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Organon der Heilkunst

Samuel Hahnemann: Organon der Heilkunst - Kapitel 42
Quellenangabe
typetractate
authorSamuel Hahnemann
titleOrganon der Heilkunst
publisherDresden und Leipzig, in der Arnoldischen Buchhandlung
printrunVierte verbesserte und vermehrte Auflage
year1829
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140220
projectid80552ff0
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§ 55. Schädliche Erfolge einiger antipathischen Curen.

§. 55.

Noch nie in der Welt wurden bedeutende Symptome anhaltender Krankheiten durch solche palliative Gegensätze behandelt, wo nicht nach wenigen Stunden das Gegentheil, die Rückkehr, ja offenbare Verschlimmerung eines solchen Uebels erfolgt wäre. Gegen langwierige Neigung zu Tagesschläfrigkeit verordnete man den in seiner Erstwirkung ermunternden Kaffee, und da er ausgewirkt hatte, nahm die Tagesschläfrigkeit zu; – gegen öfteres nächtliches Aufwachen gab man Abends Mohnsaft, der seiner Erstwirkung zufolge diese Nacht einen (betäubten, dummen) Schlaf zuwege brachte, aber die folgenden Nächte worden dann noch schlafloser; – den chronischen Durchfällen setzte man eben diesen, in seiner Erstwirkung Leib verstopfenden, Mohnsaft entgegen, und nach kurzer Hemmung des Durchfalls ward derselbe hinterdrein nur desto ärger; – heftige, oft wiederkehrende Schmerzen aller Art konnte man mit dem, Gefühl betäubenden, Mohnsaft nur auf kurze Zeit unterdrücken, dann kamen sie stets erhöhet, oft unerträglich erhöhet, oder andre, weit schlimmere Uebel dafür, wieder zurück; – gegen alten Nachthusten weiß der gemeine Arzt nichts Besseres, als den jeden Reiz in der Erstwirkung unterdrückenden Mohnsaft zu geben, welcher davon die erste Nacht vielleicht schweigt, aber die folgenden Nächte nur desto angreifender wird, und wenn er dann nochmals und abermals mit diesem Palliative in hochgesteigerter Gabe unterdrückt wird, so kommt Fieber und Nachtschweiß hinzu; – eine geschwächte Harnblase und daher rührende Harnverhaltung suchte man durch den antipathischen Gegensatz der die Harnwege aufreizenden Cantharidentinctur zu besiegen, wodurch zwar Anfangs Ausleerung des Urins erzwungen, hinterdrein aber die Blase noch unreizbarer und unvermögender wird, sich zusammenzuziehen, und die Harnblasen-Lähmung ist vor der Thüre; – mit den in starker Gabe die Därme zu häufiger Ausleerung reizenden Purgir-Arzneien und Laxir-Salzen wollte man alte Neigung zu Leibverstopfung aufheben, aber in der Nachwirkung ward der Leib gewöhnlich nur desto verstopfter; – langwierige Schwäche will der gemeine Arzt durch Weintrinken heben, was doch nur in der Erstwirkung aufreizt, daher sinken die Kräfte nur desto tiefer in der Nachwirkung; – durch hitzige Gewürze will er langwierig schwache und kalte Magen stärken und erwärmen, aber der Magen wird von diesen Palliativen in der Nachwirkung nur desto unthätiger; – lang anhaltender Mangel an Lebenswärme und Frostigkeit soll auf verordnete warme Bäder weichen, aber desto matter, kälter und frostiger werden die Kranken hinterdrein; – stark verbrannte Theile fühlen auf Behandlung mit kaltem Wasser zwar augenblickliche Erleichterung, aber der Brennschmerz vermehrt sich hinterdrein unglaublich, und die Entzündung greift um sich und steigt zu einem desto höhern Grade (man sehe die Einleitung, zu Ende); – durch Schleim erregende Niesemittel will man alten Stockschnupfen heben, merkt aber nicht, daß er durch dieß Entgegengesetzte immer mehr (in der Nachwirkung) sich verschlimmert, und die Nase nur verstopfter wird; – mit den in der Erstwirkung die Muskelbewegung stark aufreizenden Potenzen, der Electrisität und dem Galvanism, setzte man langwierig schwache, fast lähmige Glieder schnell in thätigere Bewegung; die Folge aber (die Nachwirkung) war gänzliche Ertödtung aller Muskel-Reizbarkeit und vollendete Lähmung; – mit Aderlassen wollte man langwierigen Blutandrang nach dem Kopfe wegnehmen, aber es erfolgte darauf stets größere Blutaufwallung; – die lähmige Trägheit der Körper- und Geistesorgane, mit Unbesinnlichkeit gepaart, welche in vielen Typhus-Arten vorherrschen, weiß die gemeine Arzneikunst mit nichts Besserm zu behandeln, als mit großen Gaben Baldrian, weil dieser eins der kräftigsten, ermunternden und beweglich machenden Arzneimittel sey; ihrer Unwissenheit war aber nicht bekannt, daß diese Wirkung bloß Erstwirkung ist, und daß der Organism nach derselben jedesmal in der Nachwirkung (Gegenwirkung) in eine desto größere Betäubung und Bewegungslosigkeit, das ist, in Lähmung der Geistes- und Körper-Organe (und Tod) mit Gewißheit verfällt; sie sahen nicht, daß gerade diejenigen Kranken, die sie am meisten mit dem hier opponirten, antipathischen Baldrian fütterten, am unfehlbarsten starben. – Wie oft man, mit einem Worte, durch solche entgegengesetzte (antipathische) Mittel in der Nachwirkung die Krankheit verstärkte, auch oft noch etwas Schlimmeres damit erreichte, sieht die falsche Theorie nicht, aber die Erfahrung lehrt es mit Schrecken.

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