreich, charmant, fein und tief, aber Geschöpfe Gottes sind wir im Grunde gar nicht mehr! Und ich gebe Dir mein Wort darauf, daß ich all meinen Geist drum gäbe, wenn ich's sein könnte.

Es war recht gut, daß ich mich an den Menschen ergötzte, denn die Natur ist hier zu dürr um Unterhaltung zu gewähren. Die Formen der Berge, ihre oberen Linien wie ihre Schluchten, Abhänge und Spalten, der Boden, die Vegetation, sind nicht anders zu bezeichnen als durch jenes Wort. Ich mache die ganze syrische Reise zu einer Jahreszeit, welche für den Reisenden die allergünstigste ist: nämlich zwischen der heißen und der Regenzeit, aber der Vegetation ist sie ungünstig, die Fruchtbarkeit des Bodens kann man nicht nach seinen Produkten beurteilen, denn alle Ernten sind gemacht, das Erdreich liegt brach, Viehweide ist das einzige was man jetzt findet, alle schönen Pflanzen sind verdorrt, abgeblüht, die Blätter bestaubt; all die schönen Zwiebelgewächse, Tulpen, Hyazinthen, Lilienarten, die im Frühling das Land so lieblich machen, sind tot. Bei einem Brunnen kamen wir denn doch vorüber, und mit freudiger Wut fielen die Beduinen über sein Wasser her. Dann auf einmal entstand eine tumultuarische Bewegung unter ihnen, und es hieß der Vortrab habe Räuber entdeckt; – aber wo? – in einer Felsenschlucht, die sich senkrecht und wenigstens hundert Fuß tief neben unserem Wege fortriß. Da waren sie, für uns wenigstens, nicht gefahrdrohend. Genau so wie aus dem Tal des Kison nach Nazareth, und wie von Ramla nach Jerusalem lief hier der Weg über zahlreiche Hügelrücken und am Rande der Schluchten, welche sie von einander trennen, dahin. Als wir auf den letzten Bergabsatz kamen, fiel der Abhang steil und zackig tief herunter, und das Ghor breitete sich vor uns aus: eine weite Ebene, nach Norden zwischen Berge sich verlaufend, und im Osten von dem transjordanischen Gebirg begrenzt, das in der Bibel Pisga heißt. Im Süden liegt das Tote Meer, von dem wir einzelne schimmernde Punkte gewahren konnten, wir kamen aus Westen. Der Jordan war nicht zu sehen, aber ein grünlicher Streif, sein bebuschtes Ufer, zeigte seinen Lauf. Von Jericho, das einst in dieser Ebene gelegen hat, ist keine bestimmte Spur vorhanden, obgleich König Herodes der Große die Stadt besonders liebte und mit prächtigen Gebäuden im römischen Sinn und Geschmack ausstattete. Tamarisken und Nabbek, mehr in Büschen als Bäumen, Weiden und Pappeln, und bei dem Dorf Richa einige Feigenbäume und Granatsträuche – andres habe ich nicht gesehen. Ob nun dieses Dorf ein Überbleibsel von Jericho ist, ob es die Ruinen sind, die man am Fuß der Berge sieht, mögen Klügere erforschen! Ich, liebes Louischen, dachte um so weniger daran, als wir uns plötzlich in einem Beduinenlager befanden. Ein allerliebster Bach mit umbuschten Ufern schlängelt sich diesseits Richa; ausgetrocknete Bette von Winterbächen haben sich kleine Wälle aufgewühlt: so kommt es, daß man nicht weit um sich sehen kann, wenn man einmal in der Ebene ist, und daß ich wirklich überrascht sein konnte. Bei einem alten verfallnen Wartturm, den man ehrfurchtsvoll ein Kastell nennt, weil einige albanesische Soldaten darin campieren, schlugen wir unser Zelt auf, nachdem Scheikh Abdallah erkundet, daß dies seinem Stamm befreundete Beduinen waren. In Gruppen lagen ihre Zelte beisammen, immer sechs bis zehn ungefähr, und wohl eine Stunde weit in der Ebene verstreut; uns auf zwanzig Schritt gegenüber, dann auf der andern Seite des Kastells, und so fort. Wir stiegen auf dessen plattes Dach, und sahen von oben in das wimmelnde Treiben hinein. Die Beduinenzelte sind nicht was wir zeltförmig nennen, sondern die Stangen und Stricke sind so aufgerichtet und gespannt, daß sie längliche Vierecke bilden. Diese werden mit einem schwarzbraunen filzähnlichen Haartuch so bedeckt, daß die eine lange Seite ganz geöffnet bleibt; dann scheidet eine Mittelwand von demselben Stoff sie in zwei gleiche Teile: der eine ist gleichsam der Salon, da liegen Matten und einige Polster, welche nachts als Lagerstätte dienen, und der andre ist den häuslichen Geschäften gewidmet und daher meistens von den Frauen bewohnt. Ein Zelt ist und bleibt aber immer ein enger Raum, und so quellen und drängen dessen Bewohner mit ihren Geschäften oder ihrer Geschäftslosigkeit ins Freie hinaus, umsomehr als die Form der Zelte mit der einen langen offenen Seite ohnehin ein abgeschiedenes Treiben unmöglich macht.

Es war ein wunderschöner Nachmittag, so recht von der Sonne vergoldet, wie es zu sein pflegt, wenn es am Morgen aus zerrissenen Wolken etwas geregnet hat. Das Klima ist in Ghor ganz anders südlich wie in Jerusalem, und zwar so, als ob es nicht sechs Stunden, sondern sechs Grad entfernt wäre – habe ich gelesen – und allerdings! fanden wir uns auch aus der Luft des Frühherbstes in den Sommer versetzt. Das und die warme Beleuchtung waren dem bunten Bilde ebenso vorteilhaft als entsprechend. Es war wirklich ein Stückchen paradiesischen Lebens: Menschen in den einfachsten befriedigendsten Verhältnissen, deren Wünsche und Bedürfnisse vollkommen der Sphäre entsprechen, welche sie ausfüllen sollen, dabei so glücklich begabt, daß sie in derselben mehr Genuß als Leid haben, und frei in einer Weise, welche unsere europäischen Freiheitstheoretiker in Grund und Boden donnern und zu ewigem Schweigen bringen werde, wenn ein solcher nicht eben die Freiheit in Verwirklichung seiner Theorie oder Erreichung persönlicher Vorteile setzte. In Kammern, in freier Presse, d. h. in Reden und in Büchern soll sie wohnen; ach, guter Himmel! Sie wohnt unter dem Zelt des Beduinen in der Tat und in Wahrheit. Um frei zu sein muß sich jeder einzelne im vollen Gefühl seiner persönlichen Unumschränktheit bewegen. Zur Freiheit gehört Vereinzelung. Beides genießt der Beduine: er fühlt sich als König in seinem Zelt; aber er und sein Zelt sind dermaßen in sich abgeschlossen, daß er nicht den Ring einer Kette, sondern einen isolierten Punkt bildet, der in sich selbst Anfang, Ergänzung und Ende hat. Der Beduine ist der individuellste Mensch, der sich als solcher fühlt und bereit ist sich zu vertreten und überall durchzubringen. Davon hat der Europäer gar keinen Begriff. Zuerst gehört er dem Staat, dann seinem Stande, dann seinem Amt; darauf schlagen ihn die Freunde, die Coterie in Bande; endlich legen Erziehung, Mode, Bildung Hand auf ihn, und dies alles muß er in seinem Leben, Handeln, Denken, Tun betätigen und zusammenkneten: dann ist er ein guter Staatsbürger. Das ist gewiß etwas sehr Respektables, aber zugleich etwas, das keine Individualität vertritt, in der Vereinzelung untergehen würde, und folglich durchaus unfähig für die Freiheit ist. Der Beduine hingegen ist unfähig ein Staatsbürger zu sein.

Ach, die Beduinen! Friede über ihre Zelte, und Gott erhalte sie immer so wild und frei! Denn wild sind sie natürlich, liebe Louise, und gebildet gar nicht. Eine Zeitung haben sie nie in Händen gehabt, nie eine Oper gehört, nie eine Kunstausstellung gesehen; von meinem »Cecil« wissen sie nichts, die Armen! Ihre Kleidung ist ein Hemd und ein Mantel, nackt laufen die Kinder herum – ohne ein bißchen Wildheit gehts in der Freiheit nicht zu. Mäßig sind sie in höchstem Grade; nur bei großen Gelegenheiten, bei einer Hochzeit, oder bei dem Besuch eines Gastes den sie hoch ehren wollen, wird ein Lamm geschlachtet. Das macht sie kerngesund bis ins tiefste Alter, und trägt zu der großen Sittenreinheit bei. Ein gefallnes Mädchen kommt nie vor, obgleich die Heiraten in frühster, kaum entwickelter Jugend nicht gebräuchlich sind. Die Ehe ist ernst und streng; der Mann ist der Herr, Weib und Kind gehorcht und bedient, aber nicht widerwillig und gedrückt einem launenhaften Gemahl und Vater, sondern dem Oberhaupt der Familie. Ein Harem kann unter dem Zelt natürlich nicht existieren, die Weiber leben unter sich und ziemlich abgesondert von den Männern, weil sie die häuslichen Geschäfte zu besorgen und die Männer sie nicht zum Zeitvertreib nötig haben. Die Kinder machen den Weibern wenig Mühe; sie werden leicht und schnell geboren, und die unendliche Verdrießlichkeit und Weitläufigkeit von dem was man bei uns ein Wochenbett nennt, kennen sie nicht. Es ist höchstens ein Tagebett! Ehe das Kind laufen kann tragen sie es meistens mit sich herum, es geniert sie gar nicht! Sie tragen Wasser, sie tragen Holz, sie mahlen Mehl: der Wurm hängt ihnen immer an der Brust in ihren Schleier gewickelt, muß sich früh üben sich anzuklammern und versucht bei sechs Monaten zu laufen. Indessen hat er doch eine Wiege. irgend ein Tierfell, das zwischen Stangen an Stricken hängt. Wenn er kriechen kann, belästigt er niemand mehr. Vor den Zelten trieben sich die Kinder zu Dutzenden herum, grundhäßlich und grundschmutzig. Neben und in den Zelten saßen die Weiber, vermutlich die Nachbarinnen beisammen, sie mahlten zwischen zwei Steinen den Weizen, sie lasen Reis aus, sie kneteten Brotteig, nämlich Mehl und Wasser, breiteten dann den Teig zu runden, flachen, tellergroßen Stücken aus, und dörrten ihn zwischen heißer Asche; – auf einer Eisenplatte ist schon Luxus. Einige saßen ruhig da und rauchten. Andere kamen und gingen, schöpften Wasser, sahen nach den jungen Ziegen und Lämmern, die in kleinen Gehegen von dornigen Zweigen eingesperrt waren. Sie sollen auch selbst die Stoffe zu ihren Zeltdecken weben; aber das habe ich nicht gesehen. Ihre Kleidung besteht aus einem langen, schleppenden Hemde von dunkelblauem baumwollenen Zeuge über weißen weiten Pantalons, und in einem dunkelblauen Schleier, der aber Gesicht, Busen und Arme ganz frei läßt. Letztere sind blau tätowiert und mit vielen bunten Glasringen geschmückt; auch mit silbernen oder bleiernen, worin hie und da ein kleines buntes Glasstück sitzt. Der sehr unschöne Busen wird zum Glück fast ganz verdeckt durch die Unzahl von Ketten, roten Perlenschnüren, großen Silbermünzen, die an Schnüren gereiht werden. Die Gestalt ist grade, fest; kräftig sind Schritt und Bewegung, stark die Gesichtszüge, lebhaft und groß die Augen. Verkümmerte Weiber sieht man ebensowenig als verkrüppelte Männer. Ihr Alter ist nicht elend, einsam und traurig. »Graues Haar ist eine Krone der Ehren« bei dem Beduinen! Der Greis wird von den jüngeren Mitgliedern seiner Familie, von den heranwachsenden Knaben bedient, wie die Greisin von den Mädchen. Der Dienst ist leicht bei der Geringfügigkeit ihrer Bedürfnisse, etwa eine Pfeife anzuzünden, eine Matte hinzubreiten, eine Speise zuzutragen. Von der Geburt bis zum Grabe ist das Leben nie eine Last, nie ein Kampf, und ist es auch mit kleinen Mühen und Sorgen verwebt, so kennt es doch durchaus keine Qualen: keine Unruh für die Zukunft, kein Mißvergnügen mit der Gegenwart, keine Reue über die Vergangenheit, kein Grübeln ins Nichts, kein Fliegen durchs All. Eine gelassene Zufriedenheit ist der volle, kühle Bach, der von einer Generation zur andern ein gesundes, frisches, tüchtiges Leben ausströmt. Daher ist auch jede Generation frisch, als sei sie eben aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen, nicht welk, nicht grau, nicht matt wie bei uns, wo man nur noch selten ein Kind mit dicken roten Backen, und desto häufiger junge Mädchen mit Nervenzufällen findet. Einfachheit der Gewohnheiten, Mäßigkeit der Genüsse und Sittenreinheit gibt gesundes und frisches Blut, diese drei Dinge sind in Europa Undinge: daher taugt auch das Blut nichts. Ein viertes kommt dazu: freie Luft. Tag und Nacht, Winter und Sommer, Regen und Hitze, gleichviel! Immer ist der Beduine der Einwirkung der frischen Luft ausgesetzt, und sie gibt ihm nicht bloß Gesundheit, sondern Freiheitsgefühl. Wer es mit den Elementen aufnimmt, kann's auch mit ein paar Menschen aufnehmen. Wer in der Wüste die Lehrjahre der Unabhängigkeit durchgemacht hat, der weiß daß er sich auf sich selbst verlassen kann, und sieht sich nicht nach andrer Beihilfe um. In Europa gibts keine freie Luft weder physisch noch geistig – und darum keine Freiheit. Wir leben in einer künstlichen Atmosphäre, und sie drückt die Brust so zusammen, macht die Nerven so schwach, die Sinne so matt und überangestrengt, daß ein solcher Körper ganz von selbst auf die Freiheit verzichten muß, der er nicht gewachsen ist. Europa ist ein Treibhaus, das sehr interessante und verschiedene Pflanzen künstlich erzeugt, und die Produkte von Geist, Erfindungskraft, Forschung, Studium, Organisationstalent, meisterhafter Berechnung des Zusammenwirkens der Kräfte, und noch tausenderlei mehr aufzuweisen hat; folglich geht von selbst daraus hervor, daß es den schlichten Boden nicht hat, auf dem die eine starke Pflanze der Freiheit gedeiht – und nur sie.

Ich saß lange auf der niedrigen Brustwehr des kleinen Turmes, auf dessen Plattform die Soldaten ihr Brot kneteten und ihren Mais trockneten. Ich sah mir wohl die Berge an, und hinüber nach dem Jordan und dem Toten Meer; aber nur so, wie man die Staffage eines historischen Gemäldes betrachtet. Hier war ein solches, die Historie des frühesten Zustandes unseres Geschlechts, und nicht auf Leinwand gemalt, nicht auf Papier beschrieben, sondern lebendig. Liebste Louise! Die Reise im Morgenland ist keine eigentliche Vergnügungsreise – wie ich das schon voraussetzte, bevor ich sie antrat – dazu mag sie zu viel fremdartige Momente haben und zu wenig dasjenige bieten, was uns anmutig schmeichelt: Kunst und Schönheit. Aber an starken mächtigen Eindrücken ist sie reicher als irgend eine, und wenn man diese nicht durch das Wort Vergnügen bezeichnet, so rührt das daher, weil es nicht tief genug ist. Die Weiber plauderten und trieben ihre Geschäfte, die Kinder jauchzten und spielten, die Herden weideten behaglich, die Männer saßen beisammen und sprachen von den Geschichten und Angelegenheiten ihres Stammes, und einzelne kamen langsam aus verschiedenen Gegenden heimgeritten, als hätten sie Wache gehalten, oder Erkundigungen eingezogen, oder Sicherheitsmaßregeln getroffen; – es war alles so unbeschreiblich in der Ordnung, so ganz wie es sein mußte, jedes auf seiner passenden Stelle und begnügt mit ihr, daß ich dachte, wenn der liebe Gott vom Himmel herab und hieher sähe, müßte er bei diesem Stückchen seiner Schöpfung finden, daß sie gut sei.

Hernach gingen wir zwischen den Zelten herum, und in einige hinein um die Weiber arbeiten zu sehen. Wir trafen Scheikh Abdallah, der mit dem Scheikh dieses Lagers eine Pfeife rauchte. Ich sagte dem letzteren – versteht sich immer durch den Dragoman – ich wollte seine Frau besuchen. Er führte uns zu seinem Zelt das sich durch nichts auszeichnete, nur daß eine recht hübsche Frau mit einer Alten davor saß, und ebenso behaglich rauchte wie ihr Mann. Diese Frau ist die hübscheste Araberin, die ich bis jetzt gesehen habe – durchaus keine Schönheit, aber nicht ohne wilde Anmut in Blick und Lächeln, während bei der Mehrzahl der Ausdruck ihrer animalischen Bestimmung etwas zu sehr vorherrscht. »Mir haba!« hatten sie mir als Gruß aus ihren Zelten zugerufen. »Mir haba!« sagte auch diese und winkte nur freundlich mit der Hand nach orientalischer Weise grade umgekehrt wie wir zu winken pflegen. Zu reden ist natürlich wenig mit ihnen, denn die Übersetzung stört zu sehr! Aber ich unterhielt mich ihre Kleidung, ihre Gerätschaften, die Einteilung des Zeltes, und die Weise zu betrachten in der sie untereinander sprachen und sich bewegten. Später, nachdem ich zu meinem Zelt zurückgekehrt war, machte sie mir eine Art von Gegenbesuch mit einem tumultuarischen Gefolge von Weibern und Kindern. Einer von unseren Beduinen hielt Wache neben mir um im Notfall die gar zu große Neugier zu bändigen, und die Kinder wurden auch wirklich fortgejagt. Der Abend brachte Ruhe. Alles ging zu seinem Zelt. Vor den meisten entzündete sich ein Reisigfeuer. Noch eine Zeitlang währte das unbestimmte Geräusch das immer abends herrscht bevor die Nacht eintritt: die tiefen Männer- und die hellen Kinderstimmen, das Geblök der Herden, das Stampfen der Pferde, ein einzelner Ruf an einen Verspäteten, ein paar Töne Gesang eines Heimkehrenden; – dann ward es still. Die Hunde schlugen an und die Grillen zirpten. Bei unserem Zelt war noch lange große Munterkeit. Wir hatten an Scheikh Abdallah für ihn und seine Truppe ungefähr einen Taler geschenkt. Der dritte Teil desselben wurde für Gerste verwendet für sein Pferd und für das eines seiner Freunde, der sich bei Richa zu uns gefunden hatte. Mit dem übrigen schwelgten diese zweiunddreißig Menschen in Milch und Brot bei einigen großen Reisigfeuern, und erst spät verstummte ihre Unterhaltung. – Da ich eigentlich ohne irgend einen positiven Nutzen zu haben und zu gewähren die Reise mache, so freut es mich wahrhaft dennoch ein Körnchen gefunden zu haben zu Nutz und Frommen der Wissenschaft, und ich schenke es den rationalistischen Erklärern der Bibel: die Speisung der Fünftausend, welche Christus mit einigen Broten und Fischen unternahm, ist bei diesem Volk weder ein Wunder noch eine Unmöglichkeit, sondern wirklich ganz natürlich.

Am andern Morgen brachen wir schrecklich früh auf, höchst überflüssiger Weise! Aber der Dragoman und der Scheikh behaupteten es sei eine sehr starke Tagesreise. Graue Nacht lag über Himmel und Erde gebreitet und eine feuchte Schwüle dazu als wir noch vor vier Uhr fortritten. Einzelne Feuer glimmten schon auf den Gezelten; doch im ganzen blieb es noch ruhig. Ja, als wir wohl eine Stunde später durch eine zweite Abteilung des Lagers, gleichsam durch ein zweites Zeltdorf zogen, war es auch da noch ganz still, wahrscheinlich weil es regnete. Nur die Hunde umkreisten uns mit wütendem Gebell. Scheikh Abdallah schickte ein paar von seinen Gefährten in die Zelte um seinen Durchgang anzusagen, und so rührte sich niemand. Es regnete fein und die Schwüle war wie bei uns im heißesten Sommer vor einem schweren Gewitter, recht unbehaglich in der Finsternis. Wir kamen auch nur langsam vorwärts, wieder wie gestern durch niedriges Gestrüpp, durch trockne Bachbette, über kleine Erdwälle. Nach zwei Stunden hielten wir an einem solchen, rechts und links zogen sich Bäume und Gebüsche hin, und nur grade vor uns war ein Platz frei, wo man bis ans Wasser gehen konnte, und da floß der Jordan murmelnd wie ein lebhafter Bach zu unseren Füßen. Diese Stelle heißt das Pilgerbad, und alljährlich nach dem Osterfest kommen Tausende der orientalischen Christen hieher gewallfahrtet und baden und waschen sich im Jordan. Ich stieg vom Pferde, und ging das hohe Ufer hinab zu einer Tamariske, die mich gegen den Regen schützte. Er wurde auch schwächer und schwächer und hörte ganz auf als der Tag anbrach, so daß er mich gar nicht gestört hat. Der Jordan machte mir einen freundlichen, heimlichen Eindruck. Ich hatte ihn mir viel größer und breiter vorgestellt. Weil der gewaltige Täufer da predigte, und Scharen Volkes da zusammenströmten um sich von ihm taufen zu lassen, hatte ich mir die Natur im Einklang damit gedacht; allein es sind eben nur die großen und heiligen Gestalten des Täufers und Jesu über die sich der Himmel beständig wie ein Tempel wölbt, welche dazu veranlassen. Es ist ein kleiner, stiller, heimlicher Platz, sanft beschattet wie von dem klingenden Fittich der Taube. Als der Morgenwind vor der Sonne herfuhr, rauschte er in den Zweigen der Silberpappeln, Weiden und Tamarisken und sie schüttelten sich schaudernd die Regentropfen ab. Ich ließ zwei Flaschen mit Jordanwasser füllen, die ich durchaus heim bringen will – obgleich ich eigentlich nicht weiß weshalb. Aber unser Dragoman hatte im Auftrag eines französischen Schiffkapitäns, der in der Casa nova ist und den Zug zum Jordan nicht machen wollte, ein Pferd mit zwei Schläuchen mitgenommen, welche er füllen und dem Kapitän bringen mußte, weil dieser das Jordanwasser nach Frankreich bringen und es da vorteilhaft verkaufen will. Das will ich nun keineswegs! Doch hat es mich auf den Gedanken gebracht, daß auch in Deutschland irgend wer von meinen Freunden an Jordanwasser Vergnügen finden könnte. Dann wusch ich mir die Hände im Fluß, und da keine Palmen da waren pflückte ich ein paar schöne lange Tamariskenzweige, die wie grelle Marabu-Büschel aussehen, und steckte sie auf den Hut.

Nach einer halben Stunde ritten wir weiter, dem Toten Meer zu, und mußten den Jordan verlassen, weil sein Ufer dicht bewachsen ist. Jenseits steigen erst Hügel, dann Berge empor; es ist der Höhenzug welcher den östlichen Beckenrand des Toten Meeres bildet. Habe ich je eine Gegend in der Beleuchtung gesehen, welche der Idee entspricht die man sich von ihr macht, so war es vorgestern früh das Tote Meer unter Gewitterwolken. Bleifarben war der Himmel von einzelnen hellen Streiflichtern durchschossen. Zuweilen entlud sich eine Wolke: dann hing ein langer Regenstreif wie ein hellgrauer Flor vom Himmel ins Wasser hinunter oder an der Bergwand hinab. Der See war gallenfarbig mit großen breiten Wellen, deren grünlich braune Masse von weißem Schaum bekränzt und aus der Tiefe aufgewühlt wurde. Ein starker schwerer Wind ging darüber, und mit großem Schlag fielen die Wellen am Ufer hin, wie am Meerstrande. Die Luft über dem See war so schwül, daß wenn ich mich nach der Ebene zurückwendete sie mich von dort ganz kalt anwehte; auch sein Wasser war außerordentlich warm und roch etwas, – nach Schwefel darf ich nicht sagen, wenn ich der Wahrheit treu bleiben will – aber ungefähr wie Dampf über einem mineralischen Quell. Wir fanden ein kopfgroßes Stück Bimsstein, der ein vulkanisches Produkt ist, und mehrere Fragmente von Erdpech, welches nach Erdbeben in großen Massen auf der Oberfläche des Sees erscheinen soll. Jetzt lag es aber im Ufersande, und wurde dem Pferde mit den Wasserschläuchen aufgepackt. Auch Salz lag wie dünner Schnee in ein paar handgroßen Vertiefungen. Der nächtliche Regen hatte das ganze Ufer in Lehm verwandelt, worin ich bei jedem Schritt versank und mir lebhaft vorstellen konnte, wie man Vögel an Leimruten fängt.

Dann wieder zu Pferd zogen wir noch eine Strecke durch die Ebene fort, und fingen darauf an in die Berge hinein zu steigen, welche das westliche Ufer des Toten Meeres begrenzen, und mitunter glatt wie eine Wand ins Wasser sinken. Da sahen wir auch den Berg, den die Araber Nebbi Musa nennen, und wohin ihre Tradition das Grab Moses verlegt über welches eine Moschee gebaut ist. Wegen des schönen schwarzen Steines der in diesem Berge gebrochen wird aus dem man allerlei Sächelchen arbeitet, Schalen, Papierpresser, ist er interessant. Allmählich hörten die Wolken auf chaotisch unruhig hin und her zu ziehen; sie ballten sich fest und dicht, und ergossen sich in Regen. Immer wenn ein neuer Guß heraufzog liefen die Beduinen voraus und suchten Schutz in den zahlreichen Höhlen, womit die Felsen durchbohrt sind. Trat eine Pause ein, liefen sie uns wieder im Galopp nach, und der Freund von Scheikh Abdallah, der einen hübschen Rotschimmel ritt und mit einer Lanze bewaffnet war, ließ es sich angelegen sein uns den Djerid vorzureiten insoferne er von einem Reiter auszuführen ist. Nach jeder Evolution sprengte er zu mir heran, grüßte mich mit der allerverbindlichsten Koketterie um es unzweifelhaft zu machen, daß er mich zu unterhalten wünsche. Da mein Pferd aber jedesmal einen schreckenvollen Seitensprung machte, wenn der Rotschimmel angesprengt kam und einen Schritt von ihm parierte, so nahm ich diese Galanterie gar nicht mit der gehörigen Huld auf, obgleich der Ritt und der Reiter sich außerordentlich gut ausnahmen – doppelt, weil es gefährlich schien wegen des steinigen Bodens und der jähen Abhänge. – An manchen Stellen galt auch unser Weg für gefährlich, weil er so schmal war, daß die Pferde nur Fuß um Fuß setzen konnten, und weil sich auf der einen Seite die Felswand grade in die Höhe hob, und auf der andern in eine Schlucht hinab senkte, in die man ziemlich leicht, des lockeren, rolligen Gesteins wegen hätte kollern können. Allein mit sicheren Pferden hat man nichts zu besorgen. Wir zogen durch eine wahre Felsenwüste, nicht Baum, nicht Strauch, nicht Halm, wohl fünf Stunden.,

Um Mittag hörte der Regen auf, die Wolken verschwanden, der Himmel wurde blau, die Sonne klar und warm; ich stieg vom Pferd und ging um mich zugleich zu wärmen und zu trocknen. Auf einem hohen Punkt sah ich das Tote Meer wieder so, wie ich es sonst immer gesehen, einzelne tiefblaue Stellen zwischen den Felsenausschnitten, wie Saphire in goldner Fassung. Wie ein trüber unruhiger Morgentraum war der Charakter, den es in der Frühe trug, verschwunden; aber ich wünsche nicht daß er damals anders gewesen sein möchte. Höchst überraschend mündete endlich unser sehr schlechter Weg in einen sehr guten, und zwei mächtige Türme, aus Quadern gebaut stiegen wie Warten über einer senkrechten Tiefe empor. Dies war das Kloster Mar Saba, und wir hatten uns also glücklich in das Tal Josaphat hinein geschlängelt. Den Christen der ersten Jahrhunderte waren Stätten, wo sie sich ungestört dem beschaulichen Leben und frommer Betrachtung widmen konnten, willkommen. Die damalige heidnische Welt ließ ihnen ja für das Leben nichts übrig, als zwei Wege: den Märtyrertod oder eine gänzliche Abgeschiedenheit, und oft rettete diese sie nicht vor jenem. Sie suchten Orte zu ihrem Aufenthalt, wo nichts sie an die Greuel, die Sinnlichkeit, die Genüsse und Gedanken einer Welt erinnerte, die sie verabscheuten. Dazu war das harte, einsame, tödlich traurige Tal Josaphat in seinen Schlangenwindungen zwischen Jerusalem und dem Toten Meer ganz geeignet, und vielleicht teilten sie den israelischen Glauben an das hieher verlegte Weltgericht, und erhöhten die natürlichen Schrecknisse dieser Stätte durch geistige. – Je näher wir kamen, desto mehr entwickelte sich dies seltsame Kloster in seinen einzelnen Teilen, welche nicht anders aussehen als Felsenblöcke, die man zu Kirche, Toren, Türmen, Mauern, Wohnungen, zurecht gehauen und über einander terrassiert hat. Es sieht mehr einer Festung in einem wichtigen Gebirgspaß als einem Kloster voll harmloser und gastfreier Einsiedler ähnlich. Aber so sind hier mehr oder weniger alle Klöster, eingedenk ehemaliger Plünderungen und Mißhandlungen gebaut, um diese zu erschweren wenn solche Zeiten wieder eintreten sollten. Griechischen Mönchen gehört Mar Saba, und fünfzig sollen jetzt im Kloster sein. Es herrscht die strengste Klausur. Bei allen anderen Klöstern liegt die Kirche immer außerhalb derselben um den Frauen Zutritt zu gönnen, und durch die Vorhöfe gehen sie frei. Hier nicht! Dennoch kommen Pilgerinnen her, und der zweite Turm, der ganz isoliert vom Kloster jenseits einer schmalen Schlucht steht, hat nicht nur Gemächer, sondern auch ein Betkapellchen für sie. Statt der Fenster hat dieser Turm Schießscharten ähnliche Ritzen, statt der Tür eine Öffnung so niedrig daß man auf allen Vieren hinein kriechen muß, und statt der Schwelle über die man in eine Wohnung geht, muß man zu dieser auf einer Leiter emporklettern. Ist man drinnen, so zieht man sie nach sich und kann dann ruhig eine Belagerung aushalten, was nicht Flügel hat kommt nicht herauf! – Wir nahmen den Turm in Besitz, die Knechte mit den Pferden zogen in denjenigen Hof, der diesen Gästen bestimmt ist, und den Beduinen wurde der Vorhof der Kirche mit ihrem tiefen Portal angewiesen. Mir war unbehaglich hinter meinen Schießscharten zu Mut, ich ging auf die Plattform des Turmes um Luft und Sonne zu haben. Die Aussicht war dieselbe wie unten; zwischen diesen Felsen macht ein solches Gebäude keinen Unterschied. Ich hatte gehofft einen Blick auf das Tote Meer zu finden; aber nein! Ich sah nur das Felsental, das klösterliche Felsengebäude, und dann rings umher und über mir wieder Felsen in denen ich Höhlen bemerkte, deren Eingang zum Teil von Menschenhand gemacht auf die uralten Bewohner derselben hindeutete. Hier war ich nicht wie auf dem Carmel in einer erhabenen und schönen Einsiedelei der Natur, wo gute Mönche im freundlichen, wohlwollenden Verkehr mit den Menschen bleiben, sondern in einer strengen Kartause der Natur, die durch ihre Starrheit ihre Bewohner von aller Teilnahme an menschlichem Treiben abschneidet. Meilenweit in der Runde ist kein Dorf, keine Wohnung! Kein Hirt treibt seine Herde in diese Felsenwüstenei! Einige Pilger während der großen österlichen Wallfahrtszeit, und einige Reisende richten ihre Schritte her, und finden alles was sie brauchen – aber nicht in so angenehmer Weise wie dort, weil man die Mönche selbst nicht sieht. Die Diener waren jedoch so zuvorkommend wie man es nur wünschen konnte. Scheikh Abdallah hatte uns in den Turm begleitet um zu sehen ob wir da keine Gefahr liefen, er und einige seiner Getreuen hielten sich auch beim Reiten, während die übrigen sich zerstreuten, ganz und beständig in unsrer Nähe. Dann nachdem er von den Klosterdienern ebenfalls mit Kaffee bewirtet war als zu uns gehörend, zog er sich zu den Seinen zurück. Ich bewunderte den Takt dieses Mannes. Gestern in Richa wollte er daß seine Truppe unseren Leuten bei der Errichtung des Zeltes etc. behilflich sein sollte. Dazu waren sie aber eigentlich nicht mitgenommen und er wollte es ihnen nicht gradezu befehlen, also ging er zu der Bagage, nahm ein paar Zeltpflöcke auf, trug sie dem Dragoman zu und sagte einige Worte zu seinen Beduinen welche nun sogleich seinem Beispiel folgten, während er die Pflöcke hinwarf und zusah. In Mar Saba ließ mein Reisegefährte sich nachmittags die Kirche zeigen. Ich blieb draußen, setzte mich auf eine Felsenbank und beobachtete den ungeheuren Unterschied in Gestalt und Körperkraft der Beduinen und der übrigen Araber: es wurde im Kloster gebaut, und die schweren Steine welche die Araber mühselig keuchend schleppten, legte der Beduine auf seine linke Achsel, legte leicht die linke Hand daran, und ging damit so ungeniert den Berg hinab, als trage er sein Gewehr. Kaum saß ich da, erschien sogleich Scheikh Abdallah um mir zu zeigen daß er in der Nähe sei, und als ich nach einer Weile höher hinauf zwischen die Felsen ging, so daß er mich aus den Augen verlor, kam er sogleich mit einem Gefährten mir nachgestiegen, und zwar auf gut beduinisch an der steilsten Stelle, um zu sehen ob ich auch nicht verloren gehen könne. So wie ich eine Eskorte von Beduinen jetzt kennengelernt habe, würde ich mich nicht einen Augenblick lang besinnen auch bei den unruhigsten Zeitläufen mit ihr durch die berüchtigsten Distrikte von Nablus und der Samaria, und quer durch ganz Syrien nach Damaskus zu gehen; denn Personen und Eigentum sind durch sie vollkommen gesichert. Zu solcher Überzeugung kann man leider nur durch Erfahrung kommen, d. h. wenn es zu spät ist um sie anzuwenden.

Gestern früh auf dem öden Wege von Mar Saba nach Bethlehem, wo wir während drei Stunden abermals weder Baum noch Strauch sahen, begegneten wir doch einer Merkwürdigkeit, nämlich einer Schlange, welche in diesen Gegenden höchst selten ist. Der famose Drache, den der Ritter in Rhodos erschlug, kann unmöglich mehr Aufsehen gemacht haben, als diese Schlange zwischen den Beduinen, die sie im Nu steinigten. Endlich sah ich etwas das mir besser gefiel als die Schlange – einen Baum! Ein Lebenszeichen der Natur! – Dann noch einen, und gar Gruppen von Bäumen! Die Felsenwüste war überwunden und Bethlehem lag vor uns in einem Sattel von zwei Hügeln, der mit Öl-, Feigen- und Mandelbäumen bedeckt in ein tiefes Tal hinab glitt. Der durch den Regen aufgelockerte Erdboden wurde bestellt; ein paar Ackerleute pflügten ihn in flachen Furchen; kleine Vögel sangen; hie und da keimte frisches junges Gras zart wie Samt hervor. Es war lieblich frühlingsmäßig, ohne Üppigkeit, Glut und Glanz, mehr ein Stilleben, unglaublich passend für die biblische Idylle der Ruth, als Schauplatz für die Kinderspiele des Hirtenknaben David, und als eine grüne Wiege für das gottgesegnetste aller Kinder. Wir stiegen im Kloster der Terra santa ab, frühstückten und ließen uns dann in die Kirche führen. Es ist noch die, welche die Kaiserin Helena im Basilisken-Stil über dem Stall und der Krippe hat bauen lassen; die alten schönen Marmorsäulen mit ungeschickten Knäufen, welche den Raum in drei Langschiffe zerschneiden, stehen noch aufrecht. Die Mosaiken der Wände sind von den Mohammedanern teils herausgerissen, teils übertüncht. Das Getäfel der flachen Decke soll Zedernholz sein. Aber das Gebäude ist dermaßen morsch und baufällig, daß man den Chor durch eine Wand vom Schiff abgeschnitten hat, nur jenen für den Gottesdienst erhält und dieses zur Ruine verfallen läßt. Um diesen Aus- und Aufbau dreht sich der Zwist der lateinischen und griechischen Geistlichkeit. Jene ist ganz aus der eigentlichen Kirche verdrängt, welche diese eingenommen, und den Armeniern einen Nebenaltar gegönnt hat. Die Lateiner haben nur Durchgangsrecht nach der Felsengrotte der Geburt Christi, wo zwei Nischen mit reichem Schmuck von Marmor und ewigen Lampen die Stätte der Geburt selbst und die Krippe bezeichnen. Hier sind die Lateiner wiederum die Hauptwärter, und die Grotte ist nach dem Gebrauch in römischen Kirchen mit Seidenstoffen ausgehängt und mit einigen nicht ganz schlechten Gemälden verziert. Ich kann nicht sagen, daß mir diese Anordnung sehr gefallen hätte. Ich wurde ganz zerstreut durch das Nachdenken: also hier die Geburt, da die Krippe, dort der Ausgang zu ebener Erde; – und über dem Bemühen die Topographie mir einzuprägen verwischte sich mir der Hauptgedanke an den, der hier geboren ist.

Als wir ins Kloster zurückkehrten bemerkten wir schon auf dem großen freien Platz vor demselben eine Menge Beduinen und Araber in Gruppen beisammen und von vielen Neugierigen des Ortes umdrängt. Der Dragoman kam uns mit der Nachricht entgegen, Scheikh Abdallah würde uns schwerlich nach Jerusalem begleiten können, denn die Beni Sachr wären da und wollten über ihn Gericht halten. Es löste sich so auf, daß allerdings die Beni Sachr mit einigen anderen Schiedsmännern sich in Bethlehem versammelt hatten, um zu beratschlagen, ob der Zwist mit den Taamirah gütlich, und ohne Eroberungszug von ihrer Seite beizulegen sei. Bis jetzt stieß sich diese Ausgleichung an der ungeheuren Verschiedenheit der Zahlen. von 300 Kamelen sprachen die Beraubten, von 30 die Räuber. Scheikh Abdallah erklärte den Beni Sachr-Abgesandten er müsse uns erst seiner Verpflichtung gemäß nach Jerusalem bringen, obgleich nicht die geringste Gefahr mehr vorhanden war, denn er hatte fast allen seinen Gefährten die Erlaubnis gegeben in ihr Lager heimzukehren; das abgetan, sollten die Unterhandlungen fortgesetzt werden. Und so ritten wir denn in zwei Stunden hieher zurück, durch das freundliche Tal Rephaïm, am Grabe Rahels vorüber, das bei Mohammedanern und Israeliten in gleich großer Verehrung ist, wie denn ja auch die Stammväter von Arabern und Juden Stiefbrüder sind. Am griechischen Kloster St. Elias vorüber und durch das Tal Gihon zogen wir gen Jerusalem, das im letzten Strahl der untergehenden Sonne wie ein Antlitz aussah, das seine Trauer hinter einem flüchtigen Lächeln zu verbergen sucht.

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