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Onkel Peppi und andere Geschichten

Ludwig Thoma: Onkel Peppi und andere Geschichten - Kapitel 17
Quellenangabe
authorLudwig Thoma
typenarrative
titleOnkel Peppi und andere Geschichten
publisherPaul List Verlag
year1967
senderhille@abc.de
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Der Heiratsvermittler

Johann Feichtl lehnte an einem Baume und schaute zu, wie seine Herde sich gütlich tat. Die Kühe blieben ruhig auf ihrem Platze und fraßen gewissenhaft links und rechts ab, was sie erreichen konnten; sie bewegten sich nur, wenn die Arbeit getan war, und traten dann ruhig einen halben Schritt vor, um von neuem anzufangen. Mit den Schweinen war das anders. Die fuhren hin und her, rissen hier und dort etwas vom Boden weg, blieben nirgends stehen, und wenn eines sah, daß das andere einen Fund machte, stürzte es grunzend hin und suchte es zu vertreiben. Sie waren beständig in Unruhe, voll Neid, und nicht einmal während des Fressens konnten sie es unterlassen, giftig herumzuschauen, ob es nicht einem anderen besser ginge.

Johann Feichtl bemerkte das alles wohl, und weil er ein Philosoph war, machte er sich seine Gedanken darüber. Er fand, daß die Schweine sehr ihren Brotgebern, den Gemeindebürgern von Kraglfing, glichen und daß es nur recht wenige gäbe, die es so machten wie die Kühe. Er kam zu dem Schlusse, wie auch andere Gelehrte schon lange vor ihm, daß die Menschen, geradeso wie die Tiere, selten mit dem zufrieden sind, was sie haben, und daß sie den Brocken für den besten halten, welchen sie einem andern wegschnappen.

Warum das so ist? Es wird wohl so sein müssen. Übrigens beschäftigte er sich nicht lange damit, auf die Gründe einzugehen. Er liebte das nicht und begnügte sich nach Art der Philosophen mit der einfachen Tatsache. Dann legte er sich der Länge nach ins Gras, ließ sich von der Sonne anscheinen und dachte an gar nichts mehr.

Er zog Grashalme aus und strich sie langsam durch den Mund; dann versuchte er mit den Zehen Grasbüschel auszureißen und sie über den Kopf zu werfen, und er war eben daran, eine große Fertigkeit hierin zu erlangen, als er durch einen Bauernburschen gestört wurde, den der Weg vorbeiführte. "'ß Good, FeichtI!"

"'ß Good, Nazi! Wo aus und wo an?"

"Ein bissel zum Wirt nüberschau'n nach Zeidlfing."

"Zum Zeidlfinger Wirt am hellichten Werktag? Zu was hast nachher das Feiertagsg'wand ang'Iegt?"

"Ja – hm! Du paß auf, Feichtl, i muaß dir was sag'n. Magst a Ziehgarn?"

"Oane net, aber zwoa."

"No, da hast drei. Nachher bist aber g'wiß z'frieden."

Was nur der Hofbauern-Nazi von mir haben will, denkt der Feichtl, daß er gar so freigebig ist. Den Fehler hat das Hofbauerngeschlecht sonst nicht. Er läßt sich aber seine Gedanken nicht ankennen und verlangt ein Schnellfeuer.

"A schön's Wetta ham ma, Nazi."

"Is net übel."

"Wenn da vöder Wind herhalt, ham ma no lang schö."

"Ja", sagt der Nazi. "Du, Feichtl, wiaviel moanst, daß an Moserbauern sei Cenz mitkriagt?"

"Aha!" denkt der Feichtl, "Jetzt hör i di gehn."

Und alsdann sagt er: "Ja mei, wer ko dös wissen? Ma ka dö Leut net in Geldbeutel neischaug'n."

"Geh, stell di net a so, du Feinspinner, du woaßt as recht guat. Wenns d' ma's g'nau sagst, geht's mir auf an Preußentaler net z'samm."

"So, auf an Taler? San drei Mark, gelt, Nazi? Is a schön's Geld. Zu was willst es denn so g'nau wissen?"

"Ja woaßt, da Vata will übergeben nach der Arndt (Ernte), und i soll an Hof kriag'n. Die Alt'n verlanga dreitausad March Umstandsgeld, und d' Hirwa (Herberge) herrichten kost aa tausad March, und nacha an Bruada wegzahln, sand aa viertausad March. No, da hab i z'nachst mit'n Moserbauern g'spracht; der sagt, er gibt seiner Cenzl achttausad zwoahundert March mit. Moanst, daß dös wahr ist?"

"Wo hast denn dein Preußentaler?"

"I bleib dir'n net schuldi. Da hast'n."

"Gelt's Gott", sagt der Feichtl und schiebt den Taler ein. "So, Nazi, jetzt will i dir's g'nau sagen: Der Moserbauer hat di net ang'Iogen. I woaß g'wiß, daß d' Cenzl siebentausad March Muatterguat hat, und dös andre laßt der Vater springa."

"Nachher is recht", meint der Nazi, "aft geh i glei num dazua."

"Halt a wengl, jetzt muaß dar i was sagn. I woaß dir a Hochzeiterin mit neutausad."

"Wo?" sagt der Nazi.

"Dös kimmt z'letzt. Z'erscht muag i wissen, ob's d'magst."

"Ja, wia wer denn i net mög'n?"

"Ma woaß oft net; sie is a bißl schiafecket g'wachsen."

"San viel G'schwister da?"

"Na, aber a ledig's Kind hat s'."

"Wer'n dö neutausad March bar auszahlt?"

"Ja, dö kriagst auf d'Hand."

"Aft gilt's scho. Schlag ein, Feichtl!"

"Nur a bißl warten, Nazi. Jetzt kimmt d'Hauptsach. Was kriag denn i?"

"Jaso! No, dös sehg'n ma nacha scho, i laß mi net anschaug'n."

"Naa, naa, mei Liaba, so geht der Handel net. I muaß mei G'wiß ham."

"No, wia viel verlangst denn?"

"Zwoahundert March."

"Ah, dös is dennerscht z'viel! Hundertachzgi mag i, aba mehra net."

Nach langem Handeln einigen sich die Zwei. Feichtl bekommt hundertneunzig Mark Schmuserlohn und muß zum Hochzeitessen eingeladen werden.

"Is ma net Angst um dö zehn March", kalkuliert Johann Feichtl, "i moa alleweil, i nimm mei Bettziachn (Bettuch) als B'schoadtüchel mit. – No, Nazi", fährt er laut fort, "jetzt will i dir sagn, wie sie hoaßt. Apollonia Reischl, dem Göbelbauern von Zusering sei Tochter. Wenn's dir recht is, nachher kummst am Sunntag nach HugIfing zum Unterwirt, da mach ma nacha d' Hozet aus."

"ls guat, i kimm. Aba Feichtl, dös sag i dir: neutausad Mark wann s' net hat, na reiß i di in da Mitt' ausanand. Pfüat di Good."

"Pfüat di Good, Nazi!"

Der Bauernbursche entfernte sich langsam nach Kraglfing zu. Er warf keinen Blick zurück auf das Dorf, wo die Moserbauern Cenzl wohnte, die beinahe seine Frau geworden wäre.

Johann Feichtl schaute nun wieder nach seiner Herde. Die Kühe hatten sich niedergelegt und sahen recht nachdenklich darein, während sie behaglich kauten. Sie glichen Leuten, welche sich recht sattgegessen haben und sich die Freuden des Mahles in die Erinnerung rufen. Die Schweine aber liefen noch immer hungrig und neidisch herum; sie hatten entschieden kein Verständnis für den Genuß, welchen die Verdauung gewährt.

Inzwischen war es Abend geworden. Die Bäume warfen lange Schatten, und die Fenster des KragIfinger Kirchturms leuchteten, als brenne es inwendig. Da nahm Feichtl sein Horn und blies fest hinein. Die Kühe erhoben sich langsam, aber ohne Widerstreben. Man sah es ihnen an, daß sie das Verlangen des Hüters billigten und den Zeitpunkt als richtig gewählt betrachteten. Die Schweine brauchten manchen Peitschenhieb und trotteten höchst mißvergnügt auf dem Feldwege dahin.

Hinter der Herde ging Feichtl und überlegte sich, was er mit den hundertneunzig Mark anfangen sollte. Wenn ihm noch ein Schmus gelänge, könnte er sich wohl eine Kuh kaufen. Wer weiß? Das Jahr ließ sich gut an. Dann fiel ihm ein, was der Herr Pfarrer neulich gesagt hatte. "Die Ehen werden im Himmel geschlossen", und er dachte an Nazi.

Ich sagte es ja schon. Johann Feichtl war ein Philosoph.

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