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Organon der Heilkunst

Samuel Hahnemann: Organon der Heilkunst - Kapitel 112
Quellenangabe
typetractate
authorSamuel Hahnemann
titleOrganon der Heilkunst
publisherDresden und Leipzig, in der Arnoldischen Buchhandlung
printrunVierte verbesserte und vermehrte Auflage
year1829
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140220
projectid80552ff0
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§ 291. 292. Thierischer Magnetismus (Mesmerismus). Die positive und die negative Anwendung desselben.

§. 291.

Hier finde ich noch nöthig, des von der Natur aller übrigen Arzneien abweichenden, sogenannten thierischen Magnetisms, oder vielmehr des (dankbarer nach Mesmer, seinem ersten Begründer, zu benennenden) Mesmerisms Erwähnung zu thun. Diese, oft thörichter Weise geleugnete Heilkraft, welche durch den kräftigen Willen eines gutmeinenden Menschen auf einen Kranken, mittels Berührung desselben, einströmt, wirkt theils homöopathisch, durch Erregung ähnlicher Symptome, als der zu heilende Krankheitszustand enthält, und dient zu dieser Absicht in einem einzelnen, mit weniger starkem Willen vom Scheitel herab mit flach aufgelegten Händen nicht allzu langsam über den Körper bis über die Fußspitzen geführten Striche Die kleinste, homöopathische Gabe., z. B. bei Mutterblutungen, selbst in ihrem letzten, dem Tode nahen Stadium; theils dient er, um die hie und da innormal angehäufte, in den übrigen Theilen aber mangelnde Lehenskraft gleichförmig durch den Organism zu vertheilen, z. B. bei Blutdrang nach dem Kopfe und schlafloser, ängstlicher Unruhe geschwächter Personen u. s. w., mittels eines ähnlichen, einzelnen, aber etwas kräftigern Strichs; theils aber zur unmittelbaren Mittheilung und Ergänzung der Lebenskraft in einem einzelnen geschwächten Theile oder im ganzen Organism, – ein Zweck, der durch keine andre Potenz, als durch den Mesmerism so gewiß, so sicher und mit so gar keiner Störung der übrigen arzneilichen Behandlung erreicht werden kann. In einem einzelnen Theile geschieht dieß letztere durch Auflegung der Hände oder Fingerspitzen, unter Fixirung eines sehr kräftigen guten Willens zu dieser Absicht, an dem langwierig geschwächten Theile, wohin ein inneres chronisches Siechthum sein wichtiges Local-Symptom verlegt hatte, z. B. bei alten Geschwüren, bei Amaurose, bei Lähmungen einzelner Glieder u. s. w. Obgleich durch diese, von Zeit zu Zeit zu wiederholende locale Ergänzung der Lebenskraft keine bleibende Heilung erreicht werden kann, wo, wie oben gelehrt, ein allgemeines inneres Siechthum, wie immer, dem alten Localübel zum Grunde liegt, so ist doch diese positive Kräftigung und unmittelbare Sättigung mit Lebenskraft (die so wenig, als Essen und Trinken bei Hunger und Durst, in die Kategorie der Palliative gehört) keine geringe Beihülfe bei der wirklichen Cur des ganzen Siechthums durch homöopathische Arzneien.. Manche schnelle Schein-Cur mit großer Natur-Kraft begabter Mesmérirer in allen Zeitaltern gehört hieher. Am glänzendsten aber zeigte sich die Wirkung von mitgetheilter Menschenkraft auf den ganzen Organism bei Wiederbelebung einiger, geraume Zeit im Scheintode gelegener Personen durch den kräftigsten, gemüthlichsten Willen eines in voller Lebenskraft blühenden Mannes Vorzüglich eines solchen, deren es wenige unter den Menschen giebt, welcher bei vollständiger Körperkraft einen sehr geringen Begattungs-Trieb besitzt, den er mit leichter Mühe völlig unterdrücken kann, bei welchem also alle die sonst auf Bereitung des Samens zu verwendenden, feinen Lebens-Geister in Menge bereit sind, durch willenskräftige Berührung andern Menschen sich mitzutheilen. Einige dergleichen heilkräftige Mesmerirer, die ich kennen lernte, hatten diese besondre Eigenschaft., welcher Art Todtenerweckungen die Geschichte mehre, unleugbare aufweist.

§. 292.

Alle die gedachten Arten von Ausübung des Mesmerisms beruhen auf einer Einströmung von mehr oder weniger Lebenskraft in den Leidenden, und werden daher positiver Mesmerism benannt Mit Fleiß gedenke ich hier, wo ich von der entschiedenen und sichern Heilkraft des positiven Mesmerisms zu sprechen hatte, nicht jener Uebertreibung desselben, wo durch oft halbe, ja ganze Stunden auf einmal wiederholte Striche dieser Art, selbst täglich fortgesetzt, bei nervenschwachen Kranken jene ungeheure, Umstimmung des ganzen Menschenwesens herbeigeführt ward, die man Somnambulism nennt, worin der Mensch, der Sinnenwelt entrückt, mehr der Geisterwelt anzugehören scheint – ein höchst unnatürlicher und gefährlicher Zustand, wodurch man nicht selten chronische Krankheiten zu heilen gewagt hat.. Eine dem entgegengesetzte Ausübung des Mesmerismus aber verdient, da sie das Gegentheil bewirkt, negativer Mesmerism genannt zu werden. Hieher gehören die Striche, welche zur Erweckung aus dem Nachtwandlerschlafe gebraucht werden, so wie alle die Handverrichtungen, welche mit dem Namen Calmiren und Ventiliren belegt worden sind. Am sichersten und einfachsten wird diese Entladung der bei ungeschwächten Personen in einem einzelnen Theile übermäßig angehäuften Lebenskraft durch den negativen Mesmerism bewirkt mittels einer geschwinden Bewegung der flachen, ausgestreckten rechten Hand, etwa parallel einen Zoll entfernt vom Körper vom Scheitel herab bis über die Fußspitzen geführt Daß die entweder positiv oder negativ zu mesmerirende Person an keinem Theile mit Seide bekleidet seyn dürfe, ist eine schon bekannte Regel.. Je schneller dieser Strich vollführt wird, eine desto stärkere Entladung bewirkt er. So wird z. B. beim Scheintode einer vordem gesunden Einer chronisch schwächlichen, lebensarmen Person ist daher ein, vorzüglich sehr schneller, Negativstrich äußerst schädlich. Frauensperson, wenn ihre dem Ausbruche nahe Menstruation plötzlich durch eine heftige Gemüthserschütterung gehemmt worden war, die wahrscheinlich in den Präcordien angehäufte Lebenskraft durch einen solchen negativen Schnellstrich entladen und wieder ins Gleichgewicht durch den ganzen Organismus gesetzt, so daß gewöhnlich die Wiederbelebung alsogleich erfolgt Ein zehnjähriger, kräftiger Knabe auf dem Lande ward, wegen einer kleinen Unpäßlichkeit, früh von einer sogenannten Streicherin mit beiden Daumenspitzen von der Herzgrube aus, unter den Ribben hin, sehr kräftig, mehrmal gestrichen, und er verfiel sogleich mit Todtenblässe in eine solche Unbesinnlichkeit und Bewegungslosigkeit, daß man ihn mit aller Mühe nicht erwecken konnte und ihn ast für todt hielt. Da ließ ich ihm von seinem ältesten Bruder einen möglichst schnellen, negativen Strich vom Scheitel bis über die Füße hin geben, und augenblicklich war er wieder bei Besinnung, munter und gesund.. So mildert auch ein gelinder, weniger schneller Negativstrich die zuweilen allzu große Unruhe und ängstliche Schlaflosigkeit von einem allzu kräftig gegebnen positiven Striche bei sehr reizbaren Personen u. s. w.

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Gedruckt bei A. W. Schade in Berlin.

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