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Onkel Wanja

Anton Tschechow: Onkel Wanja - Kapitel 5
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typedrama
authorAnton Tschechow
titleOnkel Wanja
translatorAugust Scholz
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Dritter Aufzug

Gastzimmer in Serebrjakows Hause. Drei Türen - je eine rechts, links und in der Mitte. Mittag. Wojnizki, Sonja sitzt, und Helena Andrejewna, die, in Nachdenken versunken, auf der Bühne auf und ab geht.

Wojnizki. Der Herr Professor haben den Wunsch ausgesprochen, wir möchten uns heute um ein Uhr mittags alle in diesem Gastzimmer versammeln. Sieht auf die Uhr. Noch eine Viertelstunde fehlt. Er will vermutlich die Welt mit irgendeiner Enthüllung überraschen.

Helena Andrejewna. Eine geschäftliche Angelegenheit wahrscheinlich.

Wojnizki. Der befaßt sich nicht mit geschäftlichen Angelegenheiten. Blödsinniges Zeug schmieren, räsonieren und eifersüchtig sein, das ist sein Tagewerk.

Sonja vorwurfsvoll. Aber Onkel!

Wojnizki. Gut, gut … ich tu's nicht wieder. Zeigt auf Helena Andrejewna. Nin sieh dir mal unsere Gnädige an: geht hier spazieren und regt sich auf vor lauter Faulheit! Wie nett! Wie lieb!

Helena Andrejewna. Sie müssen den ganzen Tag brummen und nichts als brummen. Daß sie dessen nicht überdrüssig werden! Schwermütig. Ich sterbe vor Langeweile – weiß wirklich nicht, was ich tun soll!

Sonja achselzuckend. Hier gäbe es genug zu tun, wenn du nur wolltest …

Helena Andrejewna. Zum Beispiel?

Sonja. Beschäftige dich in der Wirtschaft, unterrichte die Bauernkinder, besuch' die Kranken im Dorfe! Ist das nicht genug? Wie ihr noch nicht hier wart, du und Papa, sind wir oft mit Onkel Wanja zusammen auf den Markt gefahren, um mit Mehl zu handeln.

Helena Andrejewna. Das versteh' ich doch nicht – und dann ist's auch uninteressant. Bauernkinder unterrichten, sagst du, und Bauern kurieren … das kommt doch nur in den modernen Tendenzromanen vor! Wie soll ich jetzt auf einmal anfangen zu unterrichten oder zu kurieren?

Sonja. Siehst du – und ich versteh' wieder nicht, wie man sowas nicht tun kann! Fang nur an … wirst dich schon dran gewöhnen! Umarmt sie. Nicht so grämlich, meine Liebe! Lacht. Du langweilst dich, findest nichts zu tun – und Langeweile und Müßiggang sind ansteckend. Sieh doch: Onkel Wanja tut jetzt rein gar nichts mehr, schleicht nur immer hinter dir her wie ein Schatten, und auch ich habe alles liegen lassen und komme hierher gelaufen, um mit dir zu plaudern. Ganz faul bin ich geworden, hab' zu gar nichts mehr Lust. Doktor Astrow war früher sehr selten bei uns, höchstens einmal im Monat, und ließ sich niemals halten – und jetzt kommt er alle Tage, kümmert sich um keinen Wald, um keine Medizin. Du mußt eine Zauberin sein.

Wojnizki. Was quälen Sie sich denn? Lebhaft. Seien Sie doch klug, meine Holde, Schöne! In Ihren Adern fließt Nixenblut – so spielen Sie doch mal die Nixe! Leben Sie sich wenigstens einmal im Leben frei aus, verlieben Sie sich schleunigst bis über die Ohren in irgendeinen Wassermann … und dann plumps! mit dem Kopfe voran in die Tiefe, daß der Herr Professor und wir alle nur so die Hände zusammenschlagen!

Helena Andrejewna. Lassen Sie mich in Frieden! das ist grausam! Will gehen.

Wojnizki hält sie zurück. Nun, nun, meine Teure, verzeihen Sie … Ich bitt' um Verzeihung. Küßt ihr die Hand. Friede!

Helena Andrejewna. Ein Engel könnte die Geduld verlieren, das müssen Sie doch zugeben!

Wojnizki. Zum Zeichen der Versöhnung und des Friedens hol' ich Ihnen jetzt gleich ein Rosenbukett; heut' morgen schon hab' ich's für Sie abgeschnitten … Herbstrosen sind's - prächtige, traurige Rosen … Ab.

Sonja. Herbstrosen – prächtige, traurige Rosen …

Beide sehen zum Fenster hinaus.

Helena Andrejewna. Nun ist der September schon da. Wie werden wir hier nur den Winter verbringen? Pause. Wo ist der Doktor?

Sonja. Im Zimmer, bei Onkel Wanja. Er schreibt da irgend etwas. Gut, daß der Onkel fort ist … ich muß mit dir reden …

Helena Andrejewna. Wovon?

Sonja. Wovon? … Sie legt ihren Kopf an Helenas Brust.

Helena Andrejewna. Nun, schon gut … ich weiß schon … Sie streichelt ihr Haar.

Sonja. Ich bin nicht hübsch …

Helena Andrejewna. Du hast sehr schönes Haar.

Sonja. Nein, nein! Sieht sich um und sucht in den Spiegel zu sehen. Nein! Wenn ein Mädchen nicht hübsch ist, sagt man ihm: »Du hast schöne Augen, du hast schönes Haar« … Ich liebe ihn schon sechs Jahre lang, liebe ihn mehr, als ich je meine Mutter geliebt habe; in jedem Augenblick glaube ich seine Stimme zu hören, spür' ich den Druck seiner Hand; ich schaue erwartungsvoll nach der Tür, denke jeden Moment, daß er eintreten wird. Und immer wieder, siehst du, komm' ich zu dir, um mit dir von ihm zu plaudern. Jetzt ist er jeden Tag hier – aber er hat keinen Blick für mich … er sieht mich gar nicht … Das ist eine solche Qual! Ich habe keine Hoffnung … nicht die geringste, nein, nein! Verzweifelt. O Gott, gib mir doch Kraft! … Die ganze Nacht habe ich gebetet … Ich trete oft an ihn heran, spreche ihn selber an, sehe ihm in die Augen … Ich besitze gar keinen Stolz mehr, gar keine Kraft, mich zu beherrschen … ich hielt's nicht länger aus und erzählte es gestern Onkel Wanja, daß ich ihn liebe … Die ganze Dienerschaft weiß es, daß ich ihn liebe. Alle wissen es.

Helena Andrejewna. Und er?

Sonja. Er bemerkt nichts … weiß nichts …

Helena Andrejewna nachdenkend. Ein sonderbarer Mensch … Weißt du was? Gestatte mir, daß ich mit ihm rede … Natürlich ganz vorsichtig, nur andeutungsweise … Pause. was willst du noch länger in Ungewissheit schweben? … Gestatte es!

Sonja nickt bejahend mit dem Kopfe.

Helena Andrejewna. Ausgezeichnet! Entweder liebt er dich, oder er liebt dich nicht – das ist nicht schwer zu erfahren. Beunruhige dich gar nicht, mein Täubchen, hab' keine Angst … ich werde ihn so geschickt ausfragen, daß er's gar nicht merkt. Wir brauchen ja nur zu wissen: ja – oder nein? Pause. Im Verneinungsfalle soll er nicht mehr hierher kommen … einverstanden?

Sonja nickt bejahend mit dem Kopfe.

Helena Andrejewna. Du wirst es leichter tragen, wenn du ihn nicht mehr siehst. Wir wollen es nicht auf die lange Bank schieben, wollen ihn gleich jetzt ins Verhör nehmen. Er wollte mir irgendwelche Zeichnungen und Pläne zeigen … geh', sag' ihm, ich wünschte ihn zu sehen.

Sonja in heftiger Bewegung. Du wirst mir die ganze Wahrheit sagen?

Helena Andrejewna. Gewiß, natürlich. Ich meine, daß die Wahrheit, welcher Art sie auch sein mag, doch weniger schrecklich ist als die Ungewißheit. Verlaß dich ganz auf mich, Kind.

Sonja. Ja, ja … ich werde sagen, daß du seine Pläne sehen willst. Geht, bleibt jedoch vor der Tür stehen. Nein, die Ungewißheit ist besser … es bleibt doch immer noch ein Hoffnungsschimmer …

Helena Andrejewna. Wie meinst du?

Sonja. Nichts. Ab.

Helena Andrejewna allein. Es gibt nichts Peinlicheres, als ein fremdes Geheimnis zu wissen und doch nicht helfen zu können. Nachdenklich. Er ist in sie nicht verliebt, das ist klar - aber weshalb sollte er sie nicht heiraten? Sie ist nicht hübsch, doch für einen Landarzt, noch dazu in seinen Jahren, wäre sie eine prächtige Frau. Sie ist klug, gut, keusch … nein, nein … das geht nicht, das geht nicht … Pause. Ich kann das arme Mädchen wohl begreifen. Mitten in dieser verzweifelten Langenweile, wo ihr statt wirklicher, lebendiger Menschen immer nur eine Art graue Flecke begegnen, wo sie nichts als Gemeinheiten hört, wo man sich nur mit Essen, Trinken, Schlafen beschäftigt, taucht ab und zu ein Mensch auf, der den andern nicht gleicht, ein hübscher, interessanter, einnehmender Mann, – wie der helle Mond im nächtlichen Dunkel. sich dem Zauber eines solchen Menschen hinzugeben, ganz im selbstvergessen … es scheint fast, ich selbst hab' mich ein wenig hinreißen lassen. Jawohl, ich langweile mich ohne ihn … ich lächle, wenn ich an ihn denke … Dieser Onkel Wanja sagt, in meinen Adern fließe Nixenblut … »Leben Sie sich einmal im Leben frei aus« … Nun, vielleicht wär' dies das Richtige … Frei wie ein Vogel davonfliegen, fort von euch allen, eure verschlafenen Gesichter nicht mehr sehen, euer Geschwätz nicht mehr hören, überhaupt vergessen, daß ihr alle auf der Welt existiert … Aber ich bin zu feig dazu, zu zimperlich … Da kommt er nun alle Tage her, und ich errate, weshalb er kommt – und schon fühle ich mich schuldig, bin bereit, vor Sonja in die Knie zu sinken, um Verzeihung zu bitten, zu weinen …

Astrow tritt ein, mit einer Kartenzeichnung.

Astrow. Guten Tag! Reicht ihr die Hand. Sie wünschten meine Zeichnerei zu sehen?

Helena Andrejewna. Sie versprachen gestern, mir Ihre Arbeiten zu zeigen … Haben Sie jetzt Zeit?

Astrow. O, gewiß. Er breitet auf einem Spieltisch seine Zeichnung aus und befestigt sie mit Reißnägeln. Wo sind Sie geboren?

Helena Andrejewna hilft ihm bei den Zeichnungen. In Petersburg.

Astrow. Und wo haben Sie Ihre Ausbildung erhalten?

Helena Andrejewna. Auf dem Konservatorium.

Astrow. Dann wird Sie das hier wenig interessieren.

Helena Andrejewna. Weshalb? Ich kenne allerdings die ländlichen Verhältnisse nicht … aber ich habe doch viel darüber gelesen.

Astrow. Ich habe hier im Hause meinen eigenen Arbeitstisch … im Zimmer von Iwan Petrowitsch. Wenn ich mal in meiner Sklavenarbeit ganz schlaff und stumpf geworden bin, dann lass' ich alles liegen und eile hierher, um mich ein, zwei Stunden mit dieser Spielerei da zu beschäftigen … Iwan Petrowitsch und Sophia Alexandrowna klappern mit ihrer Rechenmaschine, und ich sitze neben ihnen an meinem Tische und male …und es ist mir so mollig, so friedlich zu Mute, und die Grille zirpt. Aber dieses Vergnügen kann ich mir nur selten leisten, höchstens einmal im Monat … Zeigt auf der Karte. Nun sehen Sie mal, bitte, hier … Das ist die Karte unseres Kreises, wie er vor fünfzig Jahren war. Das Dunkelgrün und Hellgrün bezeichnet die Wälder; die Hälfte des gesamten Areals ist hier noch mit Wald bedeckt. Wo auf dem Grünen die roten Netzlinien sind, wurden Hirsche und Rehe gehegt. Ich habe hier die Flora wie die Fauna angedeutet. auf dem See da gab es Schwäne, Enten, Gänse, Vogelwild aller Art in schwerer Menge, daß der Himmel davon schwarz war. Neben Dörfern und Weilern, sehen Sie, existierten da und dort Kolonien und Einzelhöfe, altgläubige Klöster und Wassermühlen … Rinder und Pferde waren massenhaft vorhanden – das sehen Sie hier an der blauen Schraffierung. In diesem Bezirk zum Beispiel ist die blaue Farbe besonders stark aufgetragen; da gab es ganze Herden von Pferden, auf jeden Bauernhof kamen drei Pferde. Pause. Nun sehen Sie hier, weiter unten – die Zustände vor fünfundzwanzig Jahren. Da finden Sie nur noch ein Drittel des Flächenraumes bewaldet. Rehwild gibt es nicht mehr, wohl aber noch Rotwild. Die grüne und rote Farbe erscheint schon ziemlich blass. Und so weiter, und so weiter. Gehen wir nun hier zu der dritten Darstellung über: sie zeigt uns den Kreis, wie er jetzt ist. Die grüne Farbe erscheint nur hier und da, nirgends im Zusammenhang, sondern immer nur in einzelnen Flecke; das Rotwild, die wilden Schwäne, die Auerhähne, die wir früher hier hatten – alles ist verschwunden. Von den einstigen Kolonien, Höfen, Klöstern, Mühlen, ist nicht eine Spur mehr vorhanden. Mit einem Wort: das Bild einer stetig fortschreitenden, unverkennbaren Entartung, die allem Anschein nach in höchstens zehn bis fünfzehn Jahren eine vollständige sein wird. Sie werden mir einwerfen, daß es sich hier um Kultureinflüsse handelt, daß die alten Lebensformen naturgemäß den neuen weichen müssen. Gewiß, ich begreife, wenn an stelle dieser ausgerotteten Wälder Chausseen, gewerbliche Anlagen, Fabriken, Schulen getreten wären, wenn das Volk gesünder, reicher, gebildeter geworden wäre – aber nichts von alledem ist zu sehen! Wir haben in unserem Kreise dieselben Sümpfe, dieselbe Mückenplage, dieselben grundlosen Wege, Brände, Epidemien,

Typhus, Diphtheritis, Not und Elend … Wir haben es hier mit einer Entartung zu tun, die als natürliche Folge eines Mangels an Kraft im Kampf ums Dasein erscheint; einer Entartung, die in Trägheit, Unwissenheit und gänzlichem Mangel an Selbstbewußtsein wurzelt. Sie führt, den von Hunger, Frost und Krankheit geschwächten Menschen dahin, daß er, um den ihm noch verbliebenen Lebensrest zu fristen und seine Kinder vor dem Untergang zu bewahren, ganz instinktiv und unbewußt nach allem greift, womit er nur Hunger und Kälte abwehren kann, wobei er, ohne an das Morgen zu denken, alles schonungslos zerstört  Fast alles ist schon zerstört und noch nichts als Ersatz dafür neu geschaffen. Kühl. Doch ich sehe an Ihrem Gesichte, daß der Gegenstand Sie nicht interessiert.

Helena Andrejewna. Ich verstehe so wenig von den Dingen.

Astrow. Da gibt's nichts zu verstehen, es ist für Sie einfach uninteressant.

Helena Andrejewna. Wenn ich offen sein soll – ich war mit meinen Gedanken nicht bei der Sache. Verzeihen Sie ,,, aber ich muß Sie einem kleinen Verhör unterwerfen, und ich bin in Verlegenheit, wie ich anfangen soll.

Astrow. Einem Verhör?

Helena Andrejewna. Ja, einem Verhör, doch … einem ziemlich unschuldigen. Lassen Sie uns Platz nehmen! Sie setzen sich. Die Sache betrifft eine junge Dame. Wir wollen ohne Umschweife reden, als ehrenhafte Leute, als Freunde. Wir wollen davon reden und es dann vergessen. Ja?

Astrow. Ja.

Helena Andrejewna. Es handelt sich um meine Stieftochter Sonja. Gefällt sie Ihnen?

Astrow. Ja … ich schätze sie hoch.

Helena Andrejewna. Gefällt Sie Ihnen als Weib?

Astrow zögernd. Nein.

Helena Andrejewna. Noch zwei, drei Worte - dann sind wir fertig. Haben Sie nichts bemerkt?

Astrow. Gar nichts.

Helena Andrejewna faßt seine Hand. Sie lieben Sie nicht, an Ihren Augen seh' ich's  Sie leidet schwer … Nehmen Sie Rücksicht darauf und … kommen Sie nicht mehr her!

Astrow erhebt sich. Meine Zeit ist vorüber … Und dann … ich habe doch niemals … Zuckt mit den Achseln. Wie hätt' ich überhaupt …

Helena Andrejewna. Pfui, was für ein unangenehmes Gespräch! Ich bin so in Wallung geraten, als hätt' ich eine Last von tausend Pud zu schleppen. Nun, Gott sei Dank, jetzt ist's erledigt. Wir wollen es vergessen, als ob wir nie davon gesprochen hätten, und … Sie kommen von heute an nicht mehr her. Sie sind ein verständiger Mensch, Sie werden begreifen … Pause. Ich bin sogar ganz rot geworden.

Astrow. Wenn Sie mir vor einem oder zwei Monaten davon gesprochen hätten, würde ich mir die Sache vielleicht noch überlegt haben, aber jetzt … Zuckt die Achseln. Wenn sie darunter leidet, dann muß ich natürlich … Nur eines begreife ich nicht: wozu bedurfte es eigentlich dieses Verhörs? Sieht ihr in die Augen und droht mit dem Finger. Sie sind … schlau!

Helena Andrejewna. Was soll das heißen?

Astrow lacht. Wirklich schlau! Zugegeben, daß Sonja leidet, was ich schon glauben will – was wollten Sie dann mit diesem Verhör? Läßt sie nicht zu Worte kommen, lebhaft. Machen Sie, bitte, kein so erstauntes Gesicht, Sie wissen sehr gut, weshalb ich jetzt alle Tage hierher komme, liebe kleine Spitzbübin, sehen Sie mich nicht so an … ich bin ein alter, erfahrener Fuchs …

Helena Andrejewna verwirrt. Spitzbübin? Ich verstehe nicht …

Astrow. Sie schöner, glatter, Iltis … Sie brauchen Opfer! Einen ganzen Monat lauf' ich Ihnen schon nach, bin ganz versessen auf Sie – und das gefällt Ihnen, gefällt Ihnen ausnehmend gut … na, also … ich bin besiegt, das wußten Sie auch ohne Verhör. Kreuzt die Arme über der Brust und beugt seinen Kopf. Ich erkläre mich für überwunden - bitte, fressen Sie mich!

Helena Andrejewna. Sie haben den Verstand verloren!

Astrow lacht durch die Zähne. Sind Sie aber zimperlich!

Helena Andrejewna. O, ich bin besser und ehrenhafter, als Sie glauben! Das schwör' ich Ihnen! Will fortgehen.

Astrow vertritt ihr den Weg. Ich nehme heut' für immer von diesem Hause Abschied, aber … er nimmt ihre Hand und sieht sich um … wo werden wir uns wiedersehen? Sagen Sie rasch: wo? Man wird kommen … sagen Sie doch: wo? … Leidenschaftlich. Was für ein wunderbares, herrliches Weib! … Einen einzigen Kuß … Nur Ihr köstlich duftendes Haar lassen Sie mich küssen …

Helena Andrejewna. Ich schwöre Ihnen …

Astrow fällt ihr ins Wort. Wozu schwören? Das ist gar nicht nötig … lassen wir alle überflüssigen Worte … O, wie schön sind Sie! Diese Hände! Küßt ihre Hände.

Helena Andrejewna. Hören Sie endlich auf … gehen Sie … Entzieht ihm ihre Hände. Sie haben sich vergessen …

Astrow. So sagen Sie doch endlich, wo wir uns morgen treffen wollen. Faßt sie um die Taille. Du siehst, es ist unvermeidlich, wir müssen uns sehen. Er küßt sie; in diesem Augenblick tritt Wojnizki mit dem Rosenbukett ein und bleibt in der Tür stehen.

Helena Andrejewna sieht Wojnizki nicht. Verschonen Sie mich … Lassen Sie mich los … Sie legt ihren Kopf an Astrows Brust. Nicht doch! Sie will gehen.

Astrow hält ihre Taille umfaßt. Komm morgen nach der Försterei … um zwei Uhr … Ja? Ja? Wirst du kommen?

Helena Andrejewna sieht Wojnizki. Lassen Sie mich gehen! Geht in heftiger Bestürzung ans Fenster. Das ist schrecklich!

Wojnizki legt die Blumen auf einen Stuhl, wischt sich erregt Gesicht und Nacken mit dem Taschentuch. Macht nichts … hm … Macht weiter nichts …

Astrow scherzt verlegen. Schönes Wetter heute, ja, mein sehr verehrter Iwan Petrowitsch! Heut' morgen sah es ganz nach Regen aus … und jetzt haben wir den schönsten Sonnenschein. Ein prächtiger Herbst, kann man sagen … Die Wintersaat steht großartig. Rollt seine Zeichnung zusammen. Schade nur, daß die Tage immer kürzer werden. Ab.

Helena Andrejewna tritt rasch an Wojnizki heran. Sorgen Sie dafür … machen Sie Ihren ganzen Einfluß geltend, daß ich noch heute mit meinem Gatten von hier abreisen kann. Hören Sie? Noch heute!

Wojnizki wischt sich das Gesicht ab. Wie? Na ja … schön … Ich hab' alles gesehen, alles …

Helena Andrejewna nervös. Hören Sie? Ich muß noch heute von hier fort!

Serebrjakow, Sonja, Teljegin und Marina treten ein.

Teljegin. Ich bin selber nicht ganz auf dem Posten, Exzellenz. Schon seit zwei Tagen bin ich unpäßlich. Ein sonderbarer Schmerz im Kopfe …

Serebrjakow. Wo sind die andern? Ich liebe dieses Haus nicht … es ist wie ein Labyrinth. Sechsundzwanzig große Zimmer– da verlieren sich die Menschen, nie kann man jemanden finden Es klingelt. Ruft doch mal Maria Wassiljewna und Helena Andrejewna her!

Helena Andrejewna. Ich bin da.

Serebrjakow. Bitte die Herrschaften, Platz zu nehmen!

Sonja tritt auf Helena zu, ungeduldig. Was hat er gesagt?

Helena Andrejewna. Später!

Sonja. Du zitterst! Du bist so erregt … Sieht ihr forschend ins Gesicht. Ich verstehe. Er hat gesagt, daß er nicht mehr zu uns kommen wird … ja? Pause. Sag's mir: ja?

Helena Andrejewna nickt bejahend mit dem Kopfe.

Serebrjakow zu Teljegin. Mit meiner Krankheit werde ich allenfalls noch aussöhnen, was ich aber nicht vertragen kann, das ist dieser ganze Zuschnitt des Landlebens. Ich habe immer das Gefühl, als sei ich von der Erde auf irgendeinen fremden Planeten gestürzt. Nehmen Sie gefälligst Platz, meine Herrschaften! Sonja! Sonja hört ihn nicht – sie steht, den Kopf traurig auf die Brust gesenkt, da. Sonja! Pause. Sie hört nicht. Zu Marina. Auch du, liebe Amme, nimm Platz. Marina setzt sich und strickt an ihrem Strickstrumpf weiter. Ich bitte recht sehr, meine Herrschaften, schenken Sie dem Gegenstande der Debatte eine recht lebhafte Aufmerksamkeit! Er lacht.

Wojnizki immer noch erregt. Ich bin vielleicht hier nicht nötig? Ich kann wohl gehen?

Serebrjakow. Nein, mein Lieber … du bist hier nötiger als alle andern!

Wojnizki. Was wünschen Sie denn von mir?

Serebrjakow. »Sie«? Was bist du wieder so ärgerlich? Pause. Wenn ich dir Anlaß dazu gegeben habe, dann entschuldige nur, bitte.

Wojnizki. Laß doch diesen Ton … gehen wir gleich auf den Kern der Sache ein. Um was handelt es sich?

Maria Wassiljewna tritt ein.

Serebrjakow. Da ist ja auch maman. Ich beginne also, meine Herrschaften. Pause. Ich habe Sie versammelt, um Ihre Hilfe und Ihren Rat zu erbitten, und da ich Ihre stets bewährte Liebenswürdigkeit wohl kenne, so hoffe ich, beides zu erhalten. Ich bin ein Gelehrter, ein Büchermensch, und war dem praktischen Leben stets fremd. Nie habe ich der Fingerzeige sachverständiger Leute entraten können, und so wende ich mich auch diesmal vertrauensvoll an dich, lieber Iwan Petrowitsch, an Sie, mein werter Ilja Iljitsch, an Sie, maman, und an all die andern. Die Sache ist die, daß uns alle das gleiche Schicksal erwartet – alle stehen wir in Gottes Hand. Ich bin alt und krank, und so halte ich es denn für geboten, meine Vermögensverhältnisse zu regulieren, soweit dabei meine Familie in Betracht kommt. Mein Leben neigt sich dem Ende zu, an mich denke ich dabei nicht, aber ich habe eine junge Frau und eine unverheiratete Tochter.

Pause.

Hier auf dem Lande kann ich nicht länger leben. Wir sind fürs Dorfleben nicht geschaffen. In der Stadt aber können wir von dem Ertrag dieses Gutes nicht existieren. Wenn wir, nehmen wir mal an, den Wald verkaufen, so ist das eine außerordentliche Maßnahme, die wir leider nicht in jedem Jahre wiederholen können. Wir müssen also auf solche Maßnahmen bedacht sein, die uns eine regelmäßige, mehr oder weniger sichere Einnahme garantieren. Ich habe mir nun eine solche Maßnahme ausgedacht und habe die Ehre, sie Ihrer Begutachtung zu unterbreiten. Ich übergehe die Details und werde mich nur an die Hauptpunkte halten. Unser Gut wirft durchschnittlich nicht mehr als zwei Prozent ab. Ich mache den Vorschlag, es zu verkaufen. Wenn wir die Summe, die wir dafür erhalten, in zinstragenden Papieren anlegen, werden wir vier bis fünf Prozent bekommen können; ja, ich glaube, es wird sich sogar ein Überschuß von ein paar Tausend Rubeln ergeben, der es uns ermöglicht, einen kleinen Sommersitz in Finnland zu kaufen.

Wojnizki. Halt mal … Ich glaube, ich habe mich verhört. Wiederhole doch noch mal, was du gesagt hast!

Serebrjakow. Das Geld soll in zinstragenden Papieren angelegt und der Überschuß zum Ankauf eines Sommersitzes in Finnland verwandt werden …

Wojnizki. Das mein' ich nicht … Du hast noch etwas anderes gesagt …

Serebrjakow. Ich schlage vor, das Gut hier zu verkaufen.

Wojnizki. Ganz recht, das mein' ich. Du willst also das Gut verkaufen … ausgezeichnet, eine phänomenale Idee. Und wo soll ich dann auf dein Geheiß mich verkriechen … ich und meine alte Mutter, und deine Tochter Sonja?

Serebrjakow. Ds werden wir alles in Erwägung ziehen, wenn's Zeit ist. Es geht nicht alles auf einmal.

Wojnizki. Halt, alter Freund. Es scheint, daß ich bisher auch nicht ein Fünkchen gesunden Menschenverstand besessen habe. Bisher war ich nämlich so töricht, zu glauben, daß dieses gut Sonjas Eigentum ist. Mein verstorbener Vater hat es als Mitgift für meine Schwester gekauft. Ich war bisher so naiv, unsere Gesetze nicht auf türkische Manier auszulegen, und glaubte, das Gut sei von der Schwester auf Sonja vererbt.

Serebrjakow. Allerdings, das Gut gehört Sonja. Wer bestreitet das? Ohne Sonjas Einwilligung würde ich mich nicht entschließen, es zu verkaufen. Ich habe diese ganze Transaktion auch nur im Interesse Sonjas geplant.

Wojnizki. Das ist mir unfaßbar, unfaßbar! Entweder bin ich verrückt geworden oder … oder …

Maria Wassiljewna. Jean, widersprich Alexander nicht! Glaub mir's, er weiß besser als wir alle, was recht oder nicht recht ist!

Wojnizki. Nein, nein … gebt mir einen Schluck Wasser! Er trinkt Wasser. Sagt, was ihr wollt, was ihr wollt!

Serebrjakow. Ich begreife nicht, warum du dich so aufregst! Ich behaupte ja nicht, daß mein Projekt ein ideales ist. Wenn es von Ihnen allen mißbilligt wird, meine Herrschaften, dann will ich nicht darauf bestehen.

Pause.

Teljegin. Ich für meinen Teil hege vor der Wissenschaft nicht nur die größte Hochachtung, Exzellenz, sondern habe auch gewisse verwandtschaftliche Beziehungen zu ihr. Der Schwager meines Bruders Grigori nämlich, Konstantin Trofimowitsch Lakedaimonow, war, mit Verlaub zu sagen, Magister …

Wojnizki. Schwatze nicht, Waffelkuchen … wir reden hier von geschäftlichen Angelegenheiten … Später kannst du erzählen … Zu Serebrjakow, auf Teljegin deutend. Frag' ihn doch mal, das Gut ist ja von seinem Onkel gekauft.

Serebrjakow. Ach, was ist da zu fragen? Wozu?

Wojnizki. Dieses Gut wurde für fünfundneunzigtausend Rubel – nach damaligem Gelde – gekauft. Mein Vater bezahlte nur siebzigtausend, es blieb eine Schuld von fünfundzwanzigtausend Rubeln. Nun bitt' ich mal zuzuhören … Das Gut hätte nicht gekauft werden können, wenn ich nicht zugunsten meiner Schwester, die ich innig liebte, auf meinen Anteil an der Erbschaft verzichtet hätte. Ja, nicht genug daran … ich habe zehn Jahre lang gearbeitet wie ein Pferd und habe die ganze Schuld abgetragen …

Serebrjakow. Ich bedaure, daß ich diese Auseinandersetzung veranlaßt habe.

Wojnizki. Nur infolge meiner persönlichen Bemühungen ist das gut nun schuldenfrei und in gutem Stande. Und jetzt, wo ich alt geworden bin, will man mich hier mit Fußtritten zum Tempel hinausjagen!

Serebrjakow. Ich weiß gar nicht, worauf du eigentlich abzielst!

Wojnizki. Fünfundzwanzig Jahre lang hab' ich dieses Gut verwaltet , habe gearbeitet, hab' dir dein Geld auf Heller und Pfennig geschickt, wie der gewissenhafteste Verwalter … und während dieser ganzen Zeit hast du mir nicht ein einziges Mal »Danke schön!« gesagt. Die ganze Zeit über, bis auf den heutigen Tag, hab' ich von dir ein Gehalt von fünfhundert Rubeln jährlich bezogen - ein wahres Lumpengeld! – und nicht ein einziges Mal kamst du auf den Gedanken, mir auch nur einen Rubel zuzulegen.

Serebrjakow. Aber, mein lieber Iwan Petrowitsch, wie konnt' ich denn das alles ahnen! Ich bin ein unpraktischer Mensch und verstehe nichts von diesen Dingen. Du hättest dir doch selbst so viel zulegen können, wie du wolltest!

Wojnizki. Gewiß, warum hab' ich nicht gestohlen? Verachten solltet ihr mich alle deshalb, weil ich nicht gestohlen habe! Das wäre das einzig Richtige gewesen, dann stände ich jetzt nicht als Bettler da!

Maria Wassiljewna streng. Jean!

Teljegin heftig bewegt. Wanja, mein lieber, guter Freund … nicht doch, nicht doch … Ich zittre am ganzen Leibe … Warum das gute Einvernehmen zerstören? Küßt ihn. Laß gut sein!

Wojnizki. Fünfundzwanzig Jahre lang hab' ich mit meiner Mutter zusammen wie ein Maulwurf in diesen vier Wänden gesessen … Alle unsere Gedanken und Gefühle gehörten dir allein. Am Tage sprachen wir von dir und deinen Arbeiten, wir waren stolz auf dich, nannten deinen Namen mit Andacht; die Nächte schlugen wir damit tot, daß wir Journale und Bücher lasen, in denen von dir die Rede war …

Teljegin. So laß doch gut sein, Wanja, laß doch gut sein … Ich kann's nicht hören …

Serebrjakow aufgebracht. Ich begreif' gar nicht, was du willst …

Wojnizki. Du warst für uns ein Wesen höherer Art, wir konnten deine Aufsätze auswendig hersagen … Jetzt aber sind mir die Augen aufgegangen! Ich bin sehend geworden! Du schreibst über Kunst – und hast keine Ahnung von der Kunst! Alle deine Arbeiten, die ich früher so schätzte, sind nicht einen kupfernen Groschen wert! Du hast uns Sand in die Augen gestreut!

Serebrjakow. Herrschaften! Stopfen Sie ihm endlich den Mund … sonst geh' ich! Will gehen.

Helena Andrejewna. Iwan Petrowitsch, ich verlange, daß Sie schweigen! Hören Sie?

Wojnizki. Ich werde nicht schweigen! Vertritt Serebrjakow den Weg. Wart', mein Lieber, ich bin noch nicht fertig! Du hast mein Leben zugrunde gerichtet! Ich habe nicht gelebt, nicht gelebt! Dir danke ich's, daß ich die besten Jahre meines Lebens zerstört und verloren habe! Du bist mein schlimmster Feind!

Teljegin. Ich kann nicht … ich kann nicht … Ich geh' … Ab in heftiger Erregung.

Serebrjakow. Was willst du von mir? Wer gibt dir das Recht, mit mir in solchem Tone zu reden? Das ist ja abscheulich! Wenn das Gut dir gehört, dann nimm's doch, ich bedarf seiner nicht!

Helena Andrejewna. Ich will diese Hölle sofort, noch in dieser Minute verlassen! Schreit. Ich kann's nicht länger ertragen!

Wojnizki. Ein verlorenes Leben! Ich besaß Talent, ich war klug, unternehmend. Unter normalen Verhältnissen wär' ich vielleicht ein Schopenhauer, ein Dostojewski geworden … So bin ich versimpelt, ganz und gar! Mütterchen, ich bin ganz verzweifelt, ich verlier' den Verstand! Mütterchen!

Maria Wassiljewna. Höre auf Alexander!

Sonja kniet vor Marina hin und schmiegt sich an sie an. Altchen! Altchen!

Wojnizki. Mütterchen! Was soll ich tun? Nein laßt, laßt … sprecht nicht! Ich weiß selber, was ich zu tun habe! Zu Serebrjakow. Du sollst an mich denken! Ab durch die Mitte. Maria Wassiljewna folgt ihm.

Serebrjakow. Herrschaften, was soll das alles bedeuten?! Retten Sie mich vor diesem Verrückten! Ich kann nicht mit ihm unter einem Dache leben! Der Mensch wohnt hier fast Wand an Wand neben mir! … Mag er ins Dorf übersiedeln, oder in den Seitenflügel - meinetwegen will ich mich auch ausquartieren, aber in einem Hause kann ich mit ihm nicht länger bleiben …

Helena Andrejewna. Wir reisen noch heut' von hier ab. Wir wollen sofort unsere Sachen packen!

Serebrjakow. Ein ganz abscheulicher Mensch!

Sonja kniet immer noch; nervös, mit Tränen im Auge, zu ihrem Vater. Man muß Mitleid haben, Papa! Wir sind beide so unglücklich, ich und Onkel Wanja. Hält ihre Bewegung gewaltsam zurück. Man muß Mitleid haben! Denk' doch an frühere Tage zurück … wie oft haben Onkel Wanja und die Großmutter ganze Nächte hindurch für dich Bücher übersetzt und deine Manuskripte abgeschrieben ... ganze, ganze Nächte lang! Und wir beide, ich und Onkel Wanja, wir haben gearbeitet, ohne uns Ruhe zu gönnen, wir haben uns gefürchtet, auch nur eine Kopeke für unsere Person auszugeben, alles haben wir dir geschickt … Wir haben unser Brot nicht umsonst gegessen! Ich würde nie davon gesprochen haben, nie – aber du mußt gegen uns gerecht sein, Papa. Du mußt uns begreifen und – Mitleid haben …

Helena Andrejewna bewegt. Alexander, um Gottes Willen, sprich dich mit ihm aus! … Ich bitte dich darum!

Serebrjakow. Schön, ich will mich mit ihm aussprechen … Ich werfe ihm durchaus nichts vor, ich bin nicht böse auf ihn … aber ihr müßt zugeben, daß sein Betragen zum mindesten recht sonderbar war. Laßt mal, ich will zu ihm gehen … Ab durch die Mitte.

Helena Andrejewna. Sei so mild wie möglich gegen ihn, beruhige ihn … Ab hinter ihm.

Sonja lehnt sich an Marina an. Altchen, liebes Altchen.

Marina. Laß gut sein, Kindchen! Die Gänseriche werden ein Weilchen schnattern, und dann wieder aufhören … Werden schnattern und aufhören …

Sonja. Altchen!

Marina streichelt Sonjas Kopf. Du zitterst ja wie im Fieber! nun, nun … Gott ist gnädig. meine kleine Waise. Etwas Lindenblütentee oder Himbeersaft … und es wird vorübergehen … Gräm' dich nicht, Schätzchen … Ärgerlich nach der Mitteltür hin. Wie sie wütend geworden sind, die Gänseriche … daß ihr den Pips kriegt … Ein Schuß hinter der Szene; man hört Helena Andrejewna aufschreien; Sonja fährt zusammen.

Marina. Hört doch nur … daß euch …!

Serebrjakow stürzt, wankend vor Schrecken, auf die Bühne; hinter ihm in der Türe Helena Andrejewna und Wojnizki, miteinander ringend.

Serebrjakow. Haltet ihn fest! Haltet ihn! Er ist verrückt geworden!

Helena Andrejewna in der Tür, sucht Wojnizki einen Revolver zu entreißen. Her damit! Geben Sie her, sag' ich Ihnen!

Wojnizki. Lassen Sie los, Helena! Lassen Sie mich los! Macht sich von ihr los und sucht Serebrjakow mit den Augen. Wo steckt der Kerl? Ha, da ist er! Schießt auf Serebrjakow. Bauz! Pause. Nicht getroffen? Wieder daneben?! Zornig. Das soll der T … T … Teufel holen! Schleudert den Revolver auf den Boden und sinkt kraftlos in einen Stuhl. Serebrjakow ist wie betäubt; Helena Andrejewna lehnt sich an die Wand, ihr ist übel.

Helena Andrejewna. Bringt mich fort von hier, oder … schlagt mich tot … nur hier bleiben kann ich … kann ich nicht länger!

Wojnizki verzweifelt. O, was hab' ich getan, was hab' ich getan!

Sonja leise. Altchen! Altchen!

Vorhang.

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