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Organon der Heilkunst

Samuel Hahnemann: Organon der Heilkunst - Kapitel 99
Quellenangabe
typetractate
authorSamuel Hahnemann
titleOrganon der Heilkunst
publisherDresden und Leipzig, in der Arnoldischen Buchhandlung
printrunVierte verbesserte und vermehrte Auflage
year1829
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140220
projectid80552ff0
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§ 232–239. Die Wechselfieber.

§. 232.

Was die sporadisch oder epidemisch herrschenden (nicht in Sumpf-Gegenden endemisch hausenden) Wechselfieber Die bisherige Pathologie weiß nur von einem einzigen Wechselfieber, was sie auch das kalte Fieber nennt, und nimmt keine andere Verschiedenheit an, als nach der Zeit, in welcher die Unfälle wiederkehren, das tägliche, dreitägige, viertägige u. s. w. Es giebt aber außer den Rückkehr-Zeiten der Wechselfieber, noch weit bedeutendere Verschiedenheiten derselben; es giebt dieser Fieber unzählige, deren viele nicht einmal kalte Fieber genannt werden können, da ihre Anfälle in bloßer Hitze bestehen; wieder andre, welche bloß Kälte haben, mit oder ohne drauf folgenden Schweiß; wieder andre, welche Kälte über und über, zugleich mit Hitzempfindung, haben, oder bei äußerlich fühlbarer Hitze, Frost; wieder andre, wo der eine Paroxysm aus bloßem Schüttelfroste oder bloßer Kälte, mit drauf folgendem Wohlbefinden, der andre aber aus bloßer Hitze besteht, mit oder ohne drauf folgenden Schweiß; wieder andre, wo die Hitze zuerst kommt, und Frost erst dann drauf folgt; wieder andre, wo nach Frost und Hitze Apyrexie eintritt, und dann als zweiter Anfall, oft viele Stunden hernach, bloß Schweiß erfolgt; wieder andre, wo gar kein Schweiß erfolgt, und wieder andre, wo der ganze Anfall, ohne Frost oder Hitze, bloß aus Schweiß besteht, oder wo der Schweiß bloß während der Hitze zugegen ist; und so noch unglaubliche andre Verschiedenheiten, vorzüglich in Rücksicht der Neben-Symptome, des besondern Kopfwehs, des bösen Geschmacks, der Uebelkeit, des Erbrechens, des Durchlaufs, des fehlenden oder heftigen Durstes, der Leib- oder der Gliederschmerzen besondrer Art, des Schlafs, der Delirien, der Gemüths-Verstimmungen, der Krämpfe u. s. w., vor, bei oder nach dem Froste, vor, bei oder nach der Hitze, vor, bei oder nach dem Schweiße, und so noch andre zahllose Abweichungen. Alle diese sind offenbar sehr verschieden geartete Wechselfieber, deren jedes, ganz natürlich, seine eigne (homöopathische) Behandlung verlangt. Unterdrückt, das muß man gestehen, können sie zwar fast alle werden (wie so oft geschieht) durch große, ungeheure Gaben Rinde, das ist, ihr periodisches Wiederkehren (ihr Typus) wird von ihr ausgelöscht, aber die Kranken, welche an solchen, nicht für Chinarinde geeigneten Wechselfiebern gelitten hatten, werden durch den so ausgelöschten Typus nicht gesund, nein! sie bleiben nun andersartig krank und kränker, oft weit kränker, als vorher, und das sollte man Heilen nennen wollen? anlangt, so treffen wir oft jeden Anfall (Paroxysm) gleichfalls; aus zwei sich entgegengesetzten Wechselzuständen: (Kälte, Hitze – Hitze, Kälte), öfterer auch ans dreien (Kälte, Hitze, Schweiß) zusammengesetzt an. Deßhalb muß auch das für diese aus der allgemeinen Classe geprüfter (nicht antipsorischer) Arzneien gewählte Heilmittel entweder (was das sicherste ist) ebenfalls beide (oder alle drei) Wechselzustände in Aehnlichkeit in gesunden Körpern erregen können, oder doch dem stärksten und ausgezeichnetsten und sonderlichsten Wechselzustande (entweder dem Zustande des Frostes mit seinen Nebensymptomen, oder dem der Hitze mit ihren Neben-Symptomen, oder dem des Schweißes mit seinen Nebenbeschwerden, je nachdem der eine oder der andre Wechselzustand der stärkste und sonderlichste ist) homöopathisch, an Symptomen-Aehnlichkeit, möglichst entsprechen; – dann mag die Arznei immerhin dem zweiten (schwächern) nur antipathisch (palliativ) angemessen seyn; das Fieber verwandelt sich dennoch in Gesundheit, und gemeiniglich, wenn es nicht alt ist, nach der ersten Gabe. Auch hier darf das Heilmittel vor Verfluß seiner Wirkungsdauer und so lange sich noch Besserung von ihm zeigt, nicht in einer zweiten Gabe gereicht werden; hat sie aber ausgewirkt, so sehe man zu, ob der Rest des Fiebers, wenn noch einer vorhanden ist, nicht so geändert erscheint (wie auch gemeiniglich geschieht), daß die erste Arznei nicht wieder, sondern eine andre, für den nun geänderten Zustand (Symptomen-Inbegriff) homöopathisch passendere Arznei gegeben werden müsse, die dann gewöhnlich das Heilungswerk vollendet.

§. 233.

Die Arzneigabe in diesem Falle wird am zweckmäßigsten und hülfreichsten gleich, oder doch sehr bald nach Beendigung des Anfalls gegeben; da hat sie Zeit, alle ihr möglichen Veränderungen des Organisms zur Gesundheit zu bewirken, ohne Sturm und ohne heftigen Angriff; während die Wirkung einer gleich vor dem Paroxysm gereichten, auch noch so specifisch angemessenen Arznei mit der natürlichen Krankheits-Erneuerung zusammentrifft, und eine solche Gegenwirkung im Organism, einen so heftigen Widerstreit veranlaßt, daß ein solcher Angriff wenigstens viel Kräfte raubt, wo nicht gar das Leben in Gefahr setzt Dieß sieht man an den nicht ganz seltnen Todesfällen, wo eine mäßige Gabe Mohnsaft, im Fieber-Froste eingegeben, schnell das Leben raubte.. Giebt man aber die Arznei gleich nach Beendigung des Anfalls, das ist, zu der Zeit, wo die fieberfreieste Zwischenzeit eingetreten ist, und ehe, auch nur von weitem, der künftige Paroxysm sich wieder vorbereitet, so ist der Organism in möglichst guter Verfassung, von dem Heilmittel sich ruhig verändern und so in den Gesundheitszustand versetzen zu lassen.

§. 234.

Ist aber die fieberfreie Zeit sehr kurz, wie in einigen sehr schlimmen Fiebern, oder mit Nachwehen des vorigen Paroxysms verunreinigt, so muß die homöopathische Arzneigabe schon zu der Zeit, wann der Schweiß sich zu mindern, oder die nachgängigen andern Zufälle des verfließenden Anfalls sich zu mildern anfangen, gereicht werden.

§. 235.

Bloß wenn die angemessene Arznei mit Einer Gabe mehr Anfälle getilgt hat und offenbare Gesundheit eingetreten ist, dann aber nach einiger Zeit wiederum Spuren eines neuen Anfalls sich zeigen, bloß dann kann und muß, wenn der Symptomen-Inbegriff noch derselbe ist, auch dieselbe Arznei wieder gegeben werden. Diese Wiederkunft desselben Fiebers nach einer gesunden Zwischenzeit ist aber nur dann möglich, wenn die Schädlichkeit, die das Wechselfieber zuerst erregte, noch immer wieder auf den Genesenden einwirkte (wie in Sumpf-Gegenden), in welchem Falle eine dauerhafte Wiederherstellung oft nur durch Entfernung dieser Erregungsursache (wie durch Aufenthalt in einer bergigen Gegend, wenn es ein Sumpfwechselfieber war) möglich ist.

§. 236.

Da fast jede Arznei in ihrer reinen Wirkung ein eignes, besonderes Fieber und selbst eine Art Wechselfieber mit seinen Wechselzuständen erregt, was von allen den Fiebern, die von andern Arzneien hervorgebracht werden, abweicht, so findet man für die zahlreichen natürlichen Wechselfieber homöopathische Hülfe in dem großen Reiche der Arzneien und schon, für viele solche Fieber, in der mäßigen Zahl der bis jetzt an gesunden Körpern geprüften Arzneien.

§. 237.

Wenn aber das, für die damals herrschende Epidemie von Wechselfieber gefundene, homöopathisch specifische Heilmittel bei dem einen oder dem andern Kranken keine vollkommne Heilung bewirkt, da ist stets, wenn nicht Sumpfgegend die Heilung verhindert, das psorische Miasm im Hinterhalte, und es müssen dann antipsorische Arzneien bis zur völgen Hülfe angewendet werden.

§. 238.

Bei denjenigen, oft sehr bösartigen Wechselfiebern, die, außer den Sumpfgegenden, eine einzelne Person befallen, muß zwar anfangs ebenfalls, wie bei den acuten Krankheiten überhaupt, denen sie in Rücksicht ihres psorischen Ursprungs ähneln, zuerst ein aus der Classe der übrigen, geprüften (nicht antipsorischen) Arzneien, homöopathisch für den speciellen Fall gewähltes Heilmittel, einige Tage über, angewendet werden zur möglichsten Hülfe; wenn aber hiebei die Genesung dennoch zögert, so muß man wissen, daß man es mit der ihrer Entwicklung nahen Psora in thun habe und daß hier bloß antipsorische Arznei gründliche Hülfe schaffen kann.

§. 239.

Die in Sumpf-Gegenden und denen, die den Ueberschwemmungen oft ausgesetzt sind, einheimischen Wechselfieber machen der bisherigen Arztwelt viel zu schaffen, und doch kann auch an Sumpf-Gegenden ein gesunder Mensch in jungen Jahren sich gewöhnen und gesund bleiben, wenn er eine fehlerfreie Lebensordnung führt und nicht von Mangel, Strapazen oder zerstörenden Leidenschaften niedergedrückt wird. Die da endemischen Wechselfieber werden ihn höchstens nur als Ankömmling ergreifen; aber eine oder zwei der kleinsten Gaben hoch potenzirter Chinarinden-Auflösung werden ihn bei einer, wie gesagt, geordneten Lebensweise bald davon befreien. Personen aber, die bei gehöriger Leibes-Bewegung und gesunder Geistes- und Körper-Diät vom Sumpf-Wechselfieber nicht durch ein Paar solcher kleinen Gaben China-Arznei befreiet werden können – bei diesen liegt stets eine zur Entwickelung aufstrebende Psora zum Grunde, und ihr Wechselfieber kann in der Sumpf-Gegend ohne antipsorische Behandlung nicht geheilt werden Größere, oft wiederholte Gaben Chinarinde, auch wohl concentrirte China-Mittel, wie das Chininum sulphuricum, können solche Kranken allerdings von den typischen Anfallen des Sumpf-Wechselfiebers befreien; die so Getäuschten bleiben aber andersartig siech, ohne antipsorische Hülfe.. Zuweilen erfolgt bei diesen Kranken, wenn sie ohne Verzug die Sumpf-Gegend mit einer trocknen, bergigen vertauschen, anscheinend wieder Genesung (das Fieber verläßt sie), wenn sie noch nicht tief in Krankheit versunken sind, d. i. wenn die Psora noch nicht völlig bei ihnen entwickelt war und daher wieder in ihren latenten Zustand zurückkehren konnte; aber gesund werden sie ohne antipsorische Hülfe doch nie.

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