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Onkel Peppi und andere Geschichten

Ludwig Thoma: Onkel Peppi und andere Geschichten - Kapitel 12
Quellenangabe
authorLudwig Thoma
typenarrative
titleOnkel Peppi und andere Geschichten
publisherPaul List Verlag
year1967
senderhille@abc.de
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Die Eigentumsfanatiker

KragIfing liegt zwischen Huglfing und Zeidlhaching. Wenn in Berlin oder in Wien ein großes Ereignis geschieht, so erfährt es der Gouverneur in Sidney um zwei Tage früher als der Bürgermeister in Kraglfing, obwohl es diesen geradeso interessiert, denn er ist ein scharfer Politiker. Das macht: Kraglfing liegt fünfthalbe Stunde entfernt von der nächsten Poststation, und wenn es recht stürmt oder der Botenseppl den Reißmathias kriegt, dann ist der diplomatische Verkehr aus und gar. So weit ab von der Welt liegt das Dörfel, daß die Schulkinder irn nächsten Bezirksamt alle miteinander wissen, wo Hongkong oder Peking liegt, aber keines weiß, wo etwan Kraglfing auf der Landkarte zu finden ist. Wenn nicht der Geschäftsreisende alle halb Jahr einmal den Kramerlenz aufsuchen tät, dann käm wohl nie ein fremdes Gesicht in das Dorf. Denn als Luftkurort ist es noch nicht entdeckt, und ein Bad ist es vorläufig auch noch nicht.

Da ist es schon eine rechte Freud und eine schöne Abwechslung in der abgeschiedenen Gegend, wenn eine Gerichtskommission herauskommt. Man kann sagen, was man will: eine Predigt ist und bleibt eine Predigt. Und je schärfer sie ist, desto schöner ist sie; es läßt sich hernach beim Unterwirt ein vernünftiger Disputat darüber führen, besonders wenn einer den Pfarrer so gut nachahmen kann wie der Schlaunzentoni.

...Aber ein Prozeß! Das ist schon noch viel etwas Schöneres! Wenn so ein Advokat recht habisch ist und ein gutes Maulwerk hat, wenn er keinem Recht läßt, nicht einmal Gnaden dem Herrn Landrichter, und das Hinterste vorn und das Vorderste hint daherbringt, alle Wörter so schön setzt und lateinisch red't, daß man meint, es geht hellicht nicht anders, er muß recht kriegen, das ist schon feiner als wie ein Theater.

Und dann kommt der andere! Jetzt ist die ganze Geschicht verdreht, jetzt schaut es sich wieder anders an; alles ist nichts, was der andere gesagt hat, und hat er zwei lateinische Sprüchel aufsagen können, weiß der gleich drei und grad spöttisch macht er sich über den andern, daß man's mit den Händen greifen kann, wie er unrecht gehabt hat – bis der andere wieder selber an die Reihe kommt und sein Gesangl anfangt. So geht es hinum und herum, bis dem armen Bauernmenschen das Trumm aus und der Prozeß im Kopf herumgeht, wie ein Karussell, daß er nicht mehr weiß, hott oder wißt, gewinnt er jetzt oder verspielt er.

Darum also, wie gesagt, es geht nichts über einen Prozeß; und wenn es nicht gottlob sowieso alle Winter in Kraglfing einen gäben tät, müßt der Unterwirt für seine Gäst ein übriges tun und einen anfangen. Für heuer ist schon gesorgt, denn der Ranftlmoser hat den Scheiblhuber eingeklagt. Der Ranftlmoser hat auf dem Guggenbichl einen Acker; gleich daneben hat der Scheiblhuber einen. Zwischen den zwei Äckern ist ein Rain, daß jeder beim Umpflügen wenden kann. Der Rain ist alle Jahre kleiner worden; einmal pflügt der Ranftlmoser ein kleines Zipfel weg, das andere Mal der Scheiblhuber, so daß ein rechtschaffener Bauerntrittling schier keinen Platz mehr gehabt hat.

Da ist der Ranftlmoser hergegangen, hat in den Rain einen Pflock eingeschlagen und einen Ausspruch getan, daß der Scheiblhuber um keinen Zoll weiter mehr gegen ihn pflügen darf. Der Scheiblhuber meint, so mir nichts dir nichts laßt er sich kein "March" (Feldmarke) hinsetzen, reißt den Pflock heraus und pflügt justament mit Fleiß gleich wieder ein paar Zoll von dem Rain weg.

Jetzt geht es natürlich nicht mehr anders, jetzt muß advokatisch geklagt werden. Und wer das nicht glaubt, der soll nur nach Kraglfing gehen und bei den Bauern anfragen, ob nur ein einziger da ist, der es anders sagt. Also steht der Ranftlmoser an einem schönen Frühlingstag in der Früh um vier Uhr auf, legt das schöne Gewand an und marschiert mit seinen nagelneuen Glanzstiefeln in den taufrischen Morgen hinaus.

Die Sternlein stehen noch am Himmel, und der Mond schaut silbern über den Zeidlhachinger Forst herüber; die Vogerl aber, welche schon das Singen anheben, und ein feiner, roter Streifen im Osten deuten den nahen Morgen an. Der Ranftlmoser freilich sieht und hört von dem nichts, er ist in Gedanken versunken und knarzt mit seinen neuen Stiefeln tapfer fürbaß. Bloß am Guggenbichl steht er eine kleine Weile still und lacht so recht pfiffig. "Wart Lump, dir reib ich's ein."

Indem stoßt er auf einen mentisch großen Stein, und weil die Bründelwiesen vom Scheiblhuber gerade so schön bei der Hand liegt, schmeißt er ihn hinein. Dann geht er wieder weiter, einen Schritt vor den andern, stundenlang. Die Sonne ist schon heroben und steigt alleweil höher und höher. Bald links, bald rechts taucht ein Kirchturm auf, und der Morgenwind tragt die Glockentöne herüber, die zur Frühmesse einladen. Der Ranftlmoser achtet es nicht. In den Wiesen stehen die Bauernleut und rufen den Landsmann an. Der Ranftlmoser hat keine Zeit zum Antwortgeben. Nicht einmal zum Einkehren, wenn ihn auch der Oberwirt in Zeidlfing noch so schön einladet. Hilft nichts; unterwegs ißt er im Gehen das Stückel Brot was ihm die Bäuerin mitgegeben hat; und so steht er richtig Schlag elf Uhr an der Kanzleitür beim Herrn Advokaten.

"Ah, der Ranftlmoser! Freut mich, wieder einmal das Vergnügen zu haben! Was führt Sie so weit her?"

Und jetzt erzählt er sein Leid dem Herrn, der ihm freundlich zuhört. Was der Scheiblhuber überhaupts für ein schlechter Kerl ist, der niemals kein Ruh nicht gibt, und wie er es ihm schon so oft gemacht hat, wie er in seinen Grund hineinpflügt und wie er zu guter Letzt das March herausgerissen hat. Muß er sich das gefallen lassen? Und gibt es kein Recht gar nicht mehr? Das muß er wissen, da hat er einen festen Bestand darauf, und wenn es noch so viel kosten tät.

Der Advokat schüttelt bedächtig den Kopf und meint, es sei so eine Sache. Jedenfalls kommt es auf den Augenschein an – aber umsonst fahrt man nicht nach Kraglfing hinaus, so schön es auch dort ist. Zunächst gehört einmal ein Vorschuß her, so einhundert Mark, bis die Maschin im Gehen ist.

Hundert Mark? Die zahlt der Ranftlmoser gern. Er zieht aus irgendeiner Gegend seiner ledernen Umhüllung ein rotes Schneuztüchel und breitet es auf den Schreibtisch hin. Dann knöpfelt er bedächtig die Zipfel auf und zieht das untere Ende eines blauwollenen Strumpfes herfür. Vierunddreißig harte Taler zählt er auf, einen nach dem andern, und keiner reut ihn; die zwei Mark, welche er herauskriegt steckt er in die Giletleiblwestentasche.

"Ranftlmoser", sagt der Advokat, und klopft ihm auf die Schulter, "Ranftlmoser, jetzt hat's was. Das gibt eine Klage auf Besitzstörung, wegen turbatione possessionis, wenn wir's nicht gleich gar mit dem interdictum unde vi anpacken."

Da zieht's dem Ranftlmoser das Maul auseinander, daß ihm beinahe die Ohrwaschel hineinfallen vor lauter Vergnügen. "Ist nicht leicht scharf genug", meint er, "Herr Advikat, ist nicht leicht scharf genug für den Scheiblhuber. Reiben Sie's ihm nur recht lateinisch hin! Und jetzt adjes, Herr Dokta!"

Damit geht er, und eine solche Freude herrscht in seinem Herzen, daß die Leute auf der Straße es ihm über das Gesicht ansehen und ihm nachblicken. Das ist einmal ein fideler Bauer! Der hat gewiß ein gutes Geschäft gemacht! Beim Pschorrbräu überlegt sich's der RanftImoser, ob er nicht hineingehen und sich eine Maß kaufen soll. Aber – sparen muß der Mensch, denkt er, und geht daran vorbei. Er holt sich in einem Schweinmetzgerladen einen halben Kranz geselchte Würscht und geht wieder fürbaß auf Kraglfing zu. Unterwegs säbelt er die Geräucherten zusammen und hält verständige Zwiesprach mit sich selbst: wie er vor das Gericht hinstehen wird, wie er den Scheiblhuber ärgern wird.

Auf den Abend um acht Uhr ist er wieder daheim, und wenn sich die Kraglfinger auf eine Physiognomie verstehen, dann haben sie merken können, daß es beim RanftImoser was hat. "Bäuerin", sagt der noch, als er steinmüd im Bett liegt, "Bäuerin, dem Scheiblhuber hab' ich was ins Wachsel gedruckt. Ich werd mir's übersinnen, ob ich die Geschicht am End gar noch kriminalisch mach'."

Die mehreren Sachen haben zwei Seiten, und hinter sich schaut es oft anders aus als vorn. Umgekehrt ist auch gefahren, und zum Raufen gehören allemal zwei, einer, der hinhaut, und einer, der herhaut. Beim Prozessieren ist es geradeso, und darum wollen wir schauen, was etwa der Scheiblhuber zu der freundlichen Überraschung sagt. Er sitzt auf der Bank vor dem Haus, raucht ein Pfeifel und sinniert. Es fallt ihm ein, wie er den Bräumeister von Dachau voriges Jahr mit der Gersten geschlenkt (angeführt) hat, und den Veitel in Aichach mit der Kuh, die gleich drei gesetzliche Fehler gehabt hat und alle sind zu spät entdeckt worden. Da erhellt ein wohlwollendes Lächeln seine harten Züge, wie die Romanschreiber sagen, und heitere Zufriedenheit glänzt in seinen Augen.

Es ist ein recht friedsames Bild. Er schaut an dem Birnbaum hinauf und gibt acht, was der Starl für Spitzbubereien macht wie er so schlau von dem Astl herunterschaut und dann einen recht lauten Pfiff tut, gerade als wollt er den Scheiblhuber erschrecken oder die Katz, die allweil zu ihm hinaufblinzelt. Indem biegt gerade der Briefbot beim Schmied um die Ecke herum; er wird schon wieder ein Schreiben an den Bürgermeister haben, eine amtliche Zustellung, denn die Privatbriefe besorgt der Botenseppl und tragt gewiß nicht schwer daran.

So ein Bürgermeister ist doch ein geplagter Mensch, denkt der Scheiblhuber; alle Augenblick wird er gefragt, wie und wo, und muß Red und Antwort stehen für andere Leut. Und wenn der hinterste Gütler oder Häusler mit Fleiß die Wappelmarken nicht aufpappt, blasen sie im Bezirksamt drin dem Bürgermeister einen Landler auf. Möcht keiner sein, der Scheiblhuber.

Aber was ist denn das? Der Briefbot reibt sich ja auf seinen Hof zu; wüßt nicht, warum.

"Grüß Gott Bauer! Ich hab' eine Zustellung für dich."

"War nit z'wider! Wirst doch schon irrig sein, Langlmaier, und den Bürgermeister meinen."

Der Briefbot Langlmaier war aber nicht irrig; es ist kein anderer gemeint gewesen als der Scheiblhuber, der sich jetzt von der Bäuerin die Brillen bringen läßt und das Schreiben bedächtig öffnet.

"Klage des Advokaten Bierdimpfl namens Korbinian Ranftlmoser, Bauer in Kraglfing, gegen Kastulus Scheiblhuber, Bauer daselbst, wegen Besitzstörung." – –

Himmel Laudon – – !

RanftImoser, wenn du jetzt über den Zaun schauen könntest, was müßtest du für eine Freud haben! Krebsrot ist der Scheiblhuber vor Zorn, und nach jedem Satz, den er aus der Schrift zusammenbuchstabiert, tut er einen abscheulichen Ausspruch. So ist's recht. jetzt weiß er, warum er das March herausgerissen hat; jetzt sieht er, daß der Scheiblhuber nicht bloß Kegel scheiben darf, und der Ranftlmoser müßt aufsetzen.

Endlich ist er am Schluß des Lesschreibens angelangt, wo es heißt: "Der Beklagte soll sämtliche Kosten des Rechtsstreites tragen." Ja, halt auf ein bissel! So schnell geht das nicht beim Kastulus Scheiblhuber, Büchlbauer von KragIfing!

Es gibt noch ein Gesetz im Land und Advokaten genug; eine Verhandlung muß her und ein Augenschein, und auf den Schwur muß der Ranftlmoser hingetrieben werden.

Richtig; am andern Morgen knarzen wieder ein Paar Glanzstiefel auf dem lehmigen Feldweg. Diesmal ist es der Scheiblhuber, der fuchsteufelswild mit dem Gehsteckerl links und rechts in die Grashalme hineinhaut und dabei eine Red' einstudiert für den Advokaten in München. Und um dieselbe Zeit, wann die Sonne am höchsten über Kraglfing steht, legt in der Stadt drin der Kanzleischreiber einen blauen Aktendeckel vor sich hin, schreibt fein säuberlich darauf: Ranftlmoser contra Scheiblhuber, und wickelt einen langen Spagat darum. Er denkt wohl nicht daran, was er da alles eingebunden hat; wie viel Zorn, Verdruß und Kummer, wie viel sauer erspartes Geld! Und der Scheiblhuber denkt auf dein Heimwege gewiß auch daran zu allerletzt; jetzt ist es schon, wie es ist, und muß halt weitergehen. Und es geht auch weiter.

Während die zwei Kraglfinger draußen in der Glühhitz arbeiten den ganzen Sommer lang und froh sind um jedes Büschel Heu und Stroh, das sie gut heimbringen, werden in der Stadt so viele Bogen Papier verschrieben in Sachen Ranftlmoser contra Scheiblhuber, daß man damit den ganzen Guggenbichlacker zudecken könnt.

Die Akten werden von selber alleweil dicker, und wie im Herbst die Felder leergestanden sind, ist eine Gerichtskommission hinausgekommen. Die Leute von Huglfing, Kraglfing und Zeidlhaching haben sich eingefunden wie bei einem Wettrennen oder einer andern Lustbarkeit. Jeder ist glücklich gewesen, der als Zeuge vernommen ist, denn nichts hat ein Bauer lieber, als wenn das aufgeschrieben wird, was er sagt. Die Herren setzen es so schön hochdeutsch, daß es sich justament ausnimmt wie etwas Gedrucktes und ganz Gescheites. Außerdem hat man Gelegenheit, die Herren vom Gericht und die Advokaten recht genau zu beobachten, was sie sagen, und was sie dabei für eine Mien' aufsetzen. Zu guter Letzt leidet das Zeugengeld eine Maß beim Unterwirt, wo man jetzt beinahe jeden Tag zusammenkommt und seine Meinung abgibt.

Am Tage Kordula, dem 22. Oktober, ist dann das Urteil herausgekommen. Die Ranftlmoserin hat keine Freude gehabt über das Namenstagsgeschenk. Es hat in dem Schreiben freilich geheißen, daß der Scheiblhuber den alten Zustand herstellen muß, aber der RanftImoser auch; und weil jeder ein Teil Unrecht gehabt hat, muß jeder die Hälfte von den Kosten tragen. Aber trotzdem war sie froh, daß die Geschichte endlich vorüber war; vielleicht würden die Mannerleut' doch wieder gut miteinander; es ist ihr arg genug gewesen, daß sie so lang mit der Scheiblhuberin keinen Diskurs mehr hat führen dürfen. Und es ist auch nach und nach so gekommen; weil keiner den Prozeß ganz und gar verloren hat, hat jeder glauben können, daß er doch in der Hauptsach der Gewinner war; es laßt sich aus jeder Sach etwas Gutes herausfinden. Und zuletzt darf man nicht vergessen, daß die Reputation von jedem durch den Prozeß gewonnen hat.

Ein halbes Jahr hat er gedauert, die Advokaten haben schön geredet, und lateinisch ist schier mehr gespracht worden wie deutsch. Also, Ranftlmoser, was willst noch mehr? Die Fretter im Dorf möchten auch diesmal eine Gaudi haben; jetzt haben sie noch einmal soviel Respekt vor den Zwei.

Bloß der Häusler Felberhofer hat einmal den Scheiblhuber im Wirtshaus spöttisch gefragt, was denn der ganze Guggenbichlacker kostet, wenn drei Händ voll davon schon dreihundert Mark wert sind.

Der Habenichts! Das Tröpfel, das armselige!

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