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Organon der Heilkunst

Samuel Hahnemann: Organon der Heilkunst - Kapitel 60
Quellenangabe
typetractate
authorSamuel Hahnemann
titleOrganon der Heilkunst
publisherDresden und Leipzig, in der Arnoldischen Buchhandlung
printrunVierte verbesserte und vermehrte Auflage
year1829
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140220
projectid80552ff0
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§ 73. 74. Psora; sie ist die Mutter aller eigentlichen chronischen Krankheiten, die syphilitischen und sykosischen ausgenommen. Anm. Krankheitsnamen der gewöhnlichen Pathologie.

§. 73.

Unermeßlich größer und bedeutender als genannte beide, chronische Miasmen aber ist das chronische Miasm der Psora, welche, während jene beide, die eine durch den venerischen Schanker, die andre durch die blumenkohl-artigen Auswüchse ihr specifisches inneres Siechthum bezeichnen, ihrentheils ebenfalls erst nach vollendeter innerer Infection des ganzen Organisms durch den eigenartigen Haut-Ausschlag mit unerträglich kitzelnd wohllüstigem Jucken (und specifischem Geruche) das innere, ungeheure chronische Miasm beurkundet – die Psora, die einzig wahre Grund-Ursache und Erzeugerin aller der übrigen vielen, ja unzähligen Krankheits-Formen Zwölf Jahre brachte ich darüber zu, um die Quelle jener unglaublich zahlreichen Menge langwieriger Leiden aufzufinden, diese der ganzen Vor- und Mitwelt unbekannt gebliebene, große Wahrheit zu erforschen und zur Gewißheit zu bringen und zugleich die (antipsorischen) Heilmittel zu entdecken, welche zusammen diesem tausendköpfigen Ungeheuer von Krankheit größtentheils gewachsen wären in ihren so sehr verschiednen Aeußerungen und Formen. Ich habe meine Erfahrungen hierüber in dem unlängst erschienenen Buche: Die chronischen Krankheiten (3 Thle. Dresd. b. Arnold, 1828.) vorgelegt. – Eher als ich mit dieser Kenntniß im Reinen war, konnte ich die sämmtlichen chronischen Krankheiten nur als abgesonderte, einzelne Individuen behandeln lehren mit den nach ihrer reinen Wirkung an gesunden Menschen bis dahin geprüften Arzneisubstanzen, so daß jeder Fall langwieriger Krankheit nach der an ihm anzutreffenden Symptomen-Gruppe gleich als eine eigenartige Krankheit von meinen Schülern behandelt und oft so weit geheilt ward, daß die kranke Menschheit über den schon so weit gediehenen Hülfe-Reichthum der neuen Heilkunst frohlockte. Um wie viel zufriedner kann sie nun seyn, daß sie dem gewünschten Ziele um so näher kommt, indem ihr die nun hinzu gefundenen, für die aus Psora hervorkeimenden, chronischen Leiden noch weit specifischer homöopathischen (eigentlicher so zu nennenden, antipsorischen) Heilmittel und die specielle Lehre, sie zu bereiten und anzuwenden, mitgetheilt worden, unter denen nun der ächte Arzt diejenigen zu Hülfe wählt, deren Arznei-Symptome der zu heilenden, chronischen Krankheit am ähnlichsten (homöopathisch) entspricht, und so von den für dieses Miasm geeignetem (antipsorischen) Arzneien wesentlichere Dienste erwarten kann., welche unter den Namen von Nerven-Schwäche, Hysterie, Hypochondrie, Manie, Melancholie, Blödsinn, Raserei, Fallsucht und Krämpfen aller Art, von Knochenerweichung ( Rhachitis), Skoliosis und Kyphosis, Knochenfäule, Krebs, Blutschwamm, Afterorganisationen, Gicht, Hämorrhoiden, Gelb- und Blausucht, Wassersucht, Amenorrhöe und Blutsturz ans Magen, Nase, Lungen, ans der Harnblase, oder der Bährmutter, von Asthma und Lungenvereiterung, von Impotenz und Unfruchtbarkeit, von Migräne, Taubheit, grauem und schwarzem Staar, Nierenstein, Lähmungen, Sinne-Mängel und Schmerzen tausenderlei Art, u. s. w. in den Pathologien als eigne, abgeschlossene Krankheiten figuriren.

§. 74.

Es wird dadurch, daß dieser uralte Ansteckungs-Zunder nach und nach, in einigen hundert Generationen, durch viele Millionen menschlicher Organismen ging und so zu einer unglaublichen Ausbildung gelangte, einigermaßen begreiflich, wie er sich nun in so unzähligen Krankheits-Formen an dem großen Menschen-Geschlechte entfalten konnte, vorzüglich wenn wir uns der Betrachtung überlassen, welche Menge von Umständen Einige dieser, die Bildung der Psora zu chronischen Uebeln modificirenden Ursachen liegen offenbar theils im Clima und der besondern, natürlichen Beschaffenheit des Wohnorts, theils in der so abweichenden Erziehung des Körpers und Geistes der Jugend, der vernachlässigten, verschobenen, oder überfeinerten Ausbildung beider, dem Mißbrauche derselben im Berufe oder Lebens-Verhältnisse, der diätetischen Lebensart, den Leidenschaften der Menschen, ihren Sitten, Gebräuchen und Gewohnheiten mancher Art. zur Bildung dieser großen Verschiedenheit chronischer Krankheiten (secundärer Symptome der Psora) beizutragen pflegen, auch außer der unbeschreiblichen Mannigfaltigkeit der Menschen in ihren angebornen Körper-Constitutionen, welche schon für sich so unendlich von einander abweichen, daß es kein Wunder ist, wenn auf so verschiedne, vom psorischen Miasm durchdrungene Organismen so viele verschiedne, oft dauernd, von innen und außen einwirkende Schädlichkeiten auch unzählbar verschiedne Mängel, Verderbnisse, Verstimmungen und Leiden hervorbringen, welche unter einer Menge eigner Namen als für sich bestehende Krankheiten in der alten Pathologie Wie viel giebt es darin nicht mißbräuchliche, vieldeutige Namen, unter deren jedem man höchst verschiedene, oft nur mit einem einzigen Symptome sich ähnelnde Krankheitszustände begreift, wie: kaltes Fieber, Gelbsucht, Wassersucht, Schwindsucht, Leucorrhöe, Hämorrhoiden, Rheumatism, Schlagfluß, Krämpfe, Hysterie, Hypochondrie, Melancholie, Manie, Bräune, Lähmung u. s. w., die man für sich gleichbleibende, festständige Krankheiten ausgiebt und des Namens wegen nach einem festgesetzten Leisten behandelt? Wie könnte man mit einem solchen Namen eine gleichartige, arzneiliche Behandlung rechtfertigen? Und soll die Cur nicht immer dieselbe seyn, wozu der gleiche Cur voraussetzende, identische Name? »Nihil sane in artem medicam pestiferum magis unquam irrepsit malum, quam generalia quaedam nomina morbis imponere iisque aptare velle generalem quandam medicinam,« spricht der so einsichtsvolle, als seines zarten Gewissens wegen verehrungswerthe Huxham (Op. phys. med. Tom. I ). Und eben so beklagt sich Fritze (Annalen, I. S. 80.) »daß man wesentlich verschiedene Krankheiten mit Einem Namen benenne.« Selbst jene Volkskrankheiten, welche sich wohl bei jeder einzelnen Epidemie durch einen eignen Ansteckungsstoff fortpflanzen mögen, werden in der Arzneischule, gleich als wären sie stets gleichartig wiederkehrende, schon bekannte, festständige Krankheiten, mit Namen belegt, wie: Spital-, Kerker-, Lager-, Faul-, Gallen-, Nerven-, Schleim-Fieber, obgleich jede Epidemie solcher herumgehenden Fieber sich jedesmal als eine andre, neue, nie ganz so jemals da gewesene Krankheit auszeichnet, sehr abweichend in ihrem Verlaufe sowohl, als in mehren der auffallendsten Symptome und ihrem ganzen jedesmaligen Verhalten. Jede ist allen vorhergegangenen, so oder so benannten Epidemien dergestalt unähnlich, daß man alle logische Genauigkeit in Begriffen verläugnen müßte, wenn man diesen von sich selbst so sehr abweichenden Seuchen einen jener, in der Pathologie eingeführten Namen geben und sie dem mißbräuchlichen Namen nach arzneilich überein behandeln wollte. Dieß sah bloß der redliche Sydenham ein, da er (Oper. Cap. 2. de morb. epid. S. 43.) darauf dringt, keine epidemische Krankheit für eine schon da gewesene zu halten und sie nach Art einer andern ärztlich zu behandeln, da sie alle, so viel ihrer nach und nach kämen, von einander verschieden wären: animum admiratione percellit, quam discolor et sui plane dissimilis morborum epidemicorum facies; quae tam aperta horum morborum diversitas tum propriis ac sibi peculiaribus symptomatis tum etiam medendi ratione, quam hi ab illis disparem sibi vindieant, satis illucescit. Ex quibus constat, morbos epidemicos, atut externa qnatantenus specie et symptomatis aliquot atrisque pariter convenire paullo incautioribus videantur, re tamenipsa, si bene adverteris animum, alienae esse admodum indolis et distare ut aera lupinis. Aus Allem diesen erhellet, daß diese nutzlosen und mißbräuchlichen Krankheitsnamen keinen Einfluß auf die Curart eines ächten Heilkünstlers haben dürfen, welcher weiß, daß er die Krankheiten nicht nach der wegen Namens-Aehnlichkeit eines einzelnen Symptoms, sondern nach dem ganzen Inbegriffe aller Zeichen des individuellen Zustandes jedes einzelnen Kranken zu beurtheilen und zu heilen habe, dessen Leiden er genau auszuspähen die Pflicht hat, nie aber hypothetisch vermuthen darf. Glaubt man aber dennoch zuweilen Krankheitsnamen zu bedürfen, um, wenn von einem Kranken die Rede ist, sich dem Volke in der Kürze verständlich zu machen, so bediene man sich derselben nur als Collectivnamen, und sage ihnen z. B.: der Kranke hat eine Art Veitstanz, eine Art von Wassersucht, eine Art von Nervenfieber, eine Art kaltes Fieber, nie aber (damit endlich einmal die Täuschung mit diesen Namen aufhöre): er hat den Veitstanz, das Nervenfieber, die Wassersucht, das kalte Fieber, da es doch gewiß keine festständigen, sich gleichbleibenden Krankheiten dieser und ähnlicher Namen giebt. bisher aufgeführt wurden.

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